Isolation. Ein Konzept, das ich kenne

Im Moment kommen wieder Medienanfragen, vor allem zu meinem Erleben des „physical distancing“ und wie ich es als Mensch mit Depression und Angststörung erlebe.

Zunächst mal, nicht repräsentativ. Genau wie jede Depression an sich anders ist und man vorsichtig mit Vergleichen von Depressionserkrankungen sein sollte, so gilt dies auch für den Umgang mit der Isolation.

Ich finde die Unterschiede zu meinem sonstigen Alltag zum Beispiel nur marginal. Das hängt auch damit zusammen, dass ich über Jahre, ach eigentlich Jahrzehnte immer eine gewisse Distanz zwischen mir und der sogenannten realen Welt empfunden habe.

Was die Mehrheit für Normalität hielt und hält, das erweckt in mir oft eher ein ungläubiges Kopfschütteln denn das Gefühl von Zugehörigkeit. Natürlich versucht man lange Zeit, davon eine beträchtliche Zeit wieder besseren Wissens, sich anzupassen, reinzupassen, zu passen.

Als dann aber meine Depression schliesslich als offene Wunde für alle sichtbar war, war es für mich endlich klar, dass nicht meine Depression für viel meiner Schwierigkeiten verantwortlich, sondern das Gefühl des anders seins, des ausgeschlossen seins. Das amüsante am Ganzen: Sobald ich meine Andersartigkeit erklären, definieren, offen ansprechen konnte, verschwand das Bedürfnis nach Anpassung. Ich bin so, wer damit ein Problem hat, darf es behalten

Insofern, nein, mir fehlt der Kontakt zu anderen Menschen nicht wirklich. Ich habe meine Familie um mich, es gibt Internet und Videochat und in den meisten Fällen ist das für mich völlig ausreichend. Da draußen laufen viel zu viele Ignoranten, Verschwörungstheoretiker, alles besser Wisser rum. Die brauch ich nicht, die haben mir in der Vergangenheit eher Schwierigkeiten eingebracht.

Was ich allerdings vermisse sind die Gespräche mit Betroffenen, mit Menschen, die so denken, so ticken, so mit Depressionen leben wie ich. Aber auch hier kann ich über meine Social Media Kanäle in Kontakt bleiben.

Für mich bedeutet es mehr Belastung, mich mit ignoranten Idioten konfrontiert zu sehen, die glauben, sie alleine hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen. Mal über einen längeren Zeitraum meine Ruhe vor ihnen zu haben, empfinde ich ehrlich gesagt als ganz angenehm.

Ist so ein ähnlich befreiendes Gefühl, wie eingeschneit zu sein. Man weiß, selbst wenn sie es wollen, die Menschen müssen dich zwangsweise in Ruhe lassen.

Die Mehrheit ist die Mehrheit. Weiter nichts. Weder automatisch im Recht noch im Unrecht. Eine anonyme Masse, die oft eher in einer wirren Neigung dem Herdentrieb folgt und dessen Apolegeten der Verschwörungsfantasien.

Danke, mir geht es gut. Wenn es mal dunkel wird, dann reichen mir meine virtuellen Kontakte, um  mich zu stabilisieren.

Und ja, wir haben nach wie vor genug Toilettenpapier. Bitte, danke und ansonsten gilt: Erstaunlich, wie viele vermeintliche Bundestrainer jetzt plötzlich auch zu Epidemologen und Virologen geworden sind. Und ich soll mich isoliert von solchen Menschen schlecht fühlen? Ganz ehrlich…. Nope.

Und um noch einen ganz anderen Gedanken einzupflegen, wie es mein Umfeld von mir kennt.

Ich höre gerade wieder Billie Eilish und fühle mich erkannt, verstanden und besungen wie selten zuvor. Meine Empfehlung und einen Gruß aus meiner Isolation die für mich gar keine ist.

Corona und Depressionen. Eine persönliche Sicht

Ich hab Depressionen, aber kein Corona. Das an sich ist jetzt weder eine Leistung, noch etwas weltbewegendes. Viele, die von Depressionen betroffen sind, zeigen sich jetzt plötzlich auf Facebook oder Instagram und berichten von ihrer ganz persönlichen Erfahrung mit der Quarantäne. Denn gerade mit einer psychischen Symptomatik kann Isolation und das Fehlen von Alltagsstruktur zur Belastung werden.

Und was ich nicht erwartet habe, es scheint ein gewisses Maß an erweitertem Verständnis für Menschen mit psychischen Erkrankungen zu entstehen. Denn die Quarantäne belastet alle. Freiheiten sind (zu Recht mit Blick auf die Risikogruppen) eingeschränkt. Viele sind jetzt auf sich zurückgeworfen, die früher mit sich eher nicht alleine sein konnten oder wollten und deshalb permanent beschäftigt waren.

Wie alle Krisen bietet auch die Corona Krise eine Chance. Eine Chance zur Reflektion über unsere Werte, unseren bisherigen Lebensstil. Plötzlich geht alles nicht mehr so schnell und dennoch geht es weiter. Plötzlich werden neue Strukturen möglich, die früher für undenkbar gehalten wurden. Ich kenne Unternehmen, die vor Corona behauptet haben, bei ihnen wäre Heimarbeit für viele nicht möglich und die jetzt 80% und mehr ihrer Mitarbeiter nach hause geschickt haben und dennoch geschmeidig funktionieren.

Und viele, die lieber Quacksalbern und Scharlatanen geglaubt haben, als fundierter und ja auch selbstkritischer Wissenschaft, wenden sich plötzlich wieder den Experten zu, die Fakten vor Fiktionen, Wissenschaft und Wissen vor Vermutungen und Behauptungen stellen.

Und eine bestimmte Partei, die immer so sehr an das „deutsche Volk als Gemeinschaft“ appellierte, ist plötzlich erstaunlich still, jetzt, wo es nicht mehr aufs Spalten und Misstrauen schüren, sondern auf Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme und Menschlichkeit ankommt.

Ja, ich sitze hier nach wie vor mit Depressionen und einer Angststörung. Aber entgegen dem, was manche erwarten, komme ich mit dem isoliert sein ganz gut zurecht, zumal ich viele Menschen noch nie gebraucht habe, eher die wertvollen, die wichtigen Menschen.

Aber wenn ich die vielen Statements auf den Social Media Kanälen sehe, die Versuche, Kontakt zu halten, da gemeinsam durchzukommen. Die Aufmunterungen, die Kreativität, ja selbst den Humor, dann wünsche ich mir, dass wir uns davon einiges auch nach der Krise erhalten. Denn dann wird für alle, auch für uns Menschen mit psychischen Problemen, die uns übrigens auch zur Risikogruppe machen, der Umgang miteinander leichter und die psychische Erkrankung weit weniger isolierend.

Ich wünsche mir zweierlei. Natürlich, dass die Krise möglichst bald vorüber ist. Aber auch, dass wir uns daran erinnern, wie wir plötzlich zusammengehalten haben (bis auf die Hamsterer, deren Gier nach Toilettenpapier ich bis heute nicht verstehe).

Und eins sollte jetzt auch klar geworden sein. Digitalisierung hat auch ihre guten Seiten. Sie hält Kontakt, macht Einsamkeit erträglicher und ermöglicht auch in der Isolation noch zu arbeiten, zu lernen und damit eine Struktur im Alltag zu erhalten, die gerade für Menschen mit psychischen Erkrankungen so wichtig ist.

Ach, und weiterhin gilt #stayathome #bleibzuhause #flattenthecurve

Zum Schluss eine Bitte. Ja, Applaus, Plakate, ganzseitige Danksagungen in Tageszeitungen für die, die jetzt in der Krise plötzlich wichtig und systemrelevant sind wie Krankenschwestern und Pfleger, Altenpflegerinnen und Pfleger aber auch TruckerInnen, VerkäuferInnen, ÄrztInnen. Das alles ist eine nette Geste, aber bitte, wenn die Krise vorbei ist, wie wäre es dann mal damit, mit ihnen und für sie für bessere Arbeitsbedingungen, mehr Personal und endlich ein Ende des Kaputtsparens der Kliniken und des Gesundheitswesens einzutreten. Denn jetzt können wir sie alle gar nicht genug loben. Aber wenn Corona Geschichte ist, machen sie alle nach wie vor die eigentlich systemrelevante Arbeit und werden dafür schlecht bezahlt und sind schlecht ausgestattet, während andere in Anzug und Krawatte Unsummen damit verdienen, ein paar mittlerweile digitale Geldbeträge  hin und her zu schaufeln. Der Wert einer Arbeit ist eben mehr, als ein Geldbetrag. DAS sollten wir uns endlich wieder vor Augen führen.

Der Schmerz der Erinnerung

Wenn ich einschlafen will, muss die Decke über meinem Ohr liegen. Ich muss ins Zimmer blicken, weil es Erinnerungen gibt, die das verlangen. Weil ich als Kind Albträume hatte und oft nicht schlafen konnte, weil es laut war. Nicht umweltgeräuschelaut, sondern wutundtränenundschreienlaut.

Weil ich irgendwann Angst bekam, vor lauten Tönen.

Ich liebe es, zu baden. Mit den Ohren unter Wasser. Weil der Schall dann dumpfer wird, die Geräusche gedämpfter werden.

Es tat weh in den Ohren und im Herz, wenn wieder durchs Haus geschrien wurde. Es gab nie Gewalt körperlicher Art. Aber das brauchte es nicht, um mich zu ängstigen, aus dem kleinen Jungen ein noch kleineres Etwas zu machen.

Ich habe mich wohl irgendwann mit der Angst angefreundet, mit ihren Lügen von Minderwertigkeit, von falsch sein, von nicht geliebt werden. Ich habe sie geglaubt und manchmal, durch einen Film, eine Geschichte, einen elternähnlichen Menschen, kommen die Erinnerungen wieder hoch. Dann werde ich wieder zwölfjährigtraurig.

Irgendwann, keine Ahnung wann, habe ich wohl für mich beschlossen, der Lärm, der Krach, der Streit wäre meine Schuld. Dann noch mein Vater, krank, ohne Diagnose und fast ohne Hoffnung.

Ich glaube, irgendwann in diesen Jahren ist mein Herz geschrumpft, zerbrochen und die Narben reißen auch heute immer wieder auf, wenn die Erinnerung zu groß, die Traurigkeit zu mächtig werden. Dann sitzt da nicht mehr der mittlerweile über fünfzigjährige Mann, sondern das kleine Häufchen Elend, dass sich nur dann zu weinen erlaubte, wenn es auch ja keiner sieht. Oder das in einem Meer aus Tränen hilflos im Wohnzimmer stand und den Lärm der Vorwürfe nicht mehr ertragen konnte.

Melancholie ist so weit ich denken kann mein Begleiter, die Stimmung, die für mich über Jahrzehnte nicht etwas besonderes, sondern Alltag war.

Angst und Panik, Flucht, ein Muster, das ich irgendwann verinnerlicht habe, um  dem Schmerz zu entkommen. Ich lernte, unsichtbar, folgsam und wo es mir möglich war, auch perfekt zu werden. Und wenn es nur die Perfektion des nicht mehr da seins, nicht mehr störens war. Es hat lange gedauert, bis ich wieder Menschen an mich herangelassen habe. Und dann nur an meine Masken, der schmerzafte, der echte Kern blieb allen verborgen. Bis zu diesem einen Tag. Dem Tag, der mich wieder ohne Schutz, ohne die lärmdämmende Bettdecke, ohne das Wasser in der Wanne als Schalldämpfung zurück geworfen hat in meine dunkelsten Erinnerungen.

Ich habe Gott sei Dank überlebt. Meine Masken habe ich verloren und lebe jetzt echter, als je zuvor. Aber das heißt auch, dass der Schmerz wieder da ist. Dass vieles wieder hervorkriecht und eine tiefe Traurigkeit auslöst. Nicht mehr die Verzweiflung am Leben sondern die Trauer der Gewissheit, dass vieles hätte anders, besser, schöner oder einfach nur leiser sein können.

Ich lebe noch. Oder erst?

Die Idiotie der Bürokratie bei der Therapie

Unsere Tochter ist bei einer Therapeutin. Und es hilft ihr, da sie leicht im Spektrum liegt, zwar hochbegabt aber auch sehr sensibel ist. So weit so gut, die Therapeutin wollte deshalb eine Verlängerung der Therapie beantragen. Stellt sich raus, bei unserer Kasse glaubt man Therapeuten nicht und verlangt für eine weitere Verlängerung einen Gutachter. Dieser Gutachter, der meine Tochter gar nicht persönlich kennt, hat nun wegen angeblich guter Fortschritte abgelehnt. Eine Katastrophe in meinen Augen, da sie gerade erst so weit ist, mit der Schule einigermaßen zurecht zu kommen und noch einiges an Arbeit vor uns läge.

Der völlige Blödsinn aber: Würde sie jetzt nochmal als Notfall eingewiesen, könnte man neue beantragen. Amtsschimmel ich hör dich gackern.

Jetzt überlegen wir, die Kasse zu wechseln, da es wohl mittlerweile viele Kassen gibt, die den Therapeuten etwas mehr vertrauen und diesen bürokratischen Irrsinn eines Gutachters nicht brauchen (und damit sicher auch Geld sparen)

Danke für garnix. Wir werden wohl mal bei der Konkurrenz anklopfen.

Hört auf euer Herz

Eine Erinnerung aus meiner Zeit in den Klinik hat sich  mir  durch meine Therapien  und die Erkenntnis eingeprägt:

Wie viele Masken ich einmal getragen habe.

Wenn du psychisch krank bist, setzt du zwangsläufig Masken auf. Du wirst gefragt, wie es dir geht, antwortest wahrheitsgemäß „Nicht gut“ und erlebst, wie die meisten Menschen dann einfach das Thema wechseln oder das Gespräch abbrechen. Spätestens beim dritten Mal sagst du dann „Gut“ und setzt die erste Maske auf. Dazu kommen dann die „braver Arbeitnehmer“ Maske, die „stets hilfsbereiter Freund“ Maske und und und.

Als ich in der Therapie dann die Aufgabe bekam, versuchsweise alle Masken zu entfernen, blieb nach der letzten Maske nichts mehr von mir selbst übrig.

Ich existierte als eigene Person quasi nicht. Ich hatte die ganzen Jahre die Wünsche und Vorstellungen anderer von mir gelebt.

Selbst mein Studium der CL&KI, die Informatik, meine Leidenschaft fürs Programmieren, alles nicht wirklich echt. Sicher, ich kann Software entwickeln und ich mag den Umgang mit Technologie. Aber mein Herz hat immer schon etwas anderes gewollt. Erst vor kurzem erinnerte ich mich wieder an einen Eignungstest beim Arbeitsamt, damals, kurz nach dem Abitur.

Der Tester meinte nach Sichtung der Ergebnisse, der Test müsse wohl kaputt sein. Bei mir kam extrem deutlich als Ergebnis entweder Kunstmaler oder  Autor.

Beides waren damals Herzenswünsche, aber beides auch Lebenswege, die mir in meiner Angst und unter meinen Masken viel zu gefährlich, viel zu unsicher vorkamen. So tat ich, was meine Eltern sich vorstellten, begann mit BWL und Informatik. Gut, die BWL hab ich mangels Talent schnell gelassen, auch dank einer guten Studienberaterin, die mein Unglück erkannte, und mir zum Wechsel riet. Aber unterschwellig war da immer das Gefühl, das bin nicht wirklich ich. Erst nachdem ich eingeliefert wurde, nachdem mein Leben gefühlt völlig ruiniert war, wagte ich das vorher undenkbare, als sich mir die Chance bot. Ich nahm das Angebot an, ein Buch über meine Geschichte zu schreiben.

Ich kann nicht wirklich in Worte fassen, was das für mich auch heute noch bedeutet, wie sehr das mein Leben gewandelt hat. Heute trage ich kaum mehr Masken, nur noch da, wo es unbedingt angeraten ist. Ansonsten bin ich, wenn meine Depression  mir den Raum dafür lässt, so glücklich wie selten zuvor.

Und ich tue, was mein Herz mir sagt. Sicher, davon kann ich nicht leben, aber ich kann daraus jetzt Kraft schöpfen, ich kann mich mit Texten befassen, male auch wieder und habe erkannt, wie sehr ich all die Jahre anderer Menschen Leben gelebt habe.

Ich weiß, ich soll nicht im Zorn zurückblicken, aber ein bisschen traurig macht es mich schon, dass erst ein Suizidversuch mich dazu brachte, umzudenken, mein Leben für mich selbst neu zu definierfen.

Von den zwei Pfaden habe ich lange Jahre den ausgetretenen gewählt. Erst in der Therapie hab ich den Weg zurück gesucht, um die falsche Abzweigung zu finden, die mich auf diesen fatalen Weg geführt hat. Ich denke, ich hab sie gefunden und bin jetzt viel überlegter, welche Abzweigung ich auf meinem weiteren Weg wähle. Denn ich habe gelernt, es kann schneller das Ende des Pfads kommen, als wir es uns vorstellen. Und wenn ich am Ende meines Pfades bin, möchte ich wenigstens sagen können, dass es mein eigener Weg war, nicht eine Karte, die andere für mich vorgezeichnet haben.

 

Entrümpeln mal anders

Es ist leider oft wirklich so, dass erst einschneidende, lebensbedrohliche Erlebnisse einem so manche Wahrheit vor Augen führen.

Bei mir waren es toxische Menschen und falsche Ansprüche an mich selbst. Oder um es genauer zu definieren, der Glaube, dass andere mich besser kennen, als ich selbst. Sicher, ich gestehe mir auch nicht alle Wahrheiten über mich ein, schon gar nicht die dunklen Seiten. Aber was andere an mir für richtig und falsch halten, ist noch weitaus stärker durch deren Sicht auf die Welt, deren Prioritäten und oft auch deren eigene Enttäuschungen und Defizite verbrämt.

Oh und außerdem, manch angeblich dunkle Seite ist nur von anderen dunkel geredet worden und in Wahrheit einfach ein wichtiger Bestandteil meiner selbst.

Also war einer der ersten Schritte: Weg damit, weg mit all der Toxizität, den falschen Ansprüchen an mich selbst.

Problem dabei, damit sind auch viele Masken gefallen und vieles, was ich für relevant oder wichtig erachtet hatte, verschwand in der Belanglosigkeit. Welcher Besitz, welches Gehalt, welches Auto. Ganz ehrlich, wer sich darüber und daraus definiert, der hat seinen eigenen Kern, sein inneres Wesen unter einer Aufhäufung falscher Werte vergraben.

Ich bin auf der Welt, ich bin einzigartig. Vor mir gab es niemand wie mich, nach mir ebenso wenig. Also besser ich bin wirklich ich selbst als irgendeine billige Kopie von irgendjemand anderem.

Und wenn wir uns alle bewußt machen, dass wir auf kosmischer Ebene immer schon existiert haben und auch immer existieren werden (und ich meine das weder religiös noch metaphysisch) dann wird für so manchen die eigene Bedeutung sehr klein.

Ich halte es da mit Neil deGrasse Tyson, der es für eine unglaubliche beruhigende und Bedeutung schaffende Erkenntnis hielt und der es, Carl Sagan zitierend so formulierte: „Wir alle sind Sternenstaub.“ Und das meint er wörtlich.

Leb nicht ein Leben, das sich an Werten und Vorstellungen anderer orientiert. Leb nicht, um anderen zu gefallen.

Was ich durch meinen beinahe Tod gelernt habe:  Ich bin der Einzige, der zu bestimmen hat, wie ich lebe, welche Werte ich für relevant erachte.

Und das in meinem bescheidenen Blick wertvollste, das  man ggf. über sein Leben sagen kann, ist: Ich habe jeden Tag versucht, die Welt etwas besser zu machen.

Das müssen dann keine großen Taten sein. Das Lächeln an der Kasse beim Bezahlen. Jemandem a priori erst mal wohlwollend begegnen. Ein offenes Ohr für einen Freund oder eine Freundin in einer Krise haben.

Die kleinen Dinge wirken manchmal wie ein Schneeball, der zu einer Lawine wird. Und selbst wenn nicht. Immerhin kann ich dann sagen, ich habe heute wieder mein Bestes gegeben.

Also weg mit all den defizitären Anschuldigungen, weg mit den Wünschen anderer, wie wir zu sein haben. Sei du selbst. Macht sonst eh kein anderer!

 

Die Nacht war immer mein Freund

Noch bevor ich mich mit meiner Depression konfrontiert sah, lange bevor ich mcih nicht mehr als charakterschwach sondern ernsthaft krank gesehen habe, spürte ich, dass einiges in mir anders funktionierte, als bei den „Normalen“.

Ganz besonders spürte ich das während meiner Zivildienstzeit. Ich arbeitete in einem Altenkrankenhaus, immer nur Nachtschicht. Das hieß für mich, sieben Tage arbeiten, sieben Tage frei. Und ich habe es genoßen, wie selten eine Zeit in meinem Leben. Die Stille, die Ferne all jener Menschen, die mich sonst hätten verletzen können. Dafür Menschen, die nach einer OP zu uns kamen, bevor sie wieder nach Hause oder in Alten- bzw. Pflegeheime entlassen wurden.

Es war viel Raum, viel Zeit, viel Stille. Man lebte wie in einer Traumblase, die Welt draußen schlief, während man selbst auf Wacht war.

Mein Leben wurde langsamer, bewußter. Ich begann erneut meine Malerei, verdiente mir mit Portraits von Patienten, in Auftrag gegeben von deren Verwandten sogar die eine oder andere Mark (ja, das war noch vor dem Euro)

Und die freien Tage genoß ich. Ich wechselte nicht mal sehr den Rhythmus. Weil meine damalige Freundin tagsüber beschäftigt war, stand ich eher spät auf, dafür wurden die gemeinsamen Nächte oft lang und sehr intensiv. Ich begann auch meine Sexualität zu entdecken, meinen Selbstwert, meine Leidenschaften zu pflegen. Es war das fehlende Korsett, das mich glücklicher sein ließ, als jemals zuvor. Ja, ich hatte feste Dienstzeiten. Aber die Nachtschicht war immer mehr eine Wache für die Patienten, damit diese sicher und geborgen waren. Man fühlte sich aus der Welt genommen, wie in einem ganz eigenen Kosmos. Ich glaube, ich habe selten intensiver und leidenschaftlicher gelebt, als in dieser Zeit. Auch, weil viele der Verletzungen, der Erniedrigungen, die ich Jahre lang auch und insbesondere von Zuhause erfahren hatte, einfach weggefallen sind in dieser Zeit. Ich war frei wie selten zuvor und lebte das mit Genuss aus.

Bis heute ist dieses Gefühl geblieben, diese Geborgenheit, die die Nacht für mich darstellt. Manchmal habe ich schon drüber nachgedacht, ob das eher etwas mit meinen Ängsten und Depressionen zu tun hatte und hat. Aber wenn, dann war die Nacht für mich immer eher die Medikation, um meine Ängste, meine düsteren Gedanken zu vertreiben. Das mag in gewissem Maße paradox klingen. Aber ich fühlte mich und fühle mich insbesondere Nachts sicherer, geborgener, beschützter.  Oder anders gesagt. Unerreichbar, verschwunden und dennoch am Leben. Keiner, der mich verletzt, keiner, der mich niedermachen kann. Ich bin mit mir und der Dunkelheit alleine. Und die Dunkelheit war immer etwas beruhigendes, etwas Wunden heilendes für mich. Meine kleine, eigene Traumwelt, mit meinen Regeln und frei von Menschen, die mich nicht verstehen, nicht so akzeptieren wollten, wie ich war und jetzt ganz bewußt wieder bin.

Ich habe in dieser Zeit wohl viel Energie aufgetankt, die mich noch Jahre später getragen hat und die erst zerstört wurde, als mich die Korsette des „normalen“ Alltags und nicht gerade sehr wohlwollende Menschen eingeengt, abgewertet, für mangelhaft dargestellt haben. Es waren kleine Messerstiche, die aber in Summe zu einer klaffenden Wunde angewachsen sind, die mich fast umgebracht hätte. Kein Einzelner war dafür verantwortlich aber es gab genug Menschen, die mir willentlich oder nicht Schmerz zugefügt haben, die mich in eine normale Welt pressen wollten, deren Wahnsinnigkeit ich längst durchschaut hatte. Heute versuche ich, anderen zu helfen, weil ich weiß, wie wichtig es ist, man selbst zu sein, niemanden zu erlauben, dass sie oder er darüber bestimmt, welchen Wert ich als Mensch habe. Die Nacht war für mich mein Schutz und erst die letzten Jahre haben es im Nachhinein ermöglicht, dass ich auch den Tag lieben gelernt habe. Dass ich das geworden bin, was ich schon immer sein wollte. Ein Maler, ein Autor, ein Liebhaber, ein Aktivist.

Und vor allem. ICH.

Was heißt eigentlich mutig

Immer wieder bescheinigen mir Leser oder Zuhörer meiner Vorträge, ich sei doch sehr mutig, so mit meiner Krankheit umzugehen.

Das ist für mich ein zweischneidiges Schwert.

Was ich tue hat für mich nichts mit Mut zu tun, eher mit der Erkenntnis, dass ich viel zu lange darüber geschwiegen habe, dass es mir einfach gut tut, offen über meine psychischen Probleme zu sprechen.

Es ist nicht mit Angst belastet, die ich überwinden musste vor einer Gefahr, einer ureigenen Furcht vor etwas bedrohlich Unbekanntem. Mut heißt in meiner Definition vor allem, in einer mit Angst beladenen Situation dennoch zu handeln und hier vor allem auch richtig zu handeln. Also kein Ausweichen, kein Rückzug sondern zunächst der Schritt nach vorne, der Angst entgegen.

Wenn das aber stimmt, dann ist jeder mutig, der sich seiner psychischen Problematik stellt, sei es Angst, Panik, Depression, Schizophrenie oder irgendwas anderes.

Mut ist auch, seine eigenen Schwächen zu erkennen und zu benennen, die verwundbaren Stellen nicht zu verstecken, sondern offen zu tragen.

Mut ist für mich vor allem eins.  Handeln. Voran gehen, Vorbild sein, auch mit und durch die eigenen Schwächen.

Mutige Menschen sind seltene Menschen. Weil sie eben nicht ohne nachzudenken in jedes Abenteuer gehen. Weil sie vielmehr ihre Angst und ihre Schwächen kennen und trotzdem das Voranschreiten wagen.

Helden sind mutig, nicht stark oder übermenschlich. Helden sind Menschen, die den schwereren Weg gehen, der aber authentisch ist und der voran bringt.

Mutige Menschen ruhen sich nicht auf dem Status Quo aus sondern arbeiten an Veränderung, wo sie Veränderung für nötig erachten.

Und mutige Menschen interessieren sich nicht für das Bild oder die Vorstellungen anderer darüber, wie sie zu handeln haben.

Insofern. Seid Helden, seid mutig. Indem ihr Angst, Schwäche und Niederlagen nicht meidet, sondern begrüsst, nicht versteckt, sondern ins Tageslicht zerrt. Und nicht gegen sie kämpft, sondern mit ihnen voranschreitet. Angst als Begleiter heißt auch den Feind unter Kontrolle zu haben.