Live Mitschnitt einer Lesung von Katja und mir

Zum ersten Mal gibt es einen Live Mitschnitt einer Lesung meiner Tochter Katja und mir anlässlich des Tags der Seelischen Gesundheit, aufgezeichnet in Ludwigshafen-Frankenthal.

Eine Stunde Gespräch und Lesung.

Hier der Link, da einbetten von den Veranstaltern abgeschaltet ist.

Dennoch zumindest auch die Startseite, einfach oben dann „auf Youtube wiedergeben“ auswählen.

 

Meine Depression hat einen sehr schrägen Humor

Und meist ist die einzige, die darüber lachen kann meine Angststörung. Die beiden sind Kumpels, best friends, buddies, mein persönlicher Dr. Jekyll und Mister Hyde. Nur dass es meist eher der Hulk ist, den sie gemeinsam verkörpern.

Seit 2016, als ich endlich aus der Psychiatrie entlassen wurde und mich selbst wieder unter den „normalen Verrückten“ zu bewegen begann, ließen mich die beiden weitestgehend in Ruhe. Gut, vor jedem Auftritt streckte meine Angst ihren gehässigen, viel zu kleinen und genau genommen potthässlichen Kopf durch die Garderobentür um mir „nur das Schlechteste, totales Versagen oder ein gelangweiltes Publikum“ zu wünschen. Aber jedes Mal konnte ich sie bei der Rückkehr in die Garderobe auslachen, musste sie und meine Depression zugeben, dass ihre Macht mir gegenüber doch geschrumpft war. So nahm ich zumindest an. Aber auch das war nur ihr gehässiger, schwarzer, gemeiner und schräger Humor. Vor den Kliniken waren die beiden immer Teil meines Theaterstücks „Der Uwe und seine Psyche“. Aber damals saßen sie in den hinteren Reihen, versteckt, im Dunkeln, bereit zuzuschlagen, wenn ich es am wenigsten erwartete und dann kichernd und feixend wieder ins Dunkel der hinteren Ränge zu verschwinden, von wo aus sie schon den nächsten Coup planten, während ich noch vom letzten bösen Streich wieder aufzustehen versuchte.

In den Kliniken hab ich die beiden in die erste Reihe gezerrt. Angebunden, Knebel im Mund, die hellsten Theaterstrahler auf die beiden, die es in meinem Lebenstheater gibt.

Aber ich möchte verflucht sein, hie und da gelingt es den beiden doch wieder, mir einen Streich zu spielen.

Ein Beispiel gefällig? Gut, möge die Tragikcomedy beginnen.

Etwa vor einem Monat war es. Eigentlich alles gut, ich etwas gelangweilt, weil es keine Lesungen, keine Auftritte, kein Interview gab, das mich von der Alltagsroutine hätte ablenken können. Da hätte ich es ahnen können, dass die beiden die Routine, die Langeweile zu ihren Gunsten nutzen würden. Ich prüfte, wie fast jeden Tag meine Kontobuchungen, ja, Kontrollfreak kann ich.

Das bei meinem Konto vor allem das Minuszeichen auf jedem Bildschirm tiefe Brandspuren hinterließ, ja, kenn ich, jedes Mal, wenn ich das reparieren ließ, wars irgendwann wieder da. Geschenkt, meine Bank ist glücklich.

Da fielen mie drei mal 81 Euro auf, die von meiner Kreditkarte gebucht worden waren.  Eigentlich banal, eigentlich einfach zu handhaben, eigentlich kein Problem für mich. Eigentlich. Auftritt, Angst und Depression.

Irgendwie musste sich da die Angststörung befreit haben, denn ich hörte noch ein hämisches „Haben wir dich“, als ich einen Tritt gegen mein Nervenkostüm bekam. Stand ich gerade noch oben und blickte ins Tal meiner schwarzen, depressiven Stimmungen, war ich schon auf dem Abflug Richtung Dunkelheit und konnte im Fallen noch das hämische Grinsen meiner Angst sehen. Von unten rief dann auch schon die Depression:“Na? Komm zu Mami! (Mami ist meiner persönlichen Geschichte geschuldet und soll hier bitte nicht als Wertung eines Geschlechts oder einer familiären Berufsgruppe gelten)

Der Aufschlag war hart und meine Freude, meine Stabilität, meine Schutzmechanismen gegen meine beiden Schultersitzteufelchen  zerbarsten mit dem Aufschlag in tausend kleine emotionale Fragmente.

Es würde wieder Zeit brauchen, das zu kleben, mir eine Strickleiter oder ein Seil zu besorgen und mich wieder aus dem Tal nach oben zu arbeiten aber hey, war ja nicht das erste Mal. Mir gelang es irgendwie den Kreditkartenbetrug zu klären, sogar ne Anzeige bei der Polizei schaffte ich aufzugeben, obwohl ich eigentlich nur Ruhe wollte, nichts hören oder sehen. Gegen Ende der Woche schien auch alles gut zu sein. Aber Sonntag Abend beschloss wohl mein Kumpel Depression: „Nope, so leicht machen wirs dir nicht, du hast uns schon viel zu lange weggeschlossen.“  Panikattacken, Angst, Depressive Gedanken. Wie entlassen aus Pandoras Büchse waren sie alle wieder da, als ich gerade die oberste Stufe meiner Depressionstalentkommstrickleiter erreichte und mit einem hämischen Lachen schnitten sie den Knoten durch, der mich gerettet hätte, gerade als wollten sie einen neuen Abwärtsweg eröffnen, den sie frisch für mich gebaut hatten.

Mein Arzt kennt nun Gott sei Dank die Beiden zumindest von Erzählungen. So verschrieb er mir eine stabilere Leiter und mehr Zeit für deren Zusammenbau. Nach drei Wochen ging es mir wieder so weit gut, dass ich nicht nur meinem Umfeld beständig versichern konnte: „Nein, alles gut.“ ohne dabei zu lügen, ich glaubte es mir sogar selbst langsam wieder.

Im Moment sitzen die beiden wieder in der ersten Reihe. Hab die Fesseln verstärkt und das Pflaster über den Mündern ist Ducttape gewichen. Aber ich weiß, irgendwann schaffen es die beiden wieder, sich da raus zu tricksen. Den nötigen schrägen Humor und die Fantasie haben sie ja. Bin nur gespannt, wie sie mich dann überrumpeln werden.

Vernunft ist eine Illusion

Schon als Kinder kriegen wir doch alle gesagt, sei vernünftig, sei klug, sei strebsam.

Nur, was uns da an Vorstellungen zu dem vermittelt wird, was klug, vernünftig, strebsam sein soll; ganz ehrlich, bei wirklich vernünftigem, hellem Licht der Erkenntnis betrachtet, ist vieles davon mit Verlaub grandioser Bullshit.

Warum ich so denke? Weil ich mit Menschen spreche, weil andere Menschen miteinander sprechen. Und immer wieder gerate ich an Menschen, an Meinungen, an Wertesysteme bei denen ich lauthals „hör auf zu reden und fang zu denken an. “ rufen möchte. Und nein, ich nehme mich da nicht aus. Auch heute noch folge ich vielen Dogmen, Vorstellungen, Werten, die eigentlich Bullshit sind, aber leider hab ich mich entweder freiwillig drauf eingelassen, oder es ist so sehr gesellschaftlicher Konsens, dass ein Aussteigen so gut wie unmöglich ist. (Und kommt mir  nicht mit dem, wenn du willst, geht alles Bullshit. Habs versucht, stimmt einfach nicht.)

Wir alle kennen doch diesen inhärenten Irrsinn, dass so manche von uns in einem Job (ich spreche nicht von Beruf, der kann einem immense Freude bereiten) arbeiten, den sie hassen, den sie aber auch nicht kündigen wollen. Witzigerweise gibt es dann aber auch wieder Umfragen, so und so viele wären mit ihrem Job zufrieden. Ja was denn nun? Oft ist es die Diskrepanz zwischen dem, was man vernünfitgerweise tun möchte im Beruf und dem, was erwartet wird. Oder auch, die Arbeit an sich würde ja Spass machen, hätte man genug Zeit, weniger Druck und weniger Überwachung. Oder anders herum, Stress kann selbst einen Bürojob zur Gesundheitsgefährdung werden lassen.

Gerade Menschen mit kreativen Berufen finden in ihrer Jobbbeschreibung oft die kreativen Entfaltungsmöglichkeiten, die dann von der Realität auf ein Minimum an Freiheit eingestampft werden (sie dürfen gerne wählen, welche von zwei Farben, welche von zwei Schriftarten sie für das Design verwenden dürfen, aber wie sie zu arbeiten haben, dass bestimme ich, ich bin ihr Chef)

Wir leben in so vielen Korsetts, was Job, was Konsum, was soziale Interaktion, ja sogar was Sex angeht.

Leistung ist wichtig, es gesellschaftlich konform zu tun. Ich war und bin auch heute noch in meinem Umfeld Außenseiter, weil ich weder ein gesteigertes Interesse an Autos, an Besäufnissen oder Fussball hatte und habe. Wir mögen uns so aufgeklärt geben, gendergerechte Sprache, keine Diskriminierung von Minderheiten fordern aber im kleinen, im privaten, im persönlichen Umfeld jenseits derer, die für political correctness kämpfen, läuft der Wahnsinn weiter wie bisher.

Da wird nach wie vor konsumiert, als gäbe es kein Morgen. Kaum, dass nach Corona Lockdown wieder Geschäfte öffnen durften, die nicht für den alltäglichen Bedarf zuständig sind, wurde wieder konsumiert, als gäbe es kein Morgen (nun gut, wenn wir so weiterleben, ist dass in nicht allzuferner Zukunft für viele richtig).

Wenn ich reflektiere, was ich seit Beginn meines Homeoffice wirklich vermisse, dann ist das eigentlich ziemlich wenig. Soziale Kontakte reichen mir bei vielen Menschen virtuell, alleine bin ich dank Familie nicht und unser Haus bietet genug Platz, um sich auch zurückziehen zu können.

Was aber viel mehr zählt: Mir wurde und wird vor Augen geführt, wie viel unnötiges ich bislang freiwillig mitgemacht habe, nur weil man das halt so macht. Wie viele Manager haben in der Vergangenheit behauptet: „Also bei uns geht kein Homeoffice“ und dann festgestellt, dass das wenn alternativlos doch plötzlich binnen Tagen, manchmal Stunden geht. Microsoft hat die 4 Tage Woche in Japan testweise eingeführt, weil erkannt wurde, dass Produktivität eben nicht das Ausdehnen von Arbeit in den zeitlichen Rahmen bedeutet.  Und oh Überraschung, die Effekte waren überwiegende positiv.

 

Im Home Office ist es plötzlich nicht mehr möglich, die Untergebenen wie kleine Kinder zu überwachen, damit sie überhaupt arbeiten, und siehe da, die Arbeit wird erledigt (wobei es ja an sich ein krankes Menschenbild ist, wenn jemand glaubt, Mitarbeiter würden nur arbeiten, wenn das auch überwacht wird)

Wir stehen vor großen Herausforderungen. Klimawandel, Gender Paygap. Ein immer höheres Rentenalter obwohl die Unternehmen ältere nach wie vor eher feuern als einstellen. Machtgier bei Staatsoberhäuptern, gepaart mit Dummheit und manchmal auch noch einer besch…eidenen Frisur. (Person, Man, Woman, Camera, TV, Yellow Hair). Wir müssten eigentlich vieles, das unser aktuelles Wirtschafts- und Sozialsystem zusammenhält hinterfragen, ändern, beenden oder gänzlich neu gestalten. Das wäre vernünftig. Aber Vernunft ist nichts, an dem man wirklich viel Geld verdienen kann. Schaut euch mal bei euch um, was ihr an Dingen besitzt, die vernünftig sind, was ihr an Verhaltensmustern lebt, die vernünftig sind. Und wenn bei euch alles vernünftig ist, seid ihr dann auch wirklich ehrlich?

Und wenn ich mir die Bezahlung und dazu die Relevanz der betroffenen Berufe ansehe (dank Corona sehr schön mit „systemrelevante Berufe“ bezeichnet) dann wird nicht der gut bezahlt, der wichtige Arbeit leistet, wie Pfleger*innen, Ärzt*innen oder Mitarbeiter in Supermärkten oder diejenigen, die die Versorgung mit WESENTLICHEM aufrechterhalten. Investmentbroker, Menschen, die mit Geld spielen, Berufe, die niemand vermissen würde, gäbe es sie plötzlich nicht mehr, die werden teuer bezahlt. Erinnert mich an die Golgafrincham Arche aus Anhalter durch die Galaxis.

Wo die Gesundheit des Menschen nur noch als ökonomischer Wert betrachtet wird, wo Krankenhäuser wirtschaftlich sein müssen, statt erfolgreich in der Heilung von kranken Menschen, da läuft was extrem falsch.

Wo Verschwörungstheoretikern geglaubt wird, statt der Vernunft, wo man persönliche Interessen und Freiheiten vor vernünftigem Handeln für eine Gemeinschaft stellt, da sehe ich nicht wirklich die Vernunft am Ruder. Gier, Dummheit, Machtstreben, Faulheit, Ignoranz. Alles Eigenarten, die ich gefühlt heute viel häufiger erlebe, als Vernunft.

Und, Spoileralert. Da schließe ich mich beileibe nicht aus.

Was die Lösung ist? Bildung. Nicht Ausbildung, Bildung. Und eine Wertegemeinschaft, die Streben nach Besitz ersetzt durch Streben nach Gemeinschaft, Toleranz, Freiheit und vor allem, die es Menschen ermöglicht, unabhängig von Sorgen um Geld und das Überleben durch Geld  zu existieren. Wer gleichzeitig Arbeitsplätze wegrationalisiert und diejenigen bestraft, die dadurch keine Stelle mehr finden, wer digitalisiert und ignoriert, dass damit immer. mehr einst sichere Jobs wegfallen, der hat noch nicht gemerkt, wie sehr sich die Gesellschaft wandeln muss, wollen wir auch in Zukunft einigermaßen friedlich zusammenleben.

Rente mit 70 ist genauso ignorant wie die Annahme man könne einen Banker einfach mal zum Altenpfleger machen, wenn seine Stelle wegfällt oder ein über 50 jähriger, der entlassen wird, weil jüngeres Material zu verbrennen vorhanden ist, würde so einfach eine neue Stelle für die Zeit bis zur Rente finden.

Wir brauchen einen Diskurs der Vernunft. Ich sehe aber noch nicht mal ansatzweise, dass der irgendwo begonnen hat. Der Finger in der Wunde ist da, aber statt die Wunde zu behandeln, wird sie noch größer gemacht. Hey, Klimawandel, das erleb ich ja eh nicht mehr. Vernünftig ist so eine Haltung nicht, maximal fatalistisch und ignorant.

Und wenn ich an die Corona Krise, die plötzlich mögliche Digitalisierung und das schlagartig funktionierende Home Office denke. Warum nicht beibehalten?  Warum nicht endlich mal begreifen, dass immer mehr und immer schneller nicht der Weg sein kann. Und warum nicht da wo möglich weiterhin auf Wunsch Home Office. Und die, die vor Ort sein müssen, dann evtl. dafür wertschätzen (und das darf durchaus monetär sein, in dem man zum Beispiel eine Vor Ort Pauschale zahlt. Schliesslich sparen viele Arbeitgeber ja wiederum bei denen, die zuhause arbeiten können zumindest den Büroplatz in der Firma).

 

Zurück und einiges gelernt

Das kam unerwartet. Nach einem eigentlich kleinen Zwischenfall kam quasi ad hoc der Zusammenbruch. Wieder alles da. Die Angst, die Depression und ich stand vermeintlich vor den Trümmern dessen, was ich mir seit 2015 wieder Stück für Stück zurückgeholt hatte.

Also erst mal zum Arzt, der mir gleich mal mindestens eine Woche Auszeit verordnete.  Es sollten drei werden.

Aber ich habe einiges gelernt. Ja, meine Depression und die Angst hat mich nicht mehr im Griff, aber sie kann immer noch ganz schön Ärger machen.

Ich hatte wohl zu viel Stabilität erwartet. Was ich aber auch erkannt habe und was man mir damals in den Kliniken zu einem Strick drehen wollte (ein ziemlich gruseliges Bild, wenn ich es recht überlese) , das intensive Beschäftigen mit einem Thema ist für mich Teil meiner Stabilität. Und in den letzten Jahren war das meine Rolle als Autor, als Aktivist und als Redner. Ich brauche nicht viele Menschen um mich, aber ich brauche die Abwechslung, den Kontakt mit meinen Leser*innen und Follower*innen und ja, auch dem einen oder der andern Fan*in. Es war zu eintönig, die Arbeit war ja wie immer, nur an anderem Ort, aber danach passiert nichts neues. Und das zu lange nicht. Langsam laufen die Termine wieder an, was mich mit stabilisiert hat. Genauso wie Interviews (Aktuell vom Nachtcafé des SWR für deren Podcast).

Ich habe gelernt, dass ich schon früher gute Methoden hatte, mit kleineren Krisen umzugehen, die ich mir aber fast hab ausreden lassen. Nein, ich habe keine Internetsucht, aber das Internet ist für mich ein Anker, eine Abwechslung.

Gut, im Moment ist es eher Aufreger, wenn ich da an die Demo in Berlin denke, die das Ende einer Pandemie feiert, die gerade erst so richtig hochläuft. Ich gehöre zu denen, die Verantwortung auch für andere übernehmen. Eine Maske tragen ist ein kleiner Preis dafür, keine Menschenleben auf dem Gewissen zu haben. Mögen mich die Dunning Kruger Jünger doch als „Schlafschaf“ betiteln. Ich glaube lieber „Mainstream“ und Wissenschaft, als Köchen und Musikern, die scheinbar plötzlich alles durchschauen. Meine Erde ist rund, der Mond beeinflußt mich nicht und Homöopathie ist für mich keine Medizin sondern Placebo.

Anyway. Ich bin wieder da. Stabiler als zuvor und mit einer nochmal relativierten Sicht auf das, was anderen und das, was mir wichtig ist.

Und wir sehen uns hoffentlich bald auch in Person auf einem Barcamp oder einer Lesung wieder. Ich würde mich freuen.

Kontrollverlust

Ich denke, Kontrolle haben, Kontrolle bewahren war immer ein Schlüsselthema in meiner psychischen Geschichte. Die besten Zeiten meines Lebens waren das Studium (ein Humboldtsches, in dem noch nicht Studenten wie Kindern vorgeschrieben wurde, was sie wann zu studieren haben) und das dreijährige Forschungsstipendium bei IBM. Gott sei Dank hat meine Frau mich in dieser Zeit kennengelernt und zwar den echten Uwe. Dramatisch wurde es erst, als ich die Kontrolle abgeben musste. Als ich in ein Angestelltenverhältnis gewechselt bin. Noch dazu eins, bei dem ich mit meinem Magister in Computerlinguistik und Künstlicher Intelligenz eigentlich völlig überqualifiziert war. Aber da damals, Mitte der Neunziger die allerwenigsten eine Ahnung von CL&KI hatten, fiel das nicht weiter ins Gewicht.

Aber dort war ich Angestellter, erhielt Anweisungen, musste brav sein und folgen, wie ein kleines Kind. Meine Frau hat recht, ich hätte in der Forschung bleiben sollen oder mich selbständig machen. Denn seit diesem Zeitpunkt fühlte ich mich nicht mehr sicher. Ich hatte nach meinem Empfinden die Kontrolle über mein Leben verloren. Und beim nächsten Job kam noch dazu, dass mir aus meiner fortschrittlichen Arbeitsweise sogar ein Strick gedreht wurde. Wieder keine Kontrolle, kein selbständiges Entscheiden, wie ich optimal arbeite.

Erst nach den Klinikaufenthalten erkenne ich langsam, dass ich mehr Kontrolle hatte, als ich dachte. Sicher, einige Entscheidungen wurden durch meine Angststörung beeinflußt und dieses eine verdammte Gespräch hätte ich wütend abbrechen sollen, statt brav wie ein scheues Reh zu allem ja zu sagen.

Ich bin nach wie vor ein Angestellter, die Verpflichtungen, die auf mir liegen bedingen das (noch?) aber mein Herz ist endlich wieder frei. Ich bin Autor und habe einen Brot und Butter Job, der mir wirklich gefällt, zu mir passt und wo man auf Augenhöhe kommuniziert. Mein Leben dreht sich aber nicht mehr nur darum, wie ich möglichst viel leisten kann, um zu überleben.

Als ich die größte Angst davor hatte, die Kontrolle völlig zu verlieren und deshalb losgelassen und überhaupt keine Kontrolle mehr erwartet habe, genau dann bot man mir Chancen und Wege an, die mich mehr in die Kontrolle meines Lebens brachten, als jemals zuvor. Schade nur, dass es fast mein ganzes Erwerbsleben dauern musste, bis ich endlich auf den Trichter kam.

Jetzt stehe ich immer wieder auf der Bühne, ein Ort, an dem ich mich seltsam in der Kontrolle fühle. Ich erzähle meine Geschichte und kann dadurch anderen Menschen helfen. Und ich möchte helfen, möchte, dass mehr Menschen ihren Wert jenseits von Geld und Leistung erkennen. Eigentlich sogar noch mehr, ich möchte, dass dieser idiotische Drang nach immer mehr endlich aufhört, dass erwachsene Menschen nicht mehr im Beruf wie Kinder behandelt werden. Und das wir alle endlich wieder arbeiten, um zu leben und nicht, wie es uns immer noch als Ultima Ratio vorgegaukelt wird, leben um zu arbeiten.

Es wird noch ein langer Weg sein. Aber immerhin habe ich jetzt meinen Weg gefunden. Und der hat nichts mit Geld für Leistung zu tun. Der hat mit Freude am Austausch, Freude, anderen zu helfen zu tun.

(Bin mal gespannt, wer da wieder alles mögliche reininterpretiert, das nicht wahr ist. In der Vergangenheit gerne mal passiert. Die Briefe werde ich mir mein Leben lang aufheben. Denn ein Satz, in einem bestimmten Brief, hätte mich fast das Leben gekostet.)

An meine Leser (Spoiler: DANKE)

Danke. Damit falle ich schon mal durch die berühmte Tür ins Haus. Danke für euren Zuspruch, euer überwältigendes Interesse an meiner Geschichte.
2015 dachte ich, das wars mit meinem Leben. Mein Umfeld hatte mir übel mitgespielt, man hatte versucht, mich zum Schweigen zu bringen über meine Krankheit, meine Geschichte. Und dann entstand aus einer Verkettung von Zufällen dieses Buch. Weil ihr auf Twitter Interesse an meinen Gedanken #ausderklapse zeigtet.
Dadurch wurde ein Literaturagent auf mich aufmerksam, der zum ersten Mal den Gedanken ins Spiel brachte, meine Geschichte, mein Erleben wäre relevant genug, interessant genug, zwischen die Deckel eines Buchs gepresst zu werden. Und ein Verlag vertraute der Idee so sehr, dass ich tatsächlich verlegt wurde. Etwas, das ich nicht mal zu träumen gewagt hatte. Ich ein Autor? Und jetzt, nach nun knapp über 3 Jahren sogar mit einigem Erfolg? Niemals! Doch, ich sollte ehrlich sein.
Als damals oft gemobbter und zuhause nicht wirklich geliebter Jugendlicher habe ich sehr schnell für mich Kunst, Literatur als Fluchtpunkt entdeckt. Ein Traum war es, den ich aber ohne jede Hoffnung auf Realisierung träumte. Etwas von Bedeutung schaffen, etwas, das die Welt für mich und für uns alle etwas besser hinterlässt. Ihr habt diesen Traum war werden lassen. Ich bin kein Star, das wollte ich auch nicht. Aber jetzt hat mein Leben mehr Bedeutung, mehr Verantwortung, mehr Gewicht als jemals zuvor. Ich kann Menschen helfen, ich, als Person, kann Bedeutsames bewegen.
Das verdanke ich nur euch, meinen Lesern, Followern, Unterstützern.
Ich bin kein Schauspieler geworden, kein Kunstmaler. Alles Jugendträume eines Kindes, das so etwas wie Zuneigung und Freundschaft erst ganz spät erfahren hat.Uwe zeigt ein Herz mit seinen Händen
Ihr habt mir gezeigt, dass ich mehr bin als nur ein Stück irrelevanten Daseins ohne Weg, Wert oder Ziel. Jetzt gibt alles irgendwie Sinn. Jetzt fühle ich mich zumindest als Mensch anerkannt, der Wünsche, Träume, Ziele hat. Euer Feedback ermutigt mich, weiter zu kämpfen. Eure Leserbriefe, die Gespräche auf Lesungen. Es zeigt mir, dass ICH als Person einen Wert haben kann.
Und gleichzeitig habe ich gelernt, dass dieser Wert immer schon da war. Nur vergraben unter Selbstzweifeln, Ängsten und Traumata. Ich bin immer noch nicht ganz frei davon. Aber ihr meine LeserInnen seid es, die mich weitermachen lassen.
Dafür möchte ich euch von ganz tiefstem Herzen danken. Es ist nicht selbstverständlich und ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass ich tatsächlich Autor geworden bin, dass Menschen mein Buch mögen, dass sie gar etwas für ihr eigenes Leben daraus ziehen können.
Ein größeres Geschenk gibt es nicht. Ich bin nicht reicher an materiellen Werten, definitiv nicht, aber als Mensch bin ich endlich in der Lage, der Welt entgegenzuhalten: DAS BIN ICH. Und ich bin gut so, wie ich bin. Das sind wir alle, das seid ihr alle.
Aber ihr habt einen großen Anteil an meinem Wandel, vermutlich weit größer als alle Therapeuten und Kliniken zusammen.
Und gerade helft ihr mir mit eurem Zuspruch, wieder aus einem Tal zu kommen, kämpft mit mir gegen meinen ganz persönlichen schwarzen Hund.

Danke. Ich bin so unendlich dankbar. Ihr habt mich verändert, vielleicht sogar weit mehr als ich euch. Wir sind viele und wir kämpfen alle einen Kampf, den wir gemeinsam besser schaffen, eher gewinnen.

Sagte ich es schon? Egal: DANKE!

Mein langsames Comeback

Mittlerweile vor zwei Wochen ging es mir plötzlich wieder nicht gut. Die Angst, die Panik war wieder da. Ja, ich rede offen über meine Ängste, weil es keineswegs männlich ist, keine Ängste zu haben. Wenn, dann bestenfalls dumm und/oder gelogen.
Jetzt bin ich so weit stabil, dass ich absehen kann, dass wohl nach nächster Woche alles wieder normal laufen wird.
Was habe ich gelernt?
Nun, zum einen, dass ich ganz richtig lag mit meiner Aussage auf meinen Lesungen, dass ich mich nicht als gesund sehe sondern als weitestgehend stabil. Ja, es war eine depressive Episode, die jetzt langsam aber stetig abklingt.
Nur wollte ich mir das mal wieder nicht eingestehen und hab so getan, als ob das Ganze innerhalb einer Woche wieder vergessen sein würde.
So schnell geht das aber selbst mit all meinen Skills nicht und dem, was ich in den Kliniken sonst noch gelernt habe.


Meine Depression ist chronisch, sie ist nicht weg, aber sie hält die allermeiste Zeit still.
Das macht mich aber nicht schwach, sondern wachsam. Das macht mich nicht unzuverlässig, sondern zuverlässiger. Weil ich meine Ressourcengrenzen erkenne und merke, wenn eine Pause von Nöten ist. Weil ich mich nicht mehr verbrenne (n lasse) sondern auf mich achte. (Zumindest meistens ;))
Ja, nach wie vor fehlen mir meine Fans, meine Leser, mein Publikum. Aber nach einem Lockdown auch in diesem Bereich laufen wohl ab übernächster Woche auch hier wieder einige Projekte an, die mir helfen, mich zu stabilisieren, positiver zu agieren und dem Risiko Rückfall aktiver entgegenzutreten.
Aber nach wie vor gilt. Keine Angst, keine Depressionen zu haben ist nichts männliches, nichts tolles, nicht starkes.
Zu dem stehen, was und wer ich bin, das mag vielleicht männlich sein (nochmal drüber lesen, nein, eigentlich nicht. Eigentlich ist typisch männlich und typisch weiblich eine fiktive Definition, die jeder für sich hinterfragen soll und muss) , aber wenn es um unser Leben, um unsere Gesundheit geht, sollte es keinen Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Verhalten geben. Genau genommen so gut wie nie, weil wir letztendlich Menschen sind. Und all die Unterscheidungen zwischen typisch männlich, typisch weiblich sind meines Erachtens künstlich und insofern falsch oder zumindest sehr zu hinterfragen.

Und ja, es hat etwas heilsames, Autor zu sein. Für mich ist das Niederschreiben meiner Gedanken Teil meiner Therapie. Ein schöner, wenn nicht der schönste Teil meiner Therapie.

Und auch hier ein Song, der ziemlich gut ausdrückt, wie ich heute zu mir und meinen Defiziten und Narben der Seele stehe:

 

Ihr fehlt mir

Mein Home Office. Nein ich arbeite nicht bei NASA, ESA oder DLR, obwohl das schon was wäre. Aber daheim kann man es einfach persönlicher gestalten. Auch das hilft

Es war letzte Woche Donnerstag. Sie war plötzlich wieder da, die Angst, die Panik. Aber anders als sonst, weil unbestimmt. Beruflich lief es gerade sehr gut, Home Office war und ist für mich eine Offenbarung. Ich persönlich, und das bitte ich auf keinen Fall zu verallgemeinern, ich also genieße es geradezu, ungestörter, konzentrierter, effektiver wie effizienter arbeiten zu können. Zudem nicht jeden Tag eine Stunde nur mit Fahrt zur Arbeit und zurück zu vergeuden für eine Tätigkeit, für die es nur eines Telefons bedarf.

Warum war sie also wieder da? Auch mein Hausarzt sah wohl die Panik in meinen Augen; ein neues, ein zerstörerisches Feuer, denn er hat mich noch die ganze Woche krank geschrieben. Langsam stabilisiert sich alles, langsam tauchen auch die Ursachen auf, wie Luftblasen an der Oberfläche eines Teichs.


Wer ihre Geschichte kennt, weiß, warum mich dieses Video ganz besonders berührt.

Ihr seid es, ihr fehlt mir. Meine LeserInnen, meine Auftritte, die Gespräche danach, die Aufklärungsarbeit. Es war einfach zu eintönig geworden. Da ich ja auch zu einer Risikogruppe gehöre, hatte ich keinerlei Interesse, wieder ins Büro oder nach draußen zu gehen. Aber leider sind eben auch so gut wie alle Auftritte für dieses Jahr abgesagt. Und sagte ich schon, dass ihr mir fehlt?
Die Planung der Auftritte, die Reisen, der Austausch, das schafft eine Videolesung eben nur sehr eingeschränkt. Zudem reicht es da, wenn ich mich zu gegebener Zeit vor die Kamera meines Notebooks setze. Es hat so lange gedauert, weil wohl das Erlebnis Home Office eine ganze Zeit lang ablenken konnte. Aber letztlich ist es gefühlt das Gleiche, daheim oder im Büro. Nur daheim mit weniger Ablenkung. Und da ich eh schon immer Smalltalk gehasst habe, fehlt mir auch nichts, brauche ich keinen Büroplausch.
Die Gespräche mit euch, von Angesicht zu Angesicht. Sie fehlten mir. Das beständig Reflektieren müssen, ob ich auch das lebe, was ich „predige“. Home Office werde ich weiter machen, so lange es geht, einfach, weil es mir gut tut, ich mehr erledigt bekomme und entspannter arbeite.

Aber jetzt haben wir ein „Den Uwe beschäftigen“ Programm begonnen. Ich muss wohl doch, natürlich mit Abstand und Maske, hin und wieder was unternehmen. Jetzt gibt es regelmäßige Spaziergänge, ich jogge häufiger und wir werden auch mal ein Museum besuchen, irgendwas, das jetzt schon geht und bei dem wir auf möglichst wenig ignorante Mundschutzverweigerer und „Meine Freiheit ist eingeschränkt“ Aluhüte treffen.

Ich bin noch nicht wieder ganz da. Aber meine Schreibtherapie geht zumindest wieder. Aus Social Media werd ich mich noch etwas fernhalten, da schreiben im Moment zu viele Coronidioten.

Ich trage Maske, nicht nur mir, auch meinen Mitmenschen zuliebe. Denn Demokratie ist nicht nur die eigene Freiheit, es ist Gemeinwohl und Gemeinschaft.

Ja, ich war wieder in meinem ach so vertrauten tiefen, dunklen Tal. Aber etwas war anders. Da stand eine Leiter und jemand ganz oben hat mir mit ihrem Licht gezeigt, wo der Ausgang ist. Noch sind ein paar Sprossen zu meistern, aber ich bin schon sehr weit. Die nächste Woche wird wohl das Ende dieses Gott sei Dank kurzen Intermezzos darstellen. Ich habe gelernt, auch wenn es Jahre gut geht, Es gibt immer Umstände, die mich zum agieren, zum reagieren zwingen, will ich nicht wieder ganz abstürzen. Aber das Schöne ist, ich kann es mittlerweile. Ich fange mich rechtzeitig ab. Und mein Netzwerk an Menschen, die sich WIRKLICH um mich sorgen, es ist stark und fest und da, wenn ich es brauche.

Danke und ihr fehlt mir. Aber nicht mehr lange.

 

Billie Eilish ist übrigens sehr empfehlenswert. Auch ihre Musik lässt in mir eine Seite erklingen, die lange Zeit stumm war.