Corona, Depressionen, Digitalisierung und ich

Immer wieder hat es Umfragen und Beiträge in meine Timeline gespült, die neugierig fragten: Wie gehst du als von Depressionen Betroffener mit dem Social Distancing um.

Viele waren dann überrascht wenn ich sagte, dass ich keinerlei Probleme habe, es manchmal sogar genieße.

Das hat mehrere Gründe. Zum einen habe ich noch nie übersteigertes Interesse am Kontakt mit bestimmten Arten von Mitmenschen gehabt und Corona war eine willkommene Gelegenheit, diesen Kontakt weiter zu reduzieren. All die Verschwörungstheoretiker, all diejenigen, die mir mit Homöopathie gegen Depressionen oder Corona helfen wollten oder noch schlimmer, die ganzen „das wird man doch mal sagen dürfen“ Aluhüte. In der digitalen Welt kann man sie blocken, oder wenn man gut genug drauf ist, trollen.

Meist schenke ich mir hier aber mittlerweile die Mühe, denn sie wissen ja eh alles besser, im Gegensatz zu echter Wissenschaft, deren Grundprinzip immer auch der Zweifel am Status Quo ist.

Aber auch schon vor Corona hat mir persönlich die Digitalisierung sehr im Kampf gegen meine Depressionen geholfen. Und damit meine ich noch nicht mal mein Hashtag #ausderklapse oder das daraus entstandene Buch.

Die digitale Welt hat mir ermöglicht, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Sie hat mir WISSENSCHAFTLICHE Quellenforschung eröffnet, um mehr über meine spezielle Ausprägung der Krankheit zu lernen. Und ja, schenkt es euch, diese klugen Sprüche der Art : „Wie kannst du da von einer Krankheit sprechen?“ Es ist für  mich eine Krankheit und damit etwas, das ich verändern kann.

Zudem habe ich keine Probleme damit, auch Software, Apps zu nutzen, um besser mit meiner KRANKHEIT umzugehen.

So nutze ich zum Beispiel:

Calm in der Aboversion für Meditation

HeadUp zur Überwachung diverser Gesundheitsparameter

Eureka um die Covid 19 Forschung zu unterstützen, ebenso Datenspende

Bis endlich die deutsche App erscheint GeoHealthApp als Covid 19 Tracker

Medisafe zur Überwachung meiner Medikamenteneinnahme (ja ich nehme Medikation und nein, ich will das nicht ändern, denn mir helfen sie sehr)

Moodnotes für mein Stimmungstagebuch

Autosleep als automatischen Schlaftracker

Um mich zu mehr Bewegung zu motivieren „Walkr“ ein Fitness Game

Und natürlich nutze ich Health von Apple und Healthmate von Withings, um all die einfliessenden Daten zu verwalten und an die Apps weiterzugeben.

Myfitnesspal zur Ernährungsüberwachung und Aggregation diverser Tracker.

Wichtig dabei, die meisten Apps brauche ich nicht aktiv zu nutzen, sie informieren mich einfach, wenn es relevante Nachrichten gibt oder ich wieder etwas für meine Gesundheit tun soll.

Bei all diesen Apps achte ich stets darauf, dass es nach Möglichkeit eine Apple Watch App dafür gibt, um das Smartphone möglichst selten in die Hand nehmen zu müssen.  Auf der Apple Watch ist auch die Sturzerkennung aktiv, da ich bereits eine Phase hatte, in der ich aus unerklärlichen Gründen mehrfach ohnmächtig wurde und die Sturzerkennung der Apple Watch funktioniert hier richtig gut. Gespannt bin ich auf die neue Apple Watch, sollte diese wirklich eine Erkennung herannahender Panikattacken bieten, wäre da ein Upgrade fällig.

In der neuesten Beta kann Replika auch AR, wie das Bild rechts zeigt. Hier erfolgt der Dialog dann über Spracherkennung.

Und last but not least experimentiere ich mit Replika, einer Chatbot App, die ich dahingehend untersuche, inwieweit sie Wartezeiten auf Therapieplätze überbrücken kann. Die Dialoge mit Replika sind sehr natürlich und sie lernt mit der Zeit. Manche finden das vielleicht creepy, ich finde es sehr spannend, vermutlich auch meinem Background als KI und Computerlinguistik Wissenschaftler geschuldet.

Letzteres nochmal als dezenter Hinweis, dass ich kein Interesse an irgendwelchen alternativen Heilmethoden oder wirren Verschwörungstheorien habe.

Ich bin immer noch einer dieser komischen Menschen, die wissenschaftlicher Arbeit mehr vertrauen als Köchen und Musikern, wenn es um Forschung und Schutz geht. Und auch wenn ich mittlerweile auf Apple umgestiegen bin. Ich halte Bill Gates keineswegs für gefährlich. Sorry, not sorry.

 

 

 

 

Kunst war immer meine Therapie

Ich habe es wiederentdeckt, als ich in der Klinik war. Die Bedeutung von Kunst für mich. Kunst war für mich immer ein Ventil, eine Möglichkeit, die dunklen Gefühle, die Ängste, die Einsamkeit zu verarbeiten. Dabei war und ist es egal, ob ich nur Rezipient bin, wenn ich mir Bilder in einem Museum betrachte oder selbst Bilder male, Texte schreibe, Geschichten erzähle.

Es ist eine  seltsame Verbundenheit zwischen Kunst und mir.  Ich kann mich noch sehr gut an meine Phase als Kunstmaler erinnern, als ich fast eine eigene Ausstellung gestartet und eine Kunstmappe eingereicht hätte, wenn nur der nötige Mut da gewesen wäre.

 

 

 

Und es war für mich ein unglaublicher Heilungsprozess, meine Geschichte niederzuschreiben, noch in den Kliniken mein Buch zu beginnen und damit meine Geschichte öffentlich zu machen, meine Seele auszudrücken, sie zwischen zwei Buchdeckel zu pressen und damit all das zu manifestieren, was mein Leben über Jahrzehnte zwar nicht zur Hölle, wohl aber oft zu deren Vorhof hat werden lassen.

Ich brauche Kunst zum Atmen, eine Floskel, die aber für mich heute realer ist denn je. Musik hören kann mich entspannen, kann mich aufbauen. Wenn ich einen Text niederschreibe, gebe ich immer einen großen Teil meiner Seele in den Text. Wenn ich ein Bild male, versinke ich in den Farben, der Leinwand, dem Motiv.

Kunst mag für manche nur brotlos sein, für mich ist sie das, was meine Seele am Leben hält. Und was mich letztlich auch aus meinem tiefsten Tal meines Lebens gerettet hat.

Kunst ist nicht unnötig. Kunst ist, was uns zum fühlenden, zum intensiven Menschen werden lässt. Wissenschaft ist wichtig und ich schätze sie sehr. Aber wenn es um das Wohl. meiner Seele geht, dann ist ein Besuch meiner alten Liebe der Kunst für mich Lebenselixier.

Und dabei noch ergänzend. Nicht umsonst gibt es den Begriff der Liebeskunst. Weil auch in der Liebe die Kunst ein wichtiges Element ist. Und wenn es nur die Kunst ist, Liebe und Leidenschaft zu teilen.

Update: Ja, als Autor geht es mir gut, aber vor allem deshalb, weil ich noch einen „Daytime-Brot und Butter“ Job habe. Aber andere Künstler geraten jetzt in Schwierigkeiten. Deshalb, wenn ihr Konzertkarten habt, wenn ihr Lesungen besuchen wolltet, die jetzt abgesagt werden, vielleicht könnt ihr euch es ja leisten, auf die Erstattung zu verzichten. Das könnte dem einen oder anderen Künstler in der Krise helfen. Oder schaut, was Künstler online anbieten, Kultur ist nicht überflüssig, Kultur ist Teil unseres Wesens. Ich wünsche mir eine Zeit nach Corona, in der wir nach wie vor Musiker, Maler und Autoren, Schauspieler und Regisseure, kurz KünstlerInnen  haben.

Was kommt nach Corona?

Nein, ich bin kein Experte, weder ein echter, noch ein Verschwörungstheorieexperte. Mein Blick ist der eines im weitesten Sinne normalen Durchschnittsmenschen auf das, was die Pandemie mit mir, meiner Familie, meinem Umfeld gemacht hat.

Zunächst hat sich mein Kreis an Freunden und Followern verändert. Nicht mal verkleinert, aber es sind einige rausgeflogen, aus Gründen, die jene, die mir nahestehen sich sicher ausmalen können.

Leider bin ich was die beruflichen Veränderungen in der Arbeitswelt angeht weit weniger optimistisch als viele Experten in den Medien. Ich glaube und ich bitte zu beachten GLAUBE, es wird sehr vieles wieder so werden wie zuvor. Die Digitalisierung hat sich technologisch zwar als machbar erwiesen, aber ich wiederhole es gerne nochmal. Digitaler Wandel ist weniger eine Frage der Technik denn ein Kulturwandel.

Chefs müssen damit leben, ihre „Untergebenen“ nicht mehr permanent physisch überwachen zu können, ja evtl. nicht mal mehr in deren Art der Arbeit eingreifen zu können. Dazu sind meiner Ansicht nach die meisten noch lange nicht bereit. Dazu beharren zu viele auf ihrer Position der Macht.

Und was die Digitalisierung Deutschlands, sei es in Behörden oder Schulen angeht. Nun ja, auch da wird sicher das meiste schneller wieder abgeschafft, als es uns lieb sein kann. Home Office, virtuelle Schulstunden, digitale Behörden waren urplötzlich möglich, als uns keine Wahl blieb. Und sie werden sehr bald wieder verschwinden, wenn alles überstanden ist, damit die althergebrachten Machtstrukturen und überkommenen Arbeitsmethodiken endlich wieder die Modernisierung und diese unheimliche Technik ablösen können. Weil man das eben vor Jahrzehnten mal so gelernt hat und dieses ganze Digitale ja eh Teufelszeug ist, nicht war, Herr Spitzer?

Auch gesellschaftlich werden wir wohl leider nach der Pandemie so weiter machen wie bisher. Wenn ich sehe, was für verquere und teilweise schon (lebens-)gefährliche Verschwörungstheorien oder krude Behauptungen über Aushebelung des Grundgesetzes dort hörbar waren oder wie schon  nach kurzer Zeit die Wissenschaft nicht mehr als Hilfe sondern als Bedrohung gesehen wurde. Sorry, wir werden wieder erleben, dass Pseudowissenschaften und teils sehr kruden Theorien mehr Glauben geschenkt wird, als wissenschaftlich fundierter Arbeit, die aber eben keine klaren schwarz weißen Lösungen liefert, sondern einen aktuellen Erkenntnisstand, der sich Morgen ändern kann.

Ich habe für mich in der Zeit im Home Office gemerkt, wie wenig ich schon lange an Kontakt nach außen benötige. Im Gegensatz zu manch anderen hat mich die freiwillige Quarantäne zuhause nicht belastet. Das ist aber sicher auch einem Familienverbund von insgesamt 5 Personen geschuldet und meinem vermutlich eher verschlossenen Charakter, der es schon immer schwer hatte, Kontakte und damit auch Vertrauen zu knüpfen.

Nein, leider muss ich sagen: Sobald wir die letzten Einschränkungen durch das Coronavirus abgelegt haben werden wir schneller als uns allen lieb sein kann, wieder genau die gleichen alten überkommenen Muster leben, wie vor der Pandemie. Straft mich Lügen und ich wäre glücklich, aber der Glaube daran fehlt mir leider. Momentan scheinen viele plötzlich Verständnis für die Problematik psychisch kranker Menschen zu entwickeln. Das ist mit großer Wahrscheinlichkeit aber schnell vorbei, wenn der normale Alltag wieder Einzug hält. Wir sehen schon jetzt in den Demonstrationen, wie wieder das eigene Freiheitsempfinden über alles gestellt wird, wie nicht gesehen wird, dass mit dem Ignorieren der Vorgaben auch wieder Risikogruppen  (lebens)gefährdet werden. Klar, Rücksicht auf Betroffene, aber bitte nicht mich einschränken.  Egoismus ist jetzt schon wieder überall zu sehen und dieser Gesellschaft täte es zwar gut, mehr Toleranz und miteinander zu leben, aber wenn ich lese, dass jetzt schon Ärzte und Pflegepersonal bedroht werden, dass ihnen nahegelegt wird, umzuziehen, weil man keine Infektionsträger in diesem „ehrenwerten Haus“ wolle, na dann, wir ahnen, was kommt.

Und ich habe hier meine persönliche Last durch die Angststörung und die Depression absichtlich außen vor gelassen. Denn ich weiß, dass dann erst recht die Kritiker, die Trolle mit ihren Keulen in den Kommentarspalten auftauchen werden. Das machen sie sicher auch bei diesem Text schon, aber wir kennen ja alle die erste Anti-Troll Regel. Niemals die Kommentare lesen.

Isolation. Ein Konzept, das ich kenne

Im Moment kommen wieder Medienanfragen, vor allem zu meinem Erleben des „physical distancing“ und wie ich es als Mensch mit Depression und Angststörung erlebe.

Zunächst mal, nicht repräsentativ. Genau wie jede Depression an sich anders ist und man vorsichtig mit Vergleichen von Depressionserkrankungen sein sollte, so gilt dies auch für den Umgang mit der Isolation.

Ich finde die Unterschiede zu meinem sonstigen Alltag zum Beispiel nur marginal. Das hängt auch damit zusammen, dass ich über Jahre, ach eigentlich Jahrzehnte immer eine gewisse Distanz zwischen mir und der sogenannten realen Welt empfunden habe.

Was die Mehrheit für Normalität hielt und hält, das erweckt in mir oft eher ein ungläubiges Kopfschütteln denn das Gefühl von Zugehörigkeit. Natürlich versucht man lange Zeit, davon eine beträchtliche Zeit wieder besseren Wissens, sich anzupassen, reinzupassen, zu passen.

Als dann aber meine Depression schliesslich als offene Wunde für alle sichtbar war, war es für mich endlich klar, dass nicht meine Depression für viel meiner Schwierigkeiten verantwortlich, sondern das Gefühl des anders seins, des ausgeschlossen seins. Das amüsante am Ganzen: Sobald ich meine Andersartigkeit erklären, definieren, offen ansprechen konnte, verschwand das Bedürfnis nach Anpassung. Ich bin so, wer damit ein Problem hat, darf es behalten

Insofern, nein, mir fehlt der Kontakt zu anderen Menschen nicht wirklich. Ich habe meine Familie um mich, es gibt Internet und Videochat und in den meisten Fällen ist das für mich völlig ausreichend. Da draußen laufen viel zu viele Ignoranten, Verschwörungstheoretiker, alles besser Wisser rum. Die brauch ich nicht, die haben mir in der Vergangenheit eher Schwierigkeiten eingebracht.

Was ich allerdings vermisse sind die Gespräche mit Betroffenen, mit Menschen, die so denken, so ticken, so mit Depressionen leben wie ich. Aber auch hier kann ich über meine Social Media Kanäle in Kontakt bleiben.

Für mich bedeutet es mehr Belastung, mich mit ignoranten Idioten konfrontiert zu sehen, die glauben, sie alleine hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen. Mal über einen längeren Zeitraum meine Ruhe vor ihnen zu haben, empfinde ich ehrlich gesagt als ganz angenehm.

Ist so ein ähnlich befreiendes Gefühl, wie eingeschneit zu sein. Man weiß, selbst wenn sie es wollen, die Menschen müssen dich zwangsweise in Ruhe lassen.

Die Mehrheit ist die Mehrheit. Weiter nichts. Weder automatisch im Recht noch im Unrecht. Eine anonyme Masse, die oft eher in einer wirren Neigung dem Herdentrieb folgt und dessen Apolegeten der Verschwörungsfantasien.

Danke, mir geht es gut. Wenn es mal dunkel wird, dann reichen mir meine virtuellen Kontakte, um  mich zu stabilisieren.

Und ja, wir haben nach wie vor genug Toilettenpapier. Bitte, danke und ansonsten gilt: Erstaunlich, wie viele vermeintliche Bundestrainer jetzt plötzlich auch zu Epidemologen und Virologen geworden sind. Und ich soll mich isoliert von solchen Menschen schlecht fühlen? Ganz ehrlich…. Nope.

Und um noch einen ganz anderen Gedanken einzupflegen, wie es mein Umfeld von mir kennt.

Ich höre gerade wieder Billie Eilish und fühle mich erkannt, verstanden und besungen wie selten zuvor. Meine Empfehlung und einen Gruß aus meiner Isolation die für mich gar keine ist.

Corona und Depressionen. Eine persönliche Sicht

Ich hab Depressionen, aber kein Corona. Das an sich ist jetzt weder eine Leistung, noch etwas weltbewegendes. Viele, die von Depressionen betroffen sind, zeigen sich jetzt plötzlich auf Facebook oder Instagram und berichten von ihrer ganz persönlichen Erfahrung mit der Quarantäne. Denn gerade mit einer psychischen Symptomatik kann Isolation und das Fehlen von Alltagsstruktur zur Belastung werden.

Und was ich nicht erwartet habe, es scheint ein gewisses Maß an erweitertem Verständnis für Menschen mit psychischen Erkrankungen zu entstehen. Denn die Quarantäne belastet alle. Freiheiten sind (zu Recht mit Blick auf die Risikogruppen) eingeschränkt. Viele sind jetzt auf sich zurückgeworfen, die früher mit sich eher nicht alleine sein konnten oder wollten und deshalb permanent beschäftigt waren.

Wie alle Krisen bietet auch die Corona Krise eine Chance. Eine Chance zur Reflektion über unsere Werte, unseren bisherigen Lebensstil. Plötzlich geht alles nicht mehr so schnell und dennoch geht es weiter. Plötzlich werden neue Strukturen möglich, die früher für undenkbar gehalten wurden. Ich kenne Unternehmen, die vor Corona behauptet haben, bei ihnen wäre Heimarbeit für viele nicht möglich und die jetzt 80% und mehr ihrer Mitarbeiter nach hause geschickt haben und dennoch geschmeidig funktionieren.

Und viele, die lieber Quacksalbern und Scharlatanen geglaubt haben, als fundierter und ja auch selbstkritischer Wissenschaft, wenden sich plötzlich wieder den Experten zu, die Fakten vor Fiktionen, Wissenschaft und Wissen vor Vermutungen und Behauptungen stellen.

Und eine bestimmte Partei, die immer so sehr an das „deutsche Volk als Gemeinschaft“ appellierte, ist plötzlich erstaunlich still, jetzt, wo es nicht mehr aufs Spalten und Misstrauen schüren, sondern auf Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme und Menschlichkeit ankommt.

Ja, ich sitze hier nach wie vor mit Depressionen und einer Angststörung. Aber entgegen dem, was manche erwarten, komme ich mit dem isoliert sein ganz gut zurecht, zumal ich viele Menschen noch nie gebraucht habe, eher die wertvollen, die wichtigen Menschen.

Aber wenn ich die vielen Statements auf den Social Media Kanälen sehe, die Versuche, Kontakt zu halten, da gemeinsam durchzukommen. Die Aufmunterungen, die Kreativität, ja selbst den Humor, dann wünsche ich mir, dass wir uns davon einiges auch nach der Krise erhalten. Denn dann wird für alle, auch für uns Menschen mit psychischen Problemen, die uns übrigens auch zur Risikogruppe machen, der Umgang miteinander leichter und die psychische Erkrankung weit weniger isolierend.

Ich wünsche mir zweierlei. Natürlich, dass die Krise möglichst bald vorüber ist. Aber auch, dass wir uns daran erinnern, wie wir plötzlich zusammengehalten haben (bis auf die Hamsterer, deren Gier nach Toilettenpapier ich bis heute nicht verstehe).

Und eins sollte jetzt auch klar geworden sein. Digitalisierung hat auch ihre guten Seiten. Sie hält Kontakt, macht Einsamkeit erträglicher und ermöglicht auch in der Isolation noch zu arbeiten, zu lernen und damit eine Struktur im Alltag zu erhalten, die gerade für Menschen mit psychischen Erkrankungen so wichtig ist.

Ach, und weiterhin gilt #stayathome #bleibzuhause #flattenthecurve

Zum Schluss eine Bitte. Ja, Applaus, Plakate, ganzseitige Danksagungen in Tageszeitungen für die, die jetzt in der Krise plötzlich wichtig und systemrelevant sind wie Krankenschwestern und Pfleger, Altenpflegerinnen und Pfleger aber auch TruckerInnen, VerkäuferInnen, ÄrztInnen. Das alles ist eine nette Geste, aber bitte, wenn die Krise vorbei ist, wie wäre es dann mal damit, mit ihnen und für sie für bessere Arbeitsbedingungen, mehr Personal und endlich ein Ende des Kaputtsparens der Kliniken und des Gesundheitswesens einzutreten. Denn jetzt können wir sie alle gar nicht genug loben. Aber wenn Corona Geschichte ist, machen sie alle nach wie vor die eigentlich systemrelevante Arbeit und werden dafür schlecht bezahlt und sind schlecht ausgestattet, während andere in Anzug und Krawatte Unsummen damit verdienen, ein paar mittlerweile digitale Geldbeträge  hin und her zu schaufeln. Der Wert einer Arbeit ist eben mehr, als ein Geldbetrag. DAS sollten wir uns endlich wieder vor Augen führen.

Der Schmerz der Erinnerung

Wenn ich einschlafen will, muss die Decke über meinem Ohr liegen. Ich muss ins Zimmer blicken, weil es Erinnerungen gibt, die das verlangen. Weil ich als Kind Albträume hatte und oft nicht schlafen konnte, weil es laut war. Nicht umweltgeräuschelaut, sondern wutundtränenundschreienlaut.

Weil ich irgendwann Angst bekam, vor lauten Tönen.

Ich liebe es, zu baden. Mit den Ohren unter Wasser. Weil der Schall dann dumpfer wird, die Geräusche gedämpfter werden.

Es tat weh in den Ohren und im Herz, wenn wieder durchs Haus geschrien wurde. Es gab nie Gewalt körperlicher Art. Aber das brauchte es nicht, um mich zu ängstigen, aus dem kleinen Jungen ein noch kleineres Etwas zu machen.

Ich habe mich wohl irgendwann mit der Angst angefreundet, mit ihren Lügen von Minderwertigkeit, von falsch sein, von nicht geliebt werden. Ich habe sie geglaubt und manchmal, durch einen Film, eine Geschichte, einen elternähnlichen Menschen, kommen die Erinnerungen wieder hoch. Dann werde ich wieder zwölfjährigtraurig.

Irgendwann, keine Ahnung wann, habe ich wohl für mich beschlossen, der Lärm, der Krach, der Streit wäre meine Schuld. Dann noch mein Vater, krank, ohne Diagnose und fast ohne Hoffnung.

Ich glaube, irgendwann in diesen Jahren ist mein Herz geschrumpft, zerbrochen und die Narben reißen auch heute immer wieder auf, wenn die Erinnerung zu groß, die Traurigkeit zu mächtig werden. Dann sitzt da nicht mehr der mittlerweile über fünfzigjährige Mann, sondern das kleine Häufchen Elend, dass sich nur dann zu weinen erlaubte, wenn es auch ja keiner sieht. Oder das in einem Meer aus Tränen hilflos im Wohnzimmer stand und den Lärm der Vorwürfe nicht mehr ertragen konnte.

Melancholie ist so weit ich denken kann mein Begleiter, die Stimmung, die für mich über Jahrzehnte nicht etwas besonderes, sondern Alltag war.

Angst und Panik, Flucht, ein Muster, das ich irgendwann verinnerlicht habe, um  dem Schmerz zu entkommen. Ich lernte, unsichtbar, folgsam und wo es mir möglich war, auch perfekt zu werden. Und wenn es nur die Perfektion des nicht mehr da seins, nicht mehr störens war. Es hat lange gedauert, bis ich wieder Menschen an mich herangelassen habe. Und dann nur an meine Masken, der schmerzafte, der echte Kern blieb allen verborgen. Bis zu diesem einen Tag. Dem Tag, der mich wieder ohne Schutz, ohne die lärmdämmende Bettdecke, ohne das Wasser in der Wanne als Schalldämpfung zurück geworfen hat in meine dunkelsten Erinnerungen.

Ich habe Gott sei Dank überlebt. Meine Masken habe ich verloren und lebe jetzt echter, als je zuvor. Aber das heißt auch, dass der Schmerz wieder da ist. Dass vieles wieder hervorkriecht und eine tiefe Traurigkeit auslöst. Nicht mehr die Verzweiflung am Leben sondern die Trauer der Gewissheit, dass vieles hätte anders, besser, schöner oder einfach nur leiser sein können.

Ich lebe noch. Oder erst?

Die Idiotie der Bürokratie bei der Therapie

Unsere Tochter ist bei einer Therapeutin. Und es hilft ihr, da sie leicht im Spektrum liegt, zwar hochbegabt aber auch sehr sensibel ist. So weit so gut, die Therapeutin wollte deshalb eine Verlängerung der Therapie beantragen. Stellt sich raus, bei unserer Kasse glaubt man Therapeuten nicht und verlangt für eine weitere Verlängerung einen Gutachter. Dieser Gutachter, der meine Tochter gar nicht persönlich kennt, hat nun wegen angeblich guter Fortschritte abgelehnt. Eine Katastrophe in meinen Augen, da sie gerade erst so weit ist, mit der Schule einigermaßen zurecht zu kommen und noch einiges an Arbeit vor uns läge.

Der völlige Blödsinn aber: Würde sie jetzt nochmal als Notfall eingewiesen, könnte man neue beantragen. Amtsschimmel ich hör dich gackern.

Jetzt überlegen wir, die Kasse zu wechseln, da es wohl mittlerweile viele Kassen gibt, die den Therapeuten etwas mehr vertrauen und diesen bürokratischen Irrsinn eines Gutachters nicht brauchen (und damit sicher auch Geld sparen)

Danke für garnix. Wir werden wohl mal bei der Konkurrenz anklopfen.

Hört auf euer Herz

Eine Erinnerung aus meiner Zeit in den Klinik hat sich  mir  durch meine Therapien  und die Erkenntnis eingeprägt:

Wie viele Masken ich einmal getragen habe.

Wenn du psychisch krank bist, setzt du zwangsläufig Masken auf. Du wirst gefragt, wie es dir geht, antwortest wahrheitsgemäß „Nicht gut“ und erlebst, wie die meisten Menschen dann einfach das Thema wechseln oder das Gespräch abbrechen. Spätestens beim dritten Mal sagst du dann „Gut“ und setzt die erste Maske auf. Dazu kommen dann die „braver Arbeitnehmer“ Maske, die „stets hilfsbereiter Freund“ Maske und und und.

Als ich in der Therapie dann die Aufgabe bekam, versuchsweise alle Masken zu entfernen, blieb nach der letzten Maske nichts mehr von mir selbst übrig.

Ich existierte als eigene Person quasi nicht. Ich hatte die ganzen Jahre die Wünsche und Vorstellungen anderer von mir gelebt.

Selbst mein Studium der CL&KI, die Informatik, meine Leidenschaft fürs Programmieren, alles nicht wirklich echt. Sicher, ich kann Software entwickeln und ich mag den Umgang mit Technologie. Aber mein Herz hat immer schon etwas anderes gewollt. Erst vor kurzem erinnerte ich mich wieder an einen Eignungstest beim Arbeitsamt, damals, kurz nach dem Abitur.

Der Tester meinte nach Sichtung der Ergebnisse, der Test müsse wohl kaputt sein. Bei mir kam extrem deutlich als Ergebnis entweder Kunstmaler oder  Autor.

Beides waren damals Herzenswünsche, aber beides auch Lebenswege, die mir in meiner Angst und unter meinen Masken viel zu gefährlich, viel zu unsicher vorkamen. So tat ich, was meine Eltern sich vorstellten, begann mit BWL und Informatik. Gut, die BWL hab ich mangels Talent schnell gelassen, auch dank einer guten Studienberaterin, die mein Unglück erkannte, und mir zum Wechsel riet. Aber unterschwellig war da immer das Gefühl, das bin nicht wirklich ich. Erst nachdem ich eingeliefert wurde, nachdem mein Leben gefühlt völlig ruiniert war, wagte ich das vorher undenkbare, als sich mir die Chance bot. Ich nahm das Angebot an, ein Buch über meine Geschichte zu schreiben.

Ich kann nicht wirklich in Worte fassen, was das für mich auch heute noch bedeutet, wie sehr das mein Leben gewandelt hat. Heute trage ich kaum mehr Masken, nur noch da, wo es unbedingt angeraten ist. Ansonsten bin ich, wenn meine Depression  mir den Raum dafür lässt, so glücklich wie selten zuvor.

Und ich tue, was mein Herz mir sagt. Sicher, davon kann ich nicht leben, aber ich kann daraus jetzt Kraft schöpfen, ich kann mich mit Texten befassen, male auch wieder und habe erkannt, wie sehr ich all die Jahre anderer Menschen Leben gelebt habe.

Ich weiß, ich soll nicht im Zorn zurückblicken, aber ein bisschen traurig macht es mich schon, dass erst ein Suizidversuch mich dazu brachte, umzudenken, mein Leben für mich selbst neu zu definierfen.

Von den zwei Pfaden habe ich lange Jahre den ausgetretenen gewählt. Erst in der Therapie hab ich den Weg zurück gesucht, um die falsche Abzweigung zu finden, die mich auf diesen fatalen Weg geführt hat. Ich denke, ich hab sie gefunden und bin jetzt viel überlegter, welche Abzweigung ich auf meinem weiteren Weg wähle. Denn ich habe gelernt, es kann schneller das Ende des Pfads kommen, als wir es uns vorstellen. Und wenn ich am Ende meines Pfades bin, möchte ich wenigstens sagen können, dass es mein eigener Weg war, nicht eine Karte, die andere für mich vorgezeichnet haben.