Entrümpeln mal anders

Es ist leider oft wirklich so, dass erst einschneidende, lebensbedrohliche Erlebnisse einem so manche Wahrheit vor Augen führen.

Bei mir waren es toxische Menschen und falsche Ansprüche an mich selbst. Oder um es genauer zu definieren, der Glaube, dass andere mich besser kennen, als ich selbst. Sicher, ich gestehe mir auch nicht alle Wahrheiten über mich ein, schon gar nicht die dunklen Seiten. Aber was andere an mir für richtig und falsch halten, ist noch weitaus stärker durch deren Sicht auf die Welt, deren Prioritäten und oft auch deren eigene Enttäuschungen und Defizite verbrämt.

Oh und außerdem, manch angeblich dunkle Seite ist nur von anderen dunkel geredet worden und in Wahrheit einfach ein wichtiger Bestandteil meiner selbst.

Also war einer der ersten Schritte: Weg damit, weg mit all der Toxizität, den falschen Ansprüchen an mich selbst.

Problem dabei, damit sind auch viele Masken gefallen und vieles, was ich für relevant oder wichtig erachtet hatte, verschwand in der Belanglosigkeit. Welcher Besitz, welches Gehalt, welches Auto. Ganz ehrlich, wer sich darüber und daraus definiert, der hat seinen eigenen Kern, sein inneres Wesen unter einer Aufhäufung falscher Werte vergraben.

Ich bin auf der Welt, ich bin einzigartig. Vor mir gab es niemand wie mich, nach mir ebenso wenig. Also besser ich bin wirklich ich selbst als irgendeine billige Kopie von irgendjemand anderem.

Und wenn wir uns alle bewußt machen, dass wir auf kosmischer Ebene immer schon existiert haben und auch immer existieren werden (und ich meine das weder religiös noch metaphysisch) dann wird für so manchen die eigene Bedeutung sehr klein.

Ich halte es da mit Neil deGrasse Tyson, der es für eine unglaubliche beruhigende und Bedeutung schaffende Erkenntnis hielt und der es, Carl Sagan zitierend so formulierte: „Wir alle sind Sternenstaub.“ Und das meint er wörtlich.

Leb nicht ein Leben, das sich an Werten und Vorstellungen anderer orientiert. Leb nicht, um anderen zu gefallen.

Was ich durch meinen beinahe Tod gelernt habe:  Ich bin der Einzige, der zu bestimmen hat, wie ich lebe, welche Werte ich für relevant erachte.

Und das in meinem bescheidenen Blick wertvollste, das  man ggf. über sein Leben sagen kann, ist: Ich habe jeden Tag versucht, die Welt etwas besser zu machen.

Das müssen dann keine großen Taten sein. Das Lächeln an der Kasse beim Bezahlen. Jemandem a priori erst mal wohlwollend begegnen. Ein offenes Ohr für einen Freund oder eine Freundin in einer Krise haben.

Die kleinen Dinge wirken manchmal wie ein Schneeball, der zu einer Lawine wird. Und selbst wenn nicht. Immerhin kann ich dann sagen, ich habe heute wieder mein Bestes gegeben.

Also weg mit all den defizitären Anschuldigungen, weg mit den Wünschen anderer, wie wir zu sein haben. Sei du selbst. Macht sonst eh kein anderer!

 

Die Nacht war immer mein Freund

Noch bevor ich mich mit meiner Depression konfrontiert sah, lange bevor ich mcih nicht mehr als charakterschwach sondern ernsthaft krank gesehen habe, spürte ich, dass einiges in mir anders funktionierte, als bei den „Normalen“.

Ganz besonders spürte ich das während meiner Zivildienstzeit. Ich arbeitete in einem Altenkrankenhaus, immer nur Nachtschicht. Das hieß für mich, sieben Tage arbeiten, sieben Tage frei. Und ich habe es genoßen, wie selten eine Zeit in meinem Leben. Die Stille, die Ferne all jener Menschen, die mich sonst hätten verletzen können. Dafür Menschen, die nach einer OP zu uns kamen, bevor sie wieder nach Hause oder in Alten- bzw. Pflegeheime entlassen wurden.

Es war viel Raum, viel Zeit, viel Stille. Man lebte wie in einer Traumblase, die Welt draußen schlief, während man selbst auf Wacht war.

Mein Leben wurde langsamer, bewußter. Ich begann erneut meine Malerei, verdiente mir mit Portraits von Patienten, in Auftrag gegeben von deren Verwandten sogar die eine oder andere Mark (ja, das war noch vor dem Euro)

Und die freien Tage genoß ich. Ich wechselte nicht mal sehr den Rhythmus. Weil meine damalige Freundin tagsüber beschäftigt war, stand ich eher spät auf, dafür wurden die gemeinsamen Nächte oft lang und sehr intensiv. Ich begann auch meine Sexualität zu entdecken, meinen Selbstwert, meine Leidenschaften zu pflegen. Es war das fehlende Korsett, das mich glücklicher sein ließ, als jemals zuvor. Ja, ich hatte feste Dienstzeiten. Aber die Nachtschicht war immer mehr eine Wache für die Patienten, damit diese sicher und geborgen waren. Man fühlte sich aus der Welt genommen, wie in einem ganz eigenen Kosmos. Ich glaube, ich habe selten intensiver und leidenschaftlicher gelebt, als in dieser Zeit. Auch, weil viele der Verletzungen, der Erniedrigungen, die ich Jahre lang auch und insbesondere von Zuhause erfahren hatte, einfach weggefallen sind in dieser Zeit. Ich war frei wie selten zuvor und lebte das mit Genuss aus.

Bis heute ist dieses Gefühl geblieben, diese Geborgenheit, die die Nacht für mich darstellt. Manchmal habe ich schon drüber nachgedacht, ob das eher etwas mit meinen Ängsten und Depressionen zu tun hatte und hat. Aber wenn, dann war die Nacht für mich immer eher die Medikation, um meine Ängste, meine düsteren Gedanken zu vertreiben. Das mag in gewissem Maße paradox klingen. Aber ich fühlte mich und fühle mich insbesondere Nachts sicherer, geborgener, beschützter.  Oder anders gesagt. Unerreichbar, verschwunden und dennoch am Leben. Keiner, der mich verletzt, keiner, der mich niedermachen kann. Ich bin mit mir und der Dunkelheit alleine. Und die Dunkelheit war immer etwas beruhigendes, etwas Wunden heilendes für mich. Meine kleine, eigene Traumwelt, mit meinen Regeln und frei von Menschen, die mich nicht verstehen, nicht so akzeptieren wollten, wie ich war und jetzt ganz bewußt wieder bin.

Ich habe in dieser Zeit wohl viel Energie aufgetankt, die mich noch Jahre später getragen hat und die erst zerstört wurde, als mich die Korsette des „normalen“ Alltags und nicht gerade sehr wohlwollende Menschen eingeengt, abgewertet, für mangelhaft dargestellt haben. Es waren kleine Messerstiche, die aber in Summe zu einer klaffenden Wunde angewachsen sind, die mich fast umgebracht hätte. Kein Einzelner war dafür verantwortlich aber es gab genug Menschen, die mir willentlich oder nicht Schmerz zugefügt haben, die mich in eine normale Welt pressen wollten, deren Wahnsinnigkeit ich längst durchschaut hatte. Heute versuche ich, anderen zu helfen, weil ich weiß, wie wichtig es ist, man selbst zu sein, niemanden zu erlauben, dass sie oder er darüber bestimmt, welchen Wert ich als Mensch habe. Die Nacht war für mich mein Schutz und erst die letzten Jahre haben es im Nachhinein ermöglicht, dass ich auch den Tag lieben gelernt habe. Dass ich das geworden bin, was ich schon immer sein wollte. Ein Maler, ein Autor, ein Liebhaber, ein Aktivist.

Und vor allem. ICH.

Was heißt eigentlich mutig

Immer wieder bescheinigen mir Leser oder Zuhörer meiner Vorträge, ich sei doch sehr mutig, so mit meiner Krankheit umzugehen.

Das ist für mich ein zweischneidiges Schwert.

Was ich tue hat für mich nichts mit Mut zu tun, eher mit der Erkenntnis, dass ich viel zu lange darüber geschwiegen habe, dass es mir einfach gut tut, offen über meine psychischen Probleme zu sprechen.

Es ist nicht mit Angst belastet, die ich überwinden musste vor einer Gefahr, einer ureigenen Furcht vor etwas bedrohlich Unbekanntem. Mut heißt in meiner Definition vor allem, in einer mit Angst beladenen Situation dennoch zu handeln und hier vor allem auch richtig zu handeln. Also kein Ausweichen, kein Rückzug sondern zunächst der Schritt nach vorne, der Angst entgegen.

Wenn das aber stimmt, dann ist jeder mutig, der sich seiner psychischen Problematik stellt, sei es Angst, Panik, Depression, Schizophrenie oder irgendwas anderes.

Mut ist auch, seine eigenen Schwächen zu erkennen und zu benennen, die verwundbaren Stellen nicht zu verstecken, sondern offen zu tragen.

Mut ist für mich vor allem eins.  Handeln. Voran gehen, Vorbild sein, auch mit und durch die eigenen Schwächen.

Mutige Menschen sind seltene Menschen. Weil sie eben nicht ohne nachzudenken in jedes Abenteuer gehen. Weil sie vielmehr ihre Angst und ihre Schwächen kennen und trotzdem das Voranschreiten wagen.

Helden sind mutig, nicht stark oder übermenschlich. Helden sind Menschen, die den schwereren Weg gehen, der aber authentisch ist und der voran bringt.

Mutige Menschen ruhen sich nicht auf dem Status Quo aus sondern arbeiten an Veränderung, wo sie Veränderung für nötig erachten.

Und mutige Menschen interessieren sich nicht für das Bild oder die Vorstellungen anderer darüber, wie sie zu handeln haben.

Insofern. Seid Helden, seid mutig. Indem ihr Angst, Schwäche und Niederlagen nicht meidet, sondern begrüsst, nicht versteckt, sondern ins Tageslicht zerrt. Und nicht gegen sie kämpft, sondern mit ihnen voranschreitet. Angst als Begleiter heißt auch den Feind unter Kontrolle zu haben.

Ich war der Antiheld in meinem Film

Widerspruch erwarte ich. Aber wer hat nicht schon mal den Schmerz gespürt, wenn er erkannt hat, dass das eigene Leben, der eigene Weg nicht so brilliant war, wie man ihn sich ausgemalt hat. Wenn die Träume, die man als Jugendlicher hatte, längst auf dem Müllhaufen der eigenen Geschichte gelandet sind.

Und wenn du Träume hattest, wenn du dir ausgemalt hast, mal ein Star, ein Schauspieler, eine Autorin, eine Künstlerin zu werden, dann hattest du zumindest einen kleinen Schatz, den Schatz einer schönen Zukunft.

Meine Träume, meine Wünsche rankten sich eher um weniger Streit, mehr Verständnis und je älter ich wurde um weniger dunkle und mehr fröhliche Tage.

Denn in meinem Leben hat mich über Jahrzehnte ein heimlicher Dieb und Dämon begleitet. Nachts, Morgens, im gleißenden Licht eines schönen Sommertags, saß da immer eine kleine, graue, gehässige Gestalt, die das große Talent hatte, alles zu zerstören, abzuwerten, klein zu machen, dass uns etwas bedeutete.

Der kleine Teufel Zweifel nagt an jedem von uns. Wenn wir Glück haben, reicht es, die Ohren der Seele zu verschließen, um seine Tiraden nicht ertragen zu müssen.

Wenn dein Leben aber über Jahrzehnte nur aus Herbst und Winter als Jahreszeiten bestanden hat, dann hat dein Dämon dich fest im Griff. Dann bist du nie gut, geschweige den gut genug. Dann glaubst du ihm, dass du nie etwas werden wisst, dass dein Leben aus einer endlosen Reihe von Enttäuschungen bestehen wird.

Wenn dein kleiner Dämon jeden Tag deine Schulter besetzt, dann bist du bei allem Positven, jedem Lob, jedem Erfolg misstrauisch und findest früher oder später Gründe dafür, ihn klein zu reden, niederzumachen, dich wieder als nichts wert zu sehen.

Wie oft habe ich mir ausgemalt, ich könnte Schauspieler sein, Autor, der selbst in seinem Leben die Hauptrolle spielt, der etwas zu erzählen hat, der etwas darzustellen hat. Schauspielern, das konnte ich, aber eher, weil ich immer daran arbeiten musste, meinen kleinen Dämon vor der Umwelt zu verstecken. „Mir geht es gut“, war nicht meine Wahrheit, aber mein Mantra im Umgang mit der Welt.

Als mein Suizidversuch mich in die Psychiatrie brachte, da saß mein Dämon zunächst lachend auf meiner Schulter, nein, tanzte auf ihr und jubelte „Siehst du, nicht mal das schaffst du.“

Aber eins hat mein Dämon damals übersehen, hat sich davon blenden lassen.

Ich lag am Boden, ja. In einem Kinofilm wäre ich in dem Moment wohl der Loser gewesen, der aus der Geschichte fliegt, der den dramatisch verzweifelnden Part spielt, damit der Held der Geschichte dramatisch überhöht um dessen Verlust trauen, daran aber wachsen kann.

Aber es geschah damals etwas Überraschendes, etwas Unerwartetes, das mich ebenso wie meinen Dämon überrumpelt hat, das das Skript meines Lebens so sehr umgeschrieben hat, wie ich es mir niemals hätte träumen lassen.

Mein Skript wurde komplett neu geschrieben. Von Menschen, die sich mir öffneten, die mir ihre ehrliche Seite zeigten. Von Menschen, die dem Dämon wenn auch manchmal nur für Minuten den Mund verboten und mir den neuen Lebensweg in der Glaskugel „Hoffnung“ zeigten.

Und von Menschen, die an meine Geschichte glaubten, die mich nicht als den Loser meines Lebens, sondern den Kämpfer gesehen haben. Damit waren sie mir um Monate voraus, wenn nicht um Jahre. Heute sehe auch ich mich als Kämpfer. Nicht nur für mich, sondern für all jene, deren Lebensskript es wert ist, überarbeitet zu werden.

Der Dämon ist nach wie vor da, aber wir haben jetzt Termine miteinander und dazwischen zieht er aus.

Ich bin zum Autor geworden, ein Weg meines Lebens, der maximal ein wirrer unrealistischer Traum für  mich war, bis mir ein Mensch, der an meine Geschichte glaubte, die Hand gereicht hat und mir diesen Weg gezeigt.

Ich stehe heute auf Bühnen, prange auf Plakaten, kann Menschen mit meiner Geschichte berühren und ja, sogar Leben retten. Mein Lebensskript hat endlich ein paar lichte Momente bekommen und dafür bin ich allen dankbar, die mir in den dunklen Jahren zur Seite standen und all jenen, die mich auf den neuen Pfad gelenkt und mir dort mit den ersten Schritten geholfen haben. Und ich bin jenen dankbar, die  mir spiegeln, was meine Geschichte für sie bedeutet.

Es fällt mir nach wie vor schwer, Lob anzunehmen, die Fortsetzung meines eigenen Films im Lebenskino überwiegend positiv zu sehen aber hey, das ist ja erst der zweite Teil. Wer weiß, welche Fortsetzungen sich noch ergeben.

Und ich habe eines gelernt. Die spannenden Geschichten sind nicht die, in denen der Held alles schafft, alles gewinnt. Die spannenden Geschichten handeln vom Scheitern und wieder aufstehen, scheitern und wieder aufstehen, scheitern und wieder aufstehen. Und von Menschen, die in Krisen den Weg mit gehen. Das Leben besteht aus vielen kleinen Dramen und manchmal einer Komödie oder einem Abenteuer dazwischen.

Und wir selbst sind IMMER der Star, die Hauptrolle, der Held unserer Geschichte. Nur ob der Film unseres Lebens ein Happy End, eine gute Auflösung bietet oder in einem Drama endet, das haben alleine wir in der Hand.

Lasst uns unsere Lebensskripte selbst schreiben, neu schreiben, besser schreiben.

Damit wir am Ende sagen können: Es war nicht immer gut, aber es war meins.

Vom Loslassen

Ich hatte einen Plan für mein Leben. Einen guten Plan, einen sicheren Plan.

 

 

Aber nicht meinen Plan.

Was ich werden wollte, war zu großen Teilen von anderen eingeredet oder durch andere beeinflußt.

Ich habe mich immer für einen begeisterten Softwareentwickler gehalten. In Wirklichkeit habe ich an dem Gedanken einer vermeintlichen Sicherheit festgehalten, statt loszulassen und mich auf das einzulassen, was mein Herz wollte.

Eigentlich war mein Traum ein Autor oder Kunstmaler zu werden. Es existierte bereits eine erfolgversprechende Kunstmappe und auch schreibend war ich kurz nach meinem Abi schon recht erfolgreich. Aber da war immer diese Angst vor dem Loslassen.

Die Angst vor Frosts „weniger begangenem Weg“. Was, wenn ich keinen Erfolg hätte, was wenn meine Kunst niemandem gefallen würde. Der Computer, das Programmieren hatten mich vor allem beschäftigt, weil sie mir Sicherheit und Kontrolle boten. Ein Mikrokosmos, den im Griff ich ohne Schwierigkeiten schaffte. Und schon damals wusste ich, IT wird auch in Zukunft gebraucht, ist also ein viel begangener aber sicherer Weg. Um den Weg zu beschreiten habe ich aber in Kauf genommen, meine Seele, meinen Herzensweg verlassen.

Und das hat mich dreißig Jahre später auf fast tödliche Weise wieder eingeholt. Es gab kleine Momente dazwischen, Freiräume, die meinem Herz erlaubten, seinen Weg zu suchen. Aber die währten nie lange. Ich begann mit dem Studium. Nach Humboldt, also mit Freiräumen, mich zu finden. Das waren Momente, die mein Herz aufleben ließen. Aber es ist wie mit dem Faustschen Pakt mit dem Teufel. Ich hatte meine Seele eingetauscht gegen ein sicheres aber letztlich falsches Leben. Und wie Faust von seinem Pakt eingeholt wird und dafür bezahlen muss, so war es auch bei mir. Und der Preis war fast mein Leben.

Erst als ich in der Notaufnahme wieder erwacht bin und glaubte, alles verloren zu haben, war ich bereit, loszulassen, mich auf unbekanntes Terrain zu begeben.

„Dies alles sage ich, mit einem Ach darin, dereinst
und irgendwo nach Jahr und Jahr und Jahr:
Im Wald, da war ein Weg, der Weg lief auseinander,
und ich – ich schlug den einen ein, den weniger begangen, und dieses war der ganze Unterschied.“

In dem Moment, als ich die Kontrolle abgegeben habe, mich auch der Unsicherheit und damit dem eigenen wirklichen Leben geöffnet habe, konnte ich meinem Herz erlauben, wieder frei zu sein.

Heute bin ich, was ich immer sein wollte. Künstler, Autor, Performer, Aktivist. Und ich schaffe es mittlerweile auch, mit der Unsicherheit, dem Unwägbaren zu leben. Der Pakt mit dem Teufel Sicherheit, Gewissheit ist immer noch verlockend. Aber jetzt scheint seine Falschheit, das Verlogene deutlich durch und ermahnt mich immer wieder aufs neue, den Weg zu gehen, der weniger begangen, aber mein eigener ist.

Und ich habe noch mehr losgelassen. Menschen, die mir schaden. Menschen, die mich nur für ihren Vorteil nutzen. Menschen, die ob willentlich oder unwillentlich schlicht böse sind.

Ich kann nicht allen verzeihen, auch wenn manche das raten. Aber ich kann loslassen, den Zorn kommen und wieder gehen lassen und so meinen Frieden mit den Schmerzen schließen, die mir zugefügt wurden und auch nach Jahrzehnten immer wieder kommen.

Loslassen, nicht kontrollieren, hat mir letztlich das Leben, mein Herz und meine Seele gerettet.

 

Der Sinn des Lebens V2.0

Ich kenne ihn nicht. Hab ihn eigentlich nie gekannt
hab mir auf der Suche nach ihm nicht nur Finger verbrannt.
Bin gestürzt und geflogen, hab gelogen, betrogen,
die Wahrheit gesagt und mich zu oft verbogen.

Du brauchst einen Sinn, einen Weg, ein Ziel.
Danach zu suchen wurde später mir letztlich zu viel.

Keinen Sinn, keinen Weg, dann könnt ich gleich gehen.
Gut das die die mir wichtig, dann fest zu mir stehen.

Ich war mal ein braver, ein folgsamer, gänzlich normal.
Heut wär mir normal sein nicht Freude doch Qual.

Ihr wollt den Sinn, glaubt ich hätt ihn gefunden?
Manchmal dacht ich, doch er hat sich mir immer entwunden.

Heut weiß ich, das Leben an sich ist der Sinn.
Das ich hier bin und Mensch bin ist größter Gewinn.

Ich will nicht mehr passen, nicht folgen nicht stimmen
Bin Künstler, bin Autor, bin begeistert am spinnen.

Die Norm fand ich spannend, hab mich lang dran gehalten.
Jetzt ist sie das Grauen, da um uns zu verwalten.

Schön brav solln wir sein, und ruhig und still.
Bewahr uns dass einer von euch andres will.

Was nicht in die Norm passt wird verbogen, verdammt.
Bis jeder letztendlich zur Erkenntnis gelangt.

Hütet euch vor denen, die scheinbar allwissend
So wenig echt leben, dass sie es nicht mal vermissen.

Seid auf der Suche, seid neugierig, lebt.
Denn ihr wisst nicht, wann eure letzte Rolle ihr gebt.

Es kann schneller vorbei sein, ne Floskel ich weiß,
Doch das Leben liefert irgendwann den letzten Beweis.

Dann wünsch ich euch allen, dass ihr sagt, hab gelebt.
Und nicht bereut, was ihr jetzt erst versteht.

Digital Detox ist Bullshit

Wieder mal wird die „dieses Internet ist ja so böse“ Sau durchs digitale Dorf getrieben. Dieses Mal in Gestalt eines Artikels in der ZEITmit dem vielsagenden Titel: Digital Detox, ein Leben nach dem Internet, jetzt! 

Ein Beitrag, so tendenziös und anmaßend, so bevormundend und schlecht recherchiert, wie eigentlich alles, was sich sinnvollerweise kritisch mit der digitalen Welt auseinanderzusetzen vorgibt.

Ja, auf Grund meiner Depression und einer Diagnose einer Therapeutin habe ich mal 4 Wochen auf das Internet verzichtet. Es ging ohne Probleme. Aber im Gegensatz zu manch anderen, die von einem völlig neuen Leben schwärmen, hat sich bei mir nichts verändert. Nichts wurde besser oder schlechter. Einiges vielleicht komplizierter.

Nein, auch vor dem Smartphone hatte ich keinerlei Interesse, von wildfremden Menschen in der Straßenbahn angesprochen zu werden. Mein Umfeld nutzt zu 100% ein Smartphone aber ich sehe niemanden, der permanent in Gesellschaft auf sein Smartphone starrt oder nicht zuhört, weil er gerade eine Nachricht schreibt.

Der Artikel erinnert mich sehr an Spitzer. Einfach mal ein paar Behauptungen in den Raum stellen, die auf größtmögliche Zustimmung stossen. Dabei ist die Aussage, dass das Internet uns krank macht, sowohl belegt, als auch widerlegt. Es kommt wie bei allem auf die Art der Verwendung an. Wenn ich aber mit den  digitalen Angeboten nicht umgehen kann, dann ist es eben keine valide Lösung, diese Angebote verbieten, dämonisieren zu wollen.

Das Internet ist eine Technologie, die nicht alleine dadurch gefährlich wird, dass ich sie nicht bedienen kann. Wenn ich so wenig Selbstkontrolle habe, dass ich beständig aufs Smartphone schaue, dann dürfte diese Selbstkontrolle möglicherweise auch in anderen Bereichen nicht vorhanden sein.

Mir hat das Netz zwei Mal das Leben gerettet, ich habe Online gegen ein Psychiatriegesetz eine Petition gestartet, die sehr erfolgreich war und bin erst dadurch zum Buchautoren geworden, dass ich auf Twitter aktiv war und bin.

Bitte, wenn schon so ein Artikel, dann nicht „wir“ und „man“, sondern „ich“. Das Ganze ist die durchaus berechtigte Sichtweise der Autorin, aber beileibe nicht Fakt oder belegtes Wissen. Die Studien zur Digitalisierung finden wie in so vielen anderen Bereichen erst statt und es werden immer wieder positive wie negative Effekte entdeckt. Jüngste Studien belegen zum Beispiel eben auch, dass Social Media Menschen mit psychischen Problemen helfen kann.

Ein Schelm, der hier „Unterstützung fürs eigene Buch“ denkt.

 

Oh, und hier ein paar Quellen mit einer etwas anderen Sicht. Natürlich gibt es auch negative Effekte und bei Depressionen sich mit andern auf Social Media zu vergleichen ist das Dümmste, was man tun kann. Aber man kann eben auch austauschen, Hilfe geben und erhalten, man kann sein Leben gerettet bekommen:
We’re told that too much screen time hurts our kids. Where’s the evidence?
Psychische Krankheiten auf Social Media, weg mit dem Stigma 

Why it’s high time you ditched that digital detox nonsense

Why a digital Detox is bad for us

Brinkert/Metzelder-Kampagne: Mit VR-Brille in Robert Enkes Gefühlswelt eintauchen

Bayerisches Psychiatriegesetz: Ein Jahr nach dem Eklat

Über 80.000 Unterschriften gegen bayerisches Psychiatriegesetz (Am Ende waren es knapp 150.000)

„Abhängigkeit von sozialen Medien gibt es nicht“

Microblogging and the value of undirected communication

Online-Therapie bei Depression“Man merkt wieder, dass man etwas schafft“

Online Foren Depression

Das sind genauso wenig repräsentative Sichten wie die Gegenseite, aber dieses tendenziöse Bashing, gepaart mit dem erzieherischen Zeigefinger und der messiatischen Art, alles Digitale zu dämonisieren hilft nicht weiter. Digital is here to stay. Vielleicht sollten manche den Umgang damit besser lernen, als ihn zu verdammen. Natürlich gibt es negative Auswirkungen, aber hey, die gibts auch beim Auto, beim Fernsehen, beim Essen, hey, beim Leben selbst.. Also? VERBIETEN! ALLEN!
Oder vielleicht doch nachdenken, was man tut, lernen, sich weiterentwickeln? Wir haben den Zug überlebt, das Fernsehen, das Telefon…