Ich war der Antiheld in meinem Film

Widerspruch erwarte ich. Aber wer hat nicht schon mal den Schmerz gespürt, wenn er erkannt hat, dass das eigene Leben, der eigene Weg nicht so brilliant war, wie man ihn sich ausgemalt hat. Wenn die Träume, die man als Jugendlicher hatte, längst auf dem Müllhaufen der eigenen Geschichte gelandet sind.

Und wenn du Träume hattest, wenn du dir ausgemalt hast, mal ein Star, ein Schauspieler, eine Autorin, eine Künstlerin zu werden, dann hattest du zumindest einen kleinen Schatz, den Schatz einer schönen Zukunft.

Meine Träume, meine Wünsche rankten sich eher um weniger Streit, mehr Verständnis und je älter ich wurde um weniger dunkle und mehr fröhliche Tage.

Denn in meinem Leben hat mich über Jahrzehnte ein heimlicher Dieb und Dämon begleitet. Nachts, Morgens, im gleißenden Licht eines schönen Sommertags, saß da immer eine kleine, graue, gehässige Gestalt, die das große Talent hatte, alles zu zerstören, abzuwerten, klein zu machen, dass uns etwas bedeutete.

Der kleine Teufel Zweifel nagt an jedem von uns. Wenn wir Glück haben, reicht es, die Ohren der Seele zu verschließen, um seine Tiraden nicht ertragen zu müssen.

Wenn dein Leben aber über Jahrzehnte nur aus Herbst und Winter als Jahreszeiten bestanden hat, dann hat dein Dämon dich fest im Griff. Dann bist du nie gut, geschweige den gut genug. Dann glaubst du ihm, dass du nie etwas werden wisst, dass dein Leben aus einer endlosen Reihe von Enttäuschungen bestehen wird.

Wenn dein kleiner Dämon jeden Tag deine Schulter besetzt, dann bist du bei allem Positven, jedem Lob, jedem Erfolg misstrauisch und findest früher oder später Gründe dafür, ihn klein zu reden, niederzumachen, dich wieder als nichts wert zu sehen.

Wie oft habe ich mir ausgemalt, ich könnte Schauspieler sein, Autor, der selbst in seinem Leben die Hauptrolle spielt, der etwas zu erzählen hat, der etwas darzustellen hat. Schauspielern, das konnte ich, aber eher, weil ich immer daran arbeiten musste, meinen kleinen Dämon vor der Umwelt zu verstecken. „Mir geht es gut“, war nicht meine Wahrheit, aber mein Mantra im Umgang mit der Welt.

Als mein Suizidversuch mich in die Psychiatrie brachte, da saß mein Dämon zunächst lachend auf meiner Schulter, nein, tanzte auf ihr und jubelte „Siehst du, nicht mal das schaffst du.“

Aber eins hat mein Dämon damals übersehen, hat sich davon blenden lassen.

Ich lag am Boden, ja. In einem Kinofilm wäre ich in dem Moment wohl der Loser gewesen, der aus der Geschichte fliegt, der den dramatisch verzweifelnden Part spielt, damit der Held der Geschichte dramatisch überhöht um dessen Verlust trauen, daran aber wachsen kann.

Aber es geschah damals etwas Überraschendes, etwas Unerwartetes, das mich ebenso wie meinen Dämon überrumpelt hat, das das Skript meines Lebens so sehr umgeschrieben hat, wie ich es mir niemals hätte träumen lassen.

Mein Skript wurde komplett neu geschrieben. Von Menschen, die sich mir öffneten, die mir ihre ehrliche Seite zeigten. Von Menschen, die dem Dämon wenn auch manchmal nur für Minuten den Mund verboten und mir den neuen Lebensweg in der Glaskugel „Hoffnung“ zeigten.

Und von Menschen, die an meine Geschichte glaubten, die mich nicht als den Loser meines Lebens, sondern den Kämpfer gesehen haben. Damit waren sie mir um Monate voraus, wenn nicht um Jahre. Heute sehe auch ich mich als Kämpfer. Nicht nur für mich, sondern für all jene, deren Lebensskript es wert ist, überarbeitet zu werden.

Der Dämon ist nach wie vor da, aber wir haben jetzt Termine miteinander und dazwischen zieht er aus.

Ich bin zum Autor geworden, ein Weg meines Lebens, der maximal ein wirrer unrealistischer Traum für  mich war, bis mir ein Mensch, der an meine Geschichte glaubte, die Hand gereicht hat und mir diesen Weg gezeigt.

Ich stehe heute auf Bühnen, prange auf Plakaten, kann Menschen mit meiner Geschichte berühren und ja, sogar Leben retten. Mein Lebensskript hat endlich ein paar lichte Momente bekommen und dafür bin ich allen dankbar, die mir in den dunklen Jahren zur Seite standen und all jenen, die mich auf den neuen Pfad gelenkt und mir dort mit den ersten Schritten geholfen haben. Und ich bin jenen dankbar, die  mir spiegeln, was meine Geschichte für sie bedeutet.

Es fällt mir nach wie vor schwer, Lob anzunehmen, die Fortsetzung meines eigenen Films im Lebenskino überwiegend positiv zu sehen aber hey, das ist ja erst der zweite Teil. Wer weiß, welche Fortsetzungen sich noch ergeben.

Und ich habe eines gelernt. Die spannenden Geschichten sind nicht die, in denen der Held alles schafft, alles gewinnt. Die spannenden Geschichten handeln vom Scheitern und wieder aufstehen, scheitern und wieder aufstehen, scheitern und wieder aufstehen. Und von Menschen, die in Krisen den Weg mit gehen. Das Leben besteht aus vielen kleinen Dramen und manchmal einer Komödie oder einem Abenteuer dazwischen.

Und wir selbst sind IMMER der Star, die Hauptrolle, der Held unserer Geschichte. Nur ob der Film unseres Lebens ein Happy End, eine gute Auflösung bietet oder in einem Drama endet, das haben alleine wir in der Hand.

Lasst uns unsere Lebensskripte selbst schreiben, neu schreiben, besser schreiben.

Damit wir am Ende sagen können: Es war nicht immer gut, aber es war meins.

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