Der Unfall

Der Graben quer über die Straße war frisch ausgehoben worden. Metallplatten überdeckten die Mulde, damit Autos und eben auch ich mit meinem Fahrrad dennoch die Straße nutzen konnten. Fatal, vor und nach der Metallplatte war Schotter gestreut, um die Kante abzuschwächen. Uwe sitzt im Rollstuhl und hat eine Katze auf dem Schoss.Etwas von diesem Schotter war aber mittlerweile auf die Platten gerutscht und mein Rad rutschte genau wegen dieses Schotters weg. Ich konnte es wieder einfangen aber nicht mehr der Warnbarke ausweichen, die auf der Straße in der Kurve vor der Baustelle warnen sollte. Trotz Vollbremsung prallte ich auf die Barke, stürzte und blieb mit Acetabulumfraktur und Radiusköpfchenfraktur sowie disloziertem Finger liegen. Oder übersetzt: Aua, Mist, Hüftschale gebrochen und viel Schmerz.

Gott sei Dank hatte der Hausmeister eines in Sichtweite gelegenen Altenheims alles beobachtet, half mir und benachrichtigte einen Krankenwagen. Damit landete ich erst mal für die nächsten zwei Wochen im Krankenhaus, wo meine Wunden versorgt und der Hüftbruch operiert wurden.

Jetzt bin ich wieder zuhause, mit Rollstuhl und Achselkrücken, da ich mein Bein erst mal 6 Wochen nicht belasten darf, bzw. maximal abrollen. Und man merkt sehr schnell, wie die Muskeln abbauen, wenn sie nicht genutzt werden.

Das überraschende an der ganzen Geschichte. Mir geht es mental so gut wie schon lange nicht mehr. Und das, obwohl ich im Moment weder mein Antidepressivum noch meine Angstmedikation einnehme. Aber vielleicht ist es einfach das Bewusstsein, dass das Ganze hätte viel schlimmer enden können.

Alles wird mehr oder weniger gut verheilen, es braucht Zeit, viel Zeit aber dann geht vieles wieder alleine und ich h Uwe steht vor der Kamera auf Achselkrücke gestütztätte durchaus viel schlimmere Verletzungen davon tragen können. Man sagt, es gibt Ereignisse, die führen einem vor Augen, was  wirklich wichtig ist.

Dieser Unfall war so ein Ereignis für mich. Ich habe bereits einiges geändert und werde noch einiges ändern. Den Uwe vor dem Unfall gibt es nicht mehr und wird es auch nicht mehr geben.

Eine Sache hat mich dann doch etwas negativ berührt. Virtuell habe ich wohl einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Aber real war außer der Familie nur ein ehemaliger Arbeitskollege da und hat mich besucht, da er gerade in der Nähe in einem Pflegeheim war.

Ich muss wieder realer werden, virtuelle Freundschaften sind wertvoll aber ich habe mich in der Vergangenheit zu sehr von direkten sozialen Kontakten zurückgezogen und das muss wieder anders werden. Leider falle ich wohl noch für die eine oder andere Veranstaltung aus, aber ich werde wieder mehr raus gehen, mehr auf die ehemals so geliebten Barcamps kommen und auch sonst wieder virtuell UND real verfügbarer sein. Es hat sich schon komisch angefühlt, wenn dein Zimmernachbar, der mit dem Motorrad verunglückt war fast den ganzen Tag Besuch hat und du selbst fast ausschliesslich von der Partnerin, deren Besuch mich zwar sehr motiviert und gefreut haben, die aber den Tag nur maximal 30 Minuten bis eine Stunde ausfüllen konnten.Uwe sitzt mit geschientem Arm im Krankenhausbett

Nicht, dass mich die überwältigende Menge an Genesungswünschen nicht gefreut hätten. Genau genommen dachte ich, dass ich im virtuellen Raum als Verunglückter und Krankenhausinsasse gar nicht mehr vorkommen würde. Das Gegenteil war der Fall, der Support war groß und auch das Interesse an mir als Person und Betroffenem. Aber real, da hat halt was gefehlt. Das tat schon ein klein Bisschen weh, aber es machte mir auch sehr schnell klar, dass ich da einen bedeutenden Anteil daran hatte und habe. Corona hat es viel zu leicht gemacht, sich ins virtuelle zurückzuziehen und ich habe das definitiv übertrieben.

Jetzt heißt es erst mal ganz gesund werden, was sicher noch bis Juni dauern wird und dann gilt es, das Virtuelle wieder etwas mehr ins Reale zu transferieren. Der Mensch lebt nicht vom Netz allein.

Und ein riesengroßes Dankeschön allen, die mich im Diakoneo Klinikum so super versorgt haben. Das ganze Personal war sehr nett und ich habe mich wirklich gut versorgt gefühlt. Danke! Ihr macht einen tollen und extrem wichtigen Job!

 

Warum „Ruh dich mal aus“ manchmal ein Problem ist

Wenn ich meinem Umfeld signalisiere, dass es mir mal wieder nicht so gut geht, weil der schwarze Hund halt nie ganz auszieht, höre ich hin und wieder auch den Ratschlag „Ruh dich doch mal aus“. Nette Idee, kommt für mich gleich nach „geh doch mal in die Sonne“ oder „lach doch mal wieder“. Die Ruhe ist manchmal die lauteste Form einer Depression oder Angststörung.

Zu viel Zeit zum Nachdenken bedeutet, die Gedankenspiralen, die Ängste und Sorgen werden wieder lauter. Was könnte mit dem Haus alles passieren? Wie werden die Kinder weitermachen? Werden sie ale erfolgreich oder was viel viel wichtiger ist, werden sie alle glücklich sein. Was haben meine verdammte Krankheit und ich ihnen an Ballast mitgegeben? War da vielleicht auch irgendwas gutes dabei?

Früher war meine Taktik oft, mein Gadgethobby auszuleben, weil das zumindest je Gadget für ein paar Wochen Abwechslung brachte. Meine Kinder nennen mich oft scherzhaft die lebende Wikipedia. Liegt am gleichen Grund.  Immer wenn die Gedanken zu dunkel wurden, versuchte ich mich dammit abzulenken, etwas neues zu lernen. Astronomie, Aikido, Malerei, Literatur, Künstliche Intelligenz (auch das zu studieren lenkte schon von dunklen Gedanken ab) Psychologie, Biologie, Pflanzenkunde,Liebe (machen), das könnte ich noch ewig so weiter machen.

Irgendwann gehen aber die Themen aus, irgendwann fällt man dann doch auf sich zurück und wenn es dann still ist, dann wirds kritisch. Ich höre gerne Musik und viel. Aber eben auch, weil ich die Stille nicht ertrage, weil das Alleine sein bei mir in diese Dunkelheit geführt hat.

In der Schule war ich der Außenseiter, den alle gemobbt haben, zumindest bis ich der erste mit einer Freundin war und in eine Klasse gewechselt hab, in der die Außenseiter das neue Normal waren.

Ich habe gelernt, dass alleine sein einerseits ein mir lange Zeit sehr vertrauter Zustand war, andererseits mich in vieles reingeritten hat. Sehnsucht nach Anerkennung gepaart mit einer enormen Angst, zu enttäuschen, etwas falsch zu machen, können einen zum begnadeten Liebhaber machen ebenso wie zum extrem harmoniebedürftigen Partner, der jeden Konflikt scheut.  Man entscheidet mit dieser „Erblast“ vieles nach dem Risiko, enttäsuscht zu werden, vertraut selten und eigentlich nie ganz.

Sibylle hat etwas geschafft, was sonst niemand in meinem Leben erreicht hat. Bei ihr sind alle Schutzmauern des Misstrauens gefallen. Das war das große Glück im damaligen lebensbedrohlichen Unglück.

Dennoch, Ruhe haben mag anderen gut tun. Für mich ist es all zu oft eher eine Gefahr als die Lösung.

Lasst mir meine Ruhe ist nicht unbedingt ein Wunsch, den ich oft ernst meine.

Nie genug

Vor dem Aufenthalt in mehreren Psychiatrien nach „dem Ereignis“  sah ich mich immer als nicht genug, nicht gut genug, nett genug, strebsam genug, intelligent genug. Da half es auch nicht, bei vielen dieser Punkte von meinem Umfeld das Gegenteil zu hören, Beziehungen aufzubauen, geliebt zu werden oder einen Hochschulabschluss zu erreichen und in der Forschung tätig zu sein.

Man nennt es das Vortäuscher Syndrom und das hätte mich fast das Leben gekostet. Weil ich als Kind nie wirklich gewollt oder geliebt wurde. Irgendwann fand ich mich damit ab und suchte Bestätigung und Zuneigung in dem, was ich tat. Und das musste immer besonders sein und darin wollte ich es zu Perfektion bringen. Meine Leidenschaft für Computer und Programmierung ließ mich ganze Nächte wach bleiben. Dennoch waren die Erfolge daraus (ein Preis für das beste Spiel und eine weitere noch größere Veröffentlichung in einer Computerzeitung) für mich stets glückliche Zufälle und nichts, was mich nachhaltig resilienter machte. Ich war in meinen Augen nie gut genug, wohl, weil ich das in den Augen vor allem meiner Mutter nie war. Alles, was ich an gutem im Kontakt mit anderen Menschen erlebte, wurde schlecht gemacht oder gar verboten.

Exemplarisch nur kurz die „Drucker“ Geschichte. Nachdem ich einen Preis für ein selbstgeschriebenes Spiel bekommen hatte, wollte ein guter Freund das auch versuchen. Allerdings mussten damals Computerprogramme noch auf Papier gedruckt zu den Zeitschriften gesendet werden. Ich hatte einen Drucker, er noch keinen. Also bot ich ihm an, sein Programm bei mir zu drucken.

Das klappte auch, aber meine Mutter bekam Wind davon und behauptete felsenfest, er habe mir ein Programm gestohlen und es als seines ausgegeben. Ich würde also lügen, als ich ihn verteidigte. Und das wurde zum Motto, entweder ich dachte oder handelte wie meine Mutter es wünschte oder ich war ein Lügner oder Versager.

Wer behauptet, man könne niemanden vollständig hassen, der kannte meine Mutter rnicht.

Dadurch wurde ich zum Perfektionisten, zum Kontrollfreak, weil etwas, sobald meine Mutter es in die Hand nahm, kaputt war, oder vorbei. Und dieses Muster zog sich durch den Rest meines Lebens. Niemals genug sein, niemals jemanden gänzlich vertrauen.

Bis heute gibt es nur einen Menschen, der ich vollständig vertraue und das ist meine Frau Sibylle. Aber es musste erst fast tödlich enden, bevor dieses Vertrauen entstand. Denn sie hielt in der dunkelsten Zeit meines Lebens zu mir und hat mir wortwörtlich das Leben gerettet.

Als dann das Buch entstanden ist, ich zu Vorträgen eingeladen und mit positivem Feedback konfrontiert wurde, in TV Sendungen auftreten durfte, erst dann wurden ein paar der weit offenen Wunden ein wenig geheilt. Ich bin noch weit davon entfernt, wirklich mit mir im Reinen zu sein. Aber einiges kann ich heute akzeptieren oder sogar als selbst erreichten Erfolg werten.

Aber noch bin ich weit von dem entfernt, was Frieden mit sich selbst oder Resillienz angeht. Was anders ist, ich kenne meine Dämonen und kann versuchen, gegen sie vorzugehen. Gelingt immer öfter aber gefühlt noch nicht oft genug. Und die Angst, dass irgendwas schreckliches passiert (was sich früher meist „Mutter“ nannte), wird weniger, aber sie ist manchmal noch bedrohlich dominant da. Auch das etwas, dass ich mir lange Jahre und viele Konflikte mit meiner Mutter lang angeeignet habe und was nun sehr schwer loszuwerden ist. Auch das will ich vollständig eliminieren.

Verdammt, schon wieder der Perfektionist.

Ein Wort zum Abschluss: Wer glaubt, andere Menschen mobben oder niedermachen zu dürfen, dem sei gesagt, es kann passieren, dass man dann ein Menschenleben auf dem Gewissen hat. Auf jeden Fall ist man aber ein ganz großes Ar…..ch und was ich solchen Menschen wünsche, ist besser nicht hier niedergeschrieben.

Und nochmal. Wer sagt, man könne keinen Menschen so vollständig hassen. Doch, geht. Auf die Frage meines Therapeuten nach dem Verhältnis zu meiner Mutter heute war meine Antwort „Gut, sie ist tot.“ Und das war nicht sarkastisch gemeint.

Und wer meine Geschichte im bewegten Bild kennenlernen will, es gibt nach wie vor Mitschnitte der Sendung unter anderem hier:

Das Buch gibt es leider nur noch gebraucht oder als eBook aber da ja Elon der Schreckliche Twitter eh getötet hat, passt meine Geschichte auch nicht mehr ganz in die aktuelle Zeit.
Wer trotzdem Interesse hat, es ist als eBook noch überall zu haben.

Ziele und Glück

Mittlerweile kann ich auf einige Zeit zurückblicken, erinnere mich an Wünsche, Ziele die ich mal hatte oder eventuell sogar noch habe. Aber vor allem sehe ich die vielen Entscheidungen, die zu bestimmten Konsequenzen führten, die mich teilweise gehindert, teilweise gerettet haben.

Meine Kinder behaupten immer, was hätte nicht alles aus mir werden können, hätte ich mehr Mut gehabt.

Das ist leicht gesagt, aber oft habe ich gerade mal Mut genug gehabt, überhaupt weiter zu machen, auch wenn ich sicher einige Chancen verpasst, einige Wahlmöglichkeiten im Rückblick falsch betrachtet habe.

Aber was bringt es, Vergangenes zu betrauern. In für mich wichtigen Bereichen meines Lebens bin ich glücklich. Ich bin nach wie vor glücklich verheiratet, habe drei tolle Kinder, die dank eigenem Haus mit vielen Freiheitsgraden aufwachsen konnten, die andere so nicht haben und letztlich ist es müssig, verpasste Chancen, falsche Entscheidungen zu betrauern. Insgesamt ist vieles gut gelaufen, manches hätte in einer Katastrophe enden können, ist aber gerade noch mal gut gegangen.

Es gibt immer noch einen anderen Weg. Aber den muss man sehen oder überhaupt finden, und ob er dann die bessere Wahl war, lässt sich oft erst Jahre später entscheiden.

Ich hätte Kunstmaler werden können oder Buchautor. Wobei, Buchautor bin ich ja trotz oder vielleicht wegen manch falscher Entscheidung oder Sicht auf mich selbst geworden.

Und die IT, die ich lange Jahre für ein erstrebenswertes Ziel und Quelle für Glück empfunden habe, wurde durch Ereignisse und Menschen extrem relativiert bis zu dem Punkt, dass ich das rückblickend für eine sehr falsche Wahl halte. Aber ohne diese Wahl hätte ich meine Frau nicht kennengelernt und wir hätten nicht die Familie, die wir jetzt haben und die ich als großen Teil meines Glücks betrachte.

Mittlerweile sehe ich Glück in sehr viel banaleren Dingen als früher. Jeden Morgen neben dem  Menschen, den ich mehr als alles andere auf der Welt liebe (okay, die Kinder natürlich auch aber auf andere Art).

Genug Geld zu haben, um uns alle mit dem nötigen zu versorgen und unseren Kindern bei ihrem Start ins Leben helfen zu können.

Ziele sind so eine Sache, oft stellt man fest, dass das Ziel, so mal erreicht eigentlich völlig belanglos oder bar jeder Erreichensfreude ist.

Was für Ziele ich noch habe? Gute Frage und im Moment muss ich sagen, keine außer meine Angst und die Depression im Griff zu behalten. Wer mit so etwas lebt, weiß, dass sich viele große Ziele dann schnell relativieren.

Ich  lebe noch. Und darüber bin ich glücklich. Reicht doch, oder?

Ende und Neubeginn

Jede gute Geschichte hat ein Ende. Manchmal hat sie sogar ein Happy End. Meine Geschichte geht weiter, aber verändert. Nachdem mein Verlag schon während Corona die gedruckte Ausgabe meines Buches gestoppt hat, hat Audible nun auch das Hörbuch aus dem Programm genommen. Schade, aber so ist der Lauf der Wirtschaft.

Andererseits basierte ein Großteil meiner Geschichte auf einem Twitter, dass es spätestens seit Elon Musks Kauf und Umbenennung in X nicht mehr gibt. Aus einem Diskurskanal ist eine rechte Fake News Schleuder geworden. Und ich bin extrem verblüfft, wie viel abgrundtiefen Bullshit jemand zu produzieren in der Lage ist, der andererseits SpaceX aufgebaut hat. Reichtum schützt offensichtlich vor Dummheit nicht. Da bin ich froh, dass meine Geschichte langsam aus dem Gedächtnis des Netzes verschwindet.

Noch bin ich bei X formerly known as Twitter. Aber nur noch als Account, nicht mehr aktiv.

Wer mir folgen will, findet mich jetzt auf Bluesky unter @bicyclist@livingthefuture.de oder Mastodon unter @UweHauck@mastodon.social. Tja, Elon, wer so am rechten Lügenrand operiert, darf sich nicht wundern, wenn seine Plattform den Bach runter geht.

Beginnen wir ein neues, ein besseres Kapitel. Jetzt studieren alle unsere Kinder und folgen ihren eigenen Wegen. Zeit loszulassen und sich neu zu orientieren. Zeit, die Depression und die Ängste endlich hinter sich zu lassen. Ich weiß, noch ein weiter Weg aber doch schon ein ordentliches Stück darauf zurückgelegt.

The sky is blue at bluesky.

Gut genug

Wir leben in einer Zeit, in der Selbstoptimierung, tägliche, nein eigentlich stündliche Verbesserung des eigenen Selbst die Ultima Ratio zu sein scheint.
Natürlich ist daran, sich zu verbessern nichts verwerfliches an sich. Aber wenn wir das zum Grundprinzip unserer Existenz erheben, wenn gut sein nie reicht, wenn wir immer nur das Optimale erwarten, dann werden wir beständig etwas hinterherjagen, das sobald wir es erreicht zu haben glauben, wieder verschwindet, noch etwas besserem Platz macht.
Wir sind alle nicht in allem perfekt, haben unsere Defizite, sind auch mal Mängelexemplar. Aber genau das ist Mensch sein. Wer immer nur nach dem strebt, was er für besser als das hier und jetzt hält, lebt nicht heute, sondern für Morgen, für die nächste Verbesserung.

Einer der glücklichsten Momente in meiner Geschichte von Depression, Angststörung und Suizidversuch war der Moment, als ich in der Klinik realisierte, dass ich einfach nur sein durfte. Niemand erwartete etwas von mir und ich war so tief gefallen, dass ich einfach liegenbleiben wollte. Keine zu erreichenden Ziele, keine Chefs, keine Gesellschaft, der ich es recht machen wollte. Einfach wieder zu leben beginnen. Wir reden so oft davon, dass wir nur heute leben und Vergangenheit vergangen, Zukunft erst Morgen ist. Das tun wir, weil es eben stimmt, weil alles, was unser Leben ausmacht, jetzt passiert. Morgen und Gestern finden nur in unserem Kopf statt. Leben können wir nur im jetzigen Moment.
Werbung ist die Lüge eines besseren Morgen, die wir angeblich nur mit Produkt A oder Technologie B erreichen können. Coaches und Gurus leben davon, uns erst unsere eigenen Defizite einzureden als Makel, als etwas, das unbedingt optimiert werden muss, um uns dann aus mit fadenscheinigen Heilsversprechen zu belügen.

Die gesamte Fitnessindustrie lebt auch davon, dass wir uns nicht einfach nur etwas bewegen und gesund ernähren sollten, nein, wir müssen immer besser, fitter, schneller, schlanker, beweglicher werden. Wir haben das gesunde Maß verloren auch, weil ein zufriedener Mensch, der sich hinreichend bewegt und einfach nur den Status Quo genießt, ein schlechter Konsument ist.

Gut genug, statt immer besser. Auch mal so ein Konzept, was vieles leichter machen würde.

Auf der Suche nach Sinn

Warum bin ich überhaupt hier? Eine Frage, die sich viele Menschen stellen. Und es gibt einige extrinsische Gründe, die meist mit der Gesellschaft und/oder der Arbeit zu tun haben.

Sinn ist oft gleichgesetzt mit Arbeit, mit Besitz, mit Dingen, die es zu besitzen, Zielen, die es zu erreichen gilt.

Was aber auch immer mehr Menschen, gerade der jüngeren Generation merken. Da muss es mehr geben. Ja, Selbstverwirklichung in einem selbstbestimmten Job. Schöne Sache aber leider oft nicht erreichbar und genau genommen auch nicht wünschenswert. So mancher Job würde liegenbleiben, würde sich jeder nur das auswählen, was sie oder er sich wünscht.

Neil deGrasse Tyson hat in einem Interview dargestellt, wie unwahrscheinlich es ist, auf der Welt zu sein, wie viele Menschen nie existieren werden, einfach, weil sie nie geboren werden.

Wir haben ein kosmisch gesehen unglaublich kleines Zeitfenster unserer Existenz und nutzen dieses Fenster oft überhaupt nicht für Dinge, die uns gut tun, denn „später, wenn ich X oder Y erreicht habe“ wollen wir das realisieren, was dann oft längst zu spät ist oder unerreichbar.

Da sein, existieren, mehr Sinn braucht es meiner Ansicht nicht. Wir sollten den Moment genießen,  nichts auf Morgen verschieben, was wir Heute erleben können.

Die aktuelle Generation ist nicht faul oder hat eine schlechte Arbeitsmoral. Sie hat nur an der Generation ihrer Eltern erlebt, was es heißt, den Job über alles zu stellen und den eigenen Selbstwert vom Beruf abhängig zu machen und damit Zeit und Gesundheit zu opfern. Und zudem die Umwelt für kommende Generationen zu ruinieren.

Vielleicht ist es gerade die aktuelle Generation, die ein vernünftiges Konzept für das eigene Leben und das Miteinander entwickelt. Meine Generation als Vorbild nehmen? Besser nicht, wenn schon als Warnung, nicht die gleichen Fehler zu machen.
Das hier und jetzt ist der einzige Zeitpunkt, zu dem wir leben. Was gestern war, ist geschehen und nicht mehr änderbar. Was Morgen kommt ist völlig unklar. Heute leben. Wahrscheinlich die einzig Sinn stiftende Strategie.

Barcamp Heilbronn trifft KI-Salon nicht ganz

Das Fragezeichen hatte für mich zwei Konnotationen

Es war ein Near Miss. Nicht der übliche Organisator des Barcamp Heilbronn, nicht der übliche Zeitrahmen am Samstag (und oft auch Sonntag alleine der Fülle an Teilnehmern und Sessiongebern geschuldet) und nicht die üblichen Rituale eines Barcamps haben dafür gesorgt, dass ich dieses Mal nicht wirkliches Barcamp Feeling gespürt habe.

Es war interessant, durchaus. Mein Studium der KI liegt mittlerweile 30 Jahre zurück und das war mein erster Kontakt mit dem Thema KI im Hochschulumfeld seither.

Checkin

 

Es gab aber einige Punkte, die das Barcamp nicht wirklich haben „abheben“ lassen. Es wurden einige Barcamp Prinzipien nicht gelebt. Schon vor der Vorstellungsrunde waren Zeitslots mit Themen belegt. Die Vorstellungsrunde fiel komplett aus, lediglich eine Firma stellte sich kurz vor. Twitter viel komplett aus. Nur @derexperte und ich berichteten überhaupt stringent auf Social Media über das Event. Meine Söhne besuchten genau eine Session, die Auswahl war einfach zu klein und oft war das Thema eher an der Oberfläche. Gut war der Austausch mit Teilnehmern und auch der eine oder andere Stand. Aber ich hätte mir deutlich mehr Auswahl bei den Sessions gewünscht (etwas, bei dem ich normalerweise auf Barcamps eher unter der Qual der Wahl leide).

Warten auf den Beginn des Barcamps

Meine Jungs besuchten genau eine Session von insgesamt 4 Session Slots und auch die beiden merkten an, dass das letzte „richtige“ Barcamp Heilbronn deutlich besser war. Selbst ich nahm nur an zwei der vier Slots teil und lediglich ein Slot war wirklich inhaltlich spannend. Ansonsten hatte man das Gefühl, alle sind noch auf der Suche WAS denn nun mit KI Technologien machbar ist bzw. wo der Nutzen liegt. ChatGPT wurde eher wie etwas komplett neues betrachtet, was mich leicht amüsiert hat, da ich schon vor dreißig Jahren die grundlegenden Techniken erforscht habe und wir eher dank Big Data heute die Erkenntnisse von damals in großem Maßstab und mit der nötigen Rechenpower realisieren können. Es ist ein bisschen wie mit Schach. Oft sind auch heute noch die Lösungen, die aus der aktuellen KI Technologie entstehen mehr Brute Force und WARUM ein System diese oder jene Lösung liefert, ist schwer nachzuvollziehen, was oft auch in der Natur der angewendeten Technologie liegt (spannend in diesem Kontext, dass ich kaum etwas über die Schlagworte Neuronale Netze, Big Data, Lernalgorithmen oder ähnliches gehört habe. Es war eher ein Treffen von Anwendern denn von Entwicklern)

Wie man sieht fehlt die Vorstellungsrunde und die schon geringen 4 Slots waren nach der Eröffnung nicht gänzlich befüllt.

Fazit: Sehr gut, dass das Thema KI aufgegriffen wurde. Besser wäre gewesen, das Barcamp Format wirklich zu leben. So waren zwar viele Themeninteressierte da, aber wenig Barcamp Aktive, die die Slots mit Leben gefüllt hätten.

Es fand schlicht der Grundgedanke eines Barcamps nicht wirklich statt. Menschen kennenlernen (schwer, ohne die Vorstellungsrunde mit den Hashtags und dem Namen)  und viel zu wenige Sessiongeber. Ich gestehe, selbst ich hatte dieses Mal nicht den Antrieb, eine Session zu halten, einfach, weil die Atmosphäre so „fremd“ war. Es wirkte eher wie eine KI Konferenz, allerdings fehlte dazu wieder der inhaltliche Tiefgang.

Marc, Jan und ich hoffen jetzt auf das Barcamp 2024 und ein Wiederaufleben des Originalformats Barcamp. Dieses Mal haben wir den Besuch vor dem vierten Sessionslot abgebrochen. Es war schön, wieder interessierte Menschen zu treffen, aber es war eben nicht wirklich ein Barcamp.