Ich wusste noch nicht, dass ich Depressionen und eine Angststörung habe, als es passierte. Ein Jahresgespräch, das in eine Vorwurfstirade mündete mit Drohung von Abmahnung und Kündigung. Eigentlich war es nur ein Rausekeln aus meinem damaligen Job, aber es war der Beginn meiner Abwärtsspirale, die in meinem Suizidversuch mündete und Gott sei Dank auch meine Rettung war, denn danach hatte das Kind einen Namen und ich Hilfe und Helfer, die mir wieder auf die Beine halfen.

Aber eines war mir damals klar. Dass es immer fair zugeht im Beruf ist eine Illusion, eine gefährliche noch dazu.
Damals entschied ich, dass ich alleine auf verlorenem Posten wäre und tat das, was für mich damals wie heute nur logisch erscheint. Ich wurde Mitglied bei Verdi und im nächsten Jahr auch Betriebsrat. Beides bin ich bis heute und in Gesprächen, auf Workshops oder Schulungen, wie in der letzten Woche merke ich immer wieder, wie wichtig und richtig dieser Schritt war. Ja, wenn alles gut geht, dann hat man als Betriebsrat sicher wenig zu tun. Aber ganz ehrlich? Auch wenn die Mitarbeiter*innen, die man vertritt davon oft gar nichts mitbekommen. Es brodelt häufig und so mancher eigentlich unnötige Konflikt ist auszufechten.
Wir können als Betriebsräte nicht alles beeinflussen, aber was ich in den Seminaren und der täglichen Arbeit gelernt habe, wir können viel. Viel, das den Kolleg*innen hilft oder sie schützt.
Hätte ich damals einen Betriebsrat an dabei gehabt, wäre das Ganze sicher besser verlaufen. Als Betriebsrat stehe ich an der Seite Betroffener und kann schützen, helfen und ggf. auch Ungerechtigkeit verhindern. Und was ich auf jeden Fall in meiner täglichen Betriebsratsarbeit merke. Als Betriebsräte sind wir ein Team, das kämpft und einen wichtigen Gegenpol zum Vorstand bildet. Wir können für die Mitarbeiter*innen auf Augenhöhe mit dem Vorstand agieren. Es ist nicht alles möglich aber bei vielem können wir den Weg mitbestimmen oder zumindest den Weg für die Kolleg*innen leichter, angenehmer gestalten.
Ich habe in all den Jahren immer viel Kraft aus der Tatsache gezogen, hier etwas gutes, bedeutsames beitragen zu können. Und ich werde es weiter tun. Weil ich es nötig gehabt hätte und weil es eben nicht immer so glatt läuft im Arbeitsalltag.
Und insbesondere meine Krankheitsgeschichte zeigt mir in den Gesprächen, dass die Rolle als Betriebsrat mir hier möglich macht, auch für die psychische Gesundheit zu kämpfen. Digitalisierung, immer weitere Beschleunigung, stetige Leistungssteigerung, obwohl oft schon jenseits der eigenen Leistungsgrenzen gearbeitet wird.
Hier braucht es einen Gegenpol, der auch mal die Bremse reinhaut und Übertreibungen verhindert. Zum Wohle der Mitarbeiter*innen. Denn sie und NUR sie vertrete ich als Betriebsrat.


Dieser Text wird kürzer als gewöhnlich, denn im Moment doktore ich noch an einem Arbeitsunfall auf der Heimfahrt mit dem Rad herum, bei dem ich mir das Radiusköpfchen oder allgemeiner gesagt, den Ellenbogen gebrochen habe. Gott sei Dank nicht kompliziert, aber es hindert sehr im Alltag, so dass ich noch eine Weile krank geschrieben und ans Haus gebunden bin. Außer Spaziergängen geht nicht viel. Und mit einer Hand agierenist sehr, sehr mühsam.

Therapien, Kliniken, Reha und dennoch ist sie nach wie vor da, meine Angststörung und auch die Depression. Und manchmal kommt sie unerwartet irrational, ja nicht mit Worten beschreibbar daher.




Endlich wieder in Präsenz, fand in diesem Jahr der 6. deutsche Patientenkongress Depression statt. Prominent moderiert von Harald Schmidt, mit ebenfalls prominenten Gästen wie Torsten Sträter. Aber es waren nicht die Promis, die mich begeistert haben sondern der riesige Zuspruch von Betroffenen und Angehörigen, Fachleuten und Medien. Die Depression als Erkrankung wird sichtbarer und damit wird es, und das ist elementar, leichter für Betroffen denn Schritt zu wagen und sich Hilfe zu suchen. Dieses Jahr war ich nur Gast, aber meine Frau durfte die Sicht der Angehörigen vertreten, eingesprungen für eine Angehörige, die aus familiären Gründen nicht konnte. Und wie ich finde, hat sie das Ganze grandios gemeistert.



