Von der Dankbarkeit, überlebt zu haben

Ich lebe noch. Das ist etwas, das für mich keineswegs selbstverständlich ist. Es gab Momente, da war das Ganze auf Messers Schneide. Mehr davon, als ich mir jemals eingestanden habe. Und es gab einen Moment, da stand ich an der Klippe und es war gar nicht klar, ob mich mehr Menschen fallen oder mich retten sehen wollten.

Damals hat mich ein Mensch gerettet und ich weiß nicht, was ohne meine Frau geschehen wäre. Ob ich noch da wäre, ob ich noch gesund da wäre. Mein Leben ist rückblickend angefüllt mit vielen Momenten des Zweifels. Wertlos, schwach, als überflüssig gesehen zu werden oder mich selbst zu sehen war für mich lange Jahre Alltag, normal, man fühlt das eben so, es sagt bloß keiner.  Manchmal hätte ich mir gewünscht, einen der Pfade aus dem wundervollen Gedicht von Robert Frost zu sehen.

Zwei Wege boten sich mir dar,
Ich nahm den Weg, der weniger begangen war,
und das veränderte mein Leben.

Mehr als ein Mal war da nur noch eine Wand, die Angst, daran zu zerschellen und der Wunsch, den Schmerz zu beenden. Ich habe Glück gehabt, dass all die Jahre stets auch Menschen an meiner Seite waren, die mir eine Hand gereicht haben. Aber immer waren da auch Menschen, die mir einen Tritt verpassten. Die schmerzhaftesten Tritte kamen stets mit der Begründung, man wolle ja nur mein Bestes. Dabei wusste ich nicht mal, ob überhaupt irgendwas an mir gut war.

Eine Spur zu hinterlassen, etwas bedeutsames zu tun, natürlich hatte auch ich solche Wünsche. Aber meine Sicht auf mich erlaubte mir nie, auch nur einen Schritt in diese Richtung zu wagen. Vieles von dem, was ich las, um mich zu motivieren, um vielleicht etwas weniger traurig zu sein, klang wie Hohn, wie unrealistisch weil zu einfach.

Heute weiß ich, das Leben ist nicht gerecht. Es ist nicht vorhersehbar und schon gar nicht kann man den eigenen Sinn erkennen. Der offenbart sich von selbst früher oder später.

Dass ich ein Buch veröffentlichen würde, schon das war ein Erlebnis, das mich für immer verändert hat. Und das mich hunderte von Mails erreichten, von Briefen und Anrufen, in denen man mir erklärte, wie wertvoll, wie wichtig, wie lebensverändernd mein Buch für die Menschen geworden ist. Ich kann nicht in Worte fassen, wie viel mir das bedeutet. Stolz ist ein Wort, das auch ein Quäntchen Arroganz beinhaltet aber dennoch ja, ich bin stolz auf über 400 Seiten, die meine ganz persönliche Geschichte beschreiben und dennoch offensichtlich so viele Menschen berühren.

Bald erscheint das Hörbuch, ein weiterer unglaublicher Wendepunkt. Man treibt Aufwand, und das nicht zu gering, um das Publikum für meine Geschichte noch größer zu machen. Wer einigermaßen weiß, wie der Literaturbetrieb tickt, der ahnt sicher, dass ich mir damit keine goldene, nicht mal eine metallene Nase verdienen werde. Aber ich habe einen kleinen Fußabdruck hinterlassen, ich hab ein kleines Stückchen mehr Bedeutung in das Leben einiger Menschen gebracht. Und selbst wäre mir das nur mit einem Menschen gelungen, würde mich das schon glücklich machen.

Ich habe gelernt, größer zu denken, mutiger zu werden, selbst-bewußter. Nicht so, wie ich es gerne hätte, aber besser als alles in meinem Leben zuvor. Ich habe nach wie vor dunkle Tage, aber ich lasse sie nicht mehr mein ganzes Leben bestimmen.

Mittlerweile versuche ich mich sogar im Träumen. Meine Frau hatte mal die Idee, mein Buch würde zur Schullektüre. Der Botschaft wegen würde ich mir das mittlerweile wirklich wünschen, auch weil ich mit Begeisterung an Schulen gehe, um aufzuklären, zu entstigmatisieren.

Und hey, wer weiß, denken wir doch mal noch größer. Vielleicht, eines Tages, werde ich meine Geschichte im TV sehen, oder im Kino? Klingt überheblich?

Mag sein. Aber ich übe mich gerade darin, mich nicht mehr klein zu machen. Ich übe mich darin, mit erhobenem Haupt durch die Welt zu gehen. Als jemand, der seine Krankheit überlebt hat, und der jetzt mit seinem Beispiel anderen Menschen Mut machen will. Was spricht also dagegen, groß zu denken? Nur so erreiche ich möglichst viele Menschen. Also sollte ein Drehbuchautor, ein Regisseur, ein Schauspieler das lesen. Ich bin bereit. Und ich schäme mich nicht, das offen zu sagen.

Ich kenne jetzt meinen Weg in diesem Leben, Frost hat mir zwei gezeigt, ich habe den weniger begangenen gewählt und bereue nichts. Viel zu lange habe ich mich von anderen Menschen klein machen lassen. Viel zu lange habe ich zugesehen, wie andere Menschen klein gemacht wurden von Mitmenschen, die vor Arroganz, Ignoranz und Intoleranz strotzten. NICHT MEIN WEG.

Ja, ich freue mich auch heute noch wie ein Kind über jedes verkaufte Exemplar meines Buchs, jedes gute Gespräch mit Betroffenen, denen mein Buch ein klein bisschen helfen konnte. Und ja, ich fühle zum ersten Mal so etwas wie Stolz, ohne ihn gleich herabzuwerten, ohne mich herabzuwerten.

Es kann besser werden. Aber dahin führt ein wenig begangener Weg, dessen Länge niemand voraussagen kann.

Aber der Weg lohnt. Glaubt mir, ich bin gerade auf ihm unterwegs.

 

Für mich war Steven Hawking immer ein Vorbild. Nicht wegen seines Schicksals sondern wegen seiner tiefen Neugier und der Lust daran, etwas im Leben zu bewegen. Daher zum Abschluß Stephen Hawking:

„Look up at the stars and not down at your feet.
Try to make sense of what you see, and wonder about what makes the universe exist. Be curious.“
Oder wie der ebenfalls sehr geschätzte Neil deGrasse Tyson formuliert:

The atoms of our bodies are traceable to stars that manufactured them in their cores and exploded these enriched ingredients across our galaxy, billions of years ago. For this reason, we are biologically connected to every other living thing in the world. We are chemically connected to all molecules on Earth. And we are atomically connected to all atoms in the universe. We are not figuratively, but literally stardust.

 

Mein Gastbeitrag zum Thema Stress und Angst für die AOK Baden Württemberg

Die AOK Baden Württemberg hat im Moment einen Themenschwerpunkt Stress und mich deshalb gebeten, einen Gastbeitrag zum Thema Stress und Angst aus meiner Sicht zu schreiben. Da ich mit beidem so meine einschlägigen Erfahrungen habe, ist mir das nicht schwer gefallen, aber lest selbst:

Wenn Stress zur Panik wird, mein Leben im Alarmzustand.

Sicher für viele interessant dürfte die Sprechstunde im Theaterhaus Stuttgart zum Thema Stress mit Judith Holofernes und Heinz Rudolf Kunze am 17. April sein.

Dort könnt ihr auch mich treffen, werde da auf jeden Fall im Publikum sein. Beide Künstler haben zum Thema sicher einiges wertvolles beizutragen.

 

Es ist gut so, wie es ist. Wir sind es wert

Wer hatte nicht schon mal das Gefühl, den falschen Weg im Leben beschritten zu haben. Eine Entscheidung getroffen zu haben, die viele Türen verschlossen hat, die das eigene Leben entwertet hat. Ich hatte immer das Gefühl, es wäre nicht nur eine Tür gewesen, sondern ein Flur, eine lange Halle voller Türen, die mir alle verschlossen blieben. Wege im Leben, die ich wegen meiner Herkunft, meinen mangelnden Begabungen, meinen Defiziten nie würde beschreiten können.

Und man gab mir recht, man gibt mir auch heute noch recht, wenn ich danach frage. Aber ich frage nicht mehr. Weil ich endlich verstanden habe, dass es nicht um die verschlossenen Türen geht. Es geht um die Türen, die sich geöffnet haben, die Wege, die wir gegangen sind. Wir waren immer auf dem richtigen Weg. Denn jeder Fehler, jede falsche geöffnete Tür verändert uns. Lässt uns wachsen, lernen, ertragen. Das Leben ist nicht dazu da, uns zu gefallen, die Welt ist nicht da, uns zu gefallen, das Universum ist nicht da, um uns zu gefallen. Wir sind ein Teil eines großen, für uns kaum fassbaren Universums. Alles was wir sind, jedes Atom war schon zum Urknall da.

Und ob wir uns für den einen oder den anderen Weg entscheiden, ist eigentlich irrelevant. So lange wir uns bewußt sind, dass jeder Weg in sich gut ist. Weil er uns zu neuem führt. Weil wir auf dem Weg anderen Menschen begegnen, die wir berühren, deren Leben wir vielleicht nur durch ein Lächeln, ein paar freundliche Worte im richtigen Moment verändern. Ich wollte meinen Weg fast beenden aber andere Menschen, Begleiter auf meinem Weg haben mir die Hand hingehalten, haben mich herausgezogen. Und der Weg führte mich weiter, trotz verschlossener Türen zu neuen Erlebnissen.

 

Zu dem Gefühl, doch etwas verändern zu können. Mein Buch hat Menschen inspiriert, ihnen geholfen, sie getröstet. Es hat Dinge bewirkt, die ich mir in meinem Leben für mich gewünscht hätte. Und dadurch, dass ich sie bei anderen Menschen bewirken kann, dass ich mit meiner Geschichte motivieren, trösten und das Gefühl erzeugen kann, nicht einsam zu sein, nicht ungenügend, nicht falsch.

Das ist es, was mir gezeigt hat: Wir alle bewegen etwas, im Großen wie im Kleinen. Ich halte mein Buch nicht für groß, nicht für brillant, nicht für einen Bestseller. Aber mein Buch ist meine Art, anderen die Hand zu reichen. Meine Art zu sagen. Der Weg den du gehst, ist richtig, mag er auch noch so steinig sein. Denn du gehst in nicht alleine, du berührst andere Menschen, ob es dir bewußt ist oder nicht. Wir sind auf eine weniger religiöse als fundamental physische Art Teil eines großen Ganzen. Ob man es Gott nennen muss, oder Universum, Physik oder einfach nur Leben ist irrelevant.

Aber wir alle haben Bedeutung. Wir alle verändern die Welt durch unsere Existenz. Es gibt dieses Bild vom Flügelschlag eines Schmetterlings, der weit weg einen Sturm auslösen kann. Das steckt in jedem von uns. Wir müssen nur erkennen, dass wir unseren Wert niemals an der Sicht anderer, an dem messen dürfen, was wir tun.

Ein Lächeln, eine nette Geste kann das Leben eines anderen oder das eigene Leben nachhaltig verändern. Wir hinterlassen einen Fussabdruck in dieser Welt. Jeder von uns. Der Abdruck mag irgendwann nicht mehr unseren Namen tragen. Aber er ist da. Wir wandeln in den Fussabdrücken derer, die vor uns existierten. Und wir hinterlassen Abdrücke für die nach uns. Jeder ist etwas wert.

Wir sind.

Und damit sind wir wert.

Wie ich mich fühle, wer ich bin

Die Kälte bohrt sich in meine Knochen. Nicht eine äußere Kälte, es ist Sommer, draußen streichen Sonnenstrahlen sachte über das saftige Grün der Felder.  Ich sehe Menschen Hand in Hand spazieren gehen. Paare, Familien, Freunde. Die Sonne wärmt sie und die Wärme in ihren Herzen. Was würde ich darum geben, davon auch nur einen Hauch zu spüren. Ich weiß, ich bin erst zwölf, solche Gedanken sollte ich gar nicht haben. Aber sie sind da, sie bohren, hämmern im Kopf, verursachen Schmerzen jenseits des Körperlichen. Es ist eine einsame Kälte, geboren aus einer Einsamkeit, die ich ebensowenig fühlen sollte.

Ich fühle mich anders, ausgeschlossen, abgewiesen. Wie ein Fremder, ein Reisender in einer fremden Welt, deren Regeln, deren Werte und Prinzipien er nicht kennt oder die ihm unverständlich erscheinen. Ich kenne ein anderes Wertegefüge. Nicht genug sein, nicht richtig sein, nicht liebenswert. Das wurde mir intensivst vermittelt. Sei brav, sei still, lüg uns nicht an. Selbst wenn ich mehr Wahrheit liefern konnte, als meine Eltern, meine Mutter erfassen konnte, es war nie genug. Also wuchsen die emotionalen Mauern. Man hält als Kind bestimmte Schmerzen nur eine kurze Zeit aus. Dann errichtet man Schutzwälle gegen den Schmerz, schickt ganze Batallione aus, um die eigenen Schmerzgrenzen zu beschützen, die sonst unter dem Druck nicht lange standhalten würden. Wenige Verbündete existieren, die zumindest Trost spenden. Aber selbst diese können nicht vordringen hinter die Schutzmauern. Und sie werden dicker, werden fester, starrer, unverrückbarer mit den Jahren. Denn die Umwelt gibt einem recht.

Man funktioniert, erfüllt Erwartungen, bekommt Lob und Zuwendung. Nicht Liebe, aber immerhin ein gewisses Maß an Anerkennung. Manchmal ist dann selbst die Anerkennung des von den Klassenkameraden verprügelt werdens wertvoller als einfach ignoriert zu werden. Selbst durch diesen Schmerz spürt man, man existiert. Aber auf Dauer stirbt die Seele, wenn kein Licht, kein Lachen, keine Freude mehr Zutritt erhält ins verbarrikadierte Innere. Man fühlt sich sicher, aber auch wie ein Außerirdischer auf einem fremden, unwirtlichen Planeten. Um wenigstens ein wenig in die Welt hinaus zu können, hat man die Mauern beweglich gemacht, sie zu Schutzpanzern umfunktioniert. Angst, Depression, Trauer, alles Panzerungen, die die Seele vielleicht nicht heilen, aber doch schützen können. Wenn ich nichts mehr wert bin, ist der Schmerz des Versagens nicht mehr so groß. Man beweist ja nur das vermeintlich offensichtliche.

Immer wieder gibt es Menschen, die an den Mauern der gepanzerten Seele zaghaft oder fordernd anklopfen. Aber sie werden maximal in den Vorhof der eigenen Seelenburg vorgelassen, wo man sie mit Gaukeleien bei Laune hält, während hinten die großen Tore verschlossen werden. Nur ja nie wieder Schmerz, nie wieder Leid erleben müssen durch jene, die doch keine Ahnung haben, wie es in einem aussieht. Aber irgendwann, irgendwo ganz tief in der Festung bricht sich dann doch das Bahn, was jahrelang vergraben hat. Es reisst die Mauern nieder, schert sich nicht um Schäden und Opfer, versucht, das kleine, verängstigte Kind endlich zu befreien. Und schliesslich steht es nackt im hellen Sonnenlicht. Alle sehen den Schmerz, die Unzulänglichkeit, auch wenn sie nur im eigenen Kopf existiert. Und wenn man Glück hat, ist da irgendwer, der hervortritt, die Hand reicht und einem zeigt, dass es neben der Dunkelheit des eigenen Seelenverlieses auch Licht, Sonne, eine positive Welt gibt. Viel öfter jedoch stehen schon die bereit, die jetzt mit Freuden nachtreten, besser zu wissen vermeinen, wie die verletzte Seele geheilt werden muss oder sich einfach einen Dreck darum scheren, weil man ja schliesslich nicht zum Spass hier ist. Dann ist die Hand nicht Rettung sondern letzter Stoß in den Abgrund.

Mir hat sich eine Hand entgegengestreckt, hat mich festgehalten, ist zu mir gestanden in der dunkelsten Zeit meiner Seele, als alle Feuer verloschen waren und die schweren Balken der Depression vor die Tore der Seele platziert worden waren. Sie hat mich aus dem Abgrund gezogen, wofür ich ihr ewig dankbar sein werde. Ich stehe auch heute noch oft alleine in der mittlerweile verfallenden Festung um mein Herz. Aber noch gibt es Mauern, noch existieren Gaukler, die meinem Umfeld eine Realität vorspielen, die so nie existierte. Aber ich habe jetzt Begleiter, Weggefährten, die an meiner Seite stehen, wenn ich den Kampf alleine zu führen vermeine. Und es sind Menschen, die ich auf Wegen und an Orten gefunden habe, die ich nie für wichtig erachtet hatte. Erzähler, Heiler, Seelenverwandte, Leidensgenossen. Eine Armee die wächst. Und die ich mittlerweile mit immer lauterer Stimme aus deren eigenen Festungen herauslocken will.

Denn es lohnt. Ich habe es spät gelernt. Aber der Kampf lohnt. Und wir gehen ihn nie alleine. Wir müssen nur schaffen, die Menschen, die Wesensverwandten zu finden, die unsere gemeinsame Geschichte fortzuschreiben bereit sind. Dann kann aus einem Feind, einer Krankheit ein Weggefährte und Mahner für mehr Fürsorge für das ehemals in der Festung versteckte ungeliebte Kind werden. Aber es braucht Vertrauen. Und das ist eine Pflanze, die erst langsam wächst und behutsam behandelt werden will.

Meine Festung ist nurmehr eine Ruine. Ich versuche daraus etwas neues zu erschaffen. Das ist schwer, aber jeder Tag, jeder Morgen ist ein weiterer Baustein für mein neues, mein offenes Refugium. Und die Menschen, die mir etwas wert sind, denen ich etwas wert bin, die haben einen Schlüssel.

Den Schlüssel für meine Seele.

Die Angst, etwas verpasst zu haben. Meine ganz persönliche Midlifecrisis

Mit Ängsten kenne ich mich aus. Nach einem halben Jahr in der Psychiatrie und einer zweiten angstgestörten Runde in der Tagesklinik kenne ich meine Angst. Aber wie das so ist, gerade meint man, jemand kennengelernt zu haben, da eröffnen sich ganz neue Seiten.

Vielleicht liegt es auch einfach am Alter. Ja, ein Klischee, aber bei mir fing es tatsächlich gefühlt mit dem 50. Geburtstag an. Und mit der Furcht, etwas nachhaltig kaputt gemacht zu haben. Durch die Krankheit, durch den Suizidversuch, durch die Angst und die Angst vor der Angst.

Sicher haben viele mir gesagt, du kannst die Vergangenheit nicht mehr rückgängig machen, du musst in die Zukunft schauen. Aber ein Teil meiner Bewältigung dessen, was ich in der Psychiatrie ausgegraben habe, ist eben die Reflektion. Ich bin jemand, der verstehen will. Vielleicht mag ich deshalb die Wissenschaft so, weil auch hier permanentes in Frage stellen ein Teil der Wissenschaftskultur ist.

Aber manche Dinge sollte man nicht hinterfragen. Nur, wie sag ichs meinem Verstand. Der findet immer irgendeinen Bezug, irgendeinen Trigger und die Gedankenspiralen fangen wieder an. Dabei gibt es gute Tage und schlechte Tage. Die guten Tage sind diejenigen, die ich nach vorne blickend verbringe. Die Tage, an denen mein Gewissen, meine hochgerüstete Sorgenfabrik mich ausnahmsweise in Ruhe lassen.

Aber dann gibt es eben auch die dunklen Tage. Die, welche mich an meinem bisherigen Leben fast verzweifeln lassen. Nicht an dem, was meine Kinder, meine Frau angeht. Viel betrauere ich dann all die verpassten Chancen, die ungenutzten Gelegenheiten, weil meine Angst mich hat den sicheren Weg wählen lassen.

Natürlich, mein Buch, mein neues Dasein als Autor. Alles tolle Veränderungen, alles Erlebnisse, die ich nicht mehr missen möchte. Aber das ist eben auch Teil der Krankheit. Dinge, die sich zum Guten wenden, redet man gerne klein, macht dafür aus Kleinigkeiten das größte Drama.

Ja, wer jetzt mit Argumenten kommt wie, du hast es doch gut, du bist bekannt, erreichst viele Menschen. Sicher, das mag wahr sein. Aber es ist in der Krise, in einer Phase der Angst schlicht nichts wert.

„Angst essen Seele auf.“ Ein Buchtitel, der viel Wahrheit beinhaltet.

Ich finde mittlerweile wieder gute Aspekte meines Lebens. Wie lange ich aber noch brauchen werde, um meine Angst endgültig im Griff zu haben. Ich weiß es nicht. Aber der Kampf lohnt sich. Schon für all die, die ich mit meiner Geschichte rechtzeitig erreichen kann, um ihnen einen früheren Ausweg zu ermöglichen oder ein Drama wie bei meiner Geschichte zu vermeiden.

Warum sich zusammenreißen mich fast zerrissen hätte

Wir leben in einer Zeit der Lügen. Damit meine ich nicht Fake News, sondern Fake Leben. So vieles, was wir heute tun, tun wir nicht aus eigener intrinsischer  Motivation, sondern weil wir irgendwem meinen irgendwas beweisen zu müssen. Dabei verschwindet aber mehr und mehr unser eigenes Wertegefüge, unsere Prioriäten und Wünsche.

Wir sollen im Job möglichst brav, karrierebewußt und folgsam sein. Im Privaten habe ich den Eindruck, dass sich an dem ewigen Vergleichen mit anderen nichts geändert hat. Im Gegenteil, Social Media ist für Menschen, die sich gerne und oft mit anderen vergleichen sogar eine wahre Fundgrube.
Mich hat man nun schon mehrfach gefragt, was ich von Social Media bei Depressionen halte. Dem könnte ich die Gegenfrage entgegensetzen: Was halten Sie vom Vergleichen bei Depressionen.

Dabei ist es für mich irrelevant, ob ich das auf Facebook oder Instagram tue, oder im Alltag gegenüber Nachbarn oder den Promis in den Hochglanzjournalien, die eine Welt vorgaukeln, die so eigentlich gar nicht existiert.
Für mich die größte Erkenntnis aus über einem halben Jahr in psychiatrischen Kliniken. Die Ansprüche anderer an mich, und daraus resultierend meine eigenen, fremdgesteuerten Ansprüche an mich haben mich fast zerstört.

Tue ich etwas aus eigenem Antrieb, dann fällt es mir nicht schwer, macht Freude und belastet kaum. Werde ich jedoch fremdgesteuert und dann noch wie es häufiger passiert entgegen meinem eigenen Wertegefüge, ja dann verwundert es mich nicht, dass die Zahl der Depressionserkrankten steigt, dass psychische Probleme mittlerweile für immer mehr längere Arbeitskraftausfälle verantwortlich sind.

Das Streben nach Glück ist ein ureigener Instinkt. Aber die Definition davon, was Glück für mich bedeutet, die musste ich erst wieder aus einem Berg von Ansprüchen anderer an mich ausgraben. Und ich buddle immer noch, weil solche Anspruchshaltungen hartnäckig sind und man sich immer wieder bewußt machen muss, will ich das? Will mein Gegenüber das ? Und passt es zu meinen Werten.

Wie oft wurde ich beurteilt auf Basis von Meinungen dritter, auf Grund von Urteilen und oft Vorurteilen über mich. Andere mögen das Fremdbild für objektiver halten, als das Selbstbild. Mich hat das Fremdbild mein eigenes Wesen fast vergessen lassen. Ich halte von Fremdbildern nicht mehr viel. Weil sie selten authentisch und noch seltener korrekt sind.

Nutze den Tag ist ein kluger Spruch. Nutze den Tag für dich. Das macht den Spruch noch runder.

Es gibt mehr Depressionserkrankte, akzeptiert das endlich!

Warum nur wird immer wieder gebetsmühlenartig behauptet, es gäbe nicht mehr Erkrankungen an Depressionen sondern nur mehr Diagnosen, wo ich Tag für Tag erlebe, wie die Zahlen steigen von Menschen, die aus psychischen Gründen ausfallen und oft ohne Diagnose.

Vermutlich, weil dann Rektoren, Politiker, Manager und Kultusminister und vielleicht so mancher Arzt oder Psychologe eingestehen müsste, dass unsere Gesellschaft immer kranker macht und es eigentlich so nicht weitergehen darf. Aber halt, da ist ja der Profit. Für mich ist der Umgang mit psychischen Krankheiten genauso verwerflich wie der Umgang mit Waffen. Solange von der Aufopferung profitiert wird, wird nichts geändert. Man kuriert die Symptome, statt die Ursache zu ändern.

DAS MUSS AUFHÖREN!

Vom Wert des Menschen und seiner (Un-)Wirtschaftlichkeit

Als Mensch mit Depressionen ist ein immer wieder ausgetragener Kampf der, seinen eigenen Wert zu erkennen und anzuerkennen. In der Depression und meist auch zwischen Episoden habe ich mich stets für weniger wert als andere Menschen gehalten, für defizitär, einfach falsch. Dabei gibt es meiner Ansicht nach nur einen alleingültigen Wert. Den der puren Existenz.

Das ist aber natürlich kein Wert, der wirtschaftlich irgendwie ausgebeutet werden kann. Daher ist er auch nichts, was man gerne kommuniziert sehen will, insbesondere nicht im Unternehmen oder der Wirtschaft allgemein (es sei denn, man kann die Botschaft zwischen Buchdeckel pressen, aber dann ist man ja schon wieder indirekt ein Wirtschaftsfaktor). Vor einiger Zeit schon habe ich den Satz gelesen: Wer glücklich ist, kauft nicht.

Beständig wird man also mit seinen Defiziten konfrontiert, mit angeblichen Fehlern, die man macht mit Unzulänglichkeiten. Man ist wahlweise zu dick, zu dünn, nicht klug genug, die Haut ist nicht rein genug, der Kopf nicht fit genug. Man soll Trainings für Körper und Geist absolvieren, die meist nur so lange Gültigkeit haben, bis der „Markt gesättigt“ ist, worauf sie ziemlich schnell für verhaltet erklärt werden und neuen Säuen weichen müssen, die dann auf breiter Front durchs Dorf gejagt werden.

Insofern ist die Wirtschaft, sind die Medien mit schuld an dem Verlust von Vertrauen von Seiten der Bevölkerung. Wer immer nur die negativen Seiten beleuchtet, wer den Eindruck entstehen lässt, die Gewalt in der Welt würde wachsen, es würde uns immer schlechter gehen, früher wäre ja alles besser gewesen, muss sich irgendwann die Frage gefallen lassen, warum denn scheinbar alles schlechter wird. Denn Wirtschaft und Medien wollen uns ja gleichzeitig weißmachen, wenn wir uns nach Regel A  oder Plan B verhalten, wird alles besser. Selbst die Medizin ist oft zu laut, zu undifferenziert. Colesterin ist böse, nein doch nicht so sehr, Kaffee ist krebserregend, oder doch nicht, oder sogar gesund. Alkohol gar nicht oder dann vielleicht doch ein bisschen.

Wen wundert da, dass immer mehr Menschen sich und ihr Leben für unzulänglich, für defizitär halten. Und dann eben nicht hinterfragen, ob vielleicht die Umwelt vieles einredet, ob vielleicht die Ansprüche unserer Leistungsgesellschaft einfach falsch sind?

Denn wenn Menschen, die Geld von A nach B verschieben mehr Lohn erhalten, als Menschen, die sich um Kranke oder Schwache Mitmenschen kümmern, wenn das Gesundheitswesen zum Wirtschaftunternehmen verkommt, dann ist offensichtlich, wo die Denkfehler gemacht werden. Längst hat sich die Wirtschaft verselbständigt, ist der Mensch nur noch wahlweise Konsument oder Humanressource. Da helfen auch Lippenbekenntnisse von Kommunikation auf Augenhöhe, von flexiblen Arbeitsmodellen nichts, wenn all das nur darauf abzielt, noch effizientere Arbeitskräfte zu züchten. Denn offene Kommunikation hat die Tendenz, nur dann offen zu sein, wenn es um gute Nachrichten geht. Der Advocatus Diaboli wird nach wie vor abgestraft, was man an den Reaktionen von Medien, Politik und Wirtschaft auf Whistleblower erkennen kann, die doch eigentlich etwas Gutes tun.

Und die Kommunikation auf Augenhöhe hört spätestens bei den Mitarbeitergesprächen oft auf. Oder wenn es um Privilegien wie Dienstwagen, reservierten Parkplatz oder Bürogröße geht. Es gibt immer Ausnahmen, die aber all zu gerne als Feigenblatt für die eigenen Defizite innerhalb der Unternehmen genommen werden. Denn oft werden die Visionen von der Arbeitswelt der Zukunft so lange zerredet, bis man froh ist, wenn man nicht jeden Tag noch optimierter angetrieben wird, noch Leaner gemanagt oder wie auch immer das Managementsprech Maßnahmen verbrämt, die eigentlich nur einem Ziel dienen sollen. Mehr Profit.

Wir müssen uns wieder besinnen darauf, dass die Wirtschaft dem Menschen dienen sollte, dass wir alle einen inhärenten Wert haben, der nichts mit Konsum oder Leistung zu tun hat. Ich nehme mich da nicht aus. Warum wohl kam es zum Suizidversuch, warum war ich ein halbes Jahr in Kliniken und ein ganzes Jahr krank. Weil die kranken Gedankenmodelle der heutigen Gesellschaft, die Tendenz, alles schlecht zu machen, was nicht mit Profiten und Wirtschaftlichkeit verbunden ist, uns immer mehr unter Druck setzen noch besser, schöner, ökologischer, klüger und was weiß ich noch zu sein.

Aber wir sind Menschen. Fehler gehören zum Plan, der Mensch, der nicht in die Norm passt. Der Kreative, der eben auch Freiräume braucht. Wir sind Mensch. Das muss als Wert reichen. Das reicht als Wert.

Und zum Schluss noch eine Anmerkung für all die Heilsbringer, die uns tagtäglich einreden wollten, wir hätten jedwede Wahlfreiheit. Dem ist eben nicht so, dafür sorgt schon die Gesellschaft mit Klassifizierung beginnend mit dem Kindergarten, weiter in der Grundschule und aufs Schlimmste in den weiterführenden Schulen. Ein angeblich hochmodernes Gymnasium in meiner Nähe hatte bis vor kurzem einen Rektor, der keinen Hehl daraus machte, dass bei ihm eine Selektion stattfinde und er viele Schüler nicht geeignet fürs Gymnasium hielt. Parallel war aber immer häufiger zu erfahren, Schüler gingen von der „Anstalt“ ab, weil sie mit dem Druck nicht mehr zurecht kämen. Wohlgemerkt, Schüler mit Spitzennoten, die einfach den immer stärkeren Leistungsdruck nicht mehr verkrafteten. Eine Kultur der Spitzenleistung ist eben schon Morgen eine Kultur der Durchschnitts.