Wie ich mich fühle, wer ich bin

Die Kälte bohrt sich in meine Knochen. Nicht eine äußere Kälte, es ist Sommer, draußen streichen Sonnenstrahlen sachte über das saftige Grün der Felder.  Ich sehe Menschen Hand in Hand spazieren gehen. Paare, Familien, Freunde. Die Sonne wärmt sie und die Wärme in ihren Herzen. Was würde ich darum geben, davon auch nur einen Hauch zu spüren. Ich weiß, ich bin erst zwölf, solche Gedanken sollte ich gar nicht haben. Aber sie sind da, sie bohren, hämmern im Kopf, verursachen Schmerzen jenseits des Körperlichen. Es ist eine einsame Kälte, geboren aus einer Einsamkeit, die ich ebensowenig fühlen sollte.

Ich fühle mich anders, ausgeschlossen, abgewiesen. Wie ein Fremder, ein Reisender in einer fremden Welt, deren Regeln, deren Werte und Prinzipien er nicht kennt oder die ihm unverständlich erscheinen. Ich kenne ein anderes Wertegefüge. Nicht genug sein, nicht richtig sein, nicht liebenswert. Das wurde mir intensivst vermittelt. Sei brav, sei still, lüg uns nicht an. Selbst wenn ich mehr Wahrheit liefern konnte, als meine Eltern, meine Mutter erfassen konnte, es war nie genug. Also wuchsen die emotionalen Mauern. Man hält als Kind bestimmte Schmerzen nur eine kurze Zeit aus. Dann errichtet man Schutzwälle gegen den Schmerz, schickt ganze Batallione aus, um die eigenen Schmerzgrenzen zu beschützen, die sonst unter dem Druck nicht lange standhalten würden. Wenige Verbündete existieren, die zumindest Trost spenden. Aber selbst diese können nicht vordringen hinter die Schutzmauern. Und sie werden dicker, werden fester, starrer, unverrückbarer mit den Jahren. Denn die Umwelt gibt einem recht.

Man funktioniert, erfüllt Erwartungen, bekommt Lob und Zuwendung. Nicht Liebe, aber immerhin ein gewisses Maß an Anerkennung. Manchmal ist dann selbst die Anerkennung des von den Klassenkameraden verprügelt werdens wertvoller als einfach ignoriert zu werden. Selbst durch diesen Schmerz spürt man, man existiert. Aber auf Dauer stirbt die Seele, wenn kein Licht, kein Lachen, keine Freude mehr Zutritt erhält ins verbarrikadierte Innere. Man fühlt sich sicher, aber auch wie ein Außerirdischer auf einem fremden, unwirtlichen Planeten. Um wenigstens ein wenig in die Welt hinaus zu können, hat man die Mauern beweglich gemacht, sie zu Schutzpanzern umfunktioniert. Angst, Depression, Trauer, alles Panzerungen, die die Seele vielleicht nicht heilen, aber doch schützen können. Wenn ich nichts mehr wert bin, ist der Schmerz des Versagens nicht mehr so groß. Man beweist ja nur das vermeintlich offensichtliche.

Immer wieder gibt es Menschen, die an den Mauern der gepanzerten Seele zaghaft oder fordernd anklopfen. Aber sie werden maximal in den Vorhof der eigenen Seelenburg vorgelassen, wo man sie mit Gaukeleien bei Laune hält, während hinten die großen Tore verschlossen werden. Nur ja nie wieder Schmerz, nie wieder Leid erleben müssen durch jene, die doch keine Ahnung haben, wie es in einem aussieht. Aber irgendwann, irgendwo ganz tief in der Festung bricht sich dann doch das Bahn, was jahrelang vergraben hat. Es reisst die Mauern nieder, schert sich nicht um Schäden und Opfer, versucht, das kleine, verängstigte Kind endlich zu befreien. Und schliesslich steht es nackt im hellen Sonnenlicht. Alle sehen den Schmerz, die Unzulänglichkeit, auch wenn sie nur im eigenen Kopf existiert. Und wenn man Glück hat, ist da irgendwer, der hervortritt, die Hand reicht und einem zeigt, dass es neben der Dunkelheit des eigenen Seelenverlieses auch Licht, Sonne, eine positive Welt gibt. Viel öfter jedoch stehen schon die bereit, die jetzt mit Freuden nachtreten, besser zu wissen vermeinen, wie die verletzte Seele geheilt werden muss oder sich einfach einen Dreck darum scheren, weil man ja schliesslich nicht zum Spass hier ist. Dann ist die Hand nicht Rettung sondern letzter Stoß in den Abgrund.

Mir hat sich eine Hand entgegengestreckt, hat mich festgehalten, ist zu mir gestanden in der dunkelsten Zeit meiner Seele, als alle Feuer verloschen waren und die schweren Balken der Depression vor die Tore der Seele platziert worden waren. Sie hat mich aus dem Abgrund gezogen, wofür ich ihr ewig dankbar sein werde. Ich stehe auch heute noch oft alleine in der mittlerweile verfallenden Festung um mein Herz. Aber noch gibt es Mauern, noch existieren Gaukler, die meinem Umfeld eine Realität vorspielen, die so nie existierte. Aber ich habe jetzt Begleiter, Weggefährten, die an meiner Seite stehen, wenn ich den Kampf alleine zu führen vermeine. Und es sind Menschen, die ich auf Wegen und an Orten gefunden habe, die ich nie für wichtig erachtet hatte. Erzähler, Heiler, Seelenverwandte, Leidensgenossen. Eine Armee die wächst. Und die ich mittlerweile mit immer lauterer Stimme aus deren eigenen Festungen herauslocken will.

Denn es lohnt. Ich habe es spät gelernt. Aber der Kampf lohnt. Und wir gehen ihn nie alleine. Wir müssen nur schaffen, die Menschen, die Wesensverwandten zu finden, die unsere gemeinsame Geschichte fortzuschreiben bereit sind. Dann kann aus einem Feind, einer Krankheit ein Weggefährte und Mahner für mehr Fürsorge für das ehemals in der Festung versteckte ungeliebte Kind werden. Aber es braucht Vertrauen. Und das ist eine Pflanze, die erst langsam wächst und behutsam behandelt werden will.

Meine Festung ist nurmehr eine Ruine. Ich versuche daraus etwas neues zu erschaffen. Das ist schwer, aber jeder Tag, jeder Morgen ist ein weiterer Baustein für mein neues, mein offenes Refugium. Und die Menschen, die mir etwas wert sind, denen ich etwas wert bin, die haben einen Schlüssel.

Den Schlüssel für meine Seele.

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