Vom Wert des Menschen und seiner (Un-)Wirtschaftlichkeit

Als Mensch mit Depressionen ist ein immer wieder ausgetragener Kampf der, seinen eigenen Wert zu erkennen und anzuerkennen. In der Depression und meist auch zwischen Episoden habe ich mich stets für weniger wert als andere Menschen gehalten, für defizitär, einfach falsch. Dabei gibt es meiner Ansicht nach nur einen alleingültigen Wert. Den der puren Existenz.

Das ist aber natürlich kein Wert, der wirtschaftlich irgendwie ausgebeutet werden kann. Daher ist er auch nichts, was man gerne kommuniziert sehen will, insbesondere nicht im Unternehmen oder der Wirtschaft allgemein (es sei denn, man kann die Botschaft zwischen Buchdeckel pressen, aber dann ist man ja schon wieder indirekt ein Wirtschaftsfaktor). Vor einiger Zeit schon habe ich den Satz gelesen: Wer glücklich ist, kauft nicht.

Beständig wird man also mit seinen Defiziten konfrontiert, mit angeblichen Fehlern, die man macht mit Unzulänglichkeiten. Man ist wahlweise zu dick, zu dünn, nicht klug genug, die Haut ist nicht rein genug, der Kopf nicht fit genug. Man soll Trainings für Körper und Geist absolvieren, die meist nur so lange Gültigkeit haben, bis der „Markt gesättigt“ ist, worauf sie ziemlich schnell für verhaltet erklärt werden und neuen Säuen weichen müssen, die dann auf breiter Front durchs Dorf gejagt werden.

Insofern ist die Wirtschaft, sind die Medien mit schuld an dem Verlust von Vertrauen von Seiten der Bevölkerung. Wer immer nur die negativen Seiten beleuchtet, wer den Eindruck entstehen lässt, die Gewalt in der Welt würde wachsen, es würde uns immer schlechter gehen, früher wäre ja alles besser gewesen, muss sich irgendwann die Frage gefallen lassen, warum denn scheinbar alles schlechter wird. Denn Wirtschaft und Medien wollen uns ja gleichzeitig weißmachen, wenn wir uns nach Regel A  oder Plan B verhalten, wird alles besser. Selbst die Medizin ist oft zu laut, zu undifferenziert. Colesterin ist böse, nein doch nicht so sehr, Kaffee ist krebserregend, oder doch nicht, oder sogar gesund. Alkohol gar nicht oder dann vielleicht doch ein bisschen.

Wen wundert da, dass immer mehr Menschen sich und ihr Leben für unzulänglich, für defizitär halten. Und dann eben nicht hinterfragen, ob vielleicht die Umwelt vieles einredet, ob vielleicht die Ansprüche unserer Leistungsgesellschaft einfach falsch sind?

Denn wenn Menschen, die Geld von A nach B verschieben mehr Lohn erhalten, als Menschen, die sich um Kranke oder Schwache Mitmenschen kümmern, wenn das Gesundheitswesen zum Wirtschaftunternehmen verkommt, dann ist offensichtlich, wo die Denkfehler gemacht werden. Längst hat sich die Wirtschaft verselbständigt, ist der Mensch nur noch wahlweise Konsument oder Humanressource. Da helfen auch Lippenbekenntnisse von Kommunikation auf Augenhöhe, von flexiblen Arbeitsmodellen nichts, wenn all das nur darauf abzielt, noch effizientere Arbeitskräfte zu züchten. Denn offene Kommunikation hat die Tendenz, nur dann offen zu sein, wenn es um gute Nachrichten geht. Der Advocatus Diaboli wird nach wie vor abgestraft, was man an den Reaktionen von Medien, Politik und Wirtschaft auf Whistleblower erkennen kann, die doch eigentlich etwas Gutes tun.

Und die Kommunikation auf Augenhöhe hört spätestens bei den Mitarbeitergesprächen oft auf. Oder wenn es um Privilegien wie Dienstwagen, reservierten Parkplatz oder Bürogröße geht. Es gibt immer Ausnahmen, die aber all zu gerne als Feigenblatt für die eigenen Defizite innerhalb der Unternehmen genommen werden. Denn oft werden die Visionen von der Arbeitswelt der Zukunft so lange zerredet, bis man froh ist, wenn man nicht jeden Tag noch optimierter angetrieben wird, noch Leaner gemanagt oder wie auch immer das Managementsprech Maßnahmen verbrämt, die eigentlich nur einem Ziel dienen sollen. Mehr Profit.

Wir müssen uns wieder besinnen darauf, dass die Wirtschaft dem Menschen dienen sollte, dass wir alle einen inhärenten Wert haben, der nichts mit Konsum oder Leistung zu tun hat. Ich nehme mich da nicht aus. Warum wohl kam es zum Suizidversuch, warum war ich ein halbes Jahr in Kliniken und ein ganzes Jahr krank. Weil die kranken Gedankenmodelle der heutigen Gesellschaft, die Tendenz, alles schlecht zu machen, was nicht mit Profiten und Wirtschaftlichkeit verbunden ist, uns immer mehr unter Druck setzen noch besser, schöner, ökologischer, klüger und was weiß ich noch zu sein.

Aber wir sind Menschen. Fehler gehören zum Plan, der Mensch, der nicht in die Norm passt. Der Kreative, der eben auch Freiräume braucht. Wir sind Mensch. Das muss als Wert reichen. Das reicht als Wert.

Und zum Schluss noch eine Anmerkung für all die Heilsbringer, die uns tagtäglich einreden wollten, wir hätten jedwede Wahlfreiheit. Dem ist eben nicht so, dafür sorgt schon die Gesellschaft mit Klassifizierung beginnend mit dem Kindergarten, weiter in der Grundschule und aufs Schlimmste in den weiterführenden Schulen. Ein angeblich hochmodernes Gymnasium in meiner Nähe hatte bis vor kurzem einen Rektor, der keinen Hehl daraus machte, dass bei ihm eine Selektion stattfinde und er viele Schüler nicht geeignet fürs Gymnasium hielt. Parallel war aber immer häufiger zu erfahren, Schüler gingen von der „Anstalt“ ab, weil sie mit dem Druck nicht mehr zurecht kämen. Wohlgemerkt, Schüler mit Spitzennoten, die einfach den immer stärkeren Leistungsdruck nicht mehr verkrafteten. Eine Kultur der Spitzenleistung ist eben schon Morgen eine Kultur der Durchschnitts.

Rezension: Ein Schnupfen ist kein Beinbruch

Ein Schnupfen ist kein Beinbruch will aufzeigen, dass Medizin nicht immer massiv wirken muss, dass nicht immer große Behandlung notwendig ist.
Auf insgesamt 222 Seiten erklären Dr. Med. Johannes Wimmer, bekannt unter anderem durch seinen YouTube Kanal und Professor Dr. Robin Haring, warum nicht jedes Medikament nötig ist, was es mit der Technik in der Medizin auf sich hat und warum nicht Nahrungsergänzungsmittel nur selten nützen.
Das Buch ist dabei nicht mit Fachtermini durchsetzt, die beiden Autoren schaffen es, einem die zum Teil komplexe Materie der modernen Medizin anschaulich und streckenweise sehr unterhaltsam näher zu bringen.
Speziell die Kapitel, die sich mit populären Irrtümern über unser Gesundheitssystem befassen, sind sehr spannend zu lesen und greifen Themen auf wie Qualität der deutschen medizinischen Versorgung, Stand der Forschung und alternative Medizin und deren (Un)wirksamkeit.
Insgesamt lässt sich das Buch sehr angenehm lesen, es werden keine Fronten eröffnet sondern es wird versucht darzustellen, dass nicht alles immer optimal läuft, man aber weit weniger Grund zum Klagen hat, als viele meinen. So zeigen die Autoren, dass durchaus auch die Haltung der Bürger zur Medizin nicht immer objektiv ist und manch eine Medikation nicht nötig wäre oder manch ein Besuch beim Arzt oder im Krankenhaus überflüssig.
Gerade jenen Menschen, die sehr kritisch gegenüber der „Schulmedizin“ sind, sei dieses Buch ans Herz gelegt, zeigt es doch die Defizite wie auch die Errungenschaften sehr deutlich und offenbart, dass manch ein Anspruch an behandelnde Ärzte oder Kliniken schlicht zu groß oder die Einschätzung dessen, was die optimale Behandlung für das eigene Leiden ist, sehr subjektiv sein kann.
Das Buch ist ein richtiges und wichtiges Plädoyer für den informierten Patienten, der durch Wissen Fehlbehandlungen mit vermeiden helfen kann. Es liegt nicht die ganze Verantwortung beim Arzt, auch als Patient sollte man sich informieren, um Werbeversprechen nicht einfach zu erliegen oder den guten, ernsthaften Arzt vom Scharlatan unterscheiden zu können.
Dieses Buch kann da sehr gut als Einstieg dienen, um die eigene Patientenkompetenz zu schärfen.
Daher von mir 5 von 5 Sternen für ein Buch, das es schafft, sowohl zu unterhalten als auch zu informieren.
Ein Schnupfen ist kein Beinbruch ist bei Ullstein zum Preis von 10 Euro erschienen.

Gedanken zu meinem 2. Geburtstag

Drei Jahre ist es her, als ich nicht mehr konnte. Oder wollte. Oder beides.
Drei Jahre und ein Tag genau genommen, aber der 5. Februar ist der Tag, an dem ich wieder aufgewacht bin. An dem für mich eine Welt zusammenbrach. Was ich da nicht ahnte war, dass sich eine gänzlich neue Welt öffnen sollte. Mittlerweile liegt es ferner denn je, nochmal aus dem Leben scheiden zu wollen. Das habe ich wertvollen Menschen zu verdanken, allen voran meiner Frau Sibylle und einer lieben Kollegin, die im Roman als Barbara auftritt. Ich wurde Autor, Sprachrohr für Betroffene, die Medien interessierten und interessieren sich für mich.
Mein Buch verkauft sich nach wie vor gut, was mir wiederum hilft, weiterhin für die gesellschaftliche Akzeptanz von Depressionen und eine bessere Suizidprävention zu kämpfen.
Ich bekam Drohbriefe und meiner Frau wollte man den Mund verbieten. Aber ich bekam auch unglaublich liebe Briefe von Betroffenen, Nachrichten, Anrufe, Feedback. Ich war im TV und im Radio, um meine Botschaft zu verbreiten. Noch immer muss ich mir vor Augen führen, dass ich einen Jugendtraum erlebe. Ich bin Autor, mein Buch scheint Menschen helfen zu können, was für mich ein wunderbares Geschenk ist.

2017 war in jedweder Beziehung ein unglaubliches Jahr. Und 2018 scheint da anknüpfen zu wollen. RTL interessiert sich für meine Geschichte, ich bin Keynote Speaker eines Patientenkongresses in der Schweiz und wieder laden mich Schulen, Vereine und Buchhandlungen ein, Lesungen und Vorträge zu halten.

Ich freue mich auf noch weitere zweite Geburtstage. Denn jetzt ist mein Leben ein anderes, ein besseres. Und ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Auf meinem Weg.

Ich werde immer mal wieder gefragt, ob mich das nicht stresst, die Erinnerung an das Geschehene nicht belastet.
Nein, im Gegenteil. Der offene Umgang mit meiner Krankheit ist mir Therapie und Hilfe. Mehr als dreissig Jahr habe ich meine Depression mit mir herumgetragen, ohne wirklich zu wissen, was mit mir nicht stimmt. Ich wollte funktionieren, anerkannt werden, akzeptiert werden. Und ich habe mich dafür verbogen, verstellt, nur um gemocht zu werden. Das trainiere ich mir gerade ab. Mir ist klar, nicht jeder ist mit meiner Art einverstanden, mit meiner Depression umzugehen. Nicht jeder versteht, wie sehr mir Social Media bei der Rückkehr ins Leben geholfen hat. Das Leben hat mir lange Jahre nur verschimmelte Zitronen geboten, jetzt gab es endlich mal ein paar leckere und reife Orangen.
Meine Prioritäten haben sich geändert, auch, wessen Urteil über mich ich ernst nehme und welches nicht.
Und das Feedback meiner Leser, der Zuschauer und Zuhörer unterstützt und ermutigt mich, weiter zu kämpfen. Damit irgendwann sich niemand mehr seiner KRANKHEIT Depression schämt oder sie versteckt. Damit mehr Menschen geholfen wird und weniger Menschen an dieser oft tödlichen Krankheit sterben.

Ich freue mich auf noch weitere zweite Geburtstage. Denn jetzt ist mein Leben ein anderes, ein besseres. Und ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Auf meinem Weg.

Rückfälle lassen sich vermeiden – so bleiben Sie nach der Therapie stabil

Dieser Artikel stammt nicht von mir. Aber das Angebot und die Idee hinter rückfallprävention.com finde ich so richtig und wichtig, dass ich eine der seltenen Ausnahmen mache, und hier einen Gastbeitrag zulasse. Weil ich finde, genau im Feld der Rückfallprävention, der Hilfe NACH den Kliniken oder der Therapie ist noch viel Bedarf. Und ich bin mir sicher, Online Angebote sind hier ein sehr guter Weg.

Das Berliner Start-up HealthMedo bietet mit Rückfallprävention.com ein kostenloses Angebot für ehemals an Depression Erkrankte.

„Ich dachte nach der Therapie, jetzt bin ich geheilt, aber als der erste Stress kam, hab ich nicht aufgepasst und schon ging es wieder los mit den Depressionen.“

Wer seine Krankheit einmal mithilfe einer Psychotherapie in den Griff bekommen hat, gewinnt seine Lebensqualität zurück. Gleichzeitig tragen Betroffene jetzt die Verantwortung, Veränderungen in ihrer Stimmung und in ihrem Wohlbefinden im Blick zu behalten, um Anzeichen für Rückfälle frühzeitig zu erkennen. Im Alltag geht der Blick für sich selbst jedoch schnell wieder verloren. Die hohen Rückfallraten bestätigen das: Fast jeder dritte Betroffene leidet im ersten Jahr nach der Behandlung an einer erneuten depressiven Episode. Erschwerend kommt hinzu, dass mit jeder neuen Episode das Risiko für eine Weitere steigt – gute Gründe, warum der Prävention von Rückfällen ein besonderer Stellenwert in der Behandlung von Depressionen zukommen sollte. Das hohe Rückfallrisiko bei Depressionen ist jedoch bislang kaum in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt. Spezielle Versorgungsangebote gibt es wenige.

Für ehemalige Patienten entstehen in der Zeit nach der Therapie viele zentrale Fragen: Wann ist der passende Zeitpunkt, um bei einer Stimmungsveränderung einzuschreiten? Welches Programm passt zu mir? Genügt eventuell tägliches Yogatraining zur Stressbewältigung oder brauche ich eine erneute Therapie?

Eines ist sicher: Bei den ersten Anzeichen einer Stimmungsverschlechterung muss nicht sofort die klassische Psychotherapie angezeigt sein. Doch die Recherche von Alternativ-Programmen und das Urteil, welche Intervention an diesem Punkt passend ist, lag bislang allein beim Patienten – ganz schön überfordernd.

Diese Lücke will das Berliner Start-up Psychologio mit der Entwicklung eines digitalen Frühwarnsystems schließen. Das Team von Psychologio hat durch seine Online-Plattform zur Vermittlung von Psychotherapieplätzen Erfahrung mit den Strukturen des Versorgungssystems und den Bedürfnissen der Patienten. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie richtet sich das ergänzende kostenlose Angebot Rückfallprävention.com explizit an ehemalige Depressionspatienten.

Wer kann teilnehmen?

Das Angebot Rückfallprävention.com richtet sich an Menschen, die an Depressionen erkrankt waren und innerhalb der letzten 12 Monate eine Therapie beendet haben. Die Teilnahme ist kostenlos.

Das Team von Rückfallprävention unterstützt Sie gerne bei Ihrer nachhaltigen Gesundung. Alle Informationen erhalten Sie auf www.rückfallprävention.com. Für Fragen stehen wir Ihnen unter der Telefonnummer 030 602 75 778 und info@rückfallprävention.com zur Verfügung!

Warum Angst ein schlechter Berater ist

Ich habe eine Angststörung. Noch so eine Sache, die ich lange vor mir und der Welt verheimlicht habe. Nicht, dass ich häufiger Angst hätte, als andere Menschen. Aber wenn sie kommt, dann allumfassend. Erstickend, beängstigend. Und gefühlt lebensbedrohlich.

Die Geschichten über den Ursprung kennen wir sicher alle. Angriff oder Flucht. Vor Jahrtausenden sinnvoll behindert es heutzutage in einer Zeit, da wirklich lebensbedrohliche Angstsituationen eher selten geworden sind. Der Säbelzahntiger heißt heute Straßenverkehr und bedingt eher Aufmerksamkeit und Nachdenken als einen Fluchtinstinkt. Sicher, nachts, alleine in einer schummrigen Seitenstraße mit Schritten, die einem folgen. Da wird wohl jeder ein mulmiges Gefühl bekommen. Aber das sind eher seltene Situationen.

Der gefühlten immer größer werdenden Bedrohung stehen Zahlen, Fakten, Analysen entgegen, die darlegen, dass wir selten so sicher gelebt haben, wie heute.

Mich hat die Angst aufs Dach gejagt, wollte mir einflüstern, dass ich keinen Ausweg mehr habe, dass ich wie ein in die Enge und an eine Klippe getriebenes Tier nur noch die (tödliche) Flucht durch einen Sprung als Alternative habe. Dabei habe ich sehr schnell gelernt, dass vieles, was wir als Angst erleben, eher manipulativ als real ist. Lügen über Bedrohungen. Angst vor Arbeitsplatzverlust als Managementmethode. Umgang mit Mitarbeitern wie mit kleinen Kindern, die man angeblich kontrollieren, beurteilen und ggf. bestrafen muss. Wir denken noch in vielen Bereichen neandertalerhaft. Was mir Mitpatienten in den Kliniken berichteten, ließ mich erkennen, dass wir noch weit davon entfernt sind, so etwas wie mündige Menschen zu erziehen oder auch nur zu wollen. Nicht umsonst wird immer noch gerne der Begriff der Humanressource verwendet.

Aber eins spüre ich, eins hat sich für mich geändert. Die Angst ist nicht mehr so mächtig. Seit ich weiß, wie schwach ein Mensch ist, der Kontrolle nur durch Angst erreichen kann, können mich solche Menschen nicht mehr treffen, selbst wenn sie Anwälte und Kontaktverbote auffahren.

Denn sie zeigen vor allem, wie angstgetrieben sie sind. Und wie schwach sie sind, wenn sie durch Angstszenarien Menschen kontrollieren, zu Handlungen bewegen.

Wer mit Angst operiert, mag kurzfristige Ziele erreichen, längerfristig wird er scheitern, weil niemand, der nur aus Angst handelt, von seinem eigenen Tun überzeugt ist. Und insofern erzeugt Angst Gegenreaktionen, von Ignoranz über Rache bis hin zu Verlassen werden. Angst ist ein sehr schlechter Berater. Einer, den vor allem schwache Menschen einsetzen müssen, weil sie nicht die Größe haben, auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Natürlich habe ich auch weiterhin  Angst, aber ich kann sie erkennen und durchschauen. Und damit nehme ich ihr viel von ihrem Schrecken. Und ein bisschen Angst ist weiterhin wichtig. Aber Angst als Machtinstrument ist etwas, das nur schwache Menschen brauchen, um andere zu lenken.

„Politik machen: den Leuten so viel Angst einjagen, dass ihnen jede Lösung recht ist.“

Wolfram Weidner

 

„Man braucht nichts im Leben zu fürchten, man muss nur alles verstehen.“

Marie Curie

 

„Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.“

Franklin D. Roosevelt

Die eigentliche Belastung sind all die guten Ratschläge.

Ich glaube nicht, dass wir schlechter leben, ungesünder essen oder falsche Prioritäten haben.

Was wir haben sind jede Menge angeblicher Lebensexperten, die uns heute erklären, dieser Lebensstil sei der einzig heilsbringende, Morgen der genau gegenteilige. Das Wissen besteht aus Ausschnitten, Annahmen und ideologischer Verblendung. Und es sorgt dafür, dass wir irgendwann fast immer annehmen, etwas falsch zu machen. Ist das, was ich gerade esse richtig? Darf ich noch in diese ach so gefährli he virtuelle? Muss ich entrümpeln, langsamer leben, mehr arbeiten, weniger arbeiten.

Ganz ehrlich? Man sollte die meisten Ratschläge besser ignorieren und wieder darauf hören, was einem selbst Freude bereitet. Auch, wenn man dann angeblich ignorant, undankbar oder böse ist. Denn meist ist es nur die Wut derer, die merken, dass wir nicht mehr auf sie hereinfallen.

Warum Klapse für mich kein negativer Begriff ist und SAT1 keinen Fehler gemacht hat

Meine Klapse war ein toller Ort für mich.

Am 5. September war ich beim SAT1 Frühstücksfernsehen zu Gast. Die Reaktionen darauf waren überwiegend sehr positiv, nur mockierten sich manche über den Begriff „Klapse“, den Alina Merkau, die Moderatorin benutzt hat.

Zur Erklärung. #ausderklapse als Hashtag habe ich auf Twitter während meiner Zeit in der Klinik. Ich habe bewußt „Klapse“ gewählt, ein Begriff, der viel von Menschen benutzt wird, die uns psychisch Kranke gerne mit Vorurteilen belegen. Da ich eben auch diese Zielgruppe erreichen wollte, wäre „ausderpsychiatrie“ viel zu neutral und wenig provozierend gewesen. Und nicht nur ich sprach damals liebevoll von Klapse, auch viele meiner Mitpatienten. Denn Humor, und gerade auch schwarzer Humor ist eine tolle Therapie.

Vor dem Interview hat mich Frau Merkau sehr gut gebrieft und auch aktiv gefragt, ob sie den Begriff „Klapse“ verwenden dürfe. Das habe ich bewußt bejaht.

Wer also eine Beschwerde vorbringen will wegen eines Begriffs, bitte auf mich draufhauen. Frau Merkau konnte absolut nichts dafür und hat sich sehr sensibel und korrekt verhalten. Deshalb hier ein Kompliment an die Crew des Frühstücksfernsehens, die mit dem Thema nach meinem Empfinden sehr gut und sensibel umgegangen ist.

Mich stört es immer wieder, dass Menschen sich oft mehr über Begriffe aufregen, die von Betroffenen selbst verwendet werden, aber kaum über das Stigma diskutieren, das immer noch in der Bevölkerung herrscht.

Es ist nichts gewonnen, wenn alle von „ausderpsychiatrie“ sprechen, aber jeden depressiven Menschen immer noch für faul, dumm oder verrückt halten.

Depressionen sind eine Krankheit und behandelbar wie jede andere Krankheit auch. Menschen mit Depressionen können dennoch produktiv sein, sind für niemand anderen ausser sich selbst eine Gefahr und würden gerne so behandelt werden, wie z.B. jemand mit einem Beinbruch. Wenn also jemand mit mir spricht und von der Klapse redet, dann ist das für mich kein Problem. Wohl aber, wenn er mir Motivation, geistige Klarheit, Intelligenz oder den Willen abspricht, gegen die Krankheit zu kämpfen.

Raul Krauthausen ist mir da Vorbild, er hat sogar mal explizit Rollstuhlfahrerwitze gesammelt. Weil es eben mehr auf den Ton, auf die Einstellung zur Person ankommt. Ein Mensch, der verständisvoll ist, aber von Klapse spricht ist mir tausend mal lieber, als jene vielen Betroffenen, die zwar von Krankenhaus oder Psychiatrie sprechen, mich aber wie einen Aussätzigen behandeln.

Und schliesslich: Eines hat der Begriff und der Hashtag #ausderklapse ja erreicht. Es wird diskutiert. Wenn wir es jetzt noch schaffen würden, weniger über political correctness und mehr über Toleranz, Verständnis und Entstigmatisierung zu diskutieren, dann könnte ich sagen: Mission erfüllt.

Ich rede weiter liebevoll von meiner „Klapse“, die mir das Leben gerettet hat.