Die Nacht war immer mein Freund

Noch bevor ich mich mit meiner Depression konfrontiert sah, lange bevor ich mcih nicht mehr als charakterschwach sondern ernsthaft krank gesehen habe, spürte ich, dass einiges in mir anders funktionierte, als bei den „Normalen“.

Ganz besonders spürte ich das während meiner Zivildienstzeit. Ich arbeitete in einem Altenkrankenhaus, immer nur Nachtschicht. Das hieß für mich, sieben Tage arbeiten, sieben Tage frei. Und ich habe es genoßen, wie selten eine Zeit in meinem Leben. Die Stille, die Ferne all jener Menschen, die mich sonst hätten verletzen können. Dafür Menschen, die nach einer OP zu uns kamen, bevor sie wieder nach Hause oder in Alten- bzw. Pflegeheime entlassen wurden.

Es war viel Raum, viel Zeit, viel Stille. Man lebte wie in einer Traumblase, die Welt draußen schlief, während man selbst auf Wacht war.

Mein Leben wurde langsamer, bewußter. Ich begann erneut meine Malerei, verdiente mir mit Portraits von Patienten, in Auftrag gegeben von deren Verwandten sogar die eine oder andere Mark (ja, das war noch vor dem Euro)

Und die freien Tage genoß ich. Ich wechselte nicht mal sehr den Rhythmus. Weil meine damalige Freundin tagsüber beschäftigt war, stand ich eher spät auf, dafür wurden die gemeinsamen Nächte oft lang und sehr intensiv. Ich begann auch meine Sexualität zu entdecken, meinen Selbstwert, meine Leidenschaften zu pflegen. Es war das fehlende Korsett, das mich glücklicher sein ließ, als jemals zuvor. Ja, ich hatte feste Dienstzeiten. Aber die Nachtschicht war immer mehr eine Wache für die Patienten, damit diese sicher und geborgen waren. Man fühlte sich aus der Welt genommen, wie in einem ganz eigenen Kosmos. Ich glaube, ich habe selten intensiver und leidenschaftlicher gelebt, als in dieser Zeit. Auch, weil viele der Verletzungen, der Erniedrigungen, die ich Jahre lang auch und insbesondere von Zuhause erfahren hatte, einfach weggefallen sind in dieser Zeit. Ich war frei wie selten zuvor und lebte das mit Genuss aus.

Bis heute ist dieses Gefühl geblieben, diese Geborgenheit, die die Nacht für mich darstellt. Manchmal habe ich schon drüber nachgedacht, ob das eher etwas mit meinen Ängsten und Depressionen zu tun hatte und hat. Aber wenn, dann war die Nacht für mich immer eher die Medikation, um meine Ängste, meine düsteren Gedanken zu vertreiben. Das mag in gewissem Maße paradox klingen. Aber ich fühlte mich und fühle mich insbesondere Nachts sicherer, geborgener, beschützter.  Oder anders gesagt. Unerreichbar, verschwunden und dennoch am Leben. Keiner, der mich verletzt, keiner, der mich niedermachen kann. Ich bin mit mir und der Dunkelheit alleine. Und die Dunkelheit war immer etwas beruhigendes, etwas Wunden heilendes für mich. Meine kleine, eigene Traumwelt, mit meinen Regeln und frei von Menschen, die mich nicht verstehen, nicht so akzeptieren wollten, wie ich war und jetzt ganz bewußt wieder bin.

Ich habe in dieser Zeit wohl viel Energie aufgetankt, die mich noch Jahre später getragen hat und die erst zerstört wurde, als mich die Korsette des „normalen“ Alltags und nicht gerade sehr wohlwollende Menschen eingeengt, abgewertet, für mangelhaft dargestellt haben. Es waren kleine Messerstiche, die aber in Summe zu einer klaffenden Wunde angewachsen sind, die mich fast umgebracht hätte. Kein Einzelner war dafür verantwortlich aber es gab genug Menschen, die mir willentlich oder nicht Schmerz zugefügt haben, die mich in eine normale Welt pressen wollten, deren Wahnsinnigkeit ich längst durchschaut hatte. Heute versuche ich, anderen zu helfen, weil ich weiß, wie wichtig es ist, man selbst zu sein, niemanden zu erlauben, dass sie oder er darüber bestimmt, welchen Wert ich als Mensch habe. Die Nacht war für mich mein Schutz und erst die letzten Jahre haben es im Nachhinein ermöglicht, dass ich auch den Tag lieben gelernt habe. Dass ich das geworden bin, was ich schon immer sein wollte. Ein Maler, ein Autor, ein Liebhaber, ein Aktivist.

Und vor allem. ICH.

Was heißt eigentlich mutig

Immer wieder bescheinigen mir Leser oder Zuhörer meiner Vorträge, ich sei doch sehr mutig, so mit meiner Krankheit umzugehen.

Das ist für mich ein zweischneidiges Schwert.

Was ich tue hat für mich nichts mit Mut zu tun, eher mit der Erkenntnis, dass ich viel zu lange darüber geschwiegen habe, dass es mir einfach gut tut, offen über meine psychischen Probleme zu sprechen.

Es ist nicht mit Angst belastet, die ich überwinden musste vor einer Gefahr, einer ureigenen Furcht vor etwas bedrohlich Unbekanntem. Mut heißt in meiner Definition vor allem, in einer mit Angst beladenen Situation dennoch zu handeln und hier vor allem auch richtig zu handeln. Also kein Ausweichen, kein Rückzug sondern zunächst der Schritt nach vorne, der Angst entgegen.

Wenn das aber stimmt, dann ist jeder mutig, der sich seiner psychischen Problematik stellt, sei es Angst, Panik, Depression, Schizophrenie oder irgendwas anderes.

Mut ist auch, seine eigenen Schwächen zu erkennen und zu benennen, die verwundbaren Stellen nicht zu verstecken, sondern offen zu tragen.

Mut ist für mich vor allem eins.  Handeln. Voran gehen, Vorbild sein, auch mit und durch die eigenen Schwächen.

Mutige Menschen sind seltene Menschen. Weil sie eben nicht ohne nachzudenken in jedes Abenteuer gehen. Weil sie vielmehr ihre Angst und ihre Schwächen kennen und trotzdem das Voranschreiten wagen.

Helden sind mutig, nicht stark oder übermenschlich. Helden sind Menschen, die den schwereren Weg gehen, der aber authentisch ist und der voran bringt.

Mutige Menschen ruhen sich nicht auf dem Status Quo aus sondern arbeiten an Veränderung, wo sie Veränderung für nötig erachten.

Und mutige Menschen interessieren sich nicht für das Bild oder die Vorstellungen anderer darüber, wie sie zu handeln haben.

Insofern. Seid Helden, seid mutig. Indem ihr Angst, Schwäche und Niederlagen nicht meidet, sondern begrüsst, nicht versteckt, sondern ins Tageslicht zerrt. Und nicht gegen sie kämpft, sondern mit ihnen voranschreitet. Angst als Begleiter heißt auch den Feind unter Kontrolle zu haben.

Vom Loslassen

Ich hatte einen Plan für mein Leben. Einen guten Plan, einen sicheren Plan.

 

 

Aber nicht meinen Plan.

Was ich werden wollte, war zu großen Teilen von anderen eingeredet oder durch andere beeinflußt.

Ich habe mich immer für einen begeisterten Softwareentwickler gehalten. In Wirklichkeit habe ich an dem Gedanken einer vermeintlichen Sicherheit festgehalten, statt loszulassen und mich auf das einzulassen, was mein Herz wollte.

Eigentlich war mein Traum ein Autor oder Kunstmaler zu werden. Es existierte bereits eine erfolgversprechende Kunstmappe und auch schreibend war ich kurz nach meinem Abi schon recht erfolgreich. Aber da war immer diese Angst vor dem Loslassen.

Die Angst vor Frosts „weniger begangenem Weg“. Was, wenn ich keinen Erfolg hätte, was wenn meine Kunst niemandem gefallen würde. Der Computer, das Programmieren hatten mich vor allem beschäftigt, weil sie mir Sicherheit und Kontrolle boten. Ein Mikrokosmos, den im Griff ich ohne Schwierigkeiten schaffte. Und schon damals wusste ich, IT wird auch in Zukunft gebraucht, ist also ein viel begangener aber sicherer Weg. Um den Weg zu beschreiten habe ich aber in Kauf genommen, meine Seele, meinen Herzensweg verlassen.

Und das hat mich dreißig Jahre später auf fast tödliche Weise wieder eingeholt. Es gab kleine Momente dazwischen, Freiräume, die meinem Herz erlaubten, seinen Weg zu suchen. Aber die währten nie lange. Ich begann mit dem Studium. Nach Humboldt, also mit Freiräumen, mich zu finden. Das waren Momente, die mein Herz aufleben ließen. Aber es ist wie mit dem Faustschen Pakt mit dem Teufel. Ich hatte meine Seele eingetauscht gegen ein sicheres aber letztlich falsches Leben. Und wie Faust von seinem Pakt eingeholt wird und dafür bezahlen muss, so war es auch bei mir. Und der Preis war fast mein Leben.

Erst als ich in der Notaufnahme wieder erwacht bin und glaubte, alles verloren zu haben, war ich bereit, loszulassen, mich auf unbekanntes Terrain zu begeben.

„Dies alles sage ich, mit einem Ach darin, dereinst
und irgendwo nach Jahr und Jahr und Jahr:
Im Wald, da war ein Weg, der Weg lief auseinander,
und ich – ich schlug den einen ein, den weniger begangen, und dieses war der ganze Unterschied.“

In dem Moment, als ich die Kontrolle abgegeben habe, mich auch der Unsicherheit und damit dem eigenen wirklichen Leben geöffnet habe, konnte ich meinem Herz erlauben, wieder frei zu sein.

Heute bin ich, was ich immer sein wollte. Künstler, Autor, Performer, Aktivist. Und ich schaffe es mittlerweile auch, mit der Unsicherheit, dem Unwägbaren zu leben. Der Pakt mit dem Teufel Sicherheit, Gewissheit ist immer noch verlockend. Aber jetzt scheint seine Falschheit, das Verlogene deutlich durch und ermahnt mich immer wieder aufs neue, den Weg zu gehen, der weniger begangen, aber mein eigener ist.

Und ich habe noch mehr losgelassen. Menschen, die mir schaden. Menschen, die mich nur für ihren Vorteil nutzen. Menschen, die ob willentlich oder unwillentlich schlicht böse sind.

Ich kann nicht allen verzeihen, auch wenn manche das raten. Aber ich kann loslassen, den Zorn kommen und wieder gehen lassen und so meinen Frieden mit den Schmerzen schließen, die mir zugefügt wurden und auch nach Jahrzehnten immer wieder kommen.

Loslassen, nicht kontrollieren, hat mir letztlich das Leben, mein Herz und meine Seele gerettet.

 

Der Sinn des Lebens V2.0

Ich kenne ihn nicht. Hab ihn eigentlich nie gekannt
hab mir auf der Suche nach ihm nicht nur Finger verbrannt.
Bin gestürzt und geflogen, hab gelogen, betrogen,
die Wahrheit gesagt und mich zu oft verbogen.

Du brauchst einen Sinn, einen Weg, ein Ziel.
Danach zu suchen wurde später mir letztlich zu viel.

Keinen Sinn, keinen Weg, dann könnt ich gleich gehen.
Gut das die die mir wichtig, dann fest zu mir stehen.

Ich war mal ein braver, ein folgsamer, gänzlich normal.
Heut wär mir normal sein nicht Freude doch Qual.

Ihr wollt den Sinn, glaubt ich hätt ihn gefunden?
Manchmal dacht ich, doch er hat sich mir immer entwunden.

Heut weiß ich, das Leben an sich ist der Sinn.
Das ich hier bin und Mensch bin ist größter Gewinn.

Ich will nicht mehr passen, nicht folgen nicht stimmen
Bin Künstler, bin Autor, bin begeistert am spinnen.

Die Norm fand ich spannend, hab mich lang dran gehalten.
Jetzt ist sie das Grauen, da um uns zu verwalten.

Schön brav solln wir sein, und ruhig und still.
Bewahr uns dass einer von euch andres will.

Was nicht in die Norm passt wird verbogen, verdammt.
Bis jeder letztendlich zur Erkenntnis gelangt.

Hütet euch vor denen, die scheinbar allwissend
So wenig echt leben, dass sie es nicht mal vermissen.

Seid auf der Suche, seid neugierig, lebt.
Denn ihr wisst nicht, wann eure letzte Rolle ihr gebt.

Es kann schneller vorbei sein, ne Floskel ich weiß,
Doch das Leben liefert irgendwann den letzten Beweis.

Dann wünsch ich euch allen, dass ihr sagt, hab gelebt.
Und nicht bereut, was ihr jetzt erst versteht.

Digital Detox ist Bullshit

Wieder mal wird die „dieses Internet ist ja so böse“ Sau durchs digitale Dorf getrieben. Dieses Mal in Gestalt eines Artikels in der ZEITmit dem vielsagenden Titel: Digital Detox, ein Leben nach dem Internet, jetzt! 

Ein Beitrag, so tendenziös und anmaßend, so bevormundend und schlecht recherchiert, wie eigentlich alles, was sich sinnvollerweise kritisch mit der digitalen Welt auseinanderzusetzen vorgibt.

Ja, auf Grund meiner Depression und einer Diagnose einer Therapeutin habe ich mal 4 Wochen auf das Internet verzichtet. Es ging ohne Probleme. Aber im Gegensatz zu manch anderen, die von einem völlig neuen Leben schwärmen, hat sich bei mir nichts verändert. Nichts wurde besser oder schlechter. Einiges vielleicht komplizierter.

Nein, auch vor dem Smartphone hatte ich keinerlei Interesse, von wildfremden Menschen in der Straßenbahn angesprochen zu werden. Mein Umfeld nutzt zu 100% ein Smartphone aber ich sehe niemanden, der permanent in Gesellschaft auf sein Smartphone starrt oder nicht zuhört, weil er gerade eine Nachricht schreibt.

Der Artikel erinnert mich sehr an Spitzer. Einfach mal ein paar Behauptungen in den Raum stellen, die auf größtmögliche Zustimmung stossen. Dabei ist die Aussage, dass das Internet uns krank macht, sowohl belegt, als auch widerlegt. Es kommt wie bei allem auf die Art der Verwendung an. Wenn ich aber mit den  digitalen Angeboten nicht umgehen kann, dann ist es eben keine valide Lösung, diese Angebote verbieten, dämonisieren zu wollen.

Das Internet ist eine Technologie, die nicht alleine dadurch gefährlich wird, dass ich sie nicht bedienen kann. Wenn ich so wenig Selbstkontrolle habe, dass ich beständig aufs Smartphone schaue, dann dürfte diese Selbstkontrolle möglicherweise auch in anderen Bereichen nicht vorhanden sein.

Mir hat das Netz zwei Mal das Leben gerettet, ich habe Online gegen ein Psychiatriegesetz eine Petition gestartet, die sehr erfolgreich war und bin erst dadurch zum Buchautoren geworden, dass ich auf Twitter aktiv war und bin.

Bitte, wenn schon so ein Artikel, dann nicht „wir“ und „man“, sondern „ich“. Das Ganze ist die durchaus berechtigte Sichtweise der Autorin, aber beileibe nicht Fakt oder belegtes Wissen. Die Studien zur Digitalisierung finden wie in so vielen anderen Bereichen erst statt und es werden immer wieder positive wie negative Effekte entdeckt. Jüngste Studien belegen zum Beispiel eben auch, dass Social Media Menschen mit psychischen Problemen helfen kann.

Ein Schelm, der hier „Unterstützung fürs eigene Buch“ denkt.

 

Oh, und hier ein paar Quellen mit einer etwas anderen Sicht. Natürlich gibt es auch negative Effekte und bei Depressionen sich mit andern auf Social Media zu vergleichen ist das Dümmste, was man tun kann. Aber man kann eben auch austauschen, Hilfe geben und erhalten, man kann sein Leben gerettet bekommen:
We’re told that too much screen time hurts our kids. Where’s the evidence?
Psychische Krankheiten auf Social Media, weg mit dem Stigma 

Why it’s high time you ditched that digital detox nonsense

Why a digital Detox is bad for us

Brinkert/Metzelder-Kampagne: Mit VR-Brille in Robert Enkes Gefühlswelt eintauchen

Bayerisches Psychiatriegesetz: Ein Jahr nach dem Eklat

Über 80.000 Unterschriften gegen bayerisches Psychiatriegesetz (Am Ende waren es knapp 150.000)

„Abhängigkeit von sozialen Medien gibt es nicht“

Microblogging and the value of undirected communication

Online-Therapie bei Depression“Man merkt wieder, dass man etwas schafft“

Online Foren Depression

Das sind genauso wenig repräsentative Sichten wie die Gegenseite, aber dieses tendenziöse Bashing, gepaart mit dem erzieherischen Zeigefinger und der messiatischen Art, alles Digitale zu dämonisieren hilft nicht weiter. Digital is here to stay. Vielleicht sollten manche den Umgang damit besser lernen, als ihn zu verdammen. Natürlich gibt es negative Auswirkungen, aber hey, die gibts auch beim Auto, beim Fernsehen, beim Essen, hey, beim Leben selbst.. Also? VERBIETEN! ALLEN!
Oder vielleicht doch nachdenken, was man tut, lernen, sich weiterentwickeln? Wir haben den Zug überlebt, das Fernsehen, das Telefon…

Ich habe Ängste, aber ich schäme mich nicht

„Angst essen Seele auf“, ein Film von Fassbinder.

Und gleichzeitig ein Gefühl, dass ich über Jahrzehnte in mir getragen habe, ohne es benennen zu können, ohne wirklich zu verstehen, was da mit mir passiert.

Es war oft keine begründbare Angst. Eher kam die Angst von einem Moment auf den anderen,  unerwartet, unbegründet, überwältigend. Dass dahinter eine Depression und die daraus entstandene Angststörung steckte, ich konnte es nicht mal erahnen und hätte man es mir damals gesagt, dann hätte ich wohl gelacht und es als Irrtum, als meinen Charakter abgetan.

Woher diese Ängste kommen, weiß ich mittlerweile sehr genau. Vor allem wenig Zuneigung bis gar keine von meiner Mutter und ein eher hilfloser Vater waren wohl die Grundlage. Aber letztlich habe ich auch selbst ein ungesundes weil perfektionistisches, stets an Leistung orientiertes Wertegefüge aufgebaut. Und ausgebaut, so daß ich die Ansprüche eigentlich nie erfüllen konnte. die Karotte war immer unerreichbar für mich.

Wie überwältigend diese Angst werden würde, getriggert durch ein komplett aus dem Ruder gelaufenes BEM Gespräch, woher sollte ich es ahnen. Dabei hat mir diese Angst beinahe das Leben gekostet. Und sie war und ist für mich real.

Wer sich über jemanden mit starken Ängsten lustig macht, dem wünsche ich nicht, dass er diese Ängste jemals erleben muss. Es ist zerstörerisch, die Welt wird schwarz, die Depression klopft an die Tür und zieht ziemlich schnell bei mir ein.

Und dann braucht es viel Kraft und Handeln, um die Angst irgendwann in den Griff zu bekommen. Ja, ich habe Tricks, meine berühmte Chilischote, um eine Panikattacke zu unterbrechen. Lieber wäre mir, sie würden nie mehr auftreten.

Es geht mir sehr viel besser, als vor meinem Suizidversuch. Aber es gibt immer wieder Momente, wo meine Angst eskaliert. Im Moment warte ich auf einen MRT Termin, weil der HNO Arzt keinen Grund für meinen Hörverlust links gefunden hat. Es soll rein vorsorglich sein, aber ich kenne meine Angst. Sie beginnt mir sofort, dramatische Szenarien abzuspulen und immer, wenn ich es gerade mal so geschafft habe, die panischen Gedanken zu verscheuchen, erschüttert etwas anderes das filigrane Kunstwerk meiner stabilisierten Seele und die alles umschlingende, verschlingende Angst taucht wieder an die Oberfläche.

Sicher, es gibt gute Ratschläge, die ich alle schon versucht habe. Aber das ist Teil einer Angststörung. Sie ist oft nur  marginal rational, sie ist so überwältigend das jedes Handeln nicht weiter bringt. Manchmal muss ich dann einfach mit den unbegründeten Ängsten leben, darauf warten, dass etwas positives sie so sehr überlagert, dass sie langsam verschwinden.

Meine Arbeit als Aktivist gegen Stigmatisierung von psychischen Krankheiten und für Suizidprävention ist ein mittlerweile sehr hilfreiches Mittel, das aber eben nicht oft genug greift, weil ich natürlich nicht jeden Tag, bzw.  jede Woche aktiv sein kann.

Deshalb schreibe ich, deshalb gehe ich an die Öffentlichkeit, um meine Angst nicht mehr zu verstecken. Denn auch dadurch wird sie zwar nicht verschwinden, aber sie wird kleiner.

Wir arrangieren uns immer häufiger, meine Angst und ich. Angst essen Seele nicht mehr auf, aber sie belastet nach wie vor. Nur dadurch, dass ich nichts mehr verheimliche, mich nicht mehr für meine Ängste, meine dunklen Gedanken schäme, bekomme ich sie in den Griff, wird mein Leben leichter, klarer, weniger düster.

Es ist ein täglicher Kampf, aber es gibt mittlerweile viele Gründe, diesen Kampf aufzunehmen.

Angst haben ist nichts, wofür man sich schämen sollte. Niemals.

Genau genommen, keine psychische Krankheit. Denn es ist ein Kampf, sich jeden Tag gegen sie und für das Leben zu entscheiden. Aber ein Kampf, der es wert ist, gekämpft zu werden.

 

Buchtipp in eigener Sache „Lieber Papa, bist du jetzt verrückt?“

Das Buch meiner Tochter, Katja Hauck

Als ich mein Buch „Depression abzugeben“ geschrieben habe, war das für mich schon ein unerwartetes Abenteuer und dass ihr, meine Leser*Innen meine Geschichte so positiv aufnehmen würdet (aktuell 4,4 von 5 möglichen Sternen bei Amazon… Wow), hätte ich nie erwartet.

Was aber ziemlich schnell klar wurde, das Buch betrachtet die Krankheit Depression hauptsächlich aus meiner Sicht, der des Betroffenen.

Lange rumorten verschiedene Ideen in mir, wie wir auch das Thema Angehörige angemessen behandeln können, bis schliesslich die Idee geboren wurde, einen Briefwechsel zu beschreiben, den ich mit meiner Tochter Katja (16) und indirekt auch mit der ganzen Familie geführt habe.

Daraus ist jetzt das Buch „Lieber Papa, bist du jetzt verrückt?“ entstanden, das am 29. März erschienen ist und einen Briefwechsel zwischen Katja und mir über meine Krankheit,der das Erleben der Familie wiedergibt und den Einfluß, den so eine Krankheit auf die Angehörigen darstellt.

Das Buch ist überall im Buchhandel erhältlich und wurde von Katja als Hauptautorin verfasst, ich war da nur der Co-Autor, der eben die Antwortbriefe geschrieben hat.

Unten der Link zu Amazon aber wie gesagt, man kann das Buch überall im Buchhandel kaufen oder zumindest bestellen. Ist dann genauso schnell da wie bei Amazon.

Und nein, weder Katja noch ich haben was dagegen, wenn ihr Werbung für das Buch macht. Da bin ich jetzt mal ganz direkt 😉

 

Die Alten sind das Problem

Bevor jemand meint, gleich wieder mit Drohungen und Beschimpfungen kommen zu müssen. Nein, wie immer gilt es nicht für alle Alten. Aber ich komme mir mit meinen mittlerweile 51 Jahren fremder in der Gegenwart meiner Altersgenossinnen und Genossen vor als jemals zuvor. Noch vor ein paar Jahren gab es wenigstens einige Schnittmengen in den Lebensmodellen meiner Alterskohorte, aber die sind immer mehr etwas zum Opfer gefallen, das irgendwo zwischen Ignoranz, Akzeptanz und Opfermentalität zu liegen scheint.

Meckern über Schüler, die ihr Schicksal aktiv angehen und während der Schulzeit streiken, damit die Erwachsenen ihnen wenigsten zuhören müssen. Hallo? Wenn ihr alten Säcke für mehr Lohn streikt, tut ihr das dann auch am Samstag Nachmittag, damit euer ach so armer Arbeitgeber ja kein Geld für seine gierigen Shareholder verliert?

VW betrügt bei den Abgasen und was macht ihr? Kauft Dreckschleudern als gäbe es keinen Klimawandel. Ihr protzt in Großstädten mit Sportwagen und SUVs und merkt wohl gar nicht, wie viel das über die Größe eures Verstandes und anderer Körperregionen aussagt.

Liebe Altersgenossen. Nein, rechtes Gedankengut ist keine Lösung, Ausländer keine Bedrohung und der Klimawandel real.

Schwule, Lesben, Trans. Lebt damit, dass das nichts krankhaftes, nicht aberziehungswürdiges ist. Sex ist nichts schmutziges, und wer daran beteiligt ist, hat dabei keinerlei Bedeutung, so lange alle Beteiligten daran ihr Vergnügen haben. (Vielleicht ist es ja nur Neid auf das Vergnügen anderer? Wenn ich so manche Kommentare lese, klingt dieser Schluss naheliegend)

Und übrigens sind es überproportional häufig ältere Menschen in meinem Umfeld, die an dumme Verschwörungstheorien glauben, die „ich habe mal gehört“ für glaubwürdiger halten als „wissenschaftlich belegt“ und die meinen, man könne schwere Erkrankungen mit Zuckerkugeln heilen und es gäbe eine große Weltverschwörung.

Und ach ja, weil es mein Thema ist. Depression IST EINE KRANKHEIT, eine lebensbedrohliche noch dazu und wer depressiv ist, ist nicht schwach sondern war zu lange stark. Es ist nichts ruhmvolles daran, sich für einen Arbeitgeber kaputt zu schuften, dem der Mensch hinter der Humanressource nach wie vor in den meisten Fällen egal ist.

Ich möchte mich hiermit ganz offiziell von meinen AltersgenossInnen distanzieren und mich zutiefst für das geballte Ausmaß der Dummheit entschuldigen, die eine AfD hat groß werden lassen und die immer noch alles für die Wirtschaft zu opfern bereit ist, auch die Zukunft unserer Kinder.

Das ist nicht meine Welt. Das wird sie nie sein. Und auch dagegen werde ich nach wie vor laut werden.

So, das musste raus. Mein Wort zum Freitag.