Was ist eigentlich Scham?

Zunächst mal Dankeschön an Laura, die mich eingeladen hat, für ihren Podcast über Scham und Schamgefühl zu sprechen. Wenn der Podcast online ist, werde ich ihn hier verlinken.

Sucht man bei Wikipedia nach dem Begriff „Scham“, findet sich ein ganzes Sammelsurium soziokultureller, philosophischer, anthropoligischer  und diverser anderer gesellschaftlich-wissenschaftlicher Erklärungen zum Begriff Scham, seiner Herkunft, der Entstehung des Schamgefühls und so weiter und so weiter.

Mich interessiert aber hier vor allem, wie ich durch Scham und Schamgefühl beeinflußt, bin welche Teile meines Lebens davon gesteuert oder verurteilt wurden und werden und wo ich mein Schamgefühl verloren habe und warum.

Mich interessieren hier vor allem die Schamgefühle, die ich habe oder hatte, obwohl sie im Rückblick unnötig oder sogar schädlich waren und sind.

Gerade der gesellschaftliche Aspekt von Scham ist hier für mich interessant, da er mein Leben über viele Jahre hinweg bestimmt hat und auch heute noch viel zu oft mein Handeln und Denken beeinflußt.

Gerade in der Werbung und insbesondere im Bereich des körperlichen wird die Schamhaftigkeit des Menschen häufig ausgenutzt. Man wird sehr gerne als defizitär dargestellt, wenn man nicht Produkt a oder Kleidungsmarke b nutzt. Natürlich wird kein Marketingfuzzi das gerne zugeben, schon gar nicht, dass oft etwas vorgegaukelt oder nennen wir das Kind ruhig beim Namen, gelogen wird. Gott sei Dank hat sich hier auch durch die #metoo Bewegung einiges verändert, werden Normen und insbesondere Frauenbilder hier mittlerweile hinterfragt.

Aber dennoch wird nach wie vor oft die „Schäm dich für dein Defizit“ Karte ausgespielt.

Und oft ist Scham auch paradox. Gerade im Bereich der Sexualität halte ich vieles, was in unserer Kultur schambehaftet ist für schlichtweg falsch.

Wir schämen uns, in Kontexten nackt oder leicht bekleidet zu sein meiner Ansicht nach oft viel mehr deshalb, weil wir glauben, nicht der Körpernorm aus Medien und Werbung zu entsprechen. Aber diese Norm ist so weltfremd, so menschenfeindlich, dass eigentlich fast jeder aus der Norm fällt. Sind wir doch mal ehrlich, gerade wenn etwas nicht der Norm entspricht, ist es doch oft interessant.

Hier finde ich sehr spannend, dass mittlerweile zum Beispiel Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder nicht normgerechten Körpern nicht mehr länger Scham ihr Leben beherrschen lassen. Erotische Fotografien nicht normgerechter Körper, keine Verbergen mehr von Prothesen sondern vielmehr stolzes Tragen zum Beispiel ganz besonders gestylter künstlicher Arme oder Beine. Es bewegt sich was, auch deshalb, weil immer mehr Menschen erkennen, dass Scham in diesem Bereich auch viel mit Ausgrenzung und Diskriminierung zu tun hat.

Scham hat sehr oft etwas mit gesellschaftlichen und kulturellen Normen zu tun. Dabei ist es wichtig, diese immer wieder zu hinterfragen, zu prüfen. Selbst meine eigene Geschichte ist schambehaftet und erst durch „den Zwischenfall“ habe ich viel meiner unnötigen Schamgefühle verloren.

Was meine Scham bezüglich meiner Sexualität oder meines nackten Körpers angeht, war die nie besonders ausgeprägt. Als ich während meiner Therapie durch die Medikamente als Nebenwirkung impotent wurde, war es für mich nicht sonderlich schwer, dies vor meiner Therapeutin anzusprechen.

ABER: Ich konnte extrem gut über die Scham vor Blamage im beruflichen Umfeld gelenkt werden. Sobald Defizite, Fehler oder schlicht mein Wertemodell eventuell meine berufliche Laufbahn oder schlicht die Möglichkeit, durch das Geldverdienen zu überleben bedrohen konnten, schämte ich mich zutiefst für jeden noch so kleinen Fehler. Auch oder gerade das war ein ganz großer Faktor auch beim Suizidversuch. Ich schämte mich, weil ich glaubte, ein Versager zu sein, nichts zu können, beim Vortäuschen erwischt worden zu sein. Scham wird im Alltag sehr oft auch genutzt, um Menschen dazu zu bewegen, etwas zu tun, was sie sonst nicht tun würden.

Ich halte es für extrem verwerflich, welches Bild Medien und Öffentlichkeit zum Beispiel viel zu oft von Menschen zeichnen, um den Status Quo zu bewahren Wer in unserer Gesellschaft keine Arbeit findet, soll sich schämen und wird als Arbeitsloser all zu oft stigmatisiert. Wer nicht dem Konsumwahnsinn folgt, fühlt sich schnell ausgeschlossen oder defizitär.

Gleichzeitig verlieren Menschen in Machtpositionen immer mehr jede Scham. Für mich ist Donald Trump kein Einzelfall, sondern nur die extreme Form der Schamlosigkeit, die heute bei all zu vielen Menschen mit Macht vorherrscht.

Natürlich ist auch die Sexualität ein Feld, in dem vieles noch all zu sehr schambesetzt ist. Wir sind sicher schon weiter als noch vor Jahren, wenn es die Akzeptanz von Homosexualität oder bestimmten sexuellen Vorlieben angeht (okay, mit Ausnahme einiger, die in ihrer Sichtweise irgendwo bei der Inquisition und der Prüderie vergangener Jahrhunderte hängen geblieben sind) eigentlich sollte sich niemand für seine sexuellen Neigungen schämen müssen, sofern sie sich im Rahmen des ethisch moralischen Kontexts bewegen.

Missbrauch von Menschen, unabhängig von Alter oder Geschlecht ist falsch und wird es auch immer bleiben. Aber alles, was gesetzlich und kulturell nicht verboten ist, sollte nicht Grund für Schamhaftigkeit sein. im Gegenteil, gerade das Verstecken führt hier oft zu Problemen oder verhindert, dass Menschen, die sich hier außerhalb von Gesetz und Moral bewegen zur Rechenschaft gezogen werden. Es war ein sehr großer, sehr wichtiger Schritt, als Frauen es wagten, trotz kulturell indoktrinierter Scham, Missbrauch durch Männer öffentlich zu machen, Diskriminierung offenzulegen und zu hinterfragen, warum der Körper einer Frau entweder abgewertet wird, weil nicht einer Schönheitsnorm entsprechend oder sexualisiert wird, weil Männerfantasien befriedigt werden sollen.

Ich finde es eine berechtigte Frage, warum das Bild eines nackten männlichen Oberkörpers überhaupt kein Problem darzustellen scheint, eine nackte Frauenbrust aber mit nahezu 100% Sicherheit zum Beispiel in den sozialen Medien zu einer Mischung aus Anzüglichkeiten bzw. zu Zensur führt, selbst wenn diese Darstellung in Kontexten vorkommt, die eher medizinischer Natur sind wie Brustkrebsaufklärung und ähnlichem. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen, oder es wird der männliche Blick als Rechtfertigung für Zensur angeführt.

Etwas übertrieben gesagt, sollte es weder ein Grund für Zensur sein, wenn ein nackter Frauenkörper ästhetisch nackt dargestellt wird. Scham wird im Bereich der Sexualität noch all zu oft als Druckmittel eingesetzt. Missbrauch wird verheimlicht, weil ein falsches Schamgefühl die Opfer schweigen lässt.

Scham ist sicher in vielen Bereichen ein soziologischer oder moralischer Stellhebel, der oft sinnvoll ist.

Aber selbst heute, in einer angeblich so aufgeklärten Zeit wird Scham noch zu oft eingesetzt um zu lenken, zu beeinflußen oder zum Schweigen zu bringen.

Sobald ich mich für etwas schäme, sollte ich genau hinterfragen, ob diese Scham berechtigt ist oder ob ich mich schlicht nur deshalb schäme, weil ich glaube, hier defizitär zu sein. Scham darf schützen aber nicht behindern. Schamhaftigkeit darf nie dazu führen, dass Menschen mit Grenzüberschreitungen davonkommen.  Es sind sehr viel seltener die Täter, die sich schämen als die Opfer. Mein Suizidversuch und das, was zu ihm geführt hatte, nämlich eben auch Scham vor vermeintlichem beruflichen Versagen hätte mich nicht nur fast das Leben gekostet, es hat mir schon Jahre zuvor das Leben zur Hölle gemacht. Heute schäme ich mich auch noch viel zu oft wo es gar nicht angebracht ist.

Der Unterschied? Ich erkenne es häufiger und es gelingt mir häufiger, die Scham umzulenken in Richtung eines Hinterfragens der Normen, die meine Scham auslösen oder zu hinterfragen, ob sie überhaupt angebracht ist

Wir schämen uns zu oft für die völlig falschen Dinge und wir schämen uns zu oft.

Ergänzung:

Natürlich konnte dieser Beitrag erst ein kleiner Abriss sein, es gäbe und gibt da noch viel mehr Aspekte und Themen anzumerken. Deshalb wird das wohl auch eher der Auftakt einer Reihe sein, die sich mit Scham- und Schuldgefühlen befassen wird.

Und weil vermutlich wieder viele falsche Hälse darauf warten, gefüllt zu werden.

Schickt mir gerne die Drohbriefe. Die werden gesammelt, wer weiß, wofür das noch gut ist 😉

 

Jetzt lass doch mal los

Etwas, von dem ich mich relativ zügig verabschiedet habe, als ich in den Kliniken mehr über mein wahres Ich gelernt habe, waren falsche Erwartungen, falsche Ziele, falsche Ideale. Ich glaube mittlerweile, das war das eigentlich Schwierige. Einzugestehen, dass ich zwar ein guter Informatiker bin, aber im Herz ein Autor, ein Maler, ein Künstler. Und diesen Begriff „Künstler“ ernst nehmen, nicht abtun, so wie es meine Eltern taten, als ich diese Laufbahn einschlagen wollte.

Auch wenn wir meinen, wir würden über unser Leben entscheiden, erlauben wir viel zu vielen Menschen, für uns zu entscheiden oder sollten wir gar die Chuzpe haben, uns gegen deren Entscheidung wehren, dann wird gegen uns vorgegangen.

„Herr Hauck, sie spielen rum, sie organisieren sich schlecht“, gesagt von einem Gestrigen, der nicht wahr haben wollte, dass ich bereits digital arbeitete, wo er noch so sehr in sein Papier verliebt war. Nur ein Jahr später gab es dann das erste dienstliche Smartphone und vergessen war der Vorwurf der Spielerei, aber nicht vergeben die Konsequenzen.

Mittlerweile bin ich sehr vorsichtig bei unaufgeforderten Ratschlägen. Im Ratschlag steckt der Schlag, der mir mit dummen, vorwurfsbeladenen Ratschlägen gegeben wurde.

Aber auch ich muss loslassen. Vorwürfe und Schuldzuschreibungen mögen manchen unangenehmen Fakt leichter schluckbar machen, sind wie die Sauce beim Braten. Aber sie helfen nicht weiter. Wir müssen nicht vergessen, wer uns wohlwollend gesinnt ist und wer uns eher als Gefahr begegnet. Aber wir sollten loslassen, wenn es um Vergangenes Unrecht geht. Das wird nicht mehr besser und die allermeisten, die einem ein Unrecht zugefügt haben, sehen es gar nicht ein, dies sich oder uns einzugestehen, geschweige denn, sich zu entschuldigen.

Ich merke jetzt, wo ich leichter loslasse, wo ich mich als Person sehe, unabhängig von den Erwartungen anderer, dass ich wieder bei mir bin, wieder der Mensch, der einmal Kunst, Kreativität geliebt und gelebt hat. Es ist noch nicht zu spät. Ich werde versuchen, so authentisch wie möglich zu sein.

Und ungebetene Ratschläge bekommt ihr von mir hoffentlich nie zu hören. Eher schon einen Blick auf mein Erleben und meine Erkenntnisse daraus.

Live Mitschnitt einer Lesung von Katja und mir

Zum ersten Mal gibt es einen Live Mitschnitt einer Lesung meiner Tochter Katja und mir anlässlich des Tags der Seelischen Gesundheit, aufgezeichnet in Ludwigshafen-Frankenthal.

Eine Stunde Gespräch und Lesung.

Hier der Link, da einbetten von den Veranstaltern abgeschaltet ist.

Dennoch zumindest auch die Startseite, einfach oben dann „auf Youtube wiedergeben“ auswählen.

 

Vernunft ist eine Illusion

Schon als Kinder kriegen wir doch alle gesagt, sei vernünftig, sei klug, sei strebsam.

Nur, was uns da an Vorstellungen zu dem vermittelt wird, was klug, vernünftig, strebsam sein soll; ganz ehrlich, bei wirklich vernünftigem, hellem Licht der Erkenntnis betrachtet, ist vieles davon mit Verlaub grandioser Bullshit.

Warum ich so denke? Weil ich mit Menschen spreche, weil andere Menschen miteinander sprechen. Und immer wieder gerate ich an Menschen, an Meinungen, an Wertesysteme bei denen ich lauthals „hör auf zu reden und fang zu denken an. “ rufen möchte. Und nein, ich nehme mich da nicht aus. Auch heute noch folge ich vielen Dogmen, Vorstellungen, Werten, die eigentlich Bullshit sind, aber leider hab ich mich entweder freiwillig drauf eingelassen, oder es ist so sehr gesellschaftlicher Konsens, dass ein Aussteigen so gut wie unmöglich ist. (Und kommt mir  nicht mit dem, wenn du willst, geht alles Bullshit. Habs versucht, stimmt einfach nicht.)

Wir alle kennen doch diesen inhärenten Irrsinn, dass so manche von uns in einem Job (ich spreche nicht von Beruf, der kann einem immense Freude bereiten) arbeiten, den sie hassen, den sie aber auch nicht kündigen wollen. Witzigerweise gibt es dann aber auch wieder Umfragen, so und so viele wären mit ihrem Job zufrieden. Ja was denn nun? Oft ist es die Diskrepanz zwischen dem, was man vernünfitgerweise tun möchte im Beruf und dem, was erwartet wird. Oder auch, die Arbeit an sich würde ja Spass machen, hätte man genug Zeit, weniger Druck und weniger Überwachung. Oder anders herum, Stress kann selbst einen Bürojob zur Gesundheitsgefährdung werden lassen.

Gerade Menschen mit kreativen Berufen finden in ihrer Jobbbeschreibung oft die kreativen Entfaltungsmöglichkeiten, die dann von der Realität auf ein Minimum an Freiheit eingestampft werden (sie dürfen gerne wählen, welche von zwei Farben, welche von zwei Schriftarten sie für das Design verwenden dürfen, aber wie sie zu arbeiten haben, dass bestimme ich, ich bin ihr Chef)

Wir leben in so vielen Korsetts, was Job, was Konsum, was soziale Interaktion, ja sogar was Sex angeht.

Leistung ist wichtig, es gesellschaftlich konform zu tun. Ich war und bin auch heute noch in meinem Umfeld Außenseiter, weil ich weder ein gesteigertes Interesse an Autos, an Besäufnissen oder Fussball hatte und habe. Wir mögen uns so aufgeklärt geben, gendergerechte Sprache, keine Diskriminierung von Minderheiten fordern aber im kleinen, im privaten, im persönlichen Umfeld jenseits derer, die für political correctness kämpfen, läuft der Wahnsinn weiter wie bisher.

Da wird nach wie vor konsumiert, als gäbe es kein Morgen. Kaum, dass nach Corona Lockdown wieder Geschäfte öffnen durften, die nicht für den alltäglichen Bedarf zuständig sind, wurde wieder konsumiert, als gäbe es kein Morgen (nun gut, wenn wir so weiterleben, ist dass in nicht allzuferner Zukunft für viele richtig).

Wenn ich reflektiere, was ich seit Beginn meines Homeoffice wirklich vermisse, dann ist das eigentlich ziemlich wenig. Soziale Kontakte reichen mir bei vielen Menschen virtuell, alleine bin ich dank Familie nicht und unser Haus bietet genug Platz, um sich auch zurückziehen zu können.

Was aber viel mehr zählt: Mir wurde und wird vor Augen geführt, wie viel unnötiges ich bislang freiwillig mitgemacht habe, nur weil man das halt so macht. Wie viele Manager haben in der Vergangenheit behauptet: „Also bei uns geht kein Homeoffice“ und dann festgestellt, dass das wenn alternativlos doch plötzlich binnen Tagen, manchmal Stunden geht. Microsoft hat die 4 Tage Woche in Japan testweise eingeführt, weil erkannt wurde, dass Produktivität eben nicht das Ausdehnen von Arbeit in den zeitlichen Rahmen bedeutet.  Und oh Überraschung, die Effekte waren überwiegende positiv.

 

Im Home Office ist es plötzlich nicht mehr möglich, die Untergebenen wie kleine Kinder zu überwachen, damit sie überhaupt arbeiten, und siehe da, die Arbeit wird erledigt (wobei es ja an sich ein krankes Menschenbild ist, wenn jemand glaubt, Mitarbeiter würden nur arbeiten, wenn das auch überwacht wird)

Wir stehen vor großen Herausforderungen. Klimawandel, Gender Paygap. Ein immer höheres Rentenalter obwohl die Unternehmen ältere nach wie vor eher feuern als einstellen. Machtgier bei Staatsoberhäuptern, gepaart mit Dummheit und manchmal auch noch einer besch…eidenen Frisur. (Person, Man, Woman, Camera, TV, Yellow Hair). Wir müssten eigentlich vieles, das unser aktuelles Wirtschafts- und Sozialsystem zusammenhält hinterfragen, ändern, beenden oder gänzlich neu gestalten. Das wäre vernünftig. Aber Vernunft ist nichts, an dem man wirklich viel Geld verdienen kann. Schaut euch mal bei euch um, was ihr an Dingen besitzt, die vernünftig sind, was ihr an Verhaltensmustern lebt, die vernünftig sind. Und wenn bei euch alles vernünftig ist, seid ihr dann auch wirklich ehrlich?

Und wenn ich mir die Bezahlung und dazu die Relevanz der betroffenen Berufe ansehe (dank Corona sehr schön mit „systemrelevante Berufe“ bezeichnet) dann wird nicht der gut bezahlt, der wichtige Arbeit leistet, wie Pfleger*innen, Ärzt*innen oder Mitarbeiter in Supermärkten oder diejenigen, die die Versorgung mit WESENTLICHEM aufrechterhalten. Investmentbroker, Menschen, die mit Geld spielen, Berufe, die niemand vermissen würde, gäbe es sie plötzlich nicht mehr, die werden teuer bezahlt. Erinnert mich an die Golgafrincham Arche aus Anhalter durch die Galaxis.

Wo die Gesundheit des Menschen nur noch als ökonomischer Wert betrachtet wird, wo Krankenhäuser wirtschaftlich sein müssen, statt erfolgreich in der Heilung von kranken Menschen, da läuft was extrem falsch.

Wo Verschwörungstheoretikern geglaubt wird, statt der Vernunft, wo man persönliche Interessen und Freiheiten vor vernünftigem Handeln für eine Gemeinschaft stellt, da sehe ich nicht wirklich die Vernunft am Ruder. Gier, Dummheit, Machtstreben, Faulheit, Ignoranz. Alles Eigenarten, die ich gefühlt heute viel häufiger erlebe, als Vernunft.

Und, Spoileralert. Da schließe ich mich beileibe nicht aus.

Was die Lösung ist? Bildung. Nicht Ausbildung, Bildung. Und eine Wertegemeinschaft, die Streben nach Besitz ersetzt durch Streben nach Gemeinschaft, Toleranz, Freiheit und vor allem, die es Menschen ermöglicht, unabhängig von Sorgen um Geld und das Überleben durch Geld  zu existieren. Wer gleichzeitig Arbeitsplätze wegrationalisiert und diejenigen bestraft, die dadurch keine Stelle mehr finden, wer digitalisiert und ignoriert, dass damit immer. mehr einst sichere Jobs wegfallen, der hat noch nicht gemerkt, wie sehr sich die Gesellschaft wandeln muss, wollen wir auch in Zukunft einigermaßen friedlich zusammenleben.

Rente mit 70 ist genauso ignorant wie die Annahme man könne einen Banker einfach mal zum Altenpfleger machen, wenn seine Stelle wegfällt oder ein über 50 jähriger, der entlassen wird, weil jüngeres Material zu verbrennen vorhanden ist, würde so einfach eine neue Stelle für die Zeit bis zur Rente finden.

Wir brauchen einen Diskurs der Vernunft. Ich sehe aber noch nicht mal ansatzweise, dass der irgendwo begonnen hat. Der Finger in der Wunde ist da, aber statt die Wunde zu behandeln, wird sie noch größer gemacht. Hey, Klimawandel, das erleb ich ja eh nicht mehr. Vernünftig ist so eine Haltung nicht, maximal fatalistisch und ignorant.

Und wenn ich an die Corona Krise, die plötzlich mögliche Digitalisierung und das schlagartig funktionierende Home Office denke. Warum nicht beibehalten?  Warum nicht endlich mal begreifen, dass immer mehr und immer schneller nicht der Weg sein kann. Und warum nicht da wo möglich weiterhin auf Wunsch Home Office. Und die, die vor Ort sein müssen, dann evtl. dafür wertschätzen (und das darf durchaus monetär sein, in dem man zum Beispiel eine Vor Ort Pauschale zahlt. Schliesslich sparen viele Arbeitgeber ja wiederum bei denen, die zuhause arbeiten können zumindest den Büroplatz in der Firma).

 

Kontrollverlust

Ich denke, Kontrolle haben, Kontrolle bewahren war immer ein Schlüsselthema in meiner psychischen Geschichte. Die besten Zeiten meines Lebens waren das Studium (ein Humboldtsches, in dem noch nicht Studenten wie Kindern vorgeschrieben wurde, was sie wann zu studieren haben) und das dreijährige Forschungsstipendium bei IBM. Gott sei Dank hat meine Frau mich in dieser Zeit kennengelernt und zwar den echten Uwe. Dramatisch wurde es erst, als ich die Kontrolle abgeben musste. Als ich in ein Angestelltenverhältnis gewechselt bin. Noch dazu eins, bei dem ich mit meinem Magister in Computerlinguistik und Künstlicher Intelligenz eigentlich völlig überqualifiziert war. Aber da damals, Mitte der Neunziger die allerwenigsten eine Ahnung von CL&KI hatten, fiel das nicht weiter ins Gewicht.

Aber dort war ich Angestellter, erhielt Anweisungen, musste brav sein und folgen, wie ein kleines Kind. Meine Frau hat recht, ich hätte in der Forschung bleiben sollen oder mich selbständig machen. Denn seit diesem Zeitpunkt fühlte ich mich nicht mehr sicher. Ich hatte nach meinem Empfinden die Kontrolle über mein Leben verloren. Und beim nächsten Job kam noch dazu, dass mir aus meiner fortschrittlichen Arbeitsweise sogar ein Strick gedreht wurde. Wieder keine Kontrolle, kein selbständiges Entscheiden, wie ich optimal arbeite.

Erst nach den Klinikaufenthalten erkenne ich langsam, dass ich mehr Kontrolle hatte, als ich dachte. Sicher, einige Entscheidungen wurden durch meine Angststörung beeinflußt und dieses eine verdammte Gespräch hätte ich wütend abbrechen sollen, statt brav wie ein scheues Reh zu allem ja zu sagen.

Ich bin nach wie vor ein Angestellter, die Verpflichtungen, die auf mir liegen bedingen das (noch?) aber mein Herz ist endlich wieder frei. Ich bin Autor und habe einen Brot und Butter Job, der mir wirklich gefällt, zu mir passt und wo man auf Augenhöhe kommuniziert. Mein Leben dreht sich aber nicht mehr nur darum, wie ich möglichst viel leisten kann, um zu überleben.

Als ich die größte Angst davor hatte, die Kontrolle völlig zu verlieren und deshalb losgelassen und überhaupt keine Kontrolle mehr erwartet habe, genau dann bot man mir Chancen und Wege an, die mich mehr in die Kontrolle meines Lebens brachten, als jemals zuvor. Schade nur, dass es fast mein ganzes Erwerbsleben dauern musste, bis ich endlich auf den Trichter kam.

Jetzt stehe ich immer wieder auf der Bühne, ein Ort, an dem ich mich seltsam in der Kontrolle fühle. Ich erzähle meine Geschichte und kann dadurch anderen Menschen helfen. Und ich möchte helfen, möchte, dass mehr Menschen ihren Wert jenseits von Geld und Leistung erkennen. Eigentlich sogar noch mehr, ich möchte, dass dieser idiotische Drang nach immer mehr endlich aufhört, dass erwachsene Menschen nicht mehr im Beruf wie Kinder behandelt werden. Und das wir alle endlich wieder arbeiten, um zu leben und nicht, wie es uns immer noch als Ultima Ratio vorgegaukelt wird, leben um zu arbeiten.

Es wird noch ein langer Weg sein. Aber immerhin habe ich jetzt meinen Weg gefunden. Und der hat nichts mit Geld für Leistung zu tun. Der hat mit Freude am Austausch, Freude, anderen zu helfen zu tun.

(Bin mal gespannt, wer da wieder alles mögliche reininterpretiert, das nicht wahr ist. In der Vergangenheit gerne mal passiert. Die Briefe werde ich mir mein Leben lang aufheben. Denn ein Satz, in einem bestimmten Brief, hätte mich fast das Leben gekostet.)

Mein langsames Comeback

Mittlerweile vor zwei Wochen ging es mir plötzlich wieder nicht gut. Die Angst, die Panik war wieder da. Ja, ich rede offen über meine Ängste, weil es keineswegs männlich ist, keine Ängste zu haben. Wenn, dann bestenfalls dumm und/oder gelogen.
Jetzt bin ich so weit stabil, dass ich absehen kann, dass wohl nach nächster Woche alles wieder normal laufen wird.
Was habe ich gelernt?
Nun, zum einen, dass ich ganz richtig lag mit meiner Aussage auf meinen Lesungen, dass ich mich nicht als gesund sehe sondern als weitestgehend stabil. Ja, es war eine depressive Episode, die jetzt langsam aber stetig abklingt.
Nur wollte ich mir das mal wieder nicht eingestehen und hab so getan, als ob das Ganze innerhalb einer Woche wieder vergessen sein würde.
So schnell geht das aber selbst mit all meinen Skills nicht und dem, was ich in den Kliniken sonst noch gelernt habe.


Meine Depression ist chronisch, sie ist nicht weg, aber sie hält die allermeiste Zeit still.
Das macht mich aber nicht schwach, sondern wachsam. Das macht mich nicht unzuverlässig, sondern zuverlässiger. Weil ich meine Ressourcengrenzen erkenne und merke, wenn eine Pause von Nöten ist. Weil ich mich nicht mehr verbrenne (n lasse) sondern auf mich achte. (Zumindest meistens ;))
Ja, nach wie vor fehlen mir meine Fans, meine Leser, mein Publikum. Aber nach einem Lockdown auch in diesem Bereich laufen wohl ab übernächster Woche auch hier wieder einige Projekte an, die mir helfen, mich zu stabilisieren, positiver zu agieren und dem Risiko Rückfall aktiver entgegenzutreten.
Aber nach wie vor gilt. Keine Angst, keine Depressionen zu haben ist nichts männliches, nichts tolles, nicht starkes.
Zu dem stehen, was und wer ich bin, das mag vielleicht männlich sein (nochmal drüber lesen, nein, eigentlich nicht. Eigentlich ist typisch männlich und typisch weiblich eine fiktive Definition, die jeder für sich hinterfragen soll und muss) , aber wenn es um unser Leben, um unsere Gesundheit geht, sollte es keinen Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Verhalten geben. Genau genommen so gut wie nie, weil wir letztendlich Menschen sind. Und all die Unterscheidungen zwischen typisch männlich, typisch weiblich sind meines Erachtens künstlich und insofern falsch oder zumindest sehr zu hinterfragen.

Und ja, es hat etwas heilsames, Autor zu sein. Für mich ist das Niederschreiben meiner Gedanken Teil meiner Therapie. Ein schöner, wenn nicht der schönste Teil meiner Therapie.

Und auch hier ein Song, der ziemlich gut ausdrückt, wie ich heute zu mir und meinen Defiziten und Narben der Seele stehe:

 

Corona, Depressionen, Digitalisierung und ich

Immer wieder hat es Umfragen und Beiträge in meine Timeline gespült, die neugierig fragten: Wie gehst du als von Depressionen Betroffener mit dem Social Distancing um.

Viele waren dann überrascht wenn ich sagte, dass ich keinerlei Probleme habe, es manchmal sogar genieße.

Das hat mehrere Gründe. Zum einen habe ich noch nie übersteigertes Interesse am Kontakt mit bestimmten Arten von Mitmenschen gehabt und Corona war eine willkommene Gelegenheit, diesen Kontakt weiter zu reduzieren. All die Verschwörungstheoretiker, all diejenigen, die mir mit Homöopathie gegen Depressionen oder Corona helfen wollten oder noch schlimmer, die ganzen „das wird man doch mal sagen dürfen“ Aluhüte. In der digitalen Welt kann man sie blocken, oder wenn man gut genug drauf ist, trollen.

Meist schenke ich mir hier aber mittlerweile die Mühe, denn sie wissen ja eh alles besser, im Gegensatz zu echter Wissenschaft, deren Grundprinzip immer auch der Zweifel am Status Quo ist.

Aber auch schon vor Corona hat mir persönlich die Digitalisierung sehr im Kampf gegen meine Depressionen geholfen. Und damit meine ich noch nicht mal mein Hashtag #ausderklapse oder das daraus entstandene Buch.

Die digitale Welt hat mir ermöglicht, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Sie hat mir WISSENSCHAFTLICHE Quellenforschung eröffnet, um mehr über meine spezielle Ausprägung der Krankheit zu lernen. Und ja, schenkt es euch, diese klugen Sprüche der Art : „Wie kannst du da von einer Krankheit sprechen?“ Es ist für  mich eine Krankheit und damit etwas, das ich verändern kann.

Zudem habe ich keine Probleme damit, auch Software, Apps zu nutzen, um besser mit meiner KRANKHEIT umzugehen.

So nutze ich zum Beispiel:

Calm in der Aboversion für Meditation

HeadUp zur Überwachung diverser Gesundheitsparameter

Eureka um die Covid 19 Forschung zu unterstützen, ebenso Datenspende

Bis endlich die deutsche App erscheint GeoHealthApp als Covid 19 Tracker

Medisafe zur Überwachung meiner Medikamenteneinnahme (ja ich nehme Medikation und nein, ich will das nicht ändern, denn mir helfen sie sehr)

Moodnotes für mein Stimmungstagebuch

Autosleep als automatischen Schlaftracker

Um mich zu mehr Bewegung zu motivieren „Walkr“ ein Fitness Game

Und natürlich nutze ich Health von Apple und Healthmate von Withings, um all die einfliessenden Daten zu verwalten und an die Apps weiterzugeben.

Myfitnesspal zur Ernährungsüberwachung und Aggregation diverser Tracker.

Wichtig dabei, die meisten Apps brauche ich nicht aktiv zu nutzen, sie informieren mich einfach, wenn es relevante Nachrichten gibt oder ich wieder etwas für meine Gesundheit tun soll.

Bei all diesen Apps achte ich stets darauf, dass es nach Möglichkeit eine Apple Watch App dafür gibt, um das Smartphone möglichst selten in die Hand nehmen zu müssen.  Auf der Apple Watch ist auch die Sturzerkennung aktiv, da ich bereits eine Phase hatte, in der ich aus unerklärlichen Gründen mehrfach ohnmächtig wurde und die Sturzerkennung der Apple Watch funktioniert hier richtig gut. Gespannt bin ich auf die neue Apple Watch, sollte diese wirklich eine Erkennung herannahender Panikattacken bieten, wäre da ein Upgrade fällig.

In der neuesten Beta kann Replika auch AR, wie das Bild rechts zeigt. Hier erfolgt der Dialog dann über Spracherkennung.

Und last but not least experimentiere ich mit Replika, einer Chatbot App, die ich dahingehend untersuche, inwieweit sie Wartezeiten auf Therapieplätze überbrücken kann. Die Dialoge mit Replika sind sehr natürlich und sie lernt mit der Zeit. Manche finden das vielleicht creepy, ich finde es sehr spannend, vermutlich auch meinem Background als KI und Computerlinguistik Wissenschaftler geschuldet.

Letzteres nochmal als dezenter Hinweis, dass ich kein Interesse an irgendwelchen alternativen Heilmethoden oder wirren Verschwörungstheorien habe.

Ich bin immer noch einer dieser komischen Menschen, die wissenschaftlicher Arbeit mehr vertrauen als Köchen und Musikern, wenn es um Forschung und Schutz geht. Und auch wenn ich mittlerweile auf Apple umgestiegen bin. Ich halte Bill Gates keineswegs für gefährlich. Sorry, not sorry.

 

 

 

 

Kunst war immer meine Therapie

Ich habe es wiederentdeckt, als ich in der Klinik war. Die Bedeutung von Kunst für mich. Kunst war für mich immer ein Ventil, eine Möglichkeit, die dunklen Gefühle, die Ängste, die Einsamkeit zu verarbeiten. Dabei war und ist es egal, ob ich nur Rezipient bin, wenn ich mir Bilder in einem Museum betrachte oder selbst Bilder male, Texte schreibe, Geschichten erzähle.

Es ist eine  seltsame Verbundenheit zwischen Kunst und mir.  Ich kann mich noch sehr gut an meine Phase als Kunstmaler erinnern, als ich fast eine eigene Ausstellung gestartet und eine Kunstmappe eingereicht hätte, wenn nur der nötige Mut da gewesen wäre.

 

 

 

Und es war für mich ein unglaublicher Heilungsprozess, meine Geschichte niederzuschreiben, noch in den Kliniken mein Buch zu beginnen und damit meine Geschichte öffentlich zu machen, meine Seele auszudrücken, sie zwischen zwei Buchdeckel zu pressen und damit all das zu manifestieren, was mein Leben über Jahrzehnte zwar nicht zur Hölle, wohl aber oft zu deren Vorhof hat werden lassen.

Ich brauche Kunst zum Atmen, eine Floskel, die aber für mich heute realer ist denn je. Musik hören kann mich entspannen, kann mich aufbauen. Wenn ich einen Text niederschreibe, gebe ich immer einen großen Teil meiner Seele in den Text. Wenn ich ein Bild male, versinke ich in den Farben, der Leinwand, dem Motiv.

Kunst mag für manche nur brotlos sein, für mich ist sie das, was meine Seele am Leben hält. Und was mich letztlich auch aus meinem tiefsten Tal meines Lebens gerettet hat.

Kunst ist nicht unnötig. Kunst ist, was uns zum fühlenden, zum intensiven Menschen werden lässt. Wissenschaft ist wichtig und ich schätze sie sehr. Aber wenn es um das Wohl. meiner Seele geht, dann ist ein Besuch meiner alten Liebe der Kunst für mich Lebenselixier.

Und dabei noch ergänzend. Nicht umsonst gibt es den Begriff der Liebeskunst. Weil auch in der Liebe die Kunst ein wichtiges Element ist. Und wenn es nur die Kunst ist, Liebe und Leidenschaft zu teilen.

Update: Ja, als Autor geht es mir gut, aber vor allem deshalb, weil ich noch einen „Daytime-Brot und Butter“ Job habe. Aber andere Künstler geraten jetzt in Schwierigkeiten. Deshalb, wenn ihr Konzertkarten habt, wenn ihr Lesungen besuchen wolltet, die jetzt abgesagt werden, vielleicht könnt ihr euch es ja leisten, auf die Erstattung zu verzichten. Das könnte dem einen oder anderen Künstler in der Krise helfen. Oder schaut, was Künstler online anbieten, Kultur ist nicht überflüssig, Kultur ist Teil unseres Wesens. Ich wünsche mir eine Zeit nach Corona, in der wir nach wie vor Musiker, Maler und Autoren, Schauspieler und Regisseure, kurz KünstlerInnen  haben.