Der Schmerz der Erinnerung

Wenn ich einschlafen will, muss die Decke über meinem Ohr liegen. Ich muss ins Zimmer blicken, weil es Erinnerungen gibt, die das verlangen. Weil ich als Kind Albträume hatte und oft nicht schlafen konnte, weil es laut war. Nicht umweltgeräuschelaut, sondern wutundtränenundschreienlaut.

Weil ich irgendwann Angst bekam, vor lauten Tönen.

Ich liebe es, zu baden. Mit den Ohren unter Wasser. Weil der Schall dann dumpfer wird, die Geräusche gedämpfter werden.

Es tat weh in den Ohren und im Herz, wenn wieder durchs Haus geschrien wurde. Es gab nie Gewalt körperlicher Art. Aber das brauchte es nicht, um mich zu ängstigen, aus dem kleinen Jungen ein noch kleineres Etwas zu machen.

Ich habe mich wohl irgendwann mit der Angst angefreundet, mit ihren Lügen von Minderwertigkeit, von falsch sein, von nicht geliebt werden. Ich habe sie geglaubt und manchmal, durch einen Film, eine Geschichte, einen elternähnlichen Menschen, kommen die Erinnerungen wieder hoch. Dann werde ich wieder zwölfjährigtraurig.

Irgendwann, keine Ahnung wann, habe ich wohl für mich beschlossen, der Lärm, der Krach, der Streit wäre meine Schuld. Dann noch mein Vater, krank, ohne Diagnose und fast ohne Hoffnung.

Ich glaube, irgendwann in diesen Jahren ist mein Herz geschrumpft, zerbrochen und die Narben reißen auch heute immer wieder auf, wenn die Erinnerung zu groß, die Traurigkeit zu mächtig werden. Dann sitzt da nicht mehr der mittlerweile über fünfzigjährige Mann, sondern das kleine Häufchen Elend, dass sich nur dann zu weinen erlaubte, wenn es auch ja keiner sieht. Oder das in einem Meer aus Tränen hilflos im Wohnzimmer stand und den Lärm der Vorwürfe nicht mehr ertragen konnte.

Melancholie ist so weit ich denken kann mein Begleiter, die Stimmung, die für mich über Jahrzehnte nicht etwas besonderes, sondern Alltag war.

Angst und Panik, Flucht, ein Muster, das ich irgendwann verinnerlicht habe, um  dem Schmerz zu entkommen. Ich lernte, unsichtbar, folgsam und wo es mir möglich war, auch perfekt zu werden. Und wenn es nur die Perfektion des nicht mehr da seins, nicht mehr störens war. Es hat lange gedauert, bis ich wieder Menschen an mich herangelassen habe. Und dann nur an meine Masken, der schmerzafte, der echte Kern blieb allen verborgen. Bis zu diesem einen Tag. Dem Tag, der mich wieder ohne Schutz, ohne die lärmdämmende Bettdecke, ohne das Wasser in der Wanne als Schalldämpfung zurück geworfen hat in meine dunkelsten Erinnerungen.

Ich habe Gott sei Dank überlebt. Meine Masken habe ich verloren und lebe jetzt echter, als je zuvor. Aber das heißt auch, dass der Schmerz wieder da ist. Dass vieles wieder hervorkriecht und eine tiefe Traurigkeit auslöst. Nicht mehr die Verzweiflung am Leben sondern die Trauer der Gewissheit, dass vieles hätte anders, besser, schöner oder einfach nur leiser sein können.

Ich lebe noch. Oder erst?

Was heißt eigentlich mutig

Immer wieder bescheinigen mir Leser oder Zuhörer meiner Vorträge, ich sei doch sehr mutig, so mit meiner Krankheit umzugehen.

Das ist für mich ein zweischneidiges Schwert.

Was ich tue hat für mich nichts mit Mut zu tun, eher mit der Erkenntnis, dass ich viel zu lange darüber geschwiegen habe, dass es mir einfach gut tut, offen über meine psychischen Probleme zu sprechen.

Es ist nicht mit Angst belastet, die ich überwinden musste vor einer Gefahr, einer ureigenen Furcht vor etwas bedrohlich Unbekanntem. Mut heißt in meiner Definition vor allem, in einer mit Angst beladenen Situation dennoch zu handeln und hier vor allem auch richtig zu handeln. Also kein Ausweichen, kein Rückzug sondern zunächst der Schritt nach vorne, der Angst entgegen.

Wenn das aber stimmt, dann ist jeder mutig, der sich seiner psychischen Problematik stellt, sei es Angst, Panik, Depression, Schizophrenie oder irgendwas anderes.

Mut ist auch, seine eigenen Schwächen zu erkennen und zu benennen, die verwundbaren Stellen nicht zu verstecken, sondern offen zu tragen.

Mut ist für mich vor allem eins.  Handeln. Voran gehen, Vorbild sein, auch mit und durch die eigenen Schwächen.

Mutige Menschen sind seltene Menschen. Weil sie eben nicht ohne nachzudenken in jedes Abenteuer gehen. Weil sie vielmehr ihre Angst und ihre Schwächen kennen und trotzdem das Voranschreiten wagen.

Helden sind mutig, nicht stark oder übermenschlich. Helden sind Menschen, die den schwereren Weg gehen, der aber authentisch ist und der voran bringt.

Mutige Menschen ruhen sich nicht auf dem Status Quo aus sondern arbeiten an Veränderung, wo sie Veränderung für nötig erachten.

Und mutige Menschen interessieren sich nicht für das Bild oder die Vorstellungen anderer darüber, wie sie zu handeln haben.

Insofern. Seid Helden, seid mutig. Indem ihr Angst, Schwäche und Niederlagen nicht meidet, sondern begrüsst, nicht versteckt, sondern ins Tageslicht zerrt. Und nicht gegen sie kämpft, sondern mit ihnen voranschreitet. Angst als Begleiter heißt auch den Feind unter Kontrolle zu haben.

Mir geht es noch oft schlecht, aber das ist gut so.

Nein, heute gerade mal nicht, aber es ist nicht so, dass ich durch meine Therapien und das Buch plötzlich keine dunklen Gedanken mehr habe, keine Ängste.

Sie sind mir aber vertrauter als früher, berechenbarer, kontrollierbarer. Auch meine Suizidgedanken sind nicht gänzlich weg. Niemand braucht sich aber deshalb erschrecken oder Sorgen zu machen.

Sie sind jetzt so etwas wie ein guter Freund, der mir signalisiert, wann ich wieder zu übertreiben drohe. Immer, wenn ich wieder zu viele Schuldgefühle zulasse, wenn ich mich mal wieder für wertlos, belanglos, hoffnungslos halte, dann kommen diese Gedanken und ermahnen mich: „Uwe, denk nach, das sind nur Bilder von dir, die man dir in der Vergangenheit eingepflanzt hat, das bist nicht du.“

Auch wenn manche mir sagen, nein, mich zu dem Glauben zwingen wollen, man könne Depressionen komplett heilen. Meine Sicht ist eine andere. Ich hab meine Krankheit weitestgehend im Griff und das genügt mir. Ich bin mir mittlerweile fast sicher, dass auch ein großer Teil meiner Kreativität, meiner Gab zum Schreiben und Erzählen von Geschichten aus der Depression und den Ängsten entstanden ist.

Geschichten waren immer auch eine Flucht aus einer Welt, die mir immer wieder, teils unbeabsichtigt, teils im vollen Bewußtsein der Folgen Schmerzen zugefügt hat, mich versucht hat, klein zu machen, zum Schweigen zu bringen.

Ich erinnere mich immer noch an den Satz, als Reaktion auf meinen Weg, an die Öffentlichkeit zu gehen: „Aber Herr Hauck, sie wissen schon, dass sie dann das Gesicht der Krankheit sind.“ Ich habe schon damals erwidert: „Das ist dann gut so. Ich hab sie viel zu lange versteckt.“ Und mal ehrlich, ich bin bei weitem nicht das Gesicht der Depression, da gibt es viel prominenter Menschen, die aufklären, die entstigmatisieren. Ich bin da nur ein kleines, ein bisschen talentiertes Rad.

Mein Weg ist noch lange nicht vorbei, es wird noch viele Hürden und Hindernisse geben. Was sich aber entscheidend geändert hat: Es ist mein Weg, nicht mehr der Weg anderer, die angeblich so gut wussten, wie es mir mit meiner Krankheit geht und mich damit letztlich auch immer mehr über die Kante gejagt haben. Nein, die Menschen, die sich mir gegenüber wohlwollen gaben, waren viel zu oft eher egoistisch, selbstherrlich und ignorant.

Das sind sie auch heute noch aber ich gebe mittlerweile einen Scheiss auf ihre Meinung, ihre Weltsicht, ihre Sicht auf mich.

Und DAS befreit.

Und wenn es mir mal wieder zu schlecht geht, dann helfen mir meine Leser, meine Follower, meine Gäste auf meinen Lesungen. Denn jedes Mal, wenn ich meine Geschichte erzähle, bin ich wieder erstaunt, dass ich noch da bin. Das ist vielleicht das größte Geschenk, das mir meine Geschichte gemacht hat. Sie hat mir wieder Sinn gegeben. Rein durch meine Existenz.

 

Ich habe Ängste, aber ich schäme mich nicht

„Angst essen Seele auf“, ein Film von Fassbinder.

Und gleichzeitig ein Gefühl, dass ich über Jahrzehnte in mir getragen habe, ohne es benennen zu können, ohne wirklich zu verstehen, was da mit mir passiert.

Es war oft keine begründbare Angst. Eher kam die Angst von einem Moment auf den anderen,  unerwartet, unbegründet, überwältigend. Dass dahinter eine Depression und die daraus entstandene Angststörung steckte, ich konnte es nicht mal erahnen und hätte man es mir damals gesagt, dann hätte ich wohl gelacht und es als Irrtum, als meinen Charakter abgetan.

Woher diese Ängste kommen, weiß ich mittlerweile sehr genau. Vor allem wenig Zuneigung bis gar keine von meiner Mutter und ein eher hilfloser Vater waren wohl die Grundlage. Aber letztlich habe ich auch selbst ein ungesundes weil perfektionistisches, stets an Leistung orientiertes Wertegefüge aufgebaut. Und ausgebaut, so daß ich die Ansprüche eigentlich nie erfüllen konnte. die Karotte war immer unerreichbar für mich.

Wie überwältigend diese Angst werden würde, getriggert durch ein komplett aus dem Ruder gelaufenes BEM Gespräch, woher sollte ich es ahnen. Dabei hat mir diese Angst beinahe das Leben gekostet. Und sie war und ist für mich real.

Wer sich über jemanden mit starken Ängsten lustig macht, dem wünsche ich nicht, dass er diese Ängste jemals erleben muss. Es ist zerstörerisch, die Welt wird schwarz, die Depression klopft an die Tür und zieht ziemlich schnell bei mir ein.

Und dann braucht es viel Kraft und Handeln, um die Angst irgendwann in den Griff zu bekommen. Ja, ich habe Tricks, meine berühmte Chilischote, um eine Panikattacke zu unterbrechen. Lieber wäre mir, sie würden nie mehr auftreten.

Es geht mir sehr viel besser, als vor meinem Suizidversuch. Aber es gibt immer wieder Momente, wo meine Angst eskaliert. Im Moment warte ich auf einen MRT Termin, weil der HNO Arzt keinen Grund für meinen Hörverlust links gefunden hat. Es soll rein vorsorglich sein, aber ich kenne meine Angst. Sie beginnt mir sofort, dramatische Szenarien abzuspulen und immer, wenn ich es gerade mal so geschafft habe, die panischen Gedanken zu verscheuchen, erschüttert etwas anderes das filigrane Kunstwerk meiner stabilisierten Seele und die alles umschlingende, verschlingende Angst taucht wieder an die Oberfläche.

Sicher, es gibt gute Ratschläge, die ich alle schon versucht habe. Aber das ist Teil einer Angststörung. Sie ist oft nur  marginal rational, sie ist so überwältigend das jedes Handeln nicht weiter bringt. Manchmal muss ich dann einfach mit den unbegründeten Ängsten leben, darauf warten, dass etwas positives sie so sehr überlagert, dass sie langsam verschwinden.

Meine Arbeit als Aktivist gegen Stigmatisierung von psychischen Krankheiten und für Suizidprävention ist ein mittlerweile sehr hilfreiches Mittel, das aber eben nicht oft genug greift, weil ich natürlich nicht jeden Tag, bzw.  jede Woche aktiv sein kann.

Deshalb schreibe ich, deshalb gehe ich an die Öffentlichkeit, um meine Angst nicht mehr zu verstecken. Denn auch dadurch wird sie zwar nicht verschwinden, aber sie wird kleiner.

Wir arrangieren uns immer häufiger, meine Angst und ich. Angst essen Seele nicht mehr auf, aber sie belastet nach wie vor. Nur dadurch, dass ich nichts mehr verheimliche, mich nicht mehr für meine Ängste, meine dunklen Gedanken schäme, bekomme ich sie in den Griff, wird mein Leben leichter, klarer, weniger düster.

Es ist ein täglicher Kampf, aber es gibt mittlerweile viele Gründe, diesen Kampf aufzunehmen.

Angst haben ist nichts, wofür man sich schämen sollte. Niemals.

Genau genommen, keine psychische Krankheit. Denn es ist ein Kampf, sich jeden Tag gegen sie und für das Leben zu entscheiden. Aber ein Kampf, der es wert ist, gekämpft zu werden.

 

Von der Schönheit der Schwäche

Ich war einer von diesen typischen „Kerlen“. Obwohl ich es in meiner Kindheit und Jugend gehasst habe, weil ich immer das Opfer, der Gemobbte war. Aber es gab keine anderen Vorbilder. Irgendwann wünschte ich mir, auch nur ein bisschen so wie die zu sein, die ich eigentlich hasste, die aber meinem Empfinden nach es viel leichter hatten im Leben.

Gut, nicht wirklich typisch. Klassische Musik, Kunst, KEINE Autos, KEIN Fussball. Aber das wurde dann zu Gunsten des „typischen“ Bildes verheimlicht. Und was noch viel schlimmer war. Ich gewöhnte mir an, so zu tun, als hätte ich immer alles unter Kontrolle.

Heute weiß ich, das war ein Irrtum, eine Fassade.

Gerade auch als Mann zeugt es von viel mehr Mut, seine Schwächen zu zeigen, als so zu tun, als sei man immer stark, immer kontrolliert, immer perfekt. Eigentlich wissen wir doch alle, dass so etwas einfach nicht möglich ist, dass absolute Perfektion nicht möglich. Mich ärgert aber vor allem, wie sehr wir auch heute noch in Rollenklischees verhaftet sind. Wir mögen mittlerweile Gender Sternchen haben, um sprachlich korrekt zu agieren. Aber ich sehe noch keine Gender Sternchen in den Köpfen der Mehrheit. Und schon gar keine Offenheit für Gefühle, für Schwäche in dem immer noch kruden und überkommenen Männerbild der Mehrheit unserer Gesellschaft. Wir agieren meiner Ansicht nach in einer Filterblase, glauben, man müsse doch einsehen, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau, zwischen schwach und stark minimal bis nicht vorhanden sind.

Stark kann man auch sein, oder ist es eigentlich noch viel mehr, wenn man in der Lage ist, auch negative Gefühle zu zeigen, auch Trauer, Schwäche, Angst zuzulassen und nicht so zu tun, als kenne man das nicht und alle, die so empfinden seien „Loser“.

Wir brauchen eine Kultur, in der das Versagen, die Angst, die Trauer Platz haben, in denen man nicht immer die Fassade des „Mir geht es gut“ vor sich her tragen muss.

Ich bin an diesen Fassaden fast zerbrochen und ich weiß aus vielen Gesprächen mit Mitpatient*innen in den Kliniken, wie sehr genau das einen verletzen, krank machen kann.

Wir brauchen keine Leistungskultur, wir brauchen eine Lebenskultur.

Ich habe Angst

Nun gut. Bei mir wohl kein Geheimnis mehr. Ich stehe zu meinen psychischen Schwächen. Auch wenn ich weiß, dass die typischen Reaktionen sind: „Mach dir doch nicht so viele Sorgen.“, „man kann auch vor allem Angst haben.“ (Übrigens:JA!) „Du bist zu ängstlich.“
Angst ist etwas überwältigendes, wenn man es in der Form einer generellen Angststörung hat. Angst frisst Vertrauen. Vertrauen in sich selbst, Vertrauen in andere. Und für manche ist die Angst der anderen ein Weg zur Manipulation. Meine Angststörung entstand aus dem, was ich als Kind und Jugendlicher erlebte. Sie entstand durch Mobbing, Einsamkeit, kein Vertrauen von wichtigen Menschen in mich.
Heute stehe ich zu meiner Angst, ich kenne sie und kann einigermaßen damit umgehen. Aber sie beeinflußt immer noch mein Leben. Aber ich schäme mich nicht mehr dafür. Jeder Tag, an dem ich gegen meine Angst angehe, jeder Moment, in dem ich merke, dass die Angst mich eben nicht mehr überwältigt ist ein guter Moment.
Wir alle, die wir gegen massive Ängste kämpfen, sollten aufhören, uns dafür zu schämen. Wir stellen uns unseren Ängsten, auch wenn sie manchmal überwältigend sind. Mein Suizidversuch entstand nicht durch die Depression. Die Depression war ein Teil meiner Angst und was damals geschah, war eine existenzbedrohliche, allumfassende Panikattacke. Und zwar sofort, ohne Ansteigen, von 0 auf Vollpanik.
Das so etwas passieren kann, sollte sich jeder vor Augen führen, der mit den Ängsten anderer spielt. Man wird in die Rolle der Beute gedrängt, die am Abgrund steht und nur noch zwei Möglichkeiten hat. Angriff oder Flucht. Und wir überängstlichen haben viel zu viel Angst, um noch angreifen zu können. Was dann passiert, ist klar. Aber wohl nicht jenen, die uns in solche Ängste treiben. Weil man ja angeblich keine Angst zu haben braucht. Warum nur erfährt man mittlerweile von immer mehr Menschen, die von massiven Ängsten betroffen sind? Warum leiden schon Schüler unter Ängsten? Kommt mir jetzt nicht mit dem Smartphone, das ist vielleicht Symptom. Der Grund ist das Spielen mit der Angst. Leistungsdruck, Konkurrenzdenken, angebliche Bedrohungen um sich Menschen gefügig zu machen, sie zu normieren und durch ihre Angst auch zu manipulieren.
Wer sich fragt, woher der Zulauf für rechtes Gedankengut und Fremdenhass kommt, ein großer Teil ist sicher auch Angst in einer Welt, die Druck ausübt, mit HartzIV eher bestraft als hilft und nur noch Spitzenleister will. Wir sollten wieder runter kommen von dem Angsttrip, aber so lange man über uns damit Macht ausüben kann, werden es Menschen ausnutzen.
Deshalb, ich stehe zu meiner Angst, aber ich durchschaue mittlerweile, wer mit ihr spielen will. Angst an sich ist nicht schlecht, sie schützt. Wenn man aber in einer eigentlich sicheren Zeit durch machthungrige Dummköpfe manipuliert und die Angst vor etwas nicht existentem hochgepeitscht wird, dann… ja, dann kann man schon Angst haben.
Ich stehe zu meiner Angst, und ich versuche zu vermitteln, dass der Kampf gegen sie ein Guter ist. Schwer, aber er lohnt. Meine Chili gegen meine Panik hab ich übrigens immer noch dabei. Nur so als Insider.

Mein Gastbeitrag zum Thema Stress und Angst für die AOK Baden Württemberg

Die AOK Baden Württemberg hat im Moment einen Themenschwerpunkt Stress und mich deshalb gebeten, einen Gastbeitrag zum Thema Stress und Angst aus meiner Sicht zu schreiben. Da ich mit beidem so meine einschlägigen Erfahrungen habe, ist mir das nicht schwer gefallen, aber lest selbst:

Wenn Stress zur Panik wird, mein Leben im Alarmzustand.

Sicher für viele interessant dürfte die Sprechstunde im Theaterhaus Stuttgart zum Thema Stress mit Judith Holofernes und Heinz Rudolf Kunze am 17. April sein.

Dort könnt ihr auch mich treffen, werde da auf jeden Fall im Publikum sein. Beide Künstler haben zum Thema sicher einiges wertvolles beizutragen.

 

Wie ich mich fühle, wer ich bin

Die Kälte bohrt sich in meine Knochen. Nicht eine äußere Kälte, es ist Sommer, draußen streichen Sonnenstrahlen sachte über das saftige Grün der Felder.  Ich sehe Menschen Hand in Hand spazieren gehen. Paare, Familien, Freunde. Die Sonne wärmt sie und die Wärme in ihren Herzen. Was würde ich darum geben, davon auch nur einen Hauch zu spüren. Ich weiß, ich bin erst zwölf, solche Gedanken sollte ich gar nicht haben. Aber sie sind da, sie bohren, hämmern im Kopf, verursachen Schmerzen jenseits des Körperlichen. Es ist eine einsame Kälte, geboren aus einer Einsamkeit, die ich ebensowenig fühlen sollte.

Ich fühle mich anders, ausgeschlossen, abgewiesen. Wie ein Fremder, ein Reisender in einer fremden Welt, deren Regeln, deren Werte und Prinzipien er nicht kennt oder die ihm unverständlich erscheinen. Ich kenne ein anderes Wertegefüge. Nicht genug sein, nicht richtig sein, nicht liebenswert. Das wurde mir intensivst vermittelt. Sei brav, sei still, lüg uns nicht an. Selbst wenn ich mehr Wahrheit liefern konnte, als meine Eltern, meine Mutter erfassen konnte, es war nie genug. Also wuchsen die emotionalen Mauern. Man hält als Kind bestimmte Schmerzen nur eine kurze Zeit aus. Dann errichtet man Schutzwälle gegen den Schmerz, schickt ganze Batallione aus, um die eigenen Schmerzgrenzen zu beschützen, die sonst unter dem Druck nicht lange standhalten würden. Wenige Verbündete existieren, die zumindest Trost spenden. Aber selbst diese können nicht vordringen hinter die Schutzmauern. Und sie werden dicker, werden fester, starrer, unverrückbarer mit den Jahren. Denn die Umwelt gibt einem recht.

Man funktioniert, erfüllt Erwartungen, bekommt Lob und Zuwendung. Nicht Liebe, aber immerhin ein gewisses Maß an Anerkennung. Manchmal ist dann selbst die Anerkennung des von den Klassenkameraden verprügelt werdens wertvoller als einfach ignoriert zu werden. Selbst durch diesen Schmerz spürt man, man existiert. Aber auf Dauer stirbt die Seele, wenn kein Licht, kein Lachen, keine Freude mehr Zutritt erhält ins verbarrikadierte Innere. Man fühlt sich sicher, aber auch wie ein Außerirdischer auf einem fremden, unwirtlichen Planeten. Um wenigstens ein wenig in die Welt hinaus zu können, hat man die Mauern beweglich gemacht, sie zu Schutzpanzern umfunktioniert. Angst, Depression, Trauer, alles Panzerungen, die die Seele vielleicht nicht heilen, aber doch schützen können. Wenn ich nichts mehr wert bin, ist der Schmerz des Versagens nicht mehr so groß. Man beweist ja nur das vermeintlich offensichtliche.

Immer wieder gibt es Menschen, die an den Mauern der gepanzerten Seele zaghaft oder fordernd anklopfen. Aber sie werden maximal in den Vorhof der eigenen Seelenburg vorgelassen, wo man sie mit Gaukeleien bei Laune hält, während hinten die großen Tore verschlossen werden. Nur ja nie wieder Schmerz, nie wieder Leid erleben müssen durch jene, die doch keine Ahnung haben, wie es in einem aussieht. Aber irgendwann, irgendwo ganz tief in der Festung bricht sich dann doch das Bahn, was jahrelang vergraben hat. Es reisst die Mauern nieder, schert sich nicht um Schäden und Opfer, versucht, das kleine, verängstigte Kind endlich zu befreien. Und schliesslich steht es nackt im hellen Sonnenlicht. Alle sehen den Schmerz, die Unzulänglichkeit, auch wenn sie nur im eigenen Kopf existiert. Und wenn man Glück hat, ist da irgendwer, der hervortritt, die Hand reicht und einem zeigt, dass es neben der Dunkelheit des eigenen Seelenverlieses auch Licht, Sonne, eine positive Welt gibt. Viel öfter jedoch stehen schon die bereit, die jetzt mit Freuden nachtreten, besser zu wissen vermeinen, wie die verletzte Seele geheilt werden muss oder sich einfach einen Dreck darum scheren, weil man ja schliesslich nicht zum Spass hier ist. Dann ist die Hand nicht Rettung sondern letzter Stoß in den Abgrund.

Mir hat sich eine Hand entgegengestreckt, hat mich festgehalten, ist zu mir gestanden in der dunkelsten Zeit meiner Seele, als alle Feuer verloschen waren und die schweren Balken der Depression vor die Tore der Seele platziert worden waren. Sie hat mich aus dem Abgrund gezogen, wofür ich ihr ewig dankbar sein werde. Ich stehe auch heute noch oft alleine in der mittlerweile verfallenden Festung um mein Herz. Aber noch gibt es Mauern, noch existieren Gaukler, die meinem Umfeld eine Realität vorspielen, die so nie existierte. Aber ich habe jetzt Begleiter, Weggefährten, die an meiner Seite stehen, wenn ich den Kampf alleine zu führen vermeine. Und es sind Menschen, die ich auf Wegen und an Orten gefunden habe, die ich nie für wichtig erachtet hatte. Erzähler, Heiler, Seelenverwandte, Leidensgenossen. Eine Armee die wächst. Und die ich mittlerweile mit immer lauterer Stimme aus deren eigenen Festungen herauslocken will.

Denn es lohnt. Ich habe es spät gelernt. Aber der Kampf lohnt. Und wir gehen ihn nie alleine. Wir müssen nur schaffen, die Menschen, die Wesensverwandten zu finden, die unsere gemeinsame Geschichte fortzuschreiben bereit sind. Dann kann aus einem Feind, einer Krankheit ein Weggefährte und Mahner für mehr Fürsorge für das ehemals in der Festung versteckte ungeliebte Kind werden. Aber es braucht Vertrauen. Und das ist eine Pflanze, die erst langsam wächst und behutsam behandelt werden will.

Meine Festung ist nurmehr eine Ruine. Ich versuche daraus etwas neues zu erschaffen. Das ist schwer, aber jeder Tag, jeder Morgen ist ein weiterer Baustein für mein neues, mein offenes Refugium. Und die Menschen, die mir etwas wert sind, denen ich etwas wert bin, die haben einen Schlüssel.

Den Schlüssel für meine Seele.