Über die Intoleranz der Norm und viele kleine Sarrazins

Es gibt sie, sie sind unter uns. Menschen, die nicht der Norm entsprechen. Sie sind zu groß, zu klein, Linkshänder, behindert, mögen die falsche Musik, haben die falschen Freizeitbeschäftigungen oder die falsche Bildung oder gar Gott bewahre, sind intelligenter als die Norm, womöglich haben sie gar einen IQ jenseits der 130 und gelten somit als hochbegabt, kurz, sie entsprechen nicht der Norm. Der gute, brave, der Politik und den Medien glaubende Normbürger verabscheut sie. Das zeigt sich immer wieder, vor kurzem erst sehr deutlich und hässlich durch den Erfolg des Machwerks von Thilo Sarrazin.

Aber womit hat der Normbürger denn eigentlich ein Problem? Warum werden alle jene zumindest schief angesehen, die nicht die Interessen des Durchschnitts haben. Warum werden Kinder von ihren Klassenkameraden geschnitten, die nicht so fußballbegeistert sind, die nicht rauchen wollen, oder nicht bei den dummen Mobbingspielchen gegen Mitschülerinnen, noch dazu wenn sie nicht die blasse Nordeuropäerhaut haben. Man mag viele Gründe anbringen. Für mich gelten vor allem zwei. Dummheit und Angst. Dummheit insofern, daß offensichtlich das nötige geistige Potential fehlt, sich mit etwas zu befassen, das nicht sofort ins eigene Weltbild passt. Daraus resultieren solche Dinge wie Intoleranz, Rassismus und Vorurteile. Und Angst. Angst davor, selbst nicht mehr der Norm zu entsprechen, selbst aufzufallen.

Denn wer anders ist als der Durchschnitt hat zu kämpfen. Er wird oft abgelehnt, oder zumindest belächelt. Ich hatte es noch einfach, denn ich bin nur zu groß und Linkshänder. (Ok, ich mag auch kein Fussball, keine bierseeligen Männerrunden, in denen von Autos oder Fußball gesprochen wird und schätze eher ein gutes Buch, klassische Musik und ein Glas Rotwein, bin also in den Augen meiner normgerechten Geschlechtsgenossen ein arroganter Schnösel). Kommt aber noch ein etwas fremdartiges Aussehen dazu, oder eine Behinderung, dann werden solche Menschen schnell gemobbt, da der denkfaule Durchschnittsbürger sie als etwas seltsames wahrnimmt, das nicht in sein oft beschränktes Weltbild passt.

Letztlich aber wäre unsere Welt extrem viel ärmer, würden alle Außenseiter,alle besonderen Menschen verschwinden. Wo wären dann die Künstler, die kreativen, die hochbegabten Menschen. Es würde eben nur noch die Norm herrschen und mit Verlaub, nicht erst seit der Ignoranz gegenüber dem Rechtsbruch eines Herrn zu Guttenberg, der von anderen gestohlen hat,aber vom ignoranten Durchschnittsbürger dennoch geliebt wurde ist mir klar, dass man sich als Nichtnormmenschen oft besser bedeckt hält, seine „Andersartigkeit“ versteckt. Ich bin ein Gadgetfreak, aber ich verwende mittlerweile wieder Papier (zumindest scheinbar) weil ich mit digitalen Notizen eher angeeckt bin und belächelt wurde. Ich lese offiziell langsam, weil meine Fähigkeit zum Schnelllesen schon in der Schule bei den Lehrern auf Unverständnis stieß.

Ich höre meine Musik zu hause oder über den Walkman, spare mir mittlerweile Feste, auf denen es mehr ums Saufen und Männerrituale geht und genieße lieber mit guten Freunden gelegentliche Treffen, bei denen gute Gespräche und angenehme Gesellschaft wichtiger sind als Imponiergehabe und geballte Intoleranz.
Aber all das sind kleine Probleme eines Erwachsenen. Viel schlimmer finde ich die täglichen Mobbereien der Kinder gegen ihre Altersgenossen, die eben nicht wie „alle anderen “ auf den Fussballplatz wollen, die es nicht in Ordnung finden, Schwächere zu mobben oder zu verprügeln, die weder Alkohol, noch Autos cool finden. Wenn ein Kind nicht in die meist dröge und dumme Norm passt, ist es sehr schnell Mobbingopfer. Aber das kann man nicht dem Kind vorwerfen, denn meist stehen hinter einem intoleranten Kind intolerante Eltern. Wir sollten wieder begreifen, dass eine Gesellschaft erst dann vielfältig, zukunftsorientiert und positiv sein kann, wenn Toleranz herrscht. Wer glaubt, dass alle Behinderten dumm und alle Ausländer faul sind, der braucht sich nicht zu wundern, wenn er irgendwann in einer Gesellschaft lebt, die von Intoleranz und Neid zerfressen wird.

Als Außenseiter muss man stets auf der Hut sein, in unserer Gesellschaft nicht aufzufallen, denn nicht nur die EU besteht immer mehr auf Normen. Auch für den Durchschnittsbürger ist alles, was von der ihm bekannten Norm abweicht, meist erst mal fremd und gefährlich.

Was ist das für eine Gesellschaft, in der es einem bereits zum Nachteil gereicht, wenn man hochbegabt ist, wenn Schulen alle Schüler über einen Normierungskamm scheren. Talente ragen heraus, sind nicht durch normierte Methoden erfassbar. Wir machen die Besonderen, die Talentierten in den normierten Schulen und in der normierten Gesellschaft zu Außenseitern, wir vernichten Talente und damit Chancen!

Wir lassen Behinderte oft nicht am normalen Leben teilhaben, dabei sind wir eine technologisch so fortschrittliche Gesellschaft, die es nahezu jedem Menschen mit einer Behinderung möglich macht, völlig normal am Alltag teilzuhaben. Aber Technik bedingt nicht, dass auch die Gesellschaft bereit ist.

So lange der Normbürger noch eher an die Esoterik glaubt und Wissenschaft und Bildung nur dann akzeptiert werden, wenn sie ins eigene beschränkte Weltbild passen, so lange werden wir stets das Andersartige verdammen. Wer immer noch an Wundermittel und Parawissenschaften glaubt, wer dem Esoteriker mehr vertraut als dem Wissenschaftler, der bekommt die dumme Gesellschaft, die er verdient.

Wie heißt es so schön: Die Intelligenz auf unserem Planeten ist eine Konstante. Die Bevölkerung wächst.

Demokratie lebt von der Mehrheitsmeinung, aber eben auch davon, dass auch Minderheiten das demokratische Recht zur Teilhabe an der Gesellschaft haben. Nur im Alltag, da wird das oft schwer gemacht. Auch darum wandert Wissen, wandern Talente immer mehr ins Ausland ab. Wer daheim Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommt, im Ausland aber mit offenen und toleranten Armen empfangen wird, der wendet sich irgendwann leichten Herzens ab. Was dann im eigenen Land übrig bleibt? Nun, jeder möge sich das selbst ausmalen. Ein Hinweis vielleicht. Es sind nicht diejenigen, die Goethe, Schiller oder auch Heine lesen, nicht die Abonnenten von ZEIT, Süddeutscher oder Spektrum der Wissenschaft. Eher diejenigen, die BILD und Sarrazin lesen.

Und zum Schluss noch ein schönes Zitat von Schiller, damit man mich auch wieder einen Bildungsschnösel nennen kann:

Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn.
Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen.
Bekümmert sich ums Ganze, wer nichts hat?
Hat der Bettler eine Freiheit, eine Wahl?
Er muß dem Mächtigen, der ihn bezahlt,
um Brot und Stiefel seine Stimm‘ verkaufen.
Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen.
Der Staat muß untergehn, früh oder spät,
wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet. (Sapieha)

Friedrich von Schiller

Update: Bei Tagesschau.de gibts ein schönes Schlusslicht zu dem Thema: Schlusslicht: Doof bleibt doof – und das ist gut so. Hat mich doch sehr schmunzeln lassen, und ich bin DANN auch gar nicht traurig, sollte ich keine Karriere machen.

Ein Gedanke zu „Über die Intoleranz der Norm und viele kleine Sarrazins

  1. Es gilt als normal, was die Mehrheit für richtig ansieht und wie sich die Meisten verhalten. In der Regel unterwerfen sich die Menschen dieser Norm oder passen sich ihr zumindest an.

    Dabei steht dieselbe auf einem recht fragwürdigen Fundament. Allein die weite Verbreitung einer Vorstellungs- oder Verhaltensweise verschafft dieser noch lange nicht ihre Berechtigung und Richtigkeit. Als im Dritten Reich das Volk Hitler zujubelte und seine Kriegspläne unterstützte, war diese Haltung etwa, nur weil sie von der Mehrheit vertreten wurde, berechtigt und richtig? Ausgehend von der Tatsache, dass unter der Menschheit Gewalt, Egoismus und Ausbeutung weit verbreitet sind, müssten solche Zustände als richtig gelten, eine Auffassung, die wohl niemand ernsthaft vertreten will. Nächstenliebe und die Bereitschaft zum Verzichten oder Teilen hingegen sind eher selten und müssten folglich als verkehrte Verhaltensweisen gelten.

    Menschen wie Gandhi oder Mutter Teresa stellen Ausnahmen dar; aber auch viele Künstler, Dichter und Erfinder waren Exzentriker abseits der breiten Masse. In einer statistischen Normenkategorie wären Einstein und Edison, Mozart und Goethe unnormal. Wer also davon ausgeht, dass die Mehrheit bestimmt, was normal ist, kommt in Erklärungsnot. Sind Linkshändler unnormal, nur weil sie nicht der Majorität entsprechen? Eine Minderheit der Bevölkerung ist rothaarig, sammelt Briefmarken und hat Asthma; sind diese Menschen deshalb Außenseiter? Ein Intelligenzquotient von 100 gilt als durchschnittlich und daher als normal. Ist eine Person mit einem Wert von 130 demnach unnormal? Die Natur selbst ist unendlich vielfältig und durch viele Ausnahmeerscheinungen gekennzeichnet, wie jeder Biologe bestätigen kann.

    Gerade die Mannigfaltigkeit, Anpassungsfähigkeit und die abweichenden Formen oder Mutationen aber sind es, die Tiere und Pflanzen nicht nur für den Betrachter so faszinierend machen, sondern wodurch auch das Überleben gesichert wird.

    Es wird deutlich: Eine Definition von Normalität, beruhend auf dem Argument eines häufigen Vorkommens oder einer Mehrheit, bietet keine ausreichende Grundlage für ein Wertesystem. Trotzdem wird einer Norm der Mehrheit häufig sogar eine „ethische“ Bedeutung verliehen, wie zum Beispiel in Form der Demokratie. Mehrheitsentscheidungen als bestimmendes Element eines Staatswesens sind jedoch nur in Verbindung mit dem Prinzip der Freiheit und eines humanen Pluralismus – dem Respekt vor der Vielfältigkeit und der Achtung des Andersartigen – ethisch gerechtfertigt. Wo solches nicht gegeben ist, wird die – auch schweigende – Mehrheit zum Scharfrichter. Im Mittelalter waren es Ketzer und „Hexen“, die von der Bevölkerung denunziert und öffentlich verbrannt und ertränkt wurden. Im Dritten Reich waren es Juden, Zigeuner (wie man sie nannte) und Homosexuelle, die als „asoziale Elemente“ gebrandmarkt wurden und in die KZs verschleppt wurden. Selbst Behinderte wurden als „lebensunwertes Leben“ ausgemerzt.

    Immer ging es darum, das nicht der Norm Entsprechende zu eliminieren. Heute sind es pädophil empfindende Menschen, die ausgegrenzt und als (potenzielle) „Kinderschänder“ diffamiert und bedroht werden und viele bedauern, dass man sie nicht mehr mit den früheren Methoden als gesellschaftliche Abweichler ausmerzen kann.

    Allein mit dem Maßstab der Mehrheitsnorm kann und darf ein sexuelles oder sonstiges Verhalten nicht bewertet werden. Wo dies geschieht werden sexuelle und andere Randgruppen mit ihren Bedürfnissen und Forderungen nicht ernst genommen oder es wird ihnen sogar die Existenzberechtigung abgesprochen. Bei einer auf der (zeitweiligen) Meinung beruhenden gesellschaftlichen Mehrheit besteht immer die Gefahr, dass Außenseiter für soziale Missstände verantwortlich gemacht und zu Sündenböcken erklärt werden.

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