Wo bin ich, wer bin ich, was will ich

Ich wurde in letzter Zeit des Öfteren gefragt, warum es so still geworden ist um meine Geschichte.

Es gibt eine Zeit und einen Ort. Und ich denke, meine Zeit ist nicht mehr die eines Aktivisten gegen Depression und die damit einhergehenden Vorurteile.  Hier ist eine neue Generation gefragt, ich kehre zurück zu meinen Wurzeln und befasse mich mit KI insbesondere Generativer KI, auf die ich seit meinem Studium vor 30 Jahren gehofft habe. Die letzten Jahre wurde es still, der Bedarf an meiner Geschichte beschränkt sich zunehmend auf Schulen. Das werde ich auch weiterhin anbieten, weil ich der festen Überzeugung bin, je früher wir eine Bewußtsein für mentale Gesundheit schaffen, um so besser.

Aber Moment.

Gestern war ich auf dem KI Festival des IPAI in Heilbronn. Und dort wurde unter anderem auch die Vision einer Diagnostik mit Hilfe von KI vorgestellt.  Das mag manche gruseln, ich sehe es aber als große Chance. Wir brauchen allerdings viel mehr Daten, Diagnosen, Untersuchungsergebnisse, um Modelle definieren, programmieren und trainieren zu können.

Deshalb plädiere ich weiterhin für einen offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen. Man kann Daten einfach pseudonimsieren aber dennoch relevante Informationen erhalten. Aber auch dafür gilt es, eine Öffentlichkeit zu schaffen.

Und es gilt, Ängste und Hemmungen im Bezug auf KI abzubauen. Es birgt Risiken, KI zu verwenden aber auch unendliche Möglichkeiten, Chancen, Wege in die Zukunft.

Es ist wie  mit dem Messer, dass man zum töten oder Brot schneiden verwenden kann. Es ist nicht das Messer, es ist unser Umgang mit KI, der entscheidet, ob wir uns selbst aus der Gleichung nehmen oder eine Zukunft für alle schaffen. Dafür braucht es Umdenken und vor allem keine Politik, die immer am alten, fossilen, immer schon so getanen festklebt.

Wir brauchen Mut, um neue Wege zu gehen, Mut, auch Fehler einzugestehen, Mut, wieder aufzustehen und weiter zu machen.

Ich werde wohl doch ewig der Aufklärer, der Aktivist bleiben, aber jetzt möglicherweise auf zwei Gebieten. Mentale Gesundheit und die Chancen durch KI in der Diagnostik.

Warum „Ruh dich mal aus“ manchmal ein Problem ist

Wenn ich meinem Umfeld signalisiere, dass es mir mal wieder nicht so gut geht, weil der schwarze Hund halt nie ganz auszieht, höre ich hin und wieder auch den Ratschlag „Ruh dich doch mal aus“. Nette Idee, kommt für mich gleich nach „geh doch mal in die Sonne“ oder „lach doch mal wieder“. Die Ruhe ist manchmal die lauteste Form einer Depression oder Angststörung.

Zu viel Zeit zum Nachdenken bedeutet, die Gedankenspiralen, die Ängste und Sorgen werden wieder lauter. Was könnte mit dem Haus alles passieren? Wie werden die Kinder weitermachen? Werden sie ale erfolgreich oder was viel viel wichtiger ist, werden sie alle glücklich sein. Was haben meine verdammte Krankheit und ich ihnen an Ballast mitgegeben? War da vielleicht auch irgendwas gutes dabei?

Früher war meine Taktik oft, mein Gadgethobby auszuleben, weil das zumindest je Gadget für ein paar Wochen Abwechslung brachte. Meine Kinder nennen mich oft scherzhaft die lebende Wikipedia. Liegt am gleichen Grund.  Immer wenn die Gedanken zu dunkel wurden, versuchte ich mich dammit abzulenken, etwas neues zu lernen. Astronomie, Aikido, Malerei, Literatur, Künstliche Intelligenz (auch das zu studieren lenkte schon von dunklen Gedanken ab) Psychologie, Biologie, Pflanzenkunde,Liebe (machen), das könnte ich noch ewig so weiter machen.

Irgendwann gehen aber die Themen aus, irgendwann fällt man dann doch auf sich zurück und wenn es dann still ist, dann wirds kritisch. Ich höre gerne Musik und viel. Aber eben auch, weil ich die Stille nicht ertrage, weil das Alleine sein bei mir in diese Dunkelheit geführt hat.

In der Schule war ich der Außenseiter, den alle gemobbt haben, zumindest bis ich der erste mit einer Freundin war und in eine Klasse gewechselt hab, in der die Außenseiter das neue Normal waren.

Ich habe gelernt, dass alleine sein einerseits ein mir lange Zeit sehr vertrauter Zustand war, andererseits mich in vieles reingeritten hat. Sehnsucht nach Anerkennung gepaart mit einer enormen Angst, zu enttäuschen, etwas falsch zu machen, können einen zum begnadeten Liebhaber machen ebenso wie zum extrem harmoniebedürftigen Partner, der jeden Konflikt scheut.  Man entscheidet mit dieser „Erblast“ vieles nach dem Risiko, enttäsuscht zu werden, vertraut selten und eigentlich nie ganz.

Sibylle hat etwas geschafft, was sonst niemand in meinem Leben erreicht hat. Bei ihr sind alle Schutzmauern des Misstrauens gefallen. Das war das große Glück im damaligen lebensbedrohlichen Unglück.

Dennoch, Ruhe haben mag anderen gut tun. Für mich ist es all zu oft eher eine Gefahr als die Lösung.

Lasst mir meine Ruhe ist nicht unbedingt ein Wunsch, den ich oft ernst meine.

Nie genug

Vor dem Aufenthalt in mehreren Psychiatrien nach „dem Ereignis“  sah ich mich immer als nicht genug, nicht gut genug, nett genug, strebsam genug, intelligent genug. Da half es auch nicht, bei vielen dieser Punkte von meinem Umfeld das Gegenteil zu hören, Beziehungen aufzubauen, geliebt zu werden oder einen Hochschulabschluss zu erreichen und in der Forschung tätig zu sein.

Man nennt es das Vortäuscher Syndrom und das hätte mich fast das Leben gekostet. Weil ich als Kind nie wirklich gewollt oder geliebt wurde. Irgendwann fand ich mich damit ab und suchte Bestätigung und Zuneigung in dem, was ich tat. Und das musste immer besonders sein und darin wollte ich es zu Perfektion bringen. Meine Leidenschaft für Computer und Programmierung ließ mich ganze Nächte wach bleiben. Dennoch waren die Erfolge daraus (ein Preis für das beste Spiel und eine weitere noch größere Veröffentlichung in einer Computerzeitung) für mich stets glückliche Zufälle und nichts, was mich nachhaltig resilienter machte. Ich war in meinen Augen nie gut genug, wohl, weil ich das in den Augen vor allem meiner Mutter nie war. Alles, was ich an gutem im Kontakt mit anderen Menschen erlebte, wurde schlecht gemacht oder gar verboten.

Exemplarisch nur kurz die „Drucker“ Geschichte. Nachdem ich einen Preis für ein selbstgeschriebenes Spiel bekommen hatte, wollte ein guter Freund das auch versuchen. Allerdings mussten damals Computerprogramme noch auf Papier gedruckt zu den Zeitschriften gesendet werden. Ich hatte einen Drucker, er noch keinen. Also bot ich ihm an, sein Programm bei mir zu drucken.

Das klappte auch, aber meine Mutter bekam Wind davon und behauptete felsenfest, er habe mir ein Programm gestohlen und es als seines ausgegeben. Ich würde also lügen, als ich ihn verteidigte. Und das wurde zum Motto, entweder ich dachte oder handelte wie meine Mutter es wünschte oder ich war ein Lügner oder Versager.

Wer behauptet, man könne niemanden vollständig hassen, der kannte meine Mutter rnicht.

Dadurch wurde ich zum Perfektionisten, zum Kontrollfreak, weil etwas, sobald meine Mutter es in die Hand nahm, kaputt war, oder vorbei. Und dieses Muster zog sich durch den Rest meines Lebens. Niemals genug sein, niemals jemanden gänzlich vertrauen.

Bis heute gibt es nur einen Menschen, der ich vollständig vertraue und das ist meine Frau Sibylle. Aber es musste erst fast tödlich enden, bevor dieses Vertrauen entstand. Denn sie hielt in der dunkelsten Zeit meines Lebens zu mir und hat mir wortwörtlich das Leben gerettet.

Als dann das Buch entstanden ist, ich zu Vorträgen eingeladen und mit positivem Feedback konfrontiert wurde, in TV Sendungen auftreten durfte, erst dann wurden ein paar der weit offenen Wunden ein wenig geheilt. Ich bin noch weit davon entfernt, wirklich mit mir im Reinen zu sein. Aber einiges kann ich heute akzeptieren oder sogar als selbst erreichten Erfolg werten.

Aber noch bin ich weit von dem entfernt, was Frieden mit sich selbst oder Resillienz angeht. Was anders ist, ich kenne meine Dämonen und kann versuchen, gegen sie vorzugehen. Gelingt immer öfter aber gefühlt noch nicht oft genug. Und die Angst, dass irgendwas schreckliches passiert (was sich früher meist „Mutter“ nannte), wird weniger, aber sie ist manchmal noch bedrohlich dominant da. Auch das etwas, dass ich mir lange Jahre und viele Konflikte mit meiner Mutter lang angeeignet habe und was nun sehr schwer loszuwerden ist. Auch das will ich vollständig eliminieren.

Verdammt, schon wieder der Perfektionist.

Ein Wort zum Abschluss: Wer glaubt, andere Menschen mobben oder niedermachen zu dürfen, dem sei gesagt, es kann passieren, dass man dann ein Menschenleben auf dem Gewissen hat. Auf jeden Fall ist man aber ein ganz großes Ar…..ch und was ich solchen Menschen wünsche, ist besser nicht hier niedergeschrieben.

Und nochmal. Wer sagt, man könne keinen Menschen so vollständig hassen. Doch, geht. Auf die Frage meines Therapeuten nach dem Verhältnis zu meiner Mutter heute war meine Antwort „Gut, sie ist tot.“ Und das war nicht sarkastisch gemeint.

Und wer meine Geschichte im bewegten Bild kennenlernen will, es gibt nach wie vor Mitschnitte der Sendung unter anderem hier:

Das Buch gibt es leider nur noch gebraucht oder als eBook aber da ja Elon der Schreckliche Twitter eh getötet hat, passt meine Geschichte auch nicht mehr ganz in die aktuelle Zeit.
Wer trotzdem Interesse hat, es ist als eBook noch überall zu haben.

Warum ich Betriebsrat bin und was das mit Depression zu tun hat.

Ich wusste noch nicht, dass ich Depressionen und eine Angststörung habe, als es passierte. Ein Jahresgespräch, das in eine Vorwurfstirade mündete mit Drohung von Abmahnung und Kündigung. Eigentlich war es nur ein Rausekeln aus meinem damaligen Job, aber es war der Beginn meiner Abwärtsspirale, die in meinem Suizidversuch mündete und Gott sei Dank auch meine Rettung war, denn danach hatte das Kind einen Namen und ich Hilfe und Helfer, die mir wieder auf die Beine halfen.

Aber eines war mir damals klar. Dass es immer fair zugeht im Beruf ist eine Illusion, eine gefährliche noch dazu.

Damals entschied ich, dass ich alleine auf verlorenem Posten wäre und tat das, was für mich damals wie heute nur logisch erscheint. Ich wurde Mitglied bei Verdi und im nächsten Jahr auch Betriebsrat. Beides bin ich bis heute und in Gesprächen, auf Workshops oder Schulungen, wie in der letzten Woche merke ich immer wieder, wie wichtig und richtig dieser Schritt war. Ja, wenn alles gut geht, dann hat man als Betriebsrat sicher wenig zu tun. Aber ganz ehrlich? Auch wenn die Mitarbeiter*innen, die man vertritt davon oft gar nichts mitbekommen. Es brodelt häufig und so mancher eigentlich unnötige Konflikt ist auszufechten.

Wir können als Betriebsräte nicht alles beeinflussen, aber was ich in den Seminaren und der täglichen Arbeit gelernt habe, wir können viel. Viel, das den Kolleg*innen hilft oder sie schützt.

Hätte ich damals einen Betriebsrat an dabei gehabt, wäre das Ganze sicher besser verlaufen. Als Betriebsrat stehe ich an der Seite Betroffener und kann schützen, helfen und ggf. auch Ungerechtigkeit verhindern. Und was ich auf jeden Fall in meiner täglichen Betriebsratsarbeit merke. Als Betriebsräte sind wir ein Team, das kämpft und einen wichtigen Gegenpol zum Vorstand bildet. Wir können für die Mitarbeiter*innen auf Augenhöhe mit dem Vorstand agieren. Es ist nicht alles möglich aber bei vielem können wir den Weg mitbestimmen oder zumindest den Weg für die Kolleg*innen leichter, angenehmer gestalten.

Ich habe in all den Jahren immer viel Kraft aus der Tatsache gezogen, hier etwas gutes, bedeutsames beitragen zu können. Und ich werde es weiter tun. Weil ich es nötig gehabt hätte und weil es eben nicht immer so glatt läuft im Arbeitsalltag.

Und insbesondere meine Krankheitsgeschichte zeigt mir in den Gesprächen, dass die Rolle als Betriebsrat mir hier möglich macht, auch für die psychische Gesundheit zu kämpfen. Digitalisierung, immer weitere Beschleunigung, stetige Leistungssteigerung, obwohl oft schon jenseits der eigenen Leistungsgrenzen gearbeitet wird.

Hier braucht es einen Gegenpol, der auch mal die Bremse reinhaut und Übertreibungen verhindert. Zum Wohle der Mitarbeiter*innen. Denn sie und NUR sie vertrete ich als Betriebsrat.

 

Handicap und zu viel Zeit

Dieser Text wird kürzer als gewöhnlich, denn im Moment doktore ich noch an einem Arbeitsunfall auf der Heimfahrt mit dem Rad herum, bei dem ich mir das Radiusköpfchen oder allgemeiner gesagt, den Ellenbogen gebrochen habe. Gott sei Dank nicht kompliziert, aber es hindert sehr im Alltag, so dass ich noch eine Weile krank geschrieben und ans Haus gebunden bin. Außer Spaziergängen geht nicht viel. Und mit einer Hand agierenist sehr, sehr mühsam.

Das ist gleichzeitig Segen und Fluch. So kann mein Ellenbogen in Ruhe verheilen aber ich bin wieder sehr auf mich zurückgeworfen, mit allem an Sorgen und Ängsten, die sich meist dann zeigen, wenn man zu viel Zeit zum Nachgrübeln hat.

Zumal bei Sibylle auch noch Ende des Jahres eine Mammographie nicht eindeutig war, was für mich einer Katastrophe gleich kam denn mein traumatisiertes Hirn konnte ab diesem Moment nur noch das Schlimmste annehmen. Gott sei Dank waren diese Sorgen unbegründet, aber hey, ich bin schließlich Dramaqueenprofi.

2023 wird wieder der Versuch werden, mein Denken zu entraumatisieren. Es muss sich aber erst mal zeigen, wie sich dieses auf mich zurückgeworfen sein auf mich auswirkt.

Und eigentlich habe ich keinen Grund für Sorgen, aber Gedanken sind nicht wie Schalter, die man einfach umlegen kann und positiv denken. Es ist ein Prozess, den ich um ehrlich zu sein schon immer führte aber verstärkt durch das zweite Leben, das mir von meiner Frau geschenkt wurde, als sie mir wortwörtlich das Leben gerettet hat.

Ich versuche mich an Nightbirdes Motto zu halten:

„You Can’t Wait Until Life Isn’t Hard Anymore Before You Decide to be Happy“

 

Wer mehr zu der Geschichte um Nightbirde wissen will, folgendes Video war der Beginn ihrer öffentlichen Geschichte und berührt mich noch heute extrem.

Drückt mir die Daumen, dass mein Ellenbogen bald ganz verheilt ist und mein Heilungsweg auch mental 2023 einen großen Schritt weiter kommt. Nur weil man seine Depression, seine Ängste kennt, ist noch lange nicht gesagt, dass man sie im Griff hat, geschweige denn keine Tiefen mehr erlebt. Nur der Weg nach draußen ist jetzt besser beleuchtet.

 

 

Sprachlos in die Angst

 

Therapien, Kliniken, Reha und dennoch ist sie nach wie vor da, meine Angststörung und auch die Depression. Und manchmal kommt sie unerwartet irrational, ja nicht mit Worten beschreibbar daher.

2015 war ich froh, dem Kind seine Namen geben zu können. Eine Krankheit, keine Charakterschwäche, etwas, wogegen ich angehen kann. Mittlerweile habe ich mich damit arrangiert, dass ich sie nicht loswerde. Eindämmen, ja, das geht mittlerweile recht gut. Aber sie kommt immer wieder, insbesondere die Angst. Eine Gefährtin, die man als Mann ja eigentlich nicht zugibt………

Bullshit, natürlich hat auch Mann Angst. Die Frage ist nur, bin ich mutig genug, darüber zu sprechen?

Ich habe darüber gesprochen, auf der Bühne, vor vielen Menschen, im Fernsehen, im Radio, in der Zeitung und dennoch, manchmal überkommt sie einen, so schnell, so heftig, dass man einfach sprachlos ist. Sprachlos auch deshalb, weil ich in all den Therapien gelernt habe, womit ich es zu tun habe und wie ich damit umgehen sollte. Aber wie ich in der letzten Reha schmerzlich erkennen musste, sie wird weiterhin Macht über mich haben. Ich weiß viel und letztlich hilft es manchmal einfach rein gar nicht.

Dann kreisen die Gedanken, bauen irrationale Gefahren auf, reißen meinen Schutzwall mit einem Handstreich nieder.

Ich weiß, ich werde da wieder rauskommen, aber der Moment schmerzt, die Hilflosigkeit, die Sprachlosigkeit, weil man doch niemandem erklären kann, worum es geht, warum man fühlt wie man fühlt, warum auch die irrationalste Angst in einer Phase sehr real und plausibel erscheint.

Ich bin dankbar für alle, die mich begleiten auf meinem Angstpfad, die mir die Hand reichen und mich nicht alleine lassen, wenn es mal nicht so gut geht.

Danke dafür, insbesondere auch an dich Sibylle, meine Partnerin und Lebensretterin. Du bist jeden Kampf gegen meine Angst und Depression wert.

Und meine Leser*innen, Follower*innen, die mir wertvoll sind,  verständnisvoll und Begleiter wie selbst Betroffene. Ein Netzwerk, das mich auffängt, den Sturz nicht ganz so tief werden lässt.

Die Angst macht sprachlos, aber sie macht auch dankbar für all die Hilfe und Unterstützung, die zwar den Weg durch den Tunnel nicht leichter macht, aber weniger sprachlos, weniger hoffnungslos, weniger hilflos und die immer wieder beweißt, nein, kein Zug am Ende des Tunnels.

Danke

P.S.: Es geht mir im Moment sehr gut aber ich weiß, das wird auch wieder anders. Aber hey, wer hat gesagt, dass es leicht ist?

Das Schlimmste und die Realität

Eine Gabe, die ich oh so gerne verlieren würde, ist mein Erwarten des Schlimmsten.

Vielleicht liegt es daran, dass ich als Kind und Jugendlicher „Das Schlimmste“ all zu oft als gegebene Realität erlebt habe. Meine Depression und insbesondere die Angststörung sind da ebenso wenig hilfreich.

Immer, wenn ich etwas neues angehen will, etwas kaufe, tue oder erlebe, gehe ich grundsätzlich vom Schlimmstmöglichen aus. Vor allem, wenn ein Teil dieses Ereignisses aus warten besteht.

Situationen, die mit Sätzen wie „wir müssen auf das Ergebnis warten“, „das kann etwas dauern“ oder „wir bestellen das“ beginnen, sind für mich Situationen, die ich wenn möglich vermeide. Kann ich etwas nicht ganz optimal aber sofort haben, erledigen oder erleben, wähle ich die schnellere aber in meinem subjektiven Erleben schneller Variante.

Das „Jetzt“ gewinnt vor dem „Später“, das „Später vor dem „Morgen“, das „Morgen“ vor dem „nächste Woche“ und was danach folgt, hat eigentlich immer verloren.

Denn meine Angst ist sehr gut darin, mir Versagen, Enttäuschung oder nicht erreichen eines Ziels ,Wunsches oder Ereignisses vorzugaukeln.

Vermutlich habe ich zu oft erlebt, dass etwas nicht zustande kam, weil ich drauf warten sollte, nicht die Kontrolle über den Ablauf hatte oder schlicht mein Vertrauen nachhaltig enttäuscht wurde. Noch immer meide ich, oft auch aus mangelndem Vertrauen in die Aussagen anderer und leider werde ich für mein Gefühl noch viel zu oft in dem Misstrauen bestärkt.

Gleichzeitig kreisen dann aber meine Gedanken unablässig um das Erwartete oder Erwünschte. Ein Teufelskreis, aus dem ich nur schwer, meist durch etwas massiv ablenkendes komme. Als unsere Wasserzuleitung zum Haus saniert werden sollte, war das wie ein Karussell immer wieder da in meinen Gedanken, nervend, unnötig aber auch nicht stoppbar. Heute verstehe ich, dass es nichts an der Situation ändert und ich bei manchem schlicht Geduld haben muss. Aber dann kommen die Erinnerungen, die Enttäuschungen, die Lügen zurück in mein Gedächtnis und der Kreislauf der Gedanken geht wieder los.

Es wird wohl noch länger dauern, bis ich etwas angehen und dann nicht mehr drüber permanent nachdenken muss, auch wenn ich damit nichts ändere.

Wie singt Baz Luhrmann in seinem Song “ Everybody’s free — to wear sunscreen.“

„Don’t worry about the future or worry, but know that worrying is as effective as trying to solve an algebra equation by chewing bubble gum“

Warum „du bist doch nicht normal“ was Gutes ist

 

Klar bin ich nicht normal. 1.93 groß, Linkshänder, depressiv, liebt klassische Musik aber interessiert sich null für „Saufen gehen unter Männern“ was meine Alterskohorte zumindest in meinem Umfeld nach wie vor zelebriert. Mag kein Fußball, schaut kein TV mehr. Ich könnte ganz schön lange so weiter machen.

Vor meinen Therapien, vor jenem Tag vor mittlerweile 7 Jahren hab ich mir oft gewünscht, so zu sein, wie die anderen. Aber immer, wenn ich versucht hab, mich da einzufügen, ging das grandios schief oder machte so gar keinen Spaß, dass ich es meist schnellstens wieder gelassen hab.

„Irre, wir behandeln die Falschen“ von Dr. Lück war ein Augenöffner. Viel mehr aber die ganzen Therapien in den Kliniken, mit meinen Verhaltenstherapeuten und in die wunderbaren Gespräche mit meinen „Mitbekloppten“. Nein „In der Klapse sind die normalen Menschen, die mit dem Wahnsinn da draußen nicht mehr fertig werden. “ hab ich damals getwittert und das ist zu meinem meistkolportierten Tweet geworden. Weil es einfach stimmt. Trump, Putin, Showstars, Politiker alle gelten als völlig normal. Und Millionen von Menschen folgen ihnen, halten all die Lügen für richtig. Trump lügt, wenn er den Mund aufmacht, aber wie will man Lügner therapieren, wenn sie doch offensichtlich gesellschaftlich akzeptiert sin? Man kann ja nur behandeln, was gesellschaftlich nicht für normal gehalten wird. Bzw. so denken viele, die uns „Bekloppte“ als gefährlich, zumindest aber merkwürdig ansehen. Dabei ist oft die merkwürdigste Gestalt, die morgens im Spiegel. An der heutigen Gesellschaft nicht zu verzweifeln ist schon fast in sich pathologisch.

Wir vernichten sehenden Auges den Planeten, der unser einziges Zuhause ist und der Politik fällt nichts besseres ein, als mehr vom gleichen Mist. Und das sollen wir dann für normal, für logisch halten, dabei ist es doch nur noch irre.

Es kann so nicht weitergehen und vielleicht steckt die Lösung eben nicht in der Normalität, vielleicht müssen wir „Anders seienden“ mal lauter werden, um die Normalen auf ihren legalen Wahnsinn hinzuweisen.

Auf die Idiotie des Sparens bis alles kaputt ist, auf Empfehlungen, man solle doch mit Holzpellets heizen, die für die Umwelt eben nicht eine gute Alternative sondern ebenso schädlich sind, wie z.B. Kohle und Öl.

Ich würde aus „Irre, wir behandeln die Falschen“ weitergehend. „Irre, wir hören auf die Falschen“ machen.

Der Wahnsinn ist da draußen. Und dass ich eben anders bin, ist für mich mittlerweile kein Makel mehr, sondern Rettung vor dem Wahnsinn, den andere für vernünftig und richtig halten. Übrigens halte ich die Arbeitswelt nach wie vor für einen Kindergarten für Erwachsene (auch wenn ich dafür einen der berühmten Drohbriefe bekommen habe), denn solange ich jemanden über mir habe, der bestimmt, wie ich mich zu verhalten habe, wie ich meine Arbeit erledigen soll, ist das eine ähnliche Machtposition wie in Kindergarten und oft auch noch in der Schule. Wir sind Erwachsene, die in der Regel wie ungehorsame Kinder behandelt. Ärgerlich nur, dass dank Corona nicht nur ans Licht kam, das in etwa 75 Prozent durchaus mit Freude von unterwegs oder zuhause arbeiten, statt in einem lauten, anonymen und stressigen Großraumbüro unter Dauerbeobachtung. Noch ärgerlicher war wohl nur, dass es in den allermeisten Fällen auch noch funktionierte und der Laden weiterlief, als gäbe es weder Corona noch Home Office.

Fazit:

Genau genommen habe ich in den Kliniken nicht gelernt, mein „anders sein“ abzulegen, sondern den Wahnsinn besser verkraften zu können.