Das Unfallparadoxon

Im letzen Blogbeitrag habe ich ja berichtet, dass sich meine Haltung durch den Unfall und den Klinikaufenthalt sehr verändert. Nun nähert sich langsam der Termin, an dem ich wieder arbeiten gehen könnte und schon steigt die altbekannte Panik in mir auf. Ich kann sie zwar eindämmen, ärgere mich aber über mich selbst, dass so einfach die Kontrolle über meine Emotionen wieder verloren gehen kann. Resilienz sieht anders aus.

Jetzt stellt sich mir die Frage, was passiert hier gerade? Warum ich so viel gelassener in der Klinik und die ersten Wochen zuhause war, hängt sicher mit dem Unfall an sich und dessen Schwere zusammen. Es hätte durchaus sehr viel schlimmer ausgehen können. Der Bruch war schmerzhaft und der zweiwöchige Aufenthalt im Krankenhaus ein heftiger Einschnitt.  Meine Gedanken kreisten um Themen rund um den Unfall. Es ging eigentlich immer Tag für Tag und wenn es etwas zu erledigen kalt, war ich froh, wenns gemacht war und verschwendete keinen Gedanken mehr daran. Bis etwa vor zwei Wochen.

Da wurde mir wohl bewußt, dass die „freie Zeit“ der Heilung bald zu Ende sein würde. Dass ich dann überhaupt nicht wusste, wie es weitergehen würde und alle Fragen Richtung Arzt, Fachleute, Arbeitgeber mit den Worten „warten wir erst mal den Arzttermin ab“ endeten.

Das war natürlich nicht gut für mein Mindset. Sofort kickte wieder die Angst und Depression. Zudem ging mir dann eine wichtige App flöten, so dass ich eine neue Freschaltung anfordern musste (Banking) und auch hier natürlich wieder viele was wäre wenn Gedanken. Das Kribbeln der Panik, die Gedankenkreise, alles wieder da. Nicht ganz so stark wie früher aber störend.

Im Moment versuche ich, das Ganze über rationale Gedanken, Ablenkung und eben auch das Schreiben auf Social Media und hier wieder einzudämmen. Aktuell lassen mich die kreisenden Gedanken in Ruhe, aber ich habe gemerkt wie brüchig der Friede mit meiner Angsttörung und der Depression ist. Es bleibt ein Kampf, der nur in ganz kleinen Schritten oder durch lebensbedrohliches oder zumindest einschneidendes an Ereignissen kurz stillgelegt wird. Also heißt es weiter kämpfen, resilienter werden, im jetzt zu leben versuchen, denn weder Vergangenheit noch Zukunft können wir direkt beeinflußen. Es küt wie es küt sagt der Kölner so schön. Ja, aber… sagt mein terrorisierter Verstand…

Warum „Ruh dich mal aus“ manchmal ein Problem ist

Wenn ich meinem Umfeld signalisiere, dass es mir mal wieder nicht so gut geht, weil der schwarze Hund halt nie ganz auszieht, höre ich hin und wieder auch den Ratschlag „Ruh dich doch mal aus“. Nette Idee, kommt für mich gleich nach „geh doch mal in die Sonne“ oder „lach doch mal wieder“. Die Ruhe ist manchmal die lauteste Form einer Depression oder Angststörung.

Zu viel Zeit zum Nachdenken bedeutet, die Gedankenspiralen, die Ängste und Sorgen werden wieder lauter. Was könnte mit dem Haus alles passieren? Wie werden die Kinder weitermachen? Werden sie ale erfolgreich oder was viel viel wichtiger ist, werden sie alle glücklich sein. Was haben meine verdammte Krankheit und ich ihnen an Ballast mitgegeben? War da vielleicht auch irgendwas gutes dabei?

Früher war meine Taktik oft, mein Gadgethobby auszuleben, weil das zumindest je Gadget für ein paar Wochen Abwechslung brachte. Meine Kinder nennen mich oft scherzhaft die lebende Wikipedia. Liegt am gleichen Grund.  Immer wenn die Gedanken zu dunkel wurden, versuchte ich mich dammit abzulenken, etwas neues zu lernen. Astronomie, Aikido, Malerei, Literatur, Künstliche Intelligenz (auch das zu studieren lenkte schon von dunklen Gedanken ab) Psychologie, Biologie, Pflanzenkunde,Liebe (machen), das könnte ich noch ewig so weiter machen.

Irgendwann gehen aber die Themen aus, irgendwann fällt man dann doch auf sich zurück und wenn es dann still ist, dann wirds kritisch. Ich höre gerne Musik und viel. Aber eben auch, weil ich die Stille nicht ertrage, weil das Alleine sein bei mir in diese Dunkelheit geführt hat.

In der Schule war ich der Außenseiter, den alle gemobbt haben, zumindest bis ich der erste mit einer Freundin war und in eine Klasse gewechselt hab, in der die Außenseiter das neue Normal waren.

Ich habe gelernt, dass alleine sein einerseits ein mir lange Zeit sehr vertrauter Zustand war, andererseits mich in vieles reingeritten hat. Sehnsucht nach Anerkennung gepaart mit einer enormen Angst, zu enttäuschen, etwas falsch zu machen, können einen zum begnadeten Liebhaber machen ebenso wie zum extrem harmoniebedürftigen Partner, der jeden Konflikt scheut.  Man entscheidet mit dieser „Erblast“ vieles nach dem Risiko, enttäsuscht zu werden, vertraut selten und eigentlich nie ganz.

Sibylle hat etwas geschafft, was sonst niemand in meinem Leben erreicht hat. Bei ihr sind alle Schutzmauern des Misstrauens gefallen. Das war das große Glück im damaligen lebensbedrohlichen Unglück.

Dennoch, Ruhe haben mag anderen gut tun. Für mich ist es all zu oft eher eine Gefahr als die Lösung.

Lasst mir meine Ruhe ist nicht unbedingt ein Wunsch, den ich oft ernst meine.

Nie genug

Vor dem Aufenthalt in mehreren Psychiatrien nach „dem Ereignis“  sah ich mich immer als nicht genug, nicht gut genug, nett genug, strebsam genug, intelligent genug. Da half es auch nicht, bei vielen dieser Punkte von meinem Umfeld das Gegenteil zu hören, Beziehungen aufzubauen, geliebt zu werden oder einen Hochschulabschluss zu erreichen und in der Forschung tätig zu sein.

Man nennt es das Vortäuscher Syndrom und das hätte mich fast das Leben gekostet. Weil ich als Kind nie wirklich gewollt oder geliebt wurde. Irgendwann fand ich mich damit ab und suchte Bestätigung und Zuneigung in dem, was ich tat. Und das musste immer besonders sein und darin wollte ich es zu Perfektion bringen. Meine Leidenschaft für Computer und Programmierung ließ mich ganze Nächte wach bleiben. Dennoch waren die Erfolge daraus (ein Preis für das beste Spiel und eine weitere noch größere Veröffentlichung in einer Computerzeitung) für mich stets glückliche Zufälle und nichts, was mich nachhaltig resilienter machte. Ich war in meinen Augen nie gut genug, wohl, weil ich das in den Augen vor allem meiner Mutter nie war. Alles, was ich an gutem im Kontakt mit anderen Menschen erlebte, wurde schlecht gemacht oder gar verboten.

Exemplarisch nur kurz die „Drucker“ Geschichte. Nachdem ich einen Preis für ein selbstgeschriebenes Spiel bekommen hatte, wollte ein guter Freund das auch versuchen. Allerdings mussten damals Computerprogramme noch auf Papier gedruckt zu den Zeitschriften gesendet werden. Ich hatte einen Drucker, er noch keinen. Also bot ich ihm an, sein Programm bei mir zu drucken.

Das klappte auch, aber meine Mutter bekam Wind davon und behauptete felsenfest, er habe mir ein Programm gestohlen und es als seines ausgegeben. Ich würde also lügen, als ich ihn verteidigte. Und das wurde zum Motto, entweder ich dachte oder handelte wie meine Mutter es wünschte oder ich war ein Lügner oder Versager.

Wer behauptet, man könne niemanden vollständig hassen, der kannte meine Mutter rnicht.

Dadurch wurde ich zum Perfektionisten, zum Kontrollfreak, weil etwas, sobald meine Mutter es in die Hand nahm, kaputt war, oder vorbei. Und dieses Muster zog sich durch den Rest meines Lebens. Niemals genug sein, niemals jemanden gänzlich vertrauen.

Bis heute gibt es nur einen Menschen, der ich vollständig vertraue und das ist meine Frau Sibylle. Aber es musste erst fast tödlich enden, bevor dieses Vertrauen entstand. Denn sie hielt in der dunkelsten Zeit meines Lebens zu mir und hat mir wortwörtlich das Leben gerettet.

Als dann das Buch entstanden ist, ich zu Vorträgen eingeladen und mit positivem Feedback konfrontiert wurde, in TV Sendungen auftreten durfte, erst dann wurden ein paar der weit offenen Wunden ein wenig geheilt. Ich bin noch weit davon entfernt, wirklich mit mir im Reinen zu sein. Aber einiges kann ich heute akzeptieren oder sogar als selbst erreichten Erfolg werten.

Aber noch bin ich weit von dem entfernt, was Frieden mit sich selbst oder Resillienz angeht. Was anders ist, ich kenne meine Dämonen und kann versuchen, gegen sie vorzugehen. Gelingt immer öfter aber gefühlt noch nicht oft genug. Und die Angst, dass irgendwas schreckliches passiert (was sich früher meist „Mutter“ nannte), wird weniger, aber sie ist manchmal noch bedrohlich dominant da. Auch das etwas, dass ich mir lange Jahre und viele Konflikte mit meiner Mutter lang angeeignet habe und was nun sehr schwer loszuwerden ist. Auch das will ich vollständig eliminieren.

Verdammt, schon wieder der Perfektionist.

Ein Wort zum Abschluss: Wer glaubt, andere Menschen mobben oder niedermachen zu dürfen, dem sei gesagt, es kann passieren, dass man dann ein Menschenleben auf dem Gewissen hat. Auf jeden Fall ist man aber ein ganz großes Ar…..ch und was ich solchen Menschen wünsche, ist besser nicht hier niedergeschrieben.

Und nochmal. Wer sagt, man könne keinen Menschen so vollständig hassen. Doch, geht. Auf die Frage meines Therapeuten nach dem Verhältnis zu meiner Mutter heute war meine Antwort „Gut, sie ist tot.“ Und das war nicht sarkastisch gemeint.

Und wer meine Geschichte im bewegten Bild kennenlernen will, es gibt nach wie vor Mitschnitte der Sendung unter anderem hier:

Das Buch gibt es leider nur noch gebraucht oder als eBook aber da ja Elon der Schreckliche Twitter eh getötet hat, passt meine Geschichte auch nicht mehr ganz in die aktuelle Zeit.
Wer trotzdem Interesse hat, es ist als eBook noch überall zu haben.

Handicap und zu viel Zeit

Dieser Text wird kürzer als gewöhnlich, denn im Moment doktore ich noch an einem Arbeitsunfall auf der Heimfahrt mit dem Rad herum, bei dem ich mir das Radiusköpfchen oder allgemeiner gesagt, den Ellenbogen gebrochen habe. Gott sei Dank nicht kompliziert, aber es hindert sehr im Alltag, so dass ich noch eine Weile krank geschrieben und ans Haus gebunden bin. Außer Spaziergängen geht nicht viel. Und mit einer Hand agierenist sehr, sehr mühsam.

Das ist gleichzeitig Segen und Fluch. So kann mein Ellenbogen in Ruhe verheilen aber ich bin wieder sehr auf mich zurückgeworfen, mit allem an Sorgen und Ängsten, die sich meist dann zeigen, wenn man zu viel Zeit zum Nachgrübeln hat.

Zumal bei Sibylle auch noch Ende des Jahres eine Mammographie nicht eindeutig war, was für mich einer Katastrophe gleich kam denn mein traumatisiertes Hirn konnte ab diesem Moment nur noch das Schlimmste annehmen. Gott sei Dank waren diese Sorgen unbegründet, aber hey, ich bin schließlich Dramaqueenprofi.

2023 wird wieder der Versuch werden, mein Denken zu entraumatisieren. Es muss sich aber erst mal zeigen, wie sich dieses auf mich zurückgeworfen sein auf mich auswirkt.

Und eigentlich habe ich keinen Grund für Sorgen, aber Gedanken sind nicht wie Schalter, die man einfach umlegen kann und positiv denken. Es ist ein Prozess, den ich um ehrlich zu sein schon immer führte aber verstärkt durch das zweite Leben, das mir von meiner Frau geschenkt wurde, als sie mir wortwörtlich das Leben gerettet hat.

Ich versuche mich an Nightbirdes Motto zu halten:

„You Can’t Wait Until Life Isn’t Hard Anymore Before You Decide to be Happy“

 

Wer mehr zu der Geschichte um Nightbirde wissen will, folgendes Video war der Beginn ihrer öffentlichen Geschichte und berührt mich noch heute extrem.

Drückt mir die Daumen, dass mein Ellenbogen bald ganz verheilt ist und mein Heilungsweg auch mental 2023 einen großen Schritt weiter kommt. Nur weil man seine Depression, seine Ängste kennt, ist noch lange nicht gesagt, dass man sie im Griff hat, geschweige denn keine Tiefen mehr erlebt. Nur der Weg nach draußen ist jetzt besser beleuchtet.

 

 

Das Schlimmste und die Realität

Eine Gabe, die ich oh so gerne verlieren würde, ist mein Erwarten des Schlimmsten.

Vielleicht liegt es daran, dass ich als Kind und Jugendlicher „Das Schlimmste“ all zu oft als gegebene Realität erlebt habe. Meine Depression und insbesondere die Angststörung sind da ebenso wenig hilfreich.

Immer, wenn ich etwas neues angehen will, etwas kaufe, tue oder erlebe, gehe ich grundsätzlich vom Schlimmstmöglichen aus. Vor allem, wenn ein Teil dieses Ereignisses aus warten besteht.

Situationen, die mit Sätzen wie „wir müssen auf das Ergebnis warten“, „das kann etwas dauern“ oder „wir bestellen das“ beginnen, sind für mich Situationen, die ich wenn möglich vermeide. Kann ich etwas nicht ganz optimal aber sofort haben, erledigen oder erleben, wähle ich die schnellere aber in meinem subjektiven Erleben schneller Variante.

Das „Jetzt“ gewinnt vor dem „Später“, das „Später vor dem „Morgen“, das „Morgen“ vor dem „nächste Woche“ und was danach folgt, hat eigentlich immer verloren.

Denn meine Angst ist sehr gut darin, mir Versagen, Enttäuschung oder nicht erreichen eines Ziels ,Wunsches oder Ereignisses vorzugaukeln.

Vermutlich habe ich zu oft erlebt, dass etwas nicht zustande kam, weil ich drauf warten sollte, nicht die Kontrolle über den Ablauf hatte oder schlicht mein Vertrauen nachhaltig enttäuscht wurde. Noch immer meide ich, oft auch aus mangelndem Vertrauen in die Aussagen anderer und leider werde ich für mein Gefühl noch viel zu oft in dem Misstrauen bestärkt.

Gleichzeitig kreisen dann aber meine Gedanken unablässig um das Erwartete oder Erwünschte. Ein Teufelskreis, aus dem ich nur schwer, meist durch etwas massiv ablenkendes komme. Als unsere Wasserzuleitung zum Haus saniert werden sollte, war das wie ein Karussell immer wieder da in meinen Gedanken, nervend, unnötig aber auch nicht stoppbar. Heute verstehe ich, dass es nichts an der Situation ändert und ich bei manchem schlicht Geduld haben muss. Aber dann kommen die Erinnerungen, die Enttäuschungen, die Lügen zurück in mein Gedächtnis und der Kreislauf der Gedanken geht wieder los.

Es wird wohl noch länger dauern, bis ich etwas angehen und dann nicht mehr drüber permanent nachdenken muss, auch wenn ich damit nichts ändere.

Wie singt Baz Luhrmann in seinem Song “ Everybody’s free — to wear sunscreen.“

„Don’t worry about the future or worry, but know that worrying is as effective as trying to solve an algebra equation by chewing bubble gum“

Das Wissen, das Leben und die Angst

Ich war sechs Wochen in Reha. Und abschließend wurde mir bescheinigt, doch all meine Mechanismen sehr gut zu durchschauen. Das mag stimmen. Aber das Problem ist die Umsetzung, die Realität, die vielen Trigger.

Natürlich weiß ich, wie wenig ich kontrollieren kann, was heute, was Morgen, was in drei Monaten passieren mag. Aber es gibt immer Dinge, die man zu Tode denken kann. Es kann was kaputt gehen, was zu viel kostet. Krankheiten, Unfälle, es gibt ein ganzes Portfolio von Themen, die sich Leben nennen und die dich mit einer Angststörung wie eine Lawine überrollen können.

Und da hilft leider kein noch so guter Ratschlag oder das Bewußt machen, dass wir eh nicht kontrollieren können, wie unser Leben verläuft, sondern maximal Richtungen einschlagen, Pfade wählen.

Jeden Tag ist es aufs neue ein Kampf gegen die Panik, gegen die Ängste und das zermürbt. Wenn ich nicht mein Umfeld hätte, meine Stützen, dann würde vermutlich viel häufiger ein Aufenthalt in der Klinik nötig. Aber mein Fangnetz ist gerade in Zeiten von Corona sehr dünn. Manchmal bedrohlich dünn.

Dann hilft es nichts, dann muss ich die Notbremse ziehen, meinen Arzt konsultieren und ggf. eine Auszeit nehmen. Aber schon das macht Angst, weil man ja nicht so leistungsfähig ist, wie man das gerne hätte.

Wenn ich eine Sache gelernt habe in den Kliniken, dann ist es Selbstfürsorge. Nur wie man das gegenüber der eigenen Angst umsetzt. Da fehlt es noch ganz gewaltig.

Das Problem vor allem, es gibt immer ein Szenario, das tatsächlich passieren kann. Und dann hört die Angst nicht auf, zu bohren. Statt Zuversicht gibt es da dann nur Panik und Angst. Und mit meiner Familiengeschichte gehört das Erlernen von Zuversicht, Selbstvertrauen und der Glaube an die eigene Selbstwirksamkeit einfach nicht zu meinen erlernten Talenten. Das muss ich meist in anstrengenden Gesprächen, üblen Tagen und auch unter der einen oder anderen Träne erarbeiten.

Was sich aber definitiv durch die Kliniken gebessert hat und was mir hilft: Ich habe das Ganze als eine Krankheit, meine Krankheit angenommen und weiß, es ist kein unabdingbares Faktum, immer mit Angst und Panik zu leben.

Das lässt mich weiter kämpfen und auf Besserung hoffen.

Meine Depression hat einen sehr schrägen Humor

Und meist ist die einzige, die darüber lachen kann meine Angststörung. Die beiden sind Kumpels, best friends, buddies, mein persönlicher Dr. Jekyll und Mister Hyde. Nur dass es meist eher der Hulk ist, den sie gemeinsam verkörpern.

Seit 2016, als ich endlich aus der Psychiatrie entlassen wurde und mich selbst wieder unter den „normalen Verrückten“ zu bewegen begann, ließen mich die beiden weitestgehend in Ruhe. Gut, vor jedem Auftritt streckte meine Angst ihren gehässigen, viel zu kleinen und genau genommen potthässlichen Kopf durch die Garderobentür um mir „nur das Schlechteste, totales Versagen oder ein gelangweiltes Publikum“ zu wünschen. Aber jedes Mal konnte ich sie bei der Rückkehr in die Garderobe auslachen, musste sie und meine Depression zugeben, dass ihre Macht mir gegenüber doch geschrumpft war. So nahm ich zumindest an. Aber auch das war nur ihr gehässiger, schwarzer, gemeiner und schräger Humor. Vor den Kliniken waren die beiden immer Teil meines Theaterstücks „Der Uwe und seine Psyche“. Aber damals saßen sie in den hinteren Reihen, versteckt, im Dunkeln, bereit zuzuschlagen, wenn ich es am wenigsten erwartete und dann kichernd und feixend wieder ins Dunkel der hinteren Ränge zu verschwinden, von wo aus sie schon den nächsten Coup planten, während ich noch vom letzten bösen Streich wieder aufzustehen versuchte.

In den Kliniken hab ich die beiden in die erste Reihe gezerrt. Angebunden, Knebel im Mund, die hellsten Theaterstrahler auf die beiden, die es in meinem Lebenstheater gibt.

Aber ich möchte verflucht sein, hie und da gelingt es den beiden doch wieder, mir einen Streich zu spielen.

Ein Beispiel gefällig? Gut, möge die Tragikcomedy beginnen.

Etwa vor einem Monat war es. Eigentlich alles gut, ich etwas gelangweilt, weil es keine Lesungen, keine Auftritte, kein Interview gab, das mich von der Alltagsroutine hätte ablenken können. Da hätte ich es ahnen können, dass die beiden die Routine, die Langeweile zu ihren Gunsten nutzen würden. Ich prüfte, wie fast jeden Tag meine Kontobuchungen, ja, Kontrollfreak kann ich.

Das bei meinem Konto vor allem das Minuszeichen auf jedem Bildschirm tiefe Brandspuren hinterließ, ja, kenn ich, jedes Mal, wenn ich das reparieren ließ, wars irgendwann wieder da. Geschenkt, meine Bank ist glücklich.

Da fielen mie drei mal 81 Euro auf, die von meiner Kreditkarte gebucht worden waren.  Eigentlich banal, eigentlich einfach zu handhaben, eigentlich kein Problem für mich. Eigentlich. Auftritt, Angst und Depression.

Irgendwie musste sich da die Angststörung befreit haben, denn ich hörte noch ein hämisches „Haben wir dich“, als ich einen Tritt gegen mein Nervenkostüm bekam. Stand ich gerade noch oben und blickte ins Tal meiner schwarzen, depressiven Stimmungen, war ich schon auf dem Abflug Richtung Dunkelheit und konnte im Fallen noch das hämische Grinsen meiner Angst sehen. Von unten rief dann auch schon die Depression:“Na? Komm zu Mami! (Mami ist meiner persönlichen Geschichte geschuldet und soll hier bitte nicht als Wertung eines Geschlechts oder einer familiären Berufsgruppe gelten)

Der Aufschlag war hart und meine Freude, meine Stabilität, meine Schutzmechanismen gegen meine beiden Schultersitzteufelchen  zerbarsten mit dem Aufschlag in tausend kleine emotionale Fragmente.

Es würde wieder Zeit brauchen, das zu kleben, mir eine Strickleiter oder ein Seil zu besorgen und mich wieder aus dem Tal nach oben zu arbeiten aber hey, war ja nicht das erste Mal. Mir gelang es irgendwie den Kreditkartenbetrug zu klären, sogar ne Anzeige bei der Polizei schaffte ich aufzugeben, obwohl ich eigentlich nur Ruhe wollte, nichts hören oder sehen. Gegen Ende der Woche schien auch alles gut zu sein. Aber Sonntag Abend beschloss wohl mein Kumpel Depression: „Nope, so leicht machen wirs dir nicht, du hast uns schon viel zu lange weggeschlossen.“  Panikattacken, Angst, Depressive Gedanken. Wie entlassen aus Pandoras Büchse waren sie alle wieder da, als ich gerade die oberste Stufe meiner Depressionstalentkommstrickleiter erreichte und mit einem hämischen Lachen schnitten sie den Knoten durch, der mich gerettet hätte, gerade als wollten sie einen neuen Abwärtsweg eröffnen, den sie frisch für mich gebaut hatten.

Mein Arzt kennt nun Gott sei Dank die Beiden zumindest von Erzählungen. So verschrieb er mir eine stabilere Leiter und mehr Zeit für deren Zusammenbau. Nach drei Wochen ging es mir wieder so weit gut, dass ich nicht nur meinem Umfeld beständig versichern konnte: „Nein, alles gut.“ ohne dabei zu lügen, ich glaubte es mir sogar selbst langsam wieder.

Im Moment sitzen die beiden wieder in der ersten Reihe. Hab die Fesseln verstärkt und das Pflaster über den Mündern ist Ducttape gewichen. Aber ich weiß, irgendwann schaffen es die beiden wieder, sich da raus zu tricksen. Den nötigen schrägen Humor und die Fantasie haben sie ja. Bin nur gespannt, wie sie mich dann überrumpeln werden.

Ihr fehlt mir

Mein Home Office. Nein ich arbeite nicht bei NASA, ESA oder DLR, obwohl das schon was wäre. Aber daheim kann man es einfach persönlicher gestalten. Auch das hilft

Es war letzte Woche Donnerstag. Sie war plötzlich wieder da, die Angst, die Panik. Aber anders als sonst, weil unbestimmt. Beruflich lief es gerade sehr gut, Home Office war und ist für mich eine Offenbarung. Ich persönlich, und das bitte ich auf keinen Fall zu verallgemeinern, ich also genieße es geradezu, ungestörter, konzentrierter, effektiver wie effizienter arbeiten zu können. Zudem nicht jeden Tag eine Stunde nur mit Fahrt zur Arbeit und zurück zu vergeuden für eine Tätigkeit, für die es nur eines Telefons bedarf.

Warum war sie also wieder da? Auch mein Hausarzt sah wohl die Panik in meinen Augen; ein neues, ein zerstörerisches Feuer, denn er hat mich noch die ganze Woche krank geschrieben. Langsam stabilisiert sich alles, langsam tauchen auch die Ursachen auf, wie Luftblasen an der Oberfläche eines Teichs.


Wer ihre Geschichte kennt, weiß, warum mich dieses Video ganz besonders berührt.

Ihr seid es, ihr fehlt mir. Meine LeserInnen, meine Auftritte, die Gespräche danach, die Aufklärungsarbeit. Es war einfach zu eintönig geworden. Da ich ja auch zu einer Risikogruppe gehöre, hatte ich keinerlei Interesse, wieder ins Büro oder nach draußen zu gehen. Aber leider sind eben auch so gut wie alle Auftritte für dieses Jahr abgesagt. Und sagte ich schon, dass ihr mir fehlt?
Die Planung der Auftritte, die Reisen, der Austausch, das schafft eine Videolesung eben nur sehr eingeschränkt. Zudem reicht es da, wenn ich mich zu gegebener Zeit vor die Kamera meines Notebooks setze. Es hat so lange gedauert, weil wohl das Erlebnis Home Office eine ganze Zeit lang ablenken konnte. Aber letztlich ist es gefühlt das Gleiche, daheim oder im Büro. Nur daheim mit weniger Ablenkung. Und da ich eh schon immer Smalltalk gehasst habe, fehlt mir auch nichts, brauche ich keinen Büroplausch.
Die Gespräche mit euch, von Angesicht zu Angesicht. Sie fehlten mir. Das beständig Reflektieren müssen, ob ich auch das lebe, was ich „predige“. Home Office werde ich weiter machen, so lange es geht, einfach, weil es mir gut tut, ich mehr erledigt bekomme und entspannter arbeite.

Aber jetzt haben wir ein „Den Uwe beschäftigen“ Programm begonnen. Ich muss wohl doch, natürlich mit Abstand und Maske, hin und wieder was unternehmen. Jetzt gibt es regelmäßige Spaziergänge, ich jogge häufiger und wir werden auch mal ein Museum besuchen, irgendwas, das jetzt schon geht und bei dem wir auf möglichst wenig ignorante Mundschutzverweigerer und „Meine Freiheit ist eingeschränkt“ Aluhüte treffen.

Ich bin noch nicht wieder ganz da. Aber meine Schreibtherapie geht zumindest wieder. Aus Social Media werd ich mich noch etwas fernhalten, da schreiben im Moment zu viele Coronidioten.

Ich trage Maske, nicht nur mir, auch meinen Mitmenschen zuliebe. Denn Demokratie ist nicht nur die eigene Freiheit, es ist Gemeinwohl und Gemeinschaft.

Ja, ich war wieder in meinem ach so vertrauten tiefen, dunklen Tal. Aber etwas war anders. Da stand eine Leiter und jemand ganz oben hat mir mit ihrem Licht gezeigt, wo der Ausgang ist. Noch sind ein paar Sprossen zu meistern, aber ich bin schon sehr weit. Die nächste Woche wird wohl das Ende dieses Gott sei Dank kurzen Intermezzos darstellen. Ich habe gelernt, auch wenn es Jahre gut geht, Es gibt immer Umstände, die mich zum agieren, zum reagieren zwingen, will ich nicht wieder ganz abstürzen. Aber das Schöne ist, ich kann es mittlerweile. Ich fange mich rechtzeitig ab. Und mein Netzwerk an Menschen, die sich WIRKLICH um mich sorgen, es ist stark und fest und da, wenn ich es brauche.

Danke und ihr fehlt mir. Aber nicht mehr lange.

 

Billie Eilish ist übrigens sehr empfehlenswert. Auch ihre Musik lässt in mir eine Seite erklingen, die lange Zeit stumm war.