Wo bin ich, wer bin ich, was will ich

Ich wurde in letzter Zeit des Öfteren gefragt, warum es so still geworden ist um meine Geschichte.

Es gibt eine Zeit und einen Ort. Und ich denke, meine Zeit ist nicht mehr die eines Aktivisten gegen Depression und die damit einhergehenden Vorurteile.  Hier ist eine neue Generation gefragt, ich kehre zurück zu meinen Wurzeln und befasse mich mit KI insbesondere Generativer KI, auf die ich seit meinem Studium vor 30 Jahren gehofft habe. Die letzten Jahre wurde es still, der Bedarf an meiner Geschichte beschränkt sich zunehmend auf Schulen. Das werde ich auch weiterhin anbieten, weil ich der festen Überzeugung bin, je früher wir eine Bewußtsein für mentale Gesundheit schaffen, um so besser.

Aber Moment.

Gestern war ich auf dem KI Festival des IPAI in Heilbronn. Und dort wurde unter anderem auch die Vision einer Diagnostik mit Hilfe von KI vorgestellt.  Das mag manche gruseln, ich sehe es aber als große Chance. Wir brauchen allerdings viel mehr Daten, Diagnosen, Untersuchungsergebnisse, um Modelle definieren, programmieren und trainieren zu können.

Deshalb plädiere ich weiterhin für einen offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen. Man kann Daten einfach pseudonimsieren aber dennoch relevante Informationen erhalten. Aber auch dafür gilt es, eine Öffentlichkeit zu schaffen.

Und es gilt, Ängste und Hemmungen im Bezug auf KI abzubauen. Es birgt Risiken, KI zu verwenden aber auch unendliche Möglichkeiten, Chancen, Wege in die Zukunft.

Es ist wie  mit dem Messer, dass man zum töten oder Brot schneiden verwenden kann. Es ist nicht das Messer, es ist unser Umgang mit KI, der entscheidet, ob wir uns selbst aus der Gleichung nehmen oder eine Zukunft für alle schaffen. Dafür braucht es Umdenken und vor allem keine Politik, die immer am alten, fossilen, immer schon so getanen festklebt.

Wir brauchen Mut, um neue Wege zu gehen, Mut, auch Fehler einzugestehen, Mut, wieder aufzustehen und weiter zu machen.

Ich werde wohl doch ewig der Aufklärer, der Aktivist bleiben, aber jetzt möglicherweise auf zwei Gebieten. Mentale Gesundheit und die Chancen durch KI in der Diagnostik.

Ungesundes asoziales Medium, der Rückzug

Es fing mit einigen Wenigen an, die ihren kompletten Rückzug aus Sozial Media verkündeten. Zuerst hielt ich die Reaktion auf die jüngsten Entwicklungen für überdreht. Dann meldete Zuckertrump, dass Facebook und Co. das Fact Checking auf die Community verlagern. Wir wissen ja alle, wie gut das geht (nicht).

Mittlerweile wird das zu einem massiven Trend.Weg von den asozialen Marktplätzen für rechten Sumpf und Verschwörungstheorien, zurück zu klassischen Chats. Auch ich werde wohl primär Discord (für die Familie) und Mastodon für meine Fans, Leser und Freunde nutzen. Whatsapp und Co nur noch wenn unbedingt nötig weil sonst nicht erreichbar.

Es wird wohl dauern, bis sich wieder eine vernünftige Kultur des Miteinander umgehens entsteht. Bis dahin werde ich wohl eher auf Github, in den KI Foren und auf Discord und Mastodon sein. Der Rückzug ist nicht permanent, aber solange es so eine Kackophonie von Verschwörungstheorien, Hass und Lügen gibt, ist es für meine mentale Gesundheit einfach besser.

Und ja, auch mein Blog wird weiter bespielt, aber sonst gilt, wenn Sozial Asozial wird, ist die eigene psychische Gesundheit wichtiger als FOMO.

Wir sehen uns sicher auch so. Spätestens zur re:publica oder dem Barcamp Heilbronn oder Stuttgart.

Blogparade: Digitale Heimat

Alex Schnapper, ein guter Freund von mir, den ich sozial medial zuerst kennengelernt habe, hat eine Blogparade „Verlust der digitalen Heimat“ gestartet, eine Frage, die ich mir in den letzten Monaten oft gestellt habe und da ich auf dem Barcamp Stuttgart dieses Jahr endlich wieder dabei war (für mich DAS Barcamp, das mich an die Idee herangeführt hat), wo ich eine Session anbot mit dem Titel „Ist Social Media tot oder riecht es nur schlecht?“ Hubert Mayer, der mit einer ähnlichen Fragestellung am Start war, schlug vor, wir machen das gemeinsam, was zu einer sehr spannenden Session führte, deren Fazit war in etwa: Nicht ganz tot, aber es zerfleddert gerade und es gibt keine zentrale Plattform wie es Twitter einst für viele von uns war.

Digital war ich schon seit meiner Jugend. Mit dem VC20 fing es an, ich verkaufte eigene Programme in Computerzeitungen (damals tippte man Code noch ab um an neue Software zu kommen). Damit finanzierte ich meinen ersten AMIGA. Nach einer kurzen Phase an einer Berufsakademie, die so gar nicht meins war, hab ich dann in Osnabrück Computerlinguistik und Künstliche Intelligenz studiert. Zu der Zeit begann es gerade mit dem World Wide Web (nein, das Internet ist viel älter) und ich stürzte mich voll Enthusiasmus ins Aufbauen von Webservern und die Webseitenerstellung.  Dort gab es auch erste Chatsysteme am Großrechner und Bulletin Boards. Als ich dann ein Forschungsstipendium bei der IBM bekam, war klar, wohin die Reise geht. KI und World Wide Web.

Und als Plattformen wie Twitter und Facebook beliebt wurden, war ich stets Early Adopter. (Tipp am Rande. Early Adopter ist ne spannende Sache, aber von allem, was neu erscheint ist es sinnvoll, die erste „Runde“ zu ignorieren, das spart viel Zeit und Nerven)

Den Großteil meiner Follower bekam ich durch #zensursula und den damaligen Plan von Netzsperren und durch meinen Aufenthalt in psychiatrischen Kliniken nach einem Suizidversuch und der darauf folgenden Diagnose: Schwere wiederkehrende Depression und generalisierte Angststörung.

Aus den Tweets von damals unter dem Hashtag #ausderklapse ein sehr erfolgreiches Buch bei Bastei Lübbe (Depression abzugeben) und ich konnte dank eines sehr erweiterten Followerkreises an Aufklärung über Mentale Gesundheit arbeiten.

Dann kam Elon und damit das Ende von Twitter. Nicht nur der Name änderte sich zu X (ein überaus dämlicher Name wie ich finde) sondern auch das früher schon oft flache Niveau wurde zu einer Kakophonie von rechtem Müll, Pornbots und Schwurblern.  Letztlich bin ich nur noch auf X , damit niemand anderes meinen Twitternick für rechten Blödsinn missbrauchen kann.

Nach einigen Experimenten mit Bluesky (zu nieschig für mich) und Mastodon (einfach nicht mein Ding) bin ich nun bei Threads gelandet, wo ich schnell eine sympathische Mental Health und Programmier/KI Community fand.  Aber damit gehen mir über 5000 Follower verloren und  bei Threads baut sich die Community gerade erst wieder auf.

Für mich ist Social Media nicht tot aber in einer Schockstarre. Ich bin in anderen Themen aktiv. Nach langer Abstinenz code ich wieder zum Thema KI und bin dadurch und durch die Nutzung der Plattform durch meine Kinder bei Discord sehr viel aktiver.  Facebook und Instagram bespiele ich zwar, lese da aber eher selten.

Social Media ist im Moment immer noch in einer Schockstarre und ich wieder auf historischen Pfaden unterwegs, nachdem ich ja bereits vor über 30 Jahren KI studiert habe und die aktuelle Entwicklung mich sehr fasziniert, weil während meines Studiums damals die Grundlagen für das gelegt wurden, was heute als generative KI bekannt ist.

Bislang fühle ich mich auf Threads ganz wohl, wenn auch die Lust aufs Posten sich eher reduziert hat. Aber immerhin laufen Diskussionen (noch) sehr viel kultivierter auf Threads aber irgendwie ist die Luft raus. Dafür belebt sich mein Blog wieder, was ich leider habe viel zu lange brach liegen lassen mit nur spärlichen Beiträgen und dann zu monothematisch.

Ja, wenn ich es genau betrachte, ich habe meine digitale Heimat verloren. Ob das schlecht ist? Schade ist es, Discord, Threads und Softwareentwicklung gleichen da viel aus, aber es fühlt sich merkwürdig an. Social Media riecht für mich gerade sehr schlecht. Und ich fürchte, wir sind damit durch, dank zu viel Werbung, Influencergebläsen und rechtem/Schwurblerzeug.

Immerhin bin ich wieder zu meinen Wurzeln als KI Forscher und Softwareentwickler zurückgekehrt. Man ist nie zu alt fürs Coden und fürs Forschen schon zweimal nicht. Und Wissenschaftler verlernt man nicht, das ist Teil der eigenen DNA.

Und was besonders schön ist: Meine Söhne haben sich beide entschlossen, das zu machen, was immer schon meine Leidenschaft war und ist. Sie studieren Informatik und dort mit Fokus auf KI. Und das fast ganz ohne mein Zutun.

Die Stimmen der anderen

Rückblickend war er einfach ein A…… . Damals aber mein direkter Vorgesetzter. Und der, der die Lawine der Selbstzweifel, der Angst, des Lebens für die Erwartungen und Wünsche anderer angestossen und mich auf den Weg in den Abgrund geführt hat. „Sie arbeiten nicht, sie spielen zu viel und organisieren sich schlecht“ (War Bullshit, ich nutzte damals schon digitale Kalender, das konnte der Typ aber nicht sehen….oder verstehen). Er hat viel damit kaputt gemacht, das auch Stellen oder Arbeitgeberwechsel nicht mehr heilen konnten. Dieser Mensch hat mich geradewegs Richtung Suizidversuch und Angststörung/Depression geführt. Denn damit begann das unmögliche Streben nach Perfektion. Und als ich ihn später nochmal traf, merkte man mit jedem Satz, den er plapperte, dass er nichts, aber auch gar nichts begriffen hat.

Meine Kreativität, die Lust an IT und Softwareentwicklung hat er damals nachhaltig beschädigt. Erst jetzt, mittlerweile knapp 20 Jahre später erkenne ich das ganze Ausmaß der Zerstörung, das er hinterlassen hat. Und es wird noch Jahre dauern, die Zerstörung halbwegs zu beseitigen. Aber jetzt bin ich auf dem Weg. Und was ich gelernt habe. Gebt nichts auf die Meinung anderer von euch. Sein beschissenster Satz in diesem Tribunal damals war: „Da ist wohl das Fremdbild von Ihnen genauer als das Selbstbild“ . Maul halten, setzen sechs. Der hatte und hat keine Ahnung.

Bleibt euch treu und denkt dran. Vieles, was uns passiert ist in der zeitlichen Nähe ein Drama, aus der Distanz aber eine Komödie.

Gut eine sehr schwarze bei mir aber langsam gelingt das Lachen darüber.

Solange wir dafür leben, besser zu sein als jemand anders, leben wir ein fremdes Leben. Der einzige, mit dem ich konkurriere ist mein vergangenes Ich. Demgegenüber will ich besser werden. Und ihm gleichzeitig sagen. Alles gut, du bist richtig, genau so wie du bist.

Zwischenzeitlich wechselten merhfach die Vorgesetzten. Die Arbeitsstelle, die Freude am Leben.

Heute geht es mir wieder besser. Gut wäre gelogen. Immerhin bin ich (ein Jugendtraum) Buchautor eines Erfolgsbuchs und finde gerade wieder zu meinen Wurzeln als Softwareentwickler und IT Geek zurück. Fast zu spät. Aber nur fast. Aber ich weiß nicht, was ohne meine wunderbare Familie passiert wäre. Danke euch allen, das ihr das Kerzenlicht im Fenster wart, das Rettungsseil, der Anker. DANKE!

Fremdbild ist Bullshit. Basta.

 

Das Unfallparadoxon

Im letzen Blogbeitrag habe ich ja berichtet, dass sich meine Haltung durch den Unfall und den Klinikaufenthalt sehr verändert. Nun nähert sich langsam der Termin, an dem ich wieder arbeiten gehen könnte und schon steigt die altbekannte Panik in mir auf. Ich kann sie zwar eindämmen, ärgere mich aber über mich selbst, dass so einfach die Kontrolle über meine Emotionen wieder verloren gehen kann. Resilienz sieht anders aus.

Jetzt stellt sich mir die Frage, was passiert hier gerade? Warum ich so viel gelassener in der Klinik und die ersten Wochen zuhause war, hängt sicher mit dem Unfall an sich und dessen Schwere zusammen. Es hätte durchaus sehr viel schlimmer ausgehen können. Der Bruch war schmerzhaft und der zweiwöchige Aufenthalt im Krankenhaus ein heftiger Einschnitt.  Meine Gedanken kreisten um Themen rund um den Unfall. Es ging eigentlich immer Tag für Tag und wenn es etwas zu erledigen kalt, war ich froh, wenns gemacht war und verschwendete keinen Gedanken mehr daran. Bis etwa vor zwei Wochen.

Da wurde mir wohl bewußt, dass die „freie Zeit“ der Heilung bald zu Ende sein würde. Dass ich dann überhaupt nicht wusste, wie es weitergehen würde und alle Fragen Richtung Arzt, Fachleute, Arbeitgeber mit den Worten „warten wir erst mal den Arzttermin ab“ endeten.

Das war natürlich nicht gut für mein Mindset. Sofort kickte wieder die Angst und Depression. Zudem ging mir dann eine wichtige App flöten, so dass ich eine neue Freschaltung anfordern musste (Banking) und auch hier natürlich wieder viele was wäre wenn Gedanken. Das Kribbeln der Panik, die Gedankenkreise, alles wieder da. Nicht ganz so stark wie früher aber störend.

Im Moment versuche ich, das Ganze über rationale Gedanken, Ablenkung und eben auch das Schreiben auf Social Media und hier wieder einzudämmen. Aktuell lassen mich die kreisenden Gedanken in Ruhe, aber ich habe gemerkt wie brüchig der Friede mit meiner Angsttörung und der Depression ist. Es bleibt ein Kampf, der nur in ganz kleinen Schritten oder durch lebensbedrohliches oder zumindest einschneidendes an Ereignissen kurz stillgelegt wird. Also heißt es weiter kämpfen, resilienter werden, im jetzt zu leben versuchen, denn weder Vergangenheit noch Zukunft können wir direkt beeinflußen. Es küt wie es küt sagt der Kölner so schön. Ja, aber… sagt mein terrorisierter Verstand…

Seltsame Heilung

Warum sich etwas verändert hat, kann ich nicht genau sagen. Wodurch, nun, ich habe eine Vermutung. Der durchaus schlimmere Ausgang meines Unfalls hat vielleicht meine Sicht auf die Dinge, die ich für wichtig halte, zurecht gerückt.

 

Mir ist mittlerweile klar, dass viele Traumata aus meiner Kindheit auch den 56 jährigen Uwe noch belasten. Mangelnde Liebe, Zuneigung, einfach da sein. Psychische Gewalt, die das Leben als Kind zu einem andauernden Angstzustand gemacht haben.

 

Das legst du nicht mal so einfach ab. Daran arbeitest du dich ein Leben lang ab. Aber wenn du Glück hast, gibt es Ereignisse oder Begegnungen, die dir den Weg weisen.

Mental war ich bislang immer auf Alarmbereitschaft, was denken die anderen, was könnte passieren, was muss ich tun, um sicher zu sein. Sicherheit war und ist für mich extrem wichtig, weil ich sie als Kind absolut nicht gespürt habe, nicht zuhause und schon gar nicht in der Schule, wo ich als Linkshänder mit Segelohren und einer Körpergrösse von 1.96m Standardziel für Mobbing war.

Alles Dinge, die geschehen sind und die vielleicht verdrängt aber nicht vergessen sind. Und dann sind da die Momente wie der Unfall, die dich komplett aus der Bahn werfen, die deine Gedankenkreise zerbersten lassen.

Noch bin ich nicht komplett geheilt entlassen. Noch muss ich mich schonen und habe eigentlich viel zu viel Zeit zum Grübeln. Aber die Grübelein sind viel seltener. Das Alter als Grund, ich denke nicht. Es ist vielleicht eher das Bewußtsein, dass das hätte sehr böse enden können und ich abwägen muss, wofür ich meine Energie aufwende. Rückblickend viel zu oft für falsche Ziele, für die Sicht anderer auf mich, aus der Sorge heraus, was andere über mich denken könnten.

Vielleicht hatte ich in den zwei Wochen Krankenhausaufenthalt auch die Distanz zu meinem „normalen“ Alltag, um erkennen zu können, wer wirklich zählt. Besuch bekam ich fast ausschliesslich von meiner Familie. Meine Frau war jeden Tag zumindest kurz da. Was im Beruf passiert, was ich sonst für Sorgen hatte, die waren alle plötzlich weg. Teils der Schmerzen wegen aber auch, weil mir einer meiner eigenen Kernsätze auf Vorträgen und Lesungen wieder in den Sinn kam. „Ich wünschte, ich hätte ein gebrochenes Bein gehabt, statt einer psychischen Krankheit“. Jetzt hatte ich genau das. Und ja, da konnten die Ärzte aktiv helfen.

Was aber nach wie vor galt, und das ist der zweite Teil der Aussage: Eine psychische Krankheit kann nur ich selbst verändern. Denn im Gegensatz zu einem gebrochenen Bein kann kein Arzt mal eben in meinen Kopf greifen und meine Depression, meine Ängste reparieren oder entfernen. Das kann vermutlich nicht mal ich. Aber ich kann verändern, anders betrachten, anders agieren.

Und das war und ist die Veränderung, die ich gerade spüre. Geänderte Prioritäten, anderer Umgang mit dem, der ich bin. Akzeptanz und der Wille, weiter an mir zu arbeiten sind so stark wie lange nicht. Und das spüre ich jeden Tag, den ich hier zuhause verbringe. Es tut sich was, viele zu spät eigentlich. Aber das ist auch etwas, dass ich abzulegen bereit bin. Vergangenheit ist nicht real, Zukunft ist nicht real. Die einzige Realität ist die Gegenwart und so versuche ich jetzt endlich auch zu leben. Von Tag zu Tag. Nur das jetzt als bedenkenswert erachten. Fokus auf das, was gut ist und verändern, was noch schlecht ist.

Rückblickend auf diesen Text lese ich viel, was so mancher als Klischee oder „zu einfach gedacht“ abtun wird. Aber das ist ja oft das Dilemma. Was zu tun ist, ist klar. Aber Depression und Angst lähmen so sehr, dass die Schritte unmöglich sind. Vielleicht war der Unfall der Cut, den ich brauchte, um auf den richtigen, den weniger begangenen Pfad zu gelangen. Und hoffentlich bin ich schon weit genug gelaufen, damit eine Umkehr nicht nur nicht mehr sinnvoll sondern positiv unmöglich ist.

Seltsame Heilung…

Der Unfall

Der Graben quer über die Straße war frisch ausgehoben worden. Metallplatten überdeckten die Mulde, damit Autos und eben auch ich mit meinem Fahrrad dennoch die Straße nutzen konnten. Fatal, vor und nach der Metallplatte war Schotter gestreut, um die Kante abzuschwächen. Uwe sitzt im Rollstuhl und hat eine Katze auf dem Schoss.Etwas von diesem Schotter war aber mittlerweile auf die Platten gerutscht und mein Rad rutschte genau wegen dieses Schotters weg. Ich konnte es wieder einfangen aber nicht mehr der Warnbarke ausweichen, die auf der Straße in der Kurve vor der Baustelle warnen sollte. Trotz Vollbremsung prallte ich auf die Barke, stürzte und blieb mit Acetabulumfraktur und Radiusköpfchenfraktur sowie disloziertem Finger liegen. Oder übersetzt: Aua, Mist, Hüftschale gebrochen und viel Schmerz.

Gott sei Dank hatte der Hausmeister eines in Sichtweite gelegenen Altenheims alles beobachtet, half mir und benachrichtigte einen Krankenwagen. Damit landete ich erst mal für die nächsten zwei Wochen im Krankenhaus, wo meine Wunden versorgt und der Hüftbruch operiert wurden.

Jetzt bin ich wieder zuhause, mit Rollstuhl und Achselkrücken, da ich mein Bein erst mal 6 Wochen nicht belasten darf, bzw. maximal abrollen. Und man merkt sehr schnell, wie die Muskeln abbauen, wenn sie nicht genutzt werden.

Das überraschende an der ganzen Geschichte. Mir geht es mental so gut wie schon lange nicht mehr. Und das, obwohl ich im Moment weder mein Antidepressivum noch meine Angstmedikation einnehme. Aber vielleicht ist es einfach das Bewusstsein, dass das Ganze hätte viel schlimmer enden können.

Alles wird mehr oder weniger gut verheilen, es braucht Zeit, viel Zeit aber dann geht vieles wieder alleine und ich h Uwe steht vor der Kamera auf Achselkrücke gestütztätte durchaus viel schlimmere Verletzungen davon tragen können. Man sagt, es gibt Ereignisse, die führen einem vor Augen, was  wirklich wichtig ist.

Dieser Unfall war so ein Ereignis für mich. Ich habe bereits einiges geändert und werde noch einiges ändern. Den Uwe vor dem Unfall gibt es nicht mehr und wird es auch nicht mehr geben.

Eine Sache hat mich dann doch etwas negativ berührt. Virtuell habe ich wohl einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Aber real war außer der Familie nur ein ehemaliger Arbeitskollege da und hat mich besucht, da er gerade in der Nähe in einem Pflegeheim war.

Ich muss wieder realer werden, virtuelle Freundschaften sind wertvoll aber ich habe mich in der Vergangenheit zu sehr von direkten sozialen Kontakten zurückgezogen und das muss wieder anders werden. Leider falle ich wohl noch für die eine oder andere Veranstaltung aus, aber ich werde wieder mehr raus gehen, mehr auf die ehemals so geliebten Barcamps kommen und auch sonst wieder virtuell UND real verfügbarer sein. Es hat sich schon komisch angefühlt, wenn dein Zimmernachbar, der mit dem Motorrad verunglückt war fast den ganzen Tag Besuch hat und du selbst fast ausschliesslich von der Partnerin, deren Besuch mich zwar sehr motiviert und gefreut haben, die aber den Tag nur maximal 30 Minuten bis eine Stunde ausfüllen konnten.Uwe sitzt mit geschientem Arm im Krankenhausbett

Nicht, dass mich die überwältigende Menge an Genesungswünschen nicht gefreut hätten. Genau genommen dachte ich, dass ich im virtuellen Raum als Verunglückter und Krankenhausinsasse gar nicht mehr vorkommen würde. Das Gegenteil war der Fall, der Support war groß und auch das Interesse an mir als Person und Betroffenem. Aber real, da hat halt was gefehlt. Das tat schon ein klein Bisschen weh, aber es machte mir auch sehr schnell klar, dass ich da einen bedeutenden Anteil daran hatte und habe. Corona hat es viel zu leicht gemacht, sich ins virtuelle zurückzuziehen und ich habe das definitiv übertrieben.

Jetzt heißt es erst mal ganz gesund werden, was sicher noch bis Juni dauern wird und dann gilt es, das Virtuelle wieder etwas mehr ins Reale zu transferieren. Der Mensch lebt nicht vom Netz allein.

Und ein riesengroßes Dankeschön allen, die mich im Diakoneo Klinikum so super versorgt haben. Das ganze Personal war sehr nett und ich habe mich wirklich gut versorgt gefühlt. Danke! Ihr macht einen tollen und extrem wichtigen Job!

 

Warum „Ruh dich mal aus“ manchmal ein Problem ist

Wenn ich meinem Umfeld signalisiere, dass es mir mal wieder nicht so gut geht, weil der schwarze Hund halt nie ganz auszieht, höre ich hin und wieder auch den Ratschlag „Ruh dich doch mal aus“. Nette Idee, kommt für mich gleich nach „geh doch mal in die Sonne“ oder „lach doch mal wieder“. Die Ruhe ist manchmal die lauteste Form einer Depression oder Angststörung.

Zu viel Zeit zum Nachdenken bedeutet, die Gedankenspiralen, die Ängste und Sorgen werden wieder lauter. Was könnte mit dem Haus alles passieren? Wie werden die Kinder weitermachen? Werden sie ale erfolgreich oder was viel viel wichtiger ist, werden sie alle glücklich sein. Was haben meine verdammte Krankheit und ich ihnen an Ballast mitgegeben? War da vielleicht auch irgendwas gutes dabei?

Früher war meine Taktik oft, mein Gadgethobby auszuleben, weil das zumindest je Gadget für ein paar Wochen Abwechslung brachte. Meine Kinder nennen mich oft scherzhaft die lebende Wikipedia. Liegt am gleichen Grund.  Immer wenn die Gedanken zu dunkel wurden, versuchte ich mich dammit abzulenken, etwas neues zu lernen. Astronomie, Aikido, Malerei, Literatur, Künstliche Intelligenz (auch das zu studieren lenkte schon von dunklen Gedanken ab) Psychologie, Biologie, Pflanzenkunde,Liebe (machen), das könnte ich noch ewig so weiter machen.

Irgendwann gehen aber die Themen aus, irgendwann fällt man dann doch auf sich zurück und wenn es dann still ist, dann wirds kritisch. Ich höre gerne Musik und viel. Aber eben auch, weil ich die Stille nicht ertrage, weil das Alleine sein bei mir in diese Dunkelheit geführt hat.

In der Schule war ich der Außenseiter, den alle gemobbt haben, zumindest bis ich der erste mit einer Freundin war und in eine Klasse gewechselt hab, in der die Außenseiter das neue Normal waren.

Ich habe gelernt, dass alleine sein einerseits ein mir lange Zeit sehr vertrauter Zustand war, andererseits mich in vieles reingeritten hat. Sehnsucht nach Anerkennung gepaart mit einer enormen Angst, zu enttäuschen, etwas falsch zu machen, können einen zum begnadeten Liebhaber machen ebenso wie zum extrem harmoniebedürftigen Partner, der jeden Konflikt scheut.  Man entscheidet mit dieser „Erblast“ vieles nach dem Risiko, enttäsuscht zu werden, vertraut selten und eigentlich nie ganz.

Sibylle hat etwas geschafft, was sonst niemand in meinem Leben erreicht hat. Bei ihr sind alle Schutzmauern des Misstrauens gefallen. Das war das große Glück im damaligen lebensbedrohlichen Unglück.

Dennoch, Ruhe haben mag anderen gut tun. Für mich ist es all zu oft eher eine Gefahr als die Lösung.

Lasst mir meine Ruhe ist nicht unbedingt ein Wunsch, den ich oft ernst meine.