Rückblick auf den Patientenkongress Depression

Endlich wieder in Präsenz, fand in diesem Jahr der 6. deutsche Patientenkongress Depression statt. Prominent moderiert von Harald Schmidt, mit ebenfalls prominenten Gästen wie Torsten Sträter. Aber es waren nicht die Promis, die mich begeistert haben sondern der riesige Zuspruch von Betroffenen und Angehörigen, Fachleuten und Medien. Die Depression als Erkrankung wird sichtbarer und damit wird es, und das ist elementar, leichter für Betroffen denn Schritt zu wagen und sich Hilfe zu suchen. Dieses Jahr war ich nur Gast, aber meine Frau durfte die Sicht der Angehörigen vertreten, eingesprungen für eine Angehörige, die aus familiären Gründen nicht konnte. Und wie ich finde, hat sie das Ganze grandios gemeistert.

Darf ich vorstellen: Meine Lebensretterin und die großartigste Partnerin, die ich mir vorstellen kann.

Ich habe mich überaus gefreut, ein paar meiner Follower und Leser persönlich kennenzulernen und einige sehr interessante Gespräche sind aus diesen Begegnungen entstanden.

Was ich vom Kongress mitnehme: Es wird besser, die Krankheit Depression wird sichtbarer und rückt als ernstzunehmende Erkrankung mehr in den Fokus. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich meine Aufklärungsarbeit jetzt einstellen könnte. Noch immer gibt es viele Vorurteile und Stigmata.

Torsten Sträter

Spannend waren die wissenschaftlichen Beiträge, die neue Behandlungsansätze vorstellten und endlich auch die Möglichkeiten digitaler Angebote berücksichtigen.

Ich habe dieses Mal auch endlich erlebt, dass der Fokus endlich mehr auf die Kinder und Jugendlichen gelegt wird. Hier gab es lange Zeit Defizite aber langsam bewegt sich auch hier was.

So gewann den ersten Platz beim Medienpreis eine 37 Grad Doku über vier betroffene Jugendliche. Ich möchte hier allen vieren nochmal ganz ausdrücklich für den Mut und die Offenheit danken. Damit helft ihr vielen anderen Jugendlichen immens.

Harald Schmidt, der die gesamte Veranstaltung herrlich humorig moderierte.

Bei einer Gesprächsrunde wurde auch der Fokus auf die Angehörigen gelegt, wobei meine Frau überraschen den Part der Angehörigen übernahm und sehr klar dargestellt hat, dass die Familie und das Umfeld IMMER Teil der Therapie sein müssen, denn der Patient oder die Patientin verändern sich und das Umfeld muss dieser Veränderung Rechnung tragen (können).

Ich möchte mich sehr bei de Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Depressionsliga bedanken für eine hervorragende Organisation, eine tolle Lokation und für die Chance, meine Frau als Angehörige zu Wort kommen zu lassen.

Sibylle (links im Bild) bei ihrem tollen Auftritt als Angehörige

Allen, die mich nicht treffen konnten, es wird wieder Gelegenheit geben. Erste Lesungen sind in Planung und auch Vorträge wird es sicher wieder geben.

Bleiben wir dran, sorgen wir dafür, dass es endlich völlig normal wird, über die Depression als Krankheit zu sprechen.

Wir sind viele und wir werden immer sichtbarer!

Der Vorsatz, keinen Vorsatz zu haben

Mit guten Vorsätzen ist es wie mit so vielem im Leben. Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.

Ich hab da schon so ein paar Ideen. Weniger Facebook (oder gar nicht mehr?) Es sind dort einfach zu viele querdenkende Schwurbelidioten unterwegs. Auch Twitter steht unter Beobachtung. Ach und Instagram. Eigentlich tummeln sich auf allen Plattformen im Moment viel zu viele Querschwurbler, als das es noch Spass machen würde.

Dann Ausmisten, auch so was, das man sich jedes Jahr vornimmt. Aber wohin mit den mindestens drei bis vier Müllcontainern fürs konsequente Ausmisten?

Entspannter will man dann ja auch noch sein. Gelassener, weniger Stress. Aber leider ist der Stress oft nicht zu vermeiden. Weil man ihn eben nicht immer selbst lenken kann.

Eigentlich ist der beste Vorsatz. Lebt. Genießt, macht euch keine Gedanken um gute Vorsätze und schon gar nicht um die Meinung der anderen. Zumal die meist so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass ihr ihnen vermutlich herzlich egal seid.

Die wenigen wichtigen Menschen bleiben eh und der Rest, nun ja.

Nur zwei Wünsche habe ich. Schenkt euch das Ballern, es ist auch so schon zu viel Arbeit fürs Personal in den Krankenhäusern.

Und seid kein Schwurbler, denkt nicht nur an euch, sondern auch an eure Mitmenschen, gerade die Schwächeren, die auf Rücksichtnahme angewiesen sind, weil sie eben nicht so einfach eine Corona Erkrankung wegstecken.

Und wenn ihr brav geimpft seid, habt ihr sogar besseren 3G „Empfang“, insbesondere geboostert kriegt ihr dann überall besseren Zugang 😉

Nein, Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß, gute Wissenschaft irrt auch mal und steht dazu. Wenn euch jemand sagt, er wisse das, das wäre 100%  sicher, dann fragt ihn, obs ein Koch, ein Musiker oder ein Wissenschaftler gesagt hat. Und wenns der Wissenschaftler war, dann trotzdem, Quelle prüfen, gute Wissenschaftler sind nie ganz sicher.

Jetzt hab ich ja doch schon wieder Wünsche fürs neue Jahr. Ach wisst ihr was, hört einfach auf den Toni, der weiß, wovon er spricht:

Ein Jahresrückblick ohne Jahr

Das war dann also 2021. Eigentlich ja 2020 reloaded. Es gibt zwei Ereignisse, die dieses Jahr für mich überhaupt existent machen.

Im Frühjahr die unglaublich erfolgreiche Petition gegen die #rasterpsychotherapie.  Sagenhafte 212.000 Menschen unterstützten mich und halfen mit, Öffentlichkeit zu schaffen. Wir waren damit ein Teil einer gemeinsamen Bewegung, die sich gegen eine Rationierung von Psychotherapie stellten und bewirkten , so dass die Medien und letztlich auch die Parteien verstanden, dass die Gesetzesänderung für Betroffene wie für Therapeut*innen und Angehörige eine fatale Fehlentwicklung dargestellt hätte.

Ich kann für diesen Erfolg nur immer noch etwas fassungslos Danke sagen. Über 200.000 Stimmen binnen einer Woche, das war grandios, fantastisch und tat zudem so gut, weil offensichtlich in der Öffentlichkeit mittlerweile besser angekommen ist, was eine psychische Krankheit bedeutet und wie komplex und eben nicht in Stunden oder Wochen messbar hier eine Behandlung ist als in der Politik.

Und dann im September mein Aufenthalt in der Reha.  Anders als bei meinem ersten Aufenthalt 2015 dieses Mal offen für Erkenntnis, bereit, mich zu verändern, bereit, mich auf meine Depression und die Angst einzulassen. Und es hat geholfen, ich fühle mich gestärkt, habe wieder Mittel und Wege reaktiviert, meine Depression im Griff zu behalten.

 

Oh, und ganz nebenbei hab ich 10kg Gewicht verloren, mir einen Bart wachsen lassen und bin binnen 5 Wochen Reha knapp 100km gewandert. (Wer mich kennt weiß, wie groß das für mich ist)

Ansonsten kann man 2021 getrost wegpacken und nicht mehr so schnell rausholen. Corona beschäftigt uns nach wie vor, man kann leider im Moment nicht mehr unterschiedlicher Meinung sein, was ich allmählich für eine Nebenwirkung von Corona halte und wer meine Position zu dem Ganzen Themenkomplex wissen will, ich sags nicht, weil ich keine Lust auf sinnlose Trollereien habe. Nur so viel. Ende Januar 2022 gibt es die Booster Impfung.

All jenen, die mich 2021 unterstützt, begleitet oder auch nur wohlwollend ertragen haben wünsche ich eine geruhsame Vorweihnachtszeit, etwas Ruhe und gute, normale Gespräche und wir lesen uns 2022 wieder, wo es hoffentlich endlich heißen wird: Corona 0, Menschheit 1.  Und hoffentlich können wir uns nächstes Jahr endlich wieder auf einem realen Barcamp treffen. Oder vielleicht, auch wenn es mein Buch nur noch als EBook und Audiobook gibt, auf der einen oder anderen Lesung oder einem Vortrag.

Und hoffentlich 2022 auch mit mehr Verstand und weniger Aggression……. Sonst setzts was.

Jetzt reicht es (selbst mir)

Lange, wirklich lange habe ich Social Media verteidigt. Hab darauf hingewiesen, dass Whatsapp und Twitter mir einst das Leben gerettet haben. Hab Trolle und Querdenker als Nische abgetan.

Aber jetzt werde wohl selbst ich für einige Zeit die sozialen Medien nur noch als Kanal zum Senden aber nicht. mehr zum Empfangen nutzen. Weil weder Diskussionskultur,  noch Anstand, noch Rücksicht auch nur leicht durchscheinen. Sei es der Weltraum, die Natur oder die Ernährung. Es wird nur noch radikal, schwarz weiß gedacht. Die wenigen gemässigten, am Diskurs interessierten Nutzer werden immer lauter und aggressiver niedergetrollt.

Das ist alles nicht mehr schön, es ist traurig und vieles, was im Moment diskutiert wird, erinnert mich fatal an Interstellar, wo Wissenschaft und Forschung sich in Bunker zurückziehen und verstecken musste, weil die Öffentlichkeit die Zusammenhänge zwischen Grundlagenforschung, dem Drang zu den Sternen und der Weiterentwicklung als Spezies nicht zu durchschauen in der Lage waren.

Nein, es geht mir im Moment nicht gut mit dem Umgangston. Twitter und Facebook sind für mich broken beyond repair und selbst Instagram wird immer mehr zur Plattform um eigene radikale Ansichten hinauszuposaunen und die eigene Dummheit hinter Schimpftiraden und Trollangriffen zu verstecken.

Sorry Leute, so nicht. Kriegt euch bitte wieder ein, bis dahin:

 

Mic Drop

Warum verpasste Chancen nicht schlimm sind

Was mir sehr schmerzhaft in den Kliniken vor Augen geführt wurde und es immer noch wird ist, welche teilweise großen Chancen ich in meinem Leben verpasst habe. Es gab einmal die Gelegenheit, nach Seattle zu gehen und dort bei Microsoft zu arbeiten. Ich hätte bei IBM in der Forschung bleiben können oder was eigenes aufziehen. Was dagegen gesprochen hat? Meist nur meine Angst vor dem eigenen Mut und vor der Möglichkeit des Scheiterns. Ich bin nicht wirklich traurig darüber, auch wenn ich mir manchmal vorstelle, welche Wege mein Leben hätte nehmen können.

Immerhin hab ich einen Hochschulabschluss, zwei Menschen wissentlich das Leben gerettet und zumindest nach deren Feedback vielen meiner Leser*innen bei dem Kampf gegen ihre Ängste und Depressionen geholfen.

Ich war diverse Male auf der Bühne und im TV und habe ein Buch geschrieben, aus dem sogar ein Hörbuch wurde, das in der überwiegenden Mehrheit sehr gelobt wird.

Und ich habe gemeinsam mit Kristina sehr erfolgreich eine Petition gestartet, die es sogar mit geschafft, ein Gesetz zu stoppen.

Dennoch hat mich meine Angst und die Depression an vielem gehindert.  Sie hat mich oft Erreichtes und Schönes vergessen lassen und die Verhörlampe auf das gerichtet, was nicht so gut lief, was rückblickend falsch war. Ähnliche Gedanken spiegeln mir auch immer wieder meine Leser*innen wieder.

Aber ich sehe das Ganze mittlerweile anders. Ich blicke nicht mehr auf die Vergangenheit als eine Ansammlung verpasster Chancen. Es war und ist mein ureigenes Leben und wie bei jedem anderen Menschen auch, habe ich mal gute, mal schlechte Entscheidungen getroffen. Ich bin sehr glücklich verheiratet, habe drei tolle Kinder, lebe sicher unter dem eigenen Dach mit genug von allem, was man braucht. Letztlich definiert sich Glück nicht aus Leistungen sondern aus dem, was man wertschätzt, aus dem, was man oft nicht mal als wertvoll erkennt.

Meine größte Erkenntnis in den Kliniken war, dass ich vieles erreicht und gut gemacht habe, dass ich sagen kann, es gibt kleine Momente, in denen ich die Welt zumindest für ein paar Menschen besser machen konnte.

Jeder von uns hat Chancen im Leben. verpasst, jeder von uns weiß sicher zig Lebensmomente, an denen eine andere Entscheidung das Leben hätte vollständig anders aussehen lassen können. Aber das ist ein Rückblick, den wir jetzt werten, obwohl wir ihn in der damaligen Situation betrachten müssten, was das Ganze oft relativiert, weil man dann doch erkennt, dass man mit dem damaligen Wissen und den Lebensumständen oft die bestmögliche Entscheidung getroffen hat.

Wir alle tendieren dazu, zu hinterfragen, ob wir im Leben alles richtig gemacht haben. Aber Achtung, Spoiler Alert. Nein, sicher nicht. Wir alle haben Fehler gemacht, machen sie heute und werden sie Morgen machen. Wir segeln durch unser Leben ohne Seekarte und Kompass, wir reisen auf Sicht. Und viel zu oft verpassen wir beim Blick in die Vergangenheit oder die Zukunft, dass lediglich das jetzt der Moment ist, den zu beeinflußen wir in der Lage sind. Sicher, eine gewisse Vorsorge ist gut und so manche Erinnerung lässt sich nicht so einfach eliminieren, weil sie uns eben zu dem gemacht hat, was wir heute sind.

Aber so klischeehaft „Carpe Diem“ also nutze den Tag klingen mag. Es ist in den allermeisten Fällen die einzige Chance, die wir haben.

Was werden wir von Corona lernen?

Ich kann nicht sagen, was jeder Einzelne aus dieser Krise mitnehmen wird, aber ich fürchte, die Wirtschaft wird all zu schnell wieder in die alten Muster verfallen.

Alleine schon, wenn ich Manager in Online Meetings klagen höre, dass doch endlich wieder der persönliche Kontakt stattfinden müsse.

Aeh nein für mich nicht. Zumal das viel zu häufig mehr mit Macht, mit Unterordnen, mit Kontrolle zu tun hat. Wir sollten uns zu mündigeren Menschen entwickeln. Wohlgemerkt mündig, nicht dumm. Diejenigen, die so laut schreien dass sie angeblich selbst denken und man das doch auch tun solle, die denken oft am unselbständigsten, folgen den wirren Verschwörungstheorien von Köchen und verkrachten Musikerexistenzen.

Was wir aber alle mitnehmen sollten. Die Zeit des da oben und da unten geht zu Ende.  Und die Zeit des Konsums um des Konsums Willen auch. Selten habe ich Werbung für so deplaziert empfunden wie gerade jetzt, wo irgendwelche Luxusgüter zu kaufen, das allerletzte wäre, worüber ich nachdenke.

Wir sollten die Pandemie auch als Chance sehen, über unser bisheriges Verhalten nachzudenken. Vielleicht wird es bald kein Fridays for Future mehr brauchen, weil wir endlich mehr in gesellschaftlichen Zusammenhängen denken, als nur an uns. Vielleicht auch, weil wir etwas über den Konsumzwang lernen, den uns die großen Konzerne gebetsmühlenartig als normal verkaufen wollten. Kultur und Kunst wird runtergefahren aber die Wirtschaft, der höchste Götze der Gegenwart, die muss unbedingt am Leben gehalten werden. Wenn sie groß ist. Wenn sie Lobbyisten auf dem Schoss der Politik hat.

Womit beschäftigen wir uns alle in Zeiten des Lockdowns, was macht ihn für uns alle etwas erträglicher? Literatur, Filme, Kunst. Und genau da werden Existenzen vernichtet. Wollen wir wirklich aus dieser Pandemie gehen mit einer Welt, die noch mehr die Wirtschaft vergöttert? Wir brauchen Kunst, wir brauchen Kultur, weil sie seelenrelevant ist. Kunst und Kultur ist für mich kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. So wie wir Nahrung für den Körper brauchen, um zu überleben, brauchen wir auch Nahrung für die Seele.

The arts are essential to any complete national life. The State owes it to itself to sustain and encourage them…

(Die Künste sind von elementarer Bedeutung für jedwedes vollständige nationale Leben. Der Staat schuldet es sich selbst, die Künste zu erhalten und zu fördern….)

Winston Churchill: Royal Academy on 30 April 1938

Aber vielleicht werden wir mal wieder gar nix lernen und business as usual weitermachen.

Was ist eigentlich Scham?

Zunächst mal Dankeschön an Laura, die mich eingeladen hat, für ihren Podcast über Scham und Schamgefühl zu sprechen. Wenn der Podcast online ist, werde ich ihn hier verlinken.

Sucht man bei Wikipedia nach dem Begriff „Scham“, findet sich ein ganzes Sammelsurium soziokultureller, philosophischer, anthropoligischer  und diverser anderer gesellschaftlich-wissenschaftlicher Erklärungen zum Begriff Scham, seiner Herkunft, der Entstehung des Schamgefühls und so weiter und so weiter.

Mich interessiert aber hier vor allem, wie ich durch Scham und Schamgefühl beeinflußt, bin welche Teile meines Lebens davon gesteuert oder verurteilt wurden und werden und wo ich mein Schamgefühl verloren habe und warum.

Mich interessieren hier vor allem die Schamgefühle, die ich habe oder hatte, obwohl sie im Rückblick unnötig oder sogar schädlich waren und sind.

Gerade der gesellschaftliche Aspekt von Scham ist hier für mich interessant, da er mein Leben über viele Jahre hinweg bestimmt hat und auch heute noch viel zu oft mein Handeln und Denken beeinflußt.

Gerade in der Werbung und insbesondere im Bereich des körperlichen wird die Schamhaftigkeit des Menschen häufig ausgenutzt. Man wird sehr gerne als defizitär dargestellt, wenn man nicht Produkt a oder Kleidungsmarke b nutzt. Natürlich wird kein Marketingfuzzi das gerne zugeben, schon gar nicht, dass oft etwas vorgegaukelt oder nennen wir das Kind ruhig beim Namen, gelogen wird. Gott sei Dank hat sich hier auch durch die #metoo Bewegung einiges verändert, werden Normen und insbesondere Frauenbilder hier mittlerweile hinterfragt.

Aber dennoch wird nach wie vor oft die „Schäm dich für dein Defizit“ Karte ausgespielt.

Und oft ist Scham auch paradox. Gerade im Bereich der Sexualität halte ich vieles, was in unserer Kultur schambehaftet ist für schlichtweg falsch.

Wir schämen uns, in Kontexten nackt oder leicht bekleidet zu sein meiner Ansicht nach oft viel mehr deshalb, weil wir glauben, nicht der Körpernorm aus Medien und Werbung zu entsprechen. Aber diese Norm ist so weltfremd, so menschenfeindlich, dass eigentlich fast jeder aus der Norm fällt. Sind wir doch mal ehrlich, gerade wenn etwas nicht der Norm entspricht, ist es doch oft interessant.

Hier finde ich sehr spannend, dass mittlerweile zum Beispiel Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder nicht normgerechten Körpern nicht mehr länger Scham ihr Leben beherrschen lassen. Erotische Fotografien nicht normgerechter Körper, keine Verbergen mehr von Prothesen sondern vielmehr stolzes Tragen zum Beispiel ganz besonders gestylter künstlicher Arme oder Beine. Es bewegt sich was, auch deshalb, weil immer mehr Menschen erkennen, dass Scham in diesem Bereich auch viel mit Ausgrenzung und Diskriminierung zu tun hat.

Scham hat sehr oft etwas mit gesellschaftlichen und kulturellen Normen zu tun. Dabei ist es wichtig, diese immer wieder zu hinterfragen, zu prüfen. Selbst meine eigene Geschichte ist schambehaftet und erst durch „den Zwischenfall“ habe ich viel meiner unnötigen Schamgefühle verloren.

Was meine Scham bezüglich meiner Sexualität oder meines nackten Körpers angeht, war die nie besonders ausgeprägt. Als ich während meiner Therapie durch die Medikamente als Nebenwirkung impotent wurde, war es für mich nicht sonderlich schwer, dies vor meiner Therapeutin anzusprechen.

ABER: Ich konnte extrem gut über die Scham vor Blamage im beruflichen Umfeld gelenkt werden. Sobald Defizite, Fehler oder schlicht mein Wertemodell eventuell meine berufliche Laufbahn oder schlicht die Möglichkeit, durch das Geldverdienen zu überleben bedrohen konnten, schämte ich mich zutiefst für jeden noch so kleinen Fehler. Auch oder gerade das war ein ganz großer Faktor auch beim Suizidversuch. Ich schämte mich, weil ich glaubte, ein Versager zu sein, nichts zu können, beim Vortäuschen erwischt worden zu sein. Scham wird im Alltag sehr oft auch genutzt, um Menschen dazu zu bewegen, etwas zu tun, was sie sonst nicht tun würden.

Ich halte es für extrem verwerflich, welches Bild Medien und Öffentlichkeit zum Beispiel viel zu oft von Menschen zeichnen, um den Status Quo zu bewahren Wer in unserer Gesellschaft keine Arbeit findet, soll sich schämen und wird als Arbeitsloser all zu oft stigmatisiert. Wer nicht dem Konsumwahnsinn folgt, fühlt sich schnell ausgeschlossen oder defizitär.

Gleichzeitig verlieren Menschen in Machtpositionen immer mehr jede Scham. Für mich ist Donald Trump kein Einzelfall, sondern nur die extreme Form der Schamlosigkeit, die heute bei all zu vielen Menschen mit Macht vorherrscht.

Natürlich ist auch die Sexualität ein Feld, in dem vieles noch all zu sehr schambesetzt ist. Wir sind sicher schon weiter als noch vor Jahren, wenn es die Akzeptanz von Homosexualität oder bestimmten sexuellen Vorlieben angeht (okay, mit Ausnahme einiger, die in ihrer Sichtweise irgendwo bei der Inquisition und der Prüderie vergangener Jahrhunderte hängen geblieben sind) eigentlich sollte sich niemand für seine sexuellen Neigungen schämen müssen, sofern sie sich im Rahmen des ethisch moralischen Kontexts bewegen.

Missbrauch von Menschen, unabhängig von Alter oder Geschlecht ist falsch und wird es auch immer bleiben. Aber alles, was gesetzlich und kulturell nicht verboten ist, sollte nicht Grund für Schamhaftigkeit sein. im Gegenteil, gerade das Verstecken führt hier oft zu Problemen oder verhindert, dass Menschen, die sich hier außerhalb von Gesetz und Moral bewegen zur Rechenschaft gezogen werden. Es war ein sehr großer, sehr wichtiger Schritt, als Frauen es wagten, trotz kulturell indoktrinierter Scham, Missbrauch durch Männer öffentlich zu machen, Diskriminierung offenzulegen und zu hinterfragen, warum der Körper einer Frau entweder abgewertet wird, weil nicht einer Schönheitsnorm entsprechend oder sexualisiert wird, weil Männerfantasien befriedigt werden sollen.

Ich finde es eine berechtigte Frage, warum das Bild eines nackten männlichen Oberkörpers überhaupt kein Problem darzustellen scheint, eine nackte Frauenbrust aber mit nahezu 100% Sicherheit zum Beispiel in den sozialen Medien zu einer Mischung aus Anzüglichkeiten bzw. zu Zensur führt, selbst wenn diese Darstellung in Kontexten vorkommt, die eher medizinischer Natur sind wie Brustkrebsaufklärung und ähnlichem. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen, oder es wird der männliche Blick als Rechtfertigung für Zensur angeführt.

Etwas übertrieben gesagt, sollte es weder ein Grund für Zensur sein, wenn ein nackter Frauenkörper ästhetisch nackt dargestellt wird. Scham wird im Bereich der Sexualität noch all zu oft als Druckmittel eingesetzt. Missbrauch wird verheimlicht, weil ein falsches Schamgefühl die Opfer schweigen lässt.

Scham ist sicher in vielen Bereichen ein soziologischer oder moralischer Stellhebel, der oft sinnvoll ist.

Aber selbst heute, in einer angeblich so aufgeklärten Zeit wird Scham noch zu oft eingesetzt um zu lenken, zu beeinflußen oder zum Schweigen zu bringen.

Sobald ich mich für etwas schäme, sollte ich genau hinterfragen, ob diese Scham berechtigt ist oder ob ich mich schlicht nur deshalb schäme, weil ich glaube, hier defizitär zu sein. Scham darf schützen aber nicht behindern. Schamhaftigkeit darf nie dazu führen, dass Menschen mit Grenzüberschreitungen davonkommen.  Es sind sehr viel seltener die Täter, die sich schämen als die Opfer. Mein Suizidversuch und das, was zu ihm geführt hatte, nämlich eben auch Scham vor vermeintlichem beruflichen Versagen hätte mich nicht nur fast das Leben gekostet, es hat mir schon Jahre zuvor das Leben zur Hölle gemacht. Heute schäme ich mich auch noch viel zu oft wo es gar nicht angebracht ist.

Der Unterschied? Ich erkenne es häufiger und es gelingt mir häufiger, die Scham umzulenken in Richtung eines Hinterfragens der Normen, die meine Scham auslösen oder zu hinterfragen, ob sie überhaupt angebracht ist

Wir schämen uns zu oft für die völlig falschen Dinge und wir schämen uns zu oft.

Ergänzung:

Natürlich konnte dieser Beitrag erst ein kleiner Abriss sein, es gäbe und gibt da noch viel mehr Aspekte und Themen anzumerken. Deshalb wird das wohl auch eher der Auftakt einer Reihe sein, die sich mit Scham- und Schuldgefühlen befassen wird.

Und weil vermutlich wieder viele falsche Hälse darauf warten, gefüllt zu werden.

Schickt mir gerne die Drohbriefe. Die werden gesammelt, wer weiß, wofür das noch gut ist 😉

 

Jetzt lass doch mal los

Etwas, von dem ich mich relativ zügig verabschiedet habe, als ich in den Kliniken mehr über mein wahres Ich gelernt habe, waren falsche Erwartungen, falsche Ziele, falsche Ideale. Ich glaube mittlerweile, das war das eigentlich Schwierige. Einzugestehen, dass ich zwar ein guter Informatiker bin, aber im Herz ein Autor, ein Maler, ein Künstler. Und diesen Begriff „Künstler“ ernst nehmen, nicht abtun, so wie es meine Eltern taten, als ich diese Laufbahn einschlagen wollte.

Auch wenn wir meinen, wir würden über unser Leben entscheiden, erlauben wir viel zu vielen Menschen, für uns zu entscheiden oder sollten wir gar die Chuzpe haben, uns gegen deren Entscheidung wehren, dann wird gegen uns vorgegangen.

„Herr Hauck, sie spielen rum, sie organisieren sich schlecht“, gesagt von einem Gestrigen, der nicht wahr haben wollte, dass ich bereits digital arbeitete, wo er noch so sehr in sein Papier verliebt war. Nur ein Jahr später gab es dann das erste dienstliche Smartphone und vergessen war der Vorwurf der Spielerei, aber nicht vergeben die Konsequenzen.

Mittlerweile bin ich sehr vorsichtig bei unaufgeforderten Ratschlägen. Im Ratschlag steckt der Schlag, der mir mit dummen, vorwurfsbeladenen Ratschlägen gegeben wurde.

Aber auch ich muss loslassen. Vorwürfe und Schuldzuschreibungen mögen manchen unangenehmen Fakt leichter schluckbar machen, sind wie die Sauce beim Braten. Aber sie helfen nicht weiter. Wir müssen nicht vergessen, wer uns wohlwollend gesinnt ist und wer uns eher als Gefahr begegnet. Aber wir sollten loslassen, wenn es um Vergangenes Unrecht geht. Das wird nicht mehr besser und die allermeisten, die einem ein Unrecht zugefügt haben, sehen es gar nicht ein, dies sich oder uns einzugestehen, geschweige denn, sich zu entschuldigen.

Ich merke jetzt, wo ich leichter loslasse, wo ich mich als Person sehe, unabhängig von den Erwartungen anderer, dass ich wieder bei mir bin, wieder der Mensch, der einmal Kunst, Kreativität geliebt und gelebt hat. Es ist noch nicht zu spät. Ich werde versuchen, so authentisch wie möglich zu sein.

Und ungebetene Ratschläge bekommt ihr von mir hoffentlich nie zu hören. Eher schon einen Blick auf mein Erleben und meine Erkenntnisse daraus.