Ich wollte doch nie nett sein. Freud und Leid eines netten Kerls

An manche Dinge wird man erst durch seine Kinder wieder erinnert. Meine Frau und ich sind stolz auf unsere drei. Aber immer wieder erkenne ich in ihnen Wesenszüge, die  ich auch von mir kenne.

Vorneweg, nicht falsch verstehen, ich bin gerne „nett“ und hoffe auch, dass unsere Kinder weiterhin so „nett“ bleiben, wie sie es bislang sind.

Will sagen, sie haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, wenig Lust auf harten Wettkampf, versuchen meist den Schwächeren zu helfen und gehören nicht zu den „zentralen Rowdie Cliquen“ in ihrem Umfeld. Lehrer mögen Sie, Eltern die sie kenne mögen sie….. Na ja, ihr wisst, was ich meine.

So weit so gut.

Aber ich erinnere mich. Es war zwar den Erwachsenen früher sehr recht, dass ich ein „netter Kerl“ war, aber im täglichen Umgang mit Gleichaltrigen, da hatte ich immer so meine Probleme. Weil es immer irgendein „Arschlochkind“ gab, hinter dem meist auch noch „Arschlocheltern“ standen, die egal was das Kind anstellte, es verteidigten. Wurde mir von solche einem Kind etwas geklaut, nein unmöglich, das konnte nicht stimmen, das hatte ich mir nur eingebildet. Auch die Mädels damals fanden  mich alle supernett, mit mir konnte man über alles reden, ich war ein super Kumpel, aber als Freund, da suchten sie sich in schöner Regelmäßigkeit die fiesesten Typen aus, die sie ausnutzten und kamen dann zum Schluss verblüfft, unter Tränen zu mir, weil sie gar nicht verstehen konnten, wieso er so sein konnte. Und auch später war und bin ich immer hilfsbereit gewesen, bin es heute noch, gebe nicht mit meinen Leistungen an (frei nach dem Motto: Mit Kompetenz ist es wie mit Potenz, wer sie hat, spricht nicht darüber). Einfach ein (zu?) netter Kerl.

Und da denke ich im Moment drüber nach. Wir regen uns gerade wieder über bestimmte Promis auf, die Steuern hinterzogen haben, sich von einer Frau zur nächsten schlafen oder über Politiker, die ihren eigenen Vorteil und die Lobbies mehr achten, als den Bürger, ihren eigentlichen Auftraggeber.

Die effektiv negativen Aspekte sind natürlich, dass ich einfach nicht wirklich auf den Tisch hauen kann und den ungerechten, dummen, gemeinen Menschen die Meinung sagen. Dafür bin dann wieder zu nett. Aber ich persönlich kann damit leben, dass ich Kritik nur dann liefere, wenn ich damit niemand verletze. Viele andere sind so verletzend, wie ich es nie sein möchte.

Nur mal ganz ehrlich. Leben wir eigentlich wirklich in einer Gesellschaft, in der der nette, der ehrliche, der gute Mensch erfolgreich sein kann? Die Welt ist extrovertiert, auf Kampf fokusiert, auf Konkurrenz auf all jene Dinge, die eben nicht von einem netten Menschen  von ganzem Herzen geleistet werden können.

Denn die meisten großen Konzerne wollen doch Profit, nicht das Wohl des Kunden. Wer Karriere machen will, muss doch auch heute noch darauf gefasst sein, in einen oft brutalen Verdrängungswettkampf einzusteigen. Und wer glaubt, dass Politik, Werbung, die Medien ehrlich zu uns sind. Na ja…

Wir beschweren uns über die Betrüger, die Steuerhinterzieher, aber wer ist denn wirklich immer selbst im Alltag ehrlich? Warum ist es immer noch eine herausragende Story, wenn bei einem Unfall erste Hilfe geleistet wird, wenn ein verlorener Geldbeutel zurückgegeben wird oder Menschen in Krisen von ihrem Umfeld uneigennützig geholfen wird?

Gibt es wirklich irgendwo ein Umfeld, in dem der einfach nur „nette“ Mensch, der sein Talent zum Wohle anderer einsetzen will, ohne dabei gleich ausgenutzt zu werden, friedlich existieren kann?

Im Moment habe ich das Gefühl, wir alle sehen die Welt wie eine römische Gladiatorenarena. Und bereiten so auch unsere Kinder auf das Leben vor. Denk an dich selbst, pass auf, dass ein anderer dir nichts wegschnappt.

Wer nicht dauernd lauthals auf seine Leistungen hinweist, sich durch permanentes in den Vordergrund drängen sichtbar macht, wer einfach nur etwas herausragendes leisten will, der wird doch von denen überrollt, die meist weniger leisten, aber lauter darüber berichten, oft nicht ganz ehrlich zudem.

Das will ich aber nicht, das ist nicht das, was ich unter guter Erziehung verstehe. Vielleicht stimmt ja, was mir mal ein Twitterer geschrieben hat, und was ich mir immer wieder sage, wenn ich daran zweifle, ob  nette Kinder wirklich auch erfolgreich sein können.

Meine Aufgabe als Elternteil ist es, meinen Kindern immer genau die Herausforderungen zu bieten, an denen sie positiv wachsen können. Alles andere ergibt sich von selbst, denn ich bin nur der Bogen der den Pfeil abschießt. Danach sucht sich der Pfeil seinen Weg selbst.

Und der Weg, den ich mir persönlich für meine Kinder wünsche ist eben ein netter, ein guter, ein menschlicher Weg. Einige wenige Zeichen zeigen, dass es wohl noch andere Menschen gibt, die so denken. Und das ermutigt.

 

Social Media und Hochsensibilität als wichtiges Talent: Boston erlaubt kein Business as usual

Die Ereignisse in Boston sind furchtbar. Man sitzt fassungslos vor den Bildern, fragt sich warum.

Und wer hier auch nur ansatzweise sensibel ist weiß, dass jetzt kein „Business as Usual“ kommen darf. Wer jetzt die gleichen Botschaften nach draußen schickt, sich weiterhin nur um „seine“ Interessen kümmert, der zeigt, dass er ein wichtiges Talent eines guten Social Media Managers nicht besitzt oder zumindest nicht den Freiraum, es auszuleben.

Ich behaupte, der gute Social Media Mitarbeiter hat einen gewissen Hang zur Hochsensibilität, ein ausgeprägtes Gespür für Stimmungen, Wirkungen und vor allem auch (Mit-)gefühl. Denn jetzt gilt es, sehr sensibel zu reagieren. Genau abzuwägen, inwieweit gewisse Inhalte gehen, in wie weit man sich zurückhalten sollte. Wer nun immer noch mit Themen rund ums Laufen wirbt, sollte genau hinsehen, ob er nicht falsche Assoziationen weckt.

Wer weiterhin an seiner weichgespülten „wir sind doch alle so glücklich“ Attitüde in seinen Werbebotschaften auf den sozialen Plattformen anhaftet, der kann schnell erleben, wie die Meinung der Öffentlichkeit sich gegen ihn wendet. Das ist vielleicht eine der wichtigsten Botschaften für Unternehmen, die ja gemeinhin alles für die Rendite tun.

Sucht euch hochsensible Menschen für die Kommunikation in den sozialen Medien. Denn es braucht viel Feingefühl im täglichen Umgang, Sinn für unterschwellige Stimmungen und vor allem auch das Gefühl dafür, wann Ereignisse in der Welt ein „weitermachen wie bisher“ für eine gewisse Zeit verbieten.

Meine Gedanken sind bei den Opfern und deren Familien. Und ich hoffe, dass genug Sensibilität bei den entsprechenden Verantwortlichen herrscht um zu erkennen, dass diese Geschehnisse wieder einmal das beste im Social Media Manager herausfordern. Das Feingefühl.

 

Update: Scheine da ein Thema getroffen zu haben, auch von anderer Seite gibt es Hinweise zum richtigen Umgang mit verstörenden Ereignissen im Rahmen von Social Media: The Brand Marketer’s Checklist When Tragedy Strikes

Blogparade: Vater sein das ist doch schwer

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Was mit der Familie unternehmen,für mich sehr wichtig. (Ja, wir klopfen hier Steine, aber Schiefersteine, um Fossilien zu finden. Auch so ein Punkt, selbst auch zur Bildung der Kinder beitragen)

Aus gegebenem Anlass will ich jetzt  mal eine Blogparade starten, die sich darum drehen soll, wie „wir Männer und Väter“ im Alltag mit der Rolle umgehen.

Die Idee ist mir gekommen, weil ich feststellen muss, dass aus bestimmten Zwängen heraus wir uns für eine sehr traditionelle Form der Familie mit dem Vater als alleinigem „Ernährer“ entschieden haben, ich aber gleichzeitig die Familie sehr wichtig finde und eigentlich mit traditionellen Rollenmodellen so meine Schwierigkeiten habe. Ernäher oder Ernäherin, beide im Beruf oder nur einer, schwule Partner mit Kindern, alles für mich nicht diskutierbar sondern selbstverständlich möglich. Aber ist das auch in der Allgemeinheit so?

 

Folgende Fragen stelle ich mir und euch:

a) Ganz ehrlich,was hat oberste Priorität: Beruf oder Familie

Bei mir ganz klar die Familie, da ich immer für meine Kinder da sein will, wenn sie mich brauchen

b) Wie kriegt ihr das im Alltag geregelt?

Bei mir sehr gut, da ich bei meinem Arbeitgeber ein gutes Gleitzeitmodell habe

c) Glaubt ihr, ein sichtbares hohes Engagement für die Familie kann die Karrierechancen reduzieren?

Glaube ich für mich zwar nicht, wäre aber auch für mich kein Grund, den Fokus anders zu setzen. Bin da ebenfalls Gott sei Dank bei einem familienfreundlichen Arbeitgeber unterwegs, sollte sich da aber was ändern, würde ich dennoch die Familie an erste Stelle setzen.

d) Glaubt ihr, dass die junge Generation umdenkt? Was müsste sich gesellschaftlich verändern, damit hier niemand mehr „Sorge um die Karriere“ haben muss?

Es müsste meiner Ansicht nach viel Druck aus der aktuellen Wirtschaft rausgenommen werden. Mehr Freiräume, weniger Leistungsdruck.

e) Seht ihr einen Zusammenhang zwischen Branche, Karriere und Familienvater sein können? Oder hängt es an der Größe des Unternehmens? 

Ich persönlich denke, es liegt vor allem daran, wie schierig die Arbeitskraft zu finden ist. Wer Probleme hat, neue Mitarbeiter zu gewinnen, denkt mehr darüber nach, was neben der Arbeitsstelle noch wichtig sein könnte.

f) Wo lebt ihr? Auf dem Land oder in der Stadt? Und macht das eurer Meinung nach einen Unterschied?

Ich denke, gerade auf dem Land werden immer noch sehr viele alte Klischees bedient.

g) Wie läuft es für eure Partnerin? Hat sie die gleichen Probleme oder ist das doch eher ein „Männerding“?

Die Frage stellt sich bei uns leider nicht, da meine Frau in ihrem erlernten Beruf niemals genug Geld verdient hätte, um eine Familie mit 3 Kindern zu ernähren. Insofern entschieden wir uns gemeinsam für die klassische „Der Vater ist der Ernährer“ Rolle. Wobei sie schon darüber nachdenkt, wieder in das Berufsleben einzusteigen, wenn es die Situation erlaubt und es sich für die Familie auch rechnet.

 

Ich würde mich sehr über eure Ansichten zu dem Thema freuen. Und darüber, dass ihr diesen Aufruf weiter streut.

Und nein, ich will hier nicht die erwerbstätigen Frauen diskriminieren. Ggf. wird es hier auch eine zweite Blogparade geben. Es geht mir erst mal darum zu sehen, ob die Männer immer noch in Klischees gefangen sind  oder sich immer noch überkommene Rollenbilder vorgaukeln.

 

Warum mir Egoshooter lieber sind als die sogenannte „Realität“


Zugegeben, das Buch „reality is broken“ von Jane McGonigal hat mich für diesen Artikel inspiriert. Aber schon immer brannte mir die Frage auf der Seele, warum offensichtlich in Deutschland jeden Abend 2-3 Stunden vor dem Fernsehschirm vor zum Teil abgrundtief schlechtem und niveaulosem Programm zu sitzen allgemein anerkannt zu sein scheint, es aber zu Verrohung und Amokschützen führen soll, wenn Jugendliche und Erwachsene sich in kooperativen Egoshootern zusammenfinden, um gemeinsam gegen Aliens oder andere Feinde zu kämpfen.  Und wer hier Egoshooter zu Killerspielen degradiert, der zeigt sich nur als ewig gestriger, der sich weder vernünftig mit der Materie noch mit den zum Teil hochkomplexen Handlungen und strategisch äußerst anspruchsvollen Inhalten dieser Spiele auseinandergesetzt. Das Spiel ist aber leicht als Schuldiger zu degradieren, denn den Fehler da zu suchen, wo er existiert, in der zerbrochenen, egomanischen Gesellschaft ist ungemein schwerer und Würde echtes Handeln im Sinne des Bürgers, statt populistischer Symbolik verlangen.

Die Zeiten des egomanischen Einzelkämpfers, der für sich alleine alles abballert, was nicht bei drei in der Deckung oder auf den Bäumen ist, ist längst vorbei. Gerade Spiele wie die Halo Serie oder Online Spiele wie Eve Online oder auch Star Wars the Old Republic legen insbesondere Wert auf Fähigkeiten wie Hilfsbereitschaft, strategisches Denken und kooperatives Handeln.

Was also macht zum einen Computerspiele für so viele Menschen so attraktiv und lässt gleichzeitig viele so unkooperativ im Alltag werden? Ein Faktor ist mit Sicherheit der im Moment vorherrschende Kult des Egos. Nach oben kommen, mit den Ellenbogen für die Karriere kämpfen, Selbstverwirklichung auch auf Kosten anderer sind anerkannt, werden gar gefördert mit solchen Fragen wie „wo sehen sie sich in 5 Jahren“ und wer Karriere machen will, darf auch heute noch nicht zimperlich sein, muss bereit sein, auch auf Kosten anderer seine Karriere voranzutreiben.

Dabei sind die Inhalte der Berufe und die Aufgaben des Alltags immer konformer, immer weniger erfüllend. Kann die Mehrheit von sich behaupten, einen Beruf zu haben, in dem sie für ein größeres, besseres ganzes arbeitet? Und wenn sie das tut, kann sie behaupten, dann auch gerecht bezahlt zu werden? Je inhaltsleerer für das Wachsen der Gesellschaft ein Beruf ist, um so besser bezahlt scheint er zu werden.

Die Krankenschwester, der Pfleger kämpfen am Existenzminimum, leisten aber großes für Menschen und Gesellschaft. Der Investmentbanker schiebt Geld hin und her und vernichtet damit gelegentlich auch die eine oder andere Existenz, erhält dafür aber unanständig hohe Honorare. Beraten wird nicht mehr zum Wohle des Kunden, sondern zum Wohle der Abschlußprämie.

Die Realität ist wahrlich kaputt wie McGonegal so richtig erkannt hat. Und deshalb „flüchten“ sich immer mehr Menschen in Computerspiele. Aber interessant daran ist nicht die Flucht an sich, sondern die Gründe dafür. McGonegal hat hier ein paar sehr interessante Aspekte genannt, deren wichtigster meiner Ansicht nach die Suche nach einem höheren Sinn, einem Erlebnis von Gemeinschaft, von gemeinsamem Arbeiten für ein größeres ganzes ist.

Und hier greift, was ich als die interessanteste Entwicklung der Gegenwart betrachte. Gamification, also ein spielerischer Umgang mit den Aufgaben und Hürden des Alltags. Natürlich wird nie alles ein Spiel sein, aber gerade die Strategien und Ideen aus der Spieleentwicklung, die von der Dauermotivation eines Spielers zum weiteren Spielen über die Erzielung von Erfolgserlebnissen und einem Gemeinschaftsgefühl gehen sollten, ja müssen wir auf den Alltag übertragen. Und erste Ansätze, so habe ich auch bereits in meinem letzten Blogbeitrag geschrieben lassen sich im großen Erfolg der sozialen Netze erkennen. Wir wollen teilen, wollen zu einem gemeinsamen ganzen beitragen. Aber Wirtschaft und Politik behindern hier immer mehr, grenzen aus, machen alles zum Zwang zum abzumessenden, zu bewertenden, benotenden Pflichthandeln. Freude ist im heutigen System nicht vorgesehen, oder wenn, dann bitte im privaten, die Arbeit hat nicht Spaß zu machen, sie hat Spitzenleistung zu liefern. Der Mensch ist in diesem System eigentlich gar nicht vorgesehen, wird nur geduldet, wenn er sich den Mechanismen eines sehr calvinistischen Arbeitsdenkens unterordnet.

Ich sehe in Gamification, Serious Gaming und einer genaueren Betrachtung der Motivations- und Gemeinschaftsbildung durch Computerspiele und Social Networks eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre. Oder um es anders zu formulieren, akzeptabler auch für den Kritiker. Wir sollten uns Gedanken machen, warum so viele Menschen so häufig in Spielewelten verschwinden und was denn in der „echten“ Realität so falsch läuft. Denn nicht die Spieler oder die Spielewelten sind das Problem. Die Realität ist es, die dem einzelnen kaum noch echte, kooperative Entfaltungsmöglichkeiten, Ruhezonen, Wege, sich kreativ auszudrücken bietet. Wir müssen weg von der übercontrollten berechneten Betriebswirtschaftsrealität und wieder hin zu einer sozialen, humanistischen Realität. Auch wenn das manche nicht gerne hören. Die Wirtschaft muss wieder für den Menschen da sein, nicht umgekehrt. Wir müssen in eine Gesellschaft investieren, die anstelle des Shareholder Value den Society value wieder als höchsten anzustrebenden Wert definiert.

Reality is broken. But we still can fix it. By having REAL fun!

Und wer noch etwas Zeit für ein Video hat, dem kann ich folgenden Vortrag von Jane McGonigal nur dringend ans Herz legen.

Der Erfolg von Social Media ist der Misserfolg der Realität

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Auch Barcamps und deren wachsender Erfolg zeigen den Wandel hin zu Zusammenarbeit jenseits von Hierarchien

Immer wieder behaupten Gegner von Social Media, das sei ja nur ein Trend, eine Mode, das ginge wieder vorbei. Ich behaupte, Social Media wird gerade durch unseren Alltag zum Erfolge verdammt. Immer weniger Menschen können in Berufen arbeiten, die sie erfüllen, die sie in der alltäglichen Arbeit einen höheren Sinn sehen lassen. Unser Leben wird immer mehr durch Vorschriften, Regularien und Misswirtschaft einiger weniger eingeengt und überwacht.

Da ist Social Media quasi eine Art neuer Gegenbewegung, die es ermöglicht, jenseits von öffentlichen Vorgaben, Hierarchien oder Denkmustern sich auszutauschen, Ideen, neue Gedanken und Erfahrungen zu teilen. Nicht umsonst begann der wahre Hype um Social Media Plattformen wie Twitter oder Facebook stets mit Fehlentwicklungen in der „realen Welt“. Zensursula oder die Revolution in Ägypten sind hier nur einige Beispiele. Wo die öffentliche Diskussion sich in polemischen Allgemeinplätzen von Managern und Politikern erschöpft, wo sich der Mensch nur noch als verplanbare Humanressource oder als Last (Hartz IV Bittsteller) erlebt, da sucht er zwangsläufig nach einem Gegenmodell.

Und gerade die Vernetzung über soziale, institutionelle und Ländergrenzen hinweg lässt neue Wege entstehen, sich jenseits der Massenmedien mit ihren platten, oft politikfreundlichen oder inhaltsleeren Nachrichten auszutauschen, und der Erfolg alternativer Nachrichtendienste wie Huffingtonpost oder propublica zeigt, dass die Vernetzung in sozialen Medien keineswegs ein Trend sondern vielmehr Ausdruck eines Bedürfnisses nach Sinn, nach Austausch und offener, gleichberechtigter Diskussion ist.

Während im TV die immer gleichen Fratzen von Talkshow zu Talkshow wandern um ihre zuvor geplanten Phrasen zu dreschen ohne auch nur ein Jota auf den Moderator, das Thema oder die Disputanten einzugehen, bildet sich im Netz eine Gegenöffentlichkeit, die frei, offen und auch kontrovers Inhalte diskutiert und oftmals die „reale Öffentlichkeit“ damit zu Reaktionen beeinflußt.

Und während die Mehrheit der Unternehmen Social Media als Kommunikationskanal mit dem Kunden auf Augenhöhe immer noch ignoriert und plumpe Werbephrasen über ihr ach so tolles Produkt in die Welt hinausposaunt konterkarieren diverse Webplattformen und Social Media Aufregungswellen (Shitstorms sagt man ja nicht mehr) genau dies auf den dummen Konsumenten zielende Werbung und fordern einen Dialog auf Augenhöhe und echte Information, ethischere Unternehmen, menschenwürdige Produktionsbedingungen.

So lange die „Reale Welt“ weiterhin dem einzelnen gegenüber so ignorant ja manchmal gar verletzend agiert, so lange Politiker und Manager dem Profit mehr huldigen als dem Bürger, so lange wird Social Media wachsen und gedeihen. Also vermutlich auch die nächsten Jahrzehnte.

Sind wir alle krank vor Arbeit?

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Für mich die einzig akzeptable Form des „Burn Out“

Es war ein eigentlich ruhiger Sonntag, ich gab den Wahlhelfer bei der lokalen Bürgermeisterwahl. Die Gespräche kreisten um die üblichen Themen (viele davon so gar nicht mein Ding 😉 ), aber immer wieder tauchte auch wieder die eine oder andere Geschichte von jemandem auf, der jetzt früh in Rente ginge, weil er krank wäre, der mit einem Burn Out im Krankenhaus oder der Reha läge oder, das nur als extremster Fall, das Familiendrama, das plötzlich auch den Schwäbisch Hallern bewußt machte, dass familiäre Gewalt und Amokreaktionen nicht auf die „Großstadt“ beschränkt sind.

Ich frage mich, was ist da los? Was haben wir geändert, um diese Steigerung zu provozieren. Sicher, es werden wieder einige sagen, das war früher auch schon so. Aber tut mir leid, in meinem Umfeld und auch in der Erinnerung an die Art, wie meine Eltern lebten kann ich mich nicht an solch hohen Druck und so viele Menschen, die keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen  erinnern.

Wir wollen Spitzenleistung, besser gesagt, wir werden gewollt. Wachstum steht über allem und was heute noch Spitze ist, ist Morgen schon Durchschnitt. Aber zum einen, Spitzenleistung geht NICHT auf Dauer ohne auszubrennen. Und Warum muss es eigentlich immer 120% sein? Ich habe das am eigenen Leib schmerzhaft erfahren müssen, was passiert, wenn man von sich permanent mehr verlangt. Und diese harte Bremse, ja ich gestehe offen, es war ein Burn Out, der mich knapp 6 Monate komplett aus der Bahn warf, hat mir vor Augen geführt, dass es mehr geben muss als das Ständige höher, schneller, weiter. Wir machen damit nämlich nicht nur unser eigenes Leben, die eigene Gesundheit kaputt, wir schädigen auch diejenigen, die uns wirklich wichtig sein sollten, die uns nicht für unsere Arbeit schätzen sondern einfach nur weil wir sind.

Aber es scheint Hoffnung zu geben. Zum einen Dank demographischen Wandels, zum anderen die sogenannte Generation Y, die laut eines Artikels in der Zeit offensichtlich andere Wertemodelle hat als alles der Karriere zu opfern und die, eben dank demographischen Wandels plötzlich auf Arbeitgeber trifft, die nach der raren Ressource Fachkraft suchen.

Es wäre wirklich zu wünschen, dass eine stärkere Balance zwischen Privat und Beruf Realität wird. Dann wären viele gesellschaftliche Veränderungen, die sich Medien und Politik so sehr herbeiwünschen wirklich möglich. Vielleicht nicht so wirtschaftsorientiert, wie es die Politik und die Manager wollen. Aber sicherlich gesünder für uns alle.

Oder wollen wir wirklich alle auf unserem Grabstein lesen: Er starb alleine, aber er hat sich erfolgreich zu tode gearbeitet.

Selbstverwirklichung zwischen Egoismus und Helfersyndrom

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Auch der Besuch von Barcamps und das Bloggen sind Teil meiner ganz persönlichen „Selbstverwirklichung“. Aber hier gilt, die Familie darf nicht leiden.

Johannes Korten schätze ich sehr, auch für seine manchmal sehr tiefen Gedanken. So hat mich sein Blogbeitrag „Selbstverwirklichung, auch so ein Thema“ gedanklich ziemlich lange beschäftigt. So lange, dass ich einfach ein paar dieser Gedanken verbloggen musste, und auf Diskussion, Reflektion, Feedback von euch Lesern hoffe. Ich will hier keine Blogparade draus machen, aber das Thema ist für mich bedeutsamer, als es mir auf den ersten Blick schien.

Zunächst einmal hat Selbstverwirklichung in meiner Warnehmung oft einen negativen Beigeschmack, wie auch Johannes schon feststellte. Wobei ich hier einschränken möchte, so lange es sich um eine berufliche Selbstverwirklichung in Form einer Karriere handelt wird das viel leichter akzeptiert, als im privaten Bereich. Manchmal scheint mir schon die Vernachlässigung privater und persönlicher Beziehungen und Interessen zu Gunsten der Karriere gesellschaftlich anerkannt, wohingegen jemand, der zu Lasten der Karriere private Selbstverwirklichung betreibt oft als egozentrisch, manchmal gar faul bezeichnet wird.

Andererseits, und da spreche ich auch aus eigener Erfahrung.  Wer nicht auch auf seine eigenen Bedürfnisse jenseits von Beruf und Karriere achtet, der setzt nicht nur seine Beziehungen aufs Spiel, sondern auch seine Gesundheit. Been there, done that, never again.

Andererseits kann man auch im privaten Bereich die Selbstverwirklichung übertreiben, vor allem, wenn man einen Teil seiner Erfüllung aus der Anerkennung anderer bezieht. Wie im Beruf ist hier vor allem derjenige gefährdet, der unter Perfektionismus und/oder Helfersyndromen leidet.

Aber für mich heißt Selbstverwirklichung in ihrer gesunden Form auch, eine gewisse Eigenliebe zu pflegen, ohne die man nicht wirklich offen, tolerant und gelassen auf andere zugehen kann.

Und ein weiterer Punkt ist für mich hier wichtig. Wer kann sich überhaupt selbst verwirklichen? In unserer heutigen, stark konsumorientierten Zeit fällt es extrem schwer, sich aus gewissen gesellschaftlichen Zwängen auszuklinken, nur weil man sie für sich als „hinderlich“ erlebt. Denn auch zur Selbstverwirklichung benötigt es Geld und oft sind Menschen gezwungen, die Selbstverwirklichung aufzuschieben, da sie sozialen und existenziellen Zwängen geschuldet zunächst fürs blanke Überleben arbeiten müssen. Selbstverwirklichung ist somit auch in gewissem Sinne Luxus, den man sich erst leisten kann, wenn man eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit erreicht hat.

Und wo hört die Freiheit der Selbstverwirklichung auf? Wann hindere ich mit meiner Selbstverwirklichung andere oder schade ich ihnen? Gerade als Partner, Vater und auch in meinen verschiedenen gesellschaftlichen Rollen muss ich immer auch darüber nachdenken, was meine Handlungen bei anderen bewirken. Gerade wer Kinder hat, hat sich auch darauf eingelassen, auf einen Teil seiner eigenen Selbstverwirklichung zu verzichten, weil er auch für das Kind oder die Kinder da sein will, ihnen Freiräume und Möglichkeiten schaffen. Das ist aber meist kein Opfer sondern als Teil der eigenen Selbstverwirklichung eingeplant (klingt etwas paradox, aber wer Kinder hat, versteht, wie ich es meine)

Zudem, wir sind oft auch bestimmten Zwängen unterworfen, die eine Selbstverwirklichung im Handeln und Denken zwar nicht verbieten, aber Konventionen auferlegen, die manchmal konträr zum eigenen Lebensideal stehen. So kann ich im bezahlten Beruf nicht einfach tun und lassen, was ich will, sondern werde für die Erledigung von Aufgaben bezahlt, die ich vielleicht im privaten anders oder gar nicht machen würde. Selbstverwirklichung hat also auch immer etwas mit persönlichen Freiräumen zu tun, mit der Möglichkeit zur uneingeschränkten Entfaltung.

Für mich ist und bleibt Selbstverwirklichung wichtig und richtig und jeder sollte im Rahmen seiner Möglichkeiten, so er niemand anderem damit schadet sich selbst verwirklichen.

Was mir wirklich noch auf der Seele brennt ist, dass in einem doch eigentlich so reichen Land wie Deutschland viele Menschen noch nicht einmal die Möglichkeit zu echter Selbstverwirklichung haben, weil sie schlicht um die Existenz kämpfen müssen.

Wovon ich zudem überzeugt bin. Selbstverwirklichung geht überhaupt nicht ganz alleine. Denn vieles, was uns wichtig ist, benötigt einen sozialen Kontext. Wir brauchen Anerkennung, Liebe, Zuneigung und viele andere Empfindungen und nicht materiellen Dinge zum eigenen Wohlbefinden und auch das ist für mich ein großer Teil der Selbstverwirklichung. Gerade Zuneigung ist etwas, das eigentlich jeder Mensch in der einen oder anderen Form braucht und auch das gehört zur „Wirklichmachung“ des Selbst dazu.

Was denkt ihr?

Endlich, der Postillon auf Android, Bundesregierung plant Maßnahmenpaket

Es ist so weit. Deutschlands wichtigstes Nachrichtenmagazin erscheint auch mobil für Android. Die Fachpresse jubelt, endlich ein Magazin mit knallharter Recherche, harten Fakten und unbarmherzigen Kommentaren der mobilen Kundschaft bereitgestellt zu sehen. Allein die Bundesregierung befürchtet einen wirtschaftlichen Zusammenbruch. So erklärt der Minister für bunte Bildchen, Geldgeschenke und schlechten Stil: „Wir können nicht zu lassen, dass unsere deutsche Wirtschaft darnieder liegt, weil die Arbeitnehmer plötzlich nur noch den Postillon lesen“. Man spricht gar davon, dass der Arbeitgeberverband ein Konkurrenzblatt auf den Markt bringen will, das von unnachahmlicher Langeweile, gigantischer Belanglosigkeit und immensen Platitüden und Worthülsen strotzen soll.

Aber lesen Sie selbst: Die werbefinanzierte Version, mit noch mehr glaubwürdigem Kontent

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oder die werbefreie Version für unverschämt teure 1,99 Euro:Postillon Premium, mit weniger Kontent, damit das Gehirn nicht so sehr belastet wird.

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