Warum ich meine Mutter immer noch hasse

Du musst ihnen verzeihen. Sie konnten nicht anders. Die Zeit damals. Es gibt so viele wunderbare Ausreden, warum der Groll, den ich immer noch insbesondere gegen meine Mutter in mir trage, doch mal ein Ende haben sollte.

Aber nein, so einfach lasse ich sie nicht davon kommen. Je mehr ich über meine Geschichte schreibe, je weiter „Freilandhaltung“, das Nachfolgebuch zu „Depression abzugeben“ voranschreitet umso klarer wird mir, dass es Dinge gibt, die ich nicht verzeihen werde, die ich nicht verzeihen will. Dass ich heute noch da bin, dass ich es geschafft habe, mit Sibylle den ersten Menschen zu finden, dem ich hundert Prozent vertraue, dass ich drei wundervolle Kinder habe. Alles Abzweige meines Lebenswegs, die ich nicht gefunden hätte, hätte ich meiner Mutter zu gegebener Zeit verziehen.

Für mich war der größte Schutz davor, aufzugeben bis zu jenem fatalen Tag, der rückblickend wie das Streitgespräch mit meiner Mutter multipliziert mit drei gewirkt hat. Dass man dann mit Drohbriefen und Kontaktverboten kam, ja, das hat die fatale Erinnerung nochmal doppelt so stark hervorgerufen. Gut gemeint ist halt manchmal katastrophal gedacht. Und dass manche Menschen für so toll gehalten werden, auch wenn man selbst die Fassade längst durchschaut hat, das macht den Umgang nicht einfacher. Wir wollen doch nur ihr Bestes. Jap, mag sein. Kriegt ihr aber nicht, behalte ich für mich.

Meine Mutter hat mir Chancen genommen, ist mitverantwortlich für meine Ängste, meinen mangelnden Selbstwert über all die Jahre hinweg.

Es mag sein, dass der Moment doch noch irgendwann kommt, an dem ich zum Verzeihen bereit bin. Aber vergessen werde ich all den Schmerz, all die Wut, all die Trauer sicher nicht. Selten hat ein Mensch so viel Unverständnis für mich gezeigt, mir so viel Schmerz zugefügt. Das Opfer soll immer vergeben, soll verstehen, wie es dazu kam. Damit der Täter sich wieder gut fühlen kann. In gewissem Sinne kann auch ich sagen #metoo . Mein Missbrauch war Liebesentzug, keine körperliche, aber psychische Gewalt. Mein Schmerz ist der der Einsamkeit, des Unverständnisses, des abgewertet werdens.

Nein, ich werde nicht vergessen. Und ob ich vergebe, das wird sich noch zeigen. Bislang gilt nach wie vor. Mein Mutter ist tot. Nichts, worüber ich zu trauern in der Lage oder auch nur gewillt bin.

Ich schreibe gerade an Freilandhaltung. An einem Kapitel, das sich sehr mit dem auseinandersetzt, was damals mit mir geschehen ist, was ich ausgehalten, was ich überlebt habe. Verzeihen? No way. Im Gegenteil. Veröffentlichen, ans Licht bringen, damit andere davon profitieren, daraus lernen oder sich an die eigene Geschichte erinnern, seien sie Opfer oder Täter. Und den Tätern wünsche ich, dass sie immer wieder mit ihrer Tat konfrontiert werden. Vergessen. Nein, das werdet ihr sicher nicht. Ich werde daran erinnern. So wie alle, die auf die eine oder andere Art #metoo sagen müssen.

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