Corona und Depressionen. Eine persönliche Sicht

Ich hab Depressionen, aber kein Corona. Das an sich ist jetzt weder eine Leistung, noch etwas weltbewegendes. Viele, die von Depressionen betroffen sind, zeigen sich jetzt plötzlich auf Facebook oder Instagram und berichten von ihrer ganz persönlichen Erfahrung mit der Quarantäne. Denn gerade mit einer psychischen Symptomatik kann Isolation und das Fehlen von Alltagsstruktur zur Belastung werden.

Und was ich nicht erwartet habe, es scheint ein gewisses Maß an erweitertem Verständnis für Menschen mit psychischen Erkrankungen zu entstehen. Denn die Quarantäne belastet alle. Freiheiten sind (zu Recht mit Blick auf die Risikogruppen) eingeschränkt. Viele sind jetzt auf sich zurückgeworfen, die früher mit sich eher nicht alleine sein konnten oder wollten und deshalb permanent beschäftigt waren.

Wie alle Krisen bietet auch die Corona Krise eine Chance. Eine Chance zur Reflektion über unsere Werte, unseren bisherigen Lebensstil. Plötzlich geht alles nicht mehr so schnell und dennoch geht es weiter. Plötzlich werden neue Strukturen möglich, die früher für undenkbar gehalten wurden. Ich kenne Unternehmen, die vor Corona behauptet haben, bei ihnen wäre Heimarbeit für viele nicht möglich und die jetzt 80% und mehr ihrer Mitarbeiter nach hause geschickt haben und dennoch geschmeidig funktionieren.

Und viele, die lieber Quacksalbern und Scharlatanen geglaubt haben, als fundierter und ja auch selbstkritischer Wissenschaft, wenden sich plötzlich wieder den Experten zu, die Fakten vor Fiktionen, Wissenschaft und Wissen vor Vermutungen und Behauptungen stellen.

Und eine bestimmte Partei, die immer so sehr an das „deutsche Volk als Gemeinschaft“ appellierte, ist plötzlich erstaunlich still, jetzt, wo es nicht mehr aufs Spalten und Misstrauen schüren, sondern auf Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme und Menschlichkeit ankommt.

Ja, ich sitze hier nach wie vor mit Depressionen und einer Angststörung. Aber entgegen dem, was manche erwarten, komme ich mit dem isoliert sein ganz gut zurecht, zumal ich viele Menschen noch nie gebraucht habe, eher die wertvollen, die wichtigen Menschen.

Aber wenn ich die vielen Statements auf den Social Media Kanälen sehe, die Versuche, Kontakt zu halten, da gemeinsam durchzukommen. Die Aufmunterungen, die Kreativität, ja selbst den Humor, dann wünsche ich mir, dass wir uns davon einiges auch nach der Krise erhalten. Denn dann wird für alle, auch für uns Menschen mit psychischen Problemen, die uns übrigens auch zur Risikogruppe machen, der Umgang miteinander leichter und die psychische Erkrankung weit weniger isolierend.

Ich wünsche mir zweierlei. Natürlich, dass die Krise möglichst bald vorüber ist. Aber auch, dass wir uns daran erinnern, wie wir plötzlich zusammengehalten haben (bis auf die Hamsterer, deren Gier nach Toilettenpapier ich bis heute nicht verstehe).

Und eins sollte jetzt auch klar geworden sein. Digitalisierung hat auch ihre guten Seiten. Sie hält Kontakt, macht Einsamkeit erträglicher und ermöglicht auch in der Isolation noch zu arbeiten, zu lernen und damit eine Struktur im Alltag zu erhalten, die gerade für Menschen mit psychischen Erkrankungen so wichtig ist.

Ach, und weiterhin gilt #stayathome #bleibzuhause #flattenthecurve

Zum Schluss eine Bitte. Ja, Applaus, Plakate, ganzseitige Danksagungen in Tageszeitungen für die, die jetzt in der Krise plötzlich wichtig und systemrelevant sind wie Krankenschwestern und Pfleger, Altenpflegerinnen und Pfleger aber auch TruckerInnen, VerkäuferInnen, ÄrztInnen. Das alles ist eine nette Geste, aber bitte, wenn die Krise vorbei ist, wie wäre es dann mal damit, mit ihnen und für sie für bessere Arbeitsbedingungen, mehr Personal und endlich ein Ende des Kaputtsparens der Kliniken und des Gesundheitswesens einzutreten. Denn jetzt können wir sie alle gar nicht genug loben. Aber wenn Corona Geschichte ist, machen sie alle nach wie vor die eigentlich systemrelevante Arbeit und werden dafür schlecht bezahlt und sind schlecht ausgestattet, während andere in Anzug und Krawatte Unsummen damit verdienen, ein paar mittlerweile digitale Geldbeträge  hin und her zu schaufeln. Der Wert einer Arbeit ist eben mehr, als ein Geldbetrag. DAS sollten wir uns endlich wieder vor Augen führen.

Mir geht es noch oft schlecht, aber das ist gut so.

Nein, heute gerade mal nicht, aber es ist nicht so, dass ich durch meine Therapien und das Buch plötzlich keine dunklen Gedanken mehr habe, keine Ängste.

Sie sind mir aber vertrauter als früher, berechenbarer, kontrollierbarer. Auch meine Suizidgedanken sind nicht gänzlich weg. Niemand braucht sich aber deshalb erschrecken oder Sorgen zu machen.

Sie sind jetzt so etwas wie ein guter Freund, der mir signalisiert, wann ich wieder zu übertreiben drohe. Immer, wenn ich wieder zu viele Schuldgefühle zulasse, wenn ich mich mal wieder für wertlos, belanglos, hoffnungslos halte, dann kommen diese Gedanken und ermahnen mich: „Uwe, denk nach, das sind nur Bilder von dir, die man dir in der Vergangenheit eingepflanzt hat, das bist nicht du.“

Auch wenn manche mir sagen, nein, mich zu dem Glauben zwingen wollen, man könne Depressionen komplett heilen. Meine Sicht ist eine andere. Ich hab meine Krankheit weitestgehend im Griff und das genügt mir. Ich bin mir mittlerweile fast sicher, dass auch ein großer Teil meiner Kreativität, meiner Gab zum Schreiben und Erzählen von Geschichten aus der Depression und den Ängsten entstanden ist.

Geschichten waren immer auch eine Flucht aus einer Welt, die mir immer wieder, teils unbeabsichtigt, teils im vollen Bewußtsein der Folgen Schmerzen zugefügt hat, mich versucht hat, klein zu machen, zum Schweigen zu bringen.

Ich erinnere mich immer noch an den Satz, als Reaktion auf meinen Weg, an die Öffentlichkeit zu gehen: „Aber Herr Hauck, sie wissen schon, dass sie dann das Gesicht der Krankheit sind.“ Ich habe schon damals erwidert: „Das ist dann gut so. Ich hab sie viel zu lange versteckt.“ Und mal ehrlich, ich bin bei weitem nicht das Gesicht der Depression, da gibt es viel prominenter Menschen, die aufklären, die entstigmatisieren. Ich bin da nur ein kleines, ein bisschen talentiertes Rad.

Mein Weg ist noch lange nicht vorbei, es wird noch viele Hürden und Hindernisse geben. Was sich aber entscheidend geändert hat: Es ist mein Weg, nicht mehr der Weg anderer, die angeblich so gut wussten, wie es mir mit meiner Krankheit geht und mich damit letztlich auch immer mehr über die Kante gejagt haben. Nein, die Menschen, die sich mir gegenüber wohlwollen gaben, waren viel zu oft eher egoistisch, selbstherrlich und ignorant.

Das sind sie auch heute noch aber ich gebe mittlerweile einen Scheiss auf ihre Meinung, ihre Weltsicht, ihre Sicht auf mich.

Und DAS befreit.

Und wenn es mir mal wieder zu schlecht geht, dann helfen mir meine Leser, meine Follower, meine Gäste auf meinen Lesungen. Denn jedes Mal, wenn ich meine Geschichte erzähle, bin ich wieder erstaunt, dass ich noch da bin. Das ist vielleicht das größte Geschenk, das mir meine Geschichte gemacht hat. Sie hat mir wieder Sinn gegeben. Rein durch meine Existenz.

 

Ich habe Ängste, aber ich schäme mich nicht

„Angst essen Seele auf“, ein Film von Fassbinder.

Und gleichzeitig ein Gefühl, dass ich über Jahrzehnte in mir getragen habe, ohne es benennen zu können, ohne wirklich zu verstehen, was da mit mir passiert.

Es war oft keine begründbare Angst. Eher kam die Angst von einem Moment auf den anderen,  unerwartet, unbegründet, überwältigend. Dass dahinter eine Depression und die daraus entstandene Angststörung steckte, ich konnte es nicht mal erahnen und hätte man es mir damals gesagt, dann hätte ich wohl gelacht und es als Irrtum, als meinen Charakter abgetan.

Woher diese Ängste kommen, weiß ich mittlerweile sehr genau. Vor allem wenig Zuneigung bis gar keine von meiner Mutter und ein eher hilfloser Vater waren wohl die Grundlage. Aber letztlich habe ich auch selbst ein ungesundes weil perfektionistisches, stets an Leistung orientiertes Wertegefüge aufgebaut. Und ausgebaut, so daß ich die Ansprüche eigentlich nie erfüllen konnte. die Karotte war immer unerreichbar für mich.

Wie überwältigend diese Angst werden würde, getriggert durch ein komplett aus dem Ruder gelaufenes BEM Gespräch, woher sollte ich es ahnen. Dabei hat mir diese Angst beinahe das Leben gekostet. Und sie war und ist für mich real.

Wer sich über jemanden mit starken Ängsten lustig macht, dem wünsche ich nicht, dass er diese Ängste jemals erleben muss. Es ist zerstörerisch, die Welt wird schwarz, die Depression klopft an die Tür und zieht ziemlich schnell bei mir ein.

Und dann braucht es viel Kraft und Handeln, um die Angst irgendwann in den Griff zu bekommen. Ja, ich habe Tricks, meine berühmte Chilischote, um eine Panikattacke zu unterbrechen. Lieber wäre mir, sie würden nie mehr auftreten.

Es geht mir sehr viel besser, als vor meinem Suizidversuch. Aber es gibt immer wieder Momente, wo meine Angst eskaliert. Im Moment warte ich auf einen MRT Termin, weil der HNO Arzt keinen Grund für meinen Hörverlust links gefunden hat. Es soll rein vorsorglich sein, aber ich kenne meine Angst. Sie beginnt mir sofort, dramatische Szenarien abzuspulen und immer, wenn ich es gerade mal so geschafft habe, die panischen Gedanken zu verscheuchen, erschüttert etwas anderes das filigrane Kunstwerk meiner stabilisierten Seele und die alles umschlingende, verschlingende Angst taucht wieder an die Oberfläche.

Sicher, es gibt gute Ratschläge, die ich alle schon versucht habe. Aber das ist Teil einer Angststörung. Sie ist oft nur  marginal rational, sie ist so überwältigend das jedes Handeln nicht weiter bringt. Manchmal muss ich dann einfach mit den unbegründeten Ängsten leben, darauf warten, dass etwas positives sie so sehr überlagert, dass sie langsam verschwinden.

Meine Arbeit als Aktivist gegen Stigmatisierung von psychischen Krankheiten und für Suizidprävention ist ein mittlerweile sehr hilfreiches Mittel, das aber eben nicht oft genug greift, weil ich natürlich nicht jeden Tag, bzw.  jede Woche aktiv sein kann.

Deshalb schreibe ich, deshalb gehe ich an die Öffentlichkeit, um meine Angst nicht mehr zu verstecken. Denn auch dadurch wird sie zwar nicht verschwinden, aber sie wird kleiner.

Wir arrangieren uns immer häufiger, meine Angst und ich. Angst essen Seele nicht mehr auf, aber sie belastet nach wie vor. Nur dadurch, dass ich nichts mehr verheimliche, mich nicht mehr für meine Ängste, meine dunklen Gedanken schäme, bekomme ich sie in den Griff, wird mein Leben leichter, klarer, weniger düster.

Es ist ein täglicher Kampf, aber es gibt mittlerweile viele Gründe, diesen Kampf aufzunehmen.

Angst haben ist nichts, wofür man sich schämen sollte. Niemals.

Genau genommen, keine psychische Krankheit. Denn es ist ein Kampf, sich jeden Tag gegen sie und für das Leben zu entscheiden. Aber ein Kampf, der es wert ist, gekämpft zu werden.

 

Buchtipp in eigener Sache „Lieber Papa, bist du jetzt verrückt?“

Das Buch meiner Tochter, Katja Hauck

Als ich mein Buch „Depression abzugeben“ geschrieben habe, war das für mich schon ein unerwartetes Abenteuer und dass ihr, meine Leser*Innen meine Geschichte so positiv aufnehmen würdet (aktuell 4,4 von 5 möglichen Sternen bei Amazon… Wow), hätte ich nie erwartet.

Was aber ziemlich schnell klar wurde, das Buch betrachtet die Krankheit Depression hauptsächlich aus meiner Sicht, der des Betroffenen.

Lange rumorten verschiedene Ideen in mir, wie wir auch das Thema Angehörige angemessen behandeln können, bis schliesslich die Idee geboren wurde, einen Briefwechsel zu beschreiben, den ich mit meiner Tochter Katja (16) und indirekt auch mit der ganzen Familie geführt habe.

Daraus ist jetzt das Buch „Lieber Papa, bist du jetzt verrückt?“ entstanden, das am 29. März erschienen ist und einen Briefwechsel zwischen Katja und mir über meine Krankheit,der das Erleben der Familie wiedergibt und den Einfluß, den so eine Krankheit auf die Angehörigen darstellt.

Das Buch ist überall im Buchhandel erhältlich und wurde von Katja als Hauptautorin verfasst, ich war da nur der Co-Autor, der eben die Antwortbriefe geschrieben hat.

Unten der Link zu Amazon aber wie gesagt, man kann das Buch überall im Buchhandel kaufen oder zumindest bestellen. Ist dann genauso schnell da wie bei Amazon.

Und nein, weder Katja noch ich haben was dagegen, wenn ihr Werbung für das Buch macht. Da bin ich jetzt mal ganz direkt 😉

 

Ein besonderes Jahr, ein lehrreiches Jahr, ein Jahr des Wandels

Es begann bereits mit diversen Lesungen und Interviews zu  meinem Buch „Depression abzugeben„. Ende 2017 hatte ich noch in meinem Umfeld prognostiziert, dass spätestens 2018 das Interesse an meinem Buch, meiner Geschichte abflauen würde. Aber das Gegenteil war und ist der Fall. Das Interesse bleibt konstant hoch.

Dann das Vertrauen, das Bastei Lübbe in meine Fähigkeiten als Autor hatte und das in einem neuen Buchprojekt mündete, das nun am 29. März erscheinen wird.

Die Petition gegen das bayerische Psychiatriegesetz, die nicht nur mit geholfen hat, das Gesetz zu stoppen sondern auch viel mediale Aufmerksamkeit auf das Thema psychische Erkrankung lenkte und insgesamt knapp 1500000 Unterschriften erreichte.

Viele neue Interviews, ein Patientenkongress in der Schweiz mit mir als einem Keynote Speaker und Ende des Jahres die Teilnahme an der Pressekonferenz der Stiftung deutsche Depressionshilfe und Deutsche Bahn Stiftung als Betroffene, begleitet  erneut von viel medialer Aufmerksamkeit. Und als Abschluss dann noch ein Auftritt im ARD Morgenmagazin wegen meines Artikels gegen das von Jens Spahn geplante TSVG bei Focus Online und den fatalen  Abschnitt über eine vorgeschaltete Instanz, die die schwere der psychischen Erkrankung bewerten sollte.

Ich kann definitiv sagen, 2018 war ein sehr erfolgreiches Jahr, mit vielen Überraschungen, sehr positiven Begegnungen und vielen neuen Chancen. Und es wird 2019 weitergehen. Unter anderem mit einer Lesung in der Zentralbibliothek in Frankfurt, einem Mutmacher Event in Düsseldorf und einem Workshop auf dem evangelischen Kirchentag in Dortmund. Und natürlich mit dem Erscheinen des neuen Buchs „Lieber Papa, bist du jetzt verrückt?“ meiner Tochter mit mir als Co-Autor.

Danke allen, die mich auf diesem Weg begleitet haben und noch begleiten, danke meinen Freundinnen und Freunden, namentlich Dana Diezemann, Kristina Wilms und Andreas Kernchen, danke insbesondere meiner Familie für Geduld und viel Unterstützung.

Und 2019 werde ich weiter gegen die Stigmatisierung psychischer Krankheiten und für mehr Aufklärung kämpfen. Denn wir sind schon weiter als noch vor ein paar Jahren, aber lange noch nicht weit genug.

Bis dahin euch allen ein gesegnetes und möglichst glückliches Jahr 2019 und einen guten Rutsch!

The Road Not Taken

Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;

Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that, the passing there
Had worn them really about the same.

And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads to way,
I doubted if I should ever come back.

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I-
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

Robert Frost (1874-1963)

Neue Studie der Stiftung Deutsche Depressionshilfe mit Fokus auf Angehörige

Am Dienstag waren auch meine Frau und ich als Betroffene dabei, als die Stiftung Deutsche Depressionshilfe eine neue Studie veröffentlicht hat, die aufzeigt, wie sich die Erkrankung des Partners oder Angehörigen auf das Umfeld auswirkt.

Anbei der Link und der TV Beitrag der Tagesthemen, in denen auch meine Frau und ich zu Wort kommen.

Speziell ein großes Dankeschön an die ARD für diesen wirklich guten Beitrag.

Deutschland Barometer Depression 2018
Auswirkungen der Depression auf Partnerschaft und Familie

Bericht der Tagesthemen

Wir brauchen mehr Öffentlichkeit

So wie ich mit dem Thema psychische Krankheit umzugehen verlange ich von niemandem. Aber an alle, die die Kraft haben, den Willen oder wie ich damals einfach keine andere Wahl mehr kann ich nur appellieren: Bleibt laut, bleibt unbequem. Drängt in die Medien, sorgt dafür, dass eure Geschichte, unsere Geschichte nicht nur von denen vermittelt wird, die sowieso schon prominent sind.

Psychische Krankheiten können uns alle treffen und nur wenn wir der Öffentlichkeit klar machen, wie weit verbreitet psychische Krankheiten sind, wie schnell es JEDEN treffen kann, können wir mit der Zeit das nach wie vor bestehende Stigma beenden. Damit meine ich auch das Stigma Suizid. Wir müssen einen neuen Umgang damit lernen. Darüber den Mantel des Schweigens zu decken hilft denen auf keinen Fall, die mit dem Gedanken spielen.

Und lasst euch von den Trollen nicht beirren, die euch Profilsucht vorwerfen, oder ihr wolltet nur Geld verdienen.  Deren Ignoranz und oft auch Dummheit darf kein Hinderungsgrund sein, für Aufklärung, für Toleranz zu kämpfen.

Menschen mit psychischen Krankheiten brauchen Hilfe, ohne ein Stigma zu fürchten, sie brauchen Menschen, die die Krankheit als solche akzeptieren und sich nicht automatisch anmaßen, genau zu wissen, wie es euch geht.

Menschen, die glaubten, sie verstünden meine Krankheit, die aber offensichtlich keine Ahnung hatten, haben mich fast in den Suizid getrieben. Und als sie ihre Fehler erkannten, haben sie sich nicht etwa entschuldigt, sondern mir gedroht.

Auch deshalb gehe ich immer wieder an die Öffentlichkeit. Damit solche gefährlichen Menschen keine Macht mehr haben, damit wir offen damit umgehen und damit vernünftige Hilfe statt vorurteilsbelasteter Plattitüden bekommen.

Ich wünsch mir Talkshows mit Betroffenen, statt dauernd nur mit den angeblichen Experten, ich wünsche mir mehr offenen Umgang mit psychischen Krankheiten als etwas, das so normal ist wie jede körperliche Krankheit auch.

So lange das nicht gegeben ist, werde ich nicht aufhören, unbequem zu bleiben. Und die, die mich mundtot machen wollten, sollten acht geben. Ich sammle die Beweise. Damit das nicht auch anderen geschieht.

 

Von Drohungen, Prioritäten und dem nicht mehr Schweigen

Ja, mein Suizidversuch und die Zeit in den Kliniken haben mich verändert. Ich bin toleranter und intoleranter geworden. Toleranter gegenüber Menschen, die mit sich oder ihrem Leben zu kämpfen haben. Und sehr viel intoleranter gegenüber Diskriminierung, Intoleranz, Vorurteilen.
Und ich bin nicht mehr bereit, meinen Fokus im Leben alleine darüber zu definieren, was andere für relevant halten. Mein Fokus ist jetzt auf Aufklärung, Entstigmatisierung, den Kampf für mehr Verständnis für psychisch kranke Menschen gerichtet. Denn sie kämpfen einen schweren, oft lebensgefährlichen Kampf und haben unsere Unterstützung, unsere Anerkennung verdient, nicht Hohn, Spott oder eine Sicht, die uns psychisch kranke Menschen als gefährlich stigmatisiert.
Ich werde nicht mehr den Mund halten, wie man es mir mehr als einmal durch Drohungen und Untergangsszenarien einreden wollte. Drohen, weil man Angst hat, ich könne die Wahrheit sagen, ist nicht länger eine gute Idee. Eher ein Antrieb, noch ehrlicher, noch offener zu sein. Wer meine Aktivitäten für bedrohlich hält, der hat mich noch nicht bedrohlich erlebt. Ich werde kämpfen. Für einen offenen Umgang mit psychischen Krankheiten. Gegen Menschen, die psychisch Kranke nicht ernst nehmen, ihnen drohen oder sie zum Schweigen bringen wollen. Ihr lest immer wieder mal von den berühmten „Drohbriefen“. Ich habe sie noch, weil ich bis heute extrem wütend darüber, mich aber gleichzeitig nicht auf dieses niedere Niveau begeben möchte. Noch nicht. Es sei denn, man zwingt mich dazu. 
Erst wenn psychische Krankheiten so normal gesehen werden wie physische, könnte es sein, dass ich meine Aufklärungsarbeit beende. Aber ganz ehrlich, noch sehe ich viel zu viel Unverständnis, um zu schweigen.