Ihr fehlt mir

Mein Home Office. Nein ich arbeite nicht bei NASA, ESA oder DLR, obwohl das schon was wäre. Aber daheim kann man es einfach persönlicher gestalten. Auch das hilft

Es war letzte Woche Donnerstag. Sie war plötzlich wieder da, die Angst, die Panik. Aber anders als sonst, weil unbestimmt. Beruflich lief es gerade sehr gut, Home Office war und ist für mich eine Offenbarung. Ich persönlich, und das bitte ich auf keinen Fall zu verallgemeinern, ich also genieße es geradezu, ungestörter, konzentrierter, effektiver wie effizienter arbeiten zu können. Zudem nicht jeden Tag eine Stunde nur mit Fahrt zur Arbeit und zurück zu vergeuden für eine Tätigkeit, für die es nur eines Telefons bedarf.

Warum war sie also wieder da? Auch mein Hausarzt sah wohl die Panik in meinen Augen; ein neues, ein zerstörerisches Feuer, denn er hat mich noch die ganze Woche krank geschrieben. Langsam stabilisiert sich alles, langsam tauchen auch die Ursachen auf, wie Luftblasen an der Oberfläche eines Teichs.


Wer ihre Geschichte kennt, weiß, warum mich dieses Video ganz besonders berührt.

Ihr seid es, ihr fehlt mir. Meine LeserInnen, meine Auftritte, die Gespräche danach, die Aufklärungsarbeit. Es war einfach zu eintönig geworden. Da ich ja auch zu einer Risikogruppe gehöre, hatte ich keinerlei Interesse, wieder ins Büro oder nach draußen zu gehen. Aber leider sind eben auch so gut wie alle Auftritte für dieses Jahr abgesagt. Und sagte ich schon, dass ihr mir fehlt?
Die Planung der Auftritte, die Reisen, der Austausch, das schafft eine Videolesung eben nur sehr eingeschränkt. Zudem reicht es da, wenn ich mich zu gegebener Zeit vor die Kamera meines Notebooks setze. Es hat so lange gedauert, weil wohl das Erlebnis Home Office eine ganze Zeit lang ablenken konnte. Aber letztlich ist es gefühlt das Gleiche, daheim oder im Büro. Nur daheim mit weniger Ablenkung. Und da ich eh schon immer Smalltalk gehasst habe, fehlt mir auch nichts, brauche ich keinen Büroplausch.
Die Gespräche mit euch, von Angesicht zu Angesicht. Sie fehlten mir. Das beständig Reflektieren müssen, ob ich auch das lebe, was ich „predige“. Home Office werde ich weiter machen, so lange es geht, einfach, weil es mir gut tut, ich mehr erledigt bekomme und entspannter arbeite.

Aber jetzt haben wir ein „Den Uwe beschäftigen“ Programm begonnen. Ich muss wohl doch, natürlich mit Abstand und Maske, hin und wieder was unternehmen. Jetzt gibt es regelmäßige Spaziergänge, ich jogge häufiger und wir werden auch mal ein Museum besuchen, irgendwas, das jetzt schon geht und bei dem wir auf möglichst wenig ignorante Mundschutzverweigerer und „Meine Freiheit ist eingeschränkt“ Aluhüte treffen.

Ich bin noch nicht wieder ganz da. Aber meine Schreibtherapie geht zumindest wieder. Aus Social Media werd ich mich noch etwas fernhalten, da schreiben im Moment zu viele Coronidioten.

Ich trage Maske, nicht nur mir, auch meinen Mitmenschen zuliebe. Denn Demokratie ist nicht nur die eigene Freiheit, es ist Gemeinwohl und Gemeinschaft.

Ja, ich war wieder in meinem ach so vertrauten tiefen, dunklen Tal. Aber etwas war anders. Da stand eine Leiter und jemand ganz oben hat mir mit ihrem Licht gezeigt, wo der Ausgang ist. Noch sind ein paar Sprossen zu meistern, aber ich bin schon sehr weit. Die nächste Woche wird wohl das Ende dieses Gott sei Dank kurzen Intermezzos darstellen. Ich habe gelernt, auch wenn es Jahre gut geht, Es gibt immer Umstände, die mich zum agieren, zum reagieren zwingen, will ich nicht wieder ganz abstürzen. Aber das Schöne ist, ich kann es mittlerweile. Ich fange mich rechtzeitig ab. Und mein Netzwerk an Menschen, die sich WIRKLICH um mich sorgen, es ist stark und fest und da, wenn ich es brauche.

Danke und ihr fehlt mir. Aber nicht mehr lange.

 

Billie Eilish ist übrigens sehr empfehlenswert. Auch ihre Musik lässt in mir eine Seite erklingen, die lange Zeit stumm war.

Corona, Depressionen, Digitalisierung und ich

Immer wieder hat es Umfragen und Beiträge in meine Timeline gespült, die neugierig fragten: Wie gehst du als von Depressionen Betroffener mit dem Social Distancing um.

Viele waren dann überrascht wenn ich sagte, dass ich keinerlei Probleme habe, es manchmal sogar genieße.

Das hat mehrere Gründe. Zum einen habe ich noch nie übersteigertes Interesse am Kontakt mit bestimmten Arten von Mitmenschen gehabt und Corona war eine willkommene Gelegenheit, diesen Kontakt weiter zu reduzieren. All die Verschwörungstheoretiker, all diejenigen, die mir mit Homöopathie gegen Depressionen oder Corona helfen wollten oder noch schlimmer, die ganzen „das wird man doch mal sagen dürfen“ Aluhüte. In der digitalen Welt kann man sie blocken, oder wenn man gut genug drauf ist, trollen.

Meist schenke ich mir hier aber mittlerweile die Mühe, denn sie wissen ja eh alles besser, im Gegensatz zu echter Wissenschaft, deren Grundprinzip immer auch der Zweifel am Status Quo ist.

Aber auch schon vor Corona hat mir persönlich die Digitalisierung sehr im Kampf gegen meine Depressionen geholfen. Und damit meine ich noch nicht mal mein Hashtag #ausderklapse oder das daraus entstandene Buch.

Die digitale Welt hat mir ermöglicht, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Sie hat mir WISSENSCHAFTLICHE Quellenforschung eröffnet, um mehr über meine spezielle Ausprägung der Krankheit zu lernen. Und ja, schenkt es euch, diese klugen Sprüche der Art : „Wie kannst du da von einer Krankheit sprechen?“ Es ist für  mich eine Krankheit und damit etwas, das ich verändern kann.

Zudem habe ich keine Probleme damit, auch Software, Apps zu nutzen, um besser mit meiner KRANKHEIT umzugehen.

So nutze ich zum Beispiel:

Calm in der Aboversion für Meditation

HeadUp zur Überwachung diverser Gesundheitsparameter

Eureka um die Covid 19 Forschung zu unterstützen, ebenso Datenspende

Bis endlich die deutsche App erscheint GeoHealthApp als Covid 19 Tracker

Medisafe zur Überwachung meiner Medikamenteneinnahme (ja ich nehme Medikation und nein, ich will das nicht ändern, denn mir helfen sie sehr)

Moodnotes für mein Stimmungstagebuch

Autosleep als automatischen Schlaftracker

Um mich zu mehr Bewegung zu motivieren „Walkr“ ein Fitness Game

Und natürlich nutze ich Health von Apple und Healthmate von Withings, um all die einfliessenden Daten zu verwalten und an die Apps weiterzugeben.

Myfitnesspal zur Ernährungsüberwachung und Aggregation diverser Tracker.

Wichtig dabei, die meisten Apps brauche ich nicht aktiv zu nutzen, sie informieren mich einfach, wenn es relevante Nachrichten gibt oder ich wieder etwas für meine Gesundheit tun soll.

Bei all diesen Apps achte ich stets darauf, dass es nach Möglichkeit eine Apple Watch App dafür gibt, um das Smartphone möglichst selten in die Hand nehmen zu müssen.  Auf der Apple Watch ist auch die Sturzerkennung aktiv, da ich bereits eine Phase hatte, in der ich aus unerklärlichen Gründen mehrfach ohnmächtig wurde und die Sturzerkennung der Apple Watch funktioniert hier richtig gut. Gespannt bin ich auf die neue Apple Watch, sollte diese wirklich eine Erkennung herannahender Panikattacken bieten, wäre da ein Upgrade fällig.

In der neuesten Beta kann Replika auch AR, wie das Bild rechts zeigt. Hier erfolgt der Dialog dann über Spracherkennung.

Und last but not least experimentiere ich mit Replika, einer Chatbot App, die ich dahingehend untersuche, inwieweit sie Wartezeiten auf Therapieplätze überbrücken kann. Die Dialoge mit Replika sind sehr natürlich und sie lernt mit der Zeit. Manche finden das vielleicht creepy, ich finde es sehr spannend, vermutlich auch meinem Background als KI und Computerlinguistik Wissenschaftler geschuldet.

Letzteres nochmal als dezenter Hinweis, dass ich kein Interesse an irgendwelchen alternativen Heilmethoden oder wirren Verschwörungstheorien habe.

Ich bin immer noch einer dieser komischen Menschen, die wissenschaftlicher Arbeit mehr vertrauen als Köchen und Musikern, wenn es um Forschung und Schutz geht. Und auch wenn ich mittlerweile auf Apple umgestiegen bin. Ich halte Bill Gates keineswegs für gefährlich. Sorry, not sorry.

 

 

 

 

Von Drohungen, Prioritäten und dem nicht mehr Schweigen

Ja, mein Suizidversuch und die Zeit in den Kliniken haben mich verändert. Ich bin toleranter und intoleranter geworden. Toleranter gegenüber Menschen, die mit sich oder ihrem Leben zu kämpfen haben. Und sehr viel intoleranter gegenüber Diskriminierung, Intoleranz, Vorurteilen.
Und ich bin nicht mehr bereit, meinen Fokus im Leben alleine darüber zu definieren, was andere für relevant halten. Mein Fokus ist jetzt auf Aufklärung, Entstigmatisierung, den Kampf für mehr Verständnis für psychisch kranke Menschen gerichtet. Denn sie kämpfen einen schweren, oft lebensgefährlichen Kampf und haben unsere Unterstützung, unsere Anerkennung verdient, nicht Hohn, Spott oder eine Sicht, die uns psychisch kranke Menschen als gefährlich stigmatisiert.
Ich werde nicht mehr den Mund halten, wie man es mir mehr als einmal durch Drohungen und Untergangsszenarien einreden wollte. Drohen, weil man Angst hat, ich könne die Wahrheit sagen, ist nicht länger eine gute Idee. Eher ein Antrieb, noch ehrlicher, noch offener zu sein. Wer meine Aktivitäten für bedrohlich hält, der hat mich noch nicht bedrohlich erlebt. Ich werde kämpfen. Für einen offenen Umgang mit psychischen Krankheiten. Gegen Menschen, die psychisch Kranke nicht ernst nehmen, ihnen drohen oder sie zum Schweigen bringen wollen. Ihr lest immer wieder mal von den berühmten „Drohbriefen“. Ich habe sie noch, weil ich bis heute extrem wütend darüber, mich aber gleichzeitig nicht auf dieses niedere Niveau begeben möchte. Noch nicht. Es sei denn, man zwingt mich dazu. 
Erst wenn psychische Krankheiten so normal gesehen werden wie physische, könnte es sein, dass ich meine Aufklärungsarbeit beende. Aber ganz ehrlich, noch sehe ich viel zu viel Unverständnis, um zu schweigen.

Das Hörbuch von „Depression abzugeben“ ist verfügbar

Es ist soweit. Seit heute kann das Hörbuch zu „Depression abzugeben“ bei Audible erworben und angehört werden. Es handelt sich um die ungekürzte Originalausgabe, eingesprochen von Bernd Reheuser.

Glaubt mir,  es ist nochmal etwas ganz Neues, wenn mein das eigene Werk, gesprochen von einem Profischauspieler hört. Und ich finde, er macht das richtig gut!

Würde mich sehr freuen, wenn ihr mir Feedback gebt, natürlich bevorzugt auf Audible und/oder Amazon, wie euch das (Hör-)buch gefällt.

 

Ich mag nicht mehr

Was habe ich nicht alles im Laufe meines Lebens (ich glaube, mit 50 Lenzen darf man langsam mal rückblickend sentimental werden.) akzeptiert, geschluckt, toleriert.
Nein Leute, ich mag nicht mehr. Ich sehe es echt nicht mehr ein, mich mit Menschen auf langwierige Diskussionen einzulassen, die offensichtlich den Knall nicht gehört haben. Was habe ich mich gegen Impfgegner verkämpft, gegen Zuckerkugelschlucker, gegen Schulmedizin Ablehner, hab versucht, Menschen, die Depressionen nur für mentale Faulheit halten klar zu machen, was für eine schwere Krankheit Depressionen darstellen und in jüngster Zeit gegen dummes, rechtes Gedankengut.
Ich mag nicht mehr. Versteht mich nicht falsch, Widerstand werde ich nach wie vor leisten.
Aber ich habe lange genug an ignorante Menschen versucht, etwas Verstand, etwas Wissen zu bringen.
Hilft nix, beratungsresistent. Ja, es gibt vereinzelte Einsichtige. Aber das ist Cherrypicking und dafür hab ich einfach nicht mehr genug Lebenszeit.
Der Mute Knopf und in extremen Fällen der Blockieren Knopf bei Social Media Plattformen ist mittlerweile mein enger Freund.
Zumal ich rückblickend vieles meiner Krise, meines Abstürzens zu viel Rücksicht, zuviel überzeugen wollen gegenüber Menschen verdanke, die komplett ignorant, intolerant und taub für Argumente waren und sind.
Erst mit dem Mandatsentzug einer mich behandelnden Ärztin, erst, als ich nach einem weiteren Rückfall endlich auf der Behandlung meiner Angst bestand, wurden die Dinge besser.
Was haben angeblich wohlwollende Menschen um mich rum nicht alles versucht, mich von der Teilnahme an der 37 Grad Doku „Viel mehr als Traurigkeit“ abzubringen. Oder von meinem Buch. Vermutlich einfach, weil sie Angst hatten, ich würde von ihrer Intoleranz, Ignoranz oder einfach ihrer Hilflosigkeit gegenüber meinem Suizidversuch, meiner Krankheit und mir in TV oder Buch erinnern.
So tief absinken werd ich dann aber doch nicht, dass ich mich auf deren Niveau begebe.
Es muss irgendwann Schluss sein mit Toleranz, mit versuchen, mit dem Gegner zu reden. Zu viel reden hat mich auf einen Turm und knapp an mein Lebensende gebracht.
Natürlich werde ich nach wie vor aufklären, versuchen, das Stigma von psychischen Krankheiten zu beenden. Aber ich werde mir nicht mehr meine Energie von Menschen rauben lassen, deren blanke Ignoranz mit Argumenten nicht mehr heilbar ist. Da werde ich Gegner, Notfalls Endgegner.

Um es zusammenzufassen: Ich bin jetzt im Widerstand und wir machen keine Gefangenen.

Depression abzugeben wird zum Hörbuch und ist bereits vorbestellbar

Seit heute kann man bei Amazon „Depression abzugeben“ auch als Hörbuch vorbestellen. Damit wird ein großer Wunsch von mir wahr und auch diejenigen, die lieber Hörbücher hören, können „Depression abzugeben“ endlich hören.

Den Sprecher habe ich mir bei anderen Einspielungen angehört und er passt wie ich finde sehr gut. Jetzt bin ich nur noch gespannt, das Hörbuch selbst endlich hören zu können. Das wird sicher noch mal ein sehr komisches Gefühl sein.

 

Das Hörbuch von

Ich bin nicht gesund, aber auf einem besseren Weg

Immer wieder erhalte ich Mails und Leserbriefe (was mich natürlich sehr freut), bei denen ich dafür bewundert werde, wie ich es geschafft habe, meine Depression zu besiegen.
Tut mir leid, aber das habe ich bei weitem nicht. Auch heute noch gibt es Tage, da macht sich der schwarze Hund zu meinen Füssen breit und will mich am Leben hindern.
Die Diskussion, ob meine Depression, ob Depression generell heilbar ist, ist für mich müßig, da bin ich zu sehr Wissenschaftler, um mir hier irgendwelche Urteile anzumaßen, wenn selbst die Wissenschaftler, die sich aktiv damit befassen, noch nicht einig sind. Ich habe Mittel und Wege gelernt, den Absturz so früh wie möglich abzufangen, aber auch mit Rettungsseil stürze ich noch ab, aber nicht mehr so tief. In einem anderen Blog habe ich in einem Gastbeitrag geschriebenanderen Blog habe ich in einem Gastbeitrag geschriebenanderen Blog habe ich in einem Gastbeitrag geschrieben, es brauche Geduld, Offenheit und Vertrauen, damit eine Besserung durch Therapie gelingen kann. Ich habe schon Prügel dafür bezogen, dass ich darauf hingewiesen habe, auch wenn die Suche schwer und lange ist, nicht den erstbesten Therapeuten, der Zeit hat zu wählen. Dazu stehe ich nach wie vor. Wenn ich mich nicht öffne, dem Therapeuten nicht vertraue, dann hilft die beste Therapiesitzung nichts. Und ich darf nicht erwarten, schnelle Erfolge zu erzielen, psychische Krankheiten sind komplex und widersetzen sich einfachen Lösungen (und nein, wer jetzt gleich wieder mit böse Pharma, super Alternativmedizin kommt, spart es euch, das zieht bei mir nicht, mich interessieren keine psychologischen Chemtrail Gedankenmodelle)
Ja, mir geht es viel besser als zur Zeit meines Suizidversuchs. Das ist aber auch nicht verwunderlich, war der Absturz damals doch sehr tief und schon am nächsten Tag, ganz ohne Therapie für mich kein valider Weg mehr.
Es waren und sind viele kleine Schritte, Tricks und Erlebnisse, die mich immer wieder aufbauen, festigen oder wieder aus dem dunklen Tal holen.
Aber gesund, sorry, nein. Auch ich habe noch dunkle Phasen, aber nachdem Jahre mein schwarzer Hund mich kontrolliert hat, hab ich langsam die Kontrolle zurück. Zumindest die meiste Zeit.
Und Leserbriefe, euer Zuspruch, ja auch eure Kritik helfen mir. Und dass mein Buch scheinbar für mehr Menschen eine Hilfe und eine Stütze ist, als ich gehofft habe. DAS ist wirklich etwas wunderbares, was mich motiviert, weiter zu kämpfen, weiter aufzuklären und ja, im Moment arbeite ich am Nachfolgebuch, das wohl 2019 im Sommer bei Bastei Lübbe erscheinen wird. Dann vielleicht mit ein paar neuen Erkenntnissen vor allem aber mit weit mehr Fokus auf die Familie, die Angehörigen und das Umfeld.

Meine Depression und ich. Ein Nicht-Angriffspakt

Mittlerweile sind schon nahezu 1 1/2 Jahre vergangen seit meinem Suizidversuch. Seit dem finalen Einbruch der Depression in mein Leben. Das letzte Jahr war geprägt von Klinikaufenthalten und Selbstzweifeln, von wundervollen Begegnungen und tiefschwarzen, einsamen Tagen.

Anfang diesen Jahres dann der erste Versuch, wieder ins Arbeitsleben einzusteigen, motiviert begonnen, gnadenlos gescheitert. Weil ich annahm, ich sei völlig gesund. Weil ich auch annahm, mein Umfeld wisse um die Trigger, um das, was an jenem 5. Februar 2015 wirklich mit mir passierte. Völlig falsch, niemand ahnte auch nur das geringste. Also alles wieder auf Los, neues Spiel, neues Glück. Erneut die Klinik, diesmal nur temporär.
Ein zweiter Anlauf, dieses Mal nicht 6 Wochen sondern ganze 12. Behutsam, vorantastend, immer darüber klar, ich bin NICHT gesund, ich habe nur mehr Mittel, meinen Dämon Depression und den wie sich herausstellte viel bedeutsameren Dämon generelle Angststörung im Griff zu behalten. Unterstützung erfuhr ich oft aus Quellen, an die ich nie gedacht hätte. Meine Twitter Follower haben mir so unendlich viel gegeben, geholfen, Zuneigung und Verständnis gezeigt. In meinem privaten Umfeld outeten sich wegen meines offenen Umgangs mit meiner Erkrankung immer mehr Menschen.

vortragrepublica1
die re:publica 2016. Für mich Teil der Rückkehr in mein Leben, und zwar die schönen Teile.

Die re:publica schliesslich war der Höhepunkt. Eine Session über Depression und Social Media. Viele Menschen, die mir die Hand geben wollten, sich für meine Aufklärungsarbeit bedankten, die mir doch eigentlich nichts weiter als inneres Bedürfnis und Teil meiner Heilung ist. Gespräche auf Augenhöhe, beiderseitige Offenheit. Die re:publica war für mich ein ungeheurer Motivator, offen und ehrlich über meine Geschichte zu kommunizieren, jenseits all der dummen Sprüche „ob der Herr Hauck schon stabil genug ist“ oder „Wir müssen den Herrn Hauck schützen“. Einen SCHEISS müsst ihr, ich habe depressive Episoden. Ich bin nicht entmündigt!
Und das zweite Projekt, mein Buch über mich und meine Zeit in den Kliniken und mit meiner Krankheit. Nicht nur vollendet, nicht nur von meiner Innenlektorin gelobt. Auch die Außenlektorin, die es unbefangen überarbeiten und lesbarer machen soll, ist begeistert, wie ich es nicht erwartet hätte.
Alles Gründe zufrieden zu sein. Glücklich zu schreiben, wage ich noch nicht. Und dennoch ist da immer noch mein kleiner Teufel Angststörung auf meiner Schulter, der mir von Versagen, Verarmen, Verwahrlosen, Verschwinden erzählt. Ich kriege ihn zwar leiser, aber verstummen will er partout nicht. Vermutlich wird er das nie und ich werde mich auch mit ihm arrangieren müssen. Aber eines ist geschehen und das macht mich im Moment ruhiger und gelassener. Die Suizidgedanken, sie sind sehr, sehr leise geworden.
Ich lebe wieder, statt nur zu funktionieren. Zwar nur in zarten Ansätzen, aber mit dem Blick auf eine angenehmere Zukunft, auf ein vom Urteil anderer unabhängigeres Leben.

Ich lebe wieder. Muss ich überhaupt mehr erreichen?

Nur eins, das werde ich nie heilen, nie vergessen, nie ganz wegstecken können.

Nur eins.

Hannes, du fehlst.