16. November, München. Jameda hatte mich eingeladen, bei einer Konferenz mit dem spannenden Thema Arztsuche 3.0 als Vertreter der Patienten und in meiner Rolle als Autor und Blogger teilzunehmen. Ein Vortrag und eine Podiumsdiskussion waren mit mir geplant. Was ist das Fazit dieses Tages? Es ist kompliziert. Denn auf mehreren Ebenen gibt es Problemstellungen, die weit weniger einfach zu klären sind, als man das landläufig annimmt. Bewertungen von Ärzten haben eine andere Qualität als Bewertungen von Büchern, Musik oder anderen bewertbaren Themengebieten.
Ein interessanter Fakt, so zumindest nach Erhebungen von Jameda ist, dass Bewertungen von Ärzten weit weniger einen Bias auf negativen Eindrücken haben. Damit ist hier zumindest nicht die übliche Übergewichtung negativer Wertungen zu beobachten, wie es bei vielen anderen Portalen der Fall ist. Andererseits ist es sehr schwer, diese Kriterien valide abzubilden, die speziell für den Patienten auf Bewertungsplattformen interessant sind.
Hier geht es weit weniger um fachliche Expertise, um den Kenntnisstand des Arztes sondern um emotionale Aspekte wie Sympathie, Atmosphäre in der Praxis. Messbar sind diese bestenfalls über eine Varianz nach einer hinreichend großen Anzahl von Bewertungen. Ein Arzt mit 3 positiven und 2 negativen Bewertungen ist noch nicht wirklich repräsentativ bewertet worden. Ein Arzt mit 30 positiven und 10 negativen schon deutlich besser. Aber sobald diese Bewertungen völlig anonym laufen, und das ist meiner Ansicht nach die einzige Möglichkeit, zu einer hinreichend großen Zahl von Bewertungen zu kommen. Muss überwacht werden, ob es sich um ernsthafte Bewertungen oder nur Trolle handelt.
Hier sind Aspekte wie Verfügbarkeit des Arztes oder Distanz nur am Rande betrachtet, da diese oft in Portalen als Bewertung nur in den Freitexten vorkommen. Was aber klar herausgetreten ist, und wo dringender Handlungsbedarf besteht ist bei der Information des Bürgers. Solange heilpraktische Psychotherapeuten mit der gleichen Wertigkeit betrachtet werden, wie „Schulmedizin“, die korrekterweise „Hochschulmedizin heißen müsste, ist es für den einzelnen schwer, den Quacksalber vom gut ausgebildeten Arzt zu unterscheiden. Wer homöopathische Behandlungsmethoden gleich wirksam sieht wie klassische Medizin, der wird auch auf Plattformen eher denjenigen Arzt oder Therapeuten suchen, der seinem Weltbild entspricht, ob dieser nun für seine diagnostische Problematik der Richtige ist, darf dann häufig angezweifelt werden. Und leider ist hier auch das Internet nicht wirklich hilfreich.
Zu weit gestreut ist die Qualität der Informationen, zu viel spielt sich in sehr einseitigen Formen oder auf Plattformen ab, die objektive Informationen zu Gunsten des eigenen Weltbilds opfern. Hier wäre es wünschenswert, Plattformen zu entwickeln, die auf einem für die Öffentlichkeit verständlichen Niveau medizinische Fakten darlegen. Was dabei fast ebenso wichtig ist, hier müssen auch Urban Legends und Fehlinformationen bewertet, beurteilt und objektiv dargestellt werden. Der Spruch „Wer heilt hat recht.“ Ist hier sehr gefährlich, denn die evtl. zu Tage tretende Heilung kann nur eine scheinbare Lösung sein, die die eigentliche und wirklich schwerere Erkrankung verdrängt und damit durchaus zum Problem werden.
Mein Buch, ausgelegt bei einer Lesung in Regensburg, die mit 120 interessierten Gästen vollständig ausverkauft war.
„Wird dir das alles nicht zu viel?“ „Das muss dich doch belasten?“ Fragen, die man mir in letzter Zeit öfter stellt. Aber nicht zu meinem Brot- und Butter Job, sondern zu meiner neuen mir viel wichtigeren Aufgabe als Aufklärer und Entstigmatisierer, was die Depression und insbesondere die „männliche Depression“ angeht.
Und jedes Mal muss ich enttäuschen. Es ist im Gegenteil noch fast zu wenig. Gerne wäre ich noch prominenter in den Medien, weil ich jetzt erst wieder über eine Talkshow, bei der auch ein Psychotherapeut anwesend war, gelernt habe, dass es immer noch eine große Hemmnis bei Männern gibt, sich Depressionen einzugestehen. Ziemlich dämlich aber diesem lächerlichen, überkommenen Männerbild vom starken Macher geschuldet. Und unsere Turboleistungsgesellschaft macht das ganze nicht besser. Eher im Gegenteil, in einer Zeit, in der Worthülsenproduziere vom Schlage eines Herrn Gary Vaynerchuck die Menschen glauben machen wollen, man könne alles erreichen, wenn man sich nur genug anstrengt und wer das nicht schafft, ist selbst schuld, wird das nicht besser. Dass deren Erfolgsrezepte oft mehr auf Zufällen denn auf harter Arbeit beruhen und vieles schlicht Schaumschlägerei ist, wird all zu oft verdrängt. Zumal man ja auch heute in einer angeblich so aufgeklärten Zeit den eigenen Wert immer noch aus Leistung und Besitz zieht.
Dumm, aber für viele eben einfach verstehbar. Wir sind nicht mehr länger psychisch kranke Einzelfälle, in meinen Augen krankt unsere gesamte Gesellschaft, wir sind teil eines schwer kranken Systems, das nur durch den Glauben an ewiges Wachstum am Leben gehalten wird.
Aber ewiges Wachstum? In einem begrenzten System? Merkt ihr selbst, oder?
Ich für meinen Teil fokussiere mich auf mein Ziel, aufzuklären, Menschen dazu zu bringen, wieder mehr an sich als an das Fremdbild zu denken, dass sie meinen, nach außen erzeugen zu müssen.
Beurteilungsgespräche, Stellenausschreibungen, der Arbeitsmarkt. Alles produziert krank machenden Druck in einer Zeit, in der wir die Arbeit an sich als Wert des Menschen hinterfragen müssen. Mehr und mehr wird von Maschinen geleistet, aber statt diese Befreiung zum Wohl des Menschen zu nutzen, wird die Wirtschaft damit weiter angefeuert, unsinniges Zeug zu produzieren, damit Arbeitsplätze erhalten bleiben, die schon der nächste Manager streicht, bevor er sich einem anderen Unternehmen zuwendet.
Ich für meinen Teil sehe diese Entwicklung kritisch und versuche in Gesprächen, Lesungen, Talkshows auf diese Fehlentwicklung hinzuweisen, die ja auch mich fast das Leben gekostet hätte. Auch ich habe mich dieser idiotischen Doktrin gebaut, dass der Mensch nur als Leistungsträger etwas wert ist. Dass man Minderleister identifizieren und eliminieren, oder wie es politisch korrekt heißt, coachen und bei mangelnder Leistung freisetzen muss. In einer Zeit, wo der Mensch mehr als Kostenfaktor oder Humanressource gesehen wird, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die WHO jetzt doch von besorgniserregend steigenden Zahlen psychischer Krankheiten spricht. Die Arbeitswelt erzeugt keine Depression, aber sie kann sie sehr stark fördern. Ich glaube nicht, dass Social Media das Problem ist.
Vielmehr ist es eine Gesellschaft, die den Menschen immer mehr durch Drohung mit Arbeitsplatzverlust, mit HartzIV gefügig und zum braven Humankapital degradiert. Dabei produzieren und konsumieren wir längst in völlig idiotischen Dimensionen, die eigentlich kein Mensch braucht. Aber die Konzerne, die ja leider immer noch nicht geschafft hat, dass der Kunde direkt das Geld überweist, ohne auch noch frecherweise ein funktionierendes und ha, welch Frevel, lange haltendes Produkt zu wollen.
Mir geht es gut. Weil ich endlich einiges an Wahnsinn da draußen durchschaue, gegen den alles, was ich in meiner Klinikzeit erlebt habe, wie völlige Normalität erscheint.
Und auch wenn ich weiß, dass bestimmte Menschen sich furchtbar über meine gewonnene Prominenz und meinen medialen Einfluß ärgern.
You ain’t seen nothing yet. Ich hoffe auf noch viel mehr mediales Interesse, weil es darum geht, den Menschen klar zu machen, dass sie sich von äußeren Umständen krank machen lassen, die in sich selbst verrückt sind. Dass sie einer Norm zu folgen versuchen, die an sich Wahnsinn bedeutet.
Nein, ich werde nicht leise sein, ich habe gerade erst angefangen, lauter zu werden. Und „Depression abzugeben“ ist mein Weg, in die Öffentlichkeit zu kommen. Gelesen werden, etwas bewegen. Mich haben Menschen angeschrieben, die wegen meines Buchs den Schritt in die Therapie gewagt haben, oder sich nicht suizidierten. Gibt es etwas großartigeres, als solch einen Effekt erzielen zu können. Und da werde ich mit Sicherheit nicht stiller werden, im Gegenteil.
„Jeder ist seines Glückes Schmied“, heißt ein Sprichwort das leider nicht erwähnt, ob als Ergebnis der Schmiedekunst ein Glücksbringer oder ein Sargnagel entstanden ist.
Ist der jetzt ganz durchgeknallt? Bin ich nicht. Auch wenn das manche von mir gerne behaupten würden, um zu verhindern, dass meine Stimme noch mehr Gewicht bekommt.
Ja, ich bin meiner Depression in gewissem Sinn dankbar. Meine Frau sagte in einem TV Interview, die Krankheit habe uns in Tiefen blicken lassen, die sonst kaum jemand erreicht. Ich habe viel über mich gelernt in der Zeit in den Kliniken. Weniger durch die Therapiesitzungen als durch die Gespräche mit anderen Patienten, die bedingt durch den Zusammenbruch und die gemeinsame Leidensstrecke offener über ihre Gedanken, Ängste und Gefühle sprachen, als jemals jemand außerhalb des Refugiums Klapse. Einiges an Erkenntnisgewinn über meine Vergangenheit hätte ich ohne die Geschehnisse rund um meine Krankheit und den Suizidversuch wohl nie erlangt. Dass mein erinnertes Leben erst mit dem 12. Lebensjahr beginnt, das war mir zuvor nicht wirklich bewußt. Das ich auf den Fotos meiner frühen Kindheitserinnerungen meine Eltern ausradiert habe.
Und in der Reflektion mit anderen Patienten habe ich auch gelernt, dass es in Ordnung sein kann, empfindsamer, sensibler als andere zu sein. Früher habe ich diese „Talente“ gehasst, weil sie mich immer wieder ins Abseits geschossen und zum Außenseiter gemacht haben.
Die Melancholie der vergangenen Jahre, die immer wiederkehrende tiefe Traurigkeit. Vieles habe ich gelernt über mich, vieles als Teil von mir zu akzeptieren gelernt, der zwar anders ist als bei anderen, deshalb aber nicht schlecht.
Und ich habe gelernt, wie sagen wir mal „seltsam“ so manche im Umgang mit meiner Krankheit waren. Briefe, in denen ICH gebeten wurde, meiner Frau weitere Kontakte mit bestimmten Instutionen zu verbieten. Angst, meine wachsende Prominenz im Rahmen der Suizidprävention und Depressionsaufklärung könne für so manchen aus meinem Umfeld negativ sein. Drohbriefe, die mir den Anwalt avisierten, sollte ich nochmal Personen erwähnen, die ich gar nicht erwähnt hatte. Das Umfeld reagiert sehr schnell sehr empfindlich, wenn man nicht in die brave, die gefolgsame und Klappe haltende Norm passt.
Aber Gott sei Dank hat mir meine Depression auch gezeigt, dass mein eigeninitiatives Engagement gewürdigt wird. Mittlerweile habe ich fast jeden Monat einen Auftritt irgendwo um entweder mein Buch vorzustellen oder über Depressionen aufzuklären. Interviews, Lesungen, Podiumsdiskussionen. Ich habe meinen Weg gefunden mich mit der Depression, dem dunklen Teil von mir zu arrangieren. Und damit auch meine Angststörung in den Griff bekommen.
Ich bin jetzt im Fokus. Die Meinung anderer oder deren Sicht auf mich, das angeblich so wichtige Fremdbild. Es ist mir egal. Denn es war viel zu oft falsch und final sogar fast tödlich.
Wer mich ab jetzt nicht so nimmt wie ich bin, der darf sich gerne aus meinem Dunstkreis entfernen. Es ist mir den Aufwand, die Energie nicht wert, mich für die Akzeptanz von Menschen aufzureiben, die mich überhaupt nicht so akzeptieren wollen, wie ich bin, die nur etwas aus mir formen wollen, aus dem sie größtmöglichen Gewinn ziehen wollen.
Die Depression hat mich, so paradox das klingt, wieder viel näher zu mir selbst gebracht. Sie ist und bleibt Teil von mir. Ein Mahner und Erinnerer, wie ein deutscher Comedian es formuliert.
Meine Depression, mein Einhorn, wir haben uns arrangiert.
Ich kenne die Liste der Menschen, die das sicher gerne zu mir sagen würden. Aus meist in etwa den gleichen Gründen. Weil sie nicht wollen, dass meine Geschichte prominent wird und bleibt. Weil sie eigene Fehler nicht sehen (wollen) und deshalb jede potentielle Indikation eines Fehlverhaltens jenseits meiner eigenen Entscheidungen eher in Drohbriefen als Dialogen mündet. Aber ich merke auch ungeheuer viel positives Feedback. Lob für Inhalt wie Form meines Buchs, Lob für die öffentlichen Vorträge und Lesungen.
Dabei ist es mir nicht wichtig, dass ich das tue, sondern das es überhaupt getan wird. Deshalb helfe ich auch anderen den Mut zu fassen, über ihre Depression oder Angststörung zu sprechen. Focus Online hat mir so etwas wie ein Kolumne als Plattform geboten und die Resonanz ist überwältigend. Ich bin mir sicher, viel Leid, viel verschleppte Krankheiten mit der wachsenden Gefahr des Suizidversuchs ließen sich durch offenen Umgang mit der Krankheit eindämmen. Aber so lange Ärzte statt auf meine Angststörung mehr auf meine Nutzung des Internet schauen, so lange Unternehmen immer noch so tun, als kümmerten sie sich um psychisch Kranke, die dann seltsamerweise dennoch große Angst haben darüber zu reden, so lange ist es dringend angeraten, weiter aufzuklären, weiter darüber zu reden.
Selbst die Royals, allen voran Der Duke und die Duchess of Cambridge und Prinz Harry sprechen offen darüber. Weil es eben nichts ist, was man verstecken müssen sollte. Weil es mittlerweile die Erkrankung Nummer 1 weltweit laut WHO ist, und dennoch verschwiegen wird.
Mir ist bewußt, dass ich Neider habe, auch wenn ich sie noch nicht getroffen oder gelesen habe. Aber das ist mir egal, weil ich weiß, dass es für mich eine Art Lebensversicherung ist, gegen das Stigma Depression zu kämpfen. Weil es nötig ist, um anderen zu helfen. Weil es einfach richtig ist.
Wir sollten darüber sprechen, Betroffene, Angehörige und die Öffentlichkeit. Immer wieder. Für ein Ende des Stigmas und Hilfe für Betroffene, die nicht so stark sind, sich offen zu äußern.
Disclaimer: Wer sich hier erkannt fühlt und nicht namentlich genannt wurde ist, wie bei allen meinen Postings, sei es hier oder in Social Media NICHT GEMEINT. Weitere Post brauche ich wirklich nicht.
2016. Das Jahr eins nach meinem Suizidversuch. Und schon zu Beginn ein holpriger Start. Zu schnell wollte ich wieder zu perfekt sein. Das endete erst mal wieder in der Tagesklinik. Danach ein 12 wöchiger Neustart, der mich endlich wieder zurück in einen „normalen“ Arbeitsprozess brachte, zumindest was meinen Hauptberuf angeht. Daneben letzte Arbeiten an meinem ersten in einem klassischen Verlag erscheinenden Buch. Bastei Lübbe wurde für mich in diesem Jahr endgültig zu meiner literarischen Heimat, auch dank toller Menschen, die mich in der Entstehung des Buches unterstützten. Danke Cindy Witt, danke Angela Kuepper, danke auch Ragna Sieckmann und Tina Pfeifer, die sich um Autor wie Buch wirklich toll gekümmert haben. Weder wurde irgendwie kritisiert, dass die Erzählung von geplanten 250 Seiten auf notwendige 430 Seiten anwuchs, noch wurde der Inhalt wesentlich verändert, der zu 100% aus meiner Feder stammt. Und das Lob von dir liebe Angela sowohl über Projekt als auch Inhalt. Es haut mich noch heute von den Socken, wenn ich die EMail mal wieder hervorkrame. Und damit hat sich meine Berufsbezeichnung speziell in den Online Medien geändert. Ich bin jetzt Autor und weitere Bücher sind bereits in Planung bzw. im Entstehen.
Und dann war da auch noch die 37° Reportage „Viel mehr als Traurigkeit“, geplant und organisiert von Wibke Kämpfer. Das Team war sehr einfühlsam, die Drehs so authentisch wie möglich und das Endergebnis spricht glaube ich für sich. Ja, ich weiß, eigentlich war das ganze zu kurz, aber so ist nun mal das Format von 37° und mir war insbesondere wichtig, dass das Thema Depression im öffentlichen Fokus bleibt, damit endlich die Stigmatisierung psychisch Kranker endet. Auch hier waren die Reaktionen überwältigend positiv, wenig Kritik viel Dank für die offene Kommunikation und für mich Bestätigung, dass ich mit meiner Strategie richtig liege.
Auch die re:publica 2016 war für mich etwas ganz besonderes. Meine erste re:publica mit eigener Session und dann noch gemeinsam mit Kati Krause über mein Herzensthema: Social Media und Depression. Nicht nur dort, auf der re:publica war der Zuspruch phänomenal. Die Medien wurden aufmerksam.
Elektrischer Reporter, bayrisches Fernsehen, Südwestpresse, Huffington Post Deutschland, die Liste verlängert sich im Moment täglich. Man war besorgt, ob ich diese Öffentlichkeit verkrafte, ob das alles nicht zu viel für mich sei. Nein Leute, im Gegenteil, es ist für mich ein Quell neuer Motivation, mich weiter mit meiner Krankheit auseinanderzusetzen und anderen Menschen aus dem Versteck zu helfen und die Angst vor der Krankheit und der Behandlung selbiger zu nehmen.
Die Buchmesse 2016 war für mich die erste, die ich nicht nur als Autor sondern auch als Fachbesucher besuchte. Gespräche mit meinen Verlagsansprechpartnern, neue Menschen, die mich, ein völlig neues Gefühl, erkannten und sich fast wie Fans benahmen. Es baute ungemein auf und stärkte mich in einer Phase, in der ich noch sehr verletzlich und unsicher war. Zu Beginn war ich Autor laut meiner Visitenkarte. Am Ende fühlte ich mich auch wie ein solcher. Danke allen, die sich dort mit mir getroffen und ausgetauscht haben. Besonders auch Firas Alshater, ein Mensch, den ich bewundere und dessen Buch ich nur jedem ans Herz legen kann, der einen Blick in eine syrische Seele werfen will, erfahren will, was Menschen wirklich in Syrien erleiden und wie es sich anfühlt, als Flüchtling nach Deutschland zu kommen, dem Königreich des Papierkriegs. Danke Firas, dass du für mich Zeit hattest, danke für dein Buch, danke, dass ich dich kenne. Und danke Jan. Was du mit Firas zusammen auf die Beine gestellt hast und stellst, ist einfach großartig!
Das Barcamp Glück von Lotto BW war ein weiterer spannender Event. Klein aber fein, Gelegenheit, neue Menschen mit ihren Geschichten kennenzulernen, meine Geschichte zu erzählen und erneut in den Austausch zu gehen, zu reflektieren und dem Thema des Barcamps geschuldet auch zu lernen, wie viel Glück ich auch im Unglücksjahr 2015 hatte.
Anfang November dann der von mir schon erwartete Rückfall, kurz, voller Missverständnisse und in seinen Auswirkungen auf mein Umfeld von mir so nicht erwartet. Nicht jede Reaktion war schön, nicht alles kann ich rückblickend verstehen, aber ich habe gelernt, ich muss auch nicht alles verstehen. Ich muss lernen, damit umzugehen, andere Sichtweisen oder Interpretationen zu akzeptieren. Aber ich muss sie mir eben auch nicht mehr zu eigen machen. Zwar gab es Kommunikation, insbesondere mit meiner Frau, die ich bis heute nicht akzeptieren kann. Aber hey, warum aufregen, es gibt wichtigeres.
Dieser Knüppel im Weg meiner Heilung war aber nicht lange ein Hindernis. Schulen und Schüler warteten und warten auf Aufklärung, darauf, meine Geschichte zu hören. Schwäbisch Hall, Heilbronn, Winnenden und Ellwangen im neuen Jahr sind nur einige. Ich bin allen bislang besuchten Schulen und Schülern für ihr Interesse und für die wirklich sehr intelligenten und teils schweren Fragen sehr dankbar. Und ich werde meine Geschichte weiter erzählen, in der Hoffnung, dass sie weiterhin das bewirkt, was schon in der Zeit der Tweets #ausderklapse passierte. Menschen, die sich wegen meiner Initiative mehr um sich selbst kümmern, Menschen, die zur Sicherheit einen Therapeuten aufsuchen, Menschen, die anderen betroffenen Menschen zur Seite stehen.
All jenen, die aus meinem Beispiel etwas für sich herausgeholt haben sage ich danke. All jenen, die Menschen mit psychischen Erkrankungen sei es beruflich oder privat als Freund oder Angehöriger beistehen sage ich erst recht DANKE. Ihr tut etwas ungeheuer wertvolles und es kann durchaus sein, dass ihr im wahrsten Sinne des Wortes ein Leben rettet.
Mein allergrößter und nicht wirklich vollumfänglich ausdrückbarer Dank gilt aber meiner wundervollen Frau Sibylle, die mir die ganze Zeit zur Seite stand, die unglaubliches geleistet hat in der Zeit, die für mich die schlimmste meines Lebens war und die mir dort wieder herausgeholfen hat.
Am 13. Januar 2017 endlich auch physisch im Buchhandel verfügbar, ich hoffe auf viele Leser und viel Feedback
Und danke meinen drei wundervollen Kindern. Euer Zusammenhalt, eure spürbare Liebe zu mir, auch als ich eben nicht der Vater war, der ich sein wollte, das alles kann ich euch gar nicht hoch genug anrechnen. Ihr seid wundervolle, starke, mutige, kluge, empfindsame und besondere Menschen. Bleibt so. Es gibt viel zu wenige von dieser Art.
2017 wird für mich das unglaublichste Jahr überhaupt. Weitere TV Auftritte, am 13. Januar 2017 erscheint endlich mein Buch „Depression abzugeben“. Weitere Artikel, Aktionen, vielleicht sogar Lesungen. Wer weiß, was noch alles kommt. Nur eins weiß ich. Ich werde weiter laut, aktiv, ein Lobbyist sein für all jene, die sich noch nicht offen zu ihrer psychischen Krankheit zu bekennen wagen.
Mein Brot- und Butterberuf soll wieder normal laufen, aber ebenso bleibe ich Autor, Blogger und „Aufklärer“ über Depression, psychische Krankheiten und Suizidprävention und werde auch 2017 den Blog mit Blick auf diese Themen weiterführen. Und wer weiß, vielleicht gibt es dann neue Perspektiven für den Autor Uwe Hauck und seine Buchprojekte. 2016 war für mich trotz all der Dramen, der traurigen Verluste und des zukünftigen Horrorpräsidenten der USA ein aufwühlendes, spannendes, neue Wege ebnendes Jahr. 2017 darf kommen, aber bitte mit weniger Drama und mehr guten Wendungen.
Euch allen wünsche ich ein wundervolles Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2017. Ich genieße die Vorweihnachtszeit zum ersten Mal seit Jahren wieder wirklich. Wir lesen uns 2017. Dank euch allen, die ihr mir zur Seite standet, sei es virtuell oder real. Ihr habt mir mehr geholfen, als ihr euch vorstellen könnt.
Kennengelernt habe ich den Autoren Firas Alshater zuerst über das sicher vielen bekannte YouTube Video darüber, wie er in Berlin das Umarmungsexperiment gemacht hat und über seine ersten Eindrücke von typisch Deutschen.
Nicht nur die Botschaft des Videos sondern auch seine sympathische Art fand ich begeisternd. Als ich ihn dann auf der re:publica 2016 dank Manuela Braun (Danke Manu für die Einladung) persönlich kennenlernen durfte, bestätigte sich mein Eindruck. Ein fröhlicher, weltoffener, toleranter und hochkreativer Syrer. Den Flüchtling sah ich in ihm damals nicht und heute immer noch nicht.
Auch auf der Buchmesse durfte ich Firas treffen. Und wie nicht anders zu erwarten hatten wir viel Spass. War einfach Zuckaaarrrr
Um so mehr hat mich die Lektüre seines Buches „Ich komm auf Deutschland zu“ berührt.
Was dieser Mann alles in Syrien erlebt hat, wie viel Folter, Leid und Tot. Schon dafür bewundere ich, wie offen und fröhlich Firas immer noch wirkt. Sein Buch ist eine Offenbarung für alle, die nicht das Medienbild des syrischen Flüchtlings sondern die Erfahrungen aus erster Hand kennenlernen möchten. Eigentlich läuft das Buch in zwei Erzählsträngen. Da sind zum einen die Erlebnisse seit seiner Ankunft in Deutschland aber immer wieder auch Rückblenden auf seine Kindheit und Jugend in Syrien. Ja Firas, so wie ich dich kennenlernte bis du nicht 25 sondern seelisch bereits mindestens 35. Die Erlebnisse, teils erschütternd, teils so fassungslos grausam, dass ich versucht war, einige Abschnitte zu überspringen, dann aber weiterlesen musste, weil ich die ganze Geschichte kennen wollte, diese Erlebnisse aus erster Hand zeigen die ganze Grausamkeit eines Krieges, den wir nur noch medial gefiltert und durch den Weichzeichner gedreht sehen.
Firas erspart uns nicht die brutalen Wahrheiten eines Regimes, das sein eigenes Volk nur durch Angst kontrollieren kann.
Einhellige Wertung der beiden Frauen in meinem Haushalt: Daumen hoch für das Buch
Und dennoch gibt es auch viele sehr heitere und komische Momente, sei es im Umgang mit der deutschen Polizei, dem Fetisch Papier und Dokument oder schlicht mit der Wohnsituation in Berlin und den zum Teil hirnrissigen Regelungen des deutschen Asylrechts.
Firas schreibt humorvoll, authentisch, schonungslos und dennoch oder gerade deshalb sehr unterhaltsam.
Damit ist „Ich komm auf Deutschland zu“ für mich das Buch, das wenn schon nicht auf dem Gabentisch dann zumindest in jedem Bücherregal landen sollte, nachdem man es verschlungen hat, weil die Geschichte so packend ist, dass an ein Aufhören nicht mehr zu denken ist.
„Bin ich etwa verrückt geworden?“, fragte der Hutmacher traurig. „Ich fürchte, ja“, sagte Alice, „du bist total durchgeknallt. Aber soll ich dir ein Geheimnis verraten? Das macht die Besten aus.“
(Alice im Wunderland von Lewis Carroll)
Normal sein. Brav sein. Gefolgsam sein. Ein guter, williger, konformistischer Angestellter, der ja keine rebellischen Gedanken hat, am besten gar nicht eigenständig denkt sondern nur zum Wolle des Unternehmens.
Braver Bürger, der sich an Regeln und Gesetze hält, ohne sie zu hinterfragen, ohne zu zweifeln.
Wir werden so häufig in ein scheinbar normales Korsett von Verhaltensweisen, Vorschriften und Drohungen gesperrt, dass es uns oft den Atem raubt. Dabei sind diese Regeln und Normen oftmals nur für ganz bestimmte Menschen oder Instanzen normal, sinnvoll, nützlich. Für den großen Rest stellen sie eigentlich den blanken Wahnsinn dar.
Der verrückte Hutmacher aus Alice im Wunderland
Ein Banker verdient mit dem Geld hin und her schieben Unsummen, eine Krankenschwester kann froh sein, wenn sie nach vielen unbezahlten Überstunden von ihrem Gehalt überhaupt leben kann. Großkonzerne suggerieren uns, wir seien krank, hätten Defizite, bräuchten teures Functional Food oder Nahrungsergänzungsmittel.
Und erst jüngst haben mehrere Studien nachgewiesen, dass die Psychopharmaka, die auch ich gegen meine Depressionen verschrieben bekommen habe, eigentlich genau so viel Wirkung zeigen, wie Plazebos und lediglich bei ganz schweren Fällen einen gewissen Nutzen haben.
Wir schicken Kinder in Schulen, die schon wir hassten, damit sie Dinge lernen, die sie später nicht brauchen oder noch schlimmer, damit sie zu willigen Lohnsklaven für die Arbeitgeber ausgebildet werden, statt universell gebildet zu sein, um dann möglicherweise die eine oder andere Lüge oder Dummheit zu hinterfragen. Und von Afd und Pegida, dieser Ansammlung scheinbar normaler Bürger, die für mich eine Ausgeburt an Dummheit und Ignoranz sind, will ich gar nicht erst beginnen.
Das da draußen, das, was man uns als vernünftig, gut, richtig präsentiert ist zum Teil viel größerer Wahnsinn, als ich ihn jemals in der Psychiatrie erlebt habe.
Oder wie ich darüber twitterte:
Eigentlich sind in der Klapse eher normale Menschen, die mit dem Wahnsinn da draußen nicht mehr fertig werden. #ausderklapse
Ich will gar nicht mehr normal sein. Lieber bleibe ich ver-rückt. Hinterfrage, drücke den Finger in die Wunde, zeige auf, wo der Irrsinn haust. Und bleibe dabei selbst bei klarem Verstand, denke selbst, bleibe am Leben. Denn viel zu lange habe ich mir einreden lassen, wie ich richtig zu sein habe. Von Menschen, die selbst nicht ganz richtig waren.
Bei so vielen roten Königinnen und Königen da draußen bleibe ich lieber der verrückte Hutmacher und lebe nach meinen Regeln.
Das Buch, man wollte es mir ausreden. Die TV Doku, man wollte sie mir ausreden. Du bist zu oft im Internet, du bist ja Internet, Smartphone, Literatur, Musikabhängig, name it, sie behaupteten es. Angst? Neid? Dummheit? Egal. Aber es wäre verrückt, auf sie zu hören, verrückt es nicht zu tun. Da bin ich dann ja fast schon normal. Ist das nicht verrückt?
Ich schreibe nicht alles, was mir am Herzen liegt. Nicht, weil ich dafür keine Worte finden könnte. Aber weil ich weiß, dass ich bespitzelt werde, dass man sich wohl Sorgen macht, ich könnte den Finger in Wunden legen, die man lieber unter den Tisch kehren will.
Ja, das ist Zensur, sogar Zensur, die ich mir selbst auferlege. Aber mit einer Familie ist man erpressbarer als alleine. Und zudem ist es mir den ganzen Ärger nicht wert, zu erzählen, was die unliebsame Wahrheit ist. Mir sind jetzt andere Themen wichtig. Die Aufklärung über Depression, die Prävention von Suizid.
Natürlich bin ich weiterhin wütend über die Bespitzelung und würde liebend gerne dagegen vorgehen. Aber das bedürfte Anwälten, und viel Energie, die ich so mit meiner chronischen Depression im Moment einfach nicht habe. Aber die Prioritäten haben sich durchaus verschoben und wo ich mich zuvor schwer getroffen fühlte denke ich mir immer öfter das Götz Zitat. Wo mich Green- oder White washing geärgert haben freue ich mich heute diebisch, wenn das ganze von der Hand des „Waschenden“ selbst in sich zusammenstürzt.
Als Buchautor habe ich zudem andere „Waffen“, die ich durchaus einzusetzen weiß, so wird mein Buch über meine Zeit in den Therapien sicher ein erhellender Einblick in das, was einem als Suizidüberlebendem so alles widerfährt.
Dennoch. Ja, ich habe bei gewissen Themen eine Schere im Kopf. Aber nur so lange, bis die Drohungen massiver werden. Dann werde ich mich zu wehren wissen. Nochmal ins Eck treiben lassen, no way.
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