Hat das Leben sich gelohnt?

Ja, ich gebe zu, der Titel hat was von Clickbait. Aber ganz ehrlich? Der Gedanke kam  mir nach „dem Ereignis“ schon das eine oder andere Mal. Ich hab Computerlinguistik und Künstliche Intelligenz studiert, einen Magistergrad erlangt, aber danach eigentlich damit nicht mehr wirklich viel angefangen, nachdem ein Forschungsstipendium zu Ende war, obwohl gerade diese Zeit, in der ich frei in meiner Arbeit, meiner Forschung war, mich zutiefst glücklich gemacht hat.

Nur meine Frau und unsere Kinder haben in mir ähnliche Gefühle des Glücks, des Angekommen seins ausgelöst. Aber mit mittlerweile 53 stelle ich mir doch tatsächlich diese typische Midlifecrisis Frage, hat es sich gelohnt, obwohl ich nie solche Dinge an mich rankommen lassen wollte.

Ja hat es sich denn nun gelohnt? Es ist kompliziert, also setzt euch, nehmt euch nen Keks, schauen wir mal genauer hin. Wofür sich mein Studium zumindest sicher gelohnt hat, ist meine Art zu denken, die doch sehr rational, sehr wissenschaftlich geprägt ist. Ich liebe den Diskurs, aber nicht mit verhärteten Positionen wo der eine dem andern nicht zuhört sondern nur darauf wartet, ihm die eigene alleine seligmachende Wahrheit ins Gesicht zu brüllen.

Ich habe mir spät zwar aber nicht zu spät ein paar Lebenswünsche erfüllt. Allen voran mein Buch „Depression abzugeben“, das man durchaus als Erfolg einordnen kann und das für mich völlig überraschend kam, obwohl ich rückblickend eigentlich immer sehr genau wusste, was mich glücklich gemacht hat, wenn ich mich damit beschäftigt habe. Das war seltsamerweise nie die IT. Die hat mir ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle über ein Fragment meines Lebens gegeben, die ich dank meines familiären Hintergrunds sonst so nie erlebt habe. Aber wirkliche Glücksmomente waren immer Momente, in denen ich mich mit Kunst, mit kreativem, mit Forschen befasst habe.

Würde ich heute anders entscheiden, andere Wege früher wählen? Mit Sicherheit. Ginge es mir damit besser? Ich weiß es nicht. Es ginge mir wohl anders. Aber viele meiner Entscheidungen waren im Nachhinein besser als gedacht.

Und jetzt sehe ich unsere Kinder und wie sie auch ermöglicht durch die etwas andere Sicht auf die Welt meiner Frau und mir, ihre ganz eigenen Wege gehen dürfen.

Vielleicht ist es das, was mich gerade am Glücklichsten macht. Ja, meine Krankheit, meine Depressionen und die Angststörung haben vieles für uns alle schwerer gemacht, als für andere. Aber wir sind alle im Positiven daran gewachsen. Es gibt immer rückblickend die Momente, an denen man hätte anders entschieden. Aber meist sollte man auch so ehrlich sein, zu sehen, dass man damals eben mit unvollständiger Information versucht hat, das beste zu wählen. Und oft war es dann nicht die schlechteste Wahl.

Das mag jetzt etwas überphilosophisch klingen aber mein Steckenpferd die Astronomie hat mich eines gelernt. Ich bin gleichzeitig weniger als ein Staubkorn in der Geschichte unseres Universums und ebenso ein ganz elementarer Bestandteil. Ich bin wie wir alle letztlich Sternenstaub, es wird mich bald nicht mehr geben und gleichzeitig auf eine sehr wissenschaftliche und dennoch auch philosophische Art ewig. Nichts wird verschwinden, was zusammengenommen mich ausmacht.

Das finde ich tröstlich und bin dankbar, jetzt die nächste Generation begleiten zu dürfen, in eine nach wie vor wunderbare, faszinierende, undurchschaubare, schöne Welt. Ich glaube fest, dass wir uns weiterentwickeln können, dass diejenigen, die mal wirklich ins Universum aufbrechen, weiter als „nur“ zum Mars andere Menschen sein werden, denn nur wenn wir unsere Gräben überwinden, wenn wir endlich begreifen, dass wir alle „nur “ der Rasse Mensch angehören und wir nur als Gemeinschaft großes erreichen, werden wir fortbestehen.

Für mich gilt nicht „Wissen ist Macht“ sondern „Wissen statt Macht“

In diesem Sinne: Nehmt euch gern noch nen Keks. Das Universum läuft uns nicht davon.

Warum verpasste Chancen nicht schlimm sind

Was mir sehr schmerzhaft in den Kliniken vor Augen geführt wurde und es immer noch wird ist, welche teilweise großen Chancen ich in meinem Leben verpasst habe. Es gab einmal die Gelegenheit, nach Seattle zu gehen und dort bei Microsoft zu arbeiten. Ich hätte bei IBM in der Forschung bleiben können oder was eigenes aufziehen. Was dagegen gesprochen hat? Meist nur meine Angst vor dem eigenen Mut und vor der Möglichkeit des Scheiterns. Ich bin nicht wirklich traurig darüber, auch wenn ich mir manchmal vorstelle, welche Wege mein Leben hätte nehmen können.

Immerhin hab ich einen Hochschulabschluss, zwei Menschen wissentlich das Leben gerettet und zumindest nach deren Feedback vielen meiner Leser*innen bei dem Kampf gegen ihre Ängste und Depressionen geholfen.

Ich war diverse Male auf der Bühne und im TV und habe ein Buch geschrieben, aus dem sogar ein Hörbuch wurde, das in der überwiegenden Mehrheit sehr gelobt wird.

Und ich habe gemeinsam mit Kristina sehr erfolgreich eine Petition gestartet, die es sogar mit geschafft, ein Gesetz zu stoppen.

Dennoch hat mich meine Angst und die Depression an vielem gehindert.  Sie hat mich oft Erreichtes und Schönes vergessen lassen und die Verhörlampe auf das gerichtet, was nicht so gut lief, was rückblickend falsch war. Ähnliche Gedanken spiegeln mir auch immer wieder meine Leser*innen wieder.

Aber ich sehe das Ganze mittlerweile anders. Ich blicke nicht mehr auf die Vergangenheit als eine Ansammlung verpasster Chancen. Es war und ist mein ureigenes Leben und wie bei jedem anderen Menschen auch, habe ich mal gute, mal schlechte Entscheidungen getroffen. Ich bin sehr glücklich verheiratet, habe drei tolle Kinder, lebe sicher unter dem eigenen Dach mit genug von allem, was man braucht. Letztlich definiert sich Glück nicht aus Leistungen sondern aus dem, was man wertschätzt, aus dem, was man oft nicht mal als wertvoll erkennt.

Meine größte Erkenntnis in den Kliniken war, dass ich vieles erreicht und gut gemacht habe, dass ich sagen kann, es gibt kleine Momente, in denen ich die Welt zumindest für ein paar Menschen besser machen konnte.

Jeder von uns hat Chancen im Leben. verpasst, jeder von uns weiß sicher zig Lebensmomente, an denen eine andere Entscheidung das Leben hätte vollständig anders aussehen lassen können. Aber das ist ein Rückblick, den wir jetzt werten, obwohl wir ihn in der damaligen Situation betrachten müssten, was das Ganze oft relativiert, weil man dann doch erkennt, dass man mit dem damaligen Wissen und den Lebensumständen oft die bestmögliche Entscheidung getroffen hat.

Wir alle tendieren dazu, zu hinterfragen, ob wir im Leben alles richtig gemacht haben. Aber Achtung, Spoiler Alert. Nein, sicher nicht. Wir alle haben Fehler gemacht, machen sie heute und werden sie Morgen machen. Wir segeln durch unser Leben ohne Seekarte und Kompass, wir reisen auf Sicht. Und viel zu oft verpassen wir beim Blick in die Vergangenheit oder die Zukunft, dass lediglich das jetzt der Moment ist, den zu beeinflußen wir in der Lage sind. Sicher, eine gewisse Vorsorge ist gut und so manche Erinnerung lässt sich nicht so einfach eliminieren, weil sie uns eben zu dem gemacht hat, was wir heute sind.

Aber so klischeehaft „Carpe Diem“ also nutze den Tag klingen mag. Es ist in den allermeisten Fällen die einzige Chance, die wir haben.

Beschäftigungstherapie

Während meiner Zeit in den Kliniken war die mich wohl am meisten ärgernde und überflüssige Maßnahme die vier wöchige Internet Abstinenz. Eines habe ich aber dabei erkannt. Ich hatte schon immer einen Weg, mich von meiner Depression und den Ängsten abzulenken. Die intensive Beschäftigung mit einem Thema, sei es das Lesen von Büchern, Computerspiele, Recherche oder eben das Surfen im Netz.

Es war nichts Pathologisches, sondern etwas Heilendes. Aber weil es ja digital war und modern, war es wohl so einigen „Fachleuten“ suspekt.

Aktuell ändert sich das auch dank Corona zusehends und die Menschen erkennen, wie wertvoll in der Pandemie auch der virtuelle Kontakt sein kann.

Und ich als Introvertierter kann sagen, mich belastet Home Office und Kontaktarmut nur ganz gering. Eigentlich gar nicht. Ich bin zufrieden mit meinen Kontakten via Twitter, Instagram oder Online Konferenz.  Mir ist der Gedankenaustausch wichtig, auf welchem Weg dieser erfolgt, ist mir herzlich egal.

Genau genommen bin ich mittlerweile 10 Monate fast ausschließlich im Home Office und das Einzige, was ich manchmal vermisse, sind die Auftritte und der Austausch mit meinen Leser*innen.

Und was mich ärgert sind diese ewig gestrigen, die auf Teufel komm raus den persönlichen Kontakt vorziehen, die eher ein Infektionsrisiko eingehen, als mal vorsichtig zu sein.

Ja, andere leiden darunter. Aber dann bitte nicht alle über einen Kamm scheren. Wir müssen gemeinsam da durch, aber eben auch mit dem Blick auf die unterschiedlichen Sichtweisen.

Das bin ich!

Es ist wieder da. Das Gefühl, etwas tun zu müssen. Aktiv zu werden, einen neuen Weg einzuschlagen.

Vor kurzem hatte ich erfahren, dass es keine vierte Auflage meines Buchs geben würde, wohl aber das eBook und Hörbuch nach wie vor.

Was mich verblüffte, es berührte mich bei weitem nicht so sehr wie ich und wohl vor allem Sibylle, meine Frau gefürchtet hatte. Ich habe einige Zeit damit verbracht, herauszufinden, was heute anders ist, was sich an mir, an meinem Umfeld geändert hat. Vor ein paar Jahren noch hätte mich so eine Nachricht erschüttert, gekränkt, niedergeschlagen.

Heute sehe ich es als ein Kapitel meines Lebensbuchs, das zu einem teilweisen Abschluss kommt und Raum freimacht, den Weg ebnet für weitere, für neue, für noch unbekannte Kapitel. Autor bin ich nach wie vor, im Blog, als Gastautor, als Kolumnist. Aber dieses Kapitel hat mich auch zum Aktivisten gemacht, der es sogar auch dank Kristina Wilms und ihrer Unterstützung geschafft hat, ein fatales Gesetz, das bayerische Psychisch Kranken Hilfegesetz zu stoppen und zu verändern.

Ich wurde zum Aktivisten, zum Kommentator, bin medial präsent und werde es weiterhin bleiben, so lange es noch nötig ist, zu entstigmatisieren und aufzuklären über psychische Krankheiten.

Eins hat sich aber sehr geändert und wer mich kennt und meine Begeisterung für einen bestimmten Song aus dem Film „The greatest showman“ versteht, der weiß, was ich meine.

Ich bin nicht mehr everybodies darling und will es auch nicht mehr sein. Ich habe meine Masken in großen Teilen abgelegt und es kümmert mich nur noch marginal, was andere über mich denken. Und das hat die Ängste in einigen Bereichen kleiner werden lassen. Nicht dass sie weg wären, wie meine Depression habe ich sie nur besser im Griff. Aber schon das macht den Unterschied. „Das bin ich“ und ich werde mich nicht mehr verbiegen, nur um von jemand gemocht zu werden, der es letztlich gar nicht wert war, sich zu verkämpfen.

Ich habe gelernt, dass jeder Tag, den man angeht, an dem man sich seinen Ängsten stellt, ein Tag sein kann, der etwas verändert, der mich verändert oder an dem ich das Leben irgendeines Menschen verändern kann, nur dadurch, dass ich bin, dass ich existiere, dass ich immer noch existiere.

Jeder Tag verändert mich, jeder Tag bietet die Chance, sich weiterzuentwickeln, neue Wege zu gehen. Nur sollten es die eigenen Wege sein. Und ja, der Blick nach vorne ist nicht sehr weit aber das ist gut so, denn dadurch bin ich gezwungen, jeden einzelnen Tag neu anzunehmen, neu zu definieren, wer ich sein will, wo ich mich weiterentwickeln kann, welche neuen Erfahrungen ich machen werde.

Das Leben ist nicht deterministisch vorgezeichnet und ich kann mich an jedem Tag neu erfinden und sollte das zum Teil auch.

Ich bin ich, es gibt keinen zweiten Menschen wie mich und ich bin wertvoll dadurch, dass ich da bin. Leistungen definieren nicht meinen Wert als Mensch.

Ich bin es wert, geliebt, gehört, gemocht zu werden.

Oh, und übrigens bin ich jetzt wieder Fotograf. Und Geek. Und Hobbyastronom. Oder zusammengefasst:

„Das bin ich“

Oh, und einen Wunsch, eine Idee habe ich noch. Wenn ihr wollt, sendet mein Buch auf Reisen. Habt ihr es gelesen und denkt, es könnte jemand anderem helfen, der in einer ähnlichen Situation ist, gebt es weiter, leiht es aus, verschenkt es. Lasst mein Buch auf Reisen gehen, damit möglichst viele Menschen einen Gewinn daraus ziehen können.

Das Ende von Depression abzugeben

Es waren drei tolle Jahre und fast 12.000 verkaufte Exemplare. Aber jetzt hat sich Bastei Lübbe vor einer etwaigen vierten Auflage entschlossen, das Buch vom Markt zu nehmen. Auch das Ebook gibt es nicht mehr, was mich ehrlich gesagt sehr wundert aber andererseits gibt mir das eine neue, frische Perspektive auf mein weiteres Leben. Ich werde mich neuen Themen widmen, wieder als Fotograf aktiv werden und weiterhin Aktivist für psychische Gesundheit und gegen das Stigma sein.

Und falls jemand doch noch einen Verlag kennt, der mein Buch haben möchte, gerne melden. Ansonsten, hier werde ich weiter schreiben und aktiv sein.

Und immerhin gibt es aktuell noch das Hörbuch bei Audible (mal sehen, wie lange noch)

Was werden wir von Corona lernen?

Ich kann nicht sagen, was jeder Einzelne aus dieser Krise mitnehmen wird, aber ich fürchte, die Wirtschaft wird all zu schnell wieder in die alten Muster verfallen.

Alleine schon, wenn ich Manager in Online Meetings klagen höre, dass doch endlich wieder der persönliche Kontakt stattfinden müsse.

Aeh nein für mich nicht. Zumal das viel zu häufig mehr mit Macht, mit Unterordnen, mit Kontrolle zu tun hat. Wir sollten uns zu mündigeren Menschen entwickeln. Wohlgemerkt mündig, nicht dumm. Diejenigen, die so laut schreien dass sie angeblich selbst denken und man das doch auch tun solle, die denken oft am unselbständigsten, folgen den wirren Verschwörungstheorien von Köchen und verkrachten Musikerexistenzen.

Was wir aber alle mitnehmen sollten. Die Zeit des da oben und da unten geht zu Ende.  Und die Zeit des Konsums um des Konsums Willen auch. Selten habe ich Werbung für so deplaziert empfunden wie gerade jetzt, wo irgendwelche Luxusgüter zu kaufen, das allerletzte wäre, worüber ich nachdenke.

Wir sollten die Pandemie auch als Chance sehen, über unser bisheriges Verhalten nachzudenken. Vielleicht wird es bald kein Fridays for Future mehr brauchen, weil wir endlich mehr in gesellschaftlichen Zusammenhängen denken, als nur an uns. Vielleicht auch, weil wir etwas über den Konsumzwang lernen, den uns die großen Konzerne gebetsmühlenartig als normal verkaufen wollten. Kultur und Kunst wird runtergefahren aber die Wirtschaft, der höchste Götze der Gegenwart, die muss unbedingt am Leben gehalten werden. Wenn sie groß ist. Wenn sie Lobbyisten auf dem Schoss der Politik hat.

Womit beschäftigen wir uns alle in Zeiten des Lockdowns, was macht ihn für uns alle etwas erträglicher? Literatur, Filme, Kunst. Und genau da werden Existenzen vernichtet. Wollen wir wirklich aus dieser Pandemie gehen mit einer Welt, die noch mehr die Wirtschaft vergöttert? Wir brauchen Kunst, wir brauchen Kultur, weil sie seelenrelevant ist. Kunst und Kultur ist für mich kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. So wie wir Nahrung für den Körper brauchen, um zu überleben, brauchen wir auch Nahrung für die Seele.

The arts are essential to any complete national life. The State owes it to itself to sustain and encourage them…

(Die Künste sind von elementarer Bedeutung für jedwedes vollständige nationale Leben. Der Staat schuldet es sich selbst, die Künste zu erhalten und zu fördern….)

Winston Churchill: Royal Academy on 30 April 1938

Aber vielleicht werden wir mal wieder gar nix lernen und business as usual weitermachen.

Was ist eigentlich Scham?

Zunächst mal Dankeschön an Laura, die mich eingeladen hat, für ihren Podcast über Scham und Schamgefühl zu sprechen. Wenn der Podcast online ist, werde ich ihn hier verlinken.

Sucht man bei Wikipedia nach dem Begriff „Scham“, findet sich ein ganzes Sammelsurium soziokultureller, philosophischer, anthropoligischer  und diverser anderer gesellschaftlich-wissenschaftlicher Erklärungen zum Begriff Scham, seiner Herkunft, der Entstehung des Schamgefühls und so weiter und so weiter.

Mich interessiert aber hier vor allem, wie ich durch Scham und Schamgefühl beeinflußt, bin welche Teile meines Lebens davon gesteuert oder verurteilt wurden und werden und wo ich mein Schamgefühl verloren habe und warum.

Mich interessieren hier vor allem die Schamgefühle, die ich habe oder hatte, obwohl sie im Rückblick unnötig oder sogar schädlich waren und sind.

Gerade der gesellschaftliche Aspekt von Scham ist hier für mich interessant, da er mein Leben über viele Jahre hinweg bestimmt hat und auch heute noch viel zu oft mein Handeln und Denken beeinflußt.

Gerade in der Werbung und insbesondere im Bereich des körperlichen wird die Schamhaftigkeit des Menschen häufig ausgenutzt. Man wird sehr gerne als defizitär dargestellt, wenn man nicht Produkt a oder Kleidungsmarke b nutzt. Natürlich wird kein Marketingfuzzi das gerne zugeben, schon gar nicht, dass oft etwas vorgegaukelt oder nennen wir das Kind ruhig beim Namen, gelogen wird. Gott sei Dank hat sich hier auch durch die #metoo Bewegung einiges verändert, werden Normen und insbesondere Frauenbilder hier mittlerweile hinterfragt.

Aber dennoch wird nach wie vor oft die „Schäm dich für dein Defizit“ Karte ausgespielt.

Und oft ist Scham auch paradox. Gerade im Bereich der Sexualität halte ich vieles, was in unserer Kultur schambehaftet ist für schlichtweg falsch.

Wir schämen uns, in Kontexten nackt oder leicht bekleidet zu sein meiner Ansicht nach oft viel mehr deshalb, weil wir glauben, nicht der Körpernorm aus Medien und Werbung zu entsprechen. Aber diese Norm ist so weltfremd, so menschenfeindlich, dass eigentlich fast jeder aus der Norm fällt. Sind wir doch mal ehrlich, gerade wenn etwas nicht der Norm entspricht, ist es doch oft interessant.

Hier finde ich sehr spannend, dass mittlerweile zum Beispiel Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder nicht normgerechten Körpern nicht mehr länger Scham ihr Leben beherrschen lassen. Erotische Fotografien nicht normgerechter Körper, keine Verbergen mehr von Prothesen sondern vielmehr stolzes Tragen zum Beispiel ganz besonders gestylter künstlicher Arme oder Beine. Es bewegt sich was, auch deshalb, weil immer mehr Menschen erkennen, dass Scham in diesem Bereich auch viel mit Ausgrenzung und Diskriminierung zu tun hat.

Scham hat sehr oft etwas mit gesellschaftlichen und kulturellen Normen zu tun. Dabei ist es wichtig, diese immer wieder zu hinterfragen, zu prüfen. Selbst meine eigene Geschichte ist schambehaftet und erst durch „den Zwischenfall“ habe ich viel meiner unnötigen Schamgefühle verloren.

Was meine Scham bezüglich meiner Sexualität oder meines nackten Körpers angeht, war die nie besonders ausgeprägt. Als ich während meiner Therapie durch die Medikamente als Nebenwirkung impotent wurde, war es für mich nicht sonderlich schwer, dies vor meiner Therapeutin anzusprechen.

ABER: Ich konnte extrem gut über die Scham vor Blamage im beruflichen Umfeld gelenkt werden. Sobald Defizite, Fehler oder schlicht mein Wertemodell eventuell meine berufliche Laufbahn oder schlicht die Möglichkeit, durch das Geldverdienen zu überleben bedrohen konnten, schämte ich mich zutiefst für jeden noch so kleinen Fehler. Auch oder gerade das war ein ganz großer Faktor auch beim Suizidversuch. Ich schämte mich, weil ich glaubte, ein Versager zu sein, nichts zu können, beim Vortäuschen erwischt worden zu sein. Scham wird im Alltag sehr oft auch genutzt, um Menschen dazu zu bewegen, etwas zu tun, was sie sonst nicht tun würden.

Ich halte es für extrem verwerflich, welches Bild Medien und Öffentlichkeit zum Beispiel viel zu oft von Menschen zeichnen, um den Status Quo zu bewahren Wer in unserer Gesellschaft keine Arbeit findet, soll sich schämen und wird als Arbeitsloser all zu oft stigmatisiert. Wer nicht dem Konsumwahnsinn folgt, fühlt sich schnell ausgeschlossen oder defizitär.

Gleichzeitig verlieren Menschen in Machtpositionen immer mehr jede Scham. Für mich ist Donald Trump kein Einzelfall, sondern nur die extreme Form der Schamlosigkeit, die heute bei all zu vielen Menschen mit Macht vorherrscht.

Natürlich ist auch die Sexualität ein Feld, in dem vieles noch all zu sehr schambesetzt ist. Wir sind sicher schon weiter als noch vor Jahren, wenn es die Akzeptanz von Homosexualität oder bestimmten sexuellen Vorlieben angeht (okay, mit Ausnahme einiger, die in ihrer Sichtweise irgendwo bei der Inquisition und der Prüderie vergangener Jahrhunderte hängen geblieben sind) eigentlich sollte sich niemand für seine sexuellen Neigungen schämen müssen, sofern sie sich im Rahmen des ethisch moralischen Kontexts bewegen.

Missbrauch von Menschen, unabhängig von Alter oder Geschlecht ist falsch und wird es auch immer bleiben. Aber alles, was gesetzlich und kulturell nicht verboten ist, sollte nicht Grund für Schamhaftigkeit sein. im Gegenteil, gerade das Verstecken führt hier oft zu Problemen oder verhindert, dass Menschen, die sich hier außerhalb von Gesetz und Moral bewegen zur Rechenschaft gezogen werden. Es war ein sehr großer, sehr wichtiger Schritt, als Frauen es wagten, trotz kulturell indoktrinierter Scham, Missbrauch durch Männer öffentlich zu machen, Diskriminierung offenzulegen und zu hinterfragen, warum der Körper einer Frau entweder abgewertet wird, weil nicht einer Schönheitsnorm entsprechend oder sexualisiert wird, weil Männerfantasien befriedigt werden sollen.

Ich finde es eine berechtigte Frage, warum das Bild eines nackten männlichen Oberkörpers überhaupt kein Problem darzustellen scheint, eine nackte Frauenbrust aber mit nahezu 100% Sicherheit zum Beispiel in den sozialen Medien zu einer Mischung aus Anzüglichkeiten bzw. zu Zensur führt, selbst wenn diese Darstellung in Kontexten vorkommt, die eher medizinischer Natur sind wie Brustkrebsaufklärung und ähnlichem. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen, oder es wird der männliche Blick als Rechtfertigung für Zensur angeführt.

Etwas übertrieben gesagt, sollte es weder ein Grund für Zensur sein, wenn ein nackter Frauenkörper ästhetisch nackt dargestellt wird. Scham wird im Bereich der Sexualität noch all zu oft als Druckmittel eingesetzt. Missbrauch wird verheimlicht, weil ein falsches Schamgefühl die Opfer schweigen lässt.

Scham ist sicher in vielen Bereichen ein soziologischer oder moralischer Stellhebel, der oft sinnvoll ist.

Aber selbst heute, in einer angeblich so aufgeklärten Zeit wird Scham noch zu oft eingesetzt um zu lenken, zu beeinflußen oder zum Schweigen zu bringen.

Sobald ich mich für etwas schäme, sollte ich genau hinterfragen, ob diese Scham berechtigt ist oder ob ich mich schlicht nur deshalb schäme, weil ich glaube, hier defizitär zu sein. Scham darf schützen aber nicht behindern. Schamhaftigkeit darf nie dazu führen, dass Menschen mit Grenzüberschreitungen davonkommen.  Es sind sehr viel seltener die Täter, die sich schämen als die Opfer. Mein Suizidversuch und das, was zu ihm geführt hatte, nämlich eben auch Scham vor vermeintlichem beruflichen Versagen hätte mich nicht nur fast das Leben gekostet, es hat mir schon Jahre zuvor das Leben zur Hölle gemacht. Heute schäme ich mich auch noch viel zu oft wo es gar nicht angebracht ist.

Der Unterschied? Ich erkenne es häufiger und es gelingt mir häufiger, die Scham umzulenken in Richtung eines Hinterfragens der Normen, die meine Scham auslösen oder zu hinterfragen, ob sie überhaupt angebracht ist

Wir schämen uns zu oft für die völlig falschen Dinge und wir schämen uns zu oft.

Ergänzung:

Natürlich konnte dieser Beitrag erst ein kleiner Abriss sein, es gäbe und gibt da noch viel mehr Aspekte und Themen anzumerken. Deshalb wird das wohl auch eher der Auftakt einer Reihe sein, die sich mit Scham- und Schuldgefühlen befassen wird.

Und weil vermutlich wieder viele falsche Hälse darauf warten, gefüllt zu werden.

Schickt mir gerne die Drohbriefe. Die werden gesammelt, wer weiß, wofür das noch gut ist 😉

 

Jetzt lass doch mal los

Etwas, von dem ich mich relativ zügig verabschiedet habe, als ich in den Kliniken mehr über mein wahres Ich gelernt habe, waren falsche Erwartungen, falsche Ziele, falsche Ideale. Ich glaube mittlerweile, das war das eigentlich Schwierige. Einzugestehen, dass ich zwar ein guter Informatiker bin, aber im Herz ein Autor, ein Maler, ein Künstler. Und diesen Begriff „Künstler“ ernst nehmen, nicht abtun, so wie es meine Eltern taten, als ich diese Laufbahn einschlagen wollte.

Auch wenn wir meinen, wir würden über unser Leben entscheiden, erlauben wir viel zu vielen Menschen, für uns zu entscheiden oder sollten wir gar die Chuzpe haben, uns gegen deren Entscheidung wehren, dann wird gegen uns vorgegangen.

„Herr Hauck, sie spielen rum, sie organisieren sich schlecht“, gesagt von einem Gestrigen, der nicht wahr haben wollte, dass ich bereits digital arbeitete, wo er noch so sehr in sein Papier verliebt war. Nur ein Jahr später gab es dann das erste dienstliche Smartphone und vergessen war der Vorwurf der Spielerei, aber nicht vergeben die Konsequenzen.

Mittlerweile bin ich sehr vorsichtig bei unaufgeforderten Ratschlägen. Im Ratschlag steckt der Schlag, der mir mit dummen, vorwurfsbeladenen Ratschlägen gegeben wurde.

Aber auch ich muss loslassen. Vorwürfe und Schuldzuschreibungen mögen manchen unangenehmen Fakt leichter schluckbar machen, sind wie die Sauce beim Braten. Aber sie helfen nicht weiter. Wir müssen nicht vergessen, wer uns wohlwollend gesinnt ist und wer uns eher als Gefahr begegnet. Aber wir sollten loslassen, wenn es um Vergangenes Unrecht geht. Das wird nicht mehr besser und die allermeisten, die einem ein Unrecht zugefügt haben, sehen es gar nicht ein, dies sich oder uns einzugestehen, geschweige denn, sich zu entschuldigen.

Ich merke jetzt, wo ich leichter loslasse, wo ich mich als Person sehe, unabhängig von den Erwartungen anderer, dass ich wieder bei mir bin, wieder der Mensch, der einmal Kunst, Kreativität geliebt und gelebt hat. Es ist noch nicht zu spät. Ich werde versuchen, so authentisch wie möglich zu sein.

Und ungebetene Ratschläge bekommt ihr von mir hoffentlich nie zu hören. Eher schon einen Blick auf mein Erleben und meine Erkenntnisse daraus.