Gut genug

Wir leben in einer Zeit, in der Selbstoptimierung, tägliche, nein eigentlich stündliche Verbesserung des eigenen Selbst die Ultima Ratio zu sein scheint.
Natürlich ist daran, sich zu verbessern nichts verwerfliches an sich. Aber wenn wir das zum Grundprinzip unserer Existenz erheben, wenn gut sein nie reicht, wenn wir immer nur das Optimale erwarten, dann werden wir beständig etwas hinterherjagen, das sobald wir es erreicht zu haben glauben, wieder verschwindet, noch etwas besserem Platz macht.
Wir sind alle nicht in allem perfekt, haben unsere Defizite, sind auch mal Mängelexemplar. Aber genau das ist Mensch sein. Wer immer nur nach dem strebt, was er für besser als das hier und jetzt hält, lebt nicht heute, sondern für Morgen, für die nächste Verbesserung.

Einer der glücklichsten Momente in meiner Geschichte von Depression, Angststörung und Suizidversuch war der Moment, als ich in der Klinik realisierte, dass ich einfach nur sein durfte. Niemand erwartete etwas von mir und ich war so tief gefallen, dass ich einfach liegenbleiben wollte. Keine zu erreichenden Ziele, keine Chefs, keine Gesellschaft, der ich es recht machen wollte. Einfach wieder zu leben beginnen. Wir reden so oft davon, dass wir nur heute leben und Vergangenheit vergangen, Zukunft erst Morgen ist. Das tun wir, weil es eben stimmt, weil alles, was unser Leben ausmacht, jetzt passiert. Morgen und Gestern finden nur in unserem Kopf statt. Leben können wir nur im jetzigen Moment.
Werbung ist die Lüge eines besseren Morgen, die wir angeblich nur mit Produkt A oder Technologie B erreichen können. Coaches und Gurus leben davon, uns erst unsere eigenen Defizite einzureden als Makel, als etwas, das unbedingt optimiert werden muss, um uns dann aus mit fadenscheinigen Heilsversprechen zu belügen.

Die gesamte Fitnessindustrie lebt auch davon, dass wir uns nicht einfach nur etwas bewegen und gesund ernähren sollten, nein, wir müssen immer besser, fitter, schneller, schlanker, beweglicher werden. Wir haben das gesunde Maß verloren auch, weil ein zufriedener Mensch, der sich hinreichend bewegt und einfach nur den Status Quo genießt, ein schlechter Konsument ist.

Gut genug, statt immer besser. Auch mal so ein Konzept, was vieles leichter machen würde.

Auf der Suche nach Sinn

Warum bin ich überhaupt hier? Eine Frage, die sich viele Menschen stellen. Und es gibt einige extrinsische Gründe, die meist mit der Gesellschaft und/oder der Arbeit zu tun haben.

Sinn ist oft gleichgesetzt mit Arbeit, mit Besitz, mit Dingen, die es zu besitzen, Zielen, die es zu erreichen gilt.

Was aber auch immer mehr Menschen, gerade der jüngeren Generation merken. Da muss es mehr geben. Ja, Selbstverwirklichung in einem selbstbestimmten Job. Schöne Sache aber leider oft nicht erreichbar und genau genommen auch nicht wünschenswert. So mancher Job würde liegenbleiben, würde sich jeder nur das auswählen, was sie oder er sich wünscht.

Neil deGrasse Tyson hat in einem Interview dargestellt, wie unwahrscheinlich es ist, auf der Welt zu sein, wie viele Menschen nie existieren werden, einfach, weil sie nie geboren werden.

Wir haben ein kosmisch gesehen unglaublich kleines Zeitfenster unserer Existenz und nutzen dieses Fenster oft überhaupt nicht für Dinge, die uns gut tun, denn „später, wenn ich X oder Y erreicht habe“ wollen wir das realisieren, was dann oft längst zu spät ist oder unerreichbar.

Da sein, existieren, mehr Sinn braucht es meiner Ansicht nicht. Wir sollten den Moment genießen,  nichts auf Morgen verschieben, was wir Heute erleben können.

Die aktuelle Generation ist nicht faul oder hat eine schlechte Arbeitsmoral. Sie hat nur an der Generation ihrer Eltern erlebt, was es heißt, den Job über alles zu stellen und den eigenen Selbstwert vom Beruf abhängig zu machen und damit Zeit und Gesundheit zu opfern. Und zudem die Umwelt für kommende Generationen zu ruinieren.

Vielleicht ist es gerade die aktuelle Generation, die ein vernünftiges Konzept für das eigene Leben und das Miteinander entwickelt. Meine Generation als Vorbild nehmen? Besser nicht, wenn schon als Warnung, nicht die gleichen Fehler zu machen.
Das hier und jetzt ist der einzige Zeitpunkt, zu dem wir leben. Was gestern war, ist geschehen und nicht mehr änderbar. Was Morgen kommt ist völlig unklar. Heute leben. Wahrscheinlich die einzig Sinn stiftende Strategie.

Barcamp Heilbronn trifft KI-Salon nicht ganz

Das Fragezeichen hatte für mich zwei Konnotationen

Es war ein Near Miss. Nicht der übliche Organisator des Barcamp Heilbronn, nicht der übliche Zeitrahmen am Samstag (und oft auch Sonntag alleine der Fülle an Teilnehmern und Sessiongebern geschuldet) und nicht die üblichen Rituale eines Barcamps haben dafür gesorgt, dass ich dieses Mal nicht wirkliches Barcamp Feeling gespürt habe.

Es war interessant, durchaus. Mein Studium der KI liegt mittlerweile 30 Jahre zurück und das war mein erster Kontakt mit dem Thema KI im Hochschulumfeld seither.

Checkin

 

Es gab aber einige Punkte, die das Barcamp nicht wirklich haben „abheben“ lassen. Es wurden einige Barcamp Prinzipien nicht gelebt. Schon vor der Vorstellungsrunde waren Zeitslots mit Themen belegt. Die Vorstellungsrunde fiel komplett aus, lediglich eine Firma stellte sich kurz vor. Twitter viel komplett aus. Nur @derexperte und ich berichteten überhaupt stringent auf Social Media über das Event. Meine Söhne besuchten genau eine Session, die Auswahl war einfach zu klein und oft war das Thema eher an der Oberfläche. Gut war der Austausch mit Teilnehmern und auch der eine oder andere Stand. Aber ich hätte mir deutlich mehr Auswahl bei den Sessions gewünscht (etwas, bei dem ich normalerweise auf Barcamps eher unter der Qual der Wahl leide).

Warten auf den Beginn des Barcamps

Meine Jungs besuchten genau eine Session von insgesamt 4 Session Slots und auch die beiden merkten an, dass das letzte „richtige“ Barcamp Heilbronn deutlich besser war. Selbst ich nahm nur an zwei der vier Slots teil und lediglich ein Slot war wirklich inhaltlich spannend. Ansonsten hatte man das Gefühl, alle sind noch auf der Suche WAS denn nun mit KI Technologien machbar ist bzw. wo der Nutzen liegt. ChatGPT wurde eher wie etwas komplett neues betrachtet, was mich leicht amüsiert hat, da ich schon vor dreißig Jahren die grundlegenden Techniken erforscht habe und wir eher dank Big Data heute die Erkenntnisse von damals in großem Maßstab und mit der nötigen Rechenpower realisieren können. Es ist ein bisschen wie mit Schach. Oft sind auch heute noch die Lösungen, die aus der aktuellen KI Technologie entstehen mehr Brute Force und WARUM ein System diese oder jene Lösung liefert, ist schwer nachzuvollziehen, was oft auch in der Natur der angewendeten Technologie liegt (spannend in diesem Kontext, dass ich kaum etwas über die Schlagworte Neuronale Netze, Big Data, Lernalgorithmen oder ähnliches gehört habe. Es war eher ein Treffen von Anwendern denn von Entwicklern)

Wie man sieht fehlt die Vorstellungsrunde und die schon geringen 4 Slots waren nach der Eröffnung nicht gänzlich befüllt.

Fazit: Sehr gut, dass das Thema KI aufgegriffen wurde. Besser wäre gewesen, das Barcamp Format wirklich zu leben. So waren zwar viele Themeninteressierte da, aber wenig Barcamp Aktive, die die Slots mit Leben gefüllt hätten.

Es fand schlicht der Grundgedanke eines Barcamps nicht wirklich statt. Menschen kennenlernen (schwer, ohne die Vorstellungsrunde mit den Hashtags und dem Namen)  und viel zu wenige Sessiongeber. Ich gestehe, selbst ich hatte dieses Mal nicht den Antrieb, eine Session zu halten, einfach, weil die Atmosphäre so „fremd“ war. Es wirkte eher wie eine KI Konferenz, allerdings fehlte dazu wieder der inhaltliche Tiefgang.

Marc, Jan und ich hoffen jetzt auf das Barcamp 2024 und ein Wiederaufleben des Originalformats Barcamp. Dieses Mal haben wir den Besuch vor dem vierten Sessionslot abgebrochen. Es war schön, wieder interessierte Menschen zu treffen, aber es war eben nicht wirklich ein Barcamp.

 

Warum ich Betriebsrat bin und was das mit Depression zu tun hat.

Ich wusste noch nicht, dass ich Depressionen und eine Angststörung habe, als es passierte. Ein Jahresgespräch, das in eine Vorwurfstirade mündete mit Drohung von Abmahnung und Kündigung. Eigentlich war es nur ein Rausekeln aus meinem damaligen Job, aber es war der Beginn meiner Abwärtsspirale, die in meinem Suizidversuch mündete und Gott sei Dank auch meine Rettung war, denn danach hatte das Kind einen Namen und ich Hilfe und Helfer, die mir wieder auf die Beine halfen.

Aber eines war mir damals klar. Dass es immer fair zugeht im Beruf ist eine Illusion, eine gefährliche noch dazu.

Damals entschied ich, dass ich alleine auf verlorenem Posten wäre und tat das, was für mich damals wie heute nur logisch erscheint. Ich wurde Mitglied bei Verdi und im nächsten Jahr auch Betriebsrat. Beides bin ich bis heute und in Gesprächen, auf Workshops oder Schulungen, wie in der letzten Woche merke ich immer wieder, wie wichtig und richtig dieser Schritt war. Ja, wenn alles gut geht, dann hat man als Betriebsrat sicher wenig zu tun. Aber ganz ehrlich? Auch wenn die Mitarbeiter*innen, die man vertritt davon oft gar nichts mitbekommen. Es brodelt häufig und so mancher eigentlich unnötige Konflikt ist auszufechten.

Wir können als Betriebsräte nicht alles beeinflussen, aber was ich in den Seminaren und der täglichen Arbeit gelernt habe, wir können viel. Viel, das den Kolleg*innen hilft oder sie schützt.

Hätte ich damals einen Betriebsrat an dabei gehabt, wäre das Ganze sicher besser verlaufen. Als Betriebsrat stehe ich an der Seite Betroffener und kann schützen, helfen und ggf. auch Ungerechtigkeit verhindern. Und was ich auf jeden Fall in meiner täglichen Betriebsratsarbeit merke. Als Betriebsräte sind wir ein Team, das kämpft und einen wichtigen Gegenpol zum Vorstand bildet. Wir können für die Mitarbeiter*innen auf Augenhöhe mit dem Vorstand agieren. Es ist nicht alles möglich aber bei vielem können wir den Weg mitbestimmen oder zumindest den Weg für die Kolleg*innen leichter, angenehmer gestalten.

Ich habe in all den Jahren immer viel Kraft aus der Tatsache gezogen, hier etwas gutes, bedeutsames beitragen zu können. Und ich werde es weiter tun. Weil ich es nötig gehabt hätte und weil es eben nicht immer so glatt läuft im Arbeitsalltag.

Und insbesondere meine Krankheitsgeschichte zeigt mir in den Gesprächen, dass die Rolle als Betriebsrat mir hier möglich macht, auch für die psychische Gesundheit zu kämpfen. Digitalisierung, immer weitere Beschleunigung, stetige Leistungssteigerung, obwohl oft schon jenseits der eigenen Leistungsgrenzen gearbeitet wird.

Hier braucht es einen Gegenpol, der auch mal die Bremse reinhaut und Übertreibungen verhindert. Zum Wohle der Mitarbeiter*innen. Denn sie und NUR sie vertrete ich als Betriebsrat.

 

Das Schlimmste und die Realität

Eine Gabe, die ich oh so gerne verlieren würde, ist mein Erwarten des Schlimmsten.

Vielleicht liegt es daran, dass ich als Kind und Jugendlicher „Das Schlimmste“ all zu oft als gegebene Realität erlebt habe. Meine Depression und insbesondere die Angststörung sind da ebenso wenig hilfreich.

Immer, wenn ich etwas neues angehen will, etwas kaufe, tue oder erlebe, gehe ich grundsätzlich vom Schlimmstmöglichen aus. Vor allem, wenn ein Teil dieses Ereignisses aus warten besteht.

Situationen, die mit Sätzen wie „wir müssen auf das Ergebnis warten“, „das kann etwas dauern“ oder „wir bestellen das“ beginnen, sind für mich Situationen, die ich wenn möglich vermeide. Kann ich etwas nicht ganz optimal aber sofort haben, erledigen oder erleben, wähle ich die schnellere aber in meinem subjektiven Erleben schneller Variante.

Das „Jetzt“ gewinnt vor dem „Später“, das „Später vor dem „Morgen“, das „Morgen“ vor dem „nächste Woche“ und was danach folgt, hat eigentlich immer verloren.

Denn meine Angst ist sehr gut darin, mir Versagen, Enttäuschung oder nicht erreichen eines Ziels ,Wunsches oder Ereignisses vorzugaukeln.

Vermutlich habe ich zu oft erlebt, dass etwas nicht zustande kam, weil ich drauf warten sollte, nicht die Kontrolle über den Ablauf hatte oder schlicht mein Vertrauen nachhaltig enttäuscht wurde. Noch immer meide ich, oft auch aus mangelndem Vertrauen in die Aussagen anderer und leider werde ich für mein Gefühl noch viel zu oft in dem Misstrauen bestärkt.

Gleichzeitig kreisen dann aber meine Gedanken unablässig um das Erwartete oder Erwünschte. Ein Teufelskreis, aus dem ich nur schwer, meist durch etwas massiv ablenkendes komme. Als unsere Wasserzuleitung zum Haus saniert werden sollte, war das wie ein Karussell immer wieder da in meinen Gedanken, nervend, unnötig aber auch nicht stoppbar. Heute verstehe ich, dass es nichts an der Situation ändert und ich bei manchem schlicht Geduld haben muss. Aber dann kommen die Erinnerungen, die Enttäuschungen, die Lügen zurück in mein Gedächtnis und der Kreislauf der Gedanken geht wieder los.

Es wird wohl noch länger dauern, bis ich etwas angehen und dann nicht mehr drüber permanent nachdenken muss, auch wenn ich damit nichts ändere.

Wie singt Baz Luhrmann in seinem Song “ Everybody’s free — to wear sunscreen.“

„Don’t worry about the future or worry, but know that worrying is as effective as trying to solve an algebra equation by chewing bubble gum“

Warum „du bist doch nicht normal“ was Gutes ist

 

Klar bin ich nicht normal. 1.93 groß, Linkshänder, depressiv, liebt klassische Musik aber interessiert sich null für „Saufen gehen unter Männern“ was meine Alterskohorte zumindest in meinem Umfeld nach wie vor zelebriert. Mag kein Fußball, schaut kein TV mehr. Ich könnte ganz schön lange so weiter machen.

Vor meinen Therapien, vor jenem Tag vor mittlerweile 7 Jahren hab ich mir oft gewünscht, so zu sein, wie die anderen. Aber immer, wenn ich versucht hab, mich da einzufügen, ging das grandios schief oder machte so gar keinen Spaß, dass ich es meist schnellstens wieder gelassen hab.

„Irre, wir behandeln die Falschen“ von Dr. Lück war ein Augenöffner. Viel mehr aber die ganzen Therapien in den Kliniken, mit meinen Verhaltenstherapeuten und in die wunderbaren Gespräche mit meinen „Mitbekloppten“. Nein „In der Klapse sind die normalen Menschen, die mit dem Wahnsinn da draußen nicht mehr fertig werden. “ hab ich damals getwittert und das ist zu meinem meistkolportierten Tweet geworden. Weil es einfach stimmt. Trump, Putin, Showstars, Politiker alle gelten als völlig normal. Und Millionen von Menschen folgen ihnen, halten all die Lügen für richtig. Trump lügt, wenn er den Mund aufmacht, aber wie will man Lügner therapieren, wenn sie doch offensichtlich gesellschaftlich akzeptiert sin? Man kann ja nur behandeln, was gesellschaftlich nicht für normal gehalten wird. Bzw. so denken viele, die uns „Bekloppte“ als gefährlich, zumindest aber merkwürdig ansehen. Dabei ist oft die merkwürdigste Gestalt, die morgens im Spiegel. An der heutigen Gesellschaft nicht zu verzweifeln ist schon fast in sich pathologisch.

Wir vernichten sehenden Auges den Planeten, der unser einziges Zuhause ist und der Politik fällt nichts besseres ein, als mehr vom gleichen Mist. Und das sollen wir dann für normal, für logisch halten, dabei ist es doch nur noch irre.

Es kann so nicht weitergehen und vielleicht steckt die Lösung eben nicht in der Normalität, vielleicht müssen wir „Anders seienden“ mal lauter werden, um die Normalen auf ihren legalen Wahnsinn hinzuweisen.

Auf die Idiotie des Sparens bis alles kaputt ist, auf Empfehlungen, man solle doch mit Holzpellets heizen, die für die Umwelt eben nicht eine gute Alternative sondern ebenso schädlich sind, wie z.B. Kohle und Öl.

Ich würde aus „Irre, wir behandeln die Falschen“ weitergehend. „Irre, wir hören auf die Falschen“ machen.

Der Wahnsinn ist da draußen. Und dass ich eben anders bin, ist für mich mittlerweile kein Makel mehr, sondern Rettung vor dem Wahnsinn, den andere für vernünftig und richtig halten. Übrigens halte ich die Arbeitswelt nach wie vor für einen Kindergarten für Erwachsene (auch wenn ich dafür einen der berühmten Drohbriefe bekommen habe), denn solange ich jemanden über mir habe, der bestimmt, wie ich mich zu verhalten habe, wie ich meine Arbeit erledigen soll, ist das eine ähnliche Machtposition wie in Kindergarten und oft auch noch in der Schule. Wir sind Erwachsene, die in der Regel wie ungehorsame Kinder behandelt. Ärgerlich nur, dass dank Corona nicht nur ans Licht kam, das in etwa 75 Prozent durchaus mit Freude von unterwegs oder zuhause arbeiten, statt in einem lauten, anonymen und stressigen Großraumbüro unter Dauerbeobachtung. Noch ärgerlicher war wohl nur, dass es in den allermeisten Fällen auch noch funktionierte und der Laden weiterlief, als gäbe es weder Corona noch Home Office.

Fazit:

Genau genommen habe ich in den Kliniken nicht gelernt, mein „anders sein“ abzulegen, sondern den Wahnsinn besser verkraften zu können.

Der Fluch der Gedanken

„Hey Mister Sandman, bring me a dream“

Alleine. Ruhe, Verabschiedung von Social Media für die so geringe Dauer von drei Wochen Urlaub. Unerwartet kommen da die eigenen, die dunkleren Gedanken zu Besuch.

Meine Droge der Wahl, um sie in Schach zu halten: Beschäftigung, Beschäftigung mit neuem. Etwas, das den dunklen, sich um sich selbst drehenden Verstand in Besitz nimmt, ablenkt, einlullt. Was im „normalen “ Alltag durchaus funktioniert, hält in einer Ruhephase gerade so über dem gedanklichen Treibsand. Dennoch, die Pause, die Auszeit ist wichtig. Um zu sortieren, um das eigene Erleben und die eigenen Prioritäten neu zu ordnen.

Nur warten in dunklen Tagen, in schwarzen Momenten die Sorgen, die überwältigenden Sorgen, die Flut dunkler überwältigender Sorgen. Nicht dass ich sie definieren und in eine gedankliche Sperrzone verdrängen könnte. Sie klopfen beständig an, erst leise, dann wieder lauter. Die Baustelle vor dem Haus setzt sich gedanklich in mir fort. Das Sorgen, ob der Schaden behoben werden kann, heißt für meine Seele ob die vielen Risse und Wunden dauerhaft verschlossen bleiben werden.

Eine kleine Unterbrechung, eine Medizin für gute Gedanken: Dreharbeiten zu einem Bericht über meine Geschichte. Sie zwingen, zu reflektieren, Geschehenes noch mal zu betrachten, zu bewerten und das Unglaubliche, das Unvorstellbare neu zu entdecken. Überlebt, neu gelebt, wieder gelebt. Ein zweites Leben geschenkt bekommen haben und dennoch die dunklen Begleiter stets an der Seite zu haben. Ich habe eine Geschichte zu erzählen und mein größter Wunsch und Antrieb, sie immer wieder in den Medien und auf Bühnen zu erzählen? Sie hilft mir, mich selbst zu hinterfragen. Und mag eventuell den einen oder die andere dazu bewegen, früher Hilfe anzunehmen als ich das tat. Um den Riss in der Seele rechtzeitig zu kitten bevor daraus ein gähnender Abgrund entsteht.

Ruhe von Social Media soll dabei helfen, aber die Worte wollen raus. Dann eben im Blog. Mein Tagebuch, mein stiller Begleiter bei der Navigation durch das stürmische Meer der Sorgen und Ängste.

Schreiben ist mein Schwert, mit dem ich den Jabberwocky besiege oder wenn nicht dies gelingt, so doch die unmöglichen Dinge denken, die mich aus dem Mahlstrom der Traurigkeit retten können, mich zwar nicht heilen, aber zumindest mit dem Seil der unmöglichen Gedanken aus dem Tal meiner Ängste und Depressionen holen.

Letztlich ist man mit seiner Gedankenwelt IMMER alleine. Und vieles, was gedanklichen Treibsand erzeugt, ist nicht real und sperrt einen dennoch ein. Dann ist es gut, jemanden zu haben, der die Hand reicht, um einen vor dem Versinken zu retten.

Schreiben…schreiben….schreiben. Auf dass ich mich aus meinen eigenen Gedankenabgründen herausholen kann. Dass es gelingt, keine Garantie. Aber es sind schon andere unmögliche Dinge in meinem Leben war geworden.

”Das kann ich nicht glauben!” sagte Alice.

”Nein?” sagte die Königin mitleidig  ”Versuch es noch einmal: tief Luft holen, Augen zu…”

Alice lachte. ”Ich brauch es gar nicht zu versuchen,” sagte sie.
”Etwas Unmögliches kann man nicht glauben.”

”Du wirst darin eben noch nicht die rechte Übung haben”, sagte die Königin.
”In deinem Alter habe ich täglich eine halbe Stunde darauf verwendet.
Zuzeiten habe ich vor dem Frühstück bereits bis zu sechs unmögliche Dinge geglaubt.”

(Lewis Carroll, aus: Alice hinter den Spiegeln)

Corona Quarantäne Depression

 

Stand am 18. Juli

Zwei Wochen Absonderung. Zwei Wochen, die an Ödnis kaum zu übertreffen sind. Und zusätzlich ein Gedankenkarussell. Dazu der Verrückte im Kreml und meine nicht eben nachlassende Angststörung.

Es belastet mich sehr, das muss ich offen gestehen. Ablenken durch Filme und Lesen, ab und zu auch ein Spiel zocken und sonst jeden Tag hoffen, dass alles ruhig bleibt und nicht eine weitere Katastrophe dazu kommt.

Zumal wir immer noch auf die Handwerker wegen des Wasserrohrbruchs in der städtischen Zuleitung warten. Immerhin kostet es uns nichts, da städtische Verantwortung.

„Isn’t it ironic?“

Mach mir dauernd Sorgen, dass was passiert, aber was letztlich dann passiert, das hatte ich nicht auf dem Radar.

Was ich jetzt daraus ziehen will? Endlich für mich verankern, dass Sorgen machen nichts bringt. Außer Angst, Depression und generell einer negativen Umgebung.

Alles einfach zu verstehen aber schwer umzusetzen.

Das ist das eigentliche Dilemma einer psychischen Erkrankung. Man kann zum Teil sehr gut reflektieren, was einem zu schaffen macht, aber abstellen geht in den seltensten Fällen und dann meist auch nur mit Hilfe von Therapeut-innen.

Was aber wenn man doch schon alles weiß? Wenn man wie meine Therapeutin in der Reha meinte „So wunderbar reflektiert ist und doch schon die Mechanismen durchschaut“?

Angeblich weiß ich so viel, ich könnte andere therapieren.

Nur bei mir selbst weiß ich zwar immer mal wieder, was falsch läuft aber die Angst  verlässt mich einfach nicht.

Die Quintessenz: Annehmen, was ist und versuchen, auch die guten Seiten mal zu sehen. Banale Sachen für die meisten. Für jemand mit Angststörung eine Herkulesaufgabe, die jeden Tag neu angegangen sein will.

Stand heute. Nur noch ganz ganz schwach ist ein zweiter Streifen zu sehen.

Manchmal gewinne ich, manchmal die Psyche. Aber seit dem „Ereignis“ damals ist aufgeben keine Option mehr.

Immerhin etwas.

Und immerhin bin ich wieder mental fit genug für einen Blogbeitrag. An sich auch ein gutes Zeichen.