Ziele und Glück

Mittlerweile kann ich auf einige Zeit zurückblicken, erinnere mich an Wünsche, Ziele die ich mal hatte oder eventuell sogar noch habe. Aber vor allem sehe ich die vielen Entscheidungen, die zu bestimmten Konsequenzen führten, die mich teilweise gehindert, teilweise gerettet haben.

Meine Kinder behaupten immer, was hätte nicht alles aus mir werden können, hätte ich mehr Mut gehabt.

Das ist leicht gesagt, aber oft habe ich gerade mal Mut genug gehabt, überhaupt weiter zu machen, auch wenn ich sicher einige Chancen verpasst, einige Wahlmöglichkeiten im Rückblick falsch betrachtet habe.

Aber was bringt es, Vergangenes zu betrauern. In für mich wichtigen Bereichen meines Lebens bin ich glücklich. Ich bin nach wie vor glücklich verheiratet, habe drei tolle Kinder, die dank eigenem Haus mit vielen Freiheitsgraden aufwachsen konnten, die andere so nicht haben und letztlich ist es müssig, verpasste Chancen, falsche Entscheidungen zu betrauern. Insgesamt ist vieles gut gelaufen, manches hätte in einer Katastrophe enden können, ist aber gerade noch mal gut gegangen.

Es gibt immer noch einen anderen Weg. Aber den muss man sehen oder überhaupt finden, und ob er dann die bessere Wahl war, lässt sich oft erst Jahre später entscheiden.

Ich hätte Kunstmaler werden können oder Buchautor. Wobei, Buchautor bin ich ja trotz oder vielleicht wegen manch falscher Entscheidung oder Sicht auf mich selbst geworden.

Und die IT, die ich lange Jahre für ein erstrebenswertes Ziel und Quelle für Glück empfunden habe, wurde durch Ereignisse und Menschen extrem relativiert bis zu dem Punkt, dass ich das rückblickend für eine sehr falsche Wahl halte. Aber ohne diese Wahl hätte ich meine Frau nicht kennengelernt und wir hätten nicht die Familie, die wir jetzt haben und die ich als großen Teil meines Glücks betrachte.

Mittlerweile sehe ich Glück in sehr viel banaleren Dingen als früher. Jeden Morgen neben dem  Menschen, den ich mehr als alles andere auf der Welt liebe (okay, die Kinder natürlich auch aber auf andere Art).

Genug Geld zu haben, um uns alle mit dem nötigen zu versorgen und unseren Kindern bei ihrem Start ins Leben helfen zu können.

Ziele sind so eine Sache, oft stellt man fest, dass das Ziel, so mal erreicht eigentlich völlig belanglos oder bar jeder Erreichensfreude ist.

Was für Ziele ich noch habe? Gute Frage und im Moment muss ich sagen, keine außer meine Angst und die Depression im Griff zu behalten. Wer mit so etwas lebt, weiß, dass sich viele große Ziele dann schnell relativieren.

Ich  lebe noch. Und darüber bin ich glücklich. Reicht doch, oder?

Auf der Suche nach Sinn

Warum bin ich überhaupt hier? Eine Frage, die sich viele Menschen stellen. Und es gibt einige extrinsische Gründe, die meist mit der Gesellschaft und/oder der Arbeit zu tun haben.

Sinn ist oft gleichgesetzt mit Arbeit, mit Besitz, mit Dingen, die es zu besitzen, Zielen, die es zu erreichen gilt.

Was aber auch immer mehr Menschen, gerade der jüngeren Generation merken. Da muss es mehr geben. Ja, Selbstverwirklichung in einem selbstbestimmten Job. Schöne Sache aber leider oft nicht erreichbar und genau genommen auch nicht wünschenswert. So mancher Job würde liegenbleiben, würde sich jeder nur das auswählen, was sie oder er sich wünscht.

Neil deGrasse Tyson hat in einem Interview dargestellt, wie unwahrscheinlich es ist, auf der Welt zu sein, wie viele Menschen nie existieren werden, einfach, weil sie nie geboren werden.

Wir haben ein kosmisch gesehen unglaublich kleines Zeitfenster unserer Existenz und nutzen dieses Fenster oft überhaupt nicht für Dinge, die uns gut tun, denn „später, wenn ich X oder Y erreicht habe“ wollen wir das realisieren, was dann oft längst zu spät ist oder unerreichbar.

Da sein, existieren, mehr Sinn braucht es meiner Ansicht nicht. Wir sollten den Moment genießen,  nichts auf Morgen verschieben, was wir Heute erleben können.

Die aktuelle Generation ist nicht faul oder hat eine schlechte Arbeitsmoral. Sie hat nur an der Generation ihrer Eltern erlebt, was es heißt, den Job über alles zu stellen und den eigenen Selbstwert vom Beruf abhängig zu machen und damit Zeit und Gesundheit zu opfern. Und zudem die Umwelt für kommende Generationen zu ruinieren.

Vielleicht ist es gerade die aktuelle Generation, die ein vernünftiges Konzept für das eigene Leben und das Miteinander entwickelt. Meine Generation als Vorbild nehmen? Besser nicht, wenn schon als Warnung, nicht die gleichen Fehler zu machen.
Das hier und jetzt ist der einzige Zeitpunkt, zu dem wir leben. Was gestern war, ist geschehen und nicht mehr änderbar. Was Morgen kommt ist völlig unklar. Heute leben. Wahrscheinlich die einzig Sinn stiftende Strategie.

Ich war der Antiheld in meinem Film

Widerspruch erwarte ich. Aber wer hat nicht schon mal den Schmerz gespürt, wenn er erkannt hat, dass das eigene Leben, der eigene Weg nicht so brilliant war, wie man ihn sich ausgemalt hat. Wenn die Träume, die man als Jugendlicher hatte, längst auf dem Müllhaufen der eigenen Geschichte gelandet sind.

Und wenn du Träume hattest, wenn du dir ausgemalt hast, mal ein Star, ein Schauspieler, eine Autorin, eine Künstlerin zu werden, dann hattest du zumindest einen kleinen Schatz, den Schatz einer schönen Zukunft.

Meine Träume, meine Wünsche rankten sich eher um weniger Streit, mehr Verständnis und je älter ich wurde um weniger dunkle und mehr fröhliche Tage.

Denn in meinem Leben hat mich über Jahrzehnte ein heimlicher Dieb und Dämon begleitet. Nachts, Morgens, im gleißenden Licht eines schönen Sommertags, saß da immer eine kleine, graue, gehässige Gestalt, die das große Talent hatte, alles zu zerstören, abzuwerten, klein zu machen, dass uns etwas bedeutete.

Der kleine Teufel Zweifel nagt an jedem von uns. Wenn wir Glück haben, reicht es, die Ohren der Seele zu verschließen, um seine Tiraden nicht ertragen zu müssen.

Wenn dein Leben aber über Jahrzehnte nur aus Herbst und Winter als Jahreszeiten bestanden hat, dann hat dein Dämon dich fest im Griff. Dann bist du nie gut, geschweige den gut genug. Dann glaubst du ihm, dass du nie etwas werden wisst, dass dein Leben aus einer endlosen Reihe von Enttäuschungen bestehen wird.

Wenn dein kleiner Dämon jeden Tag deine Schulter besetzt, dann bist du bei allem Positven, jedem Lob, jedem Erfolg misstrauisch und findest früher oder später Gründe dafür, ihn klein zu reden, niederzumachen, dich wieder als nichts wert zu sehen.

Wie oft habe ich mir ausgemalt, ich könnte Schauspieler sein, Autor, der selbst in seinem Leben die Hauptrolle spielt, der etwas zu erzählen hat, der etwas darzustellen hat. Schauspielern, das konnte ich, aber eher, weil ich immer daran arbeiten musste, meinen kleinen Dämon vor der Umwelt zu verstecken. „Mir geht es gut“, war nicht meine Wahrheit, aber mein Mantra im Umgang mit der Welt.

Als mein Suizidversuch mich in die Psychiatrie brachte, da saß mein Dämon zunächst lachend auf meiner Schulter, nein, tanzte auf ihr und jubelte „Siehst du, nicht mal das schaffst du.“

Aber eins hat mein Dämon damals übersehen, hat sich davon blenden lassen.

Ich lag am Boden, ja. In einem Kinofilm wäre ich in dem Moment wohl der Loser gewesen, der aus der Geschichte fliegt, der den dramatisch verzweifelnden Part spielt, damit der Held der Geschichte dramatisch überhöht um dessen Verlust trauen, daran aber wachsen kann.

Aber es geschah damals etwas Überraschendes, etwas Unerwartetes, das mich ebenso wie meinen Dämon überrumpelt hat, das das Skript meines Lebens so sehr umgeschrieben hat, wie ich es mir niemals hätte träumen lassen.

Mein Skript wurde komplett neu geschrieben. Von Menschen, die sich mir öffneten, die mir ihre ehrliche Seite zeigten. Von Menschen, die dem Dämon wenn auch manchmal nur für Minuten den Mund verboten und mir den neuen Lebensweg in der Glaskugel „Hoffnung“ zeigten.

Und von Menschen, die an meine Geschichte glaubten, die mich nicht als den Loser meines Lebens, sondern den Kämpfer gesehen haben. Damit waren sie mir um Monate voraus, wenn nicht um Jahre. Heute sehe auch ich mich als Kämpfer. Nicht nur für mich, sondern für all jene, deren Lebensskript es wert ist, überarbeitet zu werden.

Der Dämon ist nach wie vor da, aber wir haben jetzt Termine miteinander und dazwischen zieht er aus.

Ich bin zum Autor geworden, ein Weg meines Lebens, der maximal ein wirrer unrealistischer Traum für  mich war, bis mir ein Mensch, der an meine Geschichte glaubte, die Hand gereicht hat und mir diesen Weg gezeigt.

Ich stehe heute auf Bühnen, prange auf Plakaten, kann Menschen mit meiner Geschichte berühren und ja, sogar Leben retten. Mein Lebensskript hat endlich ein paar lichte Momente bekommen und dafür bin ich allen dankbar, die mir in den dunklen Jahren zur Seite standen und all jenen, die mich auf den neuen Pfad gelenkt und mir dort mit den ersten Schritten geholfen haben. Und ich bin jenen dankbar, die  mir spiegeln, was meine Geschichte für sie bedeutet.

Es fällt mir nach wie vor schwer, Lob anzunehmen, die Fortsetzung meines eigenen Films im Lebenskino überwiegend positiv zu sehen aber hey, das ist ja erst der zweite Teil. Wer weiß, welche Fortsetzungen sich noch ergeben.

Und ich habe eines gelernt. Die spannenden Geschichten sind nicht die, in denen der Held alles schafft, alles gewinnt. Die spannenden Geschichten handeln vom Scheitern und wieder aufstehen, scheitern und wieder aufstehen, scheitern und wieder aufstehen. Und von Menschen, die in Krisen den Weg mit gehen. Das Leben besteht aus vielen kleinen Dramen und manchmal einer Komödie oder einem Abenteuer dazwischen.

Und wir selbst sind IMMER der Star, die Hauptrolle, der Held unserer Geschichte. Nur ob der Film unseres Lebens ein Happy End, eine gute Auflösung bietet oder in einem Drama endet, das haben alleine wir in der Hand.

Lasst uns unsere Lebensskripte selbst schreiben, neu schreiben, besser schreiben.

Damit wir am Ende sagen können: Es war nicht immer gut, aber es war meins.

Ich bin zwei Leben

Hätte es ihn nicht gegeben, diesen einen Tag,

wo das Tunnelendlicht sich als Zug erwieß,

wo das Leben den Endpunkt zu erreichen schien,

ich würde es nie erfahren haben,

mein zweites Leben, seinen ersten Tag,

und viele weitere, die seitdem folgen,

denn ich lebe wieder,  lebe neu, lebe jetzt, lebe erst,

die Jahre davor waren wie eine Kopie, eine Variante

des Lebens, so gar nicht meins, aber dennoch voll

Geschehen, das mich weitermachen ließ,

Liebe, Freundschaft, Familie, schöne Momente

es gab sie durchaus,

aber irgendwas fehlte, war falsch, war gestohlen,

es fühlte sich hohl an, ich folgte falschen Idealen,

„Sei folgsam, sei erfolgreich, mach Karriere“

alles falsche Kreuzungen meines Lebenswegs,,

erst als der letzte Abzweig vor der Klippe endete,

erst als schon Steine ins Meer stürzten, da war genug verloren

um die eine Brücke zu betreten, die mir immer zu gefährlich schien,

am anderen Ende war nicht purer Sonnenschein, aber ein

Meer spannender Pfade, kaum begangen, neu und aufregend,

da war das Leben, das echte, das eigene, das ich fast für eine

billige Kopie meiner Selbst geopfert hätte.

Die Menschen mit den Dolchen, den Urteilen, der Ignoranz,

sie scheuten die Brücke, sie wollten mich zurückziehen auf den Pfad

der Tugend, der Folgsamkeit, der Langeweile,

aber seitdem ich den Luftzug des Abgrunds an jener Klippe gespürt habe,

seitdem ich auf dem neuen Weg jene traf, die mir alles bedeuten

und sie mich auch auf den neuen Pfaden begleiten kann ich sagen,

ich lebe. Ich bin alt, was die Jahre angeht, aber nochmal wiedergeboren

und jung, willens, vieles aufzuholen,  auf dem Weg, falsche Ideale abzulegen

und meine Wünsche. MEINE Wünsche. Das Leben wie andere es für mich

vorgesehen haben, es ist nicht mehr meins.

Und es ist mir egal, was sie sagen, es ist mir egal, was sie denken, denn sie

denken klein, sie leben klein und ihre Bedeutung ist klein, immer kleiner weil

nichts echt ist an ihnen, nichts wertvoll, nichts wert, darüber nachzudenken.

Hätte es ihn nicht gegeben, diesen einen Tag,

ich wäre heute tot, vielleicht nicht zur Gänze, aber meine Seele wäre vertrocknet,

die jetzt blüht.

ich wäre nicht Autor, nicht Künstler, nicht Mensch.

Ich wollte nie sterben, aber das Leben zurückgeben, das man mir aufgedrängt hatte.

Hätte es ihn nicht gegeben, diesen einen Tag.

 

Schluss mit der Aufschieberei

Wer kennt das nicht. Wenn ich endlich mehr Zeit habe, mache ich X. Eigentlich fasziniert mich Y aber das kann ich eh nicht. Warum schieben wir so viele Dinge auf, die uns am Herzen liegen, die unsere Seele berühren?

Vielleicht, weil wir in einer Kultur leben, die von uns Verzicht fordert, Bescheidenheit. Die will, dass wir uns für die Arbeit aufopfern, die alles entwertet, was nicht direkt einen wirtschaftlichen Nutzen hat.

Kunst, Kultur, ideelle Werte sind nur dann von Relevanz, wenn sie sich monetär abbilden lassen. Was für eine schäbige Ideologie. Es ist eine ganze Industrie entstanden, die uns „besondere Erlebnisse“ für teures Geld verkauft.

Ich bin überzeugt, dass viele „besondere Erlebnisse“ in unserem Leben nur deshalb nicht mehr stattfinden, weil man uns hinreichend viel Angst eingetrichtet hat, um ein Schuldgefühl zu erzeugen, wenn wir dem Hamsterrad Karriere entfliehen.

Man sagt ja so gerne, suche Erlebnisse anstelle von Dingen. Aber in unserer 100% Sicherheit Welt, wo finden sich denn da noch Erlebnisse, die man sich nicht erkaufen muss. Wir lassen uns einschränken von Regeln, Meinungen, Wertesystemen, die sich wirtschaftlich ausrichten. Zum Wohle der Unternehmen, zum Wohle des Konsums ist jedes Erlebnis recht. Aber was ist mit den Dingen, die es kostenlos gibt? Und warum rechnen wir dauernd nur das Geld ein, dass etwas uns kostet. Viel wichtiger ist es in meinen Augen, dass wir die Zeit einrechnen, die wir arbeiten müssen, um uns etwas bestimmtes leisten zu können. Wenn wir das mit einbeziehen, dürften uns viele Dinge schnell relativ unwichtig erscheinen.

Ich habe eigentlich schon immer eine Faszination für den Weltraum, für den Sternenhimmel in mir gehabt. Irgendwann habe ich mal, für kleines Geld und gebraucht ein Teleskop angeschafft. Aber das verstaubte schnell in der Ecke. Zum einen, weil ich irgendwie nie die Zeit fand, es wirklich zu nutzen und zum anderen, weil dank suboptimaler Didaktik von Seiten meiner Mathe- und Physiklehrer am Gymnasium ich mich für einen kompletten Trottel gehalten habe, was Mathematik und Physik angeht.

Jetzt aber habe ich, wohl auch, weil die Ereignisse der letzten Jahre es mir überdeutlich vor Augen geführt haben, dass es keinen Sinn macht, Dinge, die einem am Herzen liegen aufzuschieben, die alte Liebe zur Astronomie wieder aufleben lassen. Und sehe mich nicht mehr als kompletten Versager, was die dahinter liegende Theorie angeht. Denn was ich auch gelernt  habe. Leidenschaft, Freude an einem Thema lässt Defizite schneller verschwinden, als manch einer es für möglich hält.

Nur weil andere dir einreden wollen, etwas mache keinen Sinn, sei Zeitverschwendung, habe keinen Nutzen heißt das noch lange nicht, dass du deren Weltsicht übernehmen musst. Wenn du einen Traum hast, etwas, das dich jedes Mal glücklich macht, wenn du es tun kannst/darfst/wirst, dann tu es.

Das Leben ist zu kurz… Ein ziemlich abgegriffener Satz, aber nichts desto trotz sehr, sehr wahr. Glück ist nicht etwas, das man aufschieben kann, um es später zu empfinden. Die glücklichen Momente, die wir uns heute nicht erlauben, werden nicht wiederkommen. Und wer kann mir garantieren, dass es ähnlich glückliche geben wird?

Carpe Diem hat sich wohl auch deshalb so ins kulturelle Gedächtnis unserer Gesellschaft gefressen, weil es einfach stimmt.

 

Von der Dankbarkeit, überlebt zu haben

Ich lebe noch. Das ist etwas, das für mich keineswegs selbstverständlich ist. Es gab Momente, da war das Ganze auf Messers Schneide. Mehr davon, als ich mir jemals eingestanden habe. Und es gab einen Moment, da stand ich an der Klippe und es war gar nicht klar, ob mich mehr Menschen fallen oder mich retten sehen wollten.

Damals hat mich ein Mensch gerettet und ich weiß nicht, was ohne meine Frau geschehen wäre. Ob ich noch da wäre, ob ich noch gesund da wäre. Mein Leben ist rückblickend angefüllt mit vielen Momenten des Zweifels. Wertlos, schwach, als überflüssig gesehen zu werden oder mich selbst zu sehen war für mich lange Jahre Alltag, normal, man fühlt das eben so, es sagt bloß keiner.  Manchmal hätte ich mir gewünscht, einen der Pfade aus dem wundervollen Gedicht von Robert Frost zu sehen.

Zwei Wege boten sich mir dar,
Ich nahm den Weg, der weniger begangen war,
und das veränderte mein Leben.

Mehr als ein Mal war da nur noch eine Wand, die Angst, daran zu zerschellen und der Wunsch, den Schmerz zu beenden. Ich habe Glück gehabt, dass all die Jahre stets auch Menschen an meiner Seite waren, die mir eine Hand gereicht haben. Aber immer waren da auch Menschen, die mir einen Tritt verpassten. Die schmerzhaftesten Tritte kamen stets mit der Begründung, man wolle ja nur mein Bestes. Dabei wusste ich nicht mal, ob überhaupt irgendwas an mir gut war.

Eine Spur zu hinterlassen, etwas bedeutsames zu tun, natürlich hatte auch ich solche Wünsche. Aber meine Sicht auf mich erlaubte mir nie, auch nur einen Schritt in diese Richtung zu wagen. Vieles von dem, was ich las, um mich zu motivieren, um vielleicht etwas weniger traurig zu sein, klang wie Hohn, wie unrealistisch weil zu einfach.

Heute weiß ich, das Leben ist nicht gerecht. Es ist nicht vorhersehbar und schon gar nicht kann man den eigenen Sinn erkennen. Der offenbart sich von selbst früher oder später.

Dass ich ein Buch veröffentlichen würde, schon das war ein Erlebnis, das mich für immer verändert hat. Und das mich hunderte von Mails erreichten, von Briefen und Anrufen, in denen man mir erklärte, wie wertvoll, wie wichtig, wie lebensverändernd mein Buch für die Menschen geworden ist. Ich kann nicht in Worte fassen, wie viel mir das bedeutet. Stolz ist ein Wort, das auch ein Quäntchen Arroganz beinhaltet aber dennoch ja, ich bin stolz auf über 400 Seiten, die meine ganz persönliche Geschichte beschreiben und dennoch offensichtlich so viele Menschen berühren.

Bald erscheint das Hörbuch, ein weiterer unglaublicher Wendepunkt. Man treibt Aufwand, und das nicht zu gering, um das Publikum für meine Geschichte noch größer zu machen. Wer einigermaßen weiß, wie der Literaturbetrieb tickt, der ahnt sicher, dass ich mir damit keine goldene, nicht mal eine metallene Nase verdienen werde. Aber ich habe einen kleinen Fußabdruck hinterlassen, ich hab ein kleines Stückchen mehr Bedeutung in das Leben einiger Menschen gebracht. Und selbst wäre mir das nur mit einem Menschen gelungen, würde mich das schon glücklich machen.

Ich habe gelernt, größer zu denken, mutiger zu werden, selbst-bewußter. Nicht so, wie ich es gerne hätte, aber besser als alles in meinem Leben zuvor. Ich habe nach wie vor dunkle Tage, aber ich lasse sie nicht mehr mein ganzes Leben bestimmen.

Mittlerweile versuche ich mich sogar im Träumen. Meine Frau hatte mal die Idee, mein Buch würde zur Schullektüre. Der Botschaft wegen würde ich mir das mittlerweile wirklich wünschen, auch weil ich mit Begeisterung an Schulen gehe, um aufzuklären, zu entstigmatisieren.

Und hey, wer weiß, denken wir doch mal noch größer. Vielleicht, eines Tages, werde ich meine Geschichte im TV sehen, oder im Kino? Klingt überheblich?

Mag sein. Aber ich übe mich gerade darin, mich nicht mehr klein zu machen. Ich übe mich darin, mit erhobenem Haupt durch die Welt zu gehen. Als jemand, der seine Krankheit überlebt hat, und der jetzt mit seinem Beispiel anderen Menschen Mut machen will. Was spricht also dagegen, groß zu denken? Nur so erreiche ich möglichst viele Menschen. Also sollte ein Drehbuchautor, ein Regisseur, ein Schauspieler das lesen. Ich bin bereit. Und ich schäme mich nicht, das offen zu sagen.

Ich kenne jetzt meinen Weg in diesem Leben, Frost hat mir zwei gezeigt, ich habe den weniger begangenen gewählt und bereue nichts. Viel zu lange habe ich mich von anderen Menschen klein machen lassen. Viel zu lange habe ich zugesehen, wie andere Menschen klein gemacht wurden von Mitmenschen, die vor Arroganz, Ignoranz und Intoleranz strotzten. NICHT MEIN WEG.

Ja, ich freue mich auch heute noch wie ein Kind über jedes verkaufte Exemplar meines Buchs, jedes gute Gespräch mit Betroffenen, denen mein Buch ein klein bisschen helfen konnte. Und ja, ich fühle zum ersten Mal so etwas wie Stolz, ohne ihn gleich herabzuwerten, ohne mich herabzuwerten.

Es kann besser werden. Aber dahin führt ein wenig begangener Weg, dessen Länge niemand voraussagen kann.

Aber der Weg lohnt. Glaubt mir, ich bin gerade auf ihm unterwegs.

 

Für mich war Steven Hawking immer ein Vorbild. Nicht wegen seines Schicksals sondern wegen seiner tiefen Neugier und der Lust daran, etwas im Leben zu bewegen. Daher zum Abschluß Stephen Hawking:

„Look up at the stars and not down at your feet.
Try to make sense of what you see, and wonder about what makes the universe exist. Be curious.“
Oder wie der ebenfalls sehr geschätzte Neil deGrasse Tyson formuliert:

The atoms of our bodies are traceable to stars that manufactured them in their cores and exploded these enriched ingredients across our galaxy, billions of years ago. For this reason, we are biologically connected to every other living thing in the world. We are chemically connected to all molecules on Earth. And we are atomically connected to all atoms in the universe. We are not figuratively, but literally stardust.

 

Es ist gut so, wie es ist. Wir sind es wert

Wer hatte nicht schon mal das Gefühl, den falschen Weg im Leben beschritten zu haben. Eine Entscheidung getroffen zu haben, die viele Türen verschlossen hat, die das eigene Leben entwertet hat. Ich hatte immer das Gefühl, es wäre nicht nur eine Tür gewesen, sondern ein Flur, eine lange Halle voller Türen, die mir alle verschlossen blieben. Wege im Leben, die ich wegen meiner Herkunft, meinen mangelnden Begabungen, meinen Defiziten nie würde beschreiten können.

Und man gab mir recht, man gibt mir auch heute noch recht, wenn ich danach frage. Aber ich frage nicht mehr. Weil ich endlich verstanden habe, dass es nicht um die verschlossenen Türen geht. Es geht um die Türen, die sich geöffnet haben, die Wege, die wir gegangen sind. Wir waren immer auf dem richtigen Weg. Denn jeder Fehler, jede falsche geöffnete Tür verändert uns. Lässt uns wachsen, lernen, ertragen. Das Leben ist nicht dazu da, uns zu gefallen, die Welt ist nicht da, uns zu gefallen, das Universum ist nicht da, um uns zu gefallen. Wir sind ein Teil eines großen, für uns kaum fassbaren Universums. Alles was wir sind, jedes Atom war schon zum Urknall da.

Und ob wir uns für den einen oder den anderen Weg entscheiden, ist eigentlich irrelevant. So lange wir uns bewußt sind, dass jeder Weg in sich gut ist. Weil er uns zu neuem führt. Weil wir auf dem Weg anderen Menschen begegnen, die wir berühren, deren Leben wir vielleicht nur durch ein Lächeln, ein paar freundliche Worte im richtigen Moment verändern. Ich wollte meinen Weg fast beenden aber andere Menschen, Begleiter auf meinem Weg haben mir die Hand hingehalten, haben mich herausgezogen. Und der Weg führte mich weiter, trotz verschlossener Türen zu neuen Erlebnissen.

 

Zu dem Gefühl, doch etwas verändern zu können. Mein Buch hat Menschen inspiriert, ihnen geholfen, sie getröstet. Es hat Dinge bewirkt, die ich mir in meinem Leben für mich gewünscht hätte. Und dadurch, dass ich sie bei anderen Menschen bewirken kann, dass ich mit meiner Geschichte motivieren, trösten und das Gefühl erzeugen kann, nicht einsam zu sein, nicht ungenügend, nicht falsch.

Das ist es, was mir gezeigt hat: Wir alle bewegen etwas, im Großen wie im Kleinen. Ich halte mein Buch nicht für groß, nicht für brillant, nicht für einen Bestseller. Aber mein Buch ist meine Art, anderen die Hand zu reichen. Meine Art zu sagen. Der Weg den du gehst, ist richtig, mag er auch noch so steinig sein. Denn du gehst in nicht alleine, du berührst andere Menschen, ob es dir bewußt ist oder nicht. Wir sind auf eine weniger religiöse als fundamental physische Art Teil eines großen Ganzen. Ob man es Gott nennen muss, oder Universum, Physik oder einfach nur Leben ist irrelevant.

Aber wir alle haben Bedeutung. Wir alle verändern die Welt durch unsere Existenz. Es gibt dieses Bild vom Flügelschlag eines Schmetterlings, der weit weg einen Sturm auslösen kann. Das steckt in jedem von uns. Wir müssen nur erkennen, dass wir unseren Wert niemals an der Sicht anderer, an dem messen dürfen, was wir tun.

Ein Lächeln, eine nette Geste kann das Leben eines anderen oder das eigene Leben nachhaltig verändern. Wir hinterlassen einen Fussabdruck in dieser Welt. Jeder von uns. Der Abdruck mag irgendwann nicht mehr unseren Namen tragen. Aber er ist da. Wir wandeln in den Fussabdrücken derer, die vor uns existierten. Und wir hinterlassen Abdrücke für die nach uns. Jeder ist etwas wert.

Wir sind.

Und damit sind wir wert.

Ein unbeschreibliches Jahr, danke euch allen

2017 neigt sich dem Ende. Gerade liege ich mit der allseits beliebten Magen- Darm Infektion im Bett und habe mehr als genug Zeit, über dieses unglaubliche Jahr nachzudenken. Der Traum, anders kann ich es nicht bezeichnen, begann am 13. Januar 2017. Nachdem ich dank Briefen und Anwaltsdrohungen beinahe wieder tief in eine Depression, nein tiefer als je zuvor gefallen wäre, rettete mich wieder die Liebe und die Stärke meiner Frau.

Und dann kam das Paket. Die Belegexemplare von „Depression abzugeben“. Was ich nie zu träumen gewagt hatte, ist Wirklichkeit geworden. Ich bin Autor. Und nach allem, was die Verkaufszahlen sagen sogar noch recht erfolgreich. Nach nur etwa 1 1/2 Monaten war die erste Auflage ausverkauft und mit etwas Glück könnte es bis Ende des Jahres noch zur dritten Auflage kommen. 8000 Bücher. 8000 Menschen, denen meine Gedanken, meine Erlebnisse und nach allem, was ich an Feedback bekommen habe auch mein Schreibstil und meine Erzählweise gefallen haben. Kein Buch unter vielen sondern eine Geschichte, die Menschen bewegt hat und noch bewegt. Das alleine lässt das Jahr 2017 für mich in einem unbeschreiblich schönen Licht erstrahlen.

Dann kamen die Interviews, die Artikel, SAT1, Tagesschau24 und noch einige mehr. Für jede einzelne Chance, meine Botschaft zu vermitteln, anderen Mut zu machen zu kämpfen, bin ich sehr dankbar.

Aber was für mich wirklich zählt, was mein Leben nachhaltig verändert hat, ist die Liebe meiner Familie. Dass meine Kinder trotz allem, was ich ihnen aufgebürdet habe zu starken, individuellen und menschlichen Wesen heranwachsen. Dass meine Frau bereit war, um mich zu kämpfen auch als alles hoffnungslos erschien. Dass sie mir den Rücken stärkt, mich ermutigt, weiter die Öffentlichkeit zu suchen.

All die Briefe, die Mails, auch die Geschenke von Leserinnen und Lesern, die jetzt ihre betroffenen Angehörigen besser verstehen, als Betroffener Hilfe suchen oder sich einfach nicht mehr so einsam fühlen nach der Lektüre meines Buches.

2015 hätte ich nicht mal erahnen können, wo ich heute bin. Ich bin erfolgreicher Autor. DAS kann mir niemand mehr nehmen. Und ich verändere die Leben anderer zum Besseren. Was kann es schöneres, bedeutsameres im Leben geben, als das zu bewirken.

Ende des Jahres wird wohl auch noch ein Hörbuch aus meinem Buch entstehen, ungekürzt, bei einem großen Hörbuchverlag. Und wer weiß. Vielleicht entsteht sogar noch ein Film daraus, eine Serie, irgendetwas anderes. Denn ein Tanztheater verwendet meine Texte bereits. Ich werde also nie wieder sagen, etwas sei unmöglich, oder die Zukunft hoffnungslos. Nur meine Depression wird sicher manchmal noch den schwarzen Pinsel zücken und versuchen, meine Welt ergrauen zu lassen. Aber jetzt werde ich die vielen Leserbriefe lesen, die Artikel, das Buch selbst und wissen. Egal was kommt, mein Leben hat Bedeutung bekommen, ich bin nicht mehr verletzbar,  nicht mehr herabwürdigbar durch Sprechverbote oder Anwaltsdrohungen. Ja, das werde ich nie vergessen, das macht mich immer wieder wütend. Aber früher hätte es mich ängstlich gemacht, da finde ich in dem Kontext Wut besser, Teil dieser Wut ist, dass ich auch diese Geschichten im zweiten Band niederschreibe, der bereits knapp 100 Seiten erreicht hat. Und das manche sich über meinen Erfolg ärgern? Gut, die haben mir lange genug weh getan, jetzt darf auch etwas kalte Rache serviert werden.

Allen anderen bin ich unendlich dankbar für die Unterstützung, das Lob, die Rückmeldungen, die Chancen. Mein Leben ist sonniger geworden und meine Familie hat ihren Vater, ihren Ehemann wieder. Meine Seele hat endlich keine Risse mehr und die Narben verheilen allmählich.

2018 werde ich weiterkämpfen. Erste Planungen gibt es für Stuttgart und Basel. Und wer weiß, was sich noch alles ergibt.

Das Leben ist schön. Endlich.

 

All meinen Leserinnen und Lesern, allen Follower und Zuschauern im TV wünsche ich ein ruhiges, erholsames Fest, ganz egal, welcher Glaubensrichtung. Findet zu euch, hört auf eure Seele statt auf die ständigen Forderungen derer, die euch doch nur als Ressource, nicht als empfindsamen Menschen sehen. Und wertschätzt die, die euch als Mensch mögen. Seid euch gewiss. Ihr alle seid wertvolle, wichtige und so wie ihr seid auch richtige Menschen. Wer euch anderes einredet, liegt falsch oder will euch verbiegen. Lasst das nie zu.

Und euch allen ein frohes, glückliches Jahr 2018. Danke, dass ihr mich begleitet habt, danke, dass ihr mich begleitet und danke für das Wissen, dass ihr mich auch 2018 begleiten werdet.

 

Und hey. Ich bin Autor? Ist das nicht verrückt? Wobei… verrückt.. ja, das kann ich 😉

Euer Uwe alias @bicyclist

Und danke euch vieren, Katja, Sibylle, Jan  und Marc. Ohne euch wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Ohne eure Liebe, euer Vertrauen hätte ich den Kampf gegen meine Depression und die Angststörung nicht aufgenommen und schon gar nicht gewonnen. Oder zumindest einen Nichtangriffspakt. Danke. Ihr seid das Wichtigste in meinem Leben.