Das Hörbuch von „Depression abzugeben“ ist verfügbar

Es ist soweit. Seit heute kann das Hörbuch zu „Depression abzugeben“ bei Audible erworben und angehört werden. Es handelt sich um die ungekürzte Originalausgabe, eingesprochen von Bernd Reheuser.

Glaubt mir,  es ist nochmal etwas ganz Neues, wenn mein das eigene Werk, gesprochen von einem Profischauspieler hört. Und ich finde, er macht das richtig gut!

Würde mich sehr freuen, wenn ihr mir Feedback gebt, natürlich bevorzugt auf Audible und/oder Amazon, wie euch das (Hör-)buch gefällt.

 

Ich bin nicht gesund, aber auf einem besseren Weg

Immer wieder erhalte ich Mails und Leserbriefe (was mich natürlich sehr freut), bei denen ich dafür bewundert werde, wie ich es geschafft habe, meine Depression zu besiegen.
Tut mir leid, aber das habe ich bei weitem nicht. Auch heute noch gibt es Tage, da macht sich der schwarze Hund zu meinen Füssen breit und will mich am Leben hindern.
Die Diskussion, ob meine Depression, ob Depression generell heilbar ist, ist für mich müßig, da bin ich zu sehr Wissenschaftler, um mir hier irgendwelche Urteile anzumaßen, wenn selbst die Wissenschaftler, die sich aktiv damit befassen, noch nicht einig sind. Ich habe Mittel und Wege gelernt, den Absturz so früh wie möglich abzufangen, aber auch mit Rettungsseil stürze ich noch ab, aber nicht mehr so tief. In einem anderen Blog habe ich in einem Gastbeitrag geschriebenanderen Blog habe ich in einem Gastbeitrag geschriebenanderen Blog habe ich in einem Gastbeitrag geschrieben, es brauche Geduld, Offenheit und Vertrauen, damit eine Besserung durch Therapie gelingen kann. Ich habe schon Prügel dafür bezogen, dass ich darauf hingewiesen habe, auch wenn die Suche schwer und lange ist, nicht den erstbesten Therapeuten, der Zeit hat zu wählen. Dazu stehe ich nach wie vor. Wenn ich mich nicht öffne, dem Therapeuten nicht vertraue, dann hilft die beste Therapiesitzung nichts. Und ich darf nicht erwarten, schnelle Erfolge zu erzielen, psychische Krankheiten sind komplex und widersetzen sich einfachen Lösungen (und nein, wer jetzt gleich wieder mit böse Pharma, super Alternativmedizin kommt, spart es euch, das zieht bei mir nicht, mich interessieren keine psychologischen Chemtrail Gedankenmodelle)
Ja, mir geht es viel besser als zur Zeit meines Suizidversuchs. Das ist aber auch nicht verwunderlich, war der Absturz damals doch sehr tief und schon am nächsten Tag, ganz ohne Therapie für mich kein valider Weg mehr.
Es waren und sind viele kleine Schritte, Tricks und Erlebnisse, die mich immer wieder aufbauen, festigen oder wieder aus dem dunklen Tal holen.
Aber gesund, sorry, nein. Auch ich habe noch dunkle Phasen, aber nachdem Jahre mein schwarzer Hund mich kontrolliert hat, hab ich langsam die Kontrolle zurück. Zumindest die meiste Zeit.
Und Leserbriefe, euer Zuspruch, ja auch eure Kritik helfen mir. Und dass mein Buch scheinbar für mehr Menschen eine Hilfe und eine Stütze ist, als ich gehofft habe. DAS ist wirklich etwas wunderbares, was mich motiviert, weiter zu kämpfen, weiter aufzuklären und ja, im Moment arbeite ich am Nachfolgebuch, das wohl 2019 im Sommer bei Bastei Lübbe erscheinen wird. Dann vielleicht mit ein paar neuen Erkenntnissen vor allem aber mit weit mehr Fokus auf die Familie, die Angehörigen und das Umfeld.

Rezension: Ein Schnupfen ist kein Beinbruch

Ein Schnupfen ist kein Beinbruch will aufzeigen, dass Medizin nicht immer massiv wirken muss, dass nicht immer große Behandlung notwendig ist.
Auf insgesamt 222 Seiten erklären Dr. Med. Johannes Wimmer, bekannt unter anderem durch seinen YouTube Kanal und Professor Dr. Robin Haring, warum nicht jedes Medikament nötig ist, was es mit der Technik in der Medizin auf sich hat und warum nicht Nahrungsergänzungsmittel nur selten nützen.
Das Buch ist dabei nicht mit Fachtermini durchsetzt, die beiden Autoren schaffen es, einem die zum Teil komplexe Materie der modernen Medizin anschaulich und streckenweise sehr unterhaltsam näher zu bringen.
Speziell die Kapitel, die sich mit populären Irrtümern über unser Gesundheitssystem befassen, sind sehr spannend zu lesen und greifen Themen auf wie Qualität der deutschen medizinischen Versorgung, Stand der Forschung und alternative Medizin und deren (Un)wirksamkeit.
Insgesamt lässt sich das Buch sehr angenehm lesen, es werden keine Fronten eröffnet sondern es wird versucht darzustellen, dass nicht alles immer optimal läuft, man aber weit weniger Grund zum Klagen hat, als viele meinen. So zeigen die Autoren, dass durchaus auch die Haltung der Bürger zur Medizin nicht immer objektiv ist und manch eine Medikation nicht nötig wäre oder manch ein Besuch beim Arzt oder im Krankenhaus überflüssig.
Gerade jenen Menschen, die sehr kritisch gegenüber der „Schulmedizin“ sind, sei dieses Buch ans Herz gelegt, zeigt es doch die Defizite wie auch die Errungenschaften sehr deutlich und offenbart, dass manch ein Anspruch an behandelnde Ärzte oder Kliniken schlicht zu groß oder die Einschätzung dessen, was die optimale Behandlung für das eigene Leiden ist, sehr subjektiv sein kann.
Das Buch ist ein richtiges und wichtiges Plädoyer für den informierten Patienten, der durch Wissen Fehlbehandlungen mit vermeiden helfen kann. Es liegt nicht die ganze Verantwortung beim Arzt, auch als Patient sollte man sich informieren, um Werbeversprechen nicht einfach zu erliegen oder den guten, ernsthaften Arzt vom Scharlatan unterscheiden zu können.
Dieses Buch kann da sehr gut als Einstieg dienen, um die eigene Patientenkompetenz zu schärfen.
Daher von mir 5 von 5 Sternen für ein Buch, das es schafft, sowohl zu unterhalten als auch zu informieren.
Ein Schnupfen ist kein Beinbruch ist bei Ullstein zum Preis von 10 Euro erschienen.

Es ist an der Zeit, einmal danke zu sagen.

Depression abzugeben“ war für mich kein Buch, das ich wegen des Geldes geschrieben habe. Es war auch kein Buch, mit dem ich Ruhm und Ehre zu erlangen gedenke. „Depression abzugeben“ ist meine Geschichte, ein Stück Wahrheit, verpackt zwischen zwei Buchdeckeln, niedergeschrieben auf 432 Seiten.

Und es war ein schwerer Schritt, so sehr in die Öffentlichkeit zu gehen, mich so sehr für andere Menschen zu öffnen. Aber letztlich war das Öffnen meiner Seele, meines Wesens für mich der wichtigste Schritt zur Heilung. Daraus entstand zunächst über die Tweets #ausderklapse der Wunsch, andere an meinem Heilungsprozess teilhaben zu lassen. Weil ich spürte, in den Feedbacks lesen konnte und aus eigener Erfahrung erlebt hatte, wie schwer es immer noch fällt, über psychische Erkrankungen zu sprechen. Wie sehr mir meine Leser und die Medien recht geben würden, das hat mich zutiefst überrascht. Zeitungen, Radiosender, selbst das Fernsehen zeigt ehrliches Interesse.
Aber was mich am meisten überwältigt sind die Reaktionen der allerwichtigsten Menschen, meiner Leser. Nicht nur, dass „Depression abzugeben“ tatsächlich viel gekauft wird. Nicht nur, dass es da draußen Menschen gibt, die ein ehrliches Interesse an meiner Geschichte haben. Die Rezensionen, oh diese Rezensionen. Ich dachte immer, Kritik bereite mir Schwierigkeiten. Aber das so überaus positive Feedback, die vielen fünf Sterne Bewertungen (als ich das hier schreibe alleine 18 Stück bei Amazon), die wundervollen EMails, Postkarten, Briefe. Danke, DANKE, DANKE!

Ich bin kein Bestsellerautor, kein Schriftsteller, sondern ein Mensch, der hofft, durch seine Erfahrungen anderen helfen zu können. Und es scheint zu gelingen. Großartig. Einfach Großartig.

Aber einen Mitarchitekten dieses Buchs darf ich nicht vergessen. Bastei Lübbe, die mein Manuskript als einer von drei Verlagen wirklich veröffentlichen wollten, die an meine Geschichte glaubten Und dort besonders, Cindy Witt, Ragna Sieckmann und Angela Kuepper. Drei Frauen, die mich ermutigen, unterstützen, zu viel loben (geht das eigentlich) und die mein Debut fantastisch begleitet haben.
Und ein besonderer Dank geht auch an meinen Agenten Eric Riemenschneider, der nicht nur an meine Geschichte sondern auch mein Schreibtalent und den Erfolg des Ganzen geglaubt hat.
Ich verneige mich vor so viel Vertrauen und kann nur ergänzen. Auch das war Heilung. Sogar ein sehr großes Stück Heilung.

Danke euch allen, ihr habt mich auf meinem Weg unterstützt und tut es durch täglich neues, unglaublich ermutigendes Feedback jeden Tag aufs neue.

„Das Leben ist ein Roman, für dessen Happy End zu selbst verantwortlich bist.“

Und ja, auch wenn es der eine oder andere rührselig oder kindisch empfinden wird. Auch nach diesem Text stehen mir Tränen in den Augen. Weil ich die Veränderung spüre, weil ich noch am  Leben bin, sein darf, sein werde und weil ihr alle mir ein klein wenig zurück ins Leben geholfen habt.

Auch dafür sei euch allen nochmals herzlich gedankt.

Leseprobe Band II von „Depression abzugeben“

Ich weiß weder, ob mein jetziger Verlag Interesse an einer Fortsetzung haben wird noch, ob sich ein anderer Verlag findet. Aber das ficht mich nicht an, bereitet mir doch das Schreiben an sich Freude. Hier also für alle, die nach der Lektüre von „Depression abzugeben“ etwas weiteres Futter wollen eine kleine Leseprobe von Band zwei, der im Moment den Arbeitstitel „Freilandhaltung“ trägt.

Sie sind entlassen
Ich habe überlebt. Drei Kliniken, drei Versuche, mir auf die Schliche zu kommen, meine Krankheit zu erkennen, zu verstehen, zu heilen. Und irgendwie fühle ich mich dennoch nicht anders, nicht sicherer, nicht verändert.
Ich bin rein in die Psychiatrie mit der Diagnose schwere Depression und Suizidversuch. Dann hat man noch meine Ängste ausgegraben. Nicht die, die wir alle haben, wenn es dunkel ist und man alleine unterwegs. Wenn man sich fragt, ob man den Herd wirklich ausgemacht hat.
Es sind existentiellere Ängste, manchmal nur für einen selbst fassbar, Ängste vor Jobverlust, Ängste vor den Meinungen anderer und ja, in letzter Konsequenz selbst die Angst vor der Angst. Und da bin ich immer noch richtig gut. Wenn andere schon längst abwinken, weil das doch alles unrealistisch ist, kann ich mir immer noch eine weitere Eskalationsstufe der persönlichen Katastrophe vorstellen.
Und eine Agoraphobie, also eine Phobie vor großen Menschenmengen habe ich obenauf. Nicht, wenn ich auf der Bühne stehe, da ist der Begriff Rampensau wie für mich gemacht. Aber danach, in der Menge, das Bad ist für mich ein Bad wie direkt aus Psycho.
Die Sonne scheint ausnahmsweise an diesem Morgen. Diesem ersten Morgen, an dem ich wieder zur Arbeit gehen werde. Nicht gänzlich normal, denn ich werde wiedereingegliedert nach dem Hamburger Modell, und das hat nichts mit der Fast-Food Kette zu tun, auch wenn mir die Aussicht ähnlich auf den Magen schlägt wie mancher Besuch bei eben diesem Burgerbrater es in der Vergangenheit getan hat.
Mein Frühstück heute bestand wie eigentlich immer, wenn ich zuhause bin aus einer frisch gebrühten Tasse Kaffee und dem Lesen der neuesten Nachrichten auf meinem Smartphone. Das vermutlich hätte bei manchen meiner Gott sei Dank hinter mir liegenden Therapeuten zu mahnenden Fingern und Worten geführt wie: »Aber Herr Hauck, sie müssen doch etwas essen. Aber Herr Hauck, doch nicht jetzt schon das Smartphone.« Und wahrscheinlich auch die Ermahnung meines speziellen Therapeuten des Grauens. »Herr Hauck, ich fürchte, sie sind Internet süchtig.« Was hat der mich mit seinem Blödsinn auf die Palme gebracht. Gott sei Dank hatte ich damals Juliane in der Klinik, die mich wieder eingefangen hat. »Das machen die doch absichtlich, damit du endlich mal auf Krawall bürstest.« Sie hatte wohl recht damit, oder zumindest war das für mich eine Aussage, die das ganze Theater etwas erträglicher gemacht hat. Aber genervt hat es trotzdem und mein Vertrauen in die objektive Betrachtung meiner Person hat es damals für lange Zeit kaputt gemacht.
Es ist an der Zeit, mich auf den Weg zu machen. Weil es einfacher ist, und weil es meine Grundstimmung nach all den Erkenntnissen aus einem halben Jahr Therapie und ebenso langem Warten auf dieselbe am besten repräsentiert, trage ich schwarz. Komplett, Socken und Unterwäsche inklusive. Ich musste deshalb wochenlang erklären, dass niemand verstorben ist, dass ich keine Trauer trage. Manchmal hab ich dann gesagt, doch, ich trag Trauer über all die dummen Fragen und Ratschläge, die ich auch jetzt noch bekomme.
Ich fahre wieder mit dem Rad. Endlich. Das ist auch der einzige Sport, den ich betreibe. Das mit diesem: »Kaufen Sie sich Joggingschuhe und gehen Sie regelmäßig laufen«, das mir der Arzt nach meinem Burn-out damals geraten hat. Ja, ich habe es ein halbes Jahr gemacht. Hab dabei ordentlich Gewicht verloren. Und nach und nach die Lust, im Kreis zu rennen, japsend und jedes Mal genervt zu hause anzukommen. Also hab ich es gelassen. Gut, wenn mir ein Arzt wieder mal die scheinbar alles entscheidende und das Leben sofort gesund und glücklich machende Frage stellt: »Treiben Sie Sport«, antworte ich natürlich strahlend und hochmotiviert »Aber ja, ich fahre Fahrrad.« Dass das dann jeden Tag gerade mal 6 Kilometer zur Arbeit und zurück sind und ich die Hälfte davon ganz entspannt rollend absolviere: Kann man erwähnen, muss man aber nicht. Das ist etwas, dass ich in den Kliniken gelernt habe. Immer schön aufpassen, was für ein Mensch vor dir sitzt, welches Weltbild er für das selig machende hält. Und dann auswählen, was dir gefällt. Denn wenn man allen Ratschlägen jedes Therapeuten folgen würde, der den eigenen Lebensweg bzw. Leidensweg streift, man müsste sich permanent und teilweise radikal ändern.
Ich schnappe mir meinen Rucksack, gebe Sibylle und den Kindern einen Abschiedskuss und steige aufs Rad, das draußen vor der Haustür bereits wartet. Noch den Mini-Kopfhörer aufgesetzt, Alanis Morisette als Mixtape gestartet und los geht’s. Freue ich mich eigentlich auf die Arbeit? Ist irgendwie schwer zu sagen. Momentan hab ich wohl eher Angst vor dem, was mich erwartet. Angst, wieder die gleichen scheinbar guten Ratschläge zu kriegen, auf Unverständnis zu stoßen oder vielleicht sogar irgendwann die Kündigung in Händen zu halten. Okay, Letzteres ist wohl meinem Drama-Queen Anteil geschuldet.
Das surrende Geräusch der Reifen auf dem Asphalt klingt ungewohnt nach der langen Zeit ohne Fahrradfahren. Die Felder sind leer, es ist kalt aber kein Schnee pudert die Landschaft ein, es ist eher grau und trist. Dann wechselt die Umgebung und ich gelange in die Außenbezirke meines Arbeitsortes. Typische Einfamilienhäuser, so sauber und gepflegt wie austauschbar. Genau wie die Leben, die darin geführt werden. Vor jedem Haus parkt mindestens ein Auto. Gewaschen, gepflegt, auf Pump gekauft. Wie wohl auch das Haus, die Einrichtung, das ganze Leben. Auf Pump, geliehen, nicht das eigene sondern das, was man denkt, führen zu müssen.
Auf den Gehwegen sieht man viele Gestalten, die entweder noch gar nicht aufgewacht sind, oder für den Weg zur Arbeit beschlossen haben, dass man da auch mit noch halb wachem Verstand gut bedient ist. Wobei, eigentlich dürften viele auch während des Arbeitstags ihren Verstand irgendwo draußen zum Spielen geschickt haben, denn eigenständiges Nachdenken ist ja… Ich merke, ich muss aufpassen, ich eskaliere schon wieder Dinge, die mich auch nach den Therapien am Normaltag der Mehrheit stören. Dinge, die ich schon vor einem Jahr nicht für richtig gehalten habe und die ich auch heute ablehne. Aber leider bin ich nicht in der Situation, hier etwas ändern zu können. Nur darüber schreiben, das kann ich.
Denn seit der stationären Therapie arbeite ich an meinem ersten Buch. Ein Literaturagent war damals auf mich zugekommen und hatte gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könne, aus den Tweets, die ich #ausderklapse gesendet habe, ein Buch zu machen. Die Mail kam mir damals zunächst wie ein schlechter Scherz, wie Spam vor.
Mein Leben, eine Geschichte? Das Leben, das ich gerade sehr talentiert vor die Wand gefahren hatte? Meine Zeit in der Klapse wert, beschrieben zu werden? Die Antwort auf die Mail habe ich zunächst verschoben. Das Konzept an sich fand ich damals faszinierend, wollte ich doch als junger Erwachsener ernsthaft Journalist oder Schriftsteller werden. Aber mein nach Sicherheit suchender Teil meiner selbst riet mir intensivst davon ab, so daß aus mir dann doch ein eher langweiliger Informatiker wurde, weit weniger kreativ als ich es eigentlich werden wollte. Aber da hatte insbesondere meine Mutter ganze Arbeit geleistet und so viel Angst, so viel Unsicherheit in mich gepflanzt, dass mir die Gefahr weit größer schien als die Chance, etwas kreatives zu erlernen, etwas künstlerisches.
Ich schwenke in die Straße ein, in der auch das Bürogebäude meines jetzigen Arbeitgebers liegt. Von allen Seiten, aus Parkhaus, Bushaltestelle und Fußwegen strömen Menschen ins Gebäude. Ein Blick auf die Uhr: 8:00 Uhr. Auch wenn man eigentlich Gleitzeit hat und die Arbeit beginnen kann, wann man will so ist es hier wie wohl in vielen anderen Unternehmen auch. Die Mehrheit schätzt den klassischen 8 Stunden Tag von 8:00 Uhr bis 16:30. Dann ist die Rush-hour, dann sind die Busse überfüllt, dann stauen sich die Menschen vor der Eingangstür. Man mag immer wieder hören, dass Menschen nach Individualität streben, nach anders sein. Aber die Mehrheit definiert eine Norm und betrachtet jeden sehr kritisch, der sich ihr nicht vollumfänglich unterwirft.

Heute erscheint „Depression abzugeben“

Es ist soweit. Zwar hatten viele große Versender und Buchhandlungen „Depression abzugeben: Erfahrungen aus der Klapse
“ bereits seit Beginn der Woche auf Lager. Heute aber ist der offizielle Erscheinungstermin meines Sachbuchs über meine Aufenthalte in der Psychiatrie und was ich dort an traurigem wie lustigem, an beängstigendem wie ermutigendem erlebt habe.

Und diejenigen, die bereits vorab ein Exemplar bekommen haben senden mir überwiegend ein sehr positives Feedback. Das freut mich sehr, denn die Botschaft des Buchs ist mir sehr wichtig. Ein Ende des Stigmas psychische Krankheit und Mut, sich behandeln zu lassen. Einer flog übers Kuckucksnest war einmal, heutzutage ist man viel weiter.

 

Die Öffentlichkeit muss dich doch stressen

Einer der großen Irrtümer. Gerade dass ich nicht mit meiner Depression offen umging, ja sie nur als Begriff aber nicht als Faktum akzeptiert habe, hat mich ja erst in Lebensgefahr gebracht. Je mehr ich meine Geschichte öffentlich gemacht habe und mache, je mehr ich mich für Aufklärung zu Depressionen, Angststörung und Suizidversuchen engagiere, um so besser geht es mir, um so sicherer bin ich, nicht mehr in Gefahr zu kommen. Die einzige Gefahr, die manchmal lauert sind Menschen, die was ich äußere überinterpretieren oder zu persönlich nehmen, auch wenn mir das gerade auf so schnelllebigen Medien wie Twitter nie in den Sinn käme.

Aber Ironie und Sarkasmus für bare Münze zu nehmen wird zwangsläufig auch weiterhin in bösen Briefen und weiterführenden Drohungen resultieren. Nur, da ja nie das, was angenommen wurde bislang den Tatsachen entsprach, kann ich mich da zurücklehnen und es als Übung nehmen. Wäge ich auf, wer mir öffentliche Statements verbieten möchte und wer dankbar dafür ist, dass ich mich äußere, dass ich aufkläre, dass ich ein Buch über meine Geschichte veröffentliche, das auch die Vorgeschichte erklärt. dann ist mein Weg offensichtlich. Weiterhin aufklären, an Schulen, vielleicht sogar in entsprechend fortschrittlichen Unternehmen. Konzepte gibt es von mir und auch von der deutschen Depressionsliga e.V. deren Mitglied ich mittlerweile bin.

Und nein, es ist kein Stress, es ist zu einem bedeutenden Teil Heilung für mich, endlich offen mit meiner Erkrankung umzugehen, sie endlich als Teil von mir zu akzeptieren und zu verstehen, warum mich mehr Sorgen plagen, als andere, warum ich mehr schlimme Ereignisse befürchte.

Für mich wird auch weiterhin gelten, ich mache meinen Mund auf, mag das manchen auch nicht passen, ich brauche es für mein Wohl und das meiner Familie.

Und meine Geschichte schreibe ich weiterhin auf, mit allem, was an Gegenwind existiert aber auch mit dem Rückenwind, der mich ermutigt, aufbaut und vorantreibt. Die ehemalige Unwetterfront, Mischung aus Ängsten und Depression, die mich ziellos umhergewirbelt hat, ist kanalisiert in eine sehr steife aber lenkbare Brise, die mich vorantreibt, die mich antreibt, die mich weiter kämpfen lässt.

Und aus diesem Internet werde ich mich ganz sicher nicht mehr löschen.

Das Schreiben geht weiter

Band 1 meiner Geschichte vom Suizid zurück ins Leben wird bald erscheinen. Ab dem 13. Januar ist „Depression abzugeben“ im Buchhandel verfügbar. Aber meine Geschichte geht weiter. Und deshalb entsteht gerade Band 2 meines Weges aus der Depression. Ob auch er veröffentlicht wird? Ich weiß es nicht, hängt wohl auch davon ab, wie viele von euch Band 1 kaufen. Aber schreiben werde ich ihn auf jeden Fall. Weil mit dem Ende der Kliniken der eigentliche Weg in den Alltag erst begonnen hat. Weil der Weg nicht gerade, teilweise steinig, teilweise auch beängstigend war und ist. Aber im Gegensatz zu 2015 will ich hier bleiben. Dafür werde ich kämpfen. Und auch diesen Kampf werde ich in Band 2 beschreiben. Natürlich alles wieder abgewandelt, leicht verändert, aber in der Grundaussage so wahr wie Band 1 mit dem ersten Teil der Geschichte, meiner Geschichte, meiner Rückkehr ins Leben.

Hier schon mal ein kleiner Auszug:

Ich hatte es nun wirklich oft genug gesagt. »Ich habe eine Angststörung, ich bekomme Probleme in jeder Form von Beurteilungsgesprächen. Das dritte ist es nun, das ich zu führen gezwungen bin. Als geführt werdender. Oder, was natürlich niemand außer mir sehen kann, als Nervenbündel voll Panik und eben den Gefühlen bis hin zu »Ich mach Schluss«, die ich eigentlich vermeiden will. Weil sie Trigger sind. Aber was das System nicht vorsieht, sich einfach solche Triggergespräche mit mir zu schenken, das wird dann eben nicht gemacht. Also muss ich eine Strategie entwickeln, mit diesem dritten Gespräch fertig zu werden. Mir ist bereits jetzt klar, dass ich zusammenbrechen werde. Schon Gespräch Nummer zwei fand nahe an der Kante statt und hatte mich tief in mein depressives Loch gezogen.
Natürlich waren da immer die üblichen Sprüche wie: Das ist nur zu Ihrem Besten oder Wir müssen das tun, das ist nun mal so. Keine Beruhigung für mich, eher eine weitere Lunte fürs Panikfeuer. Was hatte ich mich bemüht, hier gelassen zu bleiben. Nicht erst seit den Kliniken, nicht erst seit dem Berufsleben. Schon in der Schulzeit war alles, was auch nur annähernd etwas von Prüfungs- oder Beurteilungscharakter für mich hatte, der blanke Horror. Da lief nichts objektiv, weil ich mich in diesen Gesprächen aufführte wie das Kaninchen vor der Schlange. Duldungsstarre, Angstschweiß und der Wunsch, so schnell wie möglich weg zu dürfen. Woher das ganze kam, keine Ahnung. Vielleicht wie so vieles meiner Mutter geschuldet, für die nichts, was ich tat jemals richtig war. Und etwas besser wissen als sie ging schon mal gar nicht.