Zurück und einiges gelernt

Das kam unerwartet. Nach einem eigentlich kleinen Zwischenfall kam quasi ad hoc der Zusammenbruch. Wieder alles da. Die Angst, die Depression und ich stand vermeintlich vor den Trümmern dessen, was ich mir seit 2015 wieder Stück für Stück zurückgeholt hatte.

Also erst mal zum Arzt, der mir gleich mal mindestens eine Woche Auszeit verordnete.  Es sollten drei werden.

Aber ich habe einiges gelernt. Ja, meine Depression und die Angst hat mich nicht mehr im Griff, aber sie kann immer noch ganz schön Ärger machen.

Ich hatte wohl zu viel Stabilität erwartet. Was ich aber auch erkannt habe und was man mir damals in den Kliniken zu einem Strick drehen wollte (ein ziemlich gruseliges Bild, wenn ich es recht überlese) , das intensive Beschäftigen mit einem Thema ist für mich Teil meiner Stabilität. Und in den letzten Jahren war das meine Rolle als Autor, als Aktivist und als Redner. Ich brauche nicht viele Menschen um mich, aber ich brauche die Abwechslung, den Kontakt mit meinen Leser*innen und Follower*innen und ja, auch dem einen oder der andern Fan*in. Es war zu eintönig, die Arbeit war ja wie immer, nur an anderem Ort, aber danach passiert nichts neues. Und das zu lange nicht. Langsam laufen die Termine wieder an, was mich mit stabilisiert hat. Genauso wie Interviews (Aktuell vom Nachtcafé des SWR für deren Podcast).

Ich habe gelernt, dass ich schon früher gute Methoden hatte, mit kleineren Krisen umzugehen, die ich mir aber fast hab ausreden lassen. Nein, ich habe keine Internetsucht, aber das Internet ist für mich ein Anker, eine Abwechslung.

Gut, im Moment ist es eher Aufreger, wenn ich da an die Demo in Berlin denke, die das Ende einer Pandemie feiert, die gerade erst so richtig hochläuft. Ich gehöre zu denen, die Verantwortung auch für andere übernehmen. Eine Maske tragen ist ein kleiner Preis dafür, keine Menschenleben auf dem Gewissen zu haben. Mögen mich die Dunning Kruger Jünger doch als „Schlafschaf“ betiteln. Ich glaube lieber „Mainstream“ und Wissenschaft, als Köchen und Musikern, die scheinbar plötzlich alles durchschauen. Meine Erde ist rund, der Mond beeinflußt mich nicht und Homöopathie ist für mich keine Medizin sondern Placebo.

Anyway. Ich bin wieder da. Stabiler als zuvor und mit einer nochmal relativierten Sicht auf das, was anderen und das, was mir wichtig ist.

Und wir sehen uns hoffentlich bald auch in Person auf einem Barcamp oder einer Lesung wieder. Ich würde mich freuen.

Kontrollverlust

Ich denke, Kontrolle haben, Kontrolle bewahren war immer ein Schlüsselthema in meiner psychischen Geschichte. Die besten Zeiten meines Lebens waren das Studium (ein Humboldtsches, in dem noch nicht Studenten wie Kindern vorgeschrieben wurde, was sie wann zu studieren haben) und das dreijährige Forschungsstipendium bei IBM. Gott sei Dank hat meine Frau mich in dieser Zeit kennengelernt und zwar den echten Uwe. Dramatisch wurde es erst, als ich die Kontrolle abgeben musste. Als ich in ein Angestelltenverhältnis gewechselt bin. Noch dazu eins, bei dem ich mit meinem Magister in Computerlinguistik und Künstlicher Intelligenz eigentlich völlig überqualifiziert war. Aber da damals, Mitte der Neunziger die allerwenigsten eine Ahnung von CL&KI hatten, fiel das nicht weiter ins Gewicht.

Aber dort war ich Angestellter, erhielt Anweisungen, musste brav sein und folgen, wie ein kleines Kind. Meine Frau hat recht, ich hätte in der Forschung bleiben sollen oder mich selbständig machen. Denn seit diesem Zeitpunkt fühlte ich mich nicht mehr sicher. Ich hatte nach meinem Empfinden die Kontrolle über mein Leben verloren. Und beim nächsten Job kam noch dazu, dass mir aus meiner fortschrittlichen Arbeitsweise sogar ein Strick gedreht wurde. Wieder keine Kontrolle, kein selbständiges Entscheiden, wie ich optimal arbeite.

Erst nach den Klinikaufenthalten erkenne ich langsam, dass ich mehr Kontrolle hatte, als ich dachte. Sicher, einige Entscheidungen wurden durch meine Angststörung beeinflußt und dieses eine verdammte Gespräch hätte ich wütend abbrechen sollen, statt brav wie ein scheues Reh zu allem ja zu sagen.

Ich bin nach wie vor ein Angestellter, die Verpflichtungen, die auf mir liegen bedingen das (noch?) aber mein Herz ist endlich wieder frei. Ich bin Autor und habe einen Brot und Butter Job, der mir wirklich gefällt, zu mir passt und wo man auf Augenhöhe kommuniziert. Mein Leben dreht sich aber nicht mehr nur darum, wie ich möglichst viel leisten kann, um zu überleben.

Als ich die größte Angst davor hatte, die Kontrolle völlig zu verlieren und deshalb losgelassen und überhaupt keine Kontrolle mehr erwartet habe, genau dann bot man mir Chancen und Wege an, die mich mehr in die Kontrolle meines Lebens brachten, als jemals zuvor. Schade nur, dass es fast mein ganzes Erwerbsleben dauern musste, bis ich endlich auf den Trichter kam.

Jetzt stehe ich immer wieder auf der Bühne, ein Ort, an dem ich mich seltsam in der Kontrolle fühle. Ich erzähle meine Geschichte und kann dadurch anderen Menschen helfen. Und ich möchte helfen, möchte, dass mehr Menschen ihren Wert jenseits von Geld und Leistung erkennen. Eigentlich sogar noch mehr, ich möchte, dass dieser idiotische Drang nach immer mehr endlich aufhört, dass erwachsene Menschen nicht mehr im Beruf wie Kinder behandelt werden. Und das wir alle endlich wieder arbeiten, um zu leben und nicht, wie es uns immer noch als Ultima Ratio vorgegaukelt wird, leben um zu arbeiten.

Es wird noch ein langer Weg sein. Aber immerhin habe ich jetzt meinen Weg gefunden. Und der hat nichts mit Geld für Leistung zu tun. Der hat mit Freude am Austausch, Freude, anderen zu helfen zu tun.

(Bin mal gespannt, wer da wieder alles mögliche reininterpretiert, das nicht wahr ist. In der Vergangenheit gerne mal passiert. Die Briefe werde ich mir mein Leben lang aufheben. Denn ein Satz, in einem bestimmten Brief, hätte mich fast das Leben gekostet.)

An meine Leser (Spoiler: DANKE)

Danke. Damit falle ich schon mal durch die berühmte Tür ins Haus. Danke für euren Zuspruch, euer überwältigendes Interesse an meiner Geschichte.
2015 dachte ich, das wars mit meinem Leben. Mein Umfeld hatte mir übel mitgespielt, man hatte versucht, mich zum Schweigen zu bringen über meine Krankheit, meine Geschichte. Und dann entstand aus einer Verkettung von Zufällen dieses Buch. Weil ihr auf Twitter Interesse an meinen Gedanken #ausderklapse zeigtet.
Dadurch wurde ein Literaturagent auf mich aufmerksam, der zum ersten Mal den Gedanken ins Spiel brachte, meine Geschichte, mein Erleben wäre relevant genug, interessant genug, zwischen die Deckel eines Buchs gepresst zu werden. Und ein Verlag vertraute der Idee so sehr, dass ich tatsächlich verlegt wurde. Etwas, das ich nicht mal zu träumen gewagt hatte. Ich ein Autor? Und jetzt, nach nun knapp über 3 Jahren sogar mit einigem Erfolg? Niemals! Doch, ich sollte ehrlich sein.
Als damals oft gemobbter und zuhause nicht wirklich geliebter Jugendlicher habe ich sehr schnell für mich Kunst, Literatur als Fluchtpunkt entdeckt. Ein Traum war es, den ich aber ohne jede Hoffnung auf Realisierung träumte. Etwas von Bedeutung schaffen, etwas, das die Welt für mich und für uns alle etwas besser hinterlässt. Ihr habt diesen Traum war werden lassen. Ich bin kein Star, das wollte ich auch nicht. Aber jetzt hat mein Leben mehr Bedeutung, mehr Verantwortung, mehr Gewicht als jemals zuvor. Ich kann Menschen helfen, ich, als Person, kann Bedeutsames bewegen.
Das verdanke ich nur euch, meinen Lesern, Followern, Unterstützern.
Ich bin kein Schauspieler geworden, kein Kunstmaler. Alles Jugendträume eines Kindes, das so etwas wie Zuneigung und Freundschaft erst ganz spät erfahren hat.Uwe zeigt ein Herz mit seinen Händen
Ihr habt mir gezeigt, dass ich mehr bin als nur ein Stück irrelevanten Daseins ohne Weg, Wert oder Ziel. Jetzt gibt alles irgendwie Sinn. Jetzt fühle ich mich zumindest als Mensch anerkannt, der Wünsche, Träume, Ziele hat. Euer Feedback ermutigt mich, weiter zu kämpfen. Eure Leserbriefe, die Gespräche auf Lesungen. Es zeigt mir, dass ICH als Person einen Wert haben kann.
Und gleichzeitig habe ich gelernt, dass dieser Wert immer schon da war. Nur vergraben unter Selbstzweifeln, Ängsten und Traumata. Ich bin immer noch nicht ganz frei davon. Aber ihr meine LeserInnen seid es, die mich weitermachen lassen.
Dafür möchte ich euch von ganz tiefstem Herzen danken. Es ist nicht selbstverständlich und ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass ich tatsächlich Autor geworden bin, dass Menschen mein Buch mögen, dass sie gar etwas für ihr eigenes Leben daraus ziehen können.
Ein größeres Geschenk gibt es nicht. Ich bin nicht reicher an materiellen Werten, definitiv nicht, aber als Mensch bin ich endlich in der Lage, der Welt entgegenzuhalten: DAS BIN ICH. Und ich bin gut so, wie ich bin. Das sind wir alle, das seid ihr alle.
Aber ihr habt einen großen Anteil an meinem Wandel, vermutlich weit größer als alle Therapeuten und Kliniken zusammen.
Und gerade helft ihr mir mit eurem Zuspruch, wieder aus einem Tal zu kommen, kämpft mit mir gegen meinen ganz persönlichen schwarzen Hund.

Danke. Ich bin so unendlich dankbar. Ihr habt mich verändert, vielleicht sogar weit mehr als ich euch. Wir sind viele und wir kämpfen alle einen Kampf, den wir gemeinsam besser schaffen, eher gewinnen.

Sagte ich es schon? Egal: DANKE!

Mein langsames Comeback

Mittlerweile vor zwei Wochen ging es mir plötzlich wieder nicht gut. Die Angst, die Panik war wieder da. Ja, ich rede offen über meine Ängste, weil es keineswegs männlich ist, keine Ängste zu haben. Wenn, dann bestenfalls dumm und/oder gelogen.
Jetzt bin ich so weit stabil, dass ich absehen kann, dass wohl nach nächster Woche alles wieder normal laufen wird.
Was habe ich gelernt?
Nun, zum einen, dass ich ganz richtig lag mit meiner Aussage auf meinen Lesungen, dass ich mich nicht als gesund sehe sondern als weitestgehend stabil. Ja, es war eine depressive Episode, die jetzt langsam aber stetig abklingt.
Nur wollte ich mir das mal wieder nicht eingestehen und hab so getan, als ob das Ganze innerhalb einer Woche wieder vergessen sein würde.
So schnell geht das aber selbst mit all meinen Skills nicht und dem, was ich in den Kliniken sonst noch gelernt habe.


Meine Depression ist chronisch, sie ist nicht weg, aber sie hält die allermeiste Zeit still.
Das macht mich aber nicht schwach, sondern wachsam. Das macht mich nicht unzuverlässig, sondern zuverlässiger. Weil ich meine Ressourcengrenzen erkenne und merke, wenn eine Pause von Nöten ist. Weil ich mich nicht mehr verbrenne (n lasse) sondern auf mich achte. (Zumindest meistens ;))
Ja, nach wie vor fehlen mir meine Fans, meine Leser, mein Publikum. Aber nach einem Lockdown auch in diesem Bereich laufen wohl ab übernächster Woche auch hier wieder einige Projekte an, die mir helfen, mich zu stabilisieren, positiver zu agieren und dem Risiko Rückfall aktiver entgegenzutreten.
Aber nach wie vor gilt. Keine Angst, keine Depressionen zu haben ist nichts männliches, nichts tolles, nicht starkes.
Zu dem stehen, was und wer ich bin, das mag vielleicht männlich sein (nochmal drüber lesen, nein, eigentlich nicht. Eigentlich ist typisch männlich und typisch weiblich eine fiktive Definition, die jeder für sich hinterfragen soll und muss) , aber wenn es um unser Leben, um unsere Gesundheit geht, sollte es keinen Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Verhalten geben. Genau genommen so gut wie nie, weil wir letztendlich Menschen sind. Und all die Unterscheidungen zwischen typisch männlich, typisch weiblich sind meines Erachtens künstlich und insofern falsch oder zumindest sehr zu hinterfragen.

Und ja, es hat etwas heilsames, Autor zu sein. Für mich ist das Niederschreiben meiner Gedanken Teil meiner Therapie. Ein schöner, wenn nicht der schönste Teil meiner Therapie.

Und auch hier ein Song, der ziemlich gut ausdrückt, wie ich heute zu mir und meinen Defiziten und Narben der Seele stehe:

 

Ihr fehlt mir

Mein Home Office. Nein ich arbeite nicht bei NASA, ESA oder DLR, obwohl das schon was wäre. Aber daheim kann man es einfach persönlicher gestalten. Auch das hilft

Es war letzte Woche Donnerstag. Sie war plötzlich wieder da, die Angst, die Panik. Aber anders als sonst, weil unbestimmt. Beruflich lief es gerade sehr gut, Home Office war und ist für mich eine Offenbarung. Ich persönlich, und das bitte ich auf keinen Fall zu verallgemeinern, ich also genieße es geradezu, ungestörter, konzentrierter, effektiver wie effizienter arbeiten zu können. Zudem nicht jeden Tag eine Stunde nur mit Fahrt zur Arbeit und zurück zu vergeuden für eine Tätigkeit, für die es nur eines Telefons bedarf.

Warum war sie also wieder da? Auch mein Hausarzt sah wohl die Panik in meinen Augen; ein neues, ein zerstörerisches Feuer, denn er hat mich noch die ganze Woche krank geschrieben. Langsam stabilisiert sich alles, langsam tauchen auch die Ursachen auf, wie Luftblasen an der Oberfläche eines Teichs.


Wer ihre Geschichte kennt, weiß, warum mich dieses Video ganz besonders berührt.

Ihr seid es, ihr fehlt mir. Meine LeserInnen, meine Auftritte, die Gespräche danach, die Aufklärungsarbeit. Es war einfach zu eintönig geworden. Da ich ja auch zu einer Risikogruppe gehöre, hatte ich keinerlei Interesse, wieder ins Büro oder nach draußen zu gehen. Aber leider sind eben auch so gut wie alle Auftritte für dieses Jahr abgesagt. Und sagte ich schon, dass ihr mir fehlt?
Die Planung der Auftritte, die Reisen, der Austausch, das schafft eine Videolesung eben nur sehr eingeschränkt. Zudem reicht es da, wenn ich mich zu gegebener Zeit vor die Kamera meines Notebooks setze. Es hat so lange gedauert, weil wohl das Erlebnis Home Office eine ganze Zeit lang ablenken konnte. Aber letztlich ist es gefühlt das Gleiche, daheim oder im Büro. Nur daheim mit weniger Ablenkung. Und da ich eh schon immer Smalltalk gehasst habe, fehlt mir auch nichts, brauche ich keinen Büroplausch.
Die Gespräche mit euch, von Angesicht zu Angesicht. Sie fehlten mir. Das beständig Reflektieren müssen, ob ich auch das lebe, was ich „predige“. Home Office werde ich weiter machen, so lange es geht, einfach, weil es mir gut tut, ich mehr erledigt bekomme und entspannter arbeite.

Aber jetzt haben wir ein „Den Uwe beschäftigen“ Programm begonnen. Ich muss wohl doch, natürlich mit Abstand und Maske, hin und wieder was unternehmen. Jetzt gibt es regelmäßige Spaziergänge, ich jogge häufiger und wir werden auch mal ein Museum besuchen, irgendwas, das jetzt schon geht und bei dem wir auf möglichst wenig ignorante Mundschutzverweigerer und „Meine Freiheit ist eingeschränkt“ Aluhüte treffen.

Ich bin noch nicht wieder ganz da. Aber meine Schreibtherapie geht zumindest wieder. Aus Social Media werd ich mich noch etwas fernhalten, da schreiben im Moment zu viele Coronidioten.

Ich trage Maske, nicht nur mir, auch meinen Mitmenschen zuliebe. Denn Demokratie ist nicht nur die eigene Freiheit, es ist Gemeinwohl und Gemeinschaft.

Ja, ich war wieder in meinem ach so vertrauten tiefen, dunklen Tal. Aber etwas war anders. Da stand eine Leiter und jemand ganz oben hat mir mit ihrem Licht gezeigt, wo der Ausgang ist. Noch sind ein paar Sprossen zu meistern, aber ich bin schon sehr weit. Die nächste Woche wird wohl das Ende dieses Gott sei Dank kurzen Intermezzos darstellen. Ich habe gelernt, auch wenn es Jahre gut geht, Es gibt immer Umstände, die mich zum agieren, zum reagieren zwingen, will ich nicht wieder ganz abstürzen. Aber das Schöne ist, ich kann es mittlerweile. Ich fange mich rechtzeitig ab. Und mein Netzwerk an Menschen, die sich WIRKLICH um mich sorgen, es ist stark und fest und da, wenn ich es brauche.

Danke und ihr fehlt mir. Aber nicht mehr lange.

 

Billie Eilish ist übrigens sehr empfehlenswert. Auch ihre Musik lässt in mir eine Seite erklingen, die lange Zeit stumm war.

Corona, Depressionen, Digitalisierung und ich

Immer wieder hat es Umfragen und Beiträge in meine Timeline gespült, die neugierig fragten: Wie gehst du als von Depressionen Betroffener mit dem Social Distancing um.

Viele waren dann überrascht wenn ich sagte, dass ich keinerlei Probleme habe, es manchmal sogar genieße.

Das hat mehrere Gründe. Zum einen habe ich noch nie übersteigertes Interesse am Kontakt mit bestimmten Arten von Mitmenschen gehabt und Corona war eine willkommene Gelegenheit, diesen Kontakt weiter zu reduzieren. All die Verschwörungstheoretiker, all diejenigen, die mir mit Homöopathie gegen Depressionen oder Corona helfen wollten oder noch schlimmer, die ganzen „das wird man doch mal sagen dürfen“ Aluhüte. In der digitalen Welt kann man sie blocken, oder wenn man gut genug drauf ist, trollen.

Meist schenke ich mir hier aber mittlerweile die Mühe, denn sie wissen ja eh alles besser, im Gegensatz zu echter Wissenschaft, deren Grundprinzip immer auch der Zweifel am Status Quo ist.

Aber auch schon vor Corona hat mir persönlich die Digitalisierung sehr im Kampf gegen meine Depressionen geholfen. Und damit meine ich noch nicht mal mein Hashtag #ausderklapse oder das daraus entstandene Buch.

Die digitale Welt hat mir ermöglicht, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Sie hat mir WISSENSCHAFTLICHE Quellenforschung eröffnet, um mehr über meine spezielle Ausprägung der Krankheit zu lernen. Und ja, schenkt es euch, diese klugen Sprüche der Art : „Wie kannst du da von einer Krankheit sprechen?“ Es ist für  mich eine Krankheit und damit etwas, das ich verändern kann.

Zudem habe ich keine Probleme damit, auch Software, Apps zu nutzen, um besser mit meiner KRANKHEIT umzugehen.

So nutze ich zum Beispiel:

Calm in der Aboversion für Meditation

HeadUp zur Überwachung diverser Gesundheitsparameter

Eureka um die Covid 19 Forschung zu unterstützen, ebenso Datenspende

Bis endlich die deutsche App erscheint GeoHealthApp als Covid 19 Tracker

Medisafe zur Überwachung meiner Medikamenteneinnahme (ja ich nehme Medikation und nein, ich will das nicht ändern, denn mir helfen sie sehr)

Moodnotes für mein Stimmungstagebuch

Autosleep als automatischen Schlaftracker

Um mich zu mehr Bewegung zu motivieren „Walkr“ ein Fitness Game

Und natürlich nutze ich Health von Apple und Healthmate von Withings, um all die einfliessenden Daten zu verwalten und an die Apps weiterzugeben.

Myfitnesspal zur Ernährungsüberwachung und Aggregation diverser Tracker.

Wichtig dabei, die meisten Apps brauche ich nicht aktiv zu nutzen, sie informieren mich einfach, wenn es relevante Nachrichten gibt oder ich wieder etwas für meine Gesundheit tun soll.

Bei all diesen Apps achte ich stets darauf, dass es nach Möglichkeit eine Apple Watch App dafür gibt, um das Smartphone möglichst selten in die Hand nehmen zu müssen.  Auf der Apple Watch ist auch die Sturzerkennung aktiv, da ich bereits eine Phase hatte, in der ich aus unerklärlichen Gründen mehrfach ohnmächtig wurde und die Sturzerkennung der Apple Watch funktioniert hier richtig gut. Gespannt bin ich auf die neue Apple Watch, sollte diese wirklich eine Erkennung herannahender Panikattacken bieten, wäre da ein Upgrade fällig.

In der neuesten Beta kann Replika auch AR, wie das Bild rechts zeigt. Hier erfolgt der Dialog dann über Spracherkennung.

Und last but not least experimentiere ich mit Replika, einer Chatbot App, die ich dahingehend untersuche, inwieweit sie Wartezeiten auf Therapieplätze überbrücken kann. Die Dialoge mit Replika sind sehr natürlich und sie lernt mit der Zeit. Manche finden das vielleicht creepy, ich finde es sehr spannend, vermutlich auch meinem Background als KI und Computerlinguistik Wissenschaftler geschuldet.

Letzteres nochmal als dezenter Hinweis, dass ich kein Interesse an irgendwelchen alternativen Heilmethoden oder wirren Verschwörungstheorien habe.

Ich bin immer noch einer dieser komischen Menschen, die wissenschaftlicher Arbeit mehr vertrauen als Köchen und Musikern, wenn es um Forschung und Schutz geht. Und auch wenn ich mittlerweile auf Apple umgestiegen bin. Ich halte Bill Gates keineswegs für gefährlich. Sorry, not sorry.

 

 

 

 

Kunst war immer meine Therapie

Ich habe es wiederentdeckt, als ich in der Klinik war. Die Bedeutung von Kunst für mich. Kunst war für mich immer ein Ventil, eine Möglichkeit, die dunklen Gefühle, die Ängste, die Einsamkeit zu verarbeiten. Dabei war und ist es egal, ob ich nur Rezipient bin, wenn ich mir Bilder in einem Museum betrachte oder selbst Bilder male, Texte schreibe, Geschichten erzähle.

Es ist eine  seltsame Verbundenheit zwischen Kunst und mir.  Ich kann mich noch sehr gut an meine Phase als Kunstmaler erinnern, als ich fast eine eigene Ausstellung gestartet und eine Kunstmappe eingereicht hätte, wenn nur der nötige Mut da gewesen wäre.

 

 

 

Und es war für mich ein unglaublicher Heilungsprozess, meine Geschichte niederzuschreiben, noch in den Kliniken mein Buch zu beginnen und damit meine Geschichte öffentlich zu machen, meine Seele auszudrücken, sie zwischen zwei Buchdeckel zu pressen und damit all das zu manifestieren, was mein Leben über Jahrzehnte zwar nicht zur Hölle, wohl aber oft zu deren Vorhof hat werden lassen.

Ich brauche Kunst zum Atmen, eine Floskel, die aber für mich heute realer ist denn je. Musik hören kann mich entspannen, kann mich aufbauen. Wenn ich einen Text niederschreibe, gebe ich immer einen großen Teil meiner Seele in den Text. Wenn ich ein Bild male, versinke ich in den Farben, der Leinwand, dem Motiv.

Kunst mag für manche nur brotlos sein, für mich ist sie das, was meine Seele am Leben hält. Und was mich letztlich auch aus meinem tiefsten Tal meines Lebens gerettet hat.

Kunst ist nicht unnötig. Kunst ist, was uns zum fühlenden, zum intensiven Menschen werden lässt. Wissenschaft ist wichtig und ich schätze sie sehr. Aber wenn es um das Wohl. meiner Seele geht, dann ist ein Besuch meiner alten Liebe der Kunst für mich Lebenselixier.

Und dabei noch ergänzend. Nicht umsonst gibt es den Begriff der Liebeskunst. Weil auch in der Liebe die Kunst ein wichtiges Element ist. Und wenn es nur die Kunst ist, Liebe und Leidenschaft zu teilen.

Update: Ja, als Autor geht es mir gut, aber vor allem deshalb, weil ich noch einen „Daytime-Brot und Butter“ Job habe. Aber andere Künstler geraten jetzt in Schwierigkeiten. Deshalb, wenn ihr Konzertkarten habt, wenn ihr Lesungen besuchen wolltet, die jetzt abgesagt werden, vielleicht könnt ihr euch es ja leisten, auf die Erstattung zu verzichten. Das könnte dem einen oder anderen Künstler in der Krise helfen. Oder schaut, was Künstler online anbieten, Kultur ist nicht überflüssig, Kultur ist Teil unseres Wesens. Ich wünsche mir eine Zeit nach Corona, in der wir nach wie vor Musiker, Maler und Autoren, Schauspieler und Regisseure, kurz KünstlerInnen  haben.

Was kommt nach Corona?

Nein, ich bin kein Experte, weder ein echter, noch ein Verschwörungstheorieexperte. Mein Blick ist der eines im weitesten Sinne normalen Durchschnittsmenschen auf das, was die Pandemie mit mir, meiner Familie, meinem Umfeld gemacht hat.

Zunächst hat sich mein Kreis an Freunden und Followern verändert. Nicht mal verkleinert, aber es sind einige rausgeflogen, aus Gründen, die jene, die mir nahestehen sich sicher ausmalen können.

Leider bin ich was die beruflichen Veränderungen in der Arbeitswelt angeht weit weniger optimistisch als viele Experten in den Medien. Ich glaube und ich bitte zu beachten GLAUBE, es wird sehr vieles wieder so werden wie zuvor. Die Digitalisierung hat sich technologisch zwar als machbar erwiesen, aber ich wiederhole es gerne nochmal. Digitaler Wandel ist weniger eine Frage der Technik denn ein Kulturwandel.

Chefs müssen damit leben, ihre „Untergebenen“ nicht mehr permanent physisch überwachen zu können, ja evtl. nicht mal mehr in deren Art der Arbeit eingreifen zu können. Dazu sind meiner Ansicht nach die meisten noch lange nicht bereit. Dazu beharren zu viele auf ihrer Position der Macht.

Und was die Digitalisierung Deutschlands, sei es in Behörden oder Schulen angeht. Nun ja, auch da wird sicher das meiste schneller wieder abgeschafft, als es uns lieb sein kann. Home Office, virtuelle Schulstunden, digitale Behörden waren urplötzlich möglich, als uns keine Wahl blieb. Und sie werden sehr bald wieder verschwinden, wenn alles überstanden ist, damit die althergebrachten Machtstrukturen und überkommenen Arbeitsmethodiken endlich wieder die Modernisierung und diese unheimliche Technik ablösen können. Weil man das eben vor Jahrzehnten mal so gelernt hat und dieses ganze Digitale ja eh Teufelszeug ist, nicht war, Herr Spitzer?

Auch gesellschaftlich werden wir wohl leider nach der Pandemie so weiter machen wie bisher. Wenn ich sehe, was für verquere und teilweise schon (lebens-)gefährliche Verschwörungstheorien oder krude Behauptungen über Aushebelung des Grundgesetzes dort hörbar waren oder wie schon  nach kurzer Zeit die Wissenschaft nicht mehr als Hilfe sondern als Bedrohung gesehen wurde. Sorry, wir werden wieder erleben, dass Pseudowissenschaften und teils sehr kruden Theorien mehr Glauben geschenkt wird, als wissenschaftlich fundierter Arbeit, die aber eben keine klaren schwarz weißen Lösungen liefert, sondern einen aktuellen Erkenntnisstand, der sich Morgen ändern kann.

Ich habe für mich in der Zeit im Home Office gemerkt, wie wenig ich schon lange an Kontakt nach außen benötige. Im Gegensatz zu manch anderen hat mich die freiwillige Quarantäne zuhause nicht belastet. Das ist aber sicher auch einem Familienverbund von insgesamt 5 Personen geschuldet und meinem vermutlich eher verschlossenen Charakter, der es schon immer schwer hatte, Kontakte und damit auch Vertrauen zu knüpfen.

Nein, leider muss ich sagen: Sobald wir die letzten Einschränkungen durch das Coronavirus abgelegt haben werden wir schneller als uns allen lieb sein kann, wieder genau die gleichen alten überkommenen Muster leben, wie vor der Pandemie. Straft mich Lügen und ich wäre glücklich, aber der Glaube daran fehlt mir leider. Momentan scheinen viele plötzlich Verständnis für die Problematik psychisch kranker Menschen zu entwickeln. Das ist mit großer Wahrscheinlichkeit aber schnell vorbei, wenn der normale Alltag wieder Einzug hält. Wir sehen schon jetzt in den Demonstrationen, wie wieder das eigene Freiheitsempfinden über alles gestellt wird, wie nicht gesehen wird, dass mit dem Ignorieren der Vorgaben auch wieder Risikogruppen  (lebens)gefährdet werden. Klar, Rücksicht auf Betroffene, aber bitte nicht mich einschränken.  Egoismus ist jetzt schon wieder überall zu sehen und dieser Gesellschaft täte es zwar gut, mehr Toleranz und miteinander zu leben, aber wenn ich lese, dass jetzt schon Ärzte und Pflegepersonal bedroht werden, dass ihnen nahegelegt wird, umzuziehen, weil man keine Infektionsträger in diesem „ehrenwerten Haus“ wolle, na dann, wir ahnen, was kommt.

Und ich habe hier meine persönliche Last durch die Angststörung und die Depression absichtlich außen vor gelassen. Denn ich weiß, dass dann erst recht die Kritiker, die Trolle mit ihren Keulen in den Kommentarspalten auftauchen werden. Das machen sie sicher auch bei diesem Text schon, aber wir kennen ja alle die erste Anti-Troll Regel. Niemals die Kommentare lesen.