Himmelhochjauchzend zu Tode betrübt

Selten lagen für mich höchstes Glück und tiefste Trauer so eng beieinander. Meine Tochter und mein Sohn beginnen ein Studium. Tochter in unserem Heimatort, Sohn  in Heilbronn. Er hat auch günstig ein Zimmer gefunden.

Und ich gehe wieder in die „Klapse“. Mindestens fünf Wochen Reha, weil die Ängste und die Depression wieder mächtig zurückgekehrt sind.

Jetzt heißt es, Atem holen, fokussieren und wieder auf die Beine kommen. Für mich, für die Familie, für uns.

Aber ich sehe es nicht als Niederlage, keineswegs. Es ist ein weiterer Schritt, letztendlich mit meiner Krankheit, meiner Geschichte gut leben zu lernen.

Dienstag geht es los. Fünf Wochen alleine mit mir. Es gruselt mich und gleichzeitig bin ich froh, es nochmal anzugehen, dieses Mal mit mehr Willen zur Mitarbeit.

Das Ergebnis? Wir werden sehen. Es kann nur besser werden.

Für mehr weniger

Es mag eine Nische sein, aber in zunehmendem Maße beobachte ich, dass die Menschen genug haben von den Werbe- und Wirtschaftslügen von der Wichtigkeit, immer das neueste und beste zu besitzen und vom notwendigen Wachstum.

Samsung bleibt gerade auf seinem Smartphone-Topmodell sitzen (ein Gerät, das für um die 1000 Euro das leistet, was mittlerweile auch Smartphones um die 200 Euro leisten. Oder würden die Konzerne nicht mit der geplanten Obsoleszenz arbeiten, auch das Gerät von vor drei Jahren)

Immer mehr Menschen hinterfragen auch, ob das Rattenrennen im Beruf, das doch noch viele erleben (müssen), wirklich Sinn des Lebens sein kann. Wir müssen endlich umdenken. Wachstum geht nicht endlos und wir vernichten mit unserem Wachstumswahn die Zukunft kommender Generationen.

Wir sollten uns von der Kultur der Spitzenleistung verabschieden, weil sie Menschen kaputt macht und zudem die Spitzenleistung von Heute die Minderleistung von Morgen ist. Manager, die sobald das Unternehmen nicht mehr die Shareholder (in Deutsch: Gieriges Pack) befriedigt, nur die Handlung des Mitarbeiter Entlassens sehen, müssen sich die Frage stellen lassen, ob sie als Manager nicht a priori versagt haben, wenn sie so eng planen, dass ein erster Rückgang der Gewinne gleich zur Entlassungspanik führt. Oh, nicht mehr Geld aus den Taschen der Kunden gezogen als im Vorjahr. Entlassen wir doch gleich mal Mitarbeiter und laden den da Gebliebenen gleich mal noch mehr auf.

Psychische Probleme steigen auch deshalb, weil wir immer engeren Maßstäben für Leistung, für gute Arbeit genügen sollen, die meist so überdreht sind, dass sie letztlich krank machen.

Und nein liebe Manager, psychische Gesundheit ist nicht Privatsache, wenn der Mensch die überwiegende Zeit seines Lebens bei der Arbeit verbringt.

Grundeinkommen, 4 Tage Woche, weniger Konsum, weniger Wachstum (wobei wir eigentlich schrumpfen müssten, aber da drehen ja gleich wieder Gieriges Pack und Wirtschaftsvertreter durch).

Wir fahren sehenden Auges auf den Abgrund zu und die Wirtschaft jubelt, mehr, schneller, immer schön geradeaus.

Es wird Zeit für ein neues „Normal“. Ein Normal, in dem es nicht um Wachstum geht, um mehr, um schneller, um besser.

Ein Normal, geprägt von genug, weniger, sinnvoll, entschleunigt. Sonst wird uns spätestens die Wand des Klimawandels hart und konsequent aufhalten. Wir brauchen die Erde. Die Erde braucht uns nicht.

So manch einer wirft Bewegungen wie „Fridays vor Future“ zu radikale Haltungen vor.

Wenn ich aber sehe, wie die Politik agiert und denkt, fällt mir nur ein Satz ein: „Laschet alle Hoffnung fahren.“

Politiker folgen schon lange nicht mehr dem Bürgerwillen sondern der Lobby und Wirtschaftsinteressen. Entscheidungen zum Wohle aller fallen nur, wenn damit die Wiederwahl gesichert werden kann. Und da sind unbequeme Themen wie der Klimawandel halt nicht gewünscht, nicht wahr, Herr Laschet und Co.

Jetzt reicht es (selbst mir)

Lange, wirklich lange habe ich Social Media verteidigt. Hab darauf hingewiesen, dass Whatsapp und Twitter mir einst das Leben gerettet haben. Hab Trolle und Querdenker als Nische abgetan.

Aber jetzt werde wohl selbst ich für einige Zeit die sozialen Medien nur noch als Kanal zum Senden aber nicht. mehr zum Empfangen nutzen. Weil weder Diskussionskultur,  noch Anstand, noch Rücksicht auch nur leicht durchscheinen. Sei es der Weltraum, die Natur oder die Ernährung. Es wird nur noch radikal, schwarz weiß gedacht. Die wenigen gemässigten, am Diskurs interessierten Nutzer werden immer lauter und aggressiver niedergetrollt.

Das ist alles nicht mehr schön, es ist traurig und vieles, was im Moment diskutiert wird, erinnert mich fatal an Interstellar, wo Wissenschaft und Forschung sich in Bunker zurückziehen und verstecken musste, weil die Öffentlichkeit die Zusammenhänge zwischen Grundlagenforschung, dem Drang zu den Sternen und der Weiterentwicklung als Spezies nicht zu durchschauen in der Lage waren.

Nein, es geht mir im Moment nicht gut mit dem Umgangston. Twitter und Facebook sind für mich broken beyond repair und selbst Instagram wird immer mehr zur Plattform um eigene radikale Ansichten hinauszuposaunen und die eigene Dummheit hinter Schimpftiraden und Trollangriffen zu verstecken.

Sorry Leute, so nicht. Kriegt euch bitte wieder ein, bis dahin:

 

Mic Drop

Die Petition war ein Erfolg

Am vergangenen Freitag wurde im  Bundestag das Gesetz zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung verabschiedet. Dank eines lauten Tweetsturms der Psychotherapeut*innen und verschiedener Verbände und ja, auch dank meiner Petition und der über 212000 Stimmen, die sich gegen die #Rastertherapie ausgesprochen haben, konnte ich die Petition am  Montag als Erfolg schließen. Danke euch allen, die ihr mich unterstützt habt, mir Mut zugesprochen, die Petition geteilt und selbst unterzeichnet habt.

Danke auch der Deutschen Depressionsliga, die mich nach Kräften unterstützt hat. Danke an Nora Tschirner, Kurt Krömer und Torsten Sträter, die meine Petition unterstützt und in ihren Netzwerken geteilt haben. Wir waren laut, wir waren viele und wir werden wachsam bleiben Herr Spahn. Das war nicht das erste Mal, dass sie die Situation für psychisch kranke Menschen verschlechtern wollten und behauptet haben, es würde die Lage verbessern.

Ich bleibe dran, versprochen.

Die Petition gegen #Rasterpsychotherapie und wie es weitergeht

Als ich die Petition vor etwas mehr als einer Woche begonnen habe, hätte ich es nicht für möglich gehalten, jetzt über 182.000 Unterstützer*innen zu haben. Ja, ich habe auch beim Bundestag direkt eine Petition eingereicht, aber die ist noch nicht mal bearbeitet, geschweige denn freigeschaltet worden. Mir war aber klar, wir müssen schnell laut werden, wir brauchen Öffentlichkeit und Reichweite.

Es muss aufhören, dass Gesundheit, sei sie psychisch oder physisch zunächst ökonomisch betrachtet wird, bevor es um den Menschen geht.

Genau das ist aber die Denkweise, die hinter der #rasterpsychotherapie steht. Lass uns möglichst kostengünstig möglichst viele Patient*innen behandeln. Nicht heilen, nicht stabilisieren, behandeln. Wenn dann nach 30 Sitzungen die Ängste, die Depression immer noch da sind, tja, Pech gehabt, kein Geld, keine Zeit mehr da.

 

So geht es nicht Herr Spahn. Ich hoffe, Sie hören sich an, was die Psychotherapeut*innen zu sagen haben, was wir als Betroffene 180.000 fach zu sagen haben.

SO NICHT.

Ich fürchte, auch hier ignorieren Sie diejenigen, in deren Auftrag sie eigentlich arbeiten, die Bürgerinnen und Bürger.  Belehren Sie mich eines Besseren, sprechen Sie mit uns, mit Betroffenen und Angehörigen, mit den Therapeuten, denen Sie offensichtlich die Begabung für die Einschätzung einer sinnvollen Behandlungsdauer absprechen. Wir werden weiter sammeln und warten auf Ihre Antwort. Reden Sie mit uns. Tun Sie es nicht, ist das auch eine Antwort, aber keine gute.

Was ihr jetzt tun könnt? Weiter unterstützen, weitertragen, Öffentlichkeit schaffen. Je mehr wir gehört, je stärker wir als Petition werden, umso weniger ist es möglich, uns Therapeut*innen, Patient*innen und Angehörige zu ignorieren.

Und nochmals. Danke für eure Unterstützung, danke für dieses mehr als deutliche Signal. Wir bleiben dran und werden alles versuchen, was möglich ist um diese gefährliche Idee einer #Rasterpsychotherapie zu stoppen.

Uwe Hauck

Schwäbisch Hall, den 30.05.2021

Hier der Link zur Petition zum weitergeben: https://change.org/rasterpsychotherapie

keine #rasterpsychotherapie Herr Spahn

Zuerst entdeckte ich das Thema über eine Twittersturm unter dem Hashtag #rasterpsychtherapie bei Twitter. Damals teilte ich, ohne mir zunächst über die Tragweite dieser irren Idee klar zu sein. Man wollte sehr kurzfristig folgenden Passus ins Sozialgesetzbuch (§ 92 SGB V) mogeln: „Der Gemeinsame Bundesausschuss prüft bis zum 31. Dezember 2022 unter Berücksichtigung der Versorgung nach Absatz 6b, wie die Versorgung von psychisch kranken Versicherten bedarfsgerecht und schweregradorientiert sichergestellt werden kann“.

Klingt harmlos, würde aber heißen, dass es für bestimmte Krankheitsbilder nur noch ein bestimmtes Kontingent an Therapiestunden gäbe. „Sie haben eine Angststörung? Okay, 20 Stunden, dann sind sie gesund. Eine Depression? Da reichen auf jeden Fall 40 Stunden.“

Klingt deshalb dämlich, weil es das ist. Psychische  Erkrankungen sind wie Erkrankungen generell sehr individuell. Gibt es für eine Krebserkrankung ein festes Behandlungskontingent? Nein, weil es nicht pauschal nach N Chemotherapien einfach vorbei ist.

Gleiches gilt für psychische Erkrankungen. Aber natürlich wird zunächst behauptet, dass die Psychotherapeut*innen selbst an den langen Wartezeiten schuld seien, es gäbe ja genug Therapeuten. Ja, aber zu wenig Kassenzulassungen. Weil es wieder mal nicht um den Patienten sondern ums Geld geht, weil man Menschen in Raster zwingen will und Therapeut*innen ja alle zum Spass zu lange behandeln.

Hätte man mir nicht die Zeit zugesprochen, die ich brauchte, um meine Ängste und die Depression einigermaßen in den Griff zu bekommen, ich bin nicht sicher, ob ich heute noch am Leben wäre.

Als ich erfahren habe, dass der Twittersturm einen Aufschub um etwa eine Woche erwirkt hatte, habe ich natürlich gleich beim Bundestag eine Petition eingereicht. Die dauert aber alleine bis zur Freischaltung im Schnitt 3 Wochen. Zu spät für eine große Öffentlichkeit. Deshalb entstand die zweite Petition bei change.org. Damit wir schnell laut werden können, damit wir schnell viele erreichen und so ein Zeichen setzen.

Herr Spahn, ich bin mal ganz deutlich: Das gefährdet Menschenleben und hilft nur den Krankenkassen beim Geld sparen. Aber vielleicht geht es ja auch genau wieder mal nur darum. Um die Ökonomisierung der Gesundheit auf Kosten der Patient*innen

So nicht Herr Spahn. Über 50000 Menschen haben meine Petition unterzeichnet und sagen NEIN, keine #rasterpsychotherapie.

Und Spoiler Alert. Wir werden auch die 100.000 schaffen.

Die Frage ist: Haben Sie den Mut, sich mir/uns zu stellen und die Unterschriften entgegenzunehmen? Und noch wichtiger, sind sie bereit für ein Gespräch mit Therapeut*innen, Patient*innen und Angehörigen sowie wirklichen Experten, um das gemeinsam zu erarbeiten, was zum Wohle der Patient*innen ist?

Ich bin bereit, wir sind bereit. Sie auch, Herr Spahn?

Bis dahin, streut die Petition, helft, sie bekannt zu machen und in die Medien zu heben.

Danke für die Unterstützung, die mittlerweile mit Kurt Krömer und Nora Tschirner auch sehr prominente Unterzeichner*innen hat. Aber wir müssen noch lauter werden. Und wir werden das schaffen.

 

Die Petition zum unterzeichnen. Streut sie, erzählt euren Freund*innen davon, den Medien, euren Lokalpolitikern.

Keine Rasterpsychotherapie Herr Spahn

 

 

Mein Rucksack ist immer dabei

In den Jahren seit meinem Suizidversuch und dem, was ich danach in den Kliniken gelernt habe, hat sich mein Rucksack meiner Lebensgeschichte nicht gelehrt, aber es sind ein paar nützliche Dinge dazugekommen.

Nur die schwersten Brocken, meine Angst und die Depression sind nach wie vor da. Sicher, eingepackt in dicke Lagen Erkenntnis, mit Skills verschnürt, die es mir leichter machen, damit umzugehen. Aber ich habe sie nach wie vor dabei und gerade während der Pandemie hat die Hülle um meine beiden Dämonen immer wieder Risse bekommen. Sie haben wieder Macht über mich gehabt, mehr, als mir lieb war. Dank viel gelerntem und auch dank meiner für mich funktionierenden Medikation (der geneigte Kritiker möge sich seine homöopathischen Tipps oder Pharma Verschwörungstheorien sparen), kann ich sie schneller einfangen, als früher, aber sie sind nach wie vor da. Und je länger ich sie jetzt mit richtigem Namen und Diagnose mit mir trage, um so besser lerne ich sie und damit mich kennen.

Man mag es mir nicht glauben, aber sie hatten und haben auch ihre guten Seiten. Ich war immer vorsichtig, habe viel, manchmal zu viel nachgedacht. Und mein Ventil der Ablenkung war lernen, war neues kennenlernen, was mir letztlich auch beruflich geholfen hat.

Nur ist da auch der Hang zum Perfektionismus und viel Misstrauen. Es muss immer alles perfekt sein, der richtige Tag, die richtige Stimmung,  Anschaffungen werden teilweise wochenlang recherchiert nur um dann binnen weniger Tage wieder etwas vermeintlich „besseres“ gefunden zu haben.

Auch das habe ich mittlerweile erkannt und kann es gut eindämmen. Aber da ist diese negative Seite nach wie vor.

Und dennoch: Autor und Aktivist für Mental Health wurde ich letztlich gerade wegen meiner beiden Dämonen, denn Schreiben und die Auftritte, die Lesungen waren und sind Teil meiner Heilung.

Ich schäme mich längst nicht mehr für meine Ängste oder die Depression. Sie sind Teil von mir, wer mit mir zu tun haben will, muss sich auch mit den beiden arrangieren, wird dann aber feststellen, dass es sich durchaus lohnt.

Wir sind nicht schwach, wir sind stark, denn wir kämpfen jeden Tag neu. Und jeden Tag, wenn ich meinen mentalen Rucksack packe, wollen Angst und Depression unverpackt da rein. Meist kann ich das verhindern, aber manche Tage fallen sie wieder her über mich und ich brauche Hilfe, um aus dem Tal zu kommen. Aber jetzt akzeptiere ich Hilfe, weil ich weiß, nur so kann es langfristig funktionieren.