Mein Rucksack ist immer dabei

In den Jahren seit meinem Suizidversuch und dem, was ich danach in den Kliniken gelernt habe, hat sich mein Rucksack meiner Lebensgeschichte nicht gelehrt, aber es sind ein paar nützliche Dinge dazugekommen.

Nur die schwersten Brocken, meine Angst und die Depression sind nach wie vor da. Sicher, eingepackt in dicke Lagen Erkenntnis, mit Skills verschnürt, die es mir leichter machen, damit umzugehen. Aber ich habe sie nach wie vor dabei und gerade während der Pandemie hat die Hülle um meine beiden Dämonen immer wieder Risse bekommen. Sie haben wieder Macht über mich gehabt, mehr, als mir lieb war. Dank viel gelerntem und auch dank meiner für mich funktionierenden Medikation (der geneigte Kritiker möge sich seine homöopathischen Tipps oder Pharma Verschwörungstheorien sparen), kann ich sie schneller einfangen, als früher, aber sie sind nach wie vor da. Und je länger ich sie jetzt mit richtigem Namen und Diagnose mit mir trage, um so besser lerne ich sie und damit mich kennen.

Man mag es mir nicht glauben, aber sie hatten und haben auch ihre guten Seiten. Ich war immer vorsichtig, habe viel, manchmal zu viel nachgedacht. Und mein Ventil der Ablenkung war lernen, war neues kennenlernen, was mir letztlich auch beruflich geholfen hat.

Nur ist da auch der Hang zum Perfektionismus und viel Misstrauen. Es muss immer alles perfekt sein, der richtige Tag, die richtige Stimmung,  Anschaffungen werden teilweise wochenlang recherchiert nur um dann binnen weniger Tage wieder etwas vermeintlich „besseres“ gefunden zu haben.

Auch das habe ich mittlerweile erkannt und kann es gut eindämmen. Aber da ist diese negative Seite nach wie vor.

Und dennoch: Autor und Aktivist für Mental Health wurde ich letztlich gerade wegen meiner beiden Dämonen, denn Schreiben und die Auftritte, die Lesungen waren und sind Teil meiner Heilung.

Ich schäme mich längst nicht mehr für meine Ängste oder die Depression. Sie sind Teil von mir, wer mit mir zu tun haben will, muss sich auch mit den beiden arrangieren, wird dann aber feststellen, dass es sich durchaus lohnt.

Wir sind nicht schwach, wir sind stark, denn wir kämpfen jeden Tag neu. Und jeden Tag, wenn ich meinen mentalen Rucksack packe, wollen Angst und Depression unverpackt da rein. Meist kann ich das verhindern, aber manche Tage fallen sie wieder her über mich und ich brauche Hilfe, um aus dem Tal zu kommen. Aber jetzt akzeptiere ich Hilfe, weil ich weiß, nur so kann es langfristig funktionieren.

 

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