Wieso bringen sich so viele Depressive um?

Das ist ein Beitrag zur Blogparade des Totenhemd Blog. Wie ich finde ein sehr guter Blog, der mal offen und ehrlich mit dem Thema Tod umgeht:

Nicht ganz einfach zu beantworten, da man dazu vermitteln können müsste, wie dunkel, wie hoffnungslos die pure Existenz für einen depressiven Menschen sein kann. Es fühlt sich nicht an wie der Winterblues oder die Trauer, wenn man einen geliebten Menschen verliert. Es ist tiefer, dunkler, beängstigender.

Und es ist oft der einzige Ausweg, den man als Depressiver noch sieht, der letzte Punkt, an dem man selbst noch Kontrolle hat. Kontrolle über sein Leben, die man den Rest der Zeit längst an die Depression abgegeben hat.

Depressive Menschen wollen nicht tot sein. Sie wollen nur das Leben nicht mehr, das ihnen in dem Moment so viele Schmerzen bereitet. Und sie sehen in ebendiesem Moment keinen anderen Weg mehr. Der Schmerz ist so groß geworden, dass er alles überlagert.

Ein depressiver Mensch will mit seinem Tod niemandem weh tun, im Gegenteil, in den allermeisten Fällen denkt er, dass alle um ihn herum ohne seine Existenz besser dran wären. Selbst wenn er eigene Kinder hat, eine Partnerin. Auch sie sind nach seinem Empfinden ohne ihn besser dran. Auch die, deren Versuch scheitert, wollten sich töten. Dieser dumme Spruch, das war doch nur ein Hilferuf entwertet die schwere ihrer Krankheit. Nein, es war kein Hilferuf, es war ein klares Zeichen, dass man nicht mehr kann, nicht mehr will, einfach nicht mehr die Kraft hat, weiter gegen den Dämon Depression zu kämpfen.

Es ist, trotz aller Verzweiflung ein durchaus schönes Gefühl, am nächsten Tag lebend aufzuwachen. Aber nur kurz. Dann bereut man, dass man es nicht geschafft hat. Weil der Dämon schon vor der Tür wartet.

Seid vorsichtiger

Der folgende Text ist ungefähr das, was ich beim Barcamp in Stuttgart erklärt habe, als meine Zuhörer wissen wollten, wieso zum Teufel ich das gemacht habe:

Ich habe mich lange gefragt, wie es so weit kommen konnte, wieso ich mir das Leben nehmen wollte. Aus meinem Blick war es der Wunsch, dieses in dem Moment der Tat nicht mehr lebenswerte Leben zu beenden und meinen geliebten Menschen um mich herum die Scham, die Last, den Schmerz zu ersparen. Ja, in diesem Moment glaubte ich wirklich, nein ich wusste, es wäre besser ohne mich.

Aber auch wenn manche sagen werden, tu es nicht. Doch, es muss auch ausgesprochen werden, damit es in Zukunft nie wieder passiert. Es gab auch andere, die mit dazu beigetragen haben, dass ich den Schritt gemacht habe. Menschen, die nicht verstanden oder verstehen wollten, was es heißt, eine schwere Depression zu haben. Menschen, die mich mit Regeln drangsalieren wollten, die für mich in diesem Moment das Schlimmste waren, was man mir auferlegen konnte. Menschen, die obwohl frei jeder Ahnung von den Dingen, die mich begeistern mir irgendwelche Süchte anhängen wollten, die mir Handlungsweisen auferlegen wollten, die an sich schon so weltfremd waren, dass mir in meiner tiefen Depression klar war, ich kann das nicht, also werde ich bestraft werden.
Daraus erwuchs eine Verzweiflung, eine Hoffnungslosigkeit die ich in meinem ganzen Leben nicht erlebt habe und auch nie wieder erleben möchte.
Dass ich da wieder lebend rauskam ist eigentlich einer unglaublich großen Menge an glücklichen Umständen zu verdanken.
Und dass diese meine Geschichte jetzt zu einem Roman wird, der von einem großen deutschen Verlag veröffentlicht wird, ist für mich persönlich auch ein wenig Genugtuung.
Was aber das wichtigste ist, was ich sagen will: Seid vorsichtig, wenn ihr Menschen vorschreibt, was sie zu tun haben. Insbesondere wenn diese psychisch momentan nicht wirklich belastbar sind. Die brauchen nicht Struktur, die brauchen Verständnis.
Und für dieses Verständnis bin ich vor allem meinen Kindern und meiner Frau unendlich dankbar.

Ich kämpfe heute noch mit den Nachwirkungen und habe gelegentliche Flashbacks, die wieder die Panik von damals auftauchen lassen. Es tut immer noch weh. Und ich fürchte, ich werde es nie mehr ganz los werden.

Also bitte: Seid vorsichtiger im Umgang miteinander.

Vom über den eigenen Schatten springen

Drei kurze Geschichten, die in der Reha für eine Gruppenaktion entstanden sind. Viel Spaß damit:

Der Mann und sein Schatten

Der Mann spürte die Blicke in seinem Rücken. Wenn er arbeitete, wenn er schlief, wenn er liebte und traurig war. Immer spürte er die Blicke. Sie fragten, sie durchbohrten und sie behinderten ihn.
Aber so sehr er sich anstrengte noch besser zu werden, die Blicke waren immer da. Sie verfolgten ihn wie sein Schatten. Und wie sein Schatten verfinsterten Sie seine Welt. Er besuchte Ärzte und Psychologen, Heiler und Scharlatane, niemand konnte den Schatten auf seiner Welt beseitigen.
Als der Mann schon aufgeben wollte, traf er einen kleinen Jungen, der fröhlich auf dem Dorfplatz spielte.
Der Junge hüpfte wild hin und her, schien etwas zu verfolgen und verfolgt zu werden. Aber der Junge freute sich, juchzte und lachte.

„Was machst du da?“, fragte der Mann.
„Ich spiele fangen.“ erklärte der Junge.
„Aber es ist doch niemand da, den du fangen könntest.“
„Aber natürlich ist da jemand, mein Schatten.“
Der Mann lachte auf: „Den wirst du doch nie erreichen können. Niemand kann seinen Schatten fangen..“
„Das sagt ihr Erwachsenen immer, weil ihr keine Fantasie und keinen Mut mehr habt. Stell dich dort drüben hin und schau genau, was ich mache.“
Damit machte der Junge einen großen Satz und plötzlich, für den Bruchteil einer Sekunde schien er tatsächlich über seinen Schatten zu springen.
„Siehst du. Es kommt immer nur darauf an, wie du es betrachtest. Ihr Erwachsenen seid so voller Misstrauen, Furcht und Kritik. Versuch du es doch auch mal, ohne nachzudenken, ohne deine Sorgen in den Sprung zu legen.“
Der Mann lachte, tat es dem Jungen gleich und so hüpften sie immer wieder, fingen ihre Schatten, jagten nach Ihnen und sprangen über sie.

Und an diesem Abend, alleine Zuhause in seinem Zimmer spürte der Mann die Blicke nicht mehr. Sein Schatten war weg, er spürte Mut und Zuversicht und er hörte das fröhliche zuversichtliche Lachen des Jungen immer noch.

Der Mann war über seinen Schatten gesprungen.

 

 

Anleitung, um über seinen Schatten zu springen.

Eine Prise Mut, damit fängt alles an. Füge Zuversicht und Hoffnung hinzu. Rühre das ganze gut um und gib dann die Zukunft hinein. Aber bitte wähle die zuckrige, die süße Zukunft, denn nur die ist was du erreichen willst. Das ganze fülle in dein Herz, und zwar nicht nur halbherzig, sondern bis dein Herz überlauft.
Nun stelle dir vor, wohin du springen willst, der Schatten alleine ist kein Ziel sondern nur eine Hürde, das Ziel liegt dahinter. Denk dir ein schönes Ziel aus, es muss nicht direkt hinter dem Schatten liegen, aber es muss schön sein, herzerwärmend schön, augentränend schön. Und sag nicht, du hast kein solches Ziel. Wäre da kein Ziel für dich, wäre da auch kein Schatten.
Jetzt nimm Anlauf. Möglichst viel, fülle den Anlauf mit Kraft und Zuversicht und planiere ihn mit Optimismus. Dann laufe los. Hör nicht auf die Nörgler und Kritiker, auf die Schwarzmaler und Pessimisten. Sie wissen, dass du es schaffen kannst und sind nur neidisch auf deinen Erfolg.
Dann springe, wenn du vor deinem Schatten stehst. Mach dir keine Gedanken über Höhe oder Weite. Allein dein Springen, gepaart mit deinem zuckersüß gefüllten Herz wird dich weit über den Schatten tragen. Und wenn du scheiterst, fragst du mich?
Du wirst nicht scheitern, sage ich dir. Denn das ist das interessante an Schatten, sie existieren nicht wirklich, aber sie wirken auf uns wie eine unüberwindliche Wand. Wenn du aber erst mal gesprungen bist, dann fällt diese Wand in sich zusammen und du wirst den Weg dahinter erreichen, der dich zu deinem Ziel führen wird.
So geht das Rezept für das Überspringen von Schatten
Vertrau mir, ich habe es bereits erprobt.
Denn auch was du hier liest ist ein Schatten, den ich übersprungen habe.

 

 

 
Die Frau, die über ihren Schatten sprang.

Es war früh am Morgen und die Frau wollte nicht aufstehen. Aber sie musste, man erwartete viel von ihr, so viel, was zu tun war. Niedergeschlagen und traurig machte sich die Frau auf den Weg zu ihren Aufgaben, die sich vor ihr auftürmten.Gerade als sie die Tür zu ihrem Büro öffnen wollte, trat ein alter Mann aus dem Schatten neben ihr.
„Du kannst es.“ sagte er, ohne sich vorzustellen.
„Was kann ich?“ Fragte die Frau verärgert, „sprich nicht in Rätseln.“
„Du kannst über deinen Schatten springen.“ der Mann deutete auf den Schatten am Boden. „Versuch es.“
„Verrückter alter Mann.“ die Frau winkte ab. „Du weißt, dass es unmöglich ist.“
Der Mann nickte: „Dann beweise es mir, spring über deinen Schatten oder tue es nicht, aber beweiße mir, dass du es nicht kannst.“
Die Frau lachte, nahm Anlauf, sprang und überquerte ihren Schatten..
„Das ist ein Trick! Das kann nicht sein.“ sagte die Frau.
„Ob Trick oder nicht, du bist darüber gesprungen, weil du nicht darüber nachgedacht, sondern es einfach getan hast.“
„Das lasse ich nicht gelten.“ sagte die Frau.
„Siehst du, so sprichst du immer. Bei jedem Schatten, den du überwinden willst, sagst du schon zuvor, das schaffe ich nie, das lasse ich nicht gelten, ich kann das nicht. Wer aber kann dir das beweisen, bevor du es versucht hast?“ Die Frau dachte nach. Sie dachte lange nach. So lange, dass sie nicht bemerkte, wie der Mann wieder im Schatten verschwand. Und mit ihm auch der Schatten der Frau. Denn es war ein bewölkter Tag und nichts warf wirkliche Schatten.
Als sie sich gerade abwenden wollte, entdeckte sie eine kleine Karte, fast eine Visitenkarte auf dem Boden liegen. Sie hob die Karte auf und las darauf nur drei Worte:

Herr Zuversicht
Schattenüberspringer

Brief an meine Kinder

Ich weiß, dieses Jahr war nicht leicht für euch. Zu verstehen, warum ich tat, was ich getan habe kann niemand von euch verlangen.

Aber dass ihr mir verziehen habt, dass ihr mich immer noch liebt, das verleiht mir eine Stärke und einen Willen zu kämpfen, den ich nicht für möglich gehalten habe.

Was ich tun wollte, hatte nichts mit euch zu tun, es waren andere Menschen, die Grund dafür waren. Ihr wart und seid für mich das wertvollste in meinem Leben. Euer Lachen, eure Tränen, eure Hoffnungen, eure Wünsche. All das hätte ich beinahe zerstört und kann es mir selbst immer noch nicht verzeihen.

Was auch immer geschehen mag, wohin euch euer weiterer Lebensweg tragen wird, ich weiß jetzt, dass ich euch weiterhin begleiten will, dass es hinterhältig war, mich einfach davonstehlen zu wollen. Wenn ihr mich braucht, ich werde da sein. Und wenn ihr mich nicht braucht, ja, versprochen, dann lass ich euch in Ruhe.

Ich liebe euch zutiefst. Und was auch immer euch erwarten mag. Seid euch selbst bewusst, dass ihr alle wertvolle, wichtige, gute Menschen seid. Lasst euch von niemandem jemals einreden, ihr wäret nichts wert oder falsch, so wie ihr seid. Das ist eine Lüge. Die Wahrheit ist. So wie ihr seid, seid ihr perfekt.

Ich bin jetzt dabei, den letzten Schritt zu machen, damit ich wieder gesund zu euch zurückkehren kann. Und ich werde für euch da sein, denn was mir eindringlich beigebracht wurde, es gibt nichts, das wichtiger ist, als die Familie. Und ihr seid zusammen mit eurer Mutter meine Familie und damit das wertvollste, das ich auf dieser Erde habe.

Danke, dass es euch gibt, danke, dass ihr mir verziehen habt, danke für eure Liebe

Euer Papa

Die letzte Etappe meiner Reise zurück ins Leben hat begonnen

Seit dem 3. November bin ich in einer psychosomatischen Reha Klinik. Das ganze wird bis zum 8. Dezember dauern. Danach werde ich, so alles gut geht nach dem Hamburger Modell wiedereingegliedert.

Was für ein Jahr, was für eine persönliche Reise. Beinahe mit dem Leben abgeschlossen und jetzt völlig neue Chancen, völlige neue Geschichten.

Ich hoffe, die 5 Wochen werden mich so weit stärken, dass der Einstieg problemlos klappt.

Wer bis zu meiner Entlassung auf dem Laufenden bleiben will, kann mir auf Twitter unter dem Hashtag #ausderklapse folgen. Dort dokumentiere ich Anekdoten, Erlebnisse und Erfahrungen aus meiner Zeit in der Klapsen Reha.

Und danke all jenen, die mich bis hierhin und weiterhin begleiten. Ihr habt mir damit sehr viel gegeben und sehr geholfen. Ihr habt mir Mut gemacht und mir auf einen völlig neuen und sehr positiven Weg geholfen, denn ich mir jetzt nur noch erhalten muss.

Danke euch allen, ihr habt mir bewiesen, dass das Netz, gerade das Soziale doch zu mehr fähig ist als trollen und Quatsch machen. In verdammt dunklen Zeiten haben euere Tweets, eure Nachrichten mir ein wenig Licht gespendet.

Ich stehe in eurer Schuld. Wirklich.

Bitte verzeiht uns

Warnung: Ich werde über meinen Suizidversuch schreiben, wer also im Moment selbst labil ist oder solche Themen nicht lesen will, möge jetzt bitte stoppen. Ich kann es gut verstehen.

Ja, ich habe es versucht. Und ich bin nicht stolz darauf. Genau genommen kann ich es heute nur noch sehr schwer verstehen, wie ich mich damals so in die Enge treiben lassen konnte, mir das Leben nehmen zu wollen.
Es waren Vorwürfe, falsche Anschuldigungen, Unverständnis für meinen Lebensstil.

Alles das sei denen, die mich dahin getrieben haben verziehen. Schuldzuweisungen bringen nichts, auch wenn ich sie hautnah erleben musste.

Aber ich möchte versuchen, euch, die ihr mit einem Suizid oder einem Versuch umgehen müsst, zu beschreiben, wieso es passiert. Und vor allem, dass ihr nicht schuld seid, im Gegenteil.

Einen Suizidversuch begeht niemand leichtfertig. Das Leben muss bereits eine bittere, hoffnungslose Wendung genommen haben. Depressionen können ein Grund sein. Finanzielle Schwierigkeiten. Egal, es ist irgendetwas geschehen, das den Menschen keine Zukunft für sich mehr sehen lässt. Und oft entsteht aus dieser Hoffnungslosigkeit auch die Annahme, zu verschwinden sei besser für alle. Ja, es mag absurd klingen. Aber im Moment der Entscheidung für einen Suizid steckt oft auch der Wunsch, nicht nur die eigenen Schmerzen zu beenden sondern der Glaube, es wäre für die, die man liebt besser, man wäre nicht mehr da. Klingt absurd? Ist es auch, aber nicht im Moment größter Bedrängnis. Dann braucht es nur ein paar unbedachte Worte, ein paar Zeichen des Unverständnisses oder stille Drohungen.

Wer Suizid begehen will, will oft nicht sterben, sondern das Leben nicht mehr führen, wie er es in dem Moment tut. Aber es geht dem Menschen dann wie der Beute, die von Jägern gehetzt wird und vor einer Schlucht gestellt. Springen oder Angreifen. Und meist hat man dann schon zu oft angegriffen, ist einfach nur noch müde.

Ich weiß, dass Verzeihen sehr schwer ist. Dass meine Frau und meine Kinder das für mich getan haben kann ich ihnen gar nicht hoch genug anrechnen. Ich weiß auch, dass es einige gibt, die mir nicht verzeihen werden, die mich verurteilen oder mit scheinbar guten aber meist dummen Ratschlägen überhäufen werden. Die können mir offensichtlich nicht verzeihen. Aber ich Ihnen. Denn diese Menschen haben auch gejagt, als Hilfe nötig war.

Wichtig: Ihr seid NICHT schuld. Ihr konntet das auch nicht verhindern, dazu ist die Situation eines suizidalen Menschen zu komplex. Aber wenn es schief geht, bitte verzeiht, bitte seid da. Denn damit könnt ihr ein Leben retten, eine Wiederholung verhindern, die vielleicht dann funktionieren würde. Und ihr, die ihr verurteilt, seid euch bewußt, ihr könntet mit schuld am nächsten Versuch sein.