Brief an meine Kinder

Ich weiß, dieses Jahr war nicht leicht für euch. Zu verstehen, warum ich tat, was ich getan habe kann niemand von euch verlangen.

Aber dass ihr mir verziehen habt, dass ihr mich immer noch liebt, das verleiht mir eine Stärke und einen Willen zu kämpfen, den ich nicht für möglich gehalten habe.

Was ich tun wollte, hatte nichts mit euch zu tun, es waren andere Menschen, die Grund dafür waren. Ihr wart und seid für mich das wertvollste in meinem Leben. Euer Lachen, eure Tränen, eure Hoffnungen, eure Wünsche. All das hätte ich beinahe zerstört und kann es mir selbst immer noch nicht verzeihen.

Was auch immer geschehen mag, wohin euch euer weiterer Lebensweg tragen wird, ich weiß jetzt, dass ich euch weiterhin begleiten will, dass es hinterhältig war, mich einfach davonstehlen zu wollen. Wenn ihr mich braucht, ich werde da sein. Und wenn ihr mich nicht braucht, ja, versprochen, dann lass ich euch in Ruhe.

Ich liebe euch zutiefst. Und was auch immer euch erwarten mag. Seid euch selbst bewusst, dass ihr alle wertvolle, wichtige, gute Menschen seid. Lasst euch von niemandem jemals einreden, ihr wäret nichts wert oder falsch, so wie ihr seid. Das ist eine Lüge. Die Wahrheit ist. So wie ihr seid, seid ihr perfekt.

Ich bin jetzt dabei, den letzten Schritt zu machen, damit ich wieder gesund zu euch zurückkehren kann. Und ich werde für euch da sein, denn was mir eindringlich beigebracht wurde, es gibt nichts, das wichtiger ist, als die Familie. Und ihr seid zusammen mit eurer Mutter meine Familie und damit das wertvollste, das ich auf dieser Erde habe.

Danke, dass es euch gibt, danke, dass ihr mir verziehen habt, danke für eure Liebe

Euer Papa

Die letzte Etappe meiner Reise zurück ins Leben hat begonnen

Seit dem 3. November bin ich in einer psychosomatischen Reha Klinik. Das ganze wird bis zum 8. Dezember dauern. Danach werde ich, so alles gut geht nach dem Hamburger Modell wiedereingegliedert.

Was für ein Jahr, was für eine persönliche Reise. Beinahe mit dem Leben abgeschlossen und jetzt völlig neue Chancen, völlige neue Geschichten.

Ich hoffe, die 5 Wochen werden mich so weit stärken, dass der Einstieg problemlos klappt.

Wer bis zu meiner Entlassung auf dem Laufenden bleiben will, kann mir auf Twitter unter dem Hashtag #ausderklapse folgen. Dort dokumentiere ich Anekdoten, Erlebnisse und Erfahrungen aus meiner Zeit in der Klapsen Reha.

Und danke all jenen, die mich bis hierhin und weiterhin begleiten. Ihr habt mir damit sehr viel gegeben und sehr geholfen. Ihr habt mir Mut gemacht und mir auf einen völlig neuen und sehr positiven Weg geholfen, denn ich mir jetzt nur noch erhalten muss.

Danke euch allen, ihr habt mir bewiesen, dass das Netz, gerade das Soziale doch zu mehr fähig ist als trollen und Quatsch machen. In verdammt dunklen Zeiten haben euere Tweets, eure Nachrichten mir ein wenig Licht gespendet.

Ich stehe in eurer Schuld. Wirklich.

Bitte verzeiht uns

Warnung: Ich werde über meinen Suizidversuch schreiben, wer also im Moment selbst labil ist oder solche Themen nicht lesen will, möge jetzt bitte stoppen. Ich kann es gut verstehen.

Ja, ich habe es versucht. Und ich bin nicht stolz darauf. Genau genommen kann ich es heute nur noch sehr schwer verstehen, wie ich mich damals so in die Enge treiben lassen konnte, mir das Leben nehmen zu wollen.
Es waren Vorwürfe, falsche Anschuldigungen, Unverständnis für meinen Lebensstil.

Alles das sei denen, die mich dahin getrieben haben verziehen. Schuldzuweisungen bringen nichts, auch wenn ich sie hautnah erleben musste.

Aber ich möchte versuchen, euch, die ihr mit einem Suizid oder einem Versuch umgehen müsst, zu beschreiben, wieso es passiert. Und vor allem, dass ihr nicht schuld seid, im Gegenteil.

Einen Suizidversuch begeht niemand leichtfertig. Das Leben muss bereits eine bittere, hoffnungslose Wendung genommen haben. Depressionen können ein Grund sein. Finanzielle Schwierigkeiten. Egal, es ist irgendetwas geschehen, das den Menschen keine Zukunft für sich mehr sehen lässt. Und oft entsteht aus dieser Hoffnungslosigkeit auch die Annahme, zu verschwinden sei besser für alle. Ja, es mag absurd klingen. Aber im Moment der Entscheidung für einen Suizid steckt oft auch der Wunsch, nicht nur die eigenen Schmerzen zu beenden sondern der Glaube, es wäre für die, die man liebt besser, man wäre nicht mehr da. Klingt absurd? Ist es auch, aber nicht im Moment größter Bedrängnis. Dann braucht es nur ein paar unbedachte Worte, ein paar Zeichen des Unverständnisses oder stille Drohungen.

Wer Suizid begehen will, will oft nicht sterben, sondern das Leben nicht mehr führen, wie er es in dem Moment tut. Aber es geht dem Menschen dann wie der Beute, die von Jägern gehetzt wird und vor einer Schlucht gestellt. Springen oder Angreifen. Und meist hat man dann schon zu oft angegriffen, ist einfach nur noch müde.

Ich weiß, dass Verzeihen sehr schwer ist. Dass meine Frau und meine Kinder das für mich getan haben kann ich ihnen gar nicht hoch genug anrechnen. Ich weiß auch, dass es einige gibt, die mir nicht verzeihen werden, die mich verurteilen oder mit scheinbar guten aber meist dummen Ratschlägen überhäufen werden. Die können mir offensichtlich nicht verzeihen. Aber ich Ihnen. Denn diese Menschen haben auch gejagt, als Hilfe nötig war.

Wichtig: Ihr seid NICHT schuld. Ihr konntet das auch nicht verhindern, dazu ist die Situation eines suizidalen Menschen zu komplex. Aber wenn es schief geht, bitte verzeiht, bitte seid da. Denn damit könnt ihr ein Leben retten, eine Wiederholung verhindern, die vielleicht dann funktionieren würde. Und ihr, die ihr verurteilt, seid euch bewußt, ihr könntet mit schuld am nächsten Versuch sein.

Vergesst Einer flog übers Kuckucksnest

 

Wie viele denken auch heute noch wenn man über Psychiatrie und psychiatrische Krankenhäuser spricht an einer flog übers Kuckucksnest. Sie denken an Zwang, an Elektroschocks, an Zwangsjacken und brutale Pfleger.

station

Vergesst das alles schnell wieder.
Ja, es gibt noch die Elektrokramptherapie. Aber die ist heute sehr, sehr, sehr viel humaner, als man sie in Filmen sieht. Und wird nur bei sehr schweren psychischen Erkankungen angewendet wenn gar nichts mehr hilft UND der Patient eingewilligt hat.
Ja, es gibt noch eine geschlossene Station, bei der die Patienten aber auch kurz raus dürfen und auf der man eigentlich nur bleibt, bis man so stabil ist, dass man auf eine offene kann. Und innerhalb der Station darf man sich frei bewegen und fühlt sich nicht wirklich eingesperrt. Überwacht, ja. Aber das aus gutem Grund.
Und nein, es gibt sie nicht mehr, die brutalen Pflegerinnen und Pfleger und die Zwangsjacken für alle.
Psychiatrie heute hat viel mit Gesprächen, mit Ruhe, mit Zeit sich zu finden zu tun.
Und man braucht diese Zeit.
klapse
Ich war in Weinsberg, einer Klinik, die völlig zu unrecht immer noch einen schlechten Ruf hat.
Mein Erleben war Hilfsbereitschaft, Verständnis, freundliches und sehr sympathisches Personal. Und auch die Tagesklinik machte den gleichen Eindruck. Sicher, überall gibt es auch negative Beispiele. Aber das ist nicht die Normalität. Normal ist, dass einem geholfen wird. Ich war untergebracht in einem Gebäude, das mehr an eine Jugendherberge erinnerte, als an eine Klinik. Und nein, wir hatten keine Stockbettzimmer sondern waren zu zweit oder maximal zu dritt untergebracht.
Wir haben tolle Gespräche geführt unter uns Patienten, hatten auch viel zu lachen aber auch gemeinsam zu weinen.
Wer an schweren Depressionen leidet, dem kann ich nur raten: Lasst euch helfen. Ihr werdet sicher nicht als gänzlich geheilt entlassen. Aber ihr habt Hilfsmittel, Tricks, neue Freunde, Verständnis erlebt. Das hilft ungemein.

 

Wenn wir uns über etwas Sorgen machen sollten, dann über die neuen Pläne zur Krankenhausfinanzierung. Die helfen nicht den Patienten sondern den BWLern mit ihren tödlichen Excel Sheets.
Psychiatrische Hilfe braucht Zeit, Personal, Zeit, Zeit, Zeit und Zeit. Es ist kein Knochenbruch, den man schient. Es ist eine gebrochene Seele mit einer sehr langen Heilungsdauer.

Beeilt euch (nicht)

Ich bin die Zeit, und hätte eine Frage an euch, so ihr denn Zeit für mich habt.
Warum eilt ihr so, warum ist euer Leben dem eines ICE nicht unähnlich?
Ihr habt viele Maschinen, die für euch arbeiten, dennoch versucht ihr noch mehr von mir aus eurem Tag zu pressen.
Wisst ihr denn nicht, dass ihr euch mir beraubt, wenn ihr in Eile von Termin zu Termin hastet?
Ich bin für euch da, wenn ihr mich haben wollt. Aber wenn ihr mich stehlt, dann werde ich immer kleiner. Und mit mir werdet ihr älter, merkt, dass ihr das beste von mir verschwendet habt.
Ihr könnt mich messen, aber nicht anhalten oder gar zurückdrehen. Denn ich vergehe nur einmal. Dann bin ich um und ihr steht am Ende eures Anteils von mir. Ich habe euch genug von mir gegeben.
Ich hoffe, ihr könnt dann sagen, ihr habt mich gut genutzt.
Ich bin die Zeit.

Ausgrabungen

Das erste Mal
der erste Kuss

erlebt, nicht erlebt, unerlebt
alleine sein, hilflos, trostlos, wertlos.

Der erste Mensch
Der erste Mensch, der dich liebt
Der erste Mensch, der dich verletzt
Der letzte Mensch, der dich liebt
Der letzte Mensch, der dich verletzt
Der letzte Mensch

Das Letzte
Angst, Trauer, Wut
Ein Wirbelsturm,
Gefühle, nicht mehr fassbar, Fluten, Überfluten
Das Fenster zur Strasse.
Regennass im Licht der Laterne
das Geräusch des Autos
vertraut, warten, bereit sein, hoffen, sehnen

Enttäuschung

das Geräusch des Autos
das Vorbeifahren des Autos
das Geräusch des Vorbeifahrens
Einsamkeit, Nacht, Dunkelheit
Flut, der Gefühle, überflutende Gefühle

Schutz, Aussperren, die Ruhe des nichts
Verschließen, Verschlossen, Schluss

Nie wieder, nie mehr, niemand
Am Ende der Anfang, Am Ende der Schmerz
der Schmerz des Endes
Immer wieder, immer mehr, Immer wieder
immer meer, wieder meer

das Meer, die Klippe der Fall
der letzte Fall, tief, traurig, tieftraurig
der Aufschlag, das Ende, das Auffangen, der Anfang
Neubeginn, Kreislauf, erlebt, zerlebt, gelebt
Das erste Mal

Unglaublich

Noch zu Anfang des Jahres hätte ich fast das Ende nicht mehr erlebt. Dann eine lange Reise durch die Psychiatrie und nun eine Wende um 180 Grad.

Vor einer Stunde ging die erste Fassung meines Romans über meine Geschichte an meine Lektorin. Ja, Lektorin, nicht ein, nein drei Verlage haben Interesse an meinem Roman gezeigt. Und nächste Woche geht es nach Köln, wo ich Verlag und Lektorin persönlich kennen lernen werde.

Es ist eigentlich völlig unfassbar. Nicht nur interessiert sich jemand für meine sicher nicht sehr leicht verkraftbare Geschichte, nein, man will es tatsächlich verlegen.

Egal was jetzt noch folgen mag, schon diese Sache bedeutet mir sehr, sehr viel, weil ich für mich selbst erkannt habe, dass über meine Krankheit, die Depression zu schweigen, das ganze immer schlimmer gemacht hat. Jetzt mache ich den Mund auf, nicht nur, damit ich in Sicherheit bin, sondern vor allem, damit viele andere endlich die Angst überwinden, und sich helfen lassen.

Auch wenn ich es immer noch nicht glauben kann, es scheint sich nach einem katastrophalen Anfang doch noch alles zum Guten zu wenden.
Ach und ja, ich bin nervös, sehr nervös, entsetzlich nervös, was meine Lektorin zum ersten Entwurf sagen wird.

Ergänzung: Und das ganze, vom Schreiben der Geschichte bis zum durchleben des ganzen Prozesses ist für mich auch Teil meiner Therapie. Denn was ich endlich auch können will: Erfolge akzeptieren und meine Angst vor Kritik reduzieren. Zwei Elemente, die mich in Zukunft vor schweren Rückfällen schützen können.