Ein Tag. Ohne Garantie. Aber länger

8:30 der Wecker klingelt. Zum 5. Mal. Er glaubt immer noch, er könne mich mit seiner Geräuschkulisse beeindrucken, was ich durch einen gezielten Wurf desselbigen in Richtung Wand konterkariere.

Kadöngel. Einschlag, wieder eine Kerbe mehr in der gegenüberliegenden Schlafzimmerwand.

Kurze Zeit später ein weiterer Aufschlag. Etwas dumpfer. Gleiche Wand. Mein Wohnungsnachbar bedankt sich bei mir und seinem Wecker für das vorzeitige Erwachen.

Aufstehen, aber langsam. Das öffnen des Rolladens deckt auf, dass es draußen nicht nur Tag, sondern schon geradezu obszön sonnig ist.

Nicht ganz meine Stimmung aber gut. Man kann nicht alles haben, und sich mit dem Wetter anzulegen gehört eher zu den wenig erfolgreichen Aktivitäten. Das mussten selbst ein paar Wetterfrösche mit deren Prognosen bereits erfahren.

Ich weiß nicht mehr ganz genau, was ich gestern getrieben habe, aber der Geschmack im Mund lässt mich vermuten, es muss etwas mit Torf, Haaren und irgendwelchen mehr oder minder brennenden Flüssigkeiten zu tun gehabt haben. Scheinbar fand Rüdigers Party entweder in einem Gartencenter oder in einem Tierheim statt.

Bad, ich sollte ins Bad. Zumindest mein Mundbiotop sollte wieder in einem eher normalen Aggregatzustand überführt werden.

Als ich die Zahnpasta auf die Zahnbürste pressen will, stelle ich fest, Handcreme. Hmm. Nicht ganz, was ich mir jetzt auf meine Zähne platzieren möchte. Ich suche nach der Zahnpastatube, finde sie schliesslich auch. Im Mülleimer. Leer. Nicht dieses Leer, mit dem man sich noch einen halben Monat die Zähne putzen kann weil die Spackos aus der Produktentwicklung die Tube so kontruiert haben, dass jeder normale Mensch maximal die Hälfte des Inhalts herauspressen kann. Nein. Leer im Sinne von aufgeschnitten, abgekärchert, abgeleckt. Leer eben.

Alternativen. Ich brauche Alternativen. Die Handcreme hat mich schon vor längerer Zeit eines Morgens nach einer sagen wir mal, ausgiebigen Feier in den eigenen Räumlichkeiten von ihrer mangelnden Reinigungskompetenz im Kontext des eigenen Beisswerkzeugs überzeugt.

Aber was nehme ich denn noch so zum Putzen. Fensterreiniger fällt aus. Zu flüssig. Diese Reinigungspaste mit der man sogar öligste Ölreste von den Händen bekommt. In der Konsistenz interessant, aber fürs Zahnfleisch eher schmerzhaft. Schliesslich belasse ich es bei der eher puristischen Variante und packe mir ein paar Brocken Seife auf die Zahnbürste. Denn ich erinnere mich noch aus meiner Jugend, dass offensichtlich selbst eine schmutzige Dialektik sich mithilfe einer wohldosierten Menge Seife im Kauraum wieder korrigieren ließe. „Sag nicht solche Worte, sonst muss ich dir den Mund mit Seife waschen.“ Ein Satz, wie aus der Marketingabteilung eines Großkonzerns. Sinnlos. Klingt aber gut.

Ich muss gestehen, Zahncreme schmeckt deutlich besser. Aber da muss ich jetzt durch. Danach, grobe Befeuchtung relevanter Körperregionen. Duschen wäre mir in meiner momentanen Gesamtverfassung noch etwas zu radikal. Dann zurück ins Schlafzimmer, Kleidung suchen, die noch tragbar ist. Der Schrank gibt im Moment nicht mehr viel her außer ein paar dicken Wollpullovern, die sofort von der Sonne draußen verspottet werden. Also der Boden. Ich finde schliesslich zwei fast gleiche Socken, eine alte Jeans, bei der man die Flecken noch als so etwas wie künstlerischen Ausdruck verkaufen kann und, es grenzt schon fast an ein Wunder, frische Unterwäsche.

Anziehen. Dreimal. Erst vergesse ich die Unterwasche, dann stelle ich fest, das T-Shirt ist nicht nur nach außen sondern auch von hinten nach vorne gekehrt.

Nicht mein Tag, bisher gar nicht mein Tag.

Frühstück. Kaffee. Mehr nicht.

Dieses ganze Brimborium mit Brötchen, Butter, Teller, Besteck. Jetzt nicht. Heute nicht.

Heute ist, Moment, mal überlegen. Montag. Na toll, das schwarze Schaf unter den Wochentagen. Auf dem Weg ins Büro, den ich Gott sei  Dank mit dem Bus absolviere und mir deshalb keinerlei Sorgen über mein Hand-Fuß Koordination bei der Steuerung eines Kraftfahrzeugs machen muss, der Busfahrer war ja hoffentlich nicht auf der gleichen Fete, versuche ich grob den Vortag zu rekonstruieren, komme aber nur so weit, dass es die Geburtstagfete von Rüdiger war, und dass er mich recht früh abgefangen und zu der Gruppe Kerle gelotst hat, die sich in einem Nebenzimmer seiner obszön großen Wohnung mit der Rüdigerschen Whiskysammlung befassten. Danach, Filmriss. Null, Nix, mein Gehirn muss ab diesem Zeitpunkt die Speicherung jedweder Sinneseindrück komplett eingestellt haben.

Nun gut, war wohl besser so. Die weiteren Businsassen sehen bei genauer Betrachtung auch nicht viel besser aus. Das meiste Büroangestellte mit Blicken, die irgendwo zwischen Schaffot und Beerdigung schwanken. Schüler sind schon längst in ihren Nürnberger Trichtern.

Im Büro angekommen beginnt der Arbeitstag, der sich am besten wie folgt beschreiben lässt. Sitzen, Monitor, Tastatur, Telefon, Anrufe. Nur unterbrochen von Meetings, die sich hervorragend eigenen, um die Primzahlreihe in Gedanken zu berechnen, Einkaufslisten für die nächsten drei Wochen zu erstellen und mit dem Bleistift hübsche Mandalas in die Schreibmappe zu malen. Was dann wirklich zu tun ist, klärt man bilateral via Telefon oder noch besser bei einem Kaffee.

Auch wenn ich es wirklich händeringend versucht habe. Wirklich witziges oder aufregendes aus meinem Büroalltag will mir partout nicht einfallen. Nicht dass ich nicht dankbar wäre ob dieser Quelle für das finanzielle Überleben. Nur ist sie halt kein Abenteuerspielplatz.

Die Busfahrt zurück nach hause gestaltet sich ähnlich kommunikationsbefreit wie die Hinfahrt. Gut, die Ohrstöpsel im Ohr und die Beschallung mit Nirvana in LAUT, also mein Nachbar kann mithören LAUT verhindern die Kommunikation auch weitestgehen. Nur einmal hat einer versucht, mit mir ein Gespräch zu beginnen. Ich hab ihn dann nur leicht irritiert grinsend angestarrt, wie sich da seine Lippen so bewegten ohne das ich auch nur ein Wort hören konnte und er hat dann auch ziemlich schnell aufgegeben und mir einen Zettel überreicht, der mich aufforderte, die Strafe für das nicht mitführen eines Bustickets zu zahlen.  Dummerweise geschah dies genau an einer Haltestelle, die der Kontrolleur, wie selbst mir jetzt in meine Gehirnwindungen gesickert war, zum Verlassen des Busses nutzte und mich mit einer vielleicht nicht berechtigten aber im Nachhinein betrachtet durchaus gerechten Strafe zurückließ.

Heute verlasse ich den Massentransporter zwei Stationen früher. Ich muss unbedingt noch was einkaufen. Nicht nur Zahnpasta. Auch noch ein paar so Dinger, die meinem Kühlschrank auch wieder eine Existenzberechtigung verleihen. Der Supermarkt. Keiner von den großen, keiner von den schönen. Aber das, was ich so für meine Basisversorgung brauche, das hat er. Meistens. Nicht unbedingt in meiner Geschmacksrichtung aber ich will da auch gar nicht zu anspruchsvoll sein.

Geldbörse auf, tatsächlich das Wunder des ein Euro Stücks wird mir zuteil.  Natürlich habe ich nicht bedacht, dass wir jetzt die Stunde des „ich muss nur noch schnell was einkaufens“ haben sowie die Stunde der Rentner, die mal gerne wieder jemanden kennenlernen wollen. Schaun wir mal. Brot, kein schlechtes Konzept. Gibts aber nur noch in der „die Hälfte verschimmelt bis Ende der Woche“ Größe. Käse, natürlich die Aufschnittmischung. Warum soll ich mich mit der Auswahl zwischen zwanzig verschiedenen Käsesorten rumschlagen, von der ich die Hälfte nicht mal geschmacklich unterscheiden kann. Während ich eine Tube Senf dazupacke, wabert mir mein Badezimmer im Kopf rum. Moment, irgendwas habe ich: Ich klatsche mir mit der flachen Hand an die Stirn, was mir teils besorgte, teils verängstigte Blicke einbringt. Zahncreme, fast vergessen.

Noch ein paar andere Kleinigkeiten, dann ab zur Kasse. Denke ich. Bleibe aber direkt da stehen, wo ich bin, denn mittlerweile hat sich die Schlange vor der Kasse bis zum anderen Ende des Supermarkts ausgedehnt. Na toll. Gut, dass ich mein Smartphone dabei habe. Erst mal alle weiteren Termine der nächsten Stunden absagen. Das kann dauern. 45 Minuten später. Vor mir nur noch das Klischee. Ein Rentner. Drei Waren. Und blöderweise ein Betrag mit unrunden Zahlen hinterm Komma. Zunächst sucht er minutenlang in seiner Geldbörse. Als er den verzweifelten Blick der Kassiererin und das leicht ungeduldige Gemurmel hinter mir und ja, auch von mir hört, schüttet er den ganzen Inhalt aufs Kassenband mit den Worten: „Nehmen Sie bitte, was es kostet.“ Erleichtertes Aufatmen rollt wie eine Welle von der Kassiererin über mich bis zum anderen Ende des Supermarkts, wo immer noch letzte Kunden stehen.

Drei Griffe und sie hat den Betrag in der Hand, tippt etwas ein, die Kasse öffnet sich und sie sortiert das Geld ein. Währenddessen räumte ER seine Waren in eine Stofftasche. Langsam, könnte ja zerbrechen, eine von den Dosen oder dem Käse.

Dann ich. Jetzt wirds sportlich. Da ich nicht wenige Einkäufe habe, wird es zum Wettkampf zwischen Kassierierin und mir. Während sie die Produkte über den Laserscanner pfeffert, versuche ich sie dahinter aufzufangen und möglichst flott in den Einkaufswagen zu befördern. Gelingt, zur Hälfte. Dann beginnt sich Ware zu stapeln. Schnell reichts mir und ich schiebe den Rest einfach am Stück in den Wagen.

Karte: Murmle ich. Ein kurzes Seufzen, dann dreht sie mir das Kartenlesegerät zu und erklärt mit der typisch gelangweilten Stimme eines Menschen, der einen Satz zum hundertstenmal sagen muss: „Geheimzahl eingeben, mit Grün bestätigen.

Ich tue wie mir geheißen, mir wird die Quittung gereicht und nachdem ich es geschafft habe, meine Einkäufe in die mitgebrachte Einkaufstasche zu stopfen, mache ich mich auf den Heimweg. Bei Regen. Und Sturm. Beides hat natürlich erst eingesetzt, nachdem ich den Supermarkt betreten hatte und überrascht mich komplett.

Als ich schliesslich zuhause ankomme, bin nicht nur ich, sondern sind auch meine Einkäufe klitschnass. Was solls, das meiste ist eh so dicht verpackt, dass ich dessen Lebensdauer auf mehrere Jahre hochrechne.

Zufrieden betrachte ich meinen Kühlschrank, stelle fest. Da ist ja jetzt ganz schön was drin.

Nach dieser erfolgreichen Jagd habe ich mir einen drögen Abend auf der Couch bei einem Bierchen verdient. Bierchen, das ist etwas, das immer da ist, man weiß ja nie, wer zu Besuch kommt.

Als ich mir an diesem Abend triumphal die Zähne putze, bin ich sehr verblüfft, Zahncreme mit der Geschmacksrichtung Senf erwischt zu haben. Moment? Senf?  Ok. Ich vermute, ich sollte die Senftube in den Kühlschrank packen und dann ausnahmsweise mit auf 8 Grad gekühlter Zahncreme meinen Mund von dem penetranten Senfgeschmack befreien.

Meine Kleidung verstaue ich sorgfältig wie immer durch wahlloses Fallenlassen auf dem Weg zum Bett, ziehe mir die Decke übern Kopf und bin mit mir und der Welt eigentlich ganz zufrieden.

Keine größeren Katastrophen, heute.

Ein ganz normaler Tag.

Ode an meine Depression

Ich hasse dich.

Ja, ich hasse dich, auch wenn du ein Teil von mir bist.

Du hast meine Seele vernarbt, mein Leben geprägt, meinen Weg geändert.

Du hast mich ängstlich gemacht und empfindsam, traurig und wütend, krank und lebensmüde.

Lange habe ich dich versteckt, hab so getan, als gäbe es dich nicht.

Das Lager voller Masken, der Lächelnde, der Glückliche, der Performer.

Die echten Gesichter der Trauer und des Lebensunmuts habe ich fein säuberlich versteckt.

Du hast mich beinahe über die Kante geschubst, ins letzte Tal gestossen, unter die Erde gebracht.

Jetzt, jetzt beginne ich.

Gegen dich zu kämpfen, Verträge zu schließen, Nicht-Angriffspakte, Friedenserklärungen.

Ich weiß, dass du immer bei mir wohnen wirst, immer ein Teil von mir, immer ein drohendes Damoklesschwert aus Angst, Panik und unendlicher Trauer.

Ich möchte dich beschimpfen für alles, was du mir angetan hast, was du denen angetan hast, die mich begleiteten, die mich begleiten.

Aber ich bin auf eine perfide Art dankbar.

Dankbar für das sensibler sein, das kreativer sein dank dir.

Doch um eins bitte ich dich, lass mich am Leben. Nicht einen Tag, nicht eine Woche, ein Leben. Mein Leben. Unser Leben.

Dann lasse ich dir einen Platz in meiner Seele, für einen Tag, für eine Woche, für ein Leben.

Für mein Leben, unser Leben.

Nur weil es ein Arzt ist, will er dir nicht unbedingt helfen

Ich war schockiert. Gestern Abend. Die Produzentin, die einen Film über Depressionen drehen will und bei dem ich auch eine Rolle habe offenbarte mir, bestimmte Instanzen gäben keine Drehgenehmigung, weil sich eine bestimmte Ärztin da ungefähr wie folgt geäußert hätte: „Das befürworte ich nicht, das könnte dem Heilungsprozess von Herrn Hauck schaden.“ Nun ist die Ärztin nicht meine Hausärztin und ich will mit ihr auch gar nichts mehr zu tun haben. Geschockt hat mich aber schon, dass hier ohne Rücksprache mit mir über meinen Kopf hinweg entschieden wird. Nachforschungen ergaben, dass sie tatsächlich in einer Weise über mich geäußert hat, die jenseits alles ertragbaren ist.

Was lerne ich daraus? Leider scheint „Trust noone“ immer noch zu gelten, gerade für Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten. Werde jetzt die entsprechenden Konsequenzen ziehen und bestimmte Freigaben wieder entziehen. Wenn ein Arzt mich krank macht, heißt es: Notbremse ziehen. Auch für meine Leser als Tipp. nur weil es ein Arzt ist, weiß er oder sie nicht alles. Oft existiert nur großes Unverständnis. Leider wurde mir das im letzten Jahr zu spät klar, was dazu führte, das die Hälfte der Zeit an dem völlig falschen Thema therapiert wurde.

Update: Fast vergessen. Aus diesem Internet sollte ich mich nach ärztlichem Rat auch löschen, man habe mich da gefunden. (Ach) und mein Blog und dieses Social Media sind eh des Teufels willige Helfer. Ich glaub, das Mittelalter will einen Arzt zurück.

Ich denke, es ist an der Zeit, sich rechtlichen Beistand zu suchen.

 

Zurück auf Los. Die Klapse hat mich zeitweise wieder

Da war ich wohl zu optimistisch. Oder meine Depression und meine Angststörung gemeinsam zu stark. Ich bin seit etwas über einer Woche wieder in der Tagesklinik. Warum? Primär, weil ich nach den sechs Wochen Wiedereingliederung wohl alle Reserven aufgezehrt hatte und ein kleiner Zusammenbruch folgte. Der führte mich zu meinem Hausarzt. Dann zum Chefarzt der Tagesklinik und dann schon am nächsten Tag wieder in die Tagesklinik selbst.

Es wird kein langer Aufenthalt, aber es ist nötig, mich wieder zu stabilisieren und endlich den Fokus auf meine generelle Angststörung zu legen. Die hatte man in der Vergangenheit zu Gunsten der Depression sträflich vernachlässigt. Wohl in der nächsten Woche werde ich wieder halbtags, aber unter enger Begleitung der Tagesklinik wieder einsteigen in den Beruf. Dieses Mal behutsamer, auf mich selbst achtender. Ich dachte wohl wie mein Umfeld, jetzt ist der Uwe wieder gesund, jetzt kann er ja 100% geben, denn das muss ja sein. EINEN SCHEISS MUSS ICH. Ich muss primär nach mir sehen, um endlich stabil zu sein und nie wieder in die gefährliche Gedankenspirale zu geraten, die letztlich bei Suizidgedanken endet.

Ich habe eine schwere Krankheit, eine Krankheit, die man ernst nehmen muss und die mich mein Leben begleitet und begleiten wird. Ja, ich werde kämpfen, nein, ich will nicht mehr den finalen aber einfachen Weg gehen. Aber um das zu erreichen brauche ich wohl doch noch mehr Hilfe, als ich dachte.

Gott sei Dank stehen mir erneut sehr hilfreiche und erfahrene Menschen in meinem Kampf zur Seite. Ich werde es schaffen, und stärker daraus hervorgehen als jemals zuvor. Nur braucht es einen längeren Weg, als ich dachte.

Ich bin meiner Depression dankbar

WTF. Denkt ihr doch alle gerade, gebt es ruhig zu.

Aber es stimmt. Ich bin ihr dankbar. Nicht für ihr Arschlochbenehmen, wenn sie mich gerade an besonders schönen Tagen runterzieht. Auch nicht für die lebensbedrohlich dunklen Gedanken. Und die Panikattacken, die könnt sie sich ruhig ganz schenken.

Aber sie hat die Truppen gereinigt. Sie hat mir gezeigt, wer in harten Zeiten zu mir steht, wer auch meine trüben Phasen erträgt. Und ich habe dank ihr neue, besondere Weggefährten gefunden. Die Mittwochabende sind für mich plötzlich zu einer Zeit des Austauschs, des Lachens und der Freundschaft geworden.

Und sie hat mein Wertegefüge durcheinandergewirbelt. Wenig ist da, wo es früher war. Wenn den nächsten Tag (er)leben in mancher Nacht zum einzigen Ziel wird, dann sind gängige Werte plötzlich irrelevant. Ein neuer Tag, den ich nicht im Dunklen verbringe, ist ein hohes Gut. Ein schönes Kunstwerk, die Natur, ein gutes Buch. Einfache Dinge, wichtige Dinge.

Sie hat mir beigebracht, weniger an andere und mehr an mich zu denken. Ja, das übe ich noch, aber ich mache Fortschritte.

Sie hat mich zum Autor gemacht. Denn sie hat mein Leben so nachhaltig und intensiv verändert, dass es wert ist, das zu erzählen.

Ich habe sie als meinen Begleiter akzeptiert, sie ist ein Teil von mir, den ich nicht abschütteln kann. Und sie hat mich verlangsamt. Im Guten. Ich beginne, die Momente zu genießen, wo ich früher nur an das Morgen gedacht habe. Alles noch ganz zart, ganz knospig, aber es wächst heran.

Die Depression ist nicht mein Freund geworden. Aber so etwas wie der Advocatus Diaboli, der Berater, der mir hilft, Spreu vom Weizen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.

Manchmal streite ich mich mit meiner Depression. Wenn sie wieder mal zum ungünstigsten Moment die Klappe auf und mich in den Abgrund reißt. Aber ich hab jetzt Rettungsseile. Ich komm da wieder raus. Auch wenn sie oben steht und lacht. Ich lache jetzt zurück.

Wenn da nicht die Angst wäre. Aber das ist eine andere Geschichte. (sic)

Kennt ihr jemanden, der mit einer Depression zu kämpfen hat? Dann seht ihr einen sehr starken Menschen vor euch, der sich jeden Tag wieder gegen den leichten, finalen Weg stemmt und seine oder ihre Depression in die Schranken weißt.

Gibt es eine männliche Angst?

Provokation galore. Klar, wird jetzt jeder sagen, auch Männer haben Angst. So, und jetzt treten wir etwas zurück, überlegen uns, was wir gesagt haben und wann uns in der „Realität“ schon mal ein Mann begegnet ist, der über seine Angst gesprochen hat.

Und damit das ganze nicht so einfach ist, bringe ich jetzt noch meine generelle Angststörung mit ins Spiel. Also etwas, das mich jederzeit, egal wo überfallen kann. Das von einem minder schlimmen Unwohlsein bis zur totalen, allumfassenden Panik alles hervorrufen kann. Und vor allem, etwas, das nur der Kenner an mir erkennt, wenn ich wieder zur Salzsäule erstarrt aber wie ein Verrückter schwitzend irgendwo sitze.

Oder, und das ist mein spezielles Talent, ich im Dialog mit irgendwelchen Menschen, die Macht auf mich ausüben können einfach wie der berühmte Hase vor dem Wolf sitze. Und es ist nichts, das man so einfach kontrollieren könnte. Man kann es aber sehr gut verheimlichen. Das hilft zwar überhaupt nicht weiter, macht das ganze manchmal eher noch schlimmer, aber siehe oben: Die Gesellschaft will so etwas gerade auch beim Mann eben nicht sehen. Alte Klischees, dumme, alte Klischees, die aber immer noch greifen.

Ich trage die Krankheit seit Jahrzehnten in mir, dachte immer, na so einmal pro Monat ne existentielle Panik ist normal, sagt bloß keiner was. Ne, ist sie nicht. Auch jeden Tag irgendwann wieder mit einem Angstschub konfrontiert zu werden. Sich permanent über irgendwelche Katastrophenszenarien Sorgen zu machen die in schweren Ängsten münden.

Eins aber weiß ich, seitdem ich die Angst ans Licht zerre und nicht mehr drüber schweige, geht es mir besser. Nicht gut, aber sehr viel besser. Weil ich zumindest von einigen Seiten positives Feedback erlebt habe. Und weil man mir manche meiner nie ans Tageslicht gebrachten Sorgen zumindest in Teilen nehmen konnte.

Aber es schweigen noch viel zu viele Menschen über ihre Ängste, und insbesondere Männer weil die verdammten Rollenklischees trotz aller Emanzipation und Gleichberechtigung gnadenlos greifen. Ein Mann im Berufsleben, der von Ängsten spricht ist ein Schlappschwanz….. sagt man….. völlig falsch.

Deshalb werde ich auch meine Angststörung,  die vermutlich ein fettes, fieses Bündnis mit meiner Depression eingegangen ist, um mir das Leben schwer zu machen, weiterhin thematisieren. Wir brauchen auch für solche nicht sichtbaren Behinderungen, Krankheiten ein Lobby, zumal die Zahl derer, die darunter leiden in unserer rein aufs Ökonomische fixierten Welt noch steigen wird.

Unsere perfekte Gesellschaft ist eine gelogene Gesellschaft

Werbung. Ja, dass Werbung lügt, ist wohl kaum bestreitbar. Natürlich werden die Werber sagen, wir laden emotional auf, wir stellen die Vorzüge dar, aber letztlich lügt die Werbung, um uns Dinge zu verkaufen, die wir eigentlich nicht brauchen.

Unsere Schulen bilden unsere Kinder aus, so sagen sie, aber es ist wirklich nur Ausbildung, die uns vorlügt, den ganzen Menschen zu formen.

Im Berufsleben sollen wir optimal, makellos, fehlerfrei zum Wohle der Firma tätig sein. Und es gibt nichts negatives, alles ist eitel Sonnenschein, jedweder Change muss bejubelt werden, jede Personalabbaumaßnahme ist nur zum Besten von allen.

Es kriechen Politikerversuche aus ihren Löchern, die von Lügenpresse schwafeln, dabei selbst aber die größten Lügen verbreiten, die leider von entsetzlich vielen Menschen geglaubt werden. Vielleicht, weil sie die Wahrheit einfach nicht ertragen.

Eigentlich aber gibt es nur eine Sache, die der Wahrheit entspricht. Wir leben in einer vollständig ökonomisierten Gesellschaft von Angestellten, die so klug als möglich für nichts arbeiten und von Kunden, die so dumm als möglich mit Unmengen an Geld jeden Müll kaufen.

Manchmal habe ich den Verdacht, der Hype an Startups dient lediglich dazu, auf möglichst billige Art an innovative Ideen zu kommen, die wenn ausgereift, dann einfach übernommen, zerlegt und der Rest abgewickelt wird.

Vielleicht liegt es daran, dass Wahrheit oft Zeit braucht. Recherche, Nachdenken, Widersprüche ertragen oder auflösen. Aber das hieße ja auch nachdenken, und wer will das heutzutage noch. Und vielleicht liegt es auch daran, dass wir alle ein Stück weit zu feige geworden sind, Wahrheiten ins Gesicht zu sehen und Wunden offenzulegen, wenn es mal im Privaten oder im Beruf Dinge anzusprechen gibt. Nein, da erzählt man sich gegenseitig viel lieber wie toll doch alles ist und leidet insgeheim unter unsäglichen Defiziten, bis man daran erkrankt. Oder vielleicht sogar ums Leben kommt.

Ihr denkt, ich übertreibe? Hatte ich nicht gerade meinen ersten Geburtstag???

Ein Jahr älter heißt ein Jahr alt

karte
Danke Konny, für diese absolut tolle Karte 😉

Ich hatte Gestern Geburtstag. Ja, Gestern. Ich sehe schon meine Freunde (hab ich eigentlich welche?) und meine Bekannten zu ihren digitalen oder analogen Zeitdokumentiereinheiten aka Kalendern rennen, nachsehen und protestieren, ne du, Moment, du hast da was nicht ganz richtig (aha, er spinnt wieder).

Doch ihr Lieben: Der 5. Februar wird fürderhin mein zweiter Geburtstagstag sein. Denn an dem Tag hab ich 2015 versucht, mir das Leben zu nehmen. Hörbares Atmen, große Augen. Ja, ich wollte Suizid begehen, ich trau mich das zu sagen, auch wenn es wohl in unserer Gesellschaft fast noch ein größeres Stigma und zu verschweigendes Thema ist als die Depression, die mir grade Gott sei Dank mal nicht auf dem Schoß sitzt oder die Nerven geht.

Nein, ich bin da überhaupt nicht stolz drauf und ja, ich weiß heute, warum es passiert ist. Meine Angststörung und Depression ist da eindeutig Hauptschuldiger. Aber auch unglückliche, sehr unglückliche Gespräche haben mich damals über die Klippe geschubst. Na ja, eher getreten. Oder eigentlich katapultiert.

strauss
Der Strauß war weder für meine Depression, noch für mich. Den hat sich so eindeutig meine Lebensretterin und tollste Ehefrau von allen Sibylle verdient.

Die 26 Wochen danach in verschiedenen Klapsen (ja, ich verwende solche Begriffe, schon deshalb, weil es für mich das ganze weniger klinisch ernst macht) haben mir einiges an Erkenntnissen und vor allem ein paar tolle, neue Menschen gebracht. So gesehen. Ja, ich habe Freunde. Und im positiven Sinne ganz schön irre Freunde noch dazu.

Ich habe gelernt, wo die echt wertvollen Menschen sind, oft in Therapie, weil sie mit dem Irrsinn, der sich Realität nennt, nicht mehr zurecht kommen. Und ich habe gelernt, dass man öfter gute Miene zum bescheuerten Spiel macht, als es einem gut tut. Meine Depression kenne ich jetzt persönlich und ich kann nur sagen, was für ein Arschloch.

Aber immerhin habe ich mein Leben wieder ein wenig mehr im Griff und kann ehrlich und offen erzählen, was mich wirklich bewegt, wer ich wirklich bin. Das alles verschweigen hat mich ja letztlich krank gemacht.  Und übrigens, ja, ich habe eine Depression, aber ich bin nicht depressiv. Meine Krankheit ist ein Teil von mir, aber ich bin  nicht sie.
Und ja, ich kann arbeiten, lieben, Sex haben (schwupps, 2/3 meiner Leser sind rot geworden), scheiße drauf sein, mich über was freuen, bloggen, Buch schreiben. Die Depression sitzt dabei und geht mir manchmal ganz schön auf den Sack. Aber die meiste Zeit haben meine lieben Tabletten und ich sie ganz gut im Griff.

Insofern. Happy birthday neues Leben, auf das mein zweiter Geburtstag mindestens im zwanziger Bereich landen werde.