Tut mir einfach nicht mehr weh

 

Was man für mich tun kann. Jeder fragt das. Nein, nicht jeder, nur die, denen etwas an mir liegt. Sicher, diese Frage ist unnötig, denn man kann selten etwas für mich tun. Meist reicht es, etwas zu lassen. Lasst es, mir weh zu tun. Lasst es, mich durch Worte, die manchmal mehr verletzen können als ein scharfes Schwert tief in meiner Seele zu treffen.

Aber eigentlich habe ich kaum Hoffnung. Zu lange schon erlebe ich, dass immer wieder Ignoranz, Selbstverliebtheit oder pure Dummheit mir einen Dolch in meine Seele rammen. Wenn einem vorgeworfen wird, man sei Minderleister, man passe nicht zu „den anderen“, sei faul, dumm, zu nichts nütze.

Lasst es einfach. Davon hatte ich genug. Seit ich mich erinnern kann, habe ich gegen diese Windmühlen gekämpft. Habe zu spüren bekommen, nicht gewollt zu sein, nicht gut genug zu sein, nicht schlau genug, nicht gehorsam genug. Obwohl alles Bullshit war, frisst sich so etwas tief in die Seele eines Menschen, gerade, wenn er noch jung ist.

Irgendwann hat sich meine Seele in einen harten Panzer zurückgezogen, hat gelernt, dass man entweder 100% funktioniert, oder nicht da ist. Es gab keine physische Gewalt. Und die psychische war oft unreflektiert bis unerkannt. Ich habe gelernt, Menschen nicht zu vertrauen. Immer wieder kam er, der Dolchstoß, der Schlag ins Gesicht. 1.95m gross, Linkshänder, unsportlich, kein Fussballfan, kein Autofan, kein Interesse am Saufen und immer freundlich bis höflich zu Frauen. Klar, die Prolls kriegten die tollen Mädels ab, bei denen ich dann der gute Freund war, der getröstet hat. Und hey, es machte mir nichts aus. Denn wenn man selbst seelischen Schmerz als Teil jedes verdammten Tages erlebt, dann ist man sehr sensibel gegenüber seelischem Schmerz, der anderen zugefügt wird.

Ich weiß nicht, ob ich dadurch hochsensibel wurde oder es schon immer war. Aber meine Antennen arbeiten auf 200%, ich spüre Agression, Schmerz, Trauer, wenn andere davon noch nicht mal etwas ahnen. Nein, das ist kein Talent, das ist ein höllischer Fluch. Und irgendwann glaubte ich all das, glaubte ich dumm, schlecht zu sein.

Ich habe sogar einen IQ Test gemacht. Nicht um zu erfahren, wie klug ich bin. Oh nein, sondern die Bestätigung zu bekommen, wie dumm ich wirklich war. Und als der Test ergab, ich sei im Gegenteil hochbegabt, hab ich mich nicht gefreut. Quatsch, es lag am Test, der falsch war.

Mit der Zeit lernte ich, dass ich schlicht nur mir selbst vertrauen kann, und habe es stets so gut es geht vermieden, von anderen Menschen abhängig zu sein (das Berufsleben ist da ein Horror für mich, da ich da in einer einzigen, großen und oft ungerechten Abhängigkeit von Fremdurteilen bin. Ich sage nur „Der Herr Hauck braucht Regeln“ Bäääämm)

In meinem ganzen Leben hat es nur eine Seele geschafft, meinen Panzer zu knacken, und das auch erst, als sie mir wortwörtlich das Leben rettete und mich danach nicht verließ. Seit jenem fatalen Februartag ist Sibylle der einzige Mensch in meinem Leben, der mein 100% Vertrauen genießt. Und wird es wohl auch bleiben.

Mein Buch, es ist eine späte Genugtuung, eine echte, physische präsente Wiederspiegelung meiner Gaben und Talente, die immer da waren, die ich aber bis heute nicht wirklich anerkennen kann. Das Lob meiner Leser, meiner Lektorinnen. Es tut gut, aber es kommt nicht durch, durch den Seelenpanzer in dem der kleine Uwe gefangen ist und unter Tränen darum bittet, endlich in Ruhe gelassen zu werden, endlich frei sein zu dürfen.

Aber die Wunden, die Schmerzen sitzen zu tief in meiner Seele, als dass ich sie jemals ganz loswerde. Der kleine Uwe wird wohl immer ein Gefangener in mir bleiben, der jetzt zumindest in guten Zeiten etwas Trost, etwas Genugtuung erfährt.

Also, wenn ihr wissen wollt, wie ihr Depressionen, Angststörungen, Suizide verhindern könnt, es ist ganz einfach:

TUT UNS EINFACH NICHT MEHR WEH.

 

 

Danke Depression, dass es dich gibt

Ist der jetzt ganz durchgeknallt? Bin ich nicht. Auch wenn das manche von mir gerne behaupten würden, um zu verhindern, dass meine Stimme noch mehr Gewicht bekommt.
Ja, ich bin meiner Depression in gewissem Sinn dankbar. Meine Frau sagte in einem TV Interview, die Krankheit habe uns in Tiefen blicken lassen, die sonst kaum jemand erreicht. Ich habe viel über mich gelernt in der Zeit in den Kliniken. Weniger durch die Therapiesitzungen als durch die Gespräche mit anderen Patienten, die bedingt durch den Zusammenbruch und die gemeinsame Leidensstrecke offener über ihre Gedanken, Ängste und Gefühle sprachen, als jemals jemand außerhalb des Refugiums Klapse. Einiges an Erkenntnisgewinn über meine Vergangenheit hätte ich ohne die Geschehnisse rund um meine Krankheit und den Suizidversuch wohl nie erlangt. Dass mein erinnertes Leben erst mit dem 12. Lebensjahr beginnt, das war mir zuvor nicht wirklich bewußt. Das ich auf den Fotos meiner frühen Kindheitserinnerungen meine Eltern ausradiert habe.
Und in der Reflektion mit anderen Patienten habe ich auch gelernt, dass es in Ordnung sein kann, empfindsamer, sensibler als andere zu sein. Früher habe ich diese „Talente“ gehasst, weil sie mich immer wieder ins Abseits geschossen und zum Außenseiter gemacht haben.
Die Melancholie der vergangenen Jahre, die immer wiederkehrende tiefe Traurigkeit. Vieles habe ich gelernt über mich, vieles als Teil von mir zu akzeptieren gelernt, der zwar anders ist als bei anderen, deshalb aber nicht schlecht.
Und ich habe gelernt, wie sagen wir mal „seltsam“ so manche im Umgang mit meiner Krankheit waren. Briefe, in denen ICH gebeten wurde, meiner Frau weitere Kontakte mit bestimmten Instutionen zu verbieten. Angst, meine wachsende Prominenz im Rahmen der Suizidprävention und Depressionsaufklärung könne für so manchen aus meinem Umfeld negativ sein. Drohbriefe, die mir den Anwalt avisierten, sollte ich nochmal Personen erwähnen, die ich gar nicht erwähnt hatte. Das Umfeld reagiert sehr schnell sehr empfindlich, wenn man nicht in die brave, die gefolgsame und Klappe haltende Norm passt.
Aber Gott sei Dank hat mir meine Depression auch gezeigt, dass mein eigeninitiatives Engagement gewürdigt wird. Mittlerweile habe ich fast jeden Monat einen Auftritt irgendwo um entweder mein Buch vorzustellen oder über Depressionen aufzuklären. Interviews, Lesungen, Podiumsdiskussionen. Ich habe meinen Weg gefunden mich mit der Depression, dem dunklen Teil von mir zu arrangieren. Und damit auch meine Angststörung in den Griff bekommen.

Ich bin jetzt im Fokus. Die Meinung anderer oder deren Sicht auf mich, das angeblich so wichtige Fremdbild. Es ist mir egal. Denn es war viel zu oft falsch und final sogar fast tödlich.
Wer mich ab jetzt nicht so nimmt wie ich bin, der darf sich gerne aus meinem Dunstkreis entfernen. Es ist mir den Aufwand, die Energie nicht wert, mich für die Akzeptanz von Menschen aufzureiben, die mich überhaupt nicht so akzeptieren wollen, wie ich bin, die nur etwas aus mir formen wollen, aus dem sie größtmöglichen Gewinn ziehen wollen.
Die Depression hat mich, so paradox das klingt, wieder viel näher zu mir selbst gebracht. Sie ist und bleibt Teil von mir. Ein Mahner und Erinnerer, wie ein deutscher Comedian es formuliert.
Meine Depression, mein Einhorn, wir haben uns arrangiert.

Halt doch endlich die Klappe mit deiner Depression

Ich kenne die Liste der Menschen, die das sicher gerne zu mir sagen würden. Aus meist in etwa den gleichen Gründen. Weil sie nicht wollen, dass meine Geschichte prominent wird und bleibt. Weil sie eigene Fehler nicht sehen (wollen) und deshalb jede potentielle Indikation eines Fehlverhaltens jenseits meiner eigenen Entscheidungen eher in Drohbriefen als Dialogen mündet. Aber ich merke auch ungeheuer viel positives Feedback. Lob für Inhalt wie Form meines Buchs, Lob für die öffentlichen Vorträge und Lesungen.

Dabei ist es mir nicht wichtig, dass ich das tue, sondern das es überhaupt getan wird. Deshalb helfe ich auch anderen den Mut zu fassen, über ihre Depression oder Angststörung zu sprechen. Focus Online hat mir so etwas wie ein Kolumne als Plattform geboten und die Resonanz ist überwältigend. Ich bin mir sicher, viel Leid, viel verschleppte Krankheiten mit der wachsenden Gefahr des Suizidversuchs ließen sich durch offenen Umgang mit der Krankheit eindämmen. Aber so lange Ärzte statt auf meine Angststörung mehr auf meine Nutzung des Internet schauen, so lange Unternehmen immer noch so tun, als kümmerten sie sich um psychisch Kranke, die dann seltsamerweise dennoch große Angst haben darüber zu reden, so lange ist es dringend angeraten, weiter aufzuklären, weiter darüber zu reden.

Selbst die Royals,  allen voran Der Duke und die Duchess of Cambridge und Prinz Harry sprechen offen darüber. Weil es eben nichts ist, was man verstecken müssen sollte. Weil es mittlerweile die Erkrankung Nummer 1 weltweit laut WHO ist, und dennoch verschwiegen wird.

Mir ist bewußt, dass ich Neider habe, auch wenn ich sie noch nicht getroffen oder gelesen habe. Aber das ist mir egal, weil ich weiß, dass es für mich eine Art Lebensversicherung ist, gegen das Stigma Depression zu kämpfen. Weil es nötig ist, um anderen zu helfen. Weil es einfach richtig ist.

Wir sollten darüber sprechen, Betroffene, Angehörige und die Öffentlichkeit. Immer wieder. Für ein Ende des Stigmas und Hilfe für Betroffene, die nicht so stark sind, sich offen zu äußern.

 

Dein Gedanke ist meine Realität

Wir leben im Autopilotmodus. Und die meiste Zeit ist er uns überhaupt nicht bewußt. Es gibt kleine, lichte Momente wie Brüche in der Zeit. Diese Momente fördern versteckte Wünsche, Träume, Ziele hervor. Aber leider tritt sehr schnell unser innerer Richter auf den Plan, erklärt uns die Unsinnigkeit unserer Fantasien, die Unmöglichkeit unserer Träume.

Ich rede hier nicht von den Dingen, die uns eine scheinbare Zufriedenheit bieten wie das neueste Smartphone, das SUV, das größer, schimmernder, glänzender ist als das des Nachbarn. Elementarere Träume sind es, nach Selbstverwirklichung, Freiheit, Unabhängigkeit, die wir alle in uns tragen, manche nahe an der Oberfläche unserer Seele, andere tief verborgen unter den Trümmern der bisherigen Existenz.

Und wir alle vergraben immer mehr unseres Wesens mit jedem Lebensjahr. Wir unterwerfen uns Menschen, die angeblich über uns stehen, das meist aber qua Definition anstelle Begabung. Wir folgen Vorschriften, Regeln, Vorgaben, die teilweise so dumm sind, dass wir bei ihrer Befolgung körperliche Schmerzen spüren.

Aber hier kommt die Überraschung. Den Käfig haben wir uns in sehr großen Teilen selbst geschaffen. Indem wir schon früh den falschen Richtern gefolgt sind, die falschen Werte unreflektiert für richtig hielten. Ja, man hat uns gesagt, das muss so sein, wir werden Vorgesetzte haben, Lebensregeln. Aber man hat uns belogen mit dem Eindruck, das müsse immer so sein. Unsere Gesellschaft, in manchem eine gute aber lange keine perfekte Gesellschaft basiert immer noch auf dem Oben/Unten Modell. Augenhöhe ist ein beliebtes Wort uns zu blenden, zu suggerieren, wir würden als Mensch auf gleicher Ebene behandelt.

Dabei lebt ein großer Teil unseres Wirtschaftsgefüges immer noch von der Unterwerfung der Masse. Wir werden mit Konsum, mit immer neuen falschen Träumen eingeschläfert, deren Erreichung uns keinen Deut glücklicher macht. Wir mögen uns materialistische Gefängnisse aus Besitztümern errichtet haben. Aber wie wir von Generationen von Philosophen gelernt haben. In Gedanken sind wir frei. Wenn wir uns vom Glauben der einen für alle geltenden Wahrheit lösen. Ich meine hier nicht Wahrheiten wie die Gleichberechtigung der Geschlechter, Toleranz oder fundiertes Wissen. Ich meine Wahrheiten, die uns den Lebensweg vorschreiben, die uns im Denken einschränken.

Wir lassen uns unsere Träume stehlen, unsere Menschlichkeit, unsere ureigene Seele. Dabei ist es eine jeden Tag aufs neue mögliche Entscheidung zwischen dem Autopiloten und dem Befolgen der eigenen Träume und Ziele. Denn mit uns ist es wie mit den Igeln. So lange wir anderen ihre Freiräume lassen, sie nicht bedrängen und mit unseren geistigen Stacheln verletzen, so lange hat jeder von uns die Wahl, was er denkt, was seine Werte sind, wem er erlaubt, das eigene Leben zu bestimmen.

Freiheit ist keine Möglichkeit, Freiheit ist ein Fakt, das jene uns ausgetrieben haben, die von unserer gedanklichen Unfreiheit, der Unterwerfung in Hierarchien ihre Lebenskraft ziehen.

Es wird Zeit, uns diese Kraft wiederzuholen, sie wiederzuentdecken.

Jeden

einzelnen

Tag.

 

Es gibt keine Grenzen.

Weder für Gedanken, noch für Gefühle.

Es ist die Angst, die immer Grenzen setzt.

Ingmar Bergman

Alleine mit meinen Gedanken

Wenn ich beantworten müsste, wo die gefährlichsten Monster lauern, wo der schwarze Hund am lautesten bellt, wäre die korrekte Antwort: Stets, wenn ich alleine bin, in der Stille und der Unbeweglichkeit des Moments gefangen. Es kann ein einsamer Abend in irgendeinem Hotel in irgendeiner Stadt sein. Ein einsamer Nachmittag zuhause, wo um mich geschäftige Hektik herrscht aber meine Seele in sich selbst gefangen die Gedanken auf Rundreise durch das schwarze Loch meiner Depression schickt. Oft werde ich gefragt, wie sich das anfühlt, ob es mit irgendwas vergleichbar ist.

Dann wird es diffiziel, zu erklären, was ich empfinde, weil ich mir selbst darüber nicht im Klaren bin. Dann tauchen alte Gedanken auf, so alt, dass ich sie bereits in den Schubladen der ganze alten Schränke ganz hinten in meinem Gedächtnis verstaut gewähnt hatte. Oder die frischen Gedanken, ein Wirbel von Angst vor Zukunft, Abstieg, Abgrund.

Zu anderer Zeit ist es wiederum ein Wort, ein Satz, unbedacht ausgesprochen, unüberlegt von jemandem, der über mein Bestes und dessen Beschaffung Bescheid zu wissen glaubt. Dann wieder ein Bild, eine Szene, ein Geräusch, die die Kaskade schlechter Gedanken triggern können, die mich anch und nach in Richtung meines inneren Abgrunds schieben, die mir die Luft zum Atmen rauben, mich auf dem Trockenen ertrinken lassen. Diese Gedanken katapultieren mich aus Zeit und Raum, lassen mich gänzlich allein unter Menschen. Sie foltern mich mit Bildern scheinbar glückliicher Menschen, lachender Seelen, während ich an meiner eigenen Dunkelheit zu Grunde zu gehen drohe.

Dann bleibt mir oft nur der komplette Rückzug, um den einsamen Kampf gegen meinen Dämonen, die Hydra aus Angst und Depression aufzunehmen. Es gibt Menschen, die außerhalb der Schwärze warten, mein Sicherungsseil halten. Aber es ist so erschreckend dünn und die Bestie so mächtig.

Ich tick vielleicht nicht richtig, aber ich bin keine Bombe.

Viele mir nahe stehende Menschen haben schon immer gewußt, dass von mir keine Gefahr ausgeht. Aber mit dem Suizidversuch scheint es plötzlich auch Menschen zu geben, die bei jeder Äußerung, die nicht abrundtief positiv ist, den Verdacht  haben, ich wolle mich vom nächsten Dach stürzen.

Dass ich weiterhin depressiv bin, hat nichts damit zu tun, dass ich suizidal wäre. Im Gegenteil. Nie war ich mir der Risiken mehr bewußt und vermeide sie, so gut es geht. Aber manchmal scheinen Menschen aus jedem „Ich will nie wieder auf dem Turm landen“ zu interpretieren, ich wolle springen. Nichts läge mir ferner. Es haben sich aus meiner Krankheit plötzlich so viele neue Chancen ergeben. Die werde ich wahr nehmen. Aber auch andere Themen weniger wichtig nehmen.

Natürlich wird auch das manchen Menschen nicht gefallen und ich werde neue Drohungen und Briefe bekommen. Aber das geht mir mittlerweile an meiner Sitzkomponente vorbei.

Ich bin nicht mehr jedermanns Liebling. Aber wie schon im Buch „Depression abzugeben“ geschrieben. Ich habe ein gehöriges Talent dafür, einmal mir zugefügte Wunden nicht mehr zu vergessen.

Man hat mich behandelt wie ein kleines Kind, wollte mir dumme Abstinenzen auferlegen oder glaubte, besser zu wissen, was für mich gut ist.

Mögen diejenigen das ruhig glauben. Deshalb muss ich mich ja nicht danach richten.

Das ist ein wichtiger Punkt. Erst wenn man sich von den Meinungen toxischer Menschen befreit, kann Genesung, kann Heilung stattfinden.

Oh, und für die Briefschreiber. Der Ordner ist noch ziemlich leer, und ich brauche noch Stoff für Band 2.

 

>>>>>>>>>>BUUUUUUUUMMMMM<<<<<<<<<<<

Es ist an der Zeit, einmal danke zu sagen.

Depression abzugeben“ war für mich kein Buch, das ich wegen des Geldes geschrieben habe. Es war auch kein Buch, mit dem ich Ruhm und Ehre zu erlangen gedenke. „Depression abzugeben“ ist meine Geschichte, ein Stück Wahrheit, verpackt zwischen zwei Buchdeckeln, niedergeschrieben auf 432 Seiten.

Und es war ein schwerer Schritt, so sehr in die Öffentlichkeit zu gehen, mich so sehr für andere Menschen zu öffnen. Aber letztlich war das Öffnen meiner Seele, meines Wesens für mich der wichtigste Schritt zur Heilung. Daraus entstand zunächst über die Tweets #ausderklapse der Wunsch, andere an meinem Heilungsprozess teilhaben zu lassen. Weil ich spürte, in den Feedbacks lesen konnte und aus eigener Erfahrung erlebt hatte, wie schwer es immer noch fällt, über psychische Erkrankungen zu sprechen. Wie sehr mir meine Leser und die Medien recht geben würden, das hat mich zutiefst überrascht. Zeitungen, Radiosender, selbst das Fernsehen zeigt ehrliches Interesse.
Aber was mich am meisten überwältigt sind die Reaktionen der allerwichtigsten Menschen, meiner Leser. Nicht nur, dass „Depression abzugeben“ tatsächlich viel gekauft wird. Nicht nur, dass es da draußen Menschen gibt, die ein ehrliches Interesse an meiner Geschichte haben. Die Rezensionen, oh diese Rezensionen. Ich dachte immer, Kritik bereite mir Schwierigkeiten. Aber das so überaus positive Feedback, die vielen fünf Sterne Bewertungen (als ich das hier schreibe alleine 18 Stück bei Amazon), die wundervollen EMails, Postkarten, Briefe. Danke, DANKE, DANKE!

Ich bin kein Bestsellerautor, kein Schriftsteller, sondern ein Mensch, der hofft, durch seine Erfahrungen anderen helfen zu können. Und es scheint zu gelingen. Großartig. Einfach Großartig.

Aber einen Mitarchitekten dieses Buchs darf ich nicht vergessen. Bastei Lübbe, die mein Manuskript als einer von drei Verlagen wirklich veröffentlichen wollten, die an meine Geschichte glaubten Und dort besonders, Cindy Witt, Ragna Sieckmann und Angela Kuepper. Drei Frauen, die mich ermutigen, unterstützen, zu viel loben (geht das eigentlich) und die mein Debut fantastisch begleitet haben.
Und ein besonderer Dank geht auch an meinen Agenten Eric Riemenschneider, der nicht nur an meine Geschichte sondern auch mein Schreibtalent und den Erfolg des Ganzen geglaubt hat.
Ich verneige mich vor so viel Vertrauen und kann nur ergänzen. Auch das war Heilung. Sogar ein sehr großes Stück Heilung.

Danke euch allen, ihr habt mich auf meinem Weg unterstützt und tut es durch täglich neues, unglaublich ermutigendes Feedback jeden Tag aufs neue.

„Das Leben ist ein Roman, für dessen Happy End zu selbst verantwortlich bist.“

Und ja, auch wenn es der eine oder andere rührselig oder kindisch empfinden wird. Auch nach diesem Text stehen mir Tränen in den Augen. Weil ich die Veränderung spüre, weil ich noch am  Leben bin, sein darf, sein werde und weil ihr alle mir ein klein wenig zurück ins Leben geholfen habt.

Auch dafür sei euch allen nochmals herzlich gedankt.

Leseprobe Band II von „Depression abzugeben“

Ich weiß weder, ob mein jetziger Verlag Interesse an einer Fortsetzung haben wird noch, ob sich ein anderer Verlag findet. Aber das ficht mich nicht an, bereitet mir doch das Schreiben an sich Freude. Hier also für alle, die nach der Lektüre von „Depression abzugeben“ etwas weiteres Futter wollen eine kleine Leseprobe von Band zwei, der im Moment den Arbeitstitel „Freilandhaltung“ trägt.

Sie sind entlassen
Ich habe überlebt. Drei Kliniken, drei Versuche, mir auf die Schliche zu kommen, meine Krankheit zu erkennen, zu verstehen, zu heilen. Und irgendwie fühle ich mich dennoch nicht anders, nicht sicherer, nicht verändert.
Ich bin rein in die Psychiatrie mit der Diagnose schwere Depression und Suizidversuch. Dann hat man noch meine Ängste ausgegraben. Nicht die, die wir alle haben, wenn es dunkel ist und man alleine unterwegs. Wenn man sich fragt, ob man den Herd wirklich ausgemacht hat.
Es sind existentiellere Ängste, manchmal nur für einen selbst fassbar, Ängste vor Jobverlust, Ängste vor den Meinungen anderer und ja, in letzter Konsequenz selbst die Angst vor der Angst. Und da bin ich immer noch richtig gut. Wenn andere schon längst abwinken, weil das doch alles unrealistisch ist, kann ich mir immer noch eine weitere Eskalationsstufe der persönlichen Katastrophe vorstellen.
Und eine Agoraphobie, also eine Phobie vor großen Menschenmengen habe ich obenauf. Nicht, wenn ich auf der Bühne stehe, da ist der Begriff Rampensau wie für mich gemacht. Aber danach, in der Menge, das Bad ist für mich ein Bad wie direkt aus Psycho.
Die Sonne scheint ausnahmsweise an diesem Morgen. Diesem ersten Morgen, an dem ich wieder zur Arbeit gehen werde. Nicht gänzlich normal, denn ich werde wiedereingegliedert nach dem Hamburger Modell, und das hat nichts mit der Fast-Food Kette zu tun, auch wenn mir die Aussicht ähnlich auf den Magen schlägt wie mancher Besuch bei eben diesem Burgerbrater es in der Vergangenheit getan hat.
Mein Frühstück heute bestand wie eigentlich immer, wenn ich zuhause bin aus einer frisch gebrühten Tasse Kaffee und dem Lesen der neuesten Nachrichten auf meinem Smartphone. Das vermutlich hätte bei manchen meiner Gott sei Dank hinter mir liegenden Therapeuten zu mahnenden Fingern und Worten geführt wie: »Aber Herr Hauck, sie müssen doch etwas essen. Aber Herr Hauck, doch nicht jetzt schon das Smartphone.« Und wahrscheinlich auch die Ermahnung meines speziellen Therapeuten des Grauens. »Herr Hauck, ich fürchte, sie sind Internet süchtig.« Was hat der mich mit seinem Blödsinn auf die Palme gebracht. Gott sei Dank hatte ich damals Juliane in der Klinik, die mich wieder eingefangen hat. »Das machen die doch absichtlich, damit du endlich mal auf Krawall bürstest.« Sie hatte wohl recht damit, oder zumindest war das für mich eine Aussage, die das ganze Theater etwas erträglicher gemacht hat. Aber genervt hat es trotzdem und mein Vertrauen in die objektive Betrachtung meiner Person hat es damals für lange Zeit kaputt gemacht.
Es ist an der Zeit, mich auf den Weg zu machen. Weil es einfacher ist, und weil es meine Grundstimmung nach all den Erkenntnissen aus einem halben Jahr Therapie und ebenso langem Warten auf dieselbe am besten repräsentiert, trage ich schwarz. Komplett, Socken und Unterwäsche inklusive. Ich musste deshalb wochenlang erklären, dass niemand verstorben ist, dass ich keine Trauer trage. Manchmal hab ich dann gesagt, doch, ich trag Trauer über all die dummen Fragen und Ratschläge, die ich auch jetzt noch bekomme.
Ich fahre wieder mit dem Rad. Endlich. Das ist auch der einzige Sport, den ich betreibe. Das mit diesem: »Kaufen Sie sich Joggingschuhe und gehen Sie regelmäßig laufen«, das mir der Arzt nach meinem Burn-out damals geraten hat. Ja, ich habe es ein halbes Jahr gemacht. Hab dabei ordentlich Gewicht verloren. Und nach und nach die Lust, im Kreis zu rennen, japsend und jedes Mal genervt zu hause anzukommen. Also hab ich es gelassen. Gut, wenn mir ein Arzt wieder mal die scheinbar alles entscheidende und das Leben sofort gesund und glücklich machende Frage stellt: »Treiben Sie Sport«, antworte ich natürlich strahlend und hochmotiviert »Aber ja, ich fahre Fahrrad.« Dass das dann jeden Tag gerade mal 6 Kilometer zur Arbeit und zurück sind und ich die Hälfte davon ganz entspannt rollend absolviere: Kann man erwähnen, muss man aber nicht. Das ist etwas, dass ich in den Kliniken gelernt habe. Immer schön aufpassen, was für ein Mensch vor dir sitzt, welches Weltbild er für das selig machende hält. Und dann auswählen, was dir gefällt. Denn wenn man allen Ratschlägen jedes Therapeuten folgen würde, der den eigenen Lebensweg bzw. Leidensweg streift, man müsste sich permanent und teilweise radikal ändern.
Ich schnappe mir meinen Rucksack, gebe Sibylle und den Kindern einen Abschiedskuss und steige aufs Rad, das draußen vor der Haustür bereits wartet. Noch den Mini-Kopfhörer aufgesetzt, Alanis Morisette als Mixtape gestartet und los geht’s. Freue ich mich eigentlich auf die Arbeit? Ist irgendwie schwer zu sagen. Momentan hab ich wohl eher Angst vor dem, was mich erwartet. Angst, wieder die gleichen scheinbar guten Ratschläge zu kriegen, auf Unverständnis zu stoßen oder vielleicht sogar irgendwann die Kündigung in Händen zu halten. Okay, Letzteres ist wohl meinem Drama-Queen Anteil geschuldet.
Das surrende Geräusch der Reifen auf dem Asphalt klingt ungewohnt nach der langen Zeit ohne Fahrradfahren. Die Felder sind leer, es ist kalt aber kein Schnee pudert die Landschaft ein, es ist eher grau und trist. Dann wechselt die Umgebung und ich gelange in die Außenbezirke meines Arbeitsortes. Typische Einfamilienhäuser, so sauber und gepflegt wie austauschbar. Genau wie die Leben, die darin geführt werden. Vor jedem Haus parkt mindestens ein Auto. Gewaschen, gepflegt, auf Pump gekauft. Wie wohl auch das Haus, die Einrichtung, das ganze Leben. Auf Pump, geliehen, nicht das eigene sondern das, was man denkt, führen zu müssen.
Auf den Gehwegen sieht man viele Gestalten, die entweder noch gar nicht aufgewacht sind, oder für den Weg zur Arbeit beschlossen haben, dass man da auch mit noch halb wachem Verstand gut bedient ist. Wobei, eigentlich dürften viele auch während des Arbeitstags ihren Verstand irgendwo draußen zum Spielen geschickt haben, denn eigenständiges Nachdenken ist ja… Ich merke, ich muss aufpassen, ich eskaliere schon wieder Dinge, die mich auch nach den Therapien am Normaltag der Mehrheit stören. Dinge, die ich schon vor einem Jahr nicht für richtig gehalten habe und die ich auch heute ablehne. Aber leider bin ich nicht in der Situation, hier etwas ändern zu können. Nur darüber schreiben, das kann ich.
Denn seit der stationären Therapie arbeite ich an meinem ersten Buch. Ein Literaturagent war damals auf mich zugekommen und hatte gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könne, aus den Tweets, die ich #ausderklapse gesendet habe, ein Buch zu machen. Die Mail kam mir damals zunächst wie ein schlechter Scherz, wie Spam vor.
Mein Leben, eine Geschichte? Das Leben, das ich gerade sehr talentiert vor die Wand gefahren hatte? Meine Zeit in der Klapse wert, beschrieben zu werden? Die Antwort auf die Mail habe ich zunächst verschoben. Das Konzept an sich fand ich damals faszinierend, wollte ich doch als junger Erwachsener ernsthaft Journalist oder Schriftsteller werden. Aber mein nach Sicherheit suchender Teil meiner selbst riet mir intensivst davon ab, so daß aus mir dann doch ein eher langweiliger Informatiker wurde, weit weniger kreativ als ich es eigentlich werden wollte. Aber da hatte insbesondere meine Mutter ganze Arbeit geleistet und so viel Angst, so viel Unsicherheit in mich gepflanzt, dass mir die Gefahr weit größer schien als die Chance, etwas kreatives zu erlernen, etwas künstlerisches.
Ich schwenke in die Straße ein, in der auch das Bürogebäude meines jetzigen Arbeitgebers liegt. Von allen Seiten, aus Parkhaus, Bushaltestelle und Fußwegen strömen Menschen ins Gebäude. Ein Blick auf die Uhr: 8:00 Uhr. Auch wenn man eigentlich Gleitzeit hat und die Arbeit beginnen kann, wann man will so ist es hier wie wohl in vielen anderen Unternehmen auch. Die Mehrheit schätzt den klassischen 8 Stunden Tag von 8:00 Uhr bis 16:30. Dann ist die Rush-hour, dann sind die Busse überfüllt, dann stauen sich die Menschen vor der Eingangstür. Man mag immer wieder hören, dass Menschen nach Individualität streben, nach anders sein. Aber die Mehrheit definiert eine Norm und betrachtet jeden sehr kritisch, der sich ihr nicht vollumfänglich unterwirft.