Sind junge Informatiker Weicheier? Ich sage NEIN! Aber menschlicher.

IT-Nachwuchs taugt nicht für Führungsjobs: Titelt die Computerwoche und zitiert eine eine Langzeitstudie der Eligo GmbH.
Angeblich wären die Informatiker eher extrinsisch motiviert durch ein gutes Gehalt und scheuten Macht oder Konflikte.

Das kann sein, ich vermute aber eher, dass die jungen Informatiker einfach die Schnauze voll davon haben, Familie und Freunde für eine unsichere Karriere zu opfern, die weniger auf fachlichem Wissen als auf Küngeleien und Grabenkämpfen zwischen Managern beruht. Könnte es nicht auch einfach sein, dass die junge Generation erkannt hat, dass das Management der Vergangenheit viele zu opportunistischen Karrieristen gemacht hat, die ihre Freizeit und ihr Familienleben für die Karriere opfern um dann doch irgendwann durch einen neidischen oder konkurrierenden Managementkollegen rausintrigiert zu werden?

Wir haben doch alle gesehen, wohin uns die bisherigen Managements gebracht haben: In eine große Finanz- und Wirtschaftskrise, die uns alle fast ruiniert hätte. Und da sollen die jungen Hochschulabsolventen bereit sein, gerade so weiterzumachen wie bisher? Schlau sind sie sage ich, dass sie Familie vor Karriere, soziales Verhalten vor Konkurrenzkampf stellen. Nicht die jungen Informatiker sind das Problem sondern die alten Betonköpfe in den oberen Etagen, die auf ihresgleichen warten, obwohl gerade ihr System gnadenlos versagt hat!

Ich wage zu behaupten, dass wir endlich wieder eine Generation haben, die nicht ein Leben auf Kosten anderer führen will, der soziales Verhalten wieder wichtiger ist als Karriere um jeden Preis. Sie haben schliesslich selbst erlebt, welchen Mist die Generation vor ihnen gebaut hat. Selbst die Computerwoche vermutet anderes, als die Studie suggerieren will: Zitat “ Dazu gehört, dass Macht als Anreiz immer unwichtiger wird. Vor allem junge IT-Frauen legen darauf kaum Wert (33 Prozent), während Familie immer wichtiger wird (64 Prozent). Auch unter IT-Männern rangiert die Familie vor der Macht.“ Jap, genau, denn die Familie IST wichtiger. Und das eigene Leben, und zwar hier und heute, nicht erst wenn die Karriere abgeschlossen und die Gesundheit ruiniert ist.

Ich merke das bei mir bei meinem Arbeitgeber sehr gut. Dank flexibler Arbeitszeitmodelle, Pflegezeit für pflegebedürftige Angehörige, einer zielorientierten Vergütung, die aber über alle Arbeitnehmer errechnet wird herrscht bei uns eine hohe Zufriedenheit und eine geringe Fluktuation. Gerade im angeblich kommenden „War for Talents“ kann auch so etwas der entscheidende Faktor werden.

Was motiviert die Crowd? 5 Punkte, die eine Crowd erfolgreich machen.

Gerade hat wieder eine TV Sendung über „Die Macht der Crowd“ berichtet. Dabei ging auch „Neues“ der Frage nach, warum nehmen Menschen an einer Crowd teil.
Leider wurde auch hier nur die Motivation der „Crowd“ betrachtet. Ich denke aber, es geht vielmehr darum, warum eine Teilnahme durch ein Individuum stattfindet. Das kann nicht alleine durch die Anziehungskraft der Masse erklärt werden. Vielmehr denke ich, es gibt einige wichtige Faktoren, die dazu beitragen, ob ein Crowdprojekt interessant wird, oder warum es verschwindet:

1) Das Thema:
Es muss sich um etwas handeln, das auch viele Menschen anspricht: Die Hilfe in einer Notlage (Haiti), die wertvolle Hilfe im Kampf gegen Krankheiten (malaria@home) oder den Klimawandel (climateprediction@home)

2) Die Wertschätzung des Einzelnen:
Auch wenn ich Teil einer Crowd bin, will ich das Gefühl haben, nicht einfach nur ein unbedeutender Teil einer Masse zu sein. Das kann eine Wertung meiner Teilnahme durch ein Punktesystem sein, verschiedene Auszeichnungen (z.B: das Erreichen eines bestimmten Levels in einem Spiel) oder auch besondere Belohnungen wie z.B. bei Kickstarter, wo man evtl. ein Produkt sehr früh oder mit persönlicher Widmung bekommt. Übrigens ist es ein großer Irrtum anzunehmen, nur durch einen monetären Gewinn liesse sich zu einer Teilnahme motivieren. Gerade Crowdprojekte mit einem gewissen ethischen oder wissenschaftlichen Anspruch könnten sogar darunter leiden, da hier dann der Gewinn des Einzelnen wieder über der Idee der Gemeinschaft stünde und somit nicht das Erreichen des gemeinsamen Ziels im Vordergrund stünde.

3) Die „Aufwertung“ des Einzelnen:
Teilnahme an wichtiger Forschung bedeutet auch, Teil eines bedeutsamen Ganzen zu sein. In einer Zeit, in der viele in ihrer Arbeit gar keine Erfüllung mehr finden, sucht man die Bedeutung in Bereichen, die einem selbst wichtig sind. Zudem ist die Teilnahme an einer bestimmten Crowd auch ein Alleinstellungsmerkmal. Speziell wissenschaftliche Projekte profitieren von dem Interesse der Crowd, an etwas wichtigem teilzuhaben oder auch neues zu erschaffen. So leben Projekte wie Galaxy Zoo oder Einstein@home gerade auch vom Interesse der Crowd an Wissenschaft, und an der Suche nach neuen Erkenntnissen und spannenden Antworten auf bislang unbeantwortete wissenschaftliche Fragen.

4) Die Teilnahme muss einfach und auch unterbrechbar sein:
Eine Crowd, die mich Zeit kostet und diese Zeit auch regelmässig einfordert, wird auf Dauer leiden. Nur wenn ich die Teilnahme unterbrechen kann oder noch besser, die Teilnahme still und unaufällig im Hintergrund läuft (Boinc, Seti@home etc.), wird die Teilnahme auch längerfristig sicher sein.

5) Regelmäßiges spannendes Feedback:
Oft reicht es, wenn dabei interessante grafische Darstellungen den Fortschritt visualisieren, man in einem gemeinsamen Ranking besser werden kann oder durch die Teilnahme auch selbst Hilfe erlangt (openstreetmap). Wenn ich still mitarbeite und keine Transparenz über meine Teilhabe existiert, wird die Crowd bald zu transparenteren Projekten abwandern. Einzige Ausnahme: Crowds, bei denen die Teilnahme teil der Dienstleistung ist. Die Stauprognosesysteme von TomTom und Navigon basieren auf dem Aspekt des Teilens der eigenen Bewegungsinformationen um daraus evtl. Staus zu extrapolieren. Hier verschwindet aber die Crowd für den Nutzer, insofern kann man hier auch von einer „Secret Crowd“ sprechen. bei der die Frage der Motivation bereits durch den angebotenen Dienst abgedeckt wird.

Die Schule als Lernbüro. Warum wir ganz andere Modelle brauchen.

Vor kurzem hatte ich ja über die größten 10 Demotivationsmöglichkeiten gebloggt (ironisch, das will ich noch mal deutlich klarstellen). Aber dabei fel mir eines auf. Viele dieser Punkte konnte ich direkt aus meiner Erinnerung auch auf meine Erfahrung und die meiner damaligen Klassenkameraden mit der Institution Schule anwenden.
Letztlich war das ein Ort, in dem man unreflektiert Informationen an den Kopf geworfen bekam nach dem Motto erinnere dich oder fall durch, es wurde aber weder vermittelt, wofür im eigenen Leben diese Informationen nützlich sind noch wurde hinterfragt, ob man nur memorierte oder auch verstand. Letztlich war und ist auch heute noch oft das Ziel des Schülers, die Informationen bis zur nächsten Klassenarbeit, in der sie abgefragt werden zu memorieren um sie danach möglichst schnell wieder zu vergessen (bewusst oder einfach, weil man keine alltägliche Anwendung mehr dafür da ist).

Ich plädiere deshalb für einen anderen Ansatz. Wir sollten das Konzept des Büros auf die Schule anwenden. Keinerlei Frontalunterricht mehr (dieser wird ja jetzt bereits abgeschafft) sondern Lernprojekte. Die Schule muss wieder zum Lernort für Schüler werden. Hierfür müssen aber auch neue Medien, Technologien, wie sie im Büro zur Verfügung stehen und eine Offenheit UND Kompetenz im Umgang mit ihnen vorhanden sein. Kein Computer, kein Internet ersetzt die Reflektion mit dem Lerninhalt, die Auseinandersetzung zum Beispiel im Rahmen eines Projekts. Aber wenn wir unsere Kinder wirklich bilden wollen, dann sollten wir endlich bereit sein, sie auch als intelligente, lernwillige Wesen zu sehen. Jedes Mal, wenn ich im Rahmen der Berufsorientierung bei mir im Unternehmen wieder neue Schüler aus Realschule und Gymnasium erlebe, stelle ich fest, dass das Interesse meist sehr einfach zu wecken ist, wenn man den Alltag, das Leben der Schüler mit einbezieht und sie nicht nur rezipieren sondern auch direkt umsetzen lässt. Mit grosser Freude erlebe ich immer wieder, wie Schüler sich an das Zusammenbauen eines PCs machen, selbständig ein Betriebssystem (natürlich Linux) installieren und im Laufe dieses Prozesses oft auf überraschende und hochintelligente Fragen kommen. Und da für mich die Betreuung nicht mit dem Ende des Berufsorientierungstages aufhört, erhalten sie zumeist auch meine internetbasierten Kontaktdaten. Über diesen Weg erfahre ich dann später oft, dass die im Betrieb vorgestellten Themen
Warum denken wir Schule nicht wie ein Büro? Jeder Schüler ist „Mitarbeiter“ mit dem Ziel, den Jahrgang auf ein gewisses Wissensniveau zu heben. Die Lehrer sind quasi die Projektleiter, Coaches und für die schwächeren Schüler durchaus auch mal der Nachhilfelehrer, aber nicht mehr der unter Dauerstress stehende Vortragende, dem die Schüler lediglich mehr oder minder aufmerksam lauschen. Durch Umgang mit Büchern, mit dem Internet, durch das Erstellen von Präsentationen zu Themen oder der Arbeit an einem Projekt, das physikalische, chemische oder biologische Fragestellungen beantwortet wird quasi im Arbeitsprozess gelernt. Die neuen Ganztagsschulen bieten hier schon den zeitlichen Rahmen. Aber natürlich müssen wir uns auch im Klaren sein, dass wir nur in dem wir auch Geld in die Hand nehmen, in dem wir in die Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer und auch in ihre (nicht nur mediale) Ausrüstung investieren, es auch zu einer Verbesserung der Gesamtsituation führen wird. Wenn in Schulen immer noch mit Filmprojektoren gearbeitet werden muss, wenn Internet und neue Medien immer noch als Teufelswerk abgetan werden, dann werden wir früher oder später den (Bildungs-) anschluss ganz verlieren. Wir müssen Bildung neu denken. Oder eigentlich wieder ganz alt. Wir müssen Schülerinnen und Schüler wieder für das Leben vorbereiten. Und dazu reicht es nicht, wenn sie das Auswendig Lernen lernen. Dazu muss der Umgang mit Informationen, ihre Filterung, ihre Bewertung und die Umsetzung in den konkreten Alltag der Schülerinnen und Schüler im Fokus stehen.

Dann wird vor allem auch der Lern- und Versagensdruck genommen und ganz nebenbei die Teamarbeit, der faire Umgang auch mit Schwächeren und Fragestellungen wie Ethik und Moral erlernt, durch selbsttätiges Handeln der Schüler. So und nur so lässt sich die intrinsische Lernmotivation fördern. Extrinsische Motivation funktioniert schon im Berufsleben mehr schlecht als recht. Warum glauben wir dann noch ernsthaft, dass wir Lust am Lernen, Lust an Bildung durch extrinsische Motivation, oder direkter gesagt, durch Angst vor schlechten Noten, Angst vor Versagen fördern?

privat weiter ausgearbeitet wurden.

Update: Ich scheine durchaus nicht alleine mit diesen Ansichten zu sein. In der ZEIT-Online findet sich ein interessanter Artikel „Etwas Respekt, bitte“, der sich exakt mit diesen Thesen befasst. Die dort empfohlenen Bücher werde ich mir mal genauer ansehen.

Neue Publikationswege: Offenes Wissen und Print on Demand, epubli machts vor

Jörg Kantel berichtet in seinem Blog „Schockwellenreiter“ von einer wie ich finde hochgradig spannenden Kooperation zwischen dem Max Plank Institut, bei dem er arbeitet und epubli. Die »Max Planck Research Library for the History and Development of Knowledge« will Publikationen zur Wissenschaftsgeschichte frei zur Verfügung stellen und konnte für die Print on Demand Lösung epubli gewinnen. Interessant hierbei folgender Absatz in Kantels Blog:

Zitat: „Als Print-ond-Demand-Partner für die Buchfassung haben wir epubli gewinnen können, die bereit waren, ihre Standardverträge so weit zu öffnen, daß sie kompatibel zu der Creative-Commons-Lizenz waren (viele andere Print-on-Demand-Anbieter haben ähnliche Knebelverträge wie die »klassischen« Verlage und damit wäre uns nicht geholfen gewesen).“

Tja, da sieht man mal wieder, wer die Zeichen der neuen Zeit erkannt hat, und wer nicht. Gerade solche Aktionen bieten zum einen die einmalige Chance, wissenschaftlich spannende Materialien einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und stellen gleichzeitig ein sehr schönes Bindeglied zwischen Print und Online dar. Mehr davon, solche Aktionen sollten gefördert werden. Und wie schon Cory Doctorow bewiesen hat. Das kostenlose Bereitstellen der elektronischen Version kann durchaus auch zu einer Steigerung der Verkaufszahlen der klassischen Printversion führen. Gerade wenn ich die Chance habe, vorher quasi „reinzulesen“ und dennoch später das Buch auch physisch im Regal haben möchte. Mein Wunsch ist und bleibt in der Beziehung: Best of both worlds. Wenn ich das „physische Buch“ kaufe, will ich auch die EBook Version ohne Aufpreis dazu.

Update vom 3.3.2011: Der Spiegel Online bringt heute einen interessanten Bericht über die Autorin Amanda Hocking, die sehr erfolgreich Vampir-Liebesromane schreibt, aber ganz ohne Verlag als EBook. Man sieht, es geht nicht darum, daß das Buch stirbt, sondern dass Verlage sich schlicht umorientieren müssen um die neuen Konzepte zu integrieren. Dienstleister wie epubli sind da ein innovativer Vorreiter.

Ob Elektroauto oder EBook, es mangelt an Infrastruktur!

Warum boomen die neuen Technologien nicht? Warum sind EBook, E-Auto oder auch Video on Demand immer noch keine Massenprodukte? Viele glauben, es hängt an der Verfügbarkeit der Geräte, Fahrzeuge oder Dienste.

Falsch: Das Hauptproblem ist und bleibt die mangelnde Infrastruktur! Solange ich nicht sicher sein kann, daß ich überall, wo ich Benzin tanken kann, auch mein Elektroauto schnell aufladen kann, solange ich nicht in jedem Online Buchladen ALLE im Moment verfügbaren Bücher in einem Format für ALLE Lesegeräte herunterladen kann wird auch der Massenmarkt diese Techniken nicht akzeptieren. Wenn ich mir einen Fernseher mit Video on Demand anschaue, aber erst umständlich bei meinem Provider nachrecherchieren muss, ob er mir die nötige Bandbreite bereitstellen kann, wird die Technologie kein Erfolg. Und wir dürfen nicht erwarten, daß die Unternehmen die Infrastrukturen bereitstellen.
Das muss Aufgabe des Staates sein. So, wie es gewisse Dienstleistungen gibt, die einfach nicht dem Diktat des Marktes folgen sollten (Gesundheit, Straßenbau, Strom-, Wasserversorgung, Bahn ) so müssen auch die neuen Technologiinfrastrukturen vom Staat vorangetrieben werden um auch jene Regionen zu erreichen, in denen die Einrichtung nicht nach unternehmerischen Gesichtspunkten profitabel ist, wohl aber aus gesellschaftlicher Sicht. Sonst haben wir früher oder später Megastädte, in denen die Menschen zu überteuerten Preisen leben müssen und komplett verödete Regionen, die sowohl kulturell als auch technologisch abgehängt sind.

Natürlich wird im Moment die Renaissance des Lebens in der Stadt gepredigt. Aber das ist so durchschaubar, denn es bedeutet vor allem für die Konzerne Dienstleistungen an Kunden verkaufen zu können, ohne selbst investieren zu müssen.

Wir müssen neben dem Profit der Konzerne auch immer den Nutzen, den Bedarf des Bürgers, nicht des Konsumenten im Auge behalten. Und wir sind alle schon längst so weit von profitorientierten Großkonzernen zu reinen Melkkühen für überteuerte Dienstleistungen geworden, die wir dann noch selbst erledigen müssen (man sagt dazu großspurig kundenorientierter Self-Service wenn man eigentlich meint. Wir sparen uns teure Angestellte und ihr Kunden arbeitet für uns kostenlos mit).

Der Kunde der Zukunft erwartet Service. Individuell und überall. Und das kann nur geleistet werden, wenn auch der Staat mit involviert ist, wenn auch der Bürger eine Lobby hat und nicht nur der zu melkende Konsument, der am richtigen Ort für den Konzern lebt.

Wenn ich Krankenhäuser und das Gesundheitswesen nur noch profitorientiert führe, wird es bald nur noch in Ballungszentren Ärzte und Krankenhäuser geben. Dann wird das Leben in ländlichen Regionen zum Überlebenrisiko. Dann werden ganz Regionen veröden. Und eine Ballung der Bevölkerung in wenigen Megacities mag für Konzerne oder Verwaltungangestellte wünschenswert sein, kulturell und auch was die ländlichen Dienstleistungen angeht, könnte sich das bald gegen die städtischen Monokulturen wenden. Und wenn ich nicht auch auf dem Land entsprechenden Zugang zu schnellem Internet biete, werden immer mehr Unternehmen dort wegziehen und somit eine Arbeitslosigkeit der Landbevölkerung bewirken, die extrem risikoreich für das soziale Gleichgewicht werden könnte. Zumal dann auch der Pendlerverkehr wieder steigt, was wieder eine höhere Belastung der Transportinfrastrukturen UND der Umwelt bedingt.

Soziale Netze und neuronale Netze: Ein Antwortversuch zum Carta Artikel

Matthias Schwenk sieht in den neuen Erkenntnissen der Hirnforschung neue Chancen für die Marktforschung:“ Soziale Netze, neuronale Netze und das Zeitalter der Transparenz — CARTA.“

Dem möchte ich widersprechen. Die Ideen, die auch in dem Vortrag von Sebastian Seung dargestellt werden, unterscheiden sich extrem deutlich von den Fragen der modernen Marktforschung. Denn selbst, wenn es eines Tages gelingen sollte, das sogenannte Connectom eines Menschen, also das Equivalent des Genoms aus den Vernetzungen des Gehirns zu extrahieren, hat die Wissenschaft nicht weniger, aber auch nicht mehr als die physikalische Struktur des Gehirns in der Hand. Dann erst kann überhaupt damit begonnen werden, zu erforschen, wie in diesen komplexen Vernetzungen Gedanken entstehen.

Auch die bisherigen Erkenntnisse aus den Untersuchungen mit MRT, die zum Beispiel zu Theorien über Spiegelneuronen führten, die aktiv sind, wenn  ein bestimmtes Handlungsmuster ausgeführt oder beobachtet wird (vor kurzem in einem Artikel in der Zeit sehr schön dargestellt) sind mit sehr viel Vorsicht zu geniessen. Es muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass eine Aktivität in einer Hirnregion beim Anblick eines Apfels etwas über Apfel als Repräsentationsmuster im Gehirn aussagt, es kann verschiedenste Ursachen haben, wie ein bestimmtes neuronales Aktivierungsmuster beim Betrachten von Objekten, eine Kategorisierung in „Lebensmittel“ oder ganz andere Bedeutungen. Wir wissen einfach noch NICHTS darüber, wie sich aus der Struktur des Gehirns die metaphysische Ebene des Individuums manifestiert. Viele Forscher arbeiten an diesen Fragen, aber es wird noch Jahrzehnte dauern, bis hier wirklich tiefergehende Erkenntnisse kommen. Insofern würde ich hier keine zu großen Erwartungen in eine Projektion der Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft in die Sozialen Netze legen. Denn dort operiert nicht ein physikalisches Medium aus Neuronen, Synapsen und deren Vernetzung sondern emotionale und verstandgelenkte Wesen, die nicht so einfach durchschaubar sind, wie sich das die Marktforschung gerne vorstellen würde.

Sicher, wir erlangen immer tiefere Erkenntnisse in die funktionalen Bestandteile des Gehirns. Aber ebenso wie es eine immer tiefer gehende und komplexere Forschung nötig ist,um  zu verstehen, WAS die ganzen Genombestandteile bedeuten, wird es noch komplexere Forschung bedingen, auch nur annähernd zu verstehen, wie aus Verstärkung und Abschwächung, aus vielfacher Vernetzung von Neuronen das entsteht, was wir Bewußtsein, ja Denken nennen. Die Verbindung von Größe der Amygdala und Grad sozialer Vernetzung ist nach ersten Erkenntnissen da, aber warum? Wie entsteht sie? Hängt sie wirklich mit der Größe sozialer Vernetzung zusammen, oder mit dem Grad an Kontaktfreude? Mit der Charaktereigenschaft der Extorvertiertheit?

Liest man bei Wikipedia nach, wird der Fehler in der Grundannahme offensichtlich. Die Korrelation bedingt keineswegs einen Zusammenhang der beiden Nenngrößen zueinander.

Zitat Wikipedia:“Die Korrelation beschreibt die Beziehung zwischen zwei oder mehreren statistischen Variablen. Wenn sie besteht, ist noch nicht gesagt, ob eine Größe die andere kausal beeinflusst, ob beide von einer dritten Größe kausal abhängen oder ob sich überhaupt ein Kausalzusammenhang folgern lässt.“

Solche Zusammenhänge werden aber in den Medien gerne konstruiert, weil sie „halt spannend klingen für den Leser“

Daheim an jedem Ort der Welt. Die Chancen von Location Based Services

Eine Technologie, die in meinem Umfeld von vielen noch mit einem Lächeln bedacht wird sind die Location Based Services also ortsbezogene Dienste.

Die Technik ist denkbar einfach und in immer mehr Smartphones und mobilen Endgeräten verfügbar. Es bedarf lediglich eines GPS Empfängers und eines Zugangs zum Internet, idealerweise über eine Flatrate.

Beides verbreitet sich im Moment auch dank neuer Devices wie Smartphones und Navigationsgeräten mit sogenannten „Live“ Diensten, also Serviceleistungen, die direkt aus dem Internet geladen werden immer weiter.

Als einfachste Beispiele seien hier nur positionsabhängige Verkehrsdaten genannt, die in das Navigationsgerät des Nutzers eingeblendet werden. Das ist mittlerweile sehr dynamisch und aktuell möglich. Denn jedes Gerät, das einen Zugang zum Netz besitzt und den mobilen Dienst nutzt, meldet entweder über die Veränderung der Netzzelle des Mobilfunkgeräts (TomTom) oder über die Veränderung der Position des Navis (Navigon) an zentrale Server Mobilitätsdaten aus denen zeitnah viel genauere Verkehrsprognosen errechnet werden können, als bislang möglich.

Aber denken wir weiter. Dienstleistungen, die ich unterwegs benötige, sind ortsbasiert abrufbar, z.B. das nächste Restaurant, Hotel, die nächste Werkstatt. Verbinden wir dies noch mit Bewertungsportalen wie doyoo, guenstiger.de, qype oder ähnlichen und wir haben ein lokales Empfehlungssystem das ähnlich funktioniert wie der Tipp des guten Freundes vor Ort.

Was heisst das aber? Unternehmen müssen sich viel mehr mit dem Image und den Bewertungen in solchen Portalen ausseinandersetzen, denn es kann schnell passieren, dass durch ein negatives Ranking die Kunden, geleitet von solchen mobilen Diensten den nächsten Konkurrenten aufsuchen.

Ins Extrem gedacht warte ich nur auf die erste Anwendung, die anhand der aktuellen Position, der Preise umliegender Geschäfte und der Kosten für die Fahrtstrecke (Benzin, Fahrzeugkosten) den günstigsten Händler auswählt, der nicht mehr zwangsweise im selben Ort liegen muss!

Wir sehen, der Kunde, speziell der gut informierte oder ausgerüstete Kunde erhält plötzlich viel mehr Wahlmöglichkeiten. Aber auch für die Unternehmen selbst sind solche Dienste interessant. Zum einen kann der Außendienst damit oft effektiver operieren, hat er doch neben den Kundendaten auch die optimale Route zum Kunden, günstige Übernachtungsmöglichkeiten und lokale Nachrichten stets dabei.

Denkbar ist zudem ortsbezogene Werbung. Diese darf aber nicht als Selbstzweck daherkommen. Sie muss verknüpft sein mit einem Mehrwert. Klassisch geht das über die Dienstleistung, die entweder kostenpflichtig ohne Werbung oder kostenfrei mit dezenter Werbung daher kommt.

Selbst Kulturinstitutionen können sich Location Based Services zu Diensten machen. Das Museum, das auch im Smartphone oder Navi auftaucht, wird sicher in Zukunft mehr Besucher anziehen, als das nicht aufgeführte.

Und unsere sozialen Netwerke können wir in Zukunft mittels Location Based Services viel dynamischer verknüpfen, Treffen werden informeller möglich.

Habe ich in Zukunft Gesprächsbedarf z.B. zu einem beruflichen Problem oder suche ad hoc ein Team für eine bestimmte Aufgabe, ist durchaus denkbar über Dienste wie Foursquare oder Gowalla die Menschen im Freundeskreis zu finden, die für die aktuelle Aufgabe greifbar sind, und ggf. gleich ein Treffen zu vereinbaren.

Und es gibt sicher noch Anwendungsfelder, die noch nicht mal angedacht sind. So kann ich mir einen Dienst vorstellen, der Menschen auffindet, die gerade im befreundeten Umfeld sind und dieselben sportlichen Interessen haben, um z.B. einen Partner für eine bestimmte Sportart zu finden (quasi die Foursquare Tennis App). Ebenfalls gerade im Entstehen ist ein Dienst namens piggyback, der abhängig vom aktuellen Ort Mitfahrer findet und somit die Effizienz des privaten Transports steigern könnte. Ich muss nur prüfen, wer in meiner Umgebung gerade Mitfahrbedarf in eine bestimmte Lokation hat und kann spontane Fahrgemeinschaften bilden.

QR Code von Living the future
QR Code Living the future

Auch Coworking beginnt sich bereits mit mobilen Diensten zu verknüpfen, so daß ich als mobiler Mitarbeiter nicht mehr zwangsweise in die Zentrale kommen muss, sondern mir, z.B. bei Staus auf der Autobahn zum Arbeitsplatz eine vernetzte Arbeitsmöglichkeit in der Umgebung suchen kann und von dort remote arbeiten. Natürlich geht dies einher mit einem „Cultural Change“, denn dann muss es dem

Mitarbeiter auch möglich sein, HomeOffice oder CoWorking in Anspruch zu nehmen. Dies wird aber in unserer sich stark in Richtung Wissensarbeit verändernden Arbeitswelt in Zukunft ein immer geringeres Problem werden.

So wie heute Soziale Netzwerke uns virtuell über Orts- und Zeitgrenzen hinweg vernetzt halten, werden es Location Based Services in der Zukunft auch im realen Leben tun.

Ein ganz neues Konzept sind die sogenannten StickyBits, QR-Codes, die man mit eigenen Informationen befüllt an reale Objekte haften kann. Ausgelesen offenbaren sie dann ihre geheime Botschaft. Hier ein Beispiel:

Ein StickyBit von mir

Der nächste und nur konsequente Schritt wird dann von den Location Based Services zur „Augmented Reality“ gehen. Darüber demnächst mehr in diesem Blog.

„Home is where my hat is“, dieser Satz wird bald eine viel tiefere Bedeutung erhalten.

Update: Noch ein interessanter Artikel, der in eine ähnliche Kerbe schlägt kommt, man lese und staune vom Buchmesseblog unter dem Titel: Vernetzte Welten

Wenn Schule besser motiviert als Unternehmen

Gestern hatte ich eine interessante Erfahrung. Das Gymnasium meines ältesten Sohnes bot einen pädagogischen Abend für Eltern an. Dort wurden verschiedenste Erkenntnisse aus der modernen Psychologie dargeboten, um es den Eltern zu gestatten, ihren Kindern individuell zu helfen. Es kamen Themen auf den Tisch wie extrinsische versus intrinsische Motivation (klares Votum der Lehrer, nur intrinsisch wirkt, extrinsisch ist zum Scheitern verurteilt), es wurden die verschiedenen Arbeitstypen dargestellt (auditiv, visuell etc.) und viele Erkenntnisse, die ich zum ersten Mal vor über 10 Jahren während meines Studiums kennengelernt hatte, als wir im Rahmen des maschinellen Lernens auch neueste Erkenntnisse aus der Psychologie kennenlernten.

(Für alle, die es genau wissen wollen, ich habe Computerlinguistik und Künstliche Intelligenz studiert, und in der KI war schon vor 10 Jahren Motivation und Lerntechnik und generell die Frage danach, wie das menschliche Gehirn Informationen speichert ein Thema. Vieles von dem, was heute als so furchtbar neu dargestellt wird, ist schon über 10 Jahre alt, nur wollte wieder mal keiner auf die Wissenschaftler hören)

Was mich dabei zum einen freut: Die Schule hat offensichtlich erkannt, dass nicht alle Schüler gleich sind. Das war noch zu meiner Schulzeit so, es gab nicht verschiedene Schüler, alle hatten gleich zu lernen.

Aber leider ist die Arbeitswelt in weiten Teilen noch nicht so weit. Es wird immer noch in vielen Bereichen geglaubt, man müsse jeden Arbeitnehmer „zum Jagen tragen“. Sogar Gewerkschaften glauben, die einzig wirklich gute Motivation ist mehr Bonus, aber natürlich nur ohne weniger Bonus bei Fehlleistung.
Es wird immer noch geglaubt, erl. Arbeit = Mitarbeiterzahl*Zeit.

Dabei ist die Formel weitaus komplizierter und tendiert eher in Richtung: erl. Arbeit = Mitarbeiter*Motivation^2/Kontrolldrang (oder so, Mathe war noch nie mein Fach 😉 )

Ich beneide meinen Sohn ein bisschen ob seiner modernen Schule, die zumindest das Bewusstsein zu haben scheint, dass Lernen und Motivation aus weit mehr besteht als Zuckerbrot und Peitsche! Bei meinem Arbeitgeber sind viele dieser Erkenntnisse auch schon angekommen. Aber – und Achtung, jetzt kommt ein klassischer Spruch – bei mir in der Schule hats das nicht gegeben. Hätte ich das damals gehabt, hätte ich mit Sicherheit leichter gelernt. Das ganze durchschaut habe ich erst im Studium, als ich plötzlich erkannt habe, dass es nicht an mir, sondern and er Methodik gelegen hatte, daran, dass ich ein Mensch bin, der Freiheitsgrade, kreative Freiräume wie die Luft zum Atmen braucht. Seitdem weiss ich, wie ich meine „persönliche Spitzenleistung“ erbringen kann. Nur mein Umfeld ist da manchmal nicht wirklich drauf vorbereitet.

Dan Pink zeigt im folgenden Video, das wieder mal auf der herausragenden Seite von TED zu finden ist, dass die Wissenschaft schon seit Jahren weiss, wie falsch die Wirtschaft oft motiviert, aber permanent ignoriert wird: