Nicht das Digitale ist kaputt, sondern unsere Gesellschaft

Wie oft höre ich Wehklagen über die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft. Dass alles immer schneller wird und man doch gar nicht mehr hinterher kommt.

Bullshit, verbreitet von Digitalisierungsgegnern, die meist nicht mal im Ansatz wissen, wogegen sie da wettern, aber über digitale Demenz und neue Cyberkrankheiten salbadern.

Es ist unsere Gesellschaft, die kaputt ist. Die sich immer mehr der Doktrin der Ökonomie unterwirft. Die immer mehr das Optimum fordert, die Kultur der Spitzenleistung, die dazu führt, dass immer mehr Menschen abgehängt, arbeitslos, depressiv und final gar zum Suizid getrieben werden. Wir machen uns kaputt durch die Normen, denen wir uns unterwerfen. Der Mensch als Humanressource, was für eine grausame Vorstellung. Das Leben nur dann etwas wert, wenn man eine bezahlte, selbst schlecht bezahlte Arbeit hat. Wobei die Wirtschaft ja am liebsten hätte, wir würden umsonst für sie arbeiten, das Geld sollen wir dann verdammt  nochmal woanders her bekommen.

Oder nehmen wir den sozialen Bereich. Jeder Banker würde über die Gehälter lachen, die immer stärker belastete PflegerInnen und Krankenschwestern bekommen. Und ein Krankenhaus nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten führen zu müssen zeigt doch sehr gut, wie tief unsere Gesellschaft gesunken ist. Gesundheit als ökonomisch verrechenbarer Wert. Gesundheit als etwas, bei dem man sich schon fast schämt, krank zu werden. Weil man ja dann den Unternehmen/Krankenversicherungen auf der Tasche liegt.

Wann haben wir uns eigentlich einreden lassen, Nebenkriegsschauplätze wie die Digitalisierung wären Kampfzone?

Die zunehmende Überwachung durch unseren Staat, der immer höhere Druck auf den Menschen, Leistung bringen zu müssen oder sonst ins existenzielle Nirvana von Hartz IV zu stürzen. Das sind die Probleme, die wir angehen müssen. Wir werden depressiv, wenn wir uns zu viel mit anderen vergleichen. Richtig. Aber ist es nicht teil unserer im Moment doch ausgesprochen kranken Kultur? Immer besser? Immer mehr? Wachstum auf Teufel komm raus, obwohl das in einem geschlossenen System gar nicht geht?

Und wie menschenverachtend ist es, von einer Flüchtlingskrise zu sprechen, wo wir doch eine Krise der vielen Kriege haben, für die auch unsere ach so wichtigen deutschen Rüstungskonzerne ihr Schärflein beigetragen haben, indem sie den Diktatoren die Waffen in die Hände drückten, die jetzt dafür sorgen, dass Millionen von Menschen fliehen, schlicht, um am Leben zu bleiben und nicht von UNSEREN Waffen erschossen zu werden.

Wir brauchen endlich eine gesellschaftliche Diskussion, was unsere Wirtschaft darf und was nicht. Wir brauchen eine Diskussion, was uns ein Mensch an sich wert ist und ob nicht Themen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen vielleicht nur der erste Schritt sind zu einer Emanzipation aus den ökonomischen Zwängen der Konzerne.

Wir sollten aufhören, über das Digitale zu diskutieren, das schon seit Jahren da ist. Wir sollten über unsere Gesellschaft diskutieren, die nach meinem Eindruck von Jahr zu Jahr kranker wird, ganz ohne Digitales.

 

Die Sucht nach der Sucht

Ich steige mal herab. Ich begebe mich auf ein Niveau, das ich eigentlich nicht wirklich betreten mag. Das Niveau der Nörgler, der Mahner und Kritiker, die hinter allem die ultimative Bedrohung sehen.

Den Humbug Internet sucht, den es noch überhaupt nicht als offiziell anerkannte Diagnose gibt mal ganz außen vor gelassen und wie viel manche Ärzte und Therapeuten mit der Behandlung dieser nicht anerkannten Sucht verdienen. Aber ist euch schon mal aufgefallen, dass so ziemlich alles, was Menschen mit mehr Enthusiasmus als der Durchschnitt tun früher oder später dazu führt, dass angebliche Experten wie ein Herr Spitzer von Sucht reden, von Behandlung, von Gefahr?

Computerspielesucht, Sucht nach gesundem Essen (Orthorexie, ohne Scherz, gibt es angeblich wirklich), Facebooksucht, Social Media Sucht. Alles wird so dargestellt, als wäre es eine fundiert untersuchte und anerkannte Sucht. Schwachsinn sage ich. Schon immer gab es Menschen, die sich für Themen mehr begeisterten, als der Durchschnitt. Aber deshalb gleich von Sucht zu sprechen, insbesondere, wenn keinerlei wirklich fundierte Untersuchungen existieren, halte ich für unverantwortlich. Andererseits, gefährliche und ausgiebig erforschte Süchte wie die Alkoholsucht, werden sogar noch gefördert und auf Festen zelebriert. Seltsam, wie sehr hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Ich habe oft den Eindruck, es geht hier dem einen oder anderen Psychologen, Arzt oder Therapeuten mehr darum, seine Klientel zu erweitern, als wirklich Menschen mit gefährlichen Süchten zu helfen.

Fundierte Studien, ernsthafte Untersuchungen und vor allem eine differenzierte Darstellung der wirklichen Gefahren einer neuen Sucht. Das scheinen die Medien nicht zu schaffen, und oft nicht mal angebliche Experten.

Wer einmal einen Rumpelstilzchen Vortrag von Dr. Spitzer erlebt hat, dürfte verstehen, was ich meine.

Wenn man in der Gesellschaft aber eine Technologie wie z.B. das Internet permanent schlecht redet, werden die armen Schäfchen in Scharen in die Arme von Scharlatanen rennen, die eine Sucht behandeln, die es bislang noch gar nicht offiziell gibt.

Ein Tag. Ohne Garantie. Aber länger

8:30 der Wecker klingelt. Zum 5. Mal. Er glaubt immer noch, er könne mich mit seiner Geräuschkulisse beeindrucken, was ich durch einen gezielten Wurf desselbigen in Richtung Wand konterkariere.

Kadöngel. Einschlag, wieder eine Kerbe mehr in der gegenüberliegenden Schlafzimmerwand.

Kurze Zeit später ein weiterer Aufschlag. Etwas dumpfer. Gleiche Wand. Mein Wohnungsnachbar bedankt sich bei mir und seinem Wecker für das vorzeitige Erwachen.

Aufstehen, aber langsam. Das öffnen des Rolladens deckt auf, dass es draußen nicht nur Tag, sondern schon geradezu obszön sonnig ist.

Nicht ganz meine Stimmung aber gut. Man kann nicht alles haben, und sich mit dem Wetter anzulegen gehört eher zu den wenig erfolgreichen Aktivitäten. Das mussten selbst ein paar Wetterfrösche mit deren Prognosen bereits erfahren.

Ich weiß nicht mehr ganz genau, was ich gestern getrieben habe, aber der Geschmack im Mund lässt mich vermuten, es muss etwas mit Torf, Haaren und irgendwelchen mehr oder minder brennenden Flüssigkeiten zu tun gehabt haben. Scheinbar fand Rüdigers Party entweder in einem Gartencenter oder in einem Tierheim statt.

Bad, ich sollte ins Bad. Zumindest mein Mundbiotop sollte wieder in einem eher normalen Aggregatzustand überführt werden.

Als ich die Zahnpasta auf die Zahnbürste pressen will, stelle ich fest, Handcreme. Hmm. Nicht ganz, was ich mir jetzt auf meine Zähne platzieren möchte. Ich suche nach der Zahnpastatube, finde sie schliesslich auch. Im Mülleimer. Leer. Nicht dieses Leer, mit dem man sich noch einen halben Monat die Zähne putzen kann weil die Spackos aus der Produktentwicklung die Tube so kontruiert haben, dass jeder normale Mensch maximal die Hälfte des Inhalts herauspressen kann. Nein. Leer im Sinne von aufgeschnitten, abgekärchert, abgeleckt. Leer eben.

Alternativen. Ich brauche Alternativen. Die Handcreme hat mich schon vor längerer Zeit eines Morgens nach einer sagen wir mal, ausgiebigen Feier in den eigenen Räumlichkeiten von ihrer mangelnden Reinigungskompetenz im Kontext des eigenen Beisswerkzeugs überzeugt.

Aber was nehme ich denn noch so zum Putzen. Fensterreiniger fällt aus. Zu flüssig. Diese Reinigungspaste mit der man sogar öligste Ölreste von den Händen bekommt. In der Konsistenz interessant, aber fürs Zahnfleisch eher schmerzhaft. Schliesslich belasse ich es bei der eher puristischen Variante und packe mir ein paar Brocken Seife auf die Zahnbürste. Denn ich erinnere mich noch aus meiner Jugend, dass offensichtlich selbst eine schmutzige Dialektik sich mithilfe einer wohldosierten Menge Seife im Kauraum wieder korrigieren ließe. „Sag nicht solche Worte, sonst muss ich dir den Mund mit Seife waschen.“ Ein Satz, wie aus der Marketingabteilung eines Großkonzerns. Sinnlos. Klingt aber gut.

Ich muss gestehen, Zahncreme schmeckt deutlich besser. Aber da muss ich jetzt durch. Danach, grobe Befeuchtung relevanter Körperregionen. Duschen wäre mir in meiner momentanen Gesamtverfassung noch etwas zu radikal. Dann zurück ins Schlafzimmer, Kleidung suchen, die noch tragbar ist. Der Schrank gibt im Moment nicht mehr viel her außer ein paar dicken Wollpullovern, die sofort von der Sonne draußen verspottet werden. Also der Boden. Ich finde schliesslich zwei fast gleiche Socken, eine alte Jeans, bei der man die Flecken noch als so etwas wie künstlerischen Ausdruck verkaufen kann und, es grenzt schon fast an ein Wunder, frische Unterwäsche.

Anziehen. Dreimal. Erst vergesse ich die Unterwasche, dann stelle ich fest, das T-Shirt ist nicht nur nach außen sondern auch von hinten nach vorne gekehrt.

Nicht mein Tag, bisher gar nicht mein Tag.

Frühstück. Kaffee. Mehr nicht.

Dieses ganze Brimborium mit Brötchen, Butter, Teller, Besteck. Jetzt nicht. Heute nicht.

Heute ist, Moment, mal überlegen. Montag. Na toll, das schwarze Schaf unter den Wochentagen. Auf dem Weg ins Büro, den ich Gott sei  Dank mit dem Bus absolviere und mir deshalb keinerlei Sorgen über mein Hand-Fuß Koordination bei der Steuerung eines Kraftfahrzeugs machen muss, der Busfahrer war ja hoffentlich nicht auf der gleichen Fete, versuche ich grob den Vortag zu rekonstruieren, komme aber nur so weit, dass es die Geburtstagfete von Rüdiger war, und dass er mich recht früh abgefangen und zu der Gruppe Kerle gelotst hat, die sich in einem Nebenzimmer seiner obszön großen Wohnung mit der Rüdigerschen Whiskysammlung befassten. Danach, Filmriss. Null, Nix, mein Gehirn muss ab diesem Zeitpunkt die Speicherung jedweder Sinneseindrück komplett eingestellt haben.

Nun gut, war wohl besser so. Die weiteren Businsassen sehen bei genauer Betrachtung auch nicht viel besser aus. Das meiste Büroangestellte mit Blicken, die irgendwo zwischen Schaffot und Beerdigung schwanken. Schüler sind schon längst in ihren Nürnberger Trichtern.

Im Büro angekommen beginnt der Arbeitstag, der sich am besten wie folgt beschreiben lässt. Sitzen, Monitor, Tastatur, Telefon, Anrufe. Nur unterbrochen von Meetings, die sich hervorragend eigenen, um die Primzahlreihe in Gedanken zu berechnen, Einkaufslisten für die nächsten drei Wochen zu erstellen und mit dem Bleistift hübsche Mandalas in die Schreibmappe zu malen. Was dann wirklich zu tun ist, klärt man bilateral via Telefon oder noch besser bei einem Kaffee.

Auch wenn ich es wirklich händeringend versucht habe. Wirklich witziges oder aufregendes aus meinem Büroalltag will mir partout nicht einfallen. Nicht dass ich nicht dankbar wäre ob dieser Quelle für das finanzielle Überleben. Nur ist sie halt kein Abenteuerspielplatz.

Die Busfahrt zurück nach hause gestaltet sich ähnlich kommunikationsbefreit wie die Hinfahrt. Gut, die Ohrstöpsel im Ohr und die Beschallung mit Nirvana in LAUT, also mein Nachbar kann mithören LAUT verhindern die Kommunikation auch weitestgehen. Nur einmal hat einer versucht, mit mir ein Gespräch zu beginnen. Ich hab ihn dann nur leicht irritiert grinsend angestarrt, wie sich da seine Lippen so bewegten ohne das ich auch nur ein Wort hören konnte und er hat dann auch ziemlich schnell aufgegeben und mir einen Zettel überreicht, der mich aufforderte, die Strafe für das nicht mitführen eines Bustickets zu zahlen.  Dummerweise geschah dies genau an einer Haltestelle, die der Kontrolleur, wie selbst mir jetzt in meine Gehirnwindungen gesickert war, zum Verlassen des Busses nutzte und mich mit einer vielleicht nicht berechtigten aber im Nachhinein betrachtet durchaus gerechten Strafe zurückließ.

Heute verlasse ich den Massentransporter zwei Stationen früher. Ich muss unbedingt noch was einkaufen. Nicht nur Zahnpasta. Auch noch ein paar so Dinger, die meinem Kühlschrank auch wieder eine Existenzberechtigung verleihen. Der Supermarkt. Keiner von den großen, keiner von den schönen. Aber das, was ich so für meine Basisversorgung brauche, das hat er. Meistens. Nicht unbedingt in meiner Geschmacksrichtung aber ich will da auch gar nicht zu anspruchsvoll sein.

Geldbörse auf, tatsächlich das Wunder des ein Euro Stücks wird mir zuteil.  Natürlich habe ich nicht bedacht, dass wir jetzt die Stunde des „ich muss nur noch schnell was einkaufens“ haben sowie die Stunde der Rentner, die mal gerne wieder jemanden kennenlernen wollen. Schaun wir mal. Brot, kein schlechtes Konzept. Gibts aber nur noch in der „die Hälfte verschimmelt bis Ende der Woche“ Größe. Käse, natürlich die Aufschnittmischung. Warum soll ich mich mit der Auswahl zwischen zwanzig verschiedenen Käsesorten rumschlagen, von der ich die Hälfte nicht mal geschmacklich unterscheiden kann. Während ich eine Tube Senf dazupacke, wabert mir mein Badezimmer im Kopf rum. Moment, irgendwas habe ich: Ich klatsche mir mit der flachen Hand an die Stirn, was mir teils besorgte, teils verängstigte Blicke einbringt. Zahncreme, fast vergessen.

Noch ein paar andere Kleinigkeiten, dann ab zur Kasse. Denke ich. Bleibe aber direkt da stehen, wo ich bin, denn mittlerweile hat sich die Schlange vor der Kasse bis zum anderen Ende des Supermarkts ausgedehnt. Na toll. Gut, dass ich mein Smartphone dabei habe. Erst mal alle weiteren Termine der nächsten Stunden absagen. Das kann dauern. 45 Minuten später. Vor mir nur noch das Klischee. Ein Rentner. Drei Waren. Und blöderweise ein Betrag mit unrunden Zahlen hinterm Komma. Zunächst sucht er minutenlang in seiner Geldbörse. Als er den verzweifelten Blick der Kassiererin und das leicht ungeduldige Gemurmel hinter mir und ja, auch von mir hört, schüttet er den ganzen Inhalt aufs Kassenband mit den Worten: „Nehmen Sie bitte, was es kostet.“ Erleichtertes Aufatmen rollt wie eine Welle von der Kassiererin über mich bis zum anderen Ende des Supermarkts, wo immer noch letzte Kunden stehen.

Drei Griffe und sie hat den Betrag in der Hand, tippt etwas ein, die Kasse öffnet sich und sie sortiert das Geld ein. Währenddessen räumte ER seine Waren in eine Stofftasche. Langsam, könnte ja zerbrechen, eine von den Dosen oder dem Käse.

Dann ich. Jetzt wirds sportlich. Da ich nicht wenige Einkäufe habe, wird es zum Wettkampf zwischen Kassierierin und mir. Während sie die Produkte über den Laserscanner pfeffert, versuche ich sie dahinter aufzufangen und möglichst flott in den Einkaufswagen zu befördern. Gelingt, zur Hälfte. Dann beginnt sich Ware zu stapeln. Schnell reichts mir und ich schiebe den Rest einfach am Stück in den Wagen.

Karte: Murmle ich. Ein kurzes Seufzen, dann dreht sie mir das Kartenlesegerät zu und erklärt mit der typisch gelangweilten Stimme eines Menschen, der einen Satz zum hundertstenmal sagen muss: „Geheimzahl eingeben, mit Grün bestätigen.

Ich tue wie mir geheißen, mir wird die Quittung gereicht und nachdem ich es geschafft habe, meine Einkäufe in die mitgebrachte Einkaufstasche zu stopfen, mache ich mich auf den Heimweg. Bei Regen. Und Sturm. Beides hat natürlich erst eingesetzt, nachdem ich den Supermarkt betreten hatte und überrascht mich komplett.

Als ich schliesslich zuhause ankomme, bin nicht nur ich, sondern sind auch meine Einkäufe klitschnass. Was solls, das meiste ist eh so dicht verpackt, dass ich dessen Lebensdauer auf mehrere Jahre hochrechne.

Zufrieden betrachte ich meinen Kühlschrank, stelle fest. Da ist ja jetzt ganz schön was drin.

Nach dieser erfolgreichen Jagd habe ich mir einen drögen Abend auf der Couch bei einem Bierchen verdient. Bierchen, das ist etwas, das immer da ist, man weiß ja nie, wer zu Besuch kommt.

Als ich mir an diesem Abend triumphal die Zähne putze, bin ich sehr verblüfft, Zahncreme mit der Geschmacksrichtung Senf erwischt zu haben. Moment? Senf?  Ok. Ich vermute, ich sollte die Senftube in den Kühlschrank packen und dann ausnahmsweise mit auf 8 Grad gekühlter Zahncreme meinen Mund von dem penetranten Senfgeschmack befreien.

Meine Kleidung verstaue ich sorgfältig wie immer durch wahlloses Fallenlassen auf dem Weg zum Bett, ziehe mir die Decke übern Kopf und bin mit mir und der Welt eigentlich ganz zufrieden.

Keine größeren Katastrophen, heute.

Ein ganz normaler Tag.

Ode an meine Depression

Ich hasse dich.

Ja, ich hasse dich, auch wenn du ein Teil von mir bist.

Du hast meine Seele vernarbt, mein Leben geprägt, meinen Weg geändert.

Du hast mich ängstlich gemacht und empfindsam, traurig und wütend, krank und lebensmüde.

Lange habe ich dich versteckt, hab so getan, als gäbe es dich nicht.

Das Lager voller Masken, der Lächelnde, der Glückliche, der Performer.

Die echten Gesichter der Trauer und des Lebensunmuts habe ich fein säuberlich versteckt.

Du hast mich beinahe über die Kante geschubst, ins letzte Tal gestossen, unter die Erde gebracht.

Jetzt, jetzt beginne ich.

Gegen dich zu kämpfen, Verträge zu schließen, Nicht-Angriffspakte, Friedenserklärungen.

Ich weiß, dass du immer bei mir wohnen wirst, immer ein Teil von mir, immer ein drohendes Damoklesschwert aus Angst, Panik und unendlicher Trauer.

Ich möchte dich beschimpfen für alles, was du mir angetan hast, was du denen angetan hast, die mich begleiteten, die mich begleiten.

Aber ich bin auf eine perfide Art dankbar.

Dankbar für das sensibler sein, das kreativer sein dank dir.

Doch um eins bitte ich dich, lass mich am Leben. Nicht einen Tag, nicht eine Woche, ein Leben. Mein Leben. Unser Leben.

Dann lasse ich dir einen Platz in meiner Seele, für einen Tag, für eine Woche, für ein Leben.

Für mein Leben, unser Leben.

Die heimliche Depression

Eine der großen Ängste wenn es um die Diagnose Depression geht, ist der mögliche Jobverlust. Um hier nichts zu riskieren, vertuschen viele ihre Erkrankung.

Gerade im Staatsdienst, wo eine Verbeamtung mit einer ausgiebigen medizinischen Prüfung einhergeht, tendiert man als Betroffener dazu, die Depression zu verheimlichen. Aber auch als Angestellter haben viele noch Angst, offen mit dem Thema umzugehen. Studenten, die auf eine spätere Verbeamtung hoffen, werden sich zwei Mal überlegen, ob sie eine Therapie beginnen oder wenn schon begonnen, darüber sprechen.

Ein Gutteil mit schuld daran sind Personaler und Amtsärzte, die wegen einer begonnenen Therapie oder einer Diagnose gleich den Teufel an die Wand malen. Dabei ist allgemein bekannt, dass sich mittlerweile auch psychische Krankheiten sehr gut behandeln und in den Griff kriegen lassen. Man schneidet sich hier ins eigene Fleisch, wenn man Ängste bei Berufsanfängern schürt. Zumal ein schließen aus der Vergangenheit auf die Zukunft  schlicht nicht valide ist.

Außerdem handelt ein angehender Mitarbeiter ausgesprochen verantwortungsbewußt, wenn er sich bei einer erkannten psychischen Erkrankung in Behandlung begibt. Er will damit das Risiko minimieren. Sofern er nicht mehr Sorge davor hat, dass man ihn gleich als nicht leistungsfähig abstempelt. Ja, es gibt spezielle Krankheitsbilder, die ein normales Arbeitsleben schwer machen. Aber die gibt es auch bei anderen Erkrankungen. Pauschalisierungen helfen hier nicht, sondern nur die Einzelfallbetrachtung. Das funktioniert aber nur dann, wenn offen und vernünftig damit umgegangen wird.

Eine psychische Erkrankung ist nicht immer gleichbedeutend mit nicht mehr leistungsfähig. Aber sie sollte anerkannt und die Behandlung nicht zum Stigma werden. Wer erkrankt ist, sollte sich deshalb darüber informieren, wie der aktuelle oder potentielle Arbeitgeber mit dem Thema umgeht und es davon abhängig machen, ob er offen über die Krankheit spricht.

Ist es Angst, ist es Depression, egal, es ist scheisse

Diagnosen sind ja so ne Sache. Nachdem zunächst alle sich einig waren, ich hätte ein schwere und wiederkehrende Depression, war schon mein Psychotherapeut anderer Meinung. Er vermutete das eigentliche Problem in einer Angststörung, ausgelöst durch sehr negative Erlebnisse in meiner Kindheit (die ich sehr gut verdrängt habe). Die Reha schließlich hat mich aber mal so richtig kaputt diagnostiziert. Generelle Angststörung, schwere Depression, leichte Angstpsychose und leichte Soziophobie. Also kaputt, kaputter geht es nicht. Aber andererseits ist es auch gut, endlich mal die Dinge beim Namen nennen zu können, die einem das Leben schwer und manchmal zur Hölle machten.

Aber was ich rückblickend auch festgestellt habe. Ich habe die Krankheit(en) jahrzehntelang mit mir herumgetragen, konnte dennoch einiges aufbauen, erfolgreich ein Studium abschließen und einen Beruf ausüben. Ich bin nicht die Krankheit, sondern weit mehr. Nur in den letzten Jahren hat sie mich immer mehr überrollt. Auch unglückliche Gespräche, Unverständnis für meinen Lebensstil oder einfaches nicht wissen, was meine Krankheit bedeutet, haben mich an den Rand geführt und einmal auch drüber hinaus.

Ich kenne meinen Gegner jetzt und weiß, wie ich ihn im Zaum halten kann. Und ich werde offen darüber reden, weil wir noch viel zu sehr darüber schweigen. Auch ein Mann hat mal Angst, oder eine Angststörung. Das ist nichts peinliches, abwertendes oder negatives. Es ist eine Krankheit, die behandelbar ist, eine Krankheit, die man in den Griff bekommen kann, wenn man sich dazu durchringt, überhaupt darüber zu reden. Deshalb ist es dringendst notwendig, neben Depressionen auch über andere psychische Erkrankungen zu sprechen. Denn auch das hilft Menschen, den Mut zu finden, Hilfe zu suchen.

Und genau dieser Schritt kann ein Leben retten. So wie letztlich meines. Der Haken ist, dass unsere Gesellschaft weder Depressionen noch Angststörungen überhaupt wahrnimmt, geschweige denn akzeptiert. Und die Männerklischees greifen hier erst recht. Angstörung? Als Mann? Ich doch nicht. Von wegen. Ich stehe dazu. Und dabei hab ich nicht mal Angst.

Warum wir über unsere psychischen Krankheiten reden müssen

Bis 2015 sprach ich nicht darüber, dass ich eine Depression habe. Will sagen, ich gestand mir selbst nicht ein, eine psychische Krankheit zu haben. 2010 hatte man bei mir einen Burn Out diagnostiziert, der in der Krankmeldung als Depression aufgeführt wurde „weil die Kasse sonst nicht zahlt.“

Auch, als es mir 2013 erneut sehr schlecht ging, nahm ich an, ich habe mich nur überarbeitet. Erst der dritte Absturz, der 2014 begann, 2015 nach einer Reihe sagen wir mal unglücklich verlaufender beruflicher Gespräche in einem Suizidversuch kumulierte und mich in die Psychiatrie brachte, hat mir die Augen geöffnet. Frisch eingeliefert hatte ich die Wahl, erneut ein Gebilde aus Lügen und Selbsttäuschung zu errichten, um mich vor mir selbst und meinen Followern auf Twitter und Lesern auf Facebook und in  meinem Blog gut dastehen zu lassen, oder die ganze Wahrheit zu berichten. Ich entschied mich für letzteres, weil ich mich endlich meinem Dämonen stellen musste, den ich schon Jahre mit mir trage. Also begann ich, auf Twitter mit dem Hashtag #ausderklapse zu twittern und im Blog und auf Facebook den Therapieverlauf zu dokumentieren. Ich entschloss mich dazu, obwohl mir mein Umfeld zum Teil geraten hatte, ich solle es verschweigen. pic-15173365-mz8r8S

Und ich wurde im Internet erst recht aktiv, obwohl man mir vorschreiben wollte, wie und wann ich twittern darf und sogar empfahl „Mich aus diesem Internet zu löschen“ (kein Witz, das hat mir im Jahr 2015 tatsächlich ein Arzt geraten. Gut, dass man auch Ärzte nicht immer ernst nehmen muss). Man sagte, ich sei mutig, so darüber zu sprechen. Für mich war es mehr eine Art Lebensversicherung und Therapie, das, was ich seit Jahren versteckt und ignoriert habe endlich aus dem Versteck zu holen und bloßzustellen.

Aber es gab mir auch die breitere Öffentlichkeit recht. Internetplattformen, Dradio Wissen, Nordwestradio, alle berichteten sie von #ausderklapse und die Zahl von Menschen, die ich mit meiner Geschichte erreichen konnte, wuchs.

Und ich hoffe, dass die nächsten Schritte noch viel mehr Aufmerksamkeit für pychische Krankheiten und die Psychiatrie an sich hervorrufen werden.

Ende 2016 wird es einen Roman über meine Odyssee des Jahres 2015 geben, der bei Bastei Lübbe erscheinen wird. Und höchstwahrscheinlich wird es 2016 eine Dokumentation über Depressionen geben, bei der auch ich vorkomme.

Nein, es geht mir nicht darum, prominent zu werden. Aber wenn das dabei hilft, noch mehr Öffentlichkeit für psychische Krankheiten zu erreichen, dann soll es wohl so sein. Eigentlich sollen psychische Krankheiten prominent werden und das Wissen, dass man etwas tun kann, dass es Hilfe gibt, dass es besser werden kann.

Wir dürfen nicht mehr darüber schweigen, dass eine sehr große Zahl von Menschen an psychischen Krankheiten leidet und wegen des Stigmas, der Vorurteile nicht den Schritt zum Therapeuten oder in die Klinik wagt.  Denn viel zu oft endet die psychische Krankheit dann  wie bei mir in einem Suizidversuch. Ich hatte unglaubliches Glück, dass es nicht geklappt hat, denn alles sprach dafür. Aber es hat mir auch vor Augen geführt, dass ich mich nicht so einfach aus der Verantwortung stellen darf.

Lasst uns über psychische Krankheiten reden, sie aus dem Schatten zerren und ans Tageslicht bringen. Wenn wir damit nur ein Menschenleben retten, weil ein Mensch sich in Behandlung begibt, statt seinem Leben ein Ende zu setzen, dann ist es das wert.

Und für die Akten. Die letzte und nach meinem Erachten beste Diagnose bescheinigt mir schwere Depressionen, eine generelle Angststörung und einen Tick Soziopath bin ich wohl auch. Ihr seht, wenn ich was mache, dann richtig.