Der digitale Event-Horizont: Warum Social Media 2026 wie ein Escher-Bild aussieht

Drei Bildschirme mit dem Schriftzug KI

​Manchmal frage ich mich, was Douglas Adams über das heutige Social Media geschrieben hätte. Wahrscheinlich so etwas wie: „Am Anfang wurde das Internet erschaffen. Das machte viele Leute sehr wütend und wurde allenthalben als ein falscher Schritt angesehen.“ Wenn wir uns den Zustand unserer Feeds im März 2026 ansehen, fällt es schwer, ihm zu widersprechen.

​Wir haben den Punkt erreicht, an dem die „Dead Internet Theory“ keine paranoide Verschwörungstheorie mehr ist, sondern eine statistische Gewissheit. Als jemand, der in den 90ern mit Lisp und Prolog hantiert hat, fasziniert mich die technische Eleganz – als Mensch, der über Depressionen geschrieben hat und heute den Blog livingthefuture.de betreibt, macht mir die soziale Kälte dieser Entwicklung Sorgen.

​Die Ära der synthetischen Mehrheit

​Es ist offiziell: Wir sind in der Minderheit. Aktuelle Daten zeigen, dass bereits rund 71 % aller Social-Media-Bilder KI-generiert sind. Wir scrollen nicht mehr durch das Leben unserer Freunde, sondern durch hochoptimierte, hyper-personalisierte Halluzinationen von Modellen wie Nano Banana 2.

​Das Problem ist nicht nur, dass die Inhalte künstlich sind. Das Problem ist der Feedback-Loop. Agentic AI – also KI-Systeme, die autonom handeln – übernimmt heute das Marketing fast vollständig.

  • ​Agent A analysiert Trends.
  • ​Agent B generiert 500 Varianten eines Posts.
  • ​Agent C (die Bot-Armee) interagiert damit, um den Algorithmus zu füttern.

​Wir Menschen sind in diesem Szenario nur noch die biologischen Sensoren, deren Aufmerksamkeit als Währung abgeschöpft wird. Ein klassisches Escher-Motiv: Die Hände, die sich gegenseitig zeichnen – nur dass die Hände aus Code bestehen und das Papier unsere Realität ist.

​Vom Influencer zum Multi-Agent-System

​Früher brauchte man Charisma, heute braucht man eine gute Orchestrierung. Im Jahr 2026 sehen wir den Aufstieg von Multi-Agent-Systemen (MAS) auf Plattformen wie TikTok und Instagram. Ein „Influencer“ ist oft nur noch das Frontend einer komplexen Architektur. Während der Deepfake-Avatar (dank Modellen wie Veo) perfekt in die Kamera lächelt, managen Agenten im Hintergrund die Kommentare, verhandeln Werbedeals und passen das Skript in Echtzeit an die emotionalen Reaktionen der Zuschauer an.

​Wissenschaftlich betrachtet ist das hocheffizient. Die Zeit für die Vorbereitung von Inhalten ist durch KI-Assistenz massiv gesunken. Aber was bedeutet das für die Authentizität? Wenn alles optimiert ist, gibt es keine Reibung mehr. Und ohne Reibung gibt es keine echte menschliche Verbindung.

​Ein  Ausblick auf den Lärm

​Was machen wir also? Versuchen, mich auf das zu konzentrieren, was ich kontrollieren kann. Ich kann den Bot-Sturm nicht stoppen, aber ich kann entscheiden, wie ich darauf reagiere.

  • ​Radikale Selektion: Wir müssen lernen, den „Noise“ zu ignorieren. Wenn 99 % des Netzes bis 2030 synthetisch sein könnten, wird die menschliche Handschrift – das Unperfekte, das Stockende, das wirklich Erlebte – zum Luxusgut.
  • ​Explainable AI (XAI) for the User: Wir brauchen Tools, die uns nicht nur Inhalte zeigen, sondern uns erklären, warum wir sie sehen und von wem (oder was) sie stammen. Transparenz ist das einzige Antidot gegen den digitalen Realitätsverlust.
  • ​Analoges Refugium: Vielleicht ist der Weg in die Zukunft ein Schritt zurück. Das Gespräch beim Scotch Whisky, das handfeste Buch, die echte Musik von Bach oder Sting (ohne KI-Upscaling).

Ende und Neubeginn

Jede gute Geschichte hat ein Ende. Manchmal hat sie sogar ein Happy End. Meine Geschichte geht weiter, aber verändert. Nachdem mein Verlag schon während Corona die gedruckte Ausgabe meines Buches gestoppt hat, hat Audible nun auch das Hörbuch aus dem Programm genommen. Schade, aber so ist der Lauf der Wirtschaft.

Andererseits basierte ein Großteil meiner Geschichte auf einem Twitter, dass es spätestens seit Elon Musks Kauf und Umbenennung in X nicht mehr gibt. Aus einem Diskurskanal ist eine rechte Fake News Schleuder geworden. Und ich bin extrem verblüfft, wie viel abgrundtiefen Bullshit jemand zu produzieren in der Lage ist, der andererseits SpaceX aufgebaut hat. Reichtum schützt offensichtlich vor Dummheit nicht. Da bin ich froh, dass meine Geschichte langsam aus dem Gedächtnis des Netzes verschwindet.

Noch bin ich bei X formerly known as Twitter. Aber nur noch als Account, nicht mehr aktiv.

Wer mir folgen will, findet mich jetzt auf Bluesky unter @bicyclist@livingthefuture.de oder Mastodon unter @UweHauck@mastodon.social. Tja, Elon, wer so am rechten Lügenrand operiert, darf sich nicht wundern, wenn seine Plattform den Bach runter geht.

Beginnen wir ein neues, ein besseres Kapitel. Jetzt studieren alle unsere Kinder und folgen ihren eigenen Wegen. Zeit loszulassen und sich neu zu orientieren. Zeit, die Depression und die Ängste endlich hinter sich zu lassen. Ich weiß, noch ein weiter Weg aber doch schon ein ordentliches Stück darauf zurückgelegt.

The sky is blue at bluesky.

Beweg dich, Depression

Corona hat vieles verändert. Auch meine mediale Präsenz ist zurückgegangen. Der Auftritt bei Stern TV war der letzte größere.

Aber ich denke, das ist auch gut so. Wenn Interesse besteht, bin ich nach wie vor bereit, über meine Geschichte zu erzählen, aber da das Buch mittlerweile nur noch als E-Book und Hörbuch verfügbar ist, flaut auch die Aufmerksamkeit ab.

Vor allem an Schulen spreche ich weiterhin über meine Geschichte und bin auch in Kontakt mit der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Depressionsliga, um weiterhin aufzuklären und für eine Entstigmatisierung zu kämpfen.

Parallel aber widme ich mich zunehmend auch wieder mehr meinem zweiten Thema, dem Alltagsradfahren. Und auch das hat etwas mit meiner Angststörung und der Depression zu tun. Selbst ich als bekennender Sportmuffel  musste erkennen, dass Bewegung für mich hilfreich ist, um die Gedankenspiralen und die Angst zu bekämpfen. Es geht meist darum, die Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Auch wenn ich es nicht wahr haben wollte, aber Corona hat auch mich wieder in depressive Phasen sinken lassen. Zu wenig neues, zu wenig Input für den auf der Überholspur operierenden Verstand.

Mal sehen, vielleicht kombiniert sich ja meine Aufklärungsarbeit über Mentale Gesundheit, Depression, Angststörung und Suizidprävention mit dem heimlichen Hobby Fahrradfahren. Wobei ich nicht zu den Sportlern beim Radfahren gehöre, ich bin bekennender Alltagsradler. Für mich ist das Fahrrad primär ein Verkehrsmittel um möglichst effizient und energiesparend von A nach B zu kommen.

Das nächste, was nun ansteht ist das Stadtradeln ab 1. Mai. Wer Lust hat, kann sich auf www.stadtradeln.de informieren oder gleich die App herunterladen. Dort gibt es nämlich auch noch die Möglichkeit, Gefahrenstellen in der eigenen Wohngegend zu melden. Ich bin in Schwäbisch Hall als ADFC Mitglied natürlich im dortigen Team dabei.

 

Letztlich dreht es sich doch immer um das gleiche Thema. Selbstfürsorge, lernen, das eigene Wohlergehen unabhängiger zu machen von äußeren Einflüssen und den Meinungen anderer. Früher war mir sehr wichtig, was andere über mich dachten. Heute werde ich unabhängiger, vielleicht auch einfach altersmilder. Natürlich gibt es nach wie vor Menschen, deren Meinung mir sehr wichtig ist. Aber es sind deutlich weniger geworden und was ich für Prioritäten setze, hat mehr mit meinem eigenen Weg zu tun, als früher. Noch gibt es einiges zu ändern, alte Zöpfe abzuschneiden und neue Gewohnheiten zu stärken. Aber es tut sich was. Auch das war und ist Teil meines Weges.

Und hey, wenn ihr meine Geschichte hören wollt, ich freue mich über jede Gelegenheit aufzuklären nach wie vor. Es braucht nur einen Saal, einen Organisator und etwas Werbung. Und teuer bin ich auch nicht ;). Für Schulen mache ich das Ganze auf jeden Fall kostenlos, dafür erbitte ich bei anderen Auftritten ein kleines Honorar, um die Aufklärungsarbeit an Schulen weiterhin kostenfrei anbieten zu können.

Ansonsten, wenn ihr mich seht und eine Frage habt, sprecht mich gerne an. Bin zwar kein Therapeut aber habe immer ein offenes Ohr für Betroffene.

 

 

 

Der Fluch der Gedanken

„Hey Mister Sandman, bring me a dream“

Alleine. Ruhe, Verabschiedung von Social Media für die so geringe Dauer von drei Wochen Urlaub. Unerwartet kommen da die eigenen, die dunkleren Gedanken zu Besuch.

Meine Droge der Wahl, um sie in Schach zu halten: Beschäftigung, Beschäftigung mit neuem. Etwas, das den dunklen, sich um sich selbst drehenden Verstand in Besitz nimmt, ablenkt, einlullt. Was im „normalen “ Alltag durchaus funktioniert, hält in einer Ruhephase gerade so über dem gedanklichen Treibsand. Dennoch, die Pause, die Auszeit ist wichtig. Um zu sortieren, um das eigene Erleben und die eigenen Prioritäten neu zu ordnen.

Nur warten in dunklen Tagen, in schwarzen Momenten die Sorgen, die überwältigenden Sorgen, die Flut dunkler überwältigender Sorgen. Nicht dass ich sie definieren und in eine gedankliche Sperrzone verdrängen könnte. Sie klopfen beständig an, erst leise, dann wieder lauter. Die Baustelle vor dem Haus setzt sich gedanklich in mir fort. Das Sorgen, ob der Schaden behoben werden kann, heißt für meine Seele ob die vielen Risse und Wunden dauerhaft verschlossen bleiben werden.

Eine kleine Unterbrechung, eine Medizin für gute Gedanken: Dreharbeiten zu einem Bericht über meine Geschichte. Sie zwingen, zu reflektieren, Geschehenes noch mal zu betrachten, zu bewerten und das Unglaubliche, das Unvorstellbare neu zu entdecken. Überlebt, neu gelebt, wieder gelebt. Ein zweites Leben geschenkt bekommen haben und dennoch die dunklen Begleiter stets an der Seite zu haben. Ich habe eine Geschichte zu erzählen und mein größter Wunsch und Antrieb, sie immer wieder in den Medien und auf Bühnen zu erzählen? Sie hilft mir, mich selbst zu hinterfragen. Und mag eventuell den einen oder die andere dazu bewegen, früher Hilfe anzunehmen als ich das tat. Um den Riss in der Seele rechtzeitig zu kitten bevor daraus ein gähnender Abgrund entsteht.

Ruhe von Social Media soll dabei helfen, aber die Worte wollen raus. Dann eben im Blog. Mein Tagebuch, mein stiller Begleiter bei der Navigation durch das stürmische Meer der Sorgen und Ängste.

Schreiben ist mein Schwert, mit dem ich den Jabberwocky besiege oder wenn nicht dies gelingt, so doch die unmöglichen Dinge denken, die mich aus dem Mahlstrom der Traurigkeit retten können, mich zwar nicht heilen, aber zumindest mit dem Seil der unmöglichen Gedanken aus dem Tal meiner Ängste und Depressionen holen.

Letztlich ist man mit seiner Gedankenwelt IMMER alleine. Und vieles, was gedanklichen Treibsand erzeugt, ist nicht real und sperrt einen dennoch ein. Dann ist es gut, jemanden zu haben, der die Hand reicht, um einen vor dem Versinken zu retten.

Schreiben…schreiben….schreiben. Auf dass ich mich aus meinen eigenen Gedankenabgründen herausholen kann. Dass es gelingt, keine Garantie. Aber es sind schon andere unmögliche Dinge in meinem Leben war geworden.

”Das kann ich nicht glauben!” sagte Alice.

”Nein?” sagte die Königin mitleidig  ”Versuch es noch einmal: tief Luft holen, Augen zu…”

Alice lachte. ”Ich brauch es gar nicht zu versuchen,” sagte sie.
”Etwas Unmögliches kann man nicht glauben.”

”Du wirst darin eben noch nicht die rechte Übung haben”, sagte die Königin.
”In deinem Alter habe ich täglich eine halbe Stunde darauf verwendet.
Zuzeiten habe ich vor dem Frühstück bereits bis zu sechs unmögliche Dinge geglaubt.”

(Lewis Carroll, aus: Alice hinter den Spiegeln)

Das bin ich!

Es ist wieder da. Das Gefühl, etwas tun zu müssen. Aktiv zu werden, einen neuen Weg einzuschlagen.

Vor kurzem hatte ich erfahren, dass es keine vierte Auflage meines Buchs geben würde, wohl aber das eBook und Hörbuch nach wie vor.

Was mich verblüffte, es berührte mich bei weitem nicht so sehr wie ich und wohl vor allem Sibylle, meine Frau gefürchtet hatte. Ich habe einige Zeit damit verbracht, herauszufinden, was heute anders ist, was sich an mir, an meinem Umfeld geändert hat. Vor ein paar Jahren noch hätte mich so eine Nachricht erschüttert, gekränkt, niedergeschlagen.

Heute sehe ich es als ein Kapitel meines Lebensbuchs, das zu einem teilweisen Abschluss kommt und Raum freimacht, den Weg ebnet für weitere, für neue, für noch unbekannte Kapitel. Autor bin ich nach wie vor, im Blog, als Gastautor, als Kolumnist. Aber dieses Kapitel hat mich auch zum Aktivisten gemacht, der es sogar auch dank Kristina Wilms und ihrer Unterstützung geschafft hat, ein fatales Gesetz, das bayerische Psychisch Kranken Hilfegesetz zu stoppen und zu verändern.

Ich wurde zum Aktivisten, zum Kommentator, bin medial präsent und werde es weiterhin bleiben, so lange es noch nötig ist, zu entstigmatisieren und aufzuklären über psychische Krankheiten.

Eins hat sich aber sehr geändert und wer mich kennt und meine Begeisterung für einen bestimmten Song aus dem Film „The greatest showman“ versteht, der weiß, was ich meine.

Ich bin nicht mehr everybodies darling und will es auch nicht mehr sein. Ich habe meine Masken in großen Teilen abgelegt und es kümmert mich nur noch marginal, was andere über mich denken. Und das hat die Ängste in einigen Bereichen kleiner werden lassen. Nicht dass sie weg wären, wie meine Depression habe ich sie nur besser im Griff. Aber schon das macht den Unterschied. „Das bin ich“ und ich werde mich nicht mehr verbiegen, nur um von jemand gemocht zu werden, der es letztlich gar nicht wert war, sich zu verkämpfen.

Ich habe gelernt, dass jeder Tag, den man angeht, an dem man sich seinen Ängsten stellt, ein Tag sein kann, der etwas verändert, der mich verändert oder an dem ich das Leben irgendeines Menschen verändern kann, nur dadurch, dass ich bin, dass ich existiere, dass ich immer noch existiere.

Jeder Tag verändert mich, jeder Tag bietet die Chance, sich weiterzuentwickeln, neue Wege zu gehen. Nur sollten es die eigenen Wege sein. Und ja, der Blick nach vorne ist nicht sehr weit aber das ist gut so, denn dadurch bin ich gezwungen, jeden einzelnen Tag neu anzunehmen, neu zu definieren, wer ich sein will, wo ich mich weiterentwickeln kann, welche neuen Erfahrungen ich machen werde.

Das Leben ist nicht deterministisch vorgezeichnet und ich kann mich an jedem Tag neu erfinden und sollte das zum Teil auch.

Ich bin ich, es gibt keinen zweiten Menschen wie mich und ich bin wertvoll dadurch, dass ich da bin. Leistungen definieren nicht meinen Wert als Mensch.

Ich bin es wert, geliebt, gehört, gemocht zu werden.

Oh, und übrigens bin ich jetzt wieder Fotograf. Und Geek. Und Hobbyastronom. Oder zusammengefasst:

„Das bin ich“

Oh, und einen Wunsch, eine Idee habe ich noch. Wenn ihr wollt, sendet mein Buch auf Reisen. Habt ihr es gelesen und denkt, es könnte jemand anderem helfen, der in einer ähnlichen Situation ist, gebt es weiter, leiht es aus, verschenkt es. Lasst mein Buch auf Reisen gehen, damit möglichst viele Menschen einen Gewinn daraus ziehen können.

Das Ende von Depression abzugeben

Es waren drei tolle Jahre und fast 12.000 verkaufte Exemplare. Aber jetzt hat sich Bastei Lübbe vor einer etwaigen vierten Auflage entschlossen, das Buch vom Markt zu nehmen. Auch das Ebook gibt es nicht mehr, was mich ehrlich gesagt sehr wundert aber andererseits gibt mir das eine neue, frische Perspektive auf mein weiteres Leben. Ich werde mich neuen Themen widmen, wieder als Fotograf aktiv werden und weiterhin Aktivist für psychische Gesundheit und gegen das Stigma sein.

Und falls jemand doch noch einen Verlag kennt, der mein Buch haben möchte, gerne melden. Ansonsten, hier werde ich weiter schreiben und aktiv sein.

Und immerhin gibt es aktuell noch das Hörbuch bei Audible (mal sehen, wie lange noch)

Was werden wir von Corona lernen?

Ich kann nicht sagen, was jeder Einzelne aus dieser Krise mitnehmen wird, aber ich fürchte, die Wirtschaft wird all zu schnell wieder in die alten Muster verfallen.

Alleine schon, wenn ich Manager in Online Meetings klagen höre, dass doch endlich wieder der persönliche Kontakt stattfinden müsse.

Aeh nein für mich nicht. Zumal das viel zu häufig mehr mit Macht, mit Unterordnen, mit Kontrolle zu tun hat. Wir sollten uns zu mündigeren Menschen entwickeln. Wohlgemerkt mündig, nicht dumm. Diejenigen, die so laut schreien dass sie angeblich selbst denken und man das doch auch tun solle, die denken oft am unselbständigsten, folgen den wirren Verschwörungstheorien von Köchen und verkrachten Musikerexistenzen.

Was wir aber alle mitnehmen sollten. Die Zeit des da oben und da unten geht zu Ende.  Und die Zeit des Konsums um des Konsums Willen auch. Selten habe ich Werbung für so deplaziert empfunden wie gerade jetzt, wo irgendwelche Luxusgüter zu kaufen, das allerletzte wäre, worüber ich nachdenke.

Wir sollten die Pandemie auch als Chance sehen, über unser bisheriges Verhalten nachzudenken. Vielleicht wird es bald kein Fridays for Future mehr brauchen, weil wir endlich mehr in gesellschaftlichen Zusammenhängen denken, als nur an uns. Vielleicht auch, weil wir etwas über den Konsumzwang lernen, den uns die großen Konzerne gebetsmühlenartig als normal verkaufen wollten. Kultur und Kunst wird runtergefahren aber die Wirtschaft, der höchste Götze der Gegenwart, die muss unbedingt am Leben gehalten werden. Wenn sie groß ist. Wenn sie Lobbyisten auf dem Schoss der Politik hat.

Womit beschäftigen wir uns alle in Zeiten des Lockdowns, was macht ihn für uns alle etwas erträglicher? Literatur, Filme, Kunst. Und genau da werden Existenzen vernichtet. Wollen wir wirklich aus dieser Pandemie gehen mit einer Welt, die noch mehr die Wirtschaft vergöttert? Wir brauchen Kunst, wir brauchen Kultur, weil sie seelenrelevant ist. Kunst und Kultur ist für mich kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. So wie wir Nahrung für den Körper brauchen, um zu überleben, brauchen wir auch Nahrung für die Seele.

The arts are essential to any complete national life. The State owes it to itself to sustain and encourage them…

(Die Künste sind von elementarer Bedeutung für jedwedes vollständige nationale Leben. Der Staat schuldet es sich selbst, die Künste zu erhalten und zu fördern….)

Winston Churchill: Royal Academy on 30 April 1938

Aber vielleicht werden wir mal wieder gar nix lernen und business as usual weitermachen.

Meine Depression hat einen sehr schrägen Humor

Und meist ist die einzige, die darüber lachen kann meine Angststörung. Die beiden sind Kumpels, best friends, buddies, mein persönlicher Dr. Jekyll und Mister Hyde. Nur dass es meist eher der Hulk ist, den sie gemeinsam verkörpern.

Seit 2016, als ich endlich aus der Psychiatrie entlassen wurde und mich selbst wieder unter den „normalen Verrückten“ zu bewegen begann, ließen mich die beiden weitestgehend in Ruhe. Gut, vor jedem Auftritt streckte meine Angst ihren gehässigen, viel zu kleinen und genau genommen potthässlichen Kopf durch die Garderobentür um mir „nur das Schlechteste, totales Versagen oder ein gelangweiltes Publikum“ zu wünschen. Aber jedes Mal konnte ich sie bei der Rückkehr in die Garderobe auslachen, musste sie und meine Depression zugeben, dass ihre Macht mir gegenüber doch geschrumpft war. So nahm ich zumindest an. Aber auch das war nur ihr gehässiger, schwarzer, gemeiner und schräger Humor. Vor den Kliniken waren die beiden immer Teil meines Theaterstücks „Der Uwe und seine Psyche“. Aber damals saßen sie in den hinteren Reihen, versteckt, im Dunkeln, bereit zuzuschlagen, wenn ich es am wenigsten erwartete und dann kichernd und feixend wieder ins Dunkel der hinteren Ränge zu verschwinden, von wo aus sie schon den nächsten Coup planten, während ich noch vom letzten bösen Streich wieder aufzustehen versuchte.

In den Kliniken hab ich die beiden in die erste Reihe gezerrt. Angebunden, Knebel im Mund, die hellsten Theaterstrahler auf die beiden, die es in meinem Lebenstheater gibt.

Aber ich möchte verflucht sein, hie und da gelingt es den beiden doch wieder, mir einen Streich zu spielen.

Ein Beispiel gefällig? Gut, möge die Tragikcomedy beginnen.

Etwa vor einem Monat war es. Eigentlich alles gut, ich etwas gelangweilt, weil es keine Lesungen, keine Auftritte, kein Interview gab, das mich von der Alltagsroutine hätte ablenken können. Da hätte ich es ahnen können, dass die beiden die Routine, die Langeweile zu ihren Gunsten nutzen würden. Ich prüfte, wie fast jeden Tag meine Kontobuchungen, ja, Kontrollfreak kann ich.

Das bei meinem Konto vor allem das Minuszeichen auf jedem Bildschirm tiefe Brandspuren hinterließ, ja, kenn ich, jedes Mal, wenn ich das reparieren ließ, wars irgendwann wieder da. Geschenkt, meine Bank ist glücklich.

Da fielen mie drei mal 81 Euro auf, die von meiner Kreditkarte gebucht worden waren.  Eigentlich banal, eigentlich einfach zu handhaben, eigentlich kein Problem für mich. Eigentlich. Auftritt, Angst und Depression.

Irgendwie musste sich da die Angststörung befreit haben, denn ich hörte noch ein hämisches „Haben wir dich“, als ich einen Tritt gegen mein Nervenkostüm bekam. Stand ich gerade noch oben und blickte ins Tal meiner schwarzen, depressiven Stimmungen, war ich schon auf dem Abflug Richtung Dunkelheit und konnte im Fallen noch das hämische Grinsen meiner Angst sehen. Von unten rief dann auch schon die Depression:“Na? Komm zu Mami! (Mami ist meiner persönlichen Geschichte geschuldet und soll hier bitte nicht als Wertung eines Geschlechts oder einer familiären Berufsgruppe gelten)

Der Aufschlag war hart und meine Freude, meine Stabilität, meine Schutzmechanismen gegen meine beiden Schultersitzteufelchen  zerbarsten mit dem Aufschlag in tausend kleine emotionale Fragmente.

Es würde wieder Zeit brauchen, das zu kleben, mir eine Strickleiter oder ein Seil zu besorgen und mich wieder aus dem Tal nach oben zu arbeiten aber hey, war ja nicht das erste Mal. Mir gelang es irgendwie den Kreditkartenbetrug zu klären, sogar ne Anzeige bei der Polizei schaffte ich aufzugeben, obwohl ich eigentlich nur Ruhe wollte, nichts hören oder sehen. Gegen Ende der Woche schien auch alles gut zu sein. Aber Sonntag Abend beschloss wohl mein Kumpel Depression: „Nope, so leicht machen wirs dir nicht, du hast uns schon viel zu lange weggeschlossen.“  Panikattacken, Angst, Depressive Gedanken. Wie entlassen aus Pandoras Büchse waren sie alle wieder da, als ich gerade die oberste Stufe meiner Depressionstalentkommstrickleiter erreichte und mit einem hämischen Lachen schnitten sie den Knoten durch, der mich gerettet hätte, gerade als wollten sie einen neuen Abwärtsweg eröffnen, den sie frisch für mich gebaut hatten.

Mein Arzt kennt nun Gott sei Dank die Beiden zumindest von Erzählungen. So verschrieb er mir eine stabilere Leiter und mehr Zeit für deren Zusammenbau. Nach drei Wochen ging es mir wieder so weit gut, dass ich nicht nur meinem Umfeld beständig versichern konnte: „Nein, alles gut.“ ohne dabei zu lügen, ich glaubte es mir sogar selbst langsam wieder.

Im Moment sitzen die beiden wieder in der ersten Reihe. Hab die Fesseln verstärkt und das Pflaster über den Mündern ist Ducttape gewichen. Aber ich weiß, irgendwann schaffen es die beiden wieder, sich da raus zu tricksen. Den nötigen schrägen Humor und die Fantasie haben sie ja. Bin nur gespannt, wie sie mich dann überrumpeln werden.