Es geht aufwärts. Zwischenstand aus der Klapse

klapse

Ich war das vergangene Wochenende daheim. Und das mit Übernachtung. In der Klapse nennt man das „Belastungsprobe“ und sie soll zeigen, ob man mittlerweile wieder mit der Welt da draußen zurecht kommt. Für mich ist die Antwort ein klares ja. Es war so schön wieder mal aktiver Bestandteil der Familie zu sein, und ganz ohne düstere Gedanken zwei Tage mit den Lieben zu verbringen. Zwar war am zweiten Tag der Spielenachmittag überraschend anstrengend. Aber mein Selbstschutzmechanismus ist tatsächlich angesprungen und ich habe mich rechtzeitig zurückgezogen.

Für mich ist das Signal meiner Therapie ein eindeutig positives. Ich gehöre zu den 30%, bei denen das erste Medikament bereits das richtige ist. Somit lässt mich mein schwarzer Hund so weit in Ruhe, dass ich nachdenken kann und Veränderungen auf den Weg bringen. Und eigentlich lassen sich die auf zwei Punkte zusammenfassen.  Schluß mit Perfektionismus und schluß mit zu allem ja sagen.

Je mehr die Depression mit erfasst hat umso mehr wollte ich es allen recht machen und umgekehrt. Das muss eine Ende haben und deshalb werde ich nochmals Verantwortungen und Rollen jenseits von Beruf und Familie reduzieren.

Aber auch mein Bild von mir selbst hatte durch die Depression gelitten. Ich muss auch lernen, mich mit meinen Fehlern und Defiziten genau so zu akzeptieren wie mit meinen Talenten und Begabungen. Das haben mir das Korbflechten und die ersten Malversuche seit Jahren wieder gezeigt. Es ist ein schmerzhafter Prozess, sich auch die eigenen Fehler einzugestehen aber unbedingt nötig, denn jeder macht Fehler, der Umgang sollte aber ein gütiger sein, wenn ich etwas falsch gemacht habe, dann werde ich jetzt den Dreiklang nutzen, den mir mein Therapeut ans Herz gelegt hat. Erkennen, nicht tadeln, ändern.

Es geht aufwärts. Langsam aber stetig, aber ich muss noch einiges an neuen Verhaltensmustern lernen, bis ich auch selbst wieder das Gefühl habe, für die Welt da draußen fit zu sein.

Und nochmal der Aufruf an meine Geschlechtsgenossen. Depression ist kein Versagen sondern eine Krankheit. Also lasst euch helfen, bevor es zu spät ist.

Und zudem, danke allen meinen Followern, Friends und Lesern auf Facebook, Twitter und hier im Blog, der Zuspruch für meinen offenen Umgang mit der Depression und der Therapie ist durchweg auf positives bis sehr positives Echo gestossen. Für mich ein Signal, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Und wenn ich das ganze überstanden habe und wieder stabil bin, dann will ich dafür kämpfen, dass Depression endlich ihr Stigma verliert und gesehen wird, wie jede andere Krankheit. Ich werde meinen schwarzen Hund mein Leben lang bei mir haben. Aber bisher hat er mich dressiert, jetzt dressiere ich ihn.

 

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Der Depression eine Stimme verleihen: Die Seite Meine Depression geht an den Start

Nachdem auf Twitter ja dank Jana Seelig aka @isayshotgun und dem Hashtag #notjustsad  mit 140 Zeichen tausende von Menschen ihrer Depression einen Raum, eine Stimme verliehen ist es nur konsequent, dass jetzt eine Seite an den Start geht, auf der von Depressionen betroffene Menschen komplett anonym beschreiben können, wie sie ihre Depression erleben oder die Depression eines geliebten Menschen.
All jenen, die der Depression eine Stimme geben und sie aus der Stigma Ecke hin zu einer öffentlich anerkannten Krankheit bringen wollen, sei http://meinedepression.tumblr.com/ ans Herz gelegt, und dort auch beizutragen. Auf der Plattform kann man bereits jetzt erste Erfahrungsberichte Betroffener lesen und ich wünsche mir sehr, dass auch diese Initiative so abhebt wie es Janas #notjustsad damals tat und viele dazu beitragen!

 

UPDATE:Meine Depression und ich

Ein Freund, der in schweren Zeiten nicht zu dir steht ist kein Freund. Aus: Regeln eines Durchgeknallten. Band 24, Seite 42

Merke: Die Welt ist eingeteilt in Normale und Verrückte. Die Einteilung nehmen die Verrückten vor.

Ich habe mir lange überlegt, ob ich es als mein Geheimnis bewahren soll, oder doch öffentlich machen. Der erste Impuls, damit an die Öffentlichkeit zu gehen kam von der wunderbaren @jenashotgun mit ihrem Hashtag #notjustsad. Das hat mich dazu bewogen, auch über meine Depression zu schreiben. Dann war da Ben Wettervogel, dessen selbstgewählter Freitod mich zutiefst erschütterte.
Aber erst seitdem ich freiwillig hier in den Weissenhof Kliniken bin, ist mir bewußt geworden, wie wichtig es ist, die Stimme zu erheben und Depression aus der Schmuddelecke des nicht mehr ganz richtig im Kopf seins zu holen.
Und erst hier lerne ich nach und nach, mit meiner Depression als echter Krankheit jenseits von „Du bist doch krank im Kopf“ zu leben.

Ja, es ist nicht leicht für einen depressiven Menschen, dieses Leben. Und für die Angehörigen ist ein depressiver Partner eine große, eine sehr große Herausforderung. (Deshalb nochmal mein zutiefst empfundener Dank für meine Frau, die mir so viel Kraft schenkt und in meinen dunklen Stunden stets ein kleines Lebenslicht darstellt)

Und ja, es gibt verhältnismässig viele Freitode unter Depressiven.
Aber ich bin sicher, viele davon ließen sich verhindern, wenn endlich offen und ehrlich über Depressionen gesprochen würde. Aber in den meisten Fällen ist die Depression immer noch ein Tabuthema.
Depression ist nicht ansteckend, aber könnte nach neuesten Forschungen vererbbar sein. Ob aus einer vererbten Depression sich aber tatsächlich eine echte Depression entwickelt, ist längst nicht sicher. Depressionen gefährden vor allem die Person, die daran leidet. Das Umfeld ist wenig gefährdet, maximal durch die belastende Situtation.
Ein Mensch, der nie eine Depression erlebt hat, kann schwer nachvollziehen, wie sich das anfühlt. Nichts hat mehr Bedeutung, nichts Wert, schon gar nicht die eigene Person. Alles, was im normalen Alltag gut, wichtig, relevant ist, ist nichts. Man kann sich schwer konzentrieren, da der Verstand meist um sich selbst kreist. Direkte Hilfe ist schwer, Sätze wie „Nun reiss dich mal zusammen“ oder „Ist doch alles halb so wild“ helfen nicht, sondern entfremden nur noch mehr.
Was aber hilft, ist da sein für den Depressiven. Sich auch mal mit ihm gemeinsam vor der Welt da draußen zu verkriechen. Depressive sind nicht zwangsläufig Selbstmörder. Aber wenn das Umfeld sich immer mehr abkapselt, wenn da niemand mehr ist, der zu der depressiven Person hält oder das Umfeld den Druck immer weiter erhöht, dann mag für manch Depressiven der Selbstmord die letzte Chance sein.

Doch es ist ein Irrtum zu glauben, Depressive würden ihren Freitod immer ankündigen. Solange noch solche Signale kommen, ist es nicht so weit. Erst wenn ein Depressiver, der zuvor vom Freitod sprach plötzlich das Thema meidet, dann sollten Angehörige genauer hinsehen.

Update: ich wollte nicht den Eindruck vermitteln, wer von Selbstmord spricht, so nicht gefährdet. Auch hier ist höchste Alarmstufe. Mir ging es darum, dass es schlicht keine zuverlässige Vorwarnung für einen Selbstmordversuch gibt. Glaubt mir, ich weiß, wovon ich spreche.

Depression ist eine Krankheit, die zwar nicht heilbar, aber kontrollierbar ist.

Ja, ich bin in den Psychologischen Kliniken in Weissenhof aber das ist nicht gleichbedeutend mit unheilbar verrückt. Im Gegenteil, ich habe selbst entschieden,hier den Kampf gegen meine Depression aufzunehmen. Ich kann sie wahrscheinlich nicht besiegen, aber im Schach halten und das ist mehr, als ich in der Vergangenheit schaffte.
Ein Mensch, der sich seine Depression als Krankheit eingesteht ist nicht schwach sondern sehr stark. Er hat den Mut gefunden, sich mit der Depression als Krankheit auseinanderzusetzen. Und er hat anerkannt, dass es ein Kampf ist, der Höhen und Tiefen hat.

Schweigen wir nicht länger über Depression, reden wir darüber, denn so können wir mit Sicherheit das eine oder andere Menschenleben retten.

Hier mein Angebot: Sobald ich mit meiner eigenen Depression einen Nichtangriffspakt geschlossen habe biete ich mich und mein Wissen, meine eigenen Erfahrungen zu Depression jedem an, der etwas mehr darüber erfahren will. Seien es Schulen oder Firmen, Barcamps oder Schulungen. Fragt mich, ich berichte gerne.

Lasst uns den Kampf gegen das Todschweigen einer Krankheit beginnen, die von den reinen Zahlen an Betroffenen längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, aber immer noch mit dem Mantel des Schweigens bedeckt wird.

Noch arbeite ich an mir. Aber ich denke zur Mitte des Jahres werde ich den Kampf gegen das Schweigen aufnehmen, für alle die an Depressionen und dem Schweigen darüber leiden, für alle, die sich mit ihrer Krankheit alleine gelassen fühlen, für alle, die als Antwort auf „Ich bin depressiv“ ein „reiss dich doch mal zusammen zu hören bekommen.“

Und noch was : Ein depressiver Mensch, der gelernt hat, mit seiner Depression umzugehen (sic) ist genauso leistungsfähig wie jemand ohne Depression. Mein Arbeitgeber weiß das, aber viele fürchten sich vor dem Schritt an die Öffentlichkeit, weil eben manche Arbeitgeber das noch nicht erkannt haben

Mein Dank gilt allen Menschen, die sich um die Gesundheit anderer, sei es physisch oder psychisch kümmern. Ihr macht einen der bedeutsamsten, wichtigsten Jobs überhaupt. Insbesondere gilt mein Dank allen auf der P2 und der P20 der Weissenhof Kliniken.
Mein Arbeitgeber unterstützt mich unglaublich und gibt mir die Zeit zur Genesung ohne Angst um meinen Arbeitsplatz haben zu müssen. Ebenso habe ich wundervolle Kollegen und Freunde, die auch in der Klapse noch den Kontakt halten.
Am dankbarsten bin ich aber meiner Frau und unseren drei wundervollen Kindern gegenüber, die so voller Liebe und Verständnis sind. Ihr seid das allerwichtigste in meinem Leben.

Update 2: Mittlerweile (6.3.2015) bin ich wieder stabil und darf sogar bereits einen Tag am Wochenende nach hause. Nennt sich Belastungstest. Wobei ich mich insgeheim grinsend frage, wer da getestet werden soll.

Auf jeden Fall arbeite ich mittlerweile schwer an mir, und denke, dass ich auf einem sehr guten Weg bin, auch dank all jenen, die mich real wie virtuell begleiten. Twitter sollte wirklich als Therapieform anerkannt werden.

#notjustsad

Ben Wettervogel ist tot. Gedanken zu einer traurigen Nachricht

Vermutlich wird sich nicht ganz klären lassen, was ihn dazu getrieben hat, sich selbst zu töten. Nur dass er es wirklich machen wollte, zeigt, dass er einen Schalldämpfer verwendete. Oder war es eher der Wunsch, auch im Tod niemanden zu stören?

Dass Ben Wettervogel den Weg der Selbsttötung gewählt hat, macht mich sehr betroffen. Nicht, dass ich nicht nachvollziehen könnte, wie viel kaputt gegangen sein muss, um solch einen Schritt auch nur zu erwägen. Aber dass ein Mensch, der nach außen hin so humorvoll, so locker wirkte offensichtlich mit tiefschwarzen Gedanken zu kämpfen hatte, und dass wohl niemand erkannt hat, worauf das alles zusteuerte, das macht mich betroffen. Zeigt es mir doch, dass wir wohl bei weitem noch nicht vernünftig mit psychischen Problemen umgehen.

Auch wenn Kampagenen wie #notjustsad kurzfristig die Aufmerksamkeit auf Themen wie Depression lenken, so schafft es unsere Gesellschaft offensichtlich nicht, mit dem Thema psychische Erkrankung vernünftig umzugehen.

Dabei sollten wir schon lange begriffen haben, dass das Gehirn das komplexeste Organ unseres Körpers ist und dennoch eine Erkrankung nicht irreparabel und ein Erkrankter kein Psychopath sein muss.
Vielleicht liegt es daran, dass man die Krankheit oft nicht sieht, und viele Erkrankte sich schämen, ein psychisches Problem wie Angststörungen oder Depressionen offen zuzugeben.

Aber sicher ist ein weiteres Problem, dass wir funktionieren sollen. Und hier ist es einfacher, eine Auszeit zu bekommen, wenn man sich etwas bricht oder eine körperliche Erkrankung hat. Zumal diese meist in klaren Zeiträumen geheilt ist. Psychische Erkrankungen sind da viel komplexer und lassen sich nicht mal eben so kurieren.

Und selbst, wenn es nur eine ausweglos erscheinende Lebensphase ist. Wie alleine muss ein Mensch sein, dass er solch einen Schritt für nötig hält?

Es muss immer noch und immer wieder thematisiert werden. Wer psychische Probleme hat, der braucht Hilfe und keine guten Ratschläge, wohl aber gute Menschen um sich.

Ich fürchte, genau das hat Ben Wettervogel gefehlt, als er diesen Entschluß gefasst hat. Ich würde hoffen, dass die Tat etwas bewegt, aber ich fürchte, wir gehen schon Morgen wieder zum Alltag über.

Social Intranet geht nicht in deutschen Unternehmen

Ich weiß, recht provokant, aber wenn ich so die Nachrichten betrachte, die aus den Unternehmen in meine Ticker laufen, dann geben eben diese Nachrichten mir recht.
Denn solange die Kultur eines Unternehmens noch auf Überwachung, Vorschriften und Kontrolle beruht, so lange braucht das Unternehmen mit Social Media gar nicht erst anzufangen. Gutes Indiz? Social Media Vorschriften, die mit Sätzen wie „Facebook und Twitter sind nur für berufliche Belange genehmigt“ daher kommen. Da zeigt schon der Satz das Unverständnis über Social Media Plattformen.

Oder nimmt man an, der Mitarbeiter habe so etwas wie einen Contentfilter im Gehirn, dass in dem Strom von Nachrichten nur beruflich relevante sieht?

Zudem wird aus den meisten Unternehmen jedwede private Aktivität unter Androhung drakonischer Strafen von Abmahnung bis Entlassung verband. Der Mitarbeiter muss also einen guten Teil seiner Persönlichkeit am Eingang abgeben, und darf nur noch für die Arbeit denken und handeln. Klingt merkwürdig? Ist es auch.

Gerade in deutschen Unternehmen herrscht noch das asocial Intranet, angefüllt mit dienstlichen Informationen und jeder Menge Verboten und drakonischen Strafen bei Nichteinhaltung. Hier eine Social Intranet Plattform einführen heißt Perlen vor die Säue zu werfen. Denn niemand, der bei einigermaßen klarem Verstand ist, wird eine solche Plattform im Sinne eines Social Intranet nutzen und damit ist die Plattform an sich sinnlos.

Bevor also in einem Unternehmen eine Social Intranet Lösung eingeführt wird, sollte man erst mal die Kultur sozialer gestalten. Und vielleicht liefe schon dann einiges viel besser und es gäbe deutlich weniger Dienst nach Vorschrift.

Zu viele Plattformen, zu wenig Mehrwert

Gerade schrieb die Wirtschaftswoche in ihrem Blog vom Jahr der Entscheidung für Foursquare. Aber ich sehe nicht nur Foursquare in der Rechtfertigungsfalle.

Soziale Netzwerke, auch wenn uns die Kritiker oft anderes suggerieren wollen, sind vor allem dazu da, uns zu vernetzen und uns damit auch das Leben etwas einfacher zu machen.

Doch sobald ich auf zu vielen Plattformen präsent sein muss, kippt hier der Nutzen ins Gegenteil. Zumal ich, wenn ich eine Plattform wirklich sinnvoll nutzen möchte auch eine große Zahl derer erreichen will, die mir wichtig sind.

Auch wenn neue Plattformen wie Ello bessere Nutzererlebnisse versprechen, so lange die Mehrheit meiner beruflichen wie privaten Kontakte dort nicht aktiv ist, rechnet sich für mich der Aufwand nicht. Zumal ich nicht auf diversen Plattformen aktiv sein will.

Außerdem ist ein entscheidender Faktor, wie gut ich die Plattformen zeitversetzt bedienen kann, insbesondere in meiner Rolle als Blogger.

Da ich meinen Blog nicht tagsüber mit Content befülle, sondern dies in der Regel Abends auf der Couch passiert, brauche ich Technologien, die es mir ermöglichen, meine Artikel zeitversetzt zu veröffentlichen UND zu bewerben. Und hier gibt es eben nicht für alle Plattformen, sondern meist nur für die großen Player gute Tools.

WordPress erlaubt mir z.B. zeitversetzte Veröffentlichungen mit Verlinkungen in Google+, Facebook und Twitter. Ebenso kann ich via Buffer Artikel abends sammeln, die dann in den nächsten Tagen über Plattformen wie LinkedIn, Xing, Twitter, Facebook und Google+ gestreut werden.

Solche Features bieten neue Plattformen meist nicht, so daß ich hier manuell Content einpflegen müsste, wozu mir die Zeit aber zu schade ist.

Und ich denke, hier zeigt sich auch das Problem eines Dienstes wie Foursquare, zwar checke ich dort häufig ein, denn das geht quasi binnen ein paar Sekunden. Aber auf die Plattform aktiv um dort zu sehen, wer eincheckt und was dort geschrieben wird, das tue ich höchste selten.

Damit hat aber der Dienst ein Problem, denn womit soll er dann Geld verdienen, wenn seine Nutzer ihn nur indirekt nutzen und quasi nichts von den eigentlichen Inhalten der Plattform sehen.

Es bleibt spannend, welche der neu gestarteten Plattformen die nächsten Jahre überdauern werden und welche verschwinden. Bis dahin ist für mich weiterhin der Hauptfokus Twitter, Facebook und Google+ um mich und meinen Blog zu vermarkten.

Von richtigen und falschen Zielen und dem Glück des Status Quo

Wir alle haben Ziele im Leben. Nichts dagegen zu sagen.
Doch mittlerweile wird um das Ziele setzen ein Kult getrieben, der so nicht mehr gesund ist.
Denn sobald ein Ziel erreicht ist, hat man sich ein neues zu setzen. Eine Situation oder einen Status gut zu finden und dabei bleiben zu wollen, das scheint heutzutage nicht mehr adäquat.

Nicht falsch verstehen. Offenheit für neues, Wille, auch etwas neues zu lernen oder sich im Beruf zu verändern, unbestritten gut und richtig.
Aber wenn man sich alleine die Ratgeberregale in den Buchhandlungen ansieht, kann man schon den Eindruck gewinnen, eigentlich ist niemand richtig.

Wir sollten innehalten und uns auch wieder auf bereits erreichtes und vergangene Ziele besinnen. Sonst kommen wir gar nicht mehr zur Ruhe und sind nur noch in Eile, das nächste Ziel, den nächsten Trend zu erreichen.

Glücklich wollen wir alle sein, aber in einem System, das den Status Quo als unzureichend darstellt und das beständige Weiterentwickeln als Ultima Ratio darstellt, werden viele auf der Strecke bleiben oder ein Leben führen, das nicht ihres ist, sondern fremdgesteuert.

Und dass so etwas auf Dauer nicht gut gehen kann, das dürfte klar sein.

Als kleine Leseempfehlung zum Thema Gut reicht völlig empfehle ich das gleichnamige Buch von Bettina Stackelberg: Gut reicht völlig: Selbstbewusste Wege aus der Perfektionsfalle

Ich kenne dich besser, als du selbst. Der Fremdbild-Irrtum

Wir leben in einer Zeit des Beurteilt werdens. Nicht nur Schulnoten, auch im Beruf gibt es immer häufiger Noten, Beurteilungen, Fremdeinschätzungen. Vom Mitarbeitergespräch bis zum Assessment-Center, von Persönlichkeitstests bis zu Zeitungsartikeln wird uns suggeriert, das objektivere Bild von uns selbst liefern immer die anderen.

Assessment-Center zum Beispiel prüfen meiner Ansicht nach sowieso meist nur, wie gut ein Kandidat schauspielert und das liefert, was die Beurteilenden sehen wollen. Ob das nun wirklich das ist, was das Unternehmen EIGENTLICH braucht ist zweifelhaft, denn es beurteilen ja diejenigen, die schon im Unternehmen sind. Man bekommt also häufig „more of the same“ anstelle von denjenigen, die notwendige Veränderungen ins Haus tragen würden. Die kauft man sich dann teuer als externe Berater ein.

Ich halte das für eine ausgesprochen gefährliche Entwicklung. Denn sie degradiert unser Selbstbild zu etwas, das fehlerhaft, ungenau, gelogen ist. Und das für uns ALLE. Dabei gehe ich immer noch davon aus, dass jeder selbst seine Stärken und Schwächen am besten kennt.

Und in Konsequenz auch, dass vieles an Stress, Angst und Druck dadurch entsteht, dass der Mensch immer häufiger in Rahmen gepresst werden soll, die ihm nicht passen.

Der Introvertierte muss plötzlich extrovertiert sein. Jeder hat sich zu einer Rampensau zu entwickeln und alle sollen möglichst Führungsqualitäten zu haben.

Wir leben in einer Zeit, in der der Mensch sich den Aufgaben anzupassen hat, koste es was es wolle. Dass ein solche Vorgehen auf Dauer psychisch und ggf. sogar körperlich sehr belastend sein kann, dürfte klar sein.

Wir sollten endlich wieder uns selbst vertrauen (Selbstvertrauen irgendwer?) und uns nicht von all den Menschen irre machen lassen, die meinen, sie wüssten am besten, wie wir uns zu verhalten haben, wie wir gesund, glücklich, erfolgreich sind.

Ja, es gibt die Selbstlüge, aber ich glaube, hier geht man viel zu oft davon aus, jeder Mensch belüge sich über seine Fähigkeiten. Vielleicht ist aber gerade dies das große Dilemma. Wir vertrauen so lange dem eigenen Urteil nicht mehr, bis wir völlig fremdbestimmt leben und überhaupt nicht mehr den Werten und Zielen folgen, die uns ganz persönlich wichtig sind.

Aber wer ein gesundes Selbstbewußtsein und damit Selbstbild hat, ist natürlich weit weniger manipulierbar, lässt sich weit weniger von anderen indoktrinieren und ist damit nicht so einfach handhabbar wie derjenige, der jede Kritik gleich für bare Münze nimmt und permanent versucht, sich den Meinungen und Wünschen anderer unterzuordnen.