Social Media und Depressionen. Es kann auch helfen

Viele haben mir damals, in der tiefsten Tiefe meiner Depression geraten, als ich alleine und fern von Familie und Freunden (ich hab Freunde?) in der Klinik saß: Hör bloß auf mit Social Media, das zieht dich nur noch mehr runter.

Für mich war das Gegenteil der Fall und ist es auch heute noch. Buch, TV-Doku waren da quasi nur „Abfallprodukte“. Als ich in die Klinik aufgenommen wurde, hat mich vor allem das Alleine sein so furchtbar gestört und noch tiefer in die Depression gezogen. Klar hatte ich Mitpatienten. Aber mit vielen konnte man nicht sprechen, weil es ihnen oft so schlecht ging, dass sie schlicht kein Interesse hatten, mit anderen wollte man nicht sprechen. Und meine Follower auf Twitter fragten relativ schnell nach, was denn mit mir los sei. Ich hatte die Wahl: 26 Wochen lügen oder ganz offen mit meiner Depression umgehen. Als ich dazu die Therapeuten befragt, kam von denen: Wenn ich es für mich annehmen kann, ist offener Umgang immer besser.

Also habe ich aktiv via Twitter unter dem Hashtag #ausderklapse erzählt. Und bekam bis auf zwei flux geblockte Trolle sehr viel positives Feedback, Tipps, Zuspruch. Und auch Facebook zog mich keineswegs runter, sondern wurde zu einem Ort der Information. Wobei ich Facebook noch nie als Medium zum mich mit anderen vergleichen genutzt habe.

Als dann in der Tagesklinik auch noch eine geheime Facebook Gruppe für uns Verhaltensoriginelle eingerichtet wurde, hatte ich einen Kreis von Gleichgesinnten, die sich gegenseitig unterstützten und aufbauten.

Ich denke, es kommt auf die Person an. Für mich wäre ein Rückzug vermutlich sogar einer Verschlimmerung gleichgekommen. Zumal man mich in die Depression und den Suizid gerade dadurch gestürzt hatte, dass man mir meine Art zu leben nehmen wollte.

Ich würde nicht so weit gehen wie Holly Elmore, die als Teil ihrer Genesung durch das Posten eines absichtlich positiven Images ihrer selbst zum Teil genesen ist.

Aber die Unterstützung, die Erfahrung, wie viele Gleichgesinnte es gibt und das positive Feedback für meinen Kampf zur Entstigmatisierung von Depression und Psychiatrie, genau das hat mir sehr geholfen, mein Selbstbild wieder zu verbessern, positiver zu denken, mehr vom Leben zu erwarten.

Ich kann mit Fug und Recht behaupten: Social Media hat mir vielleicht nicht mein Leben geretttet, obwohl Whatsapp einen großen Anteil an meiner Lebensrettung nach dem Suizidversuch hatte. Aber es hat mir meinen Verstand wieder repariert.

Ich werde hier nicht behaupten, Social Media sei für jeden depressiven Menschen gut. Aber jeder sollte es für sich prüfen, wie es wirkt und sich weder von Medien noch von Ärzten oder seinem Umfeld vorschreiben lassen, was er zu tun hat. Genau das treibt einen ja manchmal in die Depression. Been there, experienced that.

P.S.: Die meisten Studien, die eine Förderung von Depressionen durch insbesondere Facebook sehen, beziehen das vor allem auf das Vergleichen mit anderen, positiveren Profilen. Das habe ich zum einen nie gemacht, zum anderen gibt es dieses Vergleichen schon lange: Das bessere Auto, Smartphone, Haus, Leben, der bessere Freundeskreis, Job. Vergleichen kann man sich unabhängig von Facebook. Man sollte nicht Symptom mit Krankheit verwechseln. Facebook mag für manche Katalysator sein. Ursache einer Depression, dafür gibt es laut Studien keine Belege, die meisten Forscher, die Korrelationen fanden, sprachen von der Möglichkeit, dass.

 

Meine Depression und ich, wir kommen im Fernsehen

Na ja, noch nicht. Erst mal kommt Morgen ein TV-Team für erste Dreharbeiten. Quasi meinen ersten Tag der Wiedereingliederung dokumentieren, beginnend nach Verlassen des Büros und dann in der Tagesklinik auch mit einem Therapeutengespräch. Denn Morgen beginnt mein zweiter Wiedereingliederungsversuch, diesmal langsamer und mit psychologischer Betreuung.  Die Klinik hat sich zu Recht über diese PR gefreut und ich freue mich, dass ich etwas dazu beitragen kann. Einrichtungen wie unser Zentrum für psychische Gesundheit sind wichtige Anlaufstellen für Menschen mit psychischen Problemen. Und die Hilfe, die ich dort erhalten habe, hat mir in der bislang düstersten Phase meines Lebens sehr geholfen.

Und alle, die glauben, ich wolle mich profilieren. Ganz ehrlich, da hätte ich mir ein anderes Thema ausgesucht als gerade meine Depression. Das ist nichts, womit man großartig angeben kann. Aber vielleicht hilft das ebenso wie mein Buch, etwas von dem Stigma aufzulösen, das immer noch bei psychischen Krankheiten besteht. Dieses Stigma macht es für psychisch Kranke nicht gerade leicht, sich Hilfe zu suchen oder mit ihrer Krankheit zu leben. Und außerdem, meine Depression ist ein richtiges Arschloch zu Zeiten, hat sie mich doch wieder komplett aus der Bahn geworfen, als ich dachte, alles liefe bestens.

Also: Drückt mir die Daumen, Morgen ist ein entscheidender und auch ein spannender Tag.

Der Verlust grundlegender Werte.

Wir sind entsetzt über hasserfüllte Fratzen vor Bussen mit verängstigten Flüchtlingen. Wir echauffieren uns über Schiessbefehlskonzepte wirrer Politikerversuche. Wir sind verärgert über die deutschen Waffenexporte ins Ausland.

„Alle Menschen sind gleich.“ rufen wir unserem Luigi oder Panagiotis  zu, während wir uns über unserer Pizza oder unserem Souflaki über die Weltpolitik auslassen.

Oh wie scheinheilig sind wir doch alle. Denn gleichzeitig sind es wir, die plötzlich besorgt sind, wenn vor UNSERER Tür ein Flüchtlingsheim, ein Windpark, ein Solarpark eröffnet wird. Ja natürlich finden wir das gut. Aber nicht gerade hier.

Und so fahren wir, besorgte Bürger, die wir plötzlich geworden sind, mit einem mit Plakaten und Bannern vollgeladenen SUV oder Oberklasseprotzgefährt zu eben jenen Modifikationen unserer heilen Welt, und wünschen sie überall hin, nur nicht zu uns.

Klar, als im Fernsehen die Bilder aus Syrien in unsere Wohnzimmer drängten, da war sicher in vielen Haushalten Mitgefühl, Sorge, der Wunsch zu helfen. Aber wenn es dann wirklich zum Äußersten kommt, zu aktiver Hilfe weil unsere Waffenlieferungen zu diesem Drama mit beigetragen haben, dann sind wir plötzlich sehr kleinlaut, haben Angst vor dem Fremden, das wir nur wenige Generationen zurück in der Geschichte oft selbst waren (ich für meinen Teil habe zur Hälfte ungarisches Blut in meinen Adern)

Ja, wir sollten die Rüstungsfabriken schließen. Bis diese mit Arbeitsplatzverlust und wirtschaftlichen Einbußen drohen.

Überhaupt. Alles, was wir an Unwürdigem, Schädlichem, Unnützen, Verwerflichen in der Wirtschaft weiter am Leben halten, tut dies vor allem, weil man mit der Keule der Arbeitslosigkeit, des Verlusts unseres Status Quo drohen kann und wird. Hartz IV ist das Damoklesschwert, das uns alle zu gefügigen Arbeiterbienen macht, die sehr schnell den Mund halten, wenn einer aus der führenden, wenn auch nicht zwangsweise intelligenten Kaste das Stichwort Arbeitslosengeld II in den Raum wirft. Meist ist es ein Mensch, dessen Gehalt so unverschämt viel höher als das wertvoller Berufe wie Krankenschwester oder Pfleger ist, dass es schon pervers und obszön als Deskription verdient.

Wir sind gute Menschen. Solange man nicht droht, uns etwas wegzunehmen. Und wir sind gut darauf trainiert, in einer Gemeinschaft gleichgeschalteter Arbeiterameisen zu leben, auf Kosten weniger, die teils durch Erbe, teils durch an die Spitze politisieren und polemisieren behaupten, irgendwelche bestimmenden a priori Rechte über unser Leben zu haben.

Nur wenige erlauben sich eine Rebellion gegen die Dummheit, Ignoranz und vor allem Amoralität unseres aktuellen Wertegefüges. Eben jene werden dann entweder als verrückt, oder als weltfremder Künstler gebrandmarkt.

Wir alle warten auf jemanden, der auf den Tisch haut, den wir dann mit den Worten: „Wir hätten ja, aber wir konnten nicht.“ begrüssen und für unseren neuen gesellschaftlichen Messias halten.

Er wird es nicht sein. Nur wir, jeder einzelne können überdenken, ob wir uns von ökonomisierten Wirtschaftswerten terrorisieren lassen, oder ein menschliches, gesellschaftliches, gemeinsames Wertesystem inthronisieren. Die Wirtschaft wird das nicht wollen, weil sie willige und dumme Arbeiterameisen und noch williger und am besten dumme Konsumenten benötigt, für Schrott, der unsere Welt verpestet, unsere Geldbeutel lehrt und uns ablenkt von den wirklichen Problemen der Gegenwart. Das wird nicht leicht sein, weil die „Da Oben Kaste“ natürlich behaupten wird, wir wären undankbar, dumm, böse, weil Politik und Wirtschaft im immer währenden symbiotischen Einklang gegen die Rebellion vorgehen werden. Aber wie schon Guy Fawkes so schön formulierte:  „Eine hoffnungslose Krankheit verlangt nach einem gefährlichen Gegenmittel.“

Und ein letzter Gedanke. Wie oft hat sich jemand, der über die korrupten Politiker oder die „Lügenpresse“ echauffierte,  auf den Vorschlag: „Dann geh in die Politik, in den Journalismus, mach es besser.“ Mit: „Au ja, sofort!“ reagiert? Meist ist es dann zu schwierig, nicht ihr oder sein Ding oder man hat gerade wichtigeres zu tun. Zum Beispiel sinnlos Blödsinn nachbrabbelnd auf der Straße gegen Kriegsopfer vorgehen.

 

Ein Tag. Ohne Garantie. Aber länger

8:30 der Wecker klingelt. Zum 5. Mal. Er glaubt immer noch, er könne mich mit seiner Geräuschkulisse beeindrucken, was ich durch einen gezielten Wurf desselbigen in Richtung Wand konterkariere.

Kadöngel. Einschlag, wieder eine Kerbe mehr in der gegenüberliegenden Schlafzimmerwand.

Kurze Zeit später ein weiterer Aufschlag. Etwas dumpfer. Gleiche Wand. Mein Wohnungsnachbar bedankt sich bei mir und seinem Wecker für das vorzeitige Erwachen.

Aufstehen, aber langsam. Das öffnen des Rolladens deckt auf, dass es draußen nicht nur Tag, sondern schon geradezu obszön sonnig ist.

Nicht ganz meine Stimmung aber gut. Man kann nicht alles haben, und sich mit dem Wetter anzulegen gehört eher zu den wenig erfolgreichen Aktivitäten. Das mussten selbst ein paar Wetterfrösche mit deren Prognosen bereits erfahren.

Ich weiß nicht mehr ganz genau, was ich gestern getrieben habe, aber der Geschmack im Mund lässt mich vermuten, es muss etwas mit Torf, Haaren und irgendwelchen mehr oder minder brennenden Flüssigkeiten zu tun gehabt haben. Scheinbar fand Rüdigers Party entweder in einem Gartencenter oder in einem Tierheim statt.

Bad, ich sollte ins Bad. Zumindest mein Mundbiotop sollte wieder in einem eher normalen Aggregatzustand überführt werden.

Als ich die Zahnpasta auf die Zahnbürste pressen will, stelle ich fest, Handcreme. Hmm. Nicht ganz, was ich mir jetzt auf meine Zähne platzieren möchte. Ich suche nach der Zahnpastatube, finde sie schliesslich auch. Im Mülleimer. Leer. Nicht dieses Leer, mit dem man sich noch einen halben Monat die Zähne putzen kann weil die Spackos aus der Produktentwicklung die Tube so kontruiert haben, dass jeder normale Mensch maximal die Hälfte des Inhalts herauspressen kann. Nein. Leer im Sinne von aufgeschnitten, abgekärchert, abgeleckt. Leer eben.

Alternativen. Ich brauche Alternativen. Die Handcreme hat mich schon vor längerer Zeit eines Morgens nach einer sagen wir mal, ausgiebigen Feier in den eigenen Räumlichkeiten von ihrer mangelnden Reinigungskompetenz im Kontext des eigenen Beisswerkzeugs überzeugt.

Aber was nehme ich denn noch so zum Putzen. Fensterreiniger fällt aus. Zu flüssig. Diese Reinigungspaste mit der man sogar öligste Ölreste von den Händen bekommt. In der Konsistenz interessant, aber fürs Zahnfleisch eher schmerzhaft. Schliesslich belasse ich es bei der eher puristischen Variante und packe mir ein paar Brocken Seife auf die Zahnbürste. Denn ich erinnere mich noch aus meiner Jugend, dass offensichtlich selbst eine schmutzige Dialektik sich mithilfe einer wohldosierten Menge Seife im Kauraum wieder korrigieren ließe. „Sag nicht solche Worte, sonst muss ich dir den Mund mit Seife waschen.“ Ein Satz, wie aus der Marketingabteilung eines Großkonzerns. Sinnlos. Klingt aber gut.

Ich muss gestehen, Zahncreme schmeckt deutlich besser. Aber da muss ich jetzt durch. Danach, grobe Befeuchtung relevanter Körperregionen. Duschen wäre mir in meiner momentanen Gesamtverfassung noch etwas zu radikal. Dann zurück ins Schlafzimmer, Kleidung suchen, die noch tragbar ist. Der Schrank gibt im Moment nicht mehr viel her außer ein paar dicken Wollpullovern, die sofort von der Sonne draußen verspottet werden. Also der Boden. Ich finde schliesslich zwei fast gleiche Socken, eine alte Jeans, bei der man die Flecken noch als so etwas wie künstlerischen Ausdruck verkaufen kann und, es grenzt schon fast an ein Wunder, frische Unterwäsche.

Anziehen. Dreimal. Erst vergesse ich die Unterwasche, dann stelle ich fest, das T-Shirt ist nicht nur nach außen sondern auch von hinten nach vorne gekehrt.

Nicht mein Tag, bisher gar nicht mein Tag.

Frühstück. Kaffee. Mehr nicht.

Dieses ganze Brimborium mit Brötchen, Butter, Teller, Besteck. Jetzt nicht. Heute nicht.

Heute ist, Moment, mal überlegen. Montag. Na toll, das schwarze Schaf unter den Wochentagen. Auf dem Weg ins Büro, den ich Gott sei  Dank mit dem Bus absolviere und mir deshalb keinerlei Sorgen über mein Hand-Fuß Koordination bei der Steuerung eines Kraftfahrzeugs machen muss, der Busfahrer war ja hoffentlich nicht auf der gleichen Fete, versuche ich grob den Vortag zu rekonstruieren, komme aber nur so weit, dass es die Geburtstagfete von Rüdiger war, und dass er mich recht früh abgefangen und zu der Gruppe Kerle gelotst hat, die sich in einem Nebenzimmer seiner obszön großen Wohnung mit der Rüdigerschen Whiskysammlung befassten. Danach, Filmriss. Null, Nix, mein Gehirn muss ab diesem Zeitpunkt die Speicherung jedweder Sinneseindrück komplett eingestellt haben.

Nun gut, war wohl besser so. Die weiteren Businsassen sehen bei genauer Betrachtung auch nicht viel besser aus. Das meiste Büroangestellte mit Blicken, die irgendwo zwischen Schaffot und Beerdigung schwanken. Schüler sind schon längst in ihren Nürnberger Trichtern.

Im Büro angekommen beginnt der Arbeitstag, der sich am besten wie folgt beschreiben lässt. Sitzen, Monitor, Tastatur, Telefon, Anrufe. Nur unterbrochen von Meetings, die sich hervorragend eigenen, um die Primzahlreihe in Gedanken zu berechnen, Einkaufslisten für die nächsten drei Wochen zu erstellen und mit dem Bleistift hübsche Mandalas in die Schreibmappe zu malen. Was dann wirklich zu tun ist, klärt man bilateral via Telefon oder noch besser bei einem Kaffee.

Auch wenn ich es wirklich händeringend versucht habe. Wirklich witziges oder aufregendes aus meinem Büroalltag will mir partout nicht einfallen. Nicht dass ich nicht dankbar wäre ob dieser Quelle für das finanzielle Überleben. Nur ist sie halt kein Abenteuerspielplatz.

Die Busfahrt zurück nach hause gestaltet sich ähnlich kommunikationsbefreit wie die Hinfahrt. Gut, die Ohrstöpsel im Ohr und die Beschallung mit Nirvana in LAUT, also mein Nachbar kann mithören LAUT verhindern die Kommunikation auch weitestgehen. Nur einmal hat einer versucht, mit mir ein Gespräch zu beginnen. Ich hab ihn dann nur leicht irritiert grinsend angestarrt, wie sich da seine Lippen so bewegten ohne das ich auch nur ein Wort hören konnte und er hat dann auch ziemlich schnell aufgegeben und mir einen Zettel überreicht, der mich aufforderte, die Strafe für das nicht mitführen eines Bustickets zu zahlen.  Dummerweise geschah dies genau an einer Haltestelle, die der Kontrolleur, wie selbst mir jetzt in meine Gehirnwindungen gesickert war, zum Verlassen des Busses nutzte und mich mit einer vielleicht nicht berechtigten aber im Nachhinein betrachtet durchaus gerechten Strafe zurückließ.

Heute verlasse ich den Massentransporter zwei Stationen früher. Ich muss unbedingt noch was einkaufen. Nicht nur Zahnpasta. Auch noch ein paar so Dinger, die meinem Kühlschrank auch wieder eine Existenzberechtigung verleihen. Der Supermarkt. Keiner von den großen, keiner von den schönen. Aber das, was ich so für meine Basisversorgung brauche, das hat er. Meistens. Nicht unbedingt in meiner Geschmacksrichtung aber ich will da auch gar nicht zu anspruchsvoll sein.

Geldbörse auf, tatsächlich das Wunder des ein Euro Stücks wird mir zuteil.  Natürlich habe ich nicht bedacht, dass wir jetzt die Stunde des „ich muss nur noch schnell was einkaufens“ haben sowie die Stunde der Rentner, die mal gerne wieder jemanden kennenlernen wollen. Schaun wir mal. Brot, kein schlechtes Konzept. Gibts aber nur noch in der „die Hälfte verschimmelt bis Ende der Woche“ Größe. Käse, natürlich die Aufschnittmischung. Warum soll ich mich mit der Auswahl zwischen zwanzig verschiedenen Käsesorten rumschlagen, von der ich die Hälfte nicht mal geschmacklich unterscheiden kann. Während ich eine Tube Senf dazupacke, wabert mir mein Badezimmer im Kopf rum. Moment, irgendwas habe ich: Ich klatsche mir mit der flachen Hand an die Stirn, was mir teils besorgte, teils verängstigte Blicke einbringt. Zahncreme, fast vergessen.

Noch ein paar andere Kleinigkeiten, dann ab zur Kasse. Denke ich. Bleibe aber direkt da stehen, wo ich bin, denn mittlerweile hat sich die Schlange vor der Kasse bis zum anderen Ende des Supermarkts ausgedehnt. Na toll. Gut, dass ich mein Smartphone dabei habe. Erst mal alle weiteren Termine der nächsten Stunden absagen. Das kann dauern. 45 Minuten später. Vor mir nur noch das Klischee. Ein Rentner. Drei Waren. Und blöderweise ein Betrag mit unrunden Zahlen hinterm Komma. Zunächst sucht er minutenlang in seiner Geldbörse. Als er den verzweifelten Blick der Kassiererin und das leicht ungeduldige Gemurmel hinter mir und ja, auch von mir hört, schüttet er den ganzen Inhalt aufs Kassenband mit den Worten: „Nehmen Sie bitte, was es kostet.“ Erleichtertes Aufatmen rollt wie eine Welle von der Kassiererin über mich bis zum anderen Ende des Supermarkts, wo immer noch letzte Kunden stehen.

Drei Griffe und sie hat den Betrag in der Hand, tippt etwas ein, die Kasse öffnet sich und sie sortiert das Geld ein. Währenddessen räumte ER seine Waren in eine Stofftasche. Langsam, könnte ja zerbrechen, eine von den Dosen oder dem Käse.

Dann ich. Jetzt wirds sportlich. Da ich nicht wenige Einkäufe habe, wird es zum Wettkampf zwischen Kassierierin und mir. Während sie die Produkte über den Laserscanner pfeffert, versuche ich sie dahinter aufzufangen und möglichst flott in den Einkaufswagen zu befördern. Gelingt, zur Hälfte. Dann beginnt sich Ware zu stapeln. Schnell reichts mir und ich schiebe den Rest einfach am Stück in den Wagen.

Karte: Murmle ich. Ein kurzes Seufzen, dann dreht sie mir das Kartenlesegerät zu und erklärt mit der typisch gelangweilten Stimme eines Menschen, der einen Satz zum hundertstenmal sagen muss: „Geheimzahl eingeben, mit Grün bestätigen.

Ich tue wie mir geheißen, mir wird die Quittung gereicht und nachdem ich es geschafft habe, meine Einkäufe in die mitgebrachte Einkaufstasche zu stopfen, mache ich mich auf den Heimweg. Bei Regen. Und Sturm. Beides hat natürlich erst eingesetzt, nachdem ich den Supermarkt betreten hatte und überrascht mich komplett.

Als ich schliesslich zuhause ankomme, bin nicht nur ich, sondern sind auch meine Einkäufe klitschnass. Was solls, das meiste ist eh so dicht verpackt, dass ich dessen Lebensdauer auf mehrere Jahre hochrechne.

Zufrieden betrachte ich meinen Kühlschrank, stelle fest. Da ist ja jetzt ganz schön was drin.

Nach dieser erfolgreichen Jagd habe ich mir einen drögen Abend auf der Couch bei einem Bierchen verdient. Bierchen, das ist etwas, das immer da ist, man weiß ja nie, wer zu Besuch kommt.

Als ich mir an diesem Abend triumphal die Zähne putze, bin ich sehr verblüfft, Zahncreme mit der Geschmacksrichtung Senf erwischt zu haben. Moment? Senf?  Ok. Ich vermute, ich sollte die Senftube in den Kühlschrank packen und dann ausnahmsweise mit auf 8 Grad gekühlter Zahncreme meinen Mund von dem penetranten Senfgeschmack befreien.

Meine Kleidung verstaue ich sorgfältig wie immer durch wahlloses Fallenlassen auf dem Weg zum Bett, ziehe mir die Decke übern Kopf und bin mit mir und der Welt eigentlich ganz zufrieden.

Keine größeren Katastrophen, heute.

Ein ganz normaler Tag.

Nur weil es ein Arzt ist, will er dir nicht unbedingt helfen

Ich war schockiert. Gestern Abend. Die Produzentin, die einen Film über Depressionen drehen will und bei dem ich auch eine Rolle habe offenbarte mir, bestimmte Instanzen gäben keine Drehgenehmigung, weil sich eine bestimmte Ärztin da ungefähr wie folgt geäußert hätte: „Das befürworte ich nicht, das könnte dem Heilungsprozess von Herrn Hauck schaden.“ Nun ist die Ärztin nicht meine Hausärztin und ich will mit ihr auch gar nichts mehr zu tun haben. Geschockt hat mich aber schon, dass hier ohne Rücksprache mit mir über meinen Kopf hinweg entschieden wird. Nachforschungen ergaben, dass sie tatsächlich in einer Weise über mich geäußert hat, die jenseits alles ertragbaren ist.

Was lerne ich daraus? Leider scheint „Trust noone“ immer noch zu gelten, gerade für Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten. Werde jetzt die entsprechenden Konsequenzen ziehen und bestimmte Freigaben wieder entziehen. Wenn ein Arzt mich krank macht, heißt es: Notbremse ziehen. Auch für meine Leser als Tipp. nur weil es ein Arzt ist, weiß er oder sie nicht alles. Oft existiert nur großes Unverständnis. Leider wurde mir das im letzten Jahr zu spät klar, was dazu führte, das die Hälfte der Zeit an dem völlig falschen Thema therapiert wurde.

Update: Fast vergessen. Aus diesem Internet sollte ich mich nach ärztlichem Rat auch löschen, man habe mich da gefunden. (Ach) und mein Blog und dieses Social Media sind eh des Teufels willige Helfer. Ich glaub, das Mittelalter will einen Arzt zurück.

Ich denke, es ist an der Zeit, sich rechtlichen Beistand zu suchen.

 

Zurück auf Los. Die Klapse hat mich zeitweise wieder

Da war ich wohl zu optimistisch. Oder meine Depression und meine Angststörung gemeinsam zu stark. Ich bin seit etwas über einer Woche wieder in der Tagesklinik. Warum? Primär, weil ich nach den sechs Wochen Wiedereingliederung wohl alle Reserven aufgezehrt hatte und ein kleiner Zusammenbruch folgte. Der führte mich zu meinem Hausarzt. Dann zum Chefarzt der Tagesklinik und dann schon am nächsten Tag wieder in die Tagesklinik selbst.

Es wird kein langer Aufenthalt, aber es ist nötig, mich wieder zu stabilisieren und endlich den Fokus auf meine generelle Angststörung zu legen. Die hatte man in der Vergangenheit zu Gunsten der Depression sträflich vernachlässigt. Wohl in der nächsten Woche werde ich wieder halbtags, aber unter enger Begleitung der Tagesklinik wieder einsteigen in den Beruf. Dieses Mal behutsamer, auf mich selbst achtender. Ich dachte wohl wie mein Umfeld, jetzt ist der Uwe wieder gesund, jetzt kann er ja 100% geben, denn das muss ja sein. EINEN SCHEISS MUSS ICH. Ich muss primär nach mir sehen, um endlich stabil zu sein und nie wieder in die gefährliche Gedankenspirale zu geraten, die letztlich bei Suizidgedanken endet.

Ich habe eine schwere Krankheit, eine Krankheit, die man ernst nehmen muss und die mich mein Leben begleitet und begleiten wird. Ja, ich werde kämpfen, nein, ich will nicht mehr den finalen aber einfachen Weg gehen. Aber um das zu erreichen brauche ich wohl doch noch mehr Hilfe, als ich dachte.

Gott sei Dank stehen mir erneut sehr hilfreiche und erfahrene Menschen in meinem Kampf zur Seite. Ich werde es schaffen, und stärker daraus hervorgehen als jemals zuvor. Nur braucht es einen längeren Weg, als ich dachte.

Ich bin meiner Depression dankbar

WTF. Denkt ihr doch alle gerade, gebt es ruhig zu.

Aber es stimmt. Ich bin ihr dankbar. Nicht für ihr Arschlochbenehmen, wenn sie mich gerade an besonders schönen Tagen runterzieht. Auch nicht für die lebensbedrohlich dunklen Gedanken. Und die Panikattacken, die könnt sie sich ruhig ganz schenken.

Aber sie hat die Truppen gereinigt. Sie hat mir gezeigt, wer in harten Zeiten zu mir steht, wer auch meine trüben Phasen erträgt. Und ich habe dank ihr neue, besondere Weggefährten gefunden. Die Mittwochabende sind für mich plötzlich zu einer Zeit des Austauschs, des Lachens und der Freundschaft geworden.

Und sie hat mein Wertegefüge durcheinandergewirbelt. Wenig ist da, wo es früher war. Wenn den nächsten Tag (er)leben in mancher Nacht zum einzigen Ziel wird, dann sind gängige Werte plötzlich irrelevant. Ein neuer Tag, den ich nicht im Dunklen verbringe, ist ein hohes Gut. Ein schönes Kunstwerk, die Natur, ein gutes Buch. Einfache Dinge, wichtige Dinge.

Sie hat mir beigebracht, weniger an andere und mehr an mich zu denken. Ja, das übe ich noch, aber ich mache Fortschritte.

Sie hat mich zum Autor gemacht. Denn sie hat mein Leben so nachhaltig und intensiv verändert, dass es wert ist, das zu erzählen.

Ich habe sie als meinen Begleiter akzeptiert, sie ist ein Teil von mir, den ich nicht abschütteln kann. Und sie hat mich verlangsamt. Im Guten. Ich beginne, die Momente zu genießen, wo ich früher nur an das Morgen gedacht habe. Alles noch ganz zart, ganz knospig, aber es wächst heran.

Die Depression ist nicht mein Freund geworden. Aber so etwas wie der Advocatus Diaboli, der Berater, der mir hilft, Spreu vom Weizen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.

Manchmal streite ich mich mit meiner Depression. Wenn sie wieder mal zum ungünstigsten Moment die Klappe auf und mich in den Abgrund reißt. Aber ich hab jetzt Rettungsseile. Ich komm da wieder raus. Auch wenn sie oben steht und lacht. Ich lache jetzt zurück.

Wenn da nicht die Angst wäre. Aber das ist eine andere Geschichte. (sic)

Kennt ihr jemanden, der mit einer Depression zu kämpfen hat? Dann seht ihr einen sehr starken Menschen vor euch, der sich jeden Tag wieder gegen den leichten, finalen Weg stemmt und seine oder ihre Depression in die Schranken weißt.

Gibt es eine männliche Angst?

Provokation galore. Klar, wird jetzt jeder sagen, auch Männer haben Angst. So, und jetzt treten wir etwas zurück, überlegen uns, was wir gesagt haben und wann uns in der „Realität“ schon mal ein Mann begegnet ist, der über seine Angst gesprochen hat.

Und damit das ganze nicht so einfach ist, bringe ich jetzt noch meine generelle Angststörung mit ins Spiel. Also etwas, das mich jederzeit, egal wo überfallen kann. Das von einem minder schlimmen Unwohlsein bis zur totalen, allumfassenden Panik alles hervorrufen kann. Und vor allem, etwas, das nur der Kenner an mir erkennt, wenn ich wieder zur Salzsäule erstarrt aber wie ein Verrückter schwitzend irgendwo sitze.

Oder, und das ist mein spezielles Talent, ich im Dialog mit irgendwelchen Menschen, die Macht auf mich ausüben können einfach wie der berühmte Hase vor dem Wolf sitze. Und es ist nichts, das man so einfach kontrollieren könnte. Man kann es aber sehr gut verheimlichen. Das hilft zwar überhaupt nicht weiter, macht das ganze manchmal eher noch schlimmer, aber siehe oben: Die Gesellschaft will so etwas gerade auch beim Mann eben nicht sehen. Alte Klischees, dumme, alte Klischees, die aber immer noch greifen.

Ich trage die Krankheit seit Jahrzehnten in mir, dachte immer, na so einmal pro Monat ne existentielle Panik ist normal, sagt bloß keiner was. Ne, ist sie nicht. Auch jeden Tag irgendwann wieder mit einem Angstschub konfrontiert zu werden. Sich permanent über irgendwelche Katastrophenszenarien Sorgen zu machen die in schweren Ängsten münden.

Eins aber weiß ich, seitdem ich die Angst ans Licht zerre und nicht mehr drüber schweige, geht es mir besser. Nicht gut, aber sehr viel besser. Weil ich zumindest von einigen Seiten positives Feedback erlebt habe. Und weil man mir manche meiner nie ans Tageslicht gebrachten Sorgen zumindest in Teilen nehmen konnte.

Aber es schweigen noch viel zu viele Menschen über ihre Ängste, und insbesondere Männer weil die verdammten Rollenklischees trotz aller Emanzipation und Gleichberechtigung gnadenlos greifen. Ein Mann im Berufsleben, der von Ängsten spricht ist ein Schlappschwanz….. sagt man….. völlig falsch.

Deshalb werde ich auch meine Angststörung,  die vermutlich ein fettes, fieses Bündnis mit meiner Depression eingegangen ist, um mir das Leben schwer zu machen, weiterhin thematisieren. Wir brauchen auch für solche nicht sichtbaren Behinderungen, Krankheiten ein Lobby, zumal die Zahl derer, die darunter leiden in unserer rein aufs Ökonomische fixierten Welt noch steigen wird.