Ein Schnupfen ist kein Beinbruch will aufzeigen, dass Medizin nicht immer massiv wirken muss, dass nicht immer große Behandlung notwendig ist.
Auf insgesamt 222 Seiten erklären Dr. Med. Johannes Wimmer, bekannt unter anderem durch seinen YouTube Kanal und Professor Dr. Robin Haring, warum nicht jedes Medikament nötig ist, was es mit der Technik in der Medizin auf sich hat und warum nicht Nahrungsergänzungsmittel nur selten nützen.
Das Buch ist dabei nicht mit Fachtermini durchsetzt, die beiden Autoren schaffen es, einem die zum Teil komplexe Materie der modernen Medizin anschaulich und streckenweise sehr unterhaltsam näher zu bringen.
Speziell die Kapitel, die sich mit populären Irrtümern über unser Gesundheitssystem befassen, sind sehr spannend zu lesen und greifen Themen auf wie Qualität der deutschen medizinischen Versorgung, Stand der Forschung und alternative Medizin und deren (Un)wirksamkeit.
Insgesamt lässt sich das Buch sehr angenehm lesen, es werden keine Fronten eröffnet sondern es wird versucht darzustellen, dass nicht alles immer optimal läuft, man aber weit weniger Grund zum Klagen hat, als viele meinen. So zeigen die Autoren, dass durchaus auch die Haltung der Bürger zur Medizin nicht immer objektiv ist und manch eine Medikation nicht nötig wäre oder manch ein Besuch beim Arzt oder im Krankenhaus überflüssig.
Gerade jenen Menschen, die sehr kritisch gegenüber der „Schulmedizin“ sind, sei dieses Buch ans Herz gelegt, zeigt es doch die Defizite wie auch die Errungenschaften sehr deutlich und offenbart, dass manch ein Anspruch an behandelnde Ärzte oder Kliniken schlicht zu groß oder die Einschätzung dessen, was die optimale Behandlung für das eigene Leiden ist, sehr subjektiv sein kann.
Das Buch ist ein richtiges und wichtiges Plädoyer für den informierten Patienten, der durch Wissen Fehlbehandlungen mit vermeiden helfen kann. Es liegt nicht die ganze Verantwortung beim Arzt, auch als Patient sollte man sich informieren, um Werbeversprechen nicht einfach zu erliegen oder den guten, ernsthaften Arzt vom Scharlatan unterscheiden zu können.
Dieses Buch kann da sehr gut als Einstieg dienen, um die eigene Patientenkompetenz zu schärfen.
Daher von mir 5 von 5 Sternen für ein Buch, das es schafft, sowohl zu unterhalten als auch zu informieren.
Ein Schnupfen ist kein Beinbruch ist bei Ullstein zum Preis von 10 Euro erschienen.
Gedanken zu meinem 2. Geburtstag
Drei Jahre ist es her, als ich nicht mehr konnte. Oder wollte. Oder beides.
Drei Jahre und ein Tag genau genommen, aber der 5. Februar ist der Tag, an dem ich wieder aufgewacht bin. An dem für mich eine Welt zusammenbrach. Was ich da nicht ahnte war, dass sich eine gänzlich neue Welt öffnen sollte. Mittlerweile liegt es ferner denn je, nochmal aus dem Leben scheiden zu wollen. Das habe ich wertvollen Menschen zu verdanken, allen voran meiner Frau Sibylle und einer lieben Kollegin, die im Roman als Barbara auftritt. Ich wurde Autor, Sprachrohr für Betroffene, die Medien interessierten und interessieren sich für mich.
Mein Buch verkauft sich nach wie vor gut, was mir wiederum hilft, weiterhin für die gesellschaftliche Akzeptanz von Depressionen und eine bessere Suizidprävention zu kämpfen.
Ich bekam Drohbriefe und meiner Frau wollte man den Mund verbieten. Aber ich bekam auch unglaublich liebe Briefe von Betroffenen, Nachrichten, Anrufe, Feedback. Ich war im TV und im Radio, um meine Botschaft zu verbreiten. Noch immer muss ich mir vor Augen führen, dass ich einen Jugendtraum erlebe. Ich bin Autor, mein Buch scheint Menschen helfen zu können, was für mich ein wunderbares Geschenk ist.
2017 war in jedweder Beziehung ein unglaubliches Jahr. Und 2018 scheint da anknüpfen zu wollen. RTL interessiert sich für meine Geschichte, ich bin Keynote Speaker eines Patientenkongresses in der Schweiz und wieder laden mich Schulen, Vereine und Buchhandlungen ein, Lesungen und Vorträge zu halten.
Ich freue mich auf noch weitere zweite Geburtstage. Denn jetzt ist mein Leben ein anderes, ein besseres. Und ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Auf meinem Weg.

Ich werde immer mal wieder gefragt, ob mich das nicht stresst, die Erinnerung an das Geschehene nicht belastet.
Nein, im Gegenteil. Der offene Umgang mit meiner Krankheit ist mir Therapie und Hilfe. Mehr als dreissig Jahr habe ich meine Depression mit mir herumgetragen, ohne wirklich zu wissen, was mit mir nicht stimmt. Ich wollte funktionieren, anerkannt werden, akzeptiert werden. Und ich habe mich dafür verbogen, verstellt, nur um gemocht zu werden. Das trainiere ich mir gerade ab. Mir ist klar, nicht jeder ist mit meiner Art einverstanden, mit meiner Depression umzugehen. Nicht jeder versteht, wie sehr mir Social Media bei der Rückkehr ins Leben geholfen hat. Das Leben hat mir lange Jahre nur verschimmelte Zitronen geboten, jetzt gab es endlich mal ein paar leckere und reife Orangen.
Meine Prioritäten haben sich geändert, auch, wessen Urteil über mich ich ernst nehme und welches nicht.
Und das Feedback meiner Leser, der Zuschauer und Zuhörer unterstützt und ermutigt mich, weiter zu kämpfen. Damit irgendwann sich niemand mehr seiner KRANKHEIT Depression schämt oder sie versteckt. Damit mehr Menschen geholfen wird und weniger Menschen an dieser oft tödlichen Krankheit sterben.
Ich freue mich auf noch weitere zweite Geburtstage. Denn jetzt ist mein Leben ein anderes, ein besseres. Und ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Auf meinem Weg.
Rückfälle lassen sich vermeiden – so bleiben Sie nach der Therapie stabil
Dieser Artikel stammt nicht von mir. Aber das Angebot und die Idee hinter rückfallprävention.com finde ich so richtig und wichtig, dass ich eine der seltenen Ausnahmen mache, und hier einen Gastbeitrag zulasse. Weil ich finde, genau im Feld der Rückfallprävention, der Hilfe NACH den Kliniken oder der Therapie ist noch viel Bedarf. Und ich bin mir sicher, Online Angebote sind hier ein sehr guter Weg.
Das Berliner Start-up HealthMedo bietet mit Rückfallprävention.com ein kostenloses Angebot für ehemals an Depression Erkrankte.
„Ich dachte nach der Therapie, jetzt bin ich geheilt, aber als der erste Stress kam, hab ich nicht aufgepasst und schon ging es wieder los mit den Depressionen.“
Wer seine Krankheit einmal mithilfe einer Psychotherapie in den Griff bekommen hat, gewinnt seine Lebensqualität zurück. Gleichzeitig tragen Betroffene jetzt die Verantwortung, Veränderungen in ihrer Stimmung und in ihrem Wohlbefinden im Blick zu behalten, um Anzeichen für Rückfälle frühzeitig zu erkennen. Im Alltag geht der Blick für sich selbst jedoch schnell wieder verloren. Die hohen Rückfallraten bestätigen das: Fast jeder dritte Betroffene leidet im ersten Jahr nach der Behandlung an einer erneuten depressiven Episode. Erschwerend kommt hinzu, dass mit jeder neuen Episode das Risiko für eine Weitere steigt – gute Gründe, warum der Prävention von Rückfällen ein besonderer Stellenwert in der Behandlung von Depressionen zukommen sollte. Das hohe Rückfallrisiko bei Depressionen ist jedoch bislang kaum in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt. Spezielle Versorgungsangebote gibt es wenige.
Für ehemalige Patienten entstehen in der Zeit nach der Therapie viele zentrale Fragen: Wann ist der passende Zeitpunkt, um bei einer Stimmungsveränderung einzuschreiten? Welches Programm passt zu mir? Genügt eventuell tägliches Yogatraining zur Stressbewältigung oder brauche ich eine erneute Therapie?
Eines ist sicher: Bei den ersten Anzeichen einer Stimmungsverschlechterung muss nicht sofort die klassische Psychotherapie angezeigt sein. Doch die Recherche von Alternativ-Programmen und das Urteil, welche Intervention an diesem Punkt passend ist, lag bislang allein beim Patienten – ganz schön überfordernd.
Diese Lücke will das Berliner Start-up Psychologio mit der Entwicklung eines digitalen Frühwarnsystems schließen. Das Team von Psychologio hat durch seine Online-Plattform zur Vermittlung von Psychotherapieplätzen Erfahrung mit den Strukturen des Versorgungssystems und den Bedürfnissen der Patienten. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie richtet sich das ergänzende kostenlose Angebot Rückfallprävention.com explizit an ehemalige Depressionspatienten.
Wer kann teilnehmen?
Das Angebot Rückfallprävention.com richtet sich an Menschen, die an Depressionen erkrankt waren und innerhalb der letzten 12 Monate eine Therapie beendet haben. Die Teilnahme ist kostenlos.

Das Team von Rückfallprävention unterstützt Sie gerne bei Ihrer nachhaltigen Gesundung. Alle Informationen erhalten Sie auf www.rückfallprävention.com. Für Fragen stehen wir Ihnen unter der Telefonnummer 030 602 75 778 und info@rückfallprävention.com zur Verfügung!
SAT 1 Themenwoche zu Depressionen, auch mit mir
Eine weitere Aktion, um Depressionen zu normalisieren, das Stigma zu lüften. Auch ich habe zu der Themenwoche von SAT1 beigetragen, die seit Montag online ist. Seht selbst:
Und unter: https://www.sat1.de/tv/fruehstuecksfernsehen/soistdepression gibt es noch viel mehr Informationen.
Warum Angst ein schlechter Berater ist
Ich habe eine Angststörung. Noch so eine Sache, die ich lange vor mir und der Welt verheimlicht habe. Nicht, dass ich häufiger Angst hätte, als andere Menschen. Aber wenn sie kommt, dann allumfassend. Erstickend, beängstigend. Und gefühlt lebensbedrohlich.
Die Geschichten über den Ursprung kennen wir sicher alle. Angriff oder Flucht. Vor Jahrtausenden sinnvoll behindert es heutzutage in einer Zeit, da wirklich lebensbedrohliche Angstsituationen eher selten geworden sind. Der Säbelzahntiger heißt heute Straßenverkehr und bedingt eher Aufmerksamkeit und Nachdenken als einen Fluchtinstinkt. Sicher, nachts, alleine in einer schummrigen Seitenstraße mit Schritten, die einem folgen. Da wird wohl jeder ein mulmiges Gefühl bekommen. Aber das sind eher seltene Situationen.
Der gefühlten immer größer werdenden Bedrohung stehen Zahlen, Fakten, Analysen entgegen, die darlegen, dass wir selten so sicher gelebt haben, wie heute.
Mich hat die Angst aufs Dach gejagt, wollte mir einflüstern, dass ich keinen Ausweg mehr habe, dass ich wie ein in die Enge und an eine Klippe getriebenes Tier nur noch die (tödliche) Flucht durch einen Sprung als Alternative habe. Dabei habe ich sehr schnell gelernt, dass vieles, was wir als Angst erleben, eher manipulativ als real ist. Lügen über Bedrohungen. Angst vor Arbeitsplatzverlust als Managementmethode. Umgang mit Mitarbeitern wie mit kleinen Kindern, die man angeblich kontrollieren, beurteilen und ggf. bestrafen muss. Wir denken noch in vielen Bereichen neandertalerhaft. Was mir Mitpatienten in den Kliniken berichteten, ließ mich erkennen, dass wir noch weit davon entfernt sind, so etwas wie mündige Menschen zu erziehen oder auch nur zu wollen. Nicht umsonst wird immer noch gerne der Begriff der Humanressource verwendet.
Aber eins spüre ich, eins hat sich für mich geändert. Die Angst ist nicht mehr so mächtig. Seit ich weiß, wie schwach ein Mensch ist, der Kontrolle nur durch Angst erreichen kann, können mich solche Menschen nicht mehr treffen, selbst wenn sie Anwälte und Kontaktverbote auffahren.
Denn sie zeigen vor allem, wie angstgetrieben sie sind. Und wie schwach sie sind, wenn sie durch Angstszenarien Menschen kontrollieren, zu Handlungen bewegen.
Wer mit Angst operiert, mag kurzfristige Ziele erreichen, längerfristig wird er scheitern, weil niemand, der nur aus Angst handelt, von seinem eigenen Tun überzeugt ist. Und insofern erzeugt Angst Gegenreaktionen, von Ignoranz über Rache bis hin zu Verlassen werden. Angst ist ein sehr schlechter Berater. Einer, den vor allem schwache Menschen einsetzen müssen, weil sie nicht die Größe haben, auf Augenhöhe zu kommunizieren.
Natürlich habe ich auch weiterhin Angst, aber ich kann sie erkennen und durchschauen. Und damit nehme ich ihr viel von ihrem Schrecken. Und ein bisschen Angst ist weiterhin wichtig. Aber Angst als Machtinstrument ist etwas, das nur schwache Menschen brauchen, um andere zu lenken.
„Politik machen: den Leuten so viel Angst einjagen, dass ihnen jede Lösung recht ist.“
Wolfram Weidner
„Man braucht nichts im Leben zu fürchten, man muss nur alles verstehen.“
Marie Curie
„Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.“
Franklin D. Roosevelt
Die eigentliche Belastung sind all die guten Ratschläge.
Ich glaube nicht, dass wir schlechter leben, ungesünder essen oder falsche Prioritäten haben.
Was wir haben sind jede Menge angeblicher Lebensexperten, die uns heute erklären, dieser Lebensstil sei der einzig heilsbringende, Morgen der genau gegenteilige. Das Wissen besteht aus Ausschnitten, Annahmen und ideologischer Verblendung. Und es sorgt dafür, dass wir irgendwann fast immer annehmen, etwas falsch zu machen. Ist das, was ich gerade esse richtig? Darf ich noch in diese ach so gefährli he virtuelle? Muss ich entrümpeln, langsamer leben, mehr arbeiten, weniger arbeiten.
Ganz ehrlich? Man sollte die meisten Ratschläge besser ignorieren und wieder darauf hören, was einem selbst Freude bereitet. Auch, wenn man dann angeblich ignorant, undankbar oder böse ist. Denn meist ist es nur die Wut derer, die merken, dass wir nicht mehr auf sie hereinfallen.
Warum Klapse für mich kein negativer Begriff ist und SAT1 keinen Fehler gemacht hat

Am 5. September war ich beim SAT1 Frühstücksfernsehen zu Gast. Die Reaktionen darauf waren überwiegend sehr positiv, nur mockierten sich manche über den Begriff „Klapse“, den Alina Merkau, die Moderatorin benutzt hat.
Zur Erklärung. #ausderklapse als Hashtag habe ich auf Twitter während meiner Zeit in der Klinik. Ich habe bewußt „Klapse“ gewählt, ein Begriff, der viel von Menschen benutzt wird, die uns psychisch Kranke gerne mit Vorurteilen belegen. Da ich eben auch diese Zielgruppe erreichen wollte, wäre „ausderpsychiatrie“ viel zu neutral und wenig provozierend gewesen. Und nicht nur ich sprach damals liebevoll von Klapse, auch viele meiner Mitpatienten. Denn Humor, und gerade auch schwarzer Humor ist eine tolle Therapie.
Vor dem Interview hat mich Frau Merkau sehr gut gebrieft und auch aktiv gefragt, ob sie den Begriff „Klapse“ verwenden dürfe. Das habe ich bewußt bejaht.
Wer also eine Beschwerde vorbringen will wegen eines Begriffs, bitte auf mich draufhauen. Frau Merkau konnte absolut nichts dafür und hat sich sehr sensibel und korrekt verhalten. Deshalb hier ein Kompliment an die Crew des Frühstücksfernsehens, die mit dem Thema nach meinem Empfinden sehr gut und sensibel umgegangen ist.
Mich stört es immer wieder, dass Menschen sich oft mehr über Begriffe aufregen, die von Betroffenen selbst verwendet werden, aber kaum über das Stigma diskutieren, das immer noch in der Bevölkerung herrscht.
Es ist nichts gewonnen, wenn alle von „ausderpsychiatrie“ sprechen, aber jeden depressiven Menschen immer noch für faul, dumm oder verrückt halten.
Depressionen sind eine Krankheit und behandelbar wie jede andere Krankheit auch. Menschen mit Depressionen können dennoch produktiv sein, sind für niemand anderen ausser sich selbst eine Gefahr und würden gerne so behandelt werden, wie z.B. jemand mit einem Beinbruch. Wenn also jemand mit mir spricht und von der Klapse redet, dann ist das für mich kein Problem. Wohl aber, wenn er mir Motivation, geistige Klarheit, Intelligenz oder den Willen abspricht, gegen die Krankheit zu kämpfen.
Raul Krauthausen ist mir da Vorbild, er hat sogar mal explizit Rollstuhlfahrerwitze gesammelt. Weil es eben mehr auf den Ton, auf die Einstellung zur Person ankommt. Ein Mensch, der verständisvoll ist, aber von Klapse spricht ist mir tausend mal lieber, als jene vielen Betroffenen, die zwar von Krankenhaus oder Psychiatrie sprechen, mich aber wie einen Aussätzigen behandeln.
Und schliesslich: Eines hat der Begriff und der Hashtag #ausderklapse ja erreicht. Es wird diskutiert. Wenn wir es jetzt noch schaffen würden, weniger über political correctness und mehr über Toleranz, Verständnis und Entstigmatisierung zu diskutieren, dann könnte ich sagen: Mission erfüllt.
Ich rede weiter liebevoll von meiner „Klapse“, die mir das Leben gerettet hat.
Einen Scheiß muss ich
„Dein Leben hat dich doch sicher völlig verändert?“ „Was machst du denn jetzt alles anders?“ „Hast du nicht immer noch Schuldgefühle?“
Fragen, die man mir gelegentlich stellt, mittlerweile seltener, weil mehr und mehr Menschen die Antwort bekannt ist. Die lautet profan, direkt und ohne Filter „einen Scheiss muss ich„. (Übrigens auch ein sehr amüsantes Buch)
Verdammt nochmal, ich hab die dunkelste Stunde meines Lebens überlebt. Würde ich das ganze visualisieren wollen, so war da schon die Flatline des Herzstillstands. Ich hatte mein Leben aufgegeben, meinen Eigenwert vernichten lassen und den dummen Fremdbildern über mich nachgegeben.
Das war alles falsch, dumm, gefährlich und ich mache es auch heute noch. Aber das wird mir immer häufiger bewußt. Wie oft ich handle um Chefs, Kollegen, Bekannten oder gar, Gott bzw. die Naturgesetze bewahren, wildfremde Menschen zufriedenzustellen. Ich hab mir Internetsucht anhängen lassen, dass ich unordentlich sei, zu verspielt, zu technikbezogen. Und wisst ihr was? Das mag alles stimmen. Aber es geht mir am Anti-po-den vorbei. Das ist es, was mich ausmacht. Und das ist es, was ich nicht mehr ablegen werde. Die Menschen, die mich lieben, lieben mich eben mit diesen Fehlern, diesen Defiziten. Und viele Fehler haben mir zu einem besonderen, einem Leben voller unerwarteter Abenteuer verholfen. Mein Buch wäre nie entstanden, ich hätte nicht so viele neue, spannende Menschen, meine Leser, meine Follower kennengelernt, hätte ich dem Geschwafel eines Arztes zugehört, der mir eine digitale Abstinenz empfahl.
Vielleicht musste ich vor allem wieder lernen, mir selbst zu vertrauen, nicht dauernd anderen Menschen zuzuhören und zu glauben, nur weil sie über mir stehen, selbstbewußter scheinen oder mit dem (ja ein Wort, das mich direkt wütend macht) beschissenen Fremdbildprinzip jedwede eigene Meinung zu unterminieren versuchten, weil man sich ja selbst nie richtig einschätzen würde.
Und wenn schon. Wer glaubt, andere Menschen könnten das besser, ist schlicht und ergreifend ignorant bis dumm.
Niemand kennt einen anderen Menschen so gut, wie dieser sich selbst. Nur wenn man sich dauernd nach den Meinungen anderer orientiert, verliert man sich selbst irgendwann. Und genau das ist mit mir passiert. Ich war so damit beschäftigt, anderen zu gefallen, dass die darunter litten, die eigentlich wichtig waren und sind.
Meine Frau sagte nach den Klinikaufenthalten mal, jetzt habe sie den Mann wieder, denn sie kennen und lieben gelernt hatte. Einerseits erschreckend, denn dann war ich ja offensichtlich die Jahre dazwischen bestenfalls so ähnlich wie damals andererseits für mich aber ein tolles Signal, dass offensichtlich der echte Uwe wieder da ist. Denn damals, das war eine der wenigen Phasen meines Lebens, die ich als sehr glückbringend, erfüllend und schön empfand. Meine Jugend, das hat nicht nur mein Gehirn gestrichen, bei allem was vor meinem 12. Lebensjahr passiert ist. Und wie mein Therapeut so schön sagte: „Das ist wohl besser so, da hat ihr Verstand wohl für sie einen Schutzwall eingerichtet.“
Leider haben mir nicht so wohlgesonnene Menschen eben in den letzten Jahren an genau diesem Schutzwall gearbeitet und das kleine, verunsicherte, ängstliche Kind an die Oberfläche geholt. Dass ich dann in eine Angststörung und Depression rutsche war perfide konsequent. Aber auch, dass ich jetzt wieder da bin und vermutlich dem einen oder der anderen in meiner neuen Art nicht mehr gefalle. Aber auch hier gilt: Einen Scheiss muss ich. Und ganz ehrlich. Mit diesem Gefühl lebt es sich viel besser. Wenn ich jetzt wieder mal mit Beurteilungen, Verurteilungen oder Vorurteilen über mich konfrontiert bin, werd ich zwar nicht still sitzen und alles abnicken. Aber was da auf mich einstürzt ist das, was es schon immer war. Urteile von Menschen, die mich nicht wirklich kennen. Denn der Norm entspreche ich nicht. Das ist mir sehr deutlich geworden. Nur will ich das jetzt auch nicht mehr. Denn die Norm hat mich jahrelang kaputt gemacht. Also entweder, ich passe euch, wie ich bin, oder ihr müsst damit leben. Ein echter Fall von P.A.L. – Problem anderer Leute.

