Buchtipp in eigener Sache „Lieber Papa, bist du jetzt verrückt?“

Das Buch meiner Tochter, Katja Hauck

Als ich mein Buch „Depression abzugeben“ geschrieben habe, war das für mich schon ein unerwartetes Abenteuer und dass ihr, meine Leser*Innen meine Geschichte so positiv aufnehmen würdet (aktuell 4,4 von 5 möglichen Sternen bei Amazon… Wow), hätte ich nie erwartet.

Was aber ziemlich schnell klar wurde, das Buch betrachtet die Krankheit Depression hauptsächlich aus meiner Sicht, der des Betroffenen.

Lange rumorten verschiedene Ideen in mir, wie wir auch das Thema Angehörige angemessen behandeln können, bis schliesslich die Idee geboren wurde, einen Briefwechsel zu beschreiben, den ich mit meiner Tochter Katja (16) und indirekt auch mit der ganzen Familie geführt habe.

Daraus ist jetzt das Buch „Lieber Papa, bist du jetzt verrückt?“ entstanden, das am 29. März erschienen ist und einen Briefwechsel zwischen Katja und mir über meine Krankheit,der das Erleben der Familie wiedergibt und den Einfluß, den so eine Krankheit auf die Angehörigen darstellt.

Das Buch ist überall im Buchhandel erhältlich und wurde von Katja als Hauptautorin verfasst, ich war da nur der Co-Autor, der eben die Antwortbriefe geschrieben hat.

Unten der Link zu Amazon aber wie gesagt, man kann das Buch überall im Buchhandel kaufen oder zumindest bestellen. Ist dann genauso schnell da wie bei Amazon.

Und nein, weder Katja noch ich haben was dagegen, wenn ihr Werbung für das Buch macht. Da bin ich jetzt mal ganz direkt 😉

 

Ein Geschenk für beste Freunde

Ein Gedicht, als Dankeschön für all jene Menschen, die ohne Bedingungen, ohne „ja aber“ ihren Freundinnen oder Freunden zur Seite stehen, auch wenn sie sich Jahrzehnte nicht gesehen haben:

Ihr seid besondere Menschen, und das ist ein kleines Dankeschön.

 

Der Lebensweg ist unbestimmt,
und oft doch endet, was beginnt
mit Freud und Lachen und zerronnen,
ist Zeit und Lieb, die einst begonnen.

des Lebens Licht, es wird gar schwach,
doch denk dran, liegst du nächtens wach.
den Weg gekreuzt hat manche Seel
und manch ein Herz, schlägt heut noch schnell,
wenn Bilder und Gedanken wandern,
zurück zur Lieb zurück zum andern.

Den einst man hat zutiefst geliebt,
und der zurück in fremde blieb.
die Wiederkehr mag kaum zu hoffen,
doch lässt man Geist und Herze offen,
so findet sich so manches Mal,
ein Licht erneut im dunklen Tal.

und Hand und Herz man dir dann reicht,
und hofft, dir wird die Seele leicht,
weil alte Lieb nur selten rostet
und suess Erinnerung man kostet.

So mag Vergangnes längst vergessen.
Doch glaub nicht, es wär unterdessen,
die alte Lieb, vergessen und verloren,
Auf ewig bleibt, was einst geboren.

Ich bin Autor, und das ist gut so. Aber auch gefährlich

20151212_202748Spätestens seit dem ersten Verlagsvertrag mit Bastei Lübbe darf ich mich offiziell Autor nennen, zahle, wenn auch noch wehr wenig in die Künstler-Sozial Kasse und werde im Januar 2017 mit „Depression abzugeben“ mein erstes umfassendes Sachbuch über meine Erfahrungen in den psychiatrischen Kliniken nach meinem Suizidversuch. Über 420 Seiten. Beginnend mit dem Versuch und endend mit dem Wiedereingliederungsversuch. Und Band zwei ist bereits im Entstehen, weil die Geschichte noch lange nicht zu Ende ist.

Es ist anstrengend, Autor eines solchen Buches zu sein. Dinge nochmal erleben, die man längst vergraben hatte. Die eigene Geschichte möglichst ehrlich aufarbeiten und zum Teil Zusammenhänge entdecken, derer man sich so gar nicht bewußt war.  Man zieht sich literarisch aus, steht nackt da, offenbart all die Wunden und Schmerzen, die man erlitten hat, die img_20160930_122711Ungerechtigkeiten, die sich im Lauf der Jahre gesammelt haben. Und sie alle wurden durch die Angststörung und die Depression, die ich ja nie wahr haben wollte, noch potenziert, als jage man sie durch einen voll aufgedrehten Verstärker. Fatale Ereignisse, Schlüselerlebnisse die zu meiner exotischen spezifischen Phobie gegen jede Form von Gesprächen mit Vorgesetzten führte und die mich heute in einer dunklen Phase wieder tief in die Depression jagen können. All das versammelt mit den Erkenntnissen aus einem halben Jahr Psychiatrie, aus viel Lektüre und vielen Gesprächen.

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Es gibt mittlerweile bei Amazon dafür auch den Blick ins Buch für einen ersten Einblick in den Inhalt

Niedergeschrieben wird es nicht besser ertragbar oder leichter verstehbar. Aber ich kann es jetzt schwarz auf weiß vor mir sehen, meine Wunden, meine Verletzungen, neu wie alt, tief und oberflächlich. Diejenigen, die mich begleitet haben und mir geholfen und diejenigen, die mir schaden wollten, ob bewußt oder unbewußt.  Der weitere Weg wird mühsam bleiben. Nichts mehr so nah an sich herankommen lassen. Prioritäten neu setzen. Altes vergessen und  nach vorne sehen. Das schreiben der eigenen Geschichte ist auch immer ein Protokoll, eine Dokumentation all dessen, was einen auf dem Weg geformt oder verletzt hat.

Eins ist sicher. Ich bleibe Autor, werde weiter schreiben. Für mich, und für diejenigen, die mir wichtig sind. Meine Geschichte erhält einen zweiten Band. Und auch für meine Kinder wird es ein Jugendbuch geben. Das ist vielleicht die erfüllenste Wende von allen. Ich bin Autor. Und habe mit der Feder eine neue Waffe gegen meine Feinde wie meine Krankheit entdeckt.

Das Schreiben geht weiter

Band 1 meiner Geschichte vom Suizid zurück ins Leben wird bald erscheinen. Ab dem 13. Januar ist „Depression abzugeben“ im Buchhandel verfügbar. Aber meine Geschichte geht weiter. Und deshalb entsteht gerade Band 2 meines Weges aus der Depression. Ob auch er veröffentlicht wird? Ich weiß es nicht, hängt wohl auch davon ab, wie viele von euch Band 1 kaufen. Aber schreiben werde ich ihn auf jeden Fall. Weil mit dem Ende der Kliniken der eigentliche Weg in den Alltag erst begonnen hat. Weil der Weg nicht gerade, teilweise steinig, teilweise auch beängstigend war und ist. Aber im Gegensatz zu 2015 will ich hier bleiben. Dafür werde ich kämpfen. Und auch diesen Kampf werde ich in Band 2 beschreiben. Natürlich alles wieder abgewandelt, leicht verändert, aber in der Grundaussage so wahr wie Band 1 mit dem ersten Teil der Geschichte, meiner Geschichte, meiner Rückkehr ins Leben.

Hier schon mal ein kleiner Auszug:

Ich hatte es nun wirklich oft genug gesagt. »Ich habe eine Angststörung, ich bekomme Probleme in jeder Form von Beurteilungsgesprächen. Das dritte ist es nun, das ich zu führen gezwungen bin. Als geführt werdender. Oder, was natürlich niemand außer mir sehen kann, als Nervenbündel voll Panik und eben den Gefühlen bis hin zu »Ich mach Schluss«, die ich eigentlich vermeiden will. Weil sie Trigger sind. Aber was das System nicht vorsieht, sich einfach solche Triggergespräche mit mir zu schenken, das wird dann eben nicht gemacht. Also muss ich eine Strategie entwickeln, mit diesem dritten Gespräch fertig zu werden. Mir ist bereits jetzt klar, dass ich zusammenbrechen werde. Schon Gespräch Nummer zwei fand nahe an der Kante statt und hatte mich tief in mein depressives Loch gezogen.
Natürlich waren da immer die üblichen Sprüche wie: Das ist nur zu Ihrem Besten oder Wir müssen das tun, das ist nun mal so. Keine Beruhigung für mich, eher eine weitere Lunte fürs Panikfeuer. Was hatte ich mich bemüht, hier gelassen zu bleiben. Nicht erst seit den Kliniken, nicht erst seit dem Berufsleben. Schon in der Schulzeit war alles, was auch nur annähernd etwas von Prüfungs- oder Beurteilungscharakter für mich hatte, der blanke Horror. Da lief nichts objektiv, weil ich mich in diesen Gesprächen aufführte wie das Kaninchen vor der Schlange. Duldungsstarre, Angstschweiß und der Wunsch, so schnell wie möglich weg zu dürfen. Woher das ganze kam, keine Ahnung. Vielleicht wie so vieles meiner Mutter geschuldet, für die nichts, was ich tat jemals richtig war. Und etwas besser wissen als sie ging schon mal gar nicht.

Leseprobe – Dorfgeschichten

Ich hätte da mal eine Bitte: Hab da eine Idee für eine neue Erzählung und hätte gerne eure Meinung zu folgender Leseprobe. Gerne ehrlich sein, gerne Kritik, gerne Anmerkungen.

 

Leben
Eigentlich war auf dem Land zu leben nicht wesentlich anders, als in der Stadt. Außer der Gegend. Und den Menschen. Und der Umgebung. Aber davon abgesehen war das Land nicht anders als die Stadt.
Nein, es war eine völlig andere Welt. Wie ein Paralleluniversum mit einer eigenen Physik, einer eigenen Logik und einer eigenen Sprache. Dabei wirkte für einen zufällig in einem Dorf, in meinem Dorf Landenden das ganze eher normal, so wie dieses Stadtding. Schließlich war mein Dorf ja eigentlich eine Stadt, eine Stadt im schwäbischen, was die ganze Sache nicht wirklich einfacher machte. Jedenfalls war es eine Stadt auf den Urkunden in dem Dorf/Stadteigenen Archiv. Aber das war nur die Fassade. Alles andere war, roch und fühlte sich an wie Dorf. Eng, konservativ, manchmal etwas muffig und sich selbst genug. Mein Dorf bestand als autonome Enklave, die so weit weg von der Realität da draußen war, wie es maximal möglich war. Ja, es gab einen Supermarkt, immerhin drei Frisöre, zwei Kaffees, drei Restaurants, sogar einen Baumarkt, einen Spielwarenladen und Fotografen. Wer wollte, konnte sich ohne je die Stadtgrenzen zu verlassen mit allem versorgen, was er so brauchte. Und auf dem Land braucht man nicht viel. Oder besser, hat nicht viel zu brauchen. „Dieses neumodische Zeug braucht doch kein Mensch.“ war einer der am häufigsten gehörten Sätze zu meiner Zeit.
Denn man konnte ja sehen, was da draußen in dieser anderen Welt passierte. Durch diesen Flimmerkasten, der landläufig Fernseher hieß. Da war dann dieser Herr (damals war es die allermeiste Zeit ein Herr) in den Nachrichten, der einem mitteilte, was man da draußen alles nicht verpasste. Das Leben auf dem Dorf war zeitlich vor allem durch die Jahreszeiten eingeteilt. Auch deshalb, weil neben all den Ladengeschäften und Restaurants vor allem die Landwirte das Stadtbild und vor allem die Straßen beherrschten.

Als Autofahrer war man noch niedriger eingestuft als Radfahrer oder Fußgänger. Denn man benutzte die Straßen und Wege, die nach dem Eigenbild der Landwirte ihnen vorbehalten waren. Ein unbedachter Autofahrer, der der irrsinnigen Idee verfallen war, am helllichten Tag durch den Ort zu fahren musste stets mit einem Schritttempo fahrenden Traktor vor sich rechnen, der ihm dann für die nächsten 5km den Weg weisen und ihn gleichzeitig wahlweise zu Wutausbrüchen oder zum Wahnsinn treiben würde.

Das Leben auf dem Dorf fand vor allem in den Fenstern statt. Ich glaube fest, dass eine bestimmte Form von Kissen speziell für Fenstersimse dörflicher Behausungen entworfen wurde. Und Neuigkeiten von wirklicher Relevanz, also welche innerhalb der Dorfgrenzen wurden stets mündlich überliefert, von Fenstersimskissen zu Fenstersimskissen. Und ich wage zu behaupten, Studien der Physiognomie des typischen Dorfbewohners würden eine Deformation beider Unterarme feststellen, die sie für das Lehnen auf Fenstersimsen unter Zuhilfenahme von simsgerechten Kissen optimiert. Der bekannte Flurfunk aus Büros hat seinen Ursprung im Fenstersimskissenfunk, so haben es Historiker und Soziologen nach jahrelanger und teils gefährlicher Feldforschung in entlegenen Dörfern entdeckt.

Überhaupt, das Dorf war und ist auch heute noch eine Enklave, ein verschworener Bund, der Fremde als Kurzzeitgäste zwar toleriert, Zugezogene aber erst nach Generationen der evolutionären Vermischung als echten Teil der Dorfgemeinschaft akzeptiert. Als Dorfbewohner kannte man die Stadt nur als fernen und von völlig verrückten Menschen bewohnten Moloch, den man nur in allergrößter Not besuchte und dann den Aufenthalt auf unbedrohliches Minimum einschränkte denn: „Die sin do eh elle ganz komisch.“
Aus unserem Dorf führten genau vier Straßen, je eine pro Himmelsrichtung. Das Dorf lag im Zusammenfluss zweier Flüsse und wurde von einer Burg bewacht. Die Burg war gleichzeitig so etwas wie Wahrzeichen und Leuchtturm. Weithin sichtbar und von gelegentlichen Rast machenden Touristen bewundert, fotografiert und besichtigt. Überhaupt hatte mein Dorf viele sehr alte Gebäude. Fachwerk war der dominante Baustil und in der Fußgängerzone, die zwar nur wenige hundert Meter lang, aber dafür umso mit Geschäften angefüllter war, reihte sich Fachwerk an Fachwerk, was die Läden zum Teil in merkwürdigsten Räumlichkeiten Unterschlupf finden ließ. Die Fußgängerzone und zwei außerhalb der Stadtmauern liegende Wohngebiete waren das äußere Zeichen, dass sich mein Dorf wie gesagt offiziell Stadt nennen durfte. In einem der beiden Wohngebiete befanden sich zudem Schwimmbad, Turnhalle sowie Hauptschule, Realschule und Gymnasium.

Mein Dorf, das sich Stadt nannte, hatte auch in der kulturell intellektuellen Bildung seiner Jugend die Zügel in der Hand, wenn auch die Schule lange Zeit die einzige Quelle für kulturell hochwertige Vergnügungen der Bewohner war. Für alle Dorfbewohner, die den engen Grenzen des dörflichen Alltags nicht vermittels Besitz eines Autos entfliehen konnten, nannte das Dorf, das wir Stadt nannten, einen Bahnhof sein eigen, an dem, man höre und staune, in regelmäßigen Abständen nicht nur eine Regionalbahn, sondern gar ein Eilzug hielt, um willentlich hierher reisende Touristen abzuladen und temporäre Dorfflüchtlinge aufzunehmen. Züge, Traktoren, Autos, Strom, fließend Wasser, Beleuchtung, Heizung. Grundlegende Technologien, die jeder im Dorf besaß. Alles andere war neumodisches Zeug, das sich teilweise jahrelanger Prüfung und Beobachtung unterziehen musste, bis es von den Stammesältesten in ihren Häusern genutzt und somit für die breite Masse der Dorfbevölkerung akzeptabel und verwendbar wurde.
Außerhalb des Dorfes, etwas abgelegen, gab es die zwei Hauptarbeitgeber neben der Landwirtschaft. Eine Papierfabrik und ein Metallbauunternehmen. Wer nicht dort arbeitete und kein Landwirt war, pendelte mit dem Zug oder dem PKW in jene Städte, die zwar befremdlich waren, aber immerhin für ein gesichertes Einkommen sorgten. Die Pendler zählten aber meist auch zur misstrauisch beobachteten Kaste derer mit mehr als nur Schulbildung und einer Lehre. Das waren die „Studierten“ die sich insbesondere in den Augen der damals das Dorf dominierenden Bauern für was besseres hielten und damit schon eher zu den Aussätzigen in der Dorfgemeinschaft gehörten.
Was im Dorf nicht durch den Fenstersimskissenfunk besprochen wurde, das fand in einer der Kneipen statt, wo diverse Stammtische sich gegenseitig und später ihren Familien die Welt nach ihrem Bilde erklärten. Wer Interesse daran hatte, ein besonderes Talent für die Erzählung fantastischer oder märchenhafter Geschichten zu erzählen der war dort gut aufgehoben, da der Platz der Wahrheit an den Stammtischen meist leer blieb und dafür sich meist eine Runde vortrefflicher Märchenerzähler dort einfand. Nachrichten wurden per Boten und mündlicher Überlieferung vermittelt, wobei hier das stille Post Prinzip zur vollen Anwendung kam und es eine Nachricht selten in vollem inhaltlichem Kontext vom Sender bis zum Empfänger überlebte. Nur all zu gerne wurde ausgeschmückt, weggelassen oder interpretiert.

Wohnen
Es gab in meinem Dorf genau zwei Wohnstile. So wie es sich gehört, in alten, historischen Gebäuden in der Innenstadt meines Stadt-Dorfes. Oder in den Außenbezirken, jenseits der Stadtmauer. Die Häuser dort waren meist moderner, sowohl in der äußeren Erscheinung als auch in den inneren Werten. Oder „neumodischer Kram“, wie die Ureinwohner der Innenbezirke die Gebäude meist nannten. Natürlich gab es strenge Verordnungen, was Form des Gebäudes, Farbe der Fassade und der Dächer und Höhe des Gebäudes betraf. Man zwang so nahezu jedes Gebäude in ein klassisches Korsett. Nur die Dorfhonoratioren, also der Geldadel konnte sich Baueskapaden leisten, die dann meist höchstpersönlich vom Bürgermeister „genehmigt“ wurden. Natürlich nie offiziell, wie generell nichts offiziell aus der Reihe tanzte. Schon hier Intrigen zu wittern galt als verpönt und konnte zur Verbannung aus dem Dorfverbund führen. Wer diesem Bann anheimfiel, der wurde fortan nicht mehr gegrüßt, der existierte quasi für die Alteingesessenen nicht mehr und konnte nur noch auf offene Türen der Zugezogenen hoffen, die ja selbst noch in der kulturell gesellschaftlichen Quarantäne lebten, bis sie die nötige Zahl an Generationen im Dorf erreichten.

Wohnen in meinem Dorf war ein stetiger Wettbewerb um möglichst optimalere Vorgärten, schönere Vorhänge, prachtvollere Fassaden und für den Innenstadtadel ein Kampf ums schönste Fachwerk. Denn was man an Vergleichen mit den großen Städten ignorierte, zelebrierte man umso mehr im engen Kreis der Dorfeinwohnerschaft. Auch gab es nur zwei monetäre Varianten der Niedergelassenheit. In den eigenen vier oder mehr Wänden oder in fremder Leute Wänden gegen Bezahlung eines monatlichen Betrags, den man damals wie heute Miete nennt. Das Konzept eines Obdachlosen war zu damaliger Zeit in meinem Dorf etwas völlig unbekanntes, von dem man gerüchteweise aus der großen Stadt gehört hatte. Häufig ging das Gerücht, Obdachlose existierten nur, weil man nicht in der Lage war, in der Stadt hinreichend Wohnraum bereitzustellen. Auch Teilzeitmiete Durchreisender in unserem Dorf war ein eher seltenes Ereignis, wovon schon der völlige Mangel eines echten eigenen Hotels zeugte. Zwar existierten Hotels quasi via Benennung durch entsprechende Außenreklame. Selbst diese waren aber mehr Restaurant mit optionalen Übernachtungsmöglichkeiten.
Die Verzierung der eigenen vier Wände und des darum gelegenen herrschaftlichen Areals, von manchen profan als Garten bezeichnet war manchen eine Lebensaufgabe, der sie sich jeder freien Minute ihres sonst eher eintönigen Daseins widmeten. Manch Garten machte den Eindruck, sein Besitzer habe weit mehr finanzielle Mittel in die Gestaltung jenes Stück Landes gesteckt als in das Erscheinungsbild des Hauses oder gar das eigene. Nur eines wollte den Betrachter noch mehr beeindrucken als die Gestaltung von Heim und Garten. Das in jeder Einfahrt oder Garage zu findende Kraftfahrzeug. Wobei hier meist Funktion über Form stand. Selbst der Akademiker oder Ingenieur schien davon auszugehen, in kurzen Abständen große Mengen irgendwelcher Materialien hin und her bewegen zu müssen. Der Combi war die häufigste Erscheinungsform eines Fahrzeugs in meinem Dorf, dicht gefolgt vom Kleinbus. Das Konzept des SUV war ein noch gänzlich unbekanntes, wurde ein Fahrzeug jener heutzutage geradezu mystisch überhöhten Fahrzeugkategorie, die zwar keiner braucht, aber scheinbar jeder will, wurde ein solches Fahrzeug gesichtet oder gar besessen, so mit den Worten „Des isch en Geländewaga. Den brauch I firs ufn Acker fahre.“ Womit jedem klar gemacht worden war, dass dieses Fahrzeug keineswegs zum Spaß erworben worden war, sondern mit Bedacht und dem Willen, damit und dadurch harte Arbeit zu verrichten. Das auch ein solches Gefährt die meiste Zeit seiner automobilen und unverrosteten Existenz in Einfahrt oder Garage fristete, war ein hinzunehmender Aspekt des Autobesitzes.
Zentrale Ereignisse des Dorfes fanden stets in einer von zwei klar festgelegten Lokalitäten statt. Da gab es zum einen die Stadthalle, eigentlich nichts weiter als eine Turnhalle mit angeflanschter Bühne für Aufführungen und, so denn mit wirklich größeren Zahlen von Besuchern zu rechnen war die Turnhalle. Richtig, das Äquivalent zur Stadthalle abzüglich der Bühne und damit mit mehr Raum für Publikum. Kultur geschah in der Regel an einem der beiden Orte, alles andere war als Festivität getarntes Besäufnis. Neben den indoor Veranstaltungen existierte noch eine weitere Kategorie von Feierlichkeiten. Die Outdoor Feste wie Stadtfest – Wir erinnern uns, in der Stadt, die eigentlich ein Dorf war – Kirmes, Martinimarkt. Alles Festivitäten, zu denen verschiedene Fahrgeschäfte errichtet und einiges an Buden aufgebaut wurde. Auf dem zentralen Platz des Ortes ergoss sich ein Meer von Bierbänken um die Besucher des Festes, die meist aus der näheren und weiteren Umgebung des Dorfes strömten und die temporäre Einwohnerzahl des Dorfs binnen weniger Stunden einer Verdopplung zuführten. Wobei eine zentrale und wichtige Aufgabe stets der Versorgung mit Bier galt und für diejenigen, die sich nach Meinung der Mehrheit für was Besseres hielten auch Wein.
Die Jahreszeiten fanden im Zusammenhang mit den Wohnverhältnissen insbesondere in ganzen Wagenladungen von Holz ihren Niederschlag. Wer etwas auf sich hielt, besaß nicht nur einen Kachelofen oder eine ähnlich gestaltete Feuerstelle auf Holzbasis. Er nannte meist auch ein mehr oder minder großes Stück Land sein eigen, bestückt mit Holz in senkrechter Ausrichtung, landläufig bekannt als Bäume und in der Ansammlung derselben als Wald, dessen gefällt werden zu bestimmten Zeiten im Jahr eines der zentralen dörflichen Rituale darstellte und denjenigen oder diejenige als autonomen Menschen kennzeichnete, des sich nicht von „denne Konzerne do“ abhängig machen wollte. Der Rest ließ sich mehr oder minder beschämt meist im Frühjahr den Heizöltank füllen, denn damals wankten die Preise für Heizöl nicht nicht wie ein Volltrunkener auf dem Oktoberfest.

Dächer waren zu meiner Zeit noch gänzlich Solar wie photovoltaikfrei und auch sonst war das Konzept des Energiesparens darauf beschränkt, mit dem für den Winter geschlagenen Holz dergestalt zu haushalten, dass am Ende des Winters noch Holz in den Lagerstätten verblieb. Wer sein Haus mit flüssiger Energie erwärmte, interessierte sich selten für die verbrauchten Liter sondern nur dafür, dass der Tank zum Ende des Winters nicht leergelaufen war. Und Gas als Heizmaterial war nahezu gänzlich unbekannt, wurde maximal von ein paar Spinnern genutzt. Der gemeine Dorfeinwohner verband mit Gas viel zu sehr die Gefahren von Explosionen oder anderen Schädigungen für Leib und Leben, als dass er sich an ein so gefährliches Heizmedium wagte. Im Winter merkte man dem Dorf, das Stadt genannt werden, wollte sehr schnell an, wo die Honoratioren wohnten, wo wichtige und wertvolle Mitglieder der Dorfgemeinschaft und wo der ganze Rest.

Man konnte es an der Reihenfolge der Räumung von Wegen und Straßen erkennen. Bürgermeister und Hauptstraße zuerst, dann diejenigen, die zum Geldadel des Dorfes gehörten oder wichtige Positionen wie Feuerwehrhauptmann, Arzt oder Bierlieferant ausfüllten. Danach dann diejenigen, die auf irgendeine Weise für die Dorfgemeinschaft nützlich sein konnten, insbesondere die Landwirte, deren Traktoren gerne und oft genutzte Abschleppfahrzeuge in Winter wie in Sommer darstellten. Der ganze Rest durfte hoffen, mit schneebefreit zu werden, griff aber meist selbst zu den in jedem Haus vorhandenen Mitteln wie Schneeschaufel oder, wenn es etwas technisierter sein sollte, zur Schneefräse. War dann der Winter überstanden, die Jahreszeit fast völliger Ruhe, abzüglich gewisser Schneefräsenmassaker folgte der Frühling, in dem, wie wir alle ja wissen, der Bauer die Rösslein vorspant. Was der Bauer tat, konnte der normale Dorfbewohner nicht lassen. Mit geradezu epischem Eifer wurden die letzten Spuren des Winters beseitigt und der Garten auf die Präsentationspflichten des Jahres vorbereitet. Häckselplätze waren gut besuchte Orte zu dieser Zeit, wenn das nunmehr überflüssige Abdeckmaterial für die wertvolle Pflanzenwelt des Gartenbiotope es überhaupt so weit schaffte. Oft wurde es schlicht irgendwo in den Wald gekippt (Isch doch eh au bloß Grienzeich) oder an Ort und Stelle unter Zuhilfenahme Flüssigbrennstoffs und bei Absonderung teilweise monumentaler Rauchwolken rituell verbrannt. Danach begannen dann mit geradezu erschreckender Gleichzeitigkeit die Pilgerfahrten zum nahegelegenen Gartencenter. Eine der wenigen Gelegenheiten, zu der sich selbst der Dorfbewohner aus seinem engen Biotop in die Gefahrenwelt der städtischen Einzugsgebiete wagt. Ganze Herrscharen von Dörflern mit Kombis, Kombis mit Anhänger, Kombis mit Anhänger und Dachgepäckträgern oder ganz profan, mit Trecker und Anhänger zogen gen Pflanzenmarkt, um das, was trotz dicker Deckreisigschichten den Winter nicht überlebt hatte flux zu ersetzen und neue Ideen für den noch schöneren Garten in die Tat umzusetzen.

Ihr seht mich nicht

 

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Ihr glaubt, ihr kennt mich. Sagt ich bin der mit dem Knacks. Der Depressive mit den vielen Ängsten, der Irre, der sich umbringen wollte.

Ihr seht so wenig. Oder ist euch der Maler aufgefallen, der Schriftsteller, der Büchernarr, der Klassikliebhaber.

Habt ihr den Ehemann, Vater, Freund, Lehrer, Lebensretter, Altenpfleger, Sohn kennengelernt?

Wisst ihr vom Träumer, Fantasten, Idealisten, Utopisten, Vortragsreisenden, Barcampbegeisterten?

Was seht ihr wirklich in mir, in anderen Menschen?

So schnell seid ihr mit eurem Urteil, glaubt mich zu kennen, zu verstehen. Ich kann euch nur sagen, ihr wisst nichts von mir, absolut nichts. Ihr könnt nicht in mein Herz, nicht in meine Seele sehen. Ihr seht die Fassade, die ich gebaut habe, um euch zu gefallen.

Aber ich habe eine Überraschung für euch. Die Fassade wird fallen. Weil ich nicht mehr bereit bin, etwas anderes zu sein als ich selbst.

Also gewöhnt euch dran. Und lernt mich wirklich kennen.

Unglaublich

Noch zu Anfang des Jahres hätte ich fast das Ende nicht mehr erlebt. Dann eine lange Reise durch die Psychiatrie und nun eine Wende um 180 Grad.

Vor einer Stunde ging die erste Fassung meines Romans über meine Geschichte an meine Lektorin. Ja, Lektorin, nicht ein, nein drei Verlage haben Interesse an meinem Roman gezeigt. Und nächste Woche geht es nach Köln, wo ich Verlag und Lektorin persönlich kennen lernen werde.

Es ist eigentlich völlig unfassbar. Nicht nur interessiert sich jemand für meine sicher nicht sehr leicht verkraftbare Geschichte, nein, man will es tatsächlich verlegen.

Egal was jetzt noch folgen mag, schon diese Sache bedeutet mir sehr, sehr viel, weil ich für mich selbst erkannt habe, dass über meine Krankheit, die Depression zu schweigen, das ganze immer schlimmer gemacht hat. Jetzt mache ich den Mund auf, nicht nur, damit ich in Sicherheit bin, sondern vor allem, damit viele andere endlich die Angst überwinden, und sich helfen lassen.

Auch wenn ich es immer noch nicht glauben kann, es scheint sich nach einem katastrophalen Anfang doch noch alles zum Guten zu wenden.
Ach und ja, ich bin nervös, sehr nervös, entsetzlich nervös, was meine Lektorin zum ersten Entwurf sagen wird.

Ergänzung: Und das ganze, vom Schreiben der Geschichte bis zum durchleben des ganzen Prozesses ist für mich auch Teil meiner Therapie. Denn was ich endlich auch können will: Erfolge akzeptieren und meine Angst vor Kritik reduzieren. Zwei Elemente, die mich in Zukunft vor schweren Rückfällen schützen können.

Rezension:ISpace, das digitale auf Papier gedruckte Multimediabuch

Viele Verlage klagen über die Konkurrenz durch die zunehmende Digitalisierung. Oder, wenn sie schlau sind, nutzen sie das beste aus beiden Welten.

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Die Fahrzeuge und Objekte des Buches erwachen Dank der zugehörigen kostenlosen App für IOS und Android zum Leben

So handelt auch der Kosmos Verlag, den ich bislang hauptsächlich wegen der ausgesprochen hochwertigen und spannenden Experimentierkästen kenne, die meine Kinder bereits zu verschiedenen Themen gerne nutzen und wegen der sehr guten Sachbücher.

Nun wurde ich angesprochen, ob ich nicht ein neues Buch rezensieren wolle, das mit den Mitteln der Augmented Reality arbeitet und damit beide Welten zusammenführt.

Das Buch heißt ISpace und mit einer dazu gehörenden kostenlosen App kann man auf bestimmten Seiten 3D Modelle über die AR App über dem Buch schweben sehen und sie mit einem virtuellen Cursor sogar manchmal drehen und steuern. Dazu sind auf den entsprechenden Seiten Elemente integriert, die man dann mit der App scannt und damit in der App das für die entsprechende Seite passende 3D Modell aktiviert. Diese sind dann auch interaktiv und über Kontrollbuttons steuern.

Da sich das ganze aber nur schwer erklären lässt, hier zwei kurze Videos, die den erstaunlichen und sehr gut funktionierenden Effekt darstellen.

 

Der Effekt ist wirklich verblüffend und unsere Kinder lasen das Buch mit wachsender Begeisterung. Gerade die Kombination aus klassischem Buch und moderner virtueller Realität macht das ganze spannend und das Thema Astronomie und Visionen der Zukunft tut sein übriges.
Ich finde, eine gelungene Kombination von altem und neuem Medium und eine sehr schöne Art, wissenschaftliche Themen näher zu bringen. Und auch wir Erwachsenen hatten unseren Spaß mit den virtuellen Modellen ebenso wie mit dem realen Buch.
Die endgültige Wertung fällt eindeutig aus und kommt dieses Mal von unseren drei jungen Haupttestern.

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Ich denke, das Ergebnis der Jury ist eindeutig

 

Für alle, die ein Interesse für Wissenschaft haben und Kinder, die bereits mit dem Smartphone groß werden ein schöner Weg, beides zu kombinieren.