Der Fluch der Gedanken

„Hey Mister Sandman, bring me a dream“

Alleine. Ruhe, Verabschiedung von Social Media für die so geringe Dauer von drei Wochen Urlaub. Unerwartet kommen da die eigenen, die dunkleren Gedanken zu Besuch.

Meine Droge der Wahl, um sie in Schach zu halten: Beschäftigung, Beschäftigung mit neuem. Etwas, das den dunklen, sich um sich selbst drehenden Verstand in Besitz nimmt, ablenkt, einlullt. Was im „normalen “ Alltag durchaus funktioniert, hält in einer Ruhephase gerade so über dem gedanklichen Treibsand. Dennoch, die Pause, die Auszeit ist wichtig. Um zu sortieren, um das eigene Erleben und die eigenen Prioritäten neu zu ordnen.

Nur warten in dunklen Tagen, in schwarzen Momenten die Sorgen, die überwältigenden Sorgen, die Flut dunkler überwältigender Sorgen. Nicht dass ich sie definieren und in eine gedankliche Sperrzone verdrängen könnte. Sie klopfen beständig an, erst leise, dann wieder lauter. Die Baustelle vor dem Haus setzt sich gedanklich in mir fort. Das Sorgen, ob der Schaden behoben werden kann, heißt für meine Seele ob die vielen Risse und Wunden dauerhaft verschlossen bleiben werden.

Eine kleine Unterbrechung, eine Medizin für gute Gedanken: Dreharbeiten zu einem Bericht über meine Geschichte. Sie zwingen, zu reflektieren, Geschehenes noch mal zu betrachten, zu bewerten und das Unglaubliche, das Unvorstellbare neu zu entdecken. Überlebt, neu gelebt, wieder gelebt. Ein zweites Leben geschenkt bekommen haben und dennoch die dunklen Begleiter stets an der Seite zu haben. Ich habe eine Geschichte zu erzählen und mein größter Wunsch und Antrieb, sie immer wieder in den Medien und auf Bühnen zu erzählen? Sie hilft mir, mich selbst zu hinterfragen. Und mag eventuell den einen oder die andere dazu bewegen, früher Hilfe anzunehmen als ich das tat. Um den Riss in der Seele rechtzeitig zu kitten bevor daraus ein gähnender Abgrund entsteht.

Ruhe von Social Media soll dabei helfen, aber die Worte wollen raus. Dann eben im Blog. Mein Tagebuch, mein stiller Begleiter bei der Navigation durch das stürmische Meer der Sorgen und Ängste.

Schreiben ist mein Schwert, mit dem ich den Jabberwocky besiege oder wenn nicht dies gelingt, so doch die unmöglichen Dinge denken, die mich aus dem Mahlstrom der Traurigkeit retten können, mich zwar nicht heilen, aber zumindest mit dem Seil der unmöglichen Gedanken aus dem Tal meiner Ängste und Depressionen holen.

Letztlich ist man mit seiner Gedankenwelt IMMER alleine. Und vieles, was gedanklichen Treibsand erzeugt, ist nicht real und sperrt einen dennoch ein. Dann ist es gut, jemanden zu haben, der die Hand reicht, um einen vor dem Versinken zu retten.

Schreiben…schreiben….schreiben. Auf dass ich mich aus meinen eigenen Gedankenabgründen herausholen kann. Dass es gelingt, keine Garantie. Aber es sind schon andere unmögliche Dinge in meinem Leben war geworden.

”Das kann ich nicht glauben!” sagte Alice.

”Nein?” sagte die Königin mitleidig  ”Versuch es noch einmal: tief Luft holen, Augen zu…”

Alice lachte. ”Ich brauch es gar nicht zu versuchen,” sagte sie.
”Etwas Unmögliches kann man nicht glauben.”

”Du wirst darin eben noch nicht die rechte Übung haben”, sagte die Königin.
”In deinem Alter habe ich täglich eine halbe Stunde darauf verwendet.
Zuzeiten habe ich vor dem Frühstück bereits bis zu sechs unmögliche Dinge geglaubt.”

(Lewis Carroll, aus: Alice hinter den Spiegeln)

Corona Quarantäne Depression

 

Stand am 18. Juli

Zwei Wochen Absonderung. Zwei Wochen, die an Ödnis kaum zu übertreffen sind. Und zusätzlich ein Gedankenkarussell. Dazu der Verrückte im Kreml und meine nicht eben nachlassende Angststörung.

Es belastet mich sehr, das muss ich offen gestehen. Ablenken durch Filme und Lesen, ab und zu auch ein Spiel zocken und sonst jeden Tag hoffen, dass alles ruhig bleibt und nicht eine weitere Katastrophe dazu kommt.

Zumal wir immer noch auf die Handwerker wegen des Wasserrohrbruchs in der städtischen Zuleitung warten. Immerhin kostet es uns nichts, da städtische Verantwortung.

„Isn’t it ironic?“

Mach mir dauernd Sorgen, dass was passiert, aber was letztlich dann passiert, das hatte ich nicht auf dem Radar.

Was ich jetzt daraus ziehen will? Endlich für mich verankern, dass Sorgen machen nichts bringt. Außer Angst, Depression und generell einer negativen Umgebung.

Alles einfach zu verstehen aber schwer umzusetzen.

Das ist das eigentliche Dilemma einer psychischen Erkrankung. Man kann zum Teil sehr gut reflektieren, was einem zu schaffen macht, aber abstellen geht in den seltensten Fällen und dann meist auch nur mit Hilfe von Therapeut-innen.

Was aber wenn man doch schon alles weiß? Wenn man wie meine Therapeutin in der Reha meinte „So wunderbar reflektiert ist und doch schon die Mechanismen durchschaut“?

Angeblich weiß ich so viel, ich könnte andere therapieren.

Nur bei mir selbst weiß ich zwar immer mal wieder, was falsch läuft aber die Angst  verlässt mich einfach nicht.

Die Quintessenz: Annehmen, was ist und versuchen, auch die guten Seiten mal zu sehen. Banale Sachen für die meisten. Für jemand mit Angststörung eine Herkulesaufgabe, die jeden Tag neu angegangen sein will.

Stand heute. Nur noch ganz ganz schwach ist ein zweiter Streifen zu sehen.

Manchmal gewinne ich, manchmal die Psyche. Aber seit dem „Ereignis“ damals ist aufgeben keine Option mehr.

Immerhin etwas.

Und immerhin bin ich wieder mental fit genug für einen Blogbeitrag. An sich auch ein gutes Zeichen.

 

Das Wissen, das Leben und die Angst

Ich war sechs Wochen in Reha. Und abschließend wurde mir bescheinigt, doch all meine Mechanismen sehr gut zu durchschauen. Das mag stimmen. Aber das Problem ist die Umsetzung, die Realität, die vielen Trigger.

Natürlich weiß ich, wie wenig ich kontrollieren kann, was heute, was Morgen, was in drei Monaten passieren mag. Aber es gibt immer Dinge, die man zu Tode denken kann. Es kann was kaputt gehen, was zu viel kostet. Krankheiten, Unfälle, es gibt ein ganzes Portfolio von Themen, die sich Leben nennen und die dich mit einer Angststörung wie eine Lawine überrollen können.

Und da hilft leider kein noch so guter Ratschlag oder das Bewußt machen, dass wir eh nicht kontrollieren können, wie unser Leben verläuft, sondern maximal Richtungen einschlagen, Pfade wählen.

Jeden Tag ist es aufs neue ein Kampf gegen die Panik, gegen die Ängste und das zermürbt. Wenn ich nicht mein Umfeld hätte, meine Stützen, dann würde vermutlich viel häufiger ein Aufenthalt in der Klinik nötig. Aber mein Fangnetz ist gerade in Zeiten von Corona sehr dünn. Manchmal bedrohlich dünn.

Dann hilft es nichts, dann muss ich die Notbremse ziehen, meinen Arzt konsultieren und ggf. eine Auszeit nehmen. Aber schon das macht Angst, weil man ja nicht so leistungsfähig ist, wie man das gerne hätte.

Wenn ich eine Sache gelernt habe in den Kliniken, dann ist es Selbstfürsorge. Nur wie man das gegenüber der eigenen Angst umsetzt. Da fehlt es noch ganz gewaltig.

Das Problem vor allem, es gibt immer ein Szenario, das tatsächlich passieren kann. Und dann hört die Angst nicht auf, zu bohren. Statt Zuversicht gibt es da dann nur Panik und Angst. Und mit meiner Familiengeschichte gehört das Erlernen von Zuversicht, Selbstvertrauen und der Glaube an die eigene Selbstwirksamkeit einfach nicht zu meinen erlernten Talenten. Das muss ich meist in anstrengenden Gesprächen, üblen Tagen und auch unter der einen oder anderen Träne erarbeiten.

Was sich aber definitiv durch die Kliniken gebessert hat und was mir hilft: Ich habe das Ganze als eine Krankheit, meine Krankheit angenommen und weiß, es ist kein unabdingbares Faktum, immer mit Angst und Panik zu leben.

Das lässt mich weiter kämpfen und auf Besserung hoffen.

5 Wochen Reha, ein Lagebericht

Nicht nur der Bart ist neu

Ja, ich bin in Reha und da verwundert es schon, dass ich jetzt, nach mittlerweile vier Wochen mich mit einem Lagebericht melde. Aber da hier zum ersten Mal auch meine Therapeutin die heilsame Wirkung des Schreibens für mich entdeckt hat, und sie auch nicht unter einer neurotischen Internet-Allergie leidet, wurde mir dazu geraten, auch schriftlich zu reflektieren und das im Medium meiner Wahl. Wo meine erste Therapeutin gleich Internetsucht vermutete, hat meine jetzige glasklar die heilende Wirkung des sich mit etwas intensiv Beschäftigens erkannt.

Zunächst, es hat sich so einiges getan. Ich habe erkannt, dass alte Angewohnheiten sich wieder eingeschlichen haben. Ich habe im letzten Jahr wieder gerade beruflich zu selten nein gesagt. Die Betreuung von Auszubildenden, die mir angeboten wurde, ist nicht das, was ich für gute Betreuung halte sondern ein Wust von Formalismen und starren Rahmenbedingungen. Also… Gestrichen.

Ich wollte schone wieder viel zu perfekt sein, alles selbst erledigen. Gestrichen.

Die Balance von Arbeit und Familie ist viel zu sehr in Richtung Beruf gekippt, also umbauen.

 

Ich habe tatsächlich das Wandern für mich entdeckt, vielleicht auch, weil ich endlich wieder mehr nach mir schauen sollte. Und weil das auch der Familie zugutekommt.

Meine Therapeutin hält mich für sehr selbstreflektierend, klug und sensibel. Gut, aber hat mir leider gar nicht gegen eine Rückkehr meiner Angst und der schweren Depression geholfen. Die muss ich jetzt in nun noch zwei Wochen Reha eindämmen.

Man hat nämlich aus den fünf Wochen Reha sechs gemacht, was einerseits gut ist, um das gewonnene, wiedergefundene zu stabilisieren, aber andererseits zerfrisst mich langsam das Heimweh. Sibylle hat mich wegen der Verlängerung am Samstag ein zweites Mal besucht, aber dennoch, es reicht nach sechs Wochen, ich muss das gelernte auch im Alltag üben.

Körperlich fühle ich mich immerhin jetzt schon fitter als seit Jahren, jetzt muss nur noch mein mentales Nein zu zuviel, zu falsch, zu ungesund auch im heimischen (Berufs-)umfeld funktionieren. Und auch bei dieser Rückkehr darf eine Ärztin nicht mehr mitreden.

Was aber schon jetzt eine gute Nachricht ist. Der Manager, der damals 2003 die beinahe tödliche Lawine losgetreten hat, ist nicht mehr da. Kein Verlust, aber auch kein Trigger mehr.

So fügt sich eins ins andere und ich werde gestärkt aus der Reha hervorgehen. Und bei allen Erkenntnissen heißt es, dran denken, üben und falls ich wieder fallen sollte, aufstehen, Krönchen richten, weiter machen. Weil es für mich und meine Familie ist. Alle anderen. Na, ihr wisst schon.

Oh, und Wiesengymnastik mit übermotivierten Dauergrinsern. Ne, nicht meins. Aber hey, ich soll ja für mich sorgen und Grenzen setzen.

Meine Depression hat einen sehr schrägen Humor

Und meist ist die einzige, die darüber lachen kann meine Angststörung. Die beiden sind Kumpels, best friends, buddies, mein persönlicher Dr. Jekyll und Mister Hyde. Nur dass es meist eher der Hulk ist, den sie gemeinsam verkörpern.

Seit 2016, als ich endlich aus der Psychiatrie entlassen wurde und mich selbst wieder unter den „normalen Verrückten“ zu bewegen begann, ließen mich die beiden weitestgehend in Ruhe. Gut, vor jedem Auftritt streckte meine Angst ihren gehässigen, viel zu kleinen und genau genommen potthässlichen Kopf durch die Garderobentür um mir „nur das Schlechteste, totales Versagen oder ein gelangweiltes Publikum“ zu wünschen. Aber jedes Mal konnte ich sie bei der Rückkehr in die Garderobe auslachen, musste sie und meine Depression zugeben, dass ihre Macht mir gegenüber doch geschrumpft war. So nahm ich zumindest an. Aber auch das war nur ihr gehässiger, schwarzer, gemeiner und schräger Humor. Vor den Kliniken waren die beiden immer Teil meines Theaterstücks „Der Uwe und seine Psyche“. Aber damals saßen sie in den hinteren Reihen, versteckt, im Dunkeln, bereit zuzuschlagen, wenn ich es am wenigsten erwartete und dann kichernd und feixend wieder ins Dunkel der hinteren Ränge zu verschwinden, von wo aus sie schon den nächsten Coup planten, während ich noch vom letzten bösen Streich wieder aufzustehen versuchte.

In den Kliniken hab ich die beiden in die erste Reihe gezerrt. Angebunden, Knebel im Mund, die hellsten Theaterstrahler auf die beiden, die es in meinem Lebenstheater gibt.

Aber ich möchte verflucht sein, hie und da gelingt es den beiden doch wieder, mir einen Streich zu spielen.

Ein Beispiel gefällig? Gut, möge die Tragikcomedy beginnen.

Etwa vor einem Monat war es. Eigentlich alles gut, ich etwas gelangweilt, weil es keine Lesungen, keine Auftritte, kein Interview gab, das mich von der Alltagsroutine hätte ablenken können. Da hätte ich es ahnen können, dass die beiden die Routine, die Langeweile zu ihren Gunsten nutzen würden. Ich prüfte, wie fast jeden Tag meine Kontobuchungen, ja, Kontrollfreak kann ich.

Das bei meinem Konto vor allem das Minuszeichen auf jedem Bildschirm tiefe Brandspuren hinterließ, ja, kenn ich, jedes Mal, wenn ich das reparieren ließ, wars irgendwann wieder da. Geschenkt, meine Bank ist glücklich.

Da fielen mie drei mal 81 Euro auf, die von meiner Kreditkarte gebucht worden waren.  Eigentlich banal, eigentlich einfach zu handhaben, eigentlich kein Problem für mich. Eigentlich. Auftritt, Angst und Depression.

Irgendwie musste sich da die Angststörung befreit haben, denn ich hörte noch ein hämisches „Haben wir dich“, als ich einen Tritt gegen mein Nervenkostüm bekam. Stand ich gerade noch oben und blickte ins Tal meiner schwarzen, depressiven Stimmungen, war ich schon auf dem Abflug Richtung Dunkelheit und konnte im Fallen noch das hämische Grinsen meiner Angst sehen. Von unten rief dann auch schon die Depression:“Na? Komm zu Mami! (Mami ist meiner persönlichen Geschichte geschuldet und soll hier bitte nicht als Wertung eines Geschlechts oder einer familiären Berufsgruppe gelten)

Der Aufschlag war hart und meine Freude, meine Stabilität, meine Schutzmechanismen gegen meine beiden Schultersitzteufelchen  zerbarsten mit dem Aufschlag in tausend kleine emotionale Fragmente.

Es würde wieder Zeit brauchen, das zu kleben, mir eine Strickleiter oder ein Seil zu besorgen und mich wieder aus dem Tal nach oben zu arbeiten aber hey, war ja nicht das erste Mal. Mir gelang es irgendwie den Kreditkartenbetrug zu klären, sogar ne Anzeige bei der Polizei schaffte ich aufzugeben, obwohl ich eigentlich nur Ruhe wollte, nichts hören oder sehen. Gegen Ende der Woche schien auch alles gut zu sein. Aber Sonntag Abend beschloss wohl mein Kumpel Depression: „Nope, so leicht machen wirs dir nicht, du hast uns schon viel zu lange weggeschlossen.“  Panikattacken, Angst, Depressive Gedanken. Wie entlassen aus Pandoras Büchse waren sie alle wieder da, als ich gerade die oberste Stufe meiner Depressionstalentkommstrickleiter erreichte und mit einem hämischen Lachen schnitten sie den Knoten durch, der mich gerettet hätte, gerade als wollten sie einen neuen Abwärtsweg eröffnen, den sie frisch für mich gebaut hatten.

Mein Arzt kennt nun Gott sei Dank die Beiden zumindest von Erzählungen. So verschrieb er mir eine stabilere Leiter und mehr Zeit für deren Zusammenbau. Nach drei Wochen ging es mir wieder so weit gut, dass ich nicht nur meinem Umfeld beständig versichern konnte: „Nein, alles gut.“ ohne dabei zu lügen, ich glaubte es mir sogar selbst langsam wieder.

Im Moment sitzen die beiden wieder in der ersten Reihe. Hab die Fesseln verstärkt und das Pflaster über den Mündern ist Ducttape gewichen. Aber ich weiß, irgendwann schaffen es die beiden wieder, sich da raus zu tricksen. Den nötigen schrägen Humor und die Fantasie haben sie ja. Bin nur gespannt, wie sie mich dann überrumpeln werden.

Kontrollverlust

Ich denke, Kontrolle haben, Kontrolle bewahren war immer ein Schlüsselthema in meiner psychischen Geschichte. Die besten Zeiten meines Lebens waren das Studium (ein Humboldtsches, in dem noch nicht Studenten wie Kindern vorgeschrieben wurde, was sie wann zu studieren haben) und das dreijährige Forschungsstipendium bei IBM. Gott sei Dank hat meine Frau mich in dieser Zeit kennengelernt und zwar den echten Uwe. Dramatisch wurde es erst, als ich die Kontrolle abgeben musste. Als ich in ein Angestelltenverhältnis gewechselt bin. Noch dazu eins, bei dem ich mit meinem Magister in Computerlinguistik und Künstlicher Intelligenz eigentlich völlig überqualifiziert war. Aber da damals, Mitte der Neunziger die allerwenigsten eine Ahnung von CL&KI hatten, fiel das nicht weiter ins Gewicht.

Aber dort war ich Angestellter, erhielt Anweisungen, musste brav sein und folgen, wie ein kleines Kind. Meine Frau hat recht, ich hätte in der Forschung bleiben sollen oder mich selbständig machen. Denn seit diesem Zeitpunkt fühlte ich mich nicht mehr sicher. Ich hatte nach meinem Empfinden die Kontrolle über mein Leben verloren. Und beim nächsten Job kam noch dazu, dass mir aus meiner fortschrittlichen Arbeitsweise sogar ein Strick gedreht wurde. Wieder keine Kontrolle, kein selbständiges Entscheiden, wie ich optimal arbeite.

Erst nach den Klinikaufenthalten erkenne ich langsam, dass ich mehr Kontrolle hatte, als ich dachte. Sicher, einige Entscheidungen wurden durch meine Angststörung beeinflußt und dieses eine verdammte Gespräch hätte ich wütend abbrechen sollen, statt brav wie ein scheues Reh zu allem ja zu sagen.

Ich bin nach wie vor ein Angestellter, die Verpflichtungen, die auf mir liegen bedingen das (noch?) aber mein Herz ist endlich wieder frei. Ich bin Autor und habe einen Brot und Butter Job, der mir wirklich gefällt, zu mir passt und wo man auf Augenhöhe kommuniziert. Mein Leben dreht sich aber nicht mehr nur darum, wie ich möglichst viel leisten kann, um zu überleben.

Als ich die größte Angst davor hatte, die Kontrolle völlig zu verlieren und deshalb losgelassen und überhaupt keine Kontrolle mehr erwartet habe, genau dann bot man mir Chancen und Wege an, die mich mehr in die Kontrolle meines Lebens brachten, als jemals zuvor. Schade nur, dass es fast mein ganzes Erwerbsleben dauern musste, bis ich endlich auf den Trichter kam.

Jetzt stehe ich immer wieder auf der Bühne, ein Ort, an dem ich mich seltsam in der Kontrolle fühle. Ich erzähle meine Geschichte und kann dadurch anderen Menschen helfen. Und ich möchte helfen, möchte, dass mehr Menschen ihren Wert jenseits von Geld und Leistung erkennen. Eigentlich sogar noch mehr, ich möchte, dass dieser idiotische Drang nach immer mehr endlich aufhört, dass erwachsene Menschen nicht mehr im Beruf wie Kinder behandelt werden. Und das wir alle endlich wieder arbeiten, um zu leben und nicht, wie es uns immer noch als Ultima Ratio vorgegaukelt wird, leben um zu arbeiten.

Es wird noch ein langer Weg sein. Aber immerhin habe ich jetzt meinen Weg gefunden. Und der hat nichts mit Geld für Leistung zu tun. Der hat mit Freude am Austausch, Freude, anderen zu helfen zu tun.

(Bin mal gespannt, wer da wieder alles mögliche reininterpretiert, das nicht wahr ist. In der Vergangenheit gerne mal passiert. Die Briefe werde ich mir mein Leben lang aufheben. Denn ein Satz, in einem bestimmten Brief, hätte mich fast das Leben gekostet.)

An meine Leser (Spoiler: DANKE)

Danke. Damit falle ich schon mal durch die berühmte Tür ins Haus. Danke für euren Zuspruch, euer überwältigendes Interesse an meiner Geschichte.
2015 dachte ich, das wars mit meinem Leben. Mein Umfeld hatte mir übel mitgespielt, man hatte versucht, mich zum Schweigen zu bringen über meine Krankheit, meine Geschichte. Und dann entstand aus einer Verkettung von Zufällen dieses Buch. Weil ihr auf Twitter Interesse an meinen Gedanken #ausderklapse zeigtet.
Dadurch wurde ein Literaturagent auf mich aufmerksam, der zum ersten Mal den Gedanken ins Spiel brachte, meine Geschichte, mein Erleben wäre relevant genug, interessant genug, zwischen die Deckel eines Buchs gepresst zu werden. Und ein Verlag vertraute der Idee so sehr, dass ich tatsächlich verlegt wurde. Etwas, das ich nicht mal zu träumen gewagt hatte. Ich ein Autor? Und jetzt, nach nun knapp über 3 Jahren sogar mit einigem Erfolg? Niemals! Doch, ich sollte ehrlich sein.
Als damals oft gemobbter und zuhause nicht wirklich geliebter Jugendlicher habe ich sehr schnell für mich Kunst, Literatur als Fluchtpunkt entdeckt. Ein Traum war es, den ich aber ohne jede Hoffnung auf Realisierung träumte. Etwas von Bedeutung schaffen, etwas, das die Welt für mich und für uns alle etwas besser hinterlässt. Ihr habt diesen Traum war werden lassen. Ich bin kein Star, das wollte ich auch nicht. Aber jetzt hat mein Leben mehr Bedeutung, mehr Verantwortung, mehr Gewicht als jemals zuvor. Ich kann Menschen helfen, ich, als Person, kann Bedeutsames bewegen.
Das verdanke ich nur euch, meinen Lesern, Followern, Unterstützern.
Ich bin kein Schauspieler geworden, kein Kunstmaler. Alles Jugendträume eines Kindes, das so etwas wie Zuneigung und Freundschaft erst ganz spät erfahren hat.Uwe zeigt ein Herz mit seinen Händen
Ihr habt mir gezeigt, dass ich mehr bin als nur ein Stück irrelevanten Daseins ohne Weg, Wert oder Ziel. Jetzt gibt alles irgendwie Sinn. Jetzt fühle ich mich zumindest als Mensch anerkannt, der Wünsche, Träume, Ziele hat. Euer Feedback ermutigt mich, weiter zu kämpfen. Eure Leserbriefe, die Gespräche auf Lesungen. Es zeigt mir, dass ICH als Person einen Wert haben kann.
Und gleichzeitig habe ich gelernt, dass dieser Wert immer schon da war. Nur vergraben unter Selbstzweifeln, Ängsten und Traumata. Ich bin immer noch nicht ganz frei davon. Aber ihr meine LeserInnen seid es, die mich weitermachen lassen.
Dafür möchte ich euch von ganz tiefstem Herzen danken. Es ist nicht selbstverständlich und ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass ich tatsächlich Autor geworden bin, dass Menschen mein Buch mögen, dass sie gar etwas für ihr eigenes Leben daraus ziehen können.
Ein größeres Geschenk gibt es nicht. Ich bin nicht reicher an materiellen Werten, definitiv nicht, aber als Mensch bin ich endlich in der Lage, der Welt entgegenzuhalten: DAS BIN ICH. Und ich bin gut so, wie ich bin. Das sind wir alle, das seid ihr alle.
Aber ihr habt einen großen Anteil an meinem Wandel, vermutlich weit größer als alle Therapeuten und Kliniken zusammen.
Und gerade helft ihr mir mit eurem Zuspruch, wieder aus einem Tal zu kommen, kämpft mit mir gegen meinen ganz persönlichen schwarzen Hund.

Danke. Ich bin so unendlich dankbar. Ihr habt mich verändert, vielleicht sogar weit mehr als ich euch. Wir sind viele und wir kämpfen alle einen Kampf, den wir gemeinsam besser schaffen, eher gewinnen.

Sagte ich es schon? Egal: DANKE!

Kunst war immer meine Therapie

Ich habe es wiederentdeckt, als ich in der Klinik war. Die Bedeutung von Kunst für mich. Kunst war für mich immer ein Ventil, eine Möglichkeit, die dunklen Gefühle, die Ängste, die Einsamkeit zu verarbeiten. Dabei war und ist es egal, ob ich nur Rezipient bin, wenn ich mir Bilder in einem Museum betrachte oder selbst Bilder male, Texte schreibe, Geschichten erzähle.

Es ist eine  seltsame Verbundenheit zwischen Kunst und mir.  Ich kann mich noch sehr gut an meine Phase als Kunstmaler erinnern, als ich fast eine eigene Ausstellung gestartet und eine Kunstmappe eingereicht hätte, wenn nur der nötige Mut da gewesen wäre.

 

 

 

Und es war für mich ein unglaublicher Heilungsprozess, meine Geschichte niederzuschreiben, noch in den Kliniken mein Buch zu beginnen und damit meine Geschichte öffentlich zu machen, meine Seele auszudrücken, sie zwischen zwei Buchdeckel zu pressen und damit all das zu manifestieren, was mein Leben über Jahrzehnte zwar nicht zur Hölle, wohl aber oft zu deren Vorhof hat werden lassen.

Ich brauche Kunst zum Atmen, eine Floskel, die aber für mich heute realer ist denn je. Musik hören kann mich entspannen, kann mich aufbauen. Wenn ich einen Text niederschreibe, gebe ich immer einen großen Teil meiner Seele in den Text. Wenn ich ein Bild male, versinke ich in den Farben, der Leinwand, dem Motiv.

Kunst mag für manche nur brotlos sein, für mich ist sie das, was meine Seele am Leben hält. Und was mich letztlich auch aus meinem tiefsten Tal meines Lebens gerettet hat.

Kunst ist nicht unnötig. Kunst ist, was uns zum fühlenden, zum intensiven Menschen werden lässt. Wissenschaft ist wichtig und ich schätze sie sehr. Aber wenn es um das Wohl. meiner Seele geht, dann ist ein Besuch meiner alten Liebe der Kunst für mich Lebenselixier.

Und dabei noch ergänzend. Nicht umsonst gibt es den Begriff der Liebeskunst. Weil auch in der Liebe die Kunst ein wichtiges Element ist. Und wenn es nur die Kunst ist, Liebe und Leidenschaft zu teilen.

Update: Ja, als Autor geht es mir gut, aber vor allem deshalb, weil ich noch einen „Daytime-Brot und Butter“ Job habe. Aber andere Künstler geraten jetzt in Schwierigkeiten. Deshalb, wenn ihr Konzertkarten habt, wenn ihr Lesungen besuchen wolltet, die jetzt abgesagt werden, vielleicht könnt ihr euch es ja leisten, auf die Erstattung zu verzichten. Das könnte dem einen oder anderen Künstler in der Krise helfen. Oder schaut, was Künstler online anbieten, Kultur ist nicht überflüssig, Kultur ist Teil unseres Wesens. Ich wünsche mir eine Zeit nach Corona, in der wir nach wie vor Musiker, Maler und Autoren, Schauspieler und Regisseure, kurz KünstlerInnen  haben.