Zwischen innerer Kündigung und Burn out. Haben wir die Balance verloren?

BnChpcEIUAACobSMir fiel es wieder mal auf einer Konferenz auf. Die re:publica 2014 ein Konglomerat aus Netzaktivisten, Bloggern, Autoren, Journalisten und „ganz einfachen Leuten“.Und es vibriert vor Enthusiasmus, vor Begeisterung vor Lust, zu diskutieren, sich auszutauschen. Dennoch wirkt niemand gehetzt, gestresst. Man nimmt sich Zeit, wichtig ist nur das nächste gute Gespräch.

Auf der Fahrt nach hause, wo auch zu diesem Blogbeitrag die Grundlagen entstanden, machte ich mir dann so meine Gedanken. Warum ist es für viele Menschen im Alltag so viel anders? Warum erlebe ich bei meinen Recherchen und in meinen Workshops und Gesprächen immer wieder zwei sehr gegensätzliche Pole. Da sind zum einen die „geht mir doch weg mit dem ganzen Mist“ Charaktere. Sie machen zwar alles mit, was man ihnen (meist beruflich) vorgibt, sind aber weder mit Herz noch Verstand dabei. Ich nenne sie gerne die Automatenmenschen.

Eine interessante Session war „Burnout and Broken Comment Culture„, die mir vor Augen führte, dass selbst bei den Menschen, die eigentlich in emotional wie auch ökonomisch viel sinnhafteren Welten, denen des Aktivismus leben und arbeiten, viele bereits in die Ökonomisierungsfalle tappen, da sie ja meist gegen genau dieses System kämpfen müssen, und sich dazu oft derer Mittel bedienen müssen, so sehr sie diese auch hassen.

Und dann gibt es da die andere Seite. Traurigerweise meist nur bei den jüngeren. Die Menschen, die brennen für eine Idee, die sich für neues begeistern, die den Wandel leben und in ihrer Arbeit aufgehen, sie neu weiterdenken und enthusiastisch bei der Sache sind.
Das sind die Feuermenschen. Dazwischen? Meist gähnende Leere. Menschen in Balance, die zwar ihre Aufgaben ernst, aber nicht zu ernst nehmen, die willens und interessiert sind, etwas neues zu lernen, ohne es gleich bis ins Detail erfassen zu wollen. Fehlanzeige.
Für diesen Typus Mensch muss ich dann schon auf Konferenzen wie die re:publica fahren.

Oder könnte es sein, dass sich sowohl hinter den Flammen der Flammenmenschen als auch hinter den meist toten, kalten Blicken der Automatenmenschen eigentlich der wirklich Mensch nur versteckt?

Haben wir verlernt, ein Leben zu leben und leben nur noch eine Erwerbsarbeit oder fokussieren uns aus Angst vor Versagen so sehr auf unser Thema?

Denn eines habe ich auch bereits des öfteren beobachtet. Und hier kommt mir zum ersten Mal mein Alter zu gute. Viele der Flammenmenschen verlöschen irgendwann. Und wenn sie Glück haben, dann werden aus ihnen Automatenmenschen. Haben sie Pech, fallen sie gänzlich aus dem System und ihre Flamme verbrennt sie, sie erleben ihren ganz persönlichen Burn Out.

Eine ebenso inspirierende Session dazu war „One day we will be tired baby“:

Leider scheint auch dort die beste Botschaft zu sein: Werde selbständig, alles andere ist schwer.

Interessant hierbei, obwohl die Medien das häufig und gerne falsch koloportieren. Online Sucht ist KEINE anerkannte Erkrankung sondern eigentlich nur aus einem Witz eines Psychiaters entstanden.

Ich kenne in meinem Umfeld einige, die voller Begeisterung und Ideen für ein Thema, ihre Aufgabe gekämpft haben. Und plötzlich von Heute auf Morgen verschwunden waren. Länger, überraschend. Jüngster Fall mittlerweile 6 Monate und Rückkehr ungewiss.

Woher kommt das? Ich denke, es gibt mehrere Faktoren, die zusammenspielen und in der aktuellen Wirtschaftsgesellschaft verstärkt wirken.

Zum einen ist es der Fokus der gesamten Gesellschaft auf Ökonomisierung. Alles ist dem ökonomischen Aspekt unterzuordnen. Das greift mittlerweile sogar bis ins Privatleben. Wenn ich aber auch den Menschen zu einem Wirtschaftsfaktor, oder wie die schlipstragenden Beraterfuzzies so gerne sagen, zu einer fakturisierbaren Humanressource degradiere, dann muss diese Ressource eben auch wirtschaftlichen Kriterien genügen. Und diese heißen auch heute noch, obwohl wir es besser wissen müssten: Wachstum, mehr, besser, höher. Dabei hat jeder Mensch natürlich Grenzen. Und auch wenn uns das so manch einer einreden will: Eine Kultur der Spitzenleistung geht nur über einen sehr begrenzten Zeitraum. Denn niemand ist in der Lange IMMER sein bestes zu geben. Aber eben diese Spitzenleisterkultur fordert genau das.

Der nächste Denkfehler besteht darin, durch Rationalisierung nicht das erreichen zu wollen, was ich als die ureigenste Idee des Einsatzes von Maschinen betrachte, nämlich dem Menschen die Arbeit zu erleichtern. Nein, meist werden Maschinen eingesetzt, um den ach so unvollkommenen Menschen zu ersetzen oder in zu noch mehr Arbeit in der gleichen Zeit zu pressen. 100% Leistung, auch wenn eigentlich jeder wissen müsste, wie dumm diese Forderung ist.

Aber wir leben in einer Zeit der Manager, nicht der Unternehmer. Wer als Manager unternehmerisch denkt, der muss in einer Nische tätig sein, oder damit klar kommen, dass er seinen Posten nicht lange inne haben wird.
Schneller Profit, kurzfristiger Gewinn und der unsägliche weil extrem irrelevante „Shareholder Value“ bestimmen die Strategie eines Unternehmens, schon lange nicht mehr das Streben nach guten, nachhaltigen Produkten oder zufriedenen Kunden. Das hört man zwar dauernd in der Werbung. Aber wir wissen ja, wie ehrlich Werbung zu uns ist.

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Gefunden bei echtlustig,com, aber leider noch viel zu häufig wahr.

Wo ist hier aber nun der Unterschied zu dem situativen Kontext, wie ich ihn auf der re:publica erlebt habe?
Nun, dort wird nicht nach dem Wert eines Menschen gefragt, dort ist jeder Mensch per se wert. Dort müssen sich auftretende Unternehmen oder Firmenvertreter rechtfertigen, was sie denn jenseits von Shareholder Value zur Gesellschaft beitragen.

Oder um es einfach zu fassen, auf solchen Konferenzen geht es um die Gesellschaft der Menschen, während es im Alltag der meisten Menschen um die Ökonomie der Unternehmen geht.

Ersteres ist für den Einzelnen, letzteres für die anonyme Wirtschaft, die einem idiotischen weil selbstzerstörerischen Dogma des unendlichen Wachstums hinterherhinkt.

Und als „humaner“ Teil dieses Rädchens, so man nicht den großen Mut aufbringt, selbständig tätig zu werden und auf viele Annehmlichkeiten des Angestelltenlebens zu verzichten, um also als humaner Teil zu bestehen, tja, da gibt es außer in ganz wenigen Ausnahmen für die meisten Menschen nur zwei Lösungsszenarien, Verbrennen, oder verblassen, Innere Kündigung oder Burn Out. Und wenn man die Studien der letzten Jahre liest, erkennt man den Trend. Beides steigert sich.

Und anstatt sich um die wirklichen Gründe zu kümmern, anstatt zu entschleunigen und den Menschen die oft vor allem gewünschte Sicherheit zu geben, kommen dann Sprüche wie „Fördern und Fordern“, „Change-Management“ und der hundertste Workshop darüber, wie man besser miteinander arbeiten könnte, der dann nach einigen Monaten mitsamt der Ergebnisse in irgendeiner Schublade verschwindet und durch einen weiteren Workshop abgelöst wird.

Dabei ist es so einfach, man müsste nur den Druck rausnehmen, Freiheiten ermöglichen, Fehlerkultur nicht nur fordern, sondern auch leben. Aber wer seine Mitarbeiter immer noch jährlich im Gespräch „Führungskraft da oben, Mitarbeiter da unten“ bewertet, der wird auch weiterhin Verbrennen wie Verblassen erleben und nur auf ein ganz kleines Quäntchen von Mitarbeitern zurückgreifen können, die jenseits dieser beiden extreme (noch) arbeiten.

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Ich bin nicht always on oder sometimes off. Für mich ist Internet wie Strom: Es ist da, und ich nutze es.

Ich wage zu behaupten, wir dürften im Moment in den meisten Unternehmen fast nur noch Verblasser oder Verbrenner erleben. Erstere als das Heer der Arbeiterameisen, letztere als das Heer der Leittiere, die dann irgendwann auf der Führungsetagenschlachtbank landen.

Vielleicht ist es an der Zeit, der Wirtschaft mal vor Augen zu führen, dass sie, auch wenn sie das sicher nicht gerne hört, ohne eben diese ausbrennenden oder verblassenden Humanressourcen auf lange Sicht nicht existieren kann, und dass der Reichtum weniger auf eben den Schultern vieler „Humanressourcen“ entstanden ist. Auch wenn das die Wohlhabende Minderheit nicht hören will. So leid es mir tut, aber auch sie ist Teil der Gesellschaft und wird früher oder später darunter leiden, wenn es der Gesellschaft als ganzes nicht gut geht.

Und genau das erleben wir immer mehr.

Und zum Abschluß, die Stein Strategie: Für alle, die auch mal querdenken können.

Wir brauchen eine rebellische Jugend

Wir sind eine erschöpfte Gesellschaft“ titelt die FAZ und trifft damit einen Nerv. Im Interview mit dem Psychologen Stephan Grünewald hofft dieser unter anderem endlich wieder auf einen Generationenkonflikt.

Ja, das wäre was, wenn die Jugend den ewigen Optimierungswahn der „Älteren“, das Opfern alles anderen für den Erfolg im Beruf, die permanent erwartete Mehrleistung und Überstunden einfach mal hinterfragen würde.
Wenn die Jugend mal aufstehen würde und sagen: Seht, wohin uns dieser Wahn nach immer mehr geführt hat. Wir zerstören unsere Umwelt, wir sorgen nicht für eine Gleichverteilung des Wohlstands sondern raffen, was das Zeug hält, wir machen uns selbst durch unsere übersteigerte Spitzenleistungsbereitschaft krank.

„Empört euch“ war ein erster Aufruf, Occupy ein kleines Signal. Aber es braucht eine ganze Generation, die sich dem Irrsinn verweigert, die wieder nach dem eigentlichen Lebenssinn fragt. In der Generation Y gibt es erste Ansätze aber die Strukturen „da oben“ sind viel zu starr, als das eine Kritik hier und da irgendetwas verändern würde. So lange der Ellenbogen und die Präsenz immer noch die wirksamsten Mittel für die Karriere sind, so lange wird sich nichts verändern. Und wer im kleinen jeden Betrug schwer ahndet, gleichzeitig aber große Betrüger mit Abfindungen abspeist oder gleich wieder woanders einstellt, der sollte zur Verantwortung gezogen werden. Es muss auch die unterlassene Strafverfolgung geben.

Warum sind die meisten Dienstwagen immer noch großkotzige Nobelkarossen, während sich die Jugend vom Auto als Statussymbol verabschiedet.
Es gibt viele unglaubliche Widersprüche. Aber diese müssen thematisiert werden. Sonst bewegt sich nichts, sonst bleibt alles beim krank machenden alten.

Und auch die jüngste Unicef Studie bestätigt mich in meinem Eindruck, dass wir unseren Kindern ihre Jugend stellen in dem wir sie in das gleiche dämliche Hamsterrad stecken, aus dem schon viele Burn Out ebenso wie Hartz IV Gefährdete kamen. Wir haben leider eine Politik, die bereit ist, alles für die Wirtschaft zu tun und dabei vergisst, dass es hauptsächlich der kleine Steuerzahler ist, der ihnen ihre teuren Berliner Büros und ihre hohen Diäten finanziert, während sie oder er selbst quasi weniger in der Lohntüte hat, als noch vor ein paar Jahren. Wir tolerieren den Irrsinn eines Schneller, höher, weiter unhinterfragt auf Kosten derer, die dank dicker Bankkonten ganz entspannt dem Rattenrennen zusehen können.

Wir brauchen wieder eine menschliche Kultur, die wirtschaftliche führt uns immer näher an den Abgrund.

Für mich ein kleines aber feines Nachschlagewerk gegen den Optimierungswahn ist: “Gut reicht völlig” von Bettina Stackelberg, das ich jedem nur empfehlen kann, der für sich erkannt hat, dass die Karriereleiter von außen betrachtet oft ein Hamsterrad ist.

Rezension: Gut reicht völlig

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Eine kleine, spannende Streitschrift wieder den „Spitzenleister“ Wahn.

Bettina Stackelberg schätze ich bereits für ihre handlichen Ratgeber wie „Angstfrei arbeiten“ oder „Selbstbewußtsein, das Trainingsbuch“ und nun ist ein neues Buch erschienen, dessen Titel mir schon aus der neu gewonnenen Seele spricht.

„Gut reicht völlig“ ist eine kleine, aber sehr spannende Streitschrift wider die (Un-)kultur der Spitzenleistung.

Entgegen vieler anderer Menschen stehe ich dazu, dass ich in meiner Lebensplanung vor ein paar Jahren durch einen massiven Burn Out ausgebremst wurde.

Wie die meisten wollte ich mir die Defizite zunächst nicht eingestehen, bis ich durch mehrere Sitzungen letztlich mit der Nase drauf gestossen wurde, dass in mir ein unglaublicher Perfektionist und ein „Nicht Nein sagen Könner“ steckt.

Warum aber muss eigentlich oft erst ein Schicksalsschlag irgendeiner Art zu einer Veränderung führen. Gerade wer von seinem Umfeld auf Eigenschaften hingewiesen wird, die einen Hand zum Perfektionismus vermuten lassen, der sollte sich das Büchlein von Bettina Stackelberg ansehen. Knapp über 100 Seiten im handlichen Format, niemand kann behaupten, das könne man nicht mal „zwischendurch“ lesen.

Nachdem zunächst die grundlegenden Muster und Gründe für einen Hand zum Perfektionismus analysiert werden, zeigt Frau Stackelberg auf, wie ein Burn Out (da höre ich doch was bei mir klingeln) als Lebenskrise auch eine Chance zum Umdenken darstellen kann.

Denn eines ist klar. Das Umfeld tut sich oft genug schwer damit, den Perfektionismus nicht auch noch als positive Eigenschaft darzustellen und für die eigenen Zwecke zu nutzen.

Doch auch hier greift das Buch die all zu einfachen Glaubenssätze wie „Ich muss immer besser sein, als die Konkurrenz“ auf und zeigt, was für Gefahren hinter solchen Denkmustern stecken.

Frau Stackelberg scheut dabei auch nicht, bereits eingeschlagene Lebenspfade zu hinterfragen, wenn sie zum Beispiel postuliert „Selbständigkeit ist nicht für jeden was“. Denn auch das ist Teil eines besonderen Perfektionismus, der jeden einmal getanen Schritt zu hinterfragen verbietet, weil man sich damit ja einen Fehler oder ein Scheitern eingestehen würde.

Hier sind wir Deutschen ja leider Weltmeister im Schuldige suchen und im Mangel an Kultur des Fehlers und des Scheiterns. Aber das muss ich mir nicht zu eigen machen, denn in den seltensten Fällen führt ein Fehler zu nicht mehr korrigierbaren Auswirkungen und wenn ich mir im Vorfeld klar mache, was aus dem Fehler resultieren wird, ist mir schnell klar, dass meist die Angst vor dem Fehler machen hinderlicher und gefährlicher ist, als der Fehler selbst.

Alles in allem ein kompakter Ratgeber, flott geschrieben, der gerade den Perfektionisten, die mit den negativen Auswirkungen ihres „Zwangs“ konfrontiert werden ein guter Begleiter auf dem Weg zu einem leichtern, einem entspannteren Arbeiten sein kann.

Denn und da gebe ich, zugegebenermaßen nach einer harten Schule Frau Stackelberg völlig recht: Gut reicht völlig!

Gut reicht völlig“ ist zum Preis von 6,90 Euro bei Amazon erhältlich und wirklich lesenswert. 5 von 5 Sternen für ein Buch, dessen Kernaussagen ich voll unterstützen kann.

 

Burnout Zahlen steigen. Wundert mich nicht.

Der Stern berichtet, dass die Zahlen von Burn Out bedingten Behandlungen bei den Krankenkassen massiv steigen. Die Zahlen sollen sich binnen acht Jahren um das 18-fache gesteigert haben. Verblüfft mich aber leider nicht wirklich.

Zu viel in unserer Gesellschaft fördert den Burn Out. In einer wirtschaftlichen Situation, in der wohl jeder, der (noch) einen Job hat, mehr als glücklich ist, in der jeder immer genauer beurteilt und bewertet wird, und ja, im Falle einer schlechten Bewertung auch als Humanressource entsorgt wird, da ist das nur ein Symptom.

So lange wir nicht wieder mindestens zwei Gänge runterschalten, so lange wir uns nicht von permanentem Streben nach Spitzenleistungen, nach noch mehr, noch schneller, noch genauer verabschieden, wird sich nichts ändern.

Und wenn jeder, der in Hartz IV abrutscht quasi um jeden Cent kämpfen muss und in einer Existenz landet, die zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig bietet, brauchen wir nicht zu erwarten, dass die Menschen freiwillig einen Zahn runterschalten werden. Dazu muss der Knall noch viel lauter sein. Dann kann es aber schon zu spät sein und die Wirtschaft darunter leiden. Wäre das nicht Grund genug für die Entscheider in der Wirtschaft, hier etwas zu tun? Vermutlich nicht, weil es sich nicht direkt in kurzfristigen Umsatzsteigerungen niederschlägt. Und langfristiges Denken ist ja nicht so die Sache der Finanzmärkte. Noch nicht.

Wider die Hochdruckgesellschaft

Wo immer ich hinschaue, es werden Spitzenleistungen gefordert. Und die Spitzenleistung von heute wird zur Normalität von Morgen.

Darunter leiden bereits unsere Kinder in einer immer mehr nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten optimierten (Aus-)Bildungsmühle, die Werte wie Moral, Ethik hinter ach so wichtige Dinge wie Fit sein für den Beruf, Vorbereitung aufs Hochdruck-Bachelorschulstudium und die danach folgende Arbeitswelt der Topleister stellt.

Und dann wundern sich Medien und Politik über immer mehr psychische Erkrankungen, über Burnout und eine heranwachsende Generation, die plötzlich Werte wie Familie und Freunde hinter Karriere stellt. Dabei zeigt sich doch nur. Das Individuum ist offensichtlich nicht so dumm wie die abstrakte Wirtschaftsmaschinerie.

Wer Hochdruck aushalten muß, der sucht sich Ventile, sucht sich Möglichkeiten, dem Druck zu entkommen. Und da die Wirtschaft immer noch den Fokus auf Wachstum, auf immer mehr Leistung und Umsatz setzt, statt Nachhaltigkeit, kippen auch immer mehr angebliche Lowperformer aus dem Gefüge.

Spitzenleistung kann auf Dauer niemand bringen, wenn die Spitze dauernd weiter nach oben gesetzt wird. Und wer die Prozesse statt an der einen oder anderen Stelle sinnvoll zu entschleunigen immer weiter beschleunigt, der wird früher oder später merken, dass sich Fehler häufen, dass Krankheitsraten steigen, Fluktuation sich erhöht und irgendwann plötzlich der Kunde immer unzufriedener wird und schließlich das eigene Image darunter leidet.

Der Spruch „In der Ruhe liegt die Kraft“ scheint heute dem „Geschwindigkeit um jeden Preis“ gewichen zu sein. Oder halten wir es wirklich für vernünftig und gesund, unsere Kinder mittlerweile bereits im Kindergarten auf das Berufsleben vorzubereiten? Ich erinnere mich noch an den Satz „nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“ Das gilt heute nicht mehr. Heute müsste der Satz lauten „nicht für die Schule, für den Arbeitgeber lernen wir“.

Wir sollten einen gesellschaftlichen Konsens erreichen, der nicht alleine auf Profit und Beschleunigung basiert. Es ist ein Irrtum zu behaupten, wir ertrinken in Informationen, wir sind Sklaven unserer Technologie. Das stimmt so nicht, denn das sind alles Werkzeuge. Was aber stimmt ist, dass wir Sklaven eines Dogmas sind, das den Wert des Menschen immer stärker auf seine berufliche (Spitzen-)leistung fokusiert, das alle Handlungen außerhalb der Arbeitswelt nur noch auf  „fit machen für den Beruf“ beschränkt. Und das gleichzeitig in immer größerer Zahl Arbeitslosigkeit produziert, weil man natürlich am liebsten ohne den zweibeinigen Kostenfaktor Mensch Profite erzielen will. Das Gehalt soll bitte möglichst gering sein, der Konsum aber möglichst hoch.

Es ist aber leichter, die Schuld für Überlastungen und ein Ertrinken in Technologien zu suchen, statt die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mechanismen zu hinterfragen, die Menschen dazu bringen, sich so von Informationen überfluten zu lassen. Dabei hilft es gar nichts, das Smartphone oder den Notebook auszuschalten, wenn man dadurch Probleme mit Vorgesetzten oder Kollegen bekommt, die im gleichen Trott stecken und die Erreichbarkeit als notwendig erachten. Wer immer noch in einer zeitbasierten Ökonomie arbeitet, in der die Entlohnung an der Erreichbarkeit und Anwesenheit hängt und nicht an zu erreichenden Zielen, der wird es sehr schwer haben, hier eine gewissen Entschleunigung einzubauen, da er ja nur dann tätig zu sein scheint (!!!) wenn er auch anwesend und erreichbar ist.

Sind wir wirklich so überrascht, dass diesem Irrsinn manche Menschen auch mit irrationalen Argumenten entgegentreten? Ist es wirklich so verwunderlich, dass psychosomatische Erkrankungen so stark zunehmen, wenn der normale Mensch keinen Ausweg aus einer immer schneller arbeitenden Mühle aus Arbeit und Konsum sieht?

Wir brauchen einen gesellschaftlichen Wertewandel. Das wird aber sehr schwer im Zeichen einer globalisierten Welt, in der alles der Prämisse „schneller sein als die Konkurrenz“ geopfert wird.

Ich habe kein Patentrezept zur Lösung dieses Dilemmas. Aber ich werde nicht müde, auf den Irrsinn hinzuweisen und ihn für mich selbst wo immer es geht nicht mehr mitzumachen. Denn der nächste Burn out lauert um die Ecke. Und nur, wer da einmal drin gesteckt hat, weiß, dass es auch persönliche Grenzen gibt, die zu verteidigen wichtig ist.

Die Grenzen des Wachstums, der Burn Out eines (Wirtschafts-)systems

Die Natur kennt ihre Wachstumsgrenzen, der Mensch offensichtlich nicht.

Warum sind wir alle eigentlich so verblüfft? Warum staunen wir über die immer bedrohlichere Zahl von Burn Outs, die bekannt wird? Und warum wundern wir uns über die Wiederkehr der Finanzkrise? Jeder, der in der Physik oder der Biologie nur ein wenig bewandert ist weiß, daß endloses Wachstum in einem begrenzten System gar nicht möglich ist. Im Moment erleben wir quasi das klassische Räuber, Beute Modell aus der Biologie. Da haben die Banker (Räuber) jahrelang auf Kosten der Beute (Kunden, Bürger) mit deren Geld gespielt. Da wurden immer höhere Renditen angestrebt. Und jahrelang galt das Motto in vielen Unternehmen: Jedes Jahr Wachstum, 5% mehr Effizienz.
Dass jetzt eben jene Räuber verblüfft sind, dass ihre Beute da nicht mehr mitmacht, dass die Burn Outs steigen und die Finanzsysteme kollabieren ist sympthomatisch und enttäuschend. Tja, da lässt sich eigentlich nur vermuten, dass all jene Räuber in der Schule in Biologie und Physik nicht wirklich aufgepasst haben.

Wir erleben die Grenzen des Wachstums. Und so lange die Wirtschaft nicht endlich begreift, dass Nachhaltigkeit vor Wachstum kommen muss, dass man Wirtschaft auch erfolgreich ohne dauerndes mehr und höhere Leistung führen kann, werden wir noch viele weitere Zusammenbrüche erleben.

Die Beute hat längst erkannt, dass all dies Wachstum auf ihrem Rücken ausgetragen wird. Occupy X oder Y zeigen das. Nur die Räuber rauben immer noch munter weiter. Bis sie nichts mehr zum rauben haben. Aber dann ist es auch für die Beute zu spät. Dann gilt.
Alles auf Anfang.
Ich hoffe, der eine oder andere Räuber denkt vorher nach.

Wenn der Körper den Geist stoppt: Burn Out, Trendthema?

Ich wundere mich.

Nicht über den Burn Out als solchen. Den habe ich höchstpersönlich durchlebt und ich empfehle ihn niemandem. Es ist keine schöne Erfahrung. Aber es repositioniert einen auf eine sehr direkte und deutliche Art.

Was mich verwundert ist die Massivität, mit der plötzlich über dieses Phänomen in den Medien berichtet wird. Aktuell in der „Zeit“ und das prominent als Titelthema.

Woran liegt es, daß dieses Thema immer häufiger auftritt? Haben sich die Burn Out Opferzahlen erhöht? Oder kann es sein, daß man einfach den Burn Out mittlerweile ernst nimmt? Ich denke, es ist eine Mischung. Die heutige Arbeitswelt ignoriert oft den Menschen und sieht nur das „Humankapital“. Wo nur noch die Rendite im Fokus steht, verliert sich der Mensch.

Und Burn Out ist ein schleichender Prozess. Etwas, das meist die High Performer trifft. Also kann sich jeder so dumme Sprüche sparen wie, na, zu faul zu arbeiten? Meist entsteht ein Burn Out aus einer selbstgemachten Überforderung. Ich bin z.B. Informatiker. Aber nicht als Beruf, sondern als Berufung. Ich habe Freude an neuen Technologien. Ich probiere neues gerne aus, möchte mich beständig verbessern, andere Gebiete kennenlernen. Das an sich ist nichts schlechtes. Aber ich bin auch Perfektionist. Entweder, ich mache etwas ganz, oder gar nicht. Und genau hier liegt der Auslöser für meinen persönlichen Burn Out. Oder besser, er liegt knapp 7 Jahre zurück. Da hatte ich ein sehr unerquickliches Gespräch über mein Selbstbild versus dem Fremdbild, das angeblich andere von mir hatten. Wie sich erst Jahre später herausgestellt hat, hat da wohl mit dem Fremdbild der einen Person, die mit mir dieses Gespräch führte, einiges nicht gestimmt.

Das schlimme war nur, daß damit der Kern dessen in Frage gestellt wurde, was mein Leben, meine Leidenschaft ausmacht. Mein Interesse an Informatik und neuen Technologien. Letztendlich war es damals wohl eine Mischung aus Neid, Oberflächlichkeit und Ignoranz, aber das war der erste Riss, der mich in eine Burn Out Spirale trieb. Von da an war ich mit keiner meiner Leistungen mehr wirklich zufrieden. Ein erfolgreiches Projekt. Ach was, das wäre auch noch besser, schneller effizienter gelaufen? Eine neue Fähigkeit? Ja, aber nicht so perfekt, wie eigentlich geplant.

Das war dumm. Sicher, aber zu meinem Perfektionismus kam bislang auch die Unfähigkeit, „NEIN“ zu sagen. So entstand eine selbstgemachte Spirale von Leistung, Unzufriedenheit und weiterer Mehrleistung.

Das Projekt, das meinen Zusammenbruch erleiden musste, konnte letztlich gar nichts dafür, es war nur der letzte Tropfen. Mein Körper wollte nicht mehr. Zusammenbruch. Blutdruck 190 zu 99.  Gott sei Dank haben wir in unserer Firma eine Betriebsärztin, die sich mit diesen Themen auskennt und die mich sofort nach hause schickte und gleichzeitig zu einer Therapie verdonnerte. Das war ein Schock. Schon alleine, weil ich ja nicht krank war! Ich bin nicht verrückt (ist man mit Burn Out auch nicht, aber man sieht selbst seine Grenzen nicht mehr). Erst in langen Gesprächen wurde mir klar, dass ich mir hatte eine ganze Menge einreden lassen. Dass ich mich mittlerweile selbst viel schlechter sah, als ich eigentlich war und dass ich vor allem wieder Grenzen setzen musste in dem, was andere von mir fordern durften.

Was habe ich geändert? Ich habe endlich gelernt, nein zu sagen, nicht alles einfach anzunehmen und zu schlucken. Ich bin ab und zu auch mit 100% zufrieden, nicht mit 120% 😉 (an den 80 % arbeite ich noch). Ich achte wieder zuerst auf mein Selbstbild, bevor ich mir andere Fremdbilder aufprojezieren lasse. Und ich gönne mir konsequente Auszeiten. Überstunden ja, aber nur wenn auch notwendig. ich stehe wieder zu meinen Interessen. Auch wenn man mich jetzt wieder mit „Geek“ und „Gadget Freak“ betitelt. Ich lebe Informatik und damit muss meine Umwelt halt leben. Auch dieser Blog ist quasi Teil der Therapie. Themen, Fundstücke, die in meinem direkten Umfeld niemanden interessieren, die hinterlege ich hier.
Und ganz wichtig. Zuerst um sich selbst kümmern. Denn nur, wenn ich mit mir selbst im Reinen bin, kann ich auch meine Umwelt akzeptieren!
Und auch wichtig, auf die Symptome achten!
Ständig müde, permanent gehetzt, plötzlich vermehrte Gesundheitsprobleme. Erste Alarmsignale. Kommen dann noch Gereiztheit, agressives Reagieren auf Kritik und ständige unbestimmbare Angst (oft existenzielle Angst) dazu, ist ein offenes Gespräch mit dem Arzt dringend angeraten. Ich hatte Glück und bin nicht körperlich komplett zusammengebrochen. Aber wenn es erst so weit ist. Dann fällt man richtig lange aus.

Die guten brennen aus: Lehren aus der Session: „meaning of life“

Burn Out, oft trifft es gerade die besten, die wichtigen Key Player im Unternehmen.
Die Zeit lässt einen Jungprofessor von seinem persönlichen Burn Out berichten.
Auch mich hats im letzten Jahr erwischt, paradoxerweise gerade weil ich immer wieder mit meiner eigenen Leistung unzufrieden war, dachte, da muss noch mehr drin sein. So habe ich mich durch mich ebenso wie durch mein Umfeld in einen Kreislauf treiben lassen, der letztlich in einem kompletten Zusammenbruch kumulierte, mit Blutdruckwerten bei 190 zu 90.
Aber das interessanteste sind die Erkenntnisse, die man zwar auf die harte Tour, aber die man dennoch gewinnt. Man lernt, wieder gut zu sich zu sein. Man lernt, dass ich nur gut „performe“ UND lebe, wenn ich mit mir im reinen bin. Dann treffen mich auch falsche Einschätzung nicht so intensiv und nicht so lange. Bei mir war der Auslöser ein Gespräch 8 Jahr zuvor, in dem ich unqualiziert und unbegründet mit existenzbedrohenden Massnahmen konfrontiert wurde. Als stabiler im jetzt verankerter Mensch hätte mir das sicher nichts ausgemacht, aber in einer Zeit grosser Veränderungen (zweites Kind, Hauskauf) war das der berühmte Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte.
Heute bremse ich mich selbst sehr schnell, wenn ich wieder zu viel „wegen anderen“ tue, oder mich wieder irgendein Erbsenzähler mit Terminfragen nervt. Ich bin fertig, wenn ich fertig bin. BASTA.