Wir brauchen eine rebellische Jugend

Wir sind eine erschöpfte Gesellschaft“ titelt die FAZ und trifft damit einen Nerv. Im Interview mit dem Psychologen Stephan Grünewald hofft dieser unter anderem endlich wieder auf einen Generationenkonflikt.

Ja, das wäre was, wenn die Jugend den ewigen Optimierungswahn der „Älteren“, das Opfern alles anderen für den Erfolg im Beruf, die permanent erwartete Mehrleistung und Überstunden einfach mal hinterfragen würde.
Wenn die Jugend mal aufstehen würde und sagen: Seht, wohin uns dieser Wahn nach immer mehr geführt hat. Wir zerstören unsere Umwelt, wir sorgen nicht für eine Gleichverteilung des Wohlstands sondern raffen, was das Zeug hält, wir machen uns selbst durch unsere übersteigerte Spitzenleistungsbereitschaft krank.

„Empört euch“ war ein erster Aufruf, Occupy ein kleines Signal. Aber es braucht eine ganze Generation, die sich dem Irrsinn verweigert, die wieder nach dem eigentlichen Lebenssinn fragt. In der Generation Y gibt es erste Ansätze aber die Strukturen „da oben“ sind viel zu starr, als das eine Kritik hier und da irgendetwas verändern würde. So lange der Ellenbogen und die Präsenz immer noch die wirksamsten Mittel für die Karriere sind, so lange wird sich nichts verändern. Und wer im kleinen jeden Betrug schwer ahndet, gleichzeitig aber große Betrüger mit Abfindungen abspeist oder gleich wieder woanders einstellt, der sollte zur Verantwortung gezogen werden. Es muss auch die unterlassene Strafverfolgung geben.

Warum sind die meisten Dienstwagen immer noch großkotzige Nobelkarossen, während sich die Jugend vom Auto als Statussymbol verabschiedet.
Es gibt viele unglaubliche Widersprüche. Aber diese müssen thematisiert werden. Sonst bewegt sich nichts, sonst bleibt alles beim krank machenden alten.

Und auch die jüngste Unicef Studie bestätigt mich in meinem Eindruck, dass wir unseren Kindern ihre Jugend stellen in dem wir sie in das gleiche dämliche Hamsterrad stecken, aus dem schon viele Burn Out ebenso wie Hartz IV Gefährdete kamen. Wir haben leider eine Politik, die bereit ist, alles für die Wirtschaft zu tun und dabei vergisst, dass es hauptsächlich der kleine Steuerzahler ist, der ihnen ihre teuren Berliner Büros und ihre hohen Diäten finanziert, während sie oder er selbst quasi weniger in der Lohntüte hat, als noch vor ein paar Jahren. Wir tolerieren den Irrsinn eines Schneller, höher, weiter unhinterfragt auf Kosten derer, die dank dicker Bankkonten ganz entspannt dem Rattenrennen zusehen können.

Wir brauchen wieder eine menschliche Kultur, die wirtschaftliche führt uns immer näher an den Abgrund.

Für mich ein kleines aber feines Nachschlagewerk gegen den Optimierungswahn ist: “Gut reicht völlig” von Bettina Stackelberg, das ich jedem nur empfehlen kann, der für sich erkannt hat, dass die Karriereleiter von außen betrachtet oft ein Hamsterrad ist.

Sind wir alle krank vor Arbeit?

lagerfeuer
Für mich die einzig akzeptable Form des „Burn Out“

Es war ein eigentlich ruhiger Sonntag, ich gab den Wahlhelfer bei der lokalen Bürgermeisterwahl. Die Gespräche kreisten um die üblichen Themen (viele davon so gar nicht mein Ding 😉 ), aber immer wieder tauchte auch wieder die eine oder andere Geschichte von jemandem auf, der jetzt früh in Rente ginge, weil er krank wäre, der mit einem Burn Out im Krankenhaus oder der Reha läge oder, das nur als extremster Fall, das Familiendrama, das plötzlich auch den Schwäbisch Hallern bewußt machte, dass familiäre Gewalt und Amokreaktionen nicht auf die „Großstadt“ beschränkt sind.

Ich frage mich, was ist da los? Was haben wir geändert, um diese Steigerung zu provozieren. Sicher, es werden wieder einige sagen, das war früher auch schon so. Aber tut mir leid, in meinem Umfeld und auch in der Erinnerung an die Art, wie meine Eltern lebten kann ich mich nicht an solch hohen Druck und so viele Menschen, die keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen  erinnern.

Wir wollen Spitzenleistung, besser gesagt, wir werden gewollt. Wachstum steht über allem und was heute noch Spitze ist, ist Morgen schon Durchschnitt. Aber zum einen, Spitzenleistung geht NICHT auf Dauer ohne auszubrennen. Und Warum muss es eigentlich immer 120% sein? Ich habe das am eigenen Leib schmerzhaft erfahren müssen, was passiert, wenn man von sich permanent mehr verlangt. Und diese harte Bremse, ja ich gestehe offen, es war ein Burn Out, der mich knapp 6 Monate komplett aus der Bahn warf, hat mir vor Augen geführt, dass es mehr geben muss als das Ständige höher, schneller, weiter. Wir machen damit nämlich nicht nur unser eigenes Leben, die eigene Gesundheit kaputt, wir schädigen auch diejenigen, die uns wirklich wichtig sein sollten, die uns nicht für unsere Arbeit schätzen sondern einfach nur weil wir sind.

Aber es scheint Hoffnung zu geben. Zum einen Dank demographischen Wandels, zum anderen die sogenannte Generation Y, die laut eines Artikels in der Zeit offensichtlich andere Wertemodelle hat als alles der Karriere zu opfern und die, eben dank demographischen Wandels plötzlich auf Arbeitgeber trifft, die nach der raren Ressource Fachkraft suchen.

Es wäre wirklich zu wünschen, dass eine stärkere Balance zwischen Privat und Beruf Realität wird. Dann wären viele gesellschaftliche Veränderungen, die sich Medien und Politik so sehr herbeiwünschen wirklich möglich. Vielleicht nicht so wirtschaftsorientiert, wie es die Politik und die Manager wollen. Aber sicherlich gesünder für uns alle.

Oder wollen wir wirklich alle auf unserem Grabstein lesen: Er starb alleine, aber er hat sich erfolgreich zu tode gearbeitet.

Die Norm, die kaum einer erreicht

Wir leben in einer genormten Welt. Das beginnt beim Format für ein Blatt Papier und endet noch lange nicht bei Bildschirmgrößen oder Vorgaben für Lebensmittel.

Aber ist das wirklich immer sinnvoll? Oft habe ich das Gefühl, dass wir uns vorschreiben lassen, wie wir zu handeln haben, ohne zu reflektieren, ob das zu uns passt. Und das hängt nicht nur mit Größen und Formen zusammen, sondern auch mit dem Wesen des Menschen. Keine zwei Menschen ticken, denken genau gleich, jeder hat seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse, die ihn geprägt haben. Aber in vielen Bereichen wird das ignoriert oder sehr grob vereinfacht. Und hier ziele ich weniger auf die Werbung, die ja gar nicht den Anspruch erhebt (bzw. erheben kann) jeden ganz individuell anzusprechen, zumindest noch nicht. Vielmehr beziehe ich diese Feststellung auf mein Hauptthema, die Arbeitswelt.

Nehmen wir nur zwei naheliegende Beispiele, Körpergröße und Händigkeit. Schon hier fangen die Probleme an, wenn Arbeitsplätze nur nach EINER Norm, eingerichtet werden. Ich habe an meinem Arbeitsplatz das Glück, zum einen einen höhenverstellbaren Tisch zu haben, der sich ideal an meine Körpergröße anpasst, zum anderen auch bei der Hardwareausstattung ausschließlich Produkte zu nutzen, die sowohl für Links- wie auch für Rechtshänder geeignet sind. Aber wie oft wird hier  nur ein an rechtshändigen Menschen orientierter Standard angeschafft, möglichst günstig, weil solche Individuallösungen ja nur teurer Schnickschnack sind.

Aber es geht auch bei den Arbeitstechniken, bei der Führung, beim Umgang im Team weiter. Nicht alle Menschen sind extrovertiert, nicht alle Menschen große Kommunikatoren. Und ein sehr kreativer Mensch wird sich mit Formalismen schwer tun. Aber in vielen Unternehmen wird hier angenommen, alle würden nach dem gleichen vorgegebenen Muster ticken und quantitativ wie qualitativ die gleiche Leistung liefern können. Was für ein großer Irrtum. Im Buch „“Why work sucks and how to fix it” beschreiben Carly Ressler und Jody Thompson an verschiedenen Beispielen, wie gerade Menschen, die scheinbar Minderleister sind, durch eine neue Arbeitsform, die sich mehr an ihren Werten und Arbeitsweisen orientiert zu Höchstform auflaufen können.

Ich habe immer wieder mit Kritik zu kämpfen, Stichwort das Leben ist kein Ponyhof wenn ich fordere, dass die passende Arbeit für den Menschen gesucht werden sollte, gerade in großen Unternehmen, wo es Variationsmöglichkeiten gibt und nicht umgekehrt.

Den schauen wir doch mal auf den Anfang des Berufslebens. Gerade dort wird doch immer wieder geraten, sich von Experten testen zu lassen, um den Beruf zu finden, der zu einem passt. Was dabei aber oft nicht beachtet wird ist, dass der gleiche Beruf, bei unterschiedlichen fest vorgegebenen Verfahren zur reinsten Freude oder zum reinsten Grauen werden kann.

Hier mehr Flexibilität, so wenig Vorschriften wie unbedingt nötig und mehr Freiheitsgrade für den Einzelnen können meiner Ansicht nach die Produktivität mehr steigern als jede streng durchgeplante Maßnahme mit Normierungen und Vorgaben. Denn diejenigen, die eh schon konform sind, werden auch diese Maßnahme aufnehmen, und diejenigen, die die Vorgaben als Einengung empfinden, werden auch die neue Maßnahme nur als eine weitere Reglementierung und Einschränkung ihrer Arbeitsweise sehen.

 

 

Fast die Hälfte interessiert nicht, ob ihr Chef sie wertschätzt!

Interessante Auswertungen, die der Stern da präsentiert: Wie auch immer man es lesen will, die Hälfte interessiert sich nicht dafür, ob der Chef sie wertschätzt, gleiches gilt für die Kollegen, aber immerhin 80% finden das im familiären Umfeld wichtig. Ziehen wir jetzt noch die Standardantworten ab, so finde ich dieses Bild gerade im Hinblick auf solche Themen wie Burnout oder Work Life Balance/Integration hochspannend. Denn es scheint eine Abkopplung des Lebenssinns der Menschen vom Beruf zu geben.

Warum ist das so?

Dafür kann es verschiedene Faktoren geben. Wenig Freiheitsgrade, wenig Selbstbestimmung oder einen Chef im Kontrollwahn sind nur einige davon. Zu hoher Druck, zu hohe Anforderungen weitere. Was für mich hier deutlich wird ist, dass Unternehmen noch so viel kontrollieren und Zahlen einfordern können, wie sie wollen. Die wahre Verfassung eines Unternehmens, die wirkliche Stimmung unter der Belegschaft wird man so nicht herausfinden.

Der immer höhere Druck, die permanente mediale Befütterung von Existenzängsten bewirkt offensichtlich einen vermehrten Rückzug ins Private. Man versucht sich jenseits von Beruf und Arbeitswelt den Sinn im Leben zu definieren.

Auch wenn die Arbeitgeber oft einen anderen Eindruck vermitteln wollen, so wird doch in den meisten Unternehmen nicht weniger, sondern immer mehr kontrolliert und überwacht. Und die Freiheitsgrade des einzelnen gehen gerade in großen Organisationen, die sich mehr mit der Verwaltung ihrer selbst als ihren Produkten beschäftigen stetig zurück.

Innerlich gekündigt hat, so ein Artikel in der Süddeutschen bereits jeder 4 Arbeitnehmer. Was dies für die Motivation des „Rests“ bedeutet, lässt sich leicht ausmalen.

Wir müssen auch in den Unternehmen den Mitarbeiter wieder als selbstverantwortlichen und freien Menschen sehen, der auch im Beruf erwachsen behandelt werden will. Sonst werden die inneren Kündigungszahlen noch wachsen. Denn es gibt ein Leben jenseits des Büros. Und Menschen wollen mehr, als nur Geld. Sie streben auch nach Liebe, Anerkennung, Selbstverwirklichung. Alles Themen und Motive, die wirtschaftlich aber nicht relevant sind. Zumindest nicht in der Rolle als Arbeitnehmer.

Oder wie es in der Erzählung eines Freundes deutlich wird: „Ich hatte mal einen Chef, der auf die Bitte meinerseits, weil mein Kind schwer krank sei heute doch früher gehn zu dürfen ernsthaft sagte: „Sie müssen schon selbst wissen, ob ihnen ihre Karriere wichtig ist oder nicht.“ Solche Haltungen sind leider auch heute noch weiter verbreitet, als uns allen lieb sein kann.

 

Lifeworkcamp Tag 1: Viele neue Menschen und viele neue Gedanken

Marga und Jan bei der Eröffnung

Das erste Lifeworkcamp in Stuttgart. Irgendwo konnte ich mir einerseits nicht wirklich etwas darunter vorstellen, ich schwankte zwischen, oh klasse genau mein Thema und hoffentlich wird das kein esoterisches Happening.

Aber nein, es ist eine hochspannende Mischung aus Menschen geworden, die sich auf die eine oder andere Art mit der Bedeutung von Arbeit, ihrer Integration in das Leben und der vernünftigen „Balance“ zwischen zu viel und zu wenig befassen. Es waren erfrischend viele neue Menschen da, die offen zugaben, noch keinerlei Barcamp Erfahrung zu haben, die sich aber schon nach Minuten völlig in die Gemeinschaft der Camper integrierten. Viele neue Themen und Impulse habe ich mitgenommen. So dank einer Session von Barbara Fischer-Reineke neue Wege, Burn Out vorzubeugen und für sich Ziele und Lebensinhalte jenseits von 9-17 Uhr zu definieren. Zudem kristallisierte sich heraus, dass auch die nur noch auf eine Kultur der Spitzenleistung fixierte Gesellschaft mit für den Druck verantwortlich ist, da oft die Spitzenleistung von gestern zum Normalzustand von heute erklärt wird. Und auch die von vielen so propagierte Fehlerkultur ist oft nicht mehr als ein Lippenbekenntnis, das in den Unternehmen in Wirklichkeit nicht gelebt wird.

Fotoprotokoll der Schlagworte aus der Burn Out Präventionssession

Schön auch, das Frank Hamm mich dankenswerterweise bei meiner Session unterstützt hat in der es darum ging, wie man die Informationsflut bändigt, wobei das grundlegende Prinzip der Mut zur Lücke und zum konsequenten Löschen ist.

Von Jan und Marga wurden wir rundum gut umsorgt, wie schon vom Barcamp Stuttgart bekannt war die Verpflegung herausragend, wenn auch die Kaffeebecher etwas klein geraten waren, was ich aber durch meine Fördererkaffetasse kompensieren konnte.

Und der Abend wurde beschlossen  mit meiner allerersten Werwolf-Session, die mir sehr großen Spaß gemacht hat. Ich bin auf jeden Fall….infiziert 😉

 

Wir wollen wie Erwachsene behandelt werden, auch im Büro.

So sieht der Arbeitsplatz aus, an dem ich als Blogger, Autor, Coach und Berater meine kreativsten Einfälle habe. Mal ehrlich: In welchem Unternehmen dürfte ich mich so einrichten. Und Google gilt jetzt nicht 😉

TecChannel schreibt: Straffe Regeln demotivieren Mitarbeiter. Bei der Nachricht könnte ich quasi an der Reaktion meines Gegenübers ablesen, wo diese oder dieser in der Hierarchie steht. Der „normale“ Mitarbeiter wird wissend nicken, während die bereits aufgestiegene sogenannte Führungskraft sich verblüfft geben wird (wobei ich wette, innerlich nickt auch hier die Mehrheit). Denn mal ehrlich. In vielen Unternehmen gelten Umgangsformen und Regelungen, die mehr an die Schulzeit mit Zeugnissen und Bestrafungen erinnern, als an einen erwachsenen Umgang miteinander. Da werden nicht nur Ziele miteinander vereinbart, sondern nach bestimmten Intervallen diese Ziele wie in einem Schulsystem abgefragt und deren Ergebnisse in der Personalakte hinterlegt (erinnert nur mich das an Schulzeugnisse)? Da werden Mitarbeiter in Projekte gesteckt, ohne sie wirklich zu fragen oder es werden Auswahlprozesse angestossen, mit Experten besetzt, deren Ergebnisse dann durch eine Präferenz einer  höheren Instanz einfach überschrieben werden. Mitarbeiter werden in ihrem Surfverhalten überwacht (Führungskräfte seltsamerweise oft nicht) oder es wird vorgeschrieben, was auf dem persönlichen Arbeitsplatz nicht zu stehen hat und was dort „geduldet“ wird. Ja ich habe in meinen Beratungen sogar schon von Mitarbeitern gehört, dass sie in ihrer Arbeitsmethodik kritisiert wurden, weil diese nicht der Erwartungshaltung ihres Vorgesetzten entsprach (hab ich aber auch schon im Laufe meines bisherigen Arbeitslebens erlebt, Gott sei Dank bei mir ein Einzelfall).

Wie kann aber ein Unternehmen überhaupt vom Mitarbeiter als Mitunternehmer sprechen, wenn es diese oder diesen nicht auch wie einen erwachsenen Menschen behandelt. Es mag manchen überraschen, aber wer zu stark kontrolliert, der erreicht das Gegenteil und das in mehrfacher Hinsicht. Denn dann werden die Mitarbeiter zum einen immer mehr damit beschäftigt sein, die Kontrollinstrumente möglichst positiv zu befüttern (wohlgemerkt, positiv, nicht ehrlich, ich erinnere nur  an die berühmte rote Ampel, die dann in der Vorstandsetage plötzlich grün ist) zum anderen wird die Arbeit nicht mehr unter dem Gesichtspunkt, optimales Ergebnis erledigt, sondern oft unter dem Aspekt, optimale Wirkung für eine positive Bewertung meiner Arbeit. Dass das nicht zwangsläufig das gleiche sein muss, erlebt man immer dann, wenn sich Vorgesetzte wundern, dass plötzlich Misstände auftauchen, die ihnen so nie zugetragen wurden, oder wenn Projektleiter sich wundern, warum kurz vor Deadline plötzlich offenbar wird, dass das Projekt gar nicht in time und Budget fertig wird.

Wir wollen wie Erwachsene behandelt werden, das klappt mittlerweile, bis auf einige Ausnahmen in der Politik und der Werbung schon ganz gut. Aber das gleiche gilt auch im Beruf. Einer der Aspekte, auf den ich bei meiner Recherche über Menschen, die vom Angestellten zum Freiberufler wurden,immer wieder gestossen bin ist, dass sie es sehr schätzen, endlich erwachsener behandelt zu werden, nicht mehr dauernd überall kontrolliert und gegängelt zu werden. Und Unternehmen, die das auch bei Externen versuchen, wundern sich oft, warum dann die Fluktuation so groß ist. Je mehr Messlatten ich an meine Mitarbeiter anlege, um so unfreier, fremdbestimmter arbeiten diese.

Und das ist nun wirklich etwas, was die Arbeitspsychologie hinlänglich belegt: Wer selbstbestimmt eigenmotiviert arbeitet erzielt deutlich bessere Leistungen als der fremdbestimmte, und fremdmotivierte Mitarbeiter. Warum da aber sich so wenig ändert? Weil dann zum einen ganze Hierarchieebenen plötzlich überflüssig wären, die sich mit der Überwachung und Steuerung (sie nennen es oft Ergebnissicherung) befasst sind. Zum anderen, weil dann der Kontrollverlust groß wäre und die Charaktere, die heutzutage Führungspositionen einnehmen vermutlich große Probleme damit hätten, Menschen nicht mehr per Order vom Mufti lenken könnten, sondern als Coach, als Unterstützer und Möglichmacher fungieren müssten.

Aber genau das wird die Rolle der Führungskraft in der Arbeitswelt der Zukunft sein. Weg vom Kontrolleur, hin zum Coach.

Denn spätestens mit dem 18. Lebensjahr gilt man als erwachsen. Zumindest im Privatleben. Im Beruf kann das durchaus noch dauern 😉

Weniger ist mehr. Neue Modelle der Arbeit jenseits von 9-17 Uhr

Es kommt nicht darauf an, wann, und wo ich arbeite, sondern was. Wissensarbeiter wissen das, wissen das auch die anderen?

Das Phänomen des Downshifting hat wieder mal ein Management Magazin entdeckt: CIO titelt: „Downshifter: Katastrophe für Firmen – 11 Arbeitstypen der Zukunft“.

Nun sollte man das ganze nicht gleich wirklich als Katastrophe sehen, sondern vielmehr als Chance. Als eine Möglichkeit, gerade die High-Performer, wie sie so schön im neudeutschen Managementsprech heißen, also die Leistungsträger zu halten. Denn diese sind immer weniger bereit, nur ihre Leistung bereitzustellen und dafür oft nur fremdgesteuert als Befehlsempfänger agieren.

Diese Leistungsträger sind zudem oft auch nicht bereit, sich in starre, traditionelle Machtgefüge einzubringen, in denen die Karriere oft durch Beziehungen und Sichtbarkeit bestimmt wird.

Sie wollen sich mit ihren Talenten verwirklichen, und da das in unserer starren, prozessorientierten und optimierten Zeit leider viel zu selten möglich ist (denn die meisten Prozesse werden optimiert, wo sie vielleicht besser ganz abgeschafft werden sollten, weil überflüssig), suchen sich diese Menschen ihre „Erfüllung“, ihre Bestätigung jenseits des 9-17 Uhr Jobs. Zumal sie in vielen Firmen auch noch in starre Korsette von Zeiterfassung und permanenter Leistungsrückmeldung gezwungen werden. Wir bewegen uns, ich wiederhole es immer wieder gerne, hin zu einer Gesellschaft von mehrheitlich Wissensarbeitern, und nur, weil es auch immer noch Handwerk und Dienstleistung gibt, den Wissensarbeitern ihre ganz eigenen Arbeitsweisen und Arbeitsmodelle abzusprechen, ist extrem kurzsichtig.  Gerade in der Wissensarbeit zählt nicht die Zeit, sondern das Ergebnis.
Dort ist oft wichtiger, effektiv das richtige zu tun, als die Dinge zwar richtig zu tun, aber nicht die richtigen, die zielführenden Dinge, sondern die, die man „schon immer so gemacht hat“.

Gerade in der heutigen aufs Messen von Leistung fixierten Gesellschaft, drohen genau jene auszubrennen, die für die Arbeit brennen, die was sie tun mit Freude und Leidenschaft tun. Die ständig wachsenden Burn Out Fälle sind für mich hier nur ein Indiz. Oft bleibt den Menschen nur die Wahl, sich entweder komplett aus dem verbrennenden Prozess oder Unternehmen auszuklinken, oder zum „Downshifter“ zu werden. Aber damit verlieren Unternehmen gerade die entscheidenden Know How Träger, und demotivieren durch immer höheren Druck, der oft zwar ausgehalten aber nicht abgebaut werden kann. Bis zum Punkt des Burn Out.

Wir sollten endlich einen Schritt zurück tun und die Geschwindigkeit der Arbeitswelt den Menschen anpassen, statt zu versuchen, die  Menschen immer schneller arbeiten zu lassen. In der Ruhe liegt die Kraft. Selten war es so wichtig, sich solche banalen aber richtigen Sinnsprüche immer wieder vor Augen zu führen, wie heutzutage, wo viele Menschen Gesundheit und Privatleben der immerwährenden Beschleunigung opfern.

Es ist weder das Internet, noch die Menge an Information, die die Menschen streßt. Es ist die Beschleunigung des Berufslebens, also dessen, woran die Existenz hängt. Mach mit oder fall raus. Dieses Credo gilt leider immer noch im ewig beschleunigenden Arbeitsleben. Und immer mehr fallen raus oder wenn sie die Erkenntnis rechtzeitig haben, klinken sich, z.B. durch Downshifting auf ihre Art aus dem idiotischen, unvernünftigen und krank machenden Hamsterrad aus. Sie mögen in den Unternehmen für die im alten Denken verhafteten als „Faulenzer“ als nicht an Karriere interessierte gelten. Sie sind aber die eigentlich intelligenten Mitarbeiter, weil sie für sich erkannt haben, dass Leistung auf Dauer nur geht, wenn die Flamme zwar brennt, aber nicht auf höchster Stufe.

Und hier steckt auch das, was mich eigentlich bewegt, mich mit den Arbeitsmodellen der Zukunft zu befassen. Ich erhoffe mir einen Trend zur Nachhaltigkeit, auch im Umgang mit der eigenen Arbeitskraft. Das kann aber letztendlich am besten nur dann funktionieren, wenn der Mitarbeiter Freiheitsgrade hat, wie sie heute für viele undenkbar sind. Ja, der Mitarbeiter muß Mitunternehmer werden. Aber er muß dann in Konsequenz auch mit sich selbst und seinen Ressourcen so haushalten lernen, dass er brennt, aber nicht verbrennt oder erlöscht.

Schwierig, aber kulturell denkbar, wenn wir Arbeit und Leistung in der Gesellschaft neu bewerten, wenn wir uns von der Leistung = Arbeit*Zeit verabschieden.

 

Schaltet eure Firmenmessenger ab, die nutzt bald kein Mensch mehr

Sorry to disturb you: Aber meine wichtigen professionellen Netzwerke überschreiten die virtuelle Grenze des Unternehmens wie meine Kommunikation mit ihnen.

Welches Unternehmen hat sie nicht? Neben EMail nutzen auch viele Unternehmen für die Kommunikation ihrer Mitarbeiter Messenger wie MSN oder Sametime. Aber nur im internen Unternehmensnetz. Da sage ich, abschalten, das braucht kein Mensch. Denn wir vernetzen uns bereits heute über die Grenzen des Unternehmens weg. Wer da meint, er müsse dieses böse Netz da draußen aussperren, sorgt früher oder später dafür, dass sich ein grosser Teil seiner Kommunikation eben genau da hin verlagert, ins böse Internet. Immer mehr Menschen sind in sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook oder kommunizieren auch privat über Messenger. Und warum muss ich dann noch ein zweites, getrenntes Netz nutzen. Überall spüren wir, wie Privatleben und Beruf verschmelzen, aber eine der schnellsten Kommunikationsformen wird in vielen Unternehmen am virtuellen Ausgang des Unternehmens geblockt.

Das halte ich für extrem kurzsichtig. Zumal die immer grösser Verbreitung von Smartphones schon heute zu einer „unkontrollierten“ vernetzten Kommunikation über eben jene sozialen Netze führt.

Also entweder die Mitarbeiter restlos zu unmündigen Kindern machen, und auch noch alle privaten Smartphones in der Firma verbieten, oder sich darauf einlassen, dass viele Mitarbeiter schon heute jenseits der FIrmen-IT operieren. Und das nicht aus bösem Willen. Sondern weil sie schlicht und ergreifend effizent UND effektiv arbeiten wollen und die Einschränkungen durch sicherheitsfanatische IT Security oder in Standards vernarrte Hotlines schlicht als grosse Behinderung empfinden.

Also, entweder diese überflüssigen „Nur in der Firma“ Messenger ins Netz öffnen, oder weg damit.