Nicht das Digitale ist kaputt, sondern unsere Gesellschaft

Wie oft höre ich Wehklagen über die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft. Dass alles immer schneller wird und man doch gar nicht mehr hinterher kommt.

Bullshit, verbreitet von Digitalisierungsgegnern, die meist nicht mal im Ansatz wissen, wogegen sie da wettern, aber über digitale Demenz und neue Cyberkrankheiten salbadern.

Es ist unsere Gesellschaft, die kaputt ist. Die sich immer mehr der Doktrin der Ökonomie unterwirft. Die immer mehr das Optimum fordert, die Kultur der Spitzenleistung, die dazu führt, dass immer mehr Menschen abgehängt, arbeitslos, depressiv und final gar zum Suizid getrieben werden. Wir machen uns kaputt durch die Normen, denen wir uns unterwerfen. Der Mensch als Humanressource, was für eine grausame Vorstellung. Das Leben nur dann etwas wert, wenn man eine bezahlte, selbst schlecht bezahlte Arbeit hat. Wobei die Wirtschaft ja am liebsten hätte, wir würden umsonst für sie arbeiten, das Geld sollen wir dann verdammt  nochmal woanders her bekommen.

Oder nehmen wir den sozialen Bereich. Jeder Banker würde über die Gehälter lachen, die immer stärker belastete PflegerInnen und Krankenschwestern bekommen. Und ein Krankenhaus nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten führen zu müssen zeigt doch sehr gut, wie tief unsere Gesellschaft gesunken ist. Gesundheit als ökonomisch verrechenbarer Wert. Gesundheit als etwas, bei dem man sich schon fast schämt, krank zu werden. Weil man ja dann den Unternehmen/Krankenversicherungen auf der Tasche liegt.

Wann haben wir uns eigentlich einreden lassen, Nebenkriegsschauplätze wie die Digitalisierung wären Kampfzone?

Die zunehmende Überwachung durch unseren Staat, der immer höhere Druck auf den Menschen, Leistung bringen zu müssen oder sonst ins existenzielle Nirvana von Hartz IV zu stürzen. Das sind die Probleme, die wir angehen müssen. Wir werden depressiv, wenn wir uns zu viel mit anderen vergleichen. Richtig. Aber ist es nicht teil unserer im Moment doch ausgesprochen kranken Kultur? Immer besser? Immer mehr? Wachstum auf Teufel komm raus, obwohl das in einem geschlossenen System gar nicht geht?

Und wie menschenverachtend ist es, von einer Flüchtlingskrise zu sprechen, wo wir doch eine Krise der vielen Kriege haben, für die auch unsere ach so wichtigen deutschen Rüstungskonzerne ihr Schärflein beigetragen haben, indem sie den Diktatoren die Waffen in die Hände drückten, die jetzt dafür sorgen, dass Millionen von Menschen fliehen, schlicht, um am Leben zu bleiben und nicht von UNSEREN Waffen erschossen zu werden.

Wir brauchen endlich eine gesellschaftliche Diskussion, was unsere Wirtschaft darf und was nicht. Wir brauchen eine Diskussion, was uns ein Mensch an sich wert ist und ob nicht Themen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen vielleicht nur der erste Schritt sind zu einer Emanzipation aus den ökonomischen Zwängen der Konzerne.

Wir sollten aufhören, über das Digitale zu diskutieren, das schon seit Jahren da ist. Wir sollten über unsere Gesellschaft diskutieren, die nach meinem Eindruck von Jahr zu Jahr kranker wird, ganz ohne Digitales.

 

Ziemlich schlechte Freunde. Meine Session auf der re-publica gemeinsam mit Kati Krause

Ich freue mich sehr. Statt einer Einzelsession bestreite ich eine Podiumsdiskussion gemeinsam mit Kati Krause, die den sehr interessanten Artikel Facebooks psychische Störung geschrieben hat. Während sie den Standpunkt keine Social Media Aktivitäten in der Depression vertritt, erzähle ich von meinen Erfahrungen aus der Psychiatrie und wie mir dort Social Media gerade geholfen hat, den Kampf aufzunehmen. Freue mich schon auf den Gedankenaustausch und hoffe auf viele interessierte Teilnehmer.

Session: Ziemlich schlechte Freunde: Depressionen und Social Media

Die Sucht nach der Sucht

Ich steige mal herab. Ich begebe mich auf ein Niveau, das ich eigentlich nicht wirklich betreten mag. Das Niveau der Nörgler, der Mahner und Kritiker, die hinter allem die ultimative Bedrohung sehen.

Den Humbug Internet sucht, den es noch überhaupt nicht als offiziell anerkannte Diagnose gibt mal ganz außen vor gelassen und wie viel manche Ärzte und Therapeuten mit der Behandlung dieser nicht anerkannten Sucht verdienen. Aber ist euch schon mal aufgefallen, dass so ziemlich alles, was Menschen mit mehr Enthusiasmus als der Durchschnitt tun früher oder später dazu führt, dass angebliche Experten wie ein Herr Spitzer von Sucht reden, von Behandlung, von Gefahr?

Computerspielesucht, Sucht nach gesundem Essen (Orthorexie, ohne Scherz, gibt es angeblich wirklich), Facebooksucht, Social Media Sucht. Alles wird so dargestellt, als wäre es eine fundiert untersuchte und anerkannte Sucht. Schwachsinn sage ich. Schon immer gab es Menschen, die sich für Themen mehr begeisterten, als der Durchschnitt. Aber deshalb gleich von Sucht zu sprechen, insbesondere, wenn keinerlei wirklich fundierte Untersuchungen existieren, halte ich für unverantwortlich. Andererseits, gefährliche und ausgiebig erforschte Süchte wie die Alkoholsucht, werden sogar noch gefördert und auf Festen zelebriert. Seltsam, wie sehr hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Ich habe oft den Eindruck, es geht hier dem einen oder anderen Psychologen, Arzt oder Therapeuten mehr darum, seine Klientel zu erweitern, als wirklich Menschen mit gefährlichen Süchten zu helfen.

Fundierte Studien, ernsthafte Untersuchungen und vor allem eine differenzierte Darstellung der wirklichen Gefahren einer neuen Sucht. Das scheinen die Medien nicht zu schaffen, und oft nicht mal angebliche Experten.

Wer einmal einen Rumpelstilzchen Vortrag von Dr. Spitzer erlebt hat, dürfte verstehen, was ich meine.

Wenn man in der Gesellschaft aber eine Technologie wie z.B. das Internet permanent schlecht redet, werden die armen Schäfchen in Scharen in die Arme von Scharlatanen rennen, die eine Sucht behandeln, die es bislang noch gar nicht offiziell gibt.

Social Media und Depressionen. Es kann auch helfen

Viele haben mir damals, in der tiefsten Tiefe meiner Depression geraten, als ich alleine und fern von Familie und Freunden (ich hab Freunde?) in der Klinik saß: Hör bloß auf mit Social Media, das zieht dich nur noch mehr runter.

Für mich war das Gegenteil der Fall und ist es auch heute noch. Buch, TV-Doku waren da quasi nur „Abfallprodukte“. Als ich in die Klinik aufgenommen wurde, hat mich vor allem das Alleine sein so furchtbar gestört und noch tiefer in die Depression gezogen. Klar hatte ich Mitpatienten. Aber mit vielen konnte man nicht sprechen, weil es ihnen oft so schlecht ging, dass sie schlicht kein Interesse hatten, mit anderen wollte man nicht sprechen. Und meine Follower auf Twitter fragten relativ schnell nach, was denn mit mir los sei. Ich hatte die Wahl: 26 Wochen lügen oder ganz offen mit meiner Depression umgehen. Als ich dazu die Therapeuten befragt, kam von denen: Wenn ich es für mich annehmen kann, ist offener Umgang immer besser.

Also habe ich aktiv via Twitter unter dem Hashtag #ausderklapse erzählt. Und bekam bis auf zwei flux geblockte Trolle sehr viel positives Feedback, Tipps, Zuspruch. Und auch Facebook zog mich keineswegs runter, sondern wurde zu einem Ort der Information. Wobei ich Facebook noch nie als Medium zum mich mit anderen vergleichen genutzt habe.

Als dann in der Tagesklinik auch noch eine geheime Facebook Gruppe für uns Verhaltensoriginelle eingerichtet wurde, hatte ich einen Kreis von Gleichgesinnten, die sich gegenseitig unterstützten und aufbauten.

Ich denke, es kommt auf die Person an. Für mich wäre ein Rückzug vermutlich sogar einer Verschlimmerung gleichgekommen. Zumal man mich in die Depression und den Suizid gerade dadurch gestürzt hatte, dass man mir meine Art zu leben nehmen wollte.

Ich würde nicht so weit gehen wie Holly Elmore, die als Teil ihrer Genesung durch das Posten eines absichtlich positiven Images ihrer selbst zum Teil genesen ist.

Aber die Unterstützung, die Erfahrung, wie viele Gleichgesinnte es gibt und das positive Feedback für meinen Kampf zur Entstigmatisierung von Depression und Psychiatrie, genau das hat mir sehr geholfen, mein Selbstbild wieder zu verbessern, positiver zu denken, mehr vom Leben zu erwarten.

Ich kann mit Fug und Recht behaupten: Social Media hat mir vielleicht nicht mein Leben geretttet, obwohl Whatsapp einen großen Anteil an meiner Lebensrettung nach dem Suizidversuch hatte. Aber es hat mir meinen Verstand wieder repariert.

Ich werde hier nicht behaupten, Social Media sei für jeden depressiven Menschen gut. Aber jeder sollte es für sich prüfen, wie es wirkt und sich weder von Medien noch von Ärzten oder seinem Umfeld vorschreiben lassen, was er zu tun hat. Genau das treibt einen ja manchmal in die Depression. Been there, experienced that.

P.S.: Die meisten Studien, die eine Förderung von Depressionen durch insbesondere Facebook sehen, beziehen das vor allem auf das Vergleichen mit anderen, positiveren Profilen. Das habe ich zum einen nie gemacht, zum anderen gibt es dieses Vergleichen schon lange: Das bessere Auto, Smartphone, Haus, Leben, der bessere Freundeskreis, Job. Vergleichen kann man sich unabhängig von Facebook. Man sollte nicht Symptom mit Krankheit verwechseln. Facebook mag für manche Katalysator sein. Ursache einer Depression, dafür gibt es laut Studien keine Belege, die meisten Forscher, die Korrelationen fanden, sprachen von der Möglichkeit, dass.

 

Meine Depression und ich, wir kommen im Fernsehen

Na ja, noch nicht. Erst mal kommt Morgen ein TV-Team für erste Dreharbeiten. Quasi meinen ersten Tag der Wiedereingliederung dokumentieren, beginnend nach Verlassen des Büros und dann in der Tagesklinik auch mit einem Therapeutengespräch. Denn Morgen beginnt mein zweiter Wiedereingliederungsversuch, diesmal langsamer und mit psychologischer Betreuung.  Die Klinik hat sich zu Recht über diese PR gefreut und ich freue mich, dass ich etwas dazu beitragen kann. Einrichtungen wie unser Zentrum für psychische Gesundheit sind wichtige Anlaufstellen für Menschen mit psychischen Problemen. Und die Hilfe, die ich dort erhalten habe, hat mir in der bislang düstersten Phase meines Lebens sehr geholfen.

Und alle, die glauben, ich wolle mich profilieren. Ganz ehrlich, da hätte ich mir ein anderes Thema ausgesucht als gerade meine Depression. Das ist nichts, womit man großartig angeben kann. Aber vielleicht hilft das ebenso wie mein Buch, etwas von dem Stigma aufzulösen, das immer noch bei psychischen Krankheiten besteht. Dieses Stigma macht es für psychisch Kranke nicht gerade leicht, sich Hilfe zu suchen oder mit ihrer Krankheit zu leben. Und außerdem, meine Depression ist ein richtiges Arschloch zu Zeiten, hat sie mich doch wieder komplett aus der Bahn geworfen, als ich dachte, alles liefe bestens.

Also: Drückt mir die Daumen, Morgen ist ein entscheidender und auch ein spannender Tag.

Der Verlust grundlegender Werte.

Wir sind entsetzt über hasserfüllte Fratzen vor Bussen mit verängstigten Flüchtlingen. Wir echauffieren uns über Schiessbefehlskonzepte wirrer Politikerversuche. Wir sind verärgert über die deutschen Waffenexporte ins Ausland.

„Alle Menschen sind gleich.“ rufen wir unserem Luigi oder Panagiotis  zu, während wir uns über unserer Pizza oder unserem Souflaki über die Weltpolitik auslassen.

Oh wie scheinheilig sind wir doch alle. Denn gleichzeitig sind es wir, die plötzlich besorgt sind, wenn vor UNSERER Tür ein Flüchtlingsheim, ein Windpark, ein Solarpark eröffnet wird. Ja natürlich finden wir das gut. Aber nicht gerade hier.

Und so fahren wir, besorgte Bürger, die wir plötzlich geworden sind, mit einem mit Plakaten und Bannern vollgeladenen SUV oder Oberklasseprotzgefährt zu eben jenen Modifikationen unserer heilen Welt, und wünschen sie überall hin, nur nicht zu uns.

Klar, als im Fernsehen die Bilder aus Syrien in unsere Wohnzimmer drängten, da war sicher in vielen Haushalten Mitgefühl, Sorge, der Wunsch zu helfen. Aber wenn es dann wirklich zum Äußersten kommt, zu aktiver Hilfe weil unsere Waffenlieferungen zu diesem Drama mit beigetragen haben, dann sind wir plötzlich sehr kleinlaut, haben Angst vor dem Fremden, das wir nur wenige Generationen zurück in der Geschichte oft selbst waren (ich für meinen Teil habe zur Hälfte ungarisches Blut in meinen Adern)

Ja, wir sollten die Rüstungsfabriken schließen. Bis diese mit Arbeitsplatzverlust und wirtschaftlichen Einbußen drohen.

Überhaupt. Alles, was wir an Unwürdigem, Schädlichem, Unnützen, Verwerflichen in der Wirtschaft weiter am Leben halten, tut dies vor allem, weil man mit der Keule der Arbeitslosigkeit, des Verlusts unseres Status Quo drohen kann und wird. Hartz IV ist das Damoklesschwert, das uns alle zu gefügigen Arbeiterbienen macht, die sehr schnell den Mund halten, wenn einer aus der führenden, wenn auch nicht zwangsweise intelligenten Kaste das Stichwort Arbeitslosengeld II in den Raum wirft. Meist ist es ein Mensch, dessen Gehalt so unverschämt viel höher als das wertvoller Berufe wie Krankenschwester oder Pfleger ist, dass es schon pervers und obszön als Deskription verdient.

Wir sind gute Menschen. Solange man nicht droht, uns etwas wegzunehmen. Und wir sind gut darauf trainiert, in einer Gemeinschaft gleichgeschalteter Arbeiterameisen zu leben, auf Kosten weniger, die teils durch Erbe, teils durch an die Spitze politisieren und polemisieren behaupten, irgendwelche bestimmenden a priori Rechte über unser Leben zu haben.

Nur wenige erlauben sich eine Rebellion gegen die Dummheit, Ignoranz und vor allem Amoralität unseres aktuellen Wertegefüges. Eben jene werden dann entweder als verrückt, oder als weltfremder Künstler gebrandmarkt.

Wir alle warten auf jemanden, der auf den Tisch haut, den wir dann mit den Worten: „Wir hätten ja, aber wir konnten nicht.“ begrüssen und für unseren neuen gesellschaftlichen Messias halten.

Er wird es nicht sein. Nur wir, jeder einzelne können überdenken, ob wir uns von ökonomisierten Wirtschaftswerten terrorisieren lassen, oder ein menschliches, gesellschaftliches, gemeinsames Wertesystem inthronisieren. Die Wirtschaft wird das nicht wollen, weil sie willige und dumme Arbeiterameisen und noch williger und am besten dumme Konsumenten benötigt, für Schrott, der unsere Welt verpestet, unsere Geldbeutel lehrt und uns ablenkt von den wirklichen Problemen der Gegenwart. Das wird nicht leicht sein, weil die „Da Oben Kaste“ natürlich behaupten wird, wir wären undankbar, dumm, böse, weil Politik und Wirtschaft im immer währenden symbiotischen Einklang gegen die Rebellion vorgehen werden. Aber wie schon Guy Fawkes so schön formulierte:  „Eine hoffnungslose Krankheit verlangt nach einem gefährlichen Gegenmittel.“

Und ein letzter Gedanke. Wie oft hat sich jemand, der über die korrupten Politiker oder die „Lügenpresse“ echauffierte,  auf den Vorschlag: „Dann geh in die Politik, in den Journalismus, mach es besser.“ Mit: „Au ja, sofort!“ reagiert? Meist ist es dann zu schwierig, nicht ihr oder sein Ding oder man hat gerade wichtigeres zu tun. Zum Beispiel sinnlos Blödsinn nachbrabbelnd auf der Straße gegen Kriegsopfer vorgehen.

 

Ein Tag. Ohne Garantie. Aber länger

8:30 der Wecker klingelt. Zum 5. Mal. Er glaubt immer noch, er könne mich mit seiner Geräuschkulisse beeindrucken, was ich durch einen gezielten Wurf desselbigen in Richtung Wand konterkariere.

Kadöngel. Einschlag, wieder eine Kerbe mehr in der gegenüberliegenden Schlafzimmerwand.

Kurze Zeit später ein weiterer Aufschlag. Etwas dumpfer. Gleiche Wand. Mein Wohnungsnachbar bedankt sich bei mir und seinem Wecker für das vorzeitige Erwachen.

Aufstehen, aber langsam. Das öffnen des Rolladens deckt auf, dass es draußen nicht nur Tag, sondern schon geradezu obszön sonnig ist.

Nicht ganz meine Stimmung aber gut. Man kann nicht alles haben, und sich mit dem Wetter anzulegen gehört eher zu den wenig erfolgreichen Aktivitäten. Das mussten selbst ein paar Wetterfrösche mit deren Prognosen bereits erfahren.

Ich weiß nicht mehr ganz genau, was ich gestern getrieben habe, aber der Geschmack im Mund lässt mich vermuten, es muss etwas mit Torf, Haaren und irgendwelchen mehr oder minder brennenden Flüssigkeiten zu tun gehabt haben. Scheinbar fand Rüdigers Party entweder in einem Gartencenter oder in einem Tierheim statt.

Bad, ich sollte ins Bad. Zumindest mein Mundbiotop sollte wieder in einem eher normalen Aggregatzustand überführt werden.

Als ich die Zahnpasta auf die Zahnbürste pressen will, stelle ich fest, Handcreme. Hmm. Nicht ganz, was ich mir jetzt auf meine Zähne platzieren möchte. Ich suche nach der Zahnpastatube, finde sie schliesslich auch. Im Mülleimer. Leer. Nicht dieses Leer, mit dem man sich noch einen halben Monat die Zähne putzen kann weil die Spackos aus der Produktentwicklung die Tube so kontruiert haben, dass jeder normale Mensch maximal die Hälfte des Inhalts herauspressen kann. Nein. Leer im Sinne von aufgeschnitten, abgekärchert, abgeleckt. Leer eben.

Alternativen. Ich brauche Alternativen. Die Handcreme hat mich schon vor längerer Zeit eines Morgens nach einer sagen wir mal, ausgiebigen Feier in den eigenen Räumlichkeiten von ihrer mangelnden Reinigungskompetenz im Kontext des eigenen Beisswerkzeugs überzeugt.

Aber was nehme ich denn noch so zum Putzen. Fensterreiniger fällt aus. Zu flüssig. Diese Reinigungspaste mit der man sogar öligste Ölreste von den Händen bekommt. In der Konsistenz interessant, aber fürs Zahnfleisch eher schmerzhaft. Schliesslich belasse ich es bei der eher puristischen Variante und packe mir ein paar Brocken Seife auf die Zahnbürste. Denn ich erinnere mich noch aus meiner Jugend, dass offensichtlich selbst eine schmutzige Dialektik sich mithilfe einer wohldosierten Menge Seife im Kauraum wieder korrigieren ließe. „Sag nicht solche Worte, sonst muss ich dir den Mund mit Seife waschen.“ Ein Satz, wie aus der Marketingabteilung eines Großkonzerns. Sinnlos. Klingt aber gut.

Ich muss gestehen, Zahncreme schmeckt deutlich besser. Aber da muss ich jetzt durch. Danach, grobe Befeuchtung relevanter Körperregionen. Duschen wäre mir in meiner momentanen Gesamtverfassung noch etwas zu radikal. Dann zurück ins Schlafzimmer, Kleidung suchen, die noch tragbar ist. Der Schrank gibt im Moment nicht mehr viel her außer ein paar dicken Wollpullovern, die sofort von der Sonne draußen verspottet werden. Also der Boden. Ich finde schliesslich zwei fast gleiche Socken, eine alte Jeans, bei der man die Flecken noch als so etwas wie künstlerischen Ausdruck verkaufen kann und, es grenzt schon fast an ein Wunder, frische Unterwäsche.

Anziehen. Dreimal. Erst vergesse ich die Unterwasche, dann stelle ich fest, das T-Shirt ist nicht nur nach außen sondern auch von hinten nach vorne gekehrt.

Nicht mein Tag, bisher gar nicht mein Tag.

Frühstück. Kaffee. Mehr nicht.

Dieses ganze Brimborium mit Brötchen, Butter, Teller, Besteck. Jetzt nicht. Heute nicht.

Heute ist, Moment, mal überlegen. Montag. Na toll, das schwarze Schaf unter den Wochentagen. Auf dem Weg ins Büro, den ich Gott sei  Dank mit dem Bus absolviere und mir deshalb keinerlei Sorgen über mein Hand-Fuß Koordination bei der Steuerung eines Kraftfahrzeugs machen muss, der Busfahrer war ja hoffentlich nicht auf der gleichen Fete, versuche ich grob den Vortag zu rekonstruieren, komme aber nur so weit, dass es die Geburtstagfete von Rüdiger war, und dass er mich recht früh abgefangen und zu der Gruppe Kerle gelotst hat, die sich in einem Nebenzimmer seiner obszön großen Wohnung mit der Rüdigerschen Whiskysammlung befassten. Danach, Filmriss. Null, Nix, mein Gehirn muss ab diesem Zeitpunkt die Speicherung jedweder Sinneseindrück komplett eingestellt haben.

Nun gut, war wohl besser so. Die weiteren Businsassen sehen bei genauer Betrachtung auch nicht viel besser aus. Das meiste Büroangestellte mit Blicken, die irgendwo zwischen Schaffot und Beerdigung schwanken. Schüler sind schon längst in ihren Nürnberger Trichtern.

Im Büro angekommen beginnt der Arbeitstag, der sich am besten wie folgt beschreiben lässt. Sitzen, Monitor, Tastatur, Telefon, Anrufe. Nur unterbrochen von Meetings, die sich hervorragend eigenen, um die Primzahlreihe in Gedanken zu berechnen, Einkaufslisten für die nächsten drei Wochen zu erstellen und mit dem Bleistift hübsche Mandalas in die Schreibmappe zu malen. Was dann wirklich zu tun ist, klärt man bilateral via Telefon oder noch besser bei einem Kaffee.

Auch wenn ich es wirklich händeringend versucht habe. Wirklich witziges oder aufregendes aus meinem Büroalltag will mir partout nicht einfallen. Nicht dass ich nicht dankbar wäre ob dieser Quelle für das finanzielle Überleben. Nur ist sie halt kein Abenteuerspielplatz.

Die Busfahrt zurück nach hause gestaltet sich ähnlich kommunikationsbefreit wie die Hinfahrt. Gut, die Ohrstöpsel im Ohr und die Beschallung mit Nirvana in LAUT, also mein Nachbar kann mithören LAUT verhindern die Kommunikation auch weitestgehen. Nur einmal hat einer versucht, mit mir ein Gespräch zu beginnen. Ich hab ihn dann nur leicht irritiert grinsend angestarrt, wie sich da seine Lippen so bewegten ohne das ich auch nur ein Wort hören konnte und er hat dann auch ziemlich schnell aufgegeben und mir einen Zettel überreicht, der mich aufforderte, die Strafe für das nicht mitführen eines Bustickets zu zahlen.  Dummerweise geschah dies genau an einer Haltestelle, die der Kontrolleur, wie selbst mir jetzt in meine Gehirnwindungen gesickert war, zum Verlassen des Busses nutzte und mich mit einer vielleicht nicht berechtigten aber im Nachhinein betrachtet durchaus gerechten Strafe zurückließ.

Heute verlasse ich den Massentransporter zwei Stationen früher. Ich muss unbedingt noch was einkaufen. Nicht nur Zahnpasta. Auch noch ein paar so Dinger, die meinem Kühlschrank auch wieder eine Existenzberechtigung verleihen. Der Supermarkt. Keiner von den großen, keiner von den schönen. Aber das, was ich so für meine Basisversorgung brauche, das hat er. Meistens. Nicht unbedingt in meiner Geschmacksrichtung aber ich will da auch gar nicht zu anspruchsvoll sein.

Geldbörse auf, tatsächlich das Wunder des ein Euro Stücks wird mir zuteil.  Natürlich habe ich nicht bedacht, dass wir jetzt die Stunde des „ich muss nur noch schnell was einkaufens“ haben sowie die Stunde der Rentner, die mal gerne wieder jemanden kennenlernen wollen. Schaun wir mal. Brot, kein schlechtes Konzept. Gibts aber nur noch in der „die Hälfte verschimmelt bis Ende der Woche“ Größe. Käse, natürlich die Aufschnittmischung. Warum soll ich mich mit der Auswahl zwischen zwanzig verschiedenen Käsesorten rumschlagen, von der ich die Hälfte nicht mal geschmacklich unterscheiden kann. Während ich eine Tube Senf dazupacke, wabert mir mein Badezimmer im Kopf rum. Moment, irgendwas habe ich: Ich klatsche mir mit der flachen Hand an die Stirn, was mir teils besorgte, teils verängstigte Blicke einbringt. Zahncreme, fast vergessen.

Noch ein paar andere Kleinigkeiten, dann ab zur Kasse. Denke ich. Bleibe aber direkt da stehen, wo ich bin, denn mittlerweile hat sich die Schlange vor der Kasse bis zum anderen Ende des Supermarkts ausgedehnt. Na toll. Gut, dass ich mein Smartphone dabei habe. Erst mal alle weiteren Termine der nächsten Stunden absagen. Das kann dauern. 45 Minuten später. Vor mir nur noch das Klischee. Ein Rentner. Drei Waren. Und blöderweise ein Betrag mit unrunden Zahlen hinterm Komma. Zunächst sucht er minutenlang in seiner Geldbörse. Als er den verzweifelten Blick der Kassiererin und das leicht ungeduldige Gemurmel hinter mir und ja, auch von mir hört, schüttet er den ganzen Inhalt aufs Kassenband mit den Worten: „Nehmen Sie bitte, was es kostet.“ Erleichtertes Aufatmen rollt wie eine Welle von der Kassiererin über mich bis zum anderen Ende des Supermarkts, wo immer noch letzte Kunden stehen.

Drei Griffe und sie hat den Betrag in der Hand, tippt etwas ein, die Kasse öffnet sich und sie sortiert das Geld ein. Währenddessen räumte ER seine Waren in eine Stofftasche. Langsam, könnte ja zerbrechen, eine von den Dosen oder dem Käse.

Dann ich. Jetzt wirds sportlich. Da ich nicht wenige Einkäufe habe, wird es zum Wettkampf zwischen Kassierierin und mir. Während sie die Produkte über den Laserscanner pfeffert, versuche ich sie dahinter aufzufangen und möglichst flott in den Einkaufswagen zu befördern. Gelingt, zur Hälfte. Dann beginnt sich Ware zu stapeln. Schnell reichts mir und ich schiebe den Rest einfach am Stück in den Wagen.

Karte: Murmle ich. Ein kurzes Seufzen, dann dreht sie mir das Kartenlesegerät zu und erklärt mit der typisch gelangweilten Stimme eines Menschen, der einen Satz zum hundertstenmal sagen muss: „Geheimzahl eingeben, mit Grün bestätigen.

Ich tue wie mir geheißen, mir wird die Quittung gereicht und nachdem ich es geschafft habe, meine Einkäufe in die mitgebrachte Einkaufstasche zu stopfen, mache ich mich auf den Heimweg. Bei Regen. Und Sturm. Beides hat natürlich erst eingesetzt, nachdem ich den Supermarkt betreten hatte und überrascht mich komplett.

Als ich schliesslich zuhause ankomme, bin nicht nur ich, sondern sind auch meine Einkäufe klitschnass. Was solls, das meiste ist eh so dicht verpackt, dass ich dessen Lebensdauer auf mehrere Jahre hochrechne.

Zufrieden betrachte ich meinen Kühlschrank, stelle fest. Da ist ja jetzt ganz schön was drin.

Nach dieser erfolgreichen Jagd habe ich mir einen drögen Abend auf der Couch bei einem Bierchen verdient. Bierchen, das ist etwas, das immer da ist, man weiß ja nie, wer zu Besuch kommt.

Als ich mir an diesem Abend triumphal die Zähne putze, bin ich sehr verblüfft, Zahncreme mit der Geschmacksrichtung Senf erwischt zu haben. Moment? Senf?  Ok. Ich vermute, ich sollte die Senftube in den Kühlschrank packen und dann ausnahmsweise mit auf 8 Grad gekühlter Zahncreme meinen Mund von dem penetranten Senfgeschmack befreien.

Meine Kleidung verstaue ich sorgfältig wie immer durch wahlloses Fallenlassen auf dem Weg zum Bett, ziehe mir die Decke übern Kopf und bin mit mir und der Welt eigentlich ganz zufrieden.

Keine größeren Katastrophen, heute.

Ein ganz normaler Tag.