Du bist doch depressiv, du kannst das doch nicht.

Warum eigentlich meinen alle besser zu wissen, zu was ich in der Lage bin und zu was nicht? Wie? Du warst das ganze Wochenende auf dem Literatur Barcamp in Heidelberg? Das muss dich doch sehr angestrengt haben? NEIN, HAT ES NICHT. Warum wissen andere denn immer so viel besser, was mich anstrengt?

Das Literatur Barcamp war für mich pure Erholung, Inspiration, Stimmungsaufhellung. Genauso wie die Arbeit an meinem Buch. Das strengt zwar in gewissem Sinn auch an. Aber diese Anstrengung empfinde ich als sehr positiv und sie lenkt mich hervorragend von meiner Depression und meinen Ängsten ab. Beim Schreiben habe ich das Schicksal im Griff, zumindest im Rahmen der Fantasie der Autorenrolle.

Und ja, ich mache bei Dreharbeiten mit, aber auch die strengen mich bei weitem nicht so an wie klugscheissende Ärzte, die behaupten, das „wäre für den Herrn Hauck aber noch nichts.“ Völliger Quatsch, aber immerhin folgte darauf der Mandatsentzug. Lass mir doch nicht von anderen vorschreiben, was ich kann und was nicht. Vielleicht ist das das eigentlich Ärgerliche daran, mit der Depression an die Öffentlichkeit zu gehen. Es gibt plötzlich so viele besorgte Besserwisser, die zwar von der Krankheit keine Ahnung aber tausend Helferlein zur Hand haben.

Wisst ihr was? Verpisst euch. Ich krieg das schon in den Griff, mit denen, die wohlwollend an meiner Seite stehen statt mit erhobenem Finger über mich zu richten.

Ich entscheide. Das hab ich viel zu lange nicht.

Also, weg mit den toxischen Menschen. Und wenn ich sie nicht physisch meiden kann, dann fliegen die zumindest aus meinem Kopf.

So.

Das Literaturcamp Heidelberg, es hätte nie enden dürfen

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Es gibt diese Ereignisse, die prägen sich ins Gedächtnis wie von einer Dampframme gestempelt. Das Literaturcamp Heidelberg, ein Barcamp für alle, die sich irgendwie mit Buch und Literatur befassen, fand im DEZERNAT 16, der Kultur- und Kreativwirtschaft in der alten Feuerwache Heidelberg statt.
Mit meinem aktuellen Buchprojekt war das Camp quasi Pflichtveranstaltung. Und ich hatte mir nicht zuviel davon versprochen. Von Dramaturgie einer Erzählung über Erfahrungen aus der Lektorenpraxis bis hin zu „Let’s talk about Sex“ (Beteiligte wissen, worum es geht, der Rest möge seiner verdorbenen Fantasie freien Lauf lassen. Auch wenn sie höchstwahrscheinlich daneben liegt), es war ein bunter Strauß an Themen.
Danke an die Hauptorganisatoren Susanne Kasper (@literaturschock), Dirk Welz (@dirkwelz),Nathan Mattes (@zeitschlag), Valentinlitcamp3 Bachem (@hdvalentin) und Nils Pawlik (@fripi)  für eine tolle Location, tolle Rundum-versorgung und eine Spitzenorga. Insbesondere das vegane Mittagessen und die Leckereien für Frühstück und Nachmittags-versorgung. Daumen nach oben dafür.

Überhaupt ein besonderer Dank all den Sponsoren, ohne die das Barcamp in dieser Form nie stattgefunden hätte!

Und viele alte Bekannte waren da, ebenso wie spannende neue Kontakte, die es zu knüpfen und zu vertiefen galt. Das ganze Literaturcamp war für mich ein einziger großer Motivationsschub für meine Arbeit als Autor und Blogger. Viele neue Ideen, Impulse und Tipps für die tägliche Autorenarbeit ebenso wie Empfehlungen für den Umgang mit dem eigenen Lektor.

Ich bin immer noch völlig geflasht von so vielen neuen Eindrücken, die einerseits für mich als Barcamp „Senior“ schon vertraut, andererseits aber durch den Fokus auf das Thema „Literatur“ auch wieder ganz neu waren. Das Literaturcamp 2017 ist auf alle Fälle bereits eingeplant.

Auf diesem Wege nochmals ein ganz großes Dankeschön allen, die mitgeholfen haben, dieses Literaturcamp zu etwas ganz besonderem zu machen.litcamp1

Depression ist voll im Trend, für den Moment

Wieder ist es ein Prominenter, der die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Thema Depression lenkt. Lewandowskis Tod ist eine Tragödie, ein Drama, bedrückend. Und nicht ohne eine gewisse Morbidität beginnen die Massenmedien wieder einmal auf den Zug „Psychische Erkrankung“ aufzuspringen. Aber nachhaltig ist dieses mediale und öffentliche Interesse meist nicht.
Er war offensichtlich depressiv? Halbwertszeit der Nachricht maximal eine Talkshow in der wieder jeder sich selbst auf die Schulter klopft, wie viel man doch für die adäquate Behandlung psychisch Kranker tue (wobei tun meist in Geld gemessen wird, nicht in wirklicher Hilfe).
Es waren auch andere vom Tod eines psychisch Kranken betroffen (Das Germanwings Phänomen)? Dann wird krampfhaft versucht, eine Verbindung zwischen der psychischen Erkrankung und der Tat zu knüpfen, alle mahnenden Worte, man könne das nicht verpauschalisieren und müsse Ergebnisse abwarten werden wegen falscher BILDung ignoriert.
Maximal 2 Wochen darf man einem psychisch Kranken an Aufmerksamkeit in den Medien gewähren, der Erkrankung selbst vielleicht einen Monat. Aber dann ist es wieder etwas, das man sich einbildet, bei dem man sich zusammenreißen solle und wo man doch schon das Menschenmögliche macht. Sicher. Wartezeiten von 6 Monaten bis zu einem Jahr sind das Menschenmögliche. Wenn das stimmt, dann Prost Mahlzeit.
Natürlich werden TV Dokus produziert, zum Teil sogar sehr gute. Aber die werden dann meist zu Terminen ausgestrahlt, wo man sicher sein kann, dass möglichst wenige Menschen, die etwas darüber lernen MÜSSTEN sie sehen.
TV Serien und Filme zeigen dagegen meist ein mangelhaftes bis schlicht falsches Bild der psychischen Krankheiten. Da wird der psychisch Kranke gerne mal zur Gefahr für sein Umfeld oder die Menschheit, da gibt es außer schwersten Psychopathen plötzlich nichts anderes mehr.
Selbst ich habe mich dieser Doktrin des Verschweigens untergeordnet. Meine Depression und meine Angststörung trage ich seit mehreren Jahrzehnten in mir, habe sie aber immer vertuscht, sogar vor mir selbst. Weil ich in meinem Umfeld und der Öffentlichkeit schnell gelernt habe. Es kann einem mal schlecht gehen, aber wenn das Umfeld merkt, dass man häufiger niedergeschlagen, gefühllos, traurig ist, dann wendet es sich gerne ab.
Und wie viele kluge Ratschläge, sowohl im privaten wie auch im beruflichen Umfeld kamen, die mir empfahlen, doch weiterhin darüber zu schweigen. Und meinen Suizidversuch schon gar nicht zu erwähnen.
Aber nicht, weil man mir wohlgesonnen war, sondern weil man um den eigenen professionellen Ruf besorgt war und ist. Leider halte ich die Klappe nicht mehr und bin mal gespannt, wie man mich in Zukunft zum Schweigen bringen will. Sorgen habe ich weniger. Meine Reichweite ist mittlerweile zu groß für eine echte Gefahr und mein Buch wird ein übriges tun.

Verdammt, ich will, dass psychische Krankheiten endlich ohne Stigma in der Öffentlichkeit behandelt werden. Denn sie sind wie ein Knochenbruch oder eine Krebserkrankung etwas, das sich behandeln und wenn schon nicht heilen so doch sehr viel verbessern lässt. Und sie sind in den allerseltensten Fällen gefährlich. Oder würden wir Grippe und Virusinfektionen verdammen, nur weil es einige lebensbedrohliche Krankheiten wie Ebola gibt? Da verpauschalisiert niemand, bei psychischen Krankheiten sehr wohl.
Und ich bin mir über eines sicher. Die Chance hätte bestanden, dass Lewandowski heute noch lebt, wenn nicht gerade auch für Leistungsmenschen wie ihn, die auch noch in der Öffentlichkeit stehen, eine psychische Erkrankung oder Überlastung trotz Robert Enke nach wie vor ein Stigma ist, das man auf jeden Fall verheimlicht. Ich möchte nicht wissen, wie viele vermeintlichen Burn Outs in Wirklichkeit zum Teil schwere Depressionen sind.

#endetdasStigma

Verluste, Einsamkeit und Sinnlosigkeit

Manchmal sind es persönliche Verluste, die einen nach dem Sinn des Ganzen fragen lassen. Die so schmerzen, so vieles in Frage stellen, dass man sich fragt, ob der Weg, den man eingeschlagen hat, wirklich der richtige war.
Mein persönlicher Verlust klingt immer noch nach und wird es noch lange tun. Und er hat vieles in Frage gestellt, was ich für sinnvoll, wichtig, ernst zu nehmen angesehen habe. Ich ärgere mich über Abhängigkeiten, in die ich mich teils begeben habe, die ich aber auch teils selbst verschuldet habe, manchmal im wahrsten Sinne des Wortes. Und das härteste von allem ist die wieder auftauchende Frage, ob meine Wahl für das, mit dem ich den Tag verbringe wirklich richtig war. Die Arbeit am Buch über meine Klinikaufenthalte und die Gründe, die Auslöser dafür und jetzt die neue Arbeit am Jugendroman. Vorträge, die mir solche Freude bereiten. Alles Dinge, die ich ja nur so zum Spaß mache und bloß nicht darob meine Pflichten vergessen darf. Darauf ein gepflegtes „einen Scheiß muss ich“.
Wir alle sollten IMMER zunächst an unsere Bedürfnisse denken, dann an die derer, die wir lieben und dann darf, mit großem Abstand der ganze Rest kommen. Und vor allem finde ich es schrecklich, wenn jeder gleich glaubt, alles, was ich über ein Thema schreibe, beträfe mich auch direkt. Das zeigt, wie wenig zu abstrahieren so mancher Mensch in der Lage ist. Private Themen müssen nicht zwangsläufig meine persönlichen Themen sein, berufliche haben eigentlich NIE etwas mit MEINEM Arbeitgeber zu tun. Abstraktionsvermögen for the world.
Nein, ich bin nicht mehr zufrieden mit dem Status Quo. Nein, ich finde es nicht in Ordnung, gezwungen zu sein, über Missstände und Fehlverhalten den Mund zu halten. Aber würde ich sagen, was ich weiß, ich bin mir sicher, man würde mir gekonnt und ohne Spuren dermaßen schaden, dass es meinen Ruin bedeuten würde. Und ich weiß, dass ich überwacht werde. Das hat nichts mit Verfolgungswahn zu tun sondern mit Themen, die mir vorgehalten wurden und die man nur thematisieren konnte, wenn man in meinem Privatleben herumgeschnüffelt hat.
Ich bin in gewissen Dingen genau wieder da, wo ich vor einem Jahr stand. Aber eins ist anders. Dieses Mal will ich weiter leben. Auch, weil ich neben meiner Familie einen Teil meiner erweiterten Familie wiedergefunden habe. Unglaublich vielen Dank dafür Ines, Thomas, Barbara und Klaus. (Und nochmal einen ganz großen Dank für eine wunderbare Email Ines und Thomas)
Und noch mehr Dank meiner eigenen Familie für den Beistand, die Liebe und die Sorge um mich.

Mein Verlust verpflichtet mich aus mir selbst heraus dazu, wieder die richtigen Dinge wichtig zu nehmen, auch und gerade, um die nächsten Jahre mit meiner Depression, mit meiner Angststörung zu erleben, zu überleben. Carpe Diem ist so abgedroschen aber verdammt nochmal: Auch richtig.

Wer macht die Regeln? Wir, oder die Wir-tschaft?

Natürlich wünschen wir uns, dass die Regeln von uns, sei es als Individuum oder als Gemeinschaft mit einem gemeinsamen (politischen) Willen gemacht und getragen werden.

Aber wenn wir genauer hinsehen, erkennen wir schnell, es ist die Wirtschaft, die mittlerweile sich selbst als Nabel der Welt versteht und am liebsten möchte, dass alles sich ihr unterordnet.

Das beginnt bei der Rolle des Arbeitnehmers. Denkt man, dass es die reine Arbeitskraft, oder noch genauer in den meisten Fällen die Lebenszeit ist, die wir an den Arbeitgeber verkaufen, so ist es mittlerweile immer mehr das ganze Leben. Wir haben flexibel zu sein, immer, auch außerhalb des Betriebs nur Gutes zu berichten, selbst wenn das wie wir ja jüngst anhand VW gesehen haben eine blanke Lüge ist. Der Arbeitgeber ist unfehlbar, unangreifbar und überwacht was wir tun und sagen um ja jede negative Information zu unterbinden. Selbst und gerade wenn diese wahr ist. Und wer als Whistleblower Ungerechtigkeiten oder gar Straftaten anprangert, wird wahrscheinlich selbst verfolgt, während der eigentliche Straftäter meist ungeschoren davon kommt.

Dann folgt die Werbung, die mit allen Mitteln versucht, uns Bedürfnisse einzureden, Dinge anzudrehen, die kein Mensch braucht, die wir aber immer wieder aufs neue  konsumieren sollen. Functional food, Vitaminpräparate, jedes Jahr ein neues Smartphone, dicke Protzkarrossen, die die Umwelt verpesten. Braucht kein Mensch,. kaufen wir dennoch wie die Lemminge. Und manchmal wird uns ein Nutzen vorgegaukelt, der so gar nicht vorhanden ist. Manchmal? Eigentlich meist. Oder wer glaubt, dass ein „Smoothie“ sehr viel mehr Wirkung zeigt, als einfach Gemüse und Obst mixen und trinken? Oder doch, ein mehr an Wirkung zeigt es. Aus einem ganz billigen Produkt (Obst und Gemüse) wird mittels unnötiger Verarbeitung ein teures Trendprodukt generiert, das unseren Geldbeutel schröpft.

Was noch viel schlimmer ist, die Politik geht mit der Wirtschaft ins Bett, lässt sich von ihr Gesetzestexte in den Füller diktieren, kriecht zu Kreuze wenn auch nur ein Konzernlobbyist mit dem Schwachsinnsatz: „Wenn sie das machen, kostet das Arbeitskräfte“ droht. So what? Das tut es IMMER, denn wir merken uns: Wir sollen alle kostenlos bis zum Tod für den wunderbaren Arbeitgeber arbeiten, dabei aber den ganzen unnötigen Überfluß an Waren konsumieren, den kein Mensch braucht und später auf eigene Kosten den kranken Körper und Geist kurieren, den die Arbeitswelt erst kaputt gemacht hat.

Da werden Krankenhäuser der BWL Doktrin unterworfen, was zu immer mehr Stress beim Personal und immer weniger Leistung für die Patienten führt, Hauptsache die Arschlochexcelstatistiken passen. Da werden wir gezwungen, immer mehr selbst zu machen und es wird uns noch eingeredet, das wäre toll. Online Banking, Online Booking, Online irgendein Scheiss. In Teilen toll, in weiten Teilen aber nur wieder ein weiterer Personalabbau, damit wenig viel mehr und viele gar nichts mehr verdienen.

Es muss wirtschaftlich sein klingt sehr plausibel, ist aber Schwachsinn. A priori muss es erst mal nützlich für die Menschen sein, und zwar für alle, nicht für die paar Business Kasper mit perversen Monstergehältern.

Klingt das überzogen? Vielleicht. Ist es das? Auf keinen Fall. Wenn man sich die Zahl der Lobbyisten in Berlin ansieht, die Zahlen über Elektronikmüll oder den Plastikmüll in den Weltmeeren oder die Statistiken zu psychischen Erkrankungen der letzten Jahre erkennt man schnell: Es ist schon schlimm, aber es wird noch schlimmer werden.

Weil wir zu brav, zu gehorsam, zu unterwürfig sind. Weil wir immer noch glauben, die großen Konzerne hätten das Recht, so mit uns umzugehen.

Eigentlich wäre es Zeit für eine Revolution:

Remember, remember, the fifth of November, the gunpowder treason and plot; I know of no reason why the gunpowder treason should ever be forgot.

 

Aber mit dem Michel dem braven wird das wohl weiterhin nichts, bis wirklich alles zusammenbricht.

 

Ich bin anders, lebt damit

20151021_160413Ich bin nicht normal. Schlimm? Ach was. Normalität ist für mich Langeweile.  Durchschnitt. Alltäglich. Unkreativ. Normal sind, die, die mir immer klar machen wollen, dass mein „anders“ sein, mein „anders“ denken böse, gefährlich, falsch, bedrohlich ist. Lange hab ich immer wieder auf diese Stimmen gehört, mich von ihnen irritieren lassen, kaputt machen, in die Depression treiben.

Was ich gelernt habe im letzten Jahr. Ich werde anders bleiben. Weil ich so sein will. Weil es mein Wesen ausmacht, meine innere Essenz darstellt, das, was mich am Leben hält.

Ich bin der, der auch im Winter oder bei Regen barfuß nach draußen geht. Ich bin der, der lieber ein Museum oder eine Bibliothek besucht, als eine Party.

Ich bin der, der es liebt, zu schreiben,  der Filme schätzt, die andere als langweilig oder zu schräg bezeichnen würden.

Ich bin der Geek, der Gadgets und Technikspielereien liebt, der sich aber gleichzeitig mit Malerei und Prosa befassen möchte.

Ich bin Rampensau und Agoraphob.

Und ich bin depressiv und mag es dennoch, mit anderen zu lachen. Zumindest, wenns mir nicht gerade tiefdunkelübel geht.

Nehmt mich so, wie ich bin oder lasst es. Aber versucht nicht mich zu verbiegen. Denn auch wenn ich nachgeben werde, ich werde mich wehren.

Weil ich einen Suizidversuch hinter mir habe, weil ich mich hatte falsch machen lassen. Ein zweites Mal darf das, wird das nicht passieren.

Ich bin ein Außenseiter aber Überraschung. Ich fühle mich wohl dabei. Mittlerweile.

 

Kein Mitleid, kein Mitgefühl und schon gar keine Gnade

Ich habe Depressionen, ich hatte sie schon und werde sie auch zukünftig haben.

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Und meinen Ängsten muss ich mich jeden Tag aufs neue stellen.

Deshalb spart euch bitte euer Mitgefühl. Denn würdet ihr wirklich mitfühlen, ihr könntet mit mir in die Therapie. Die Dunkelheit, die Wertlosigkeit, das Gefühl, auf trockenem Land zu ertrinken. Das kann man nicht mitfühlen. Es zu behaupten ist verletzend, weil es das eigene Empfinden entwertet, es zu etwas macht, das jeder nachvollziehen kann. Wenn es aber mal darauf ankäme, es nachvollziehen zu können, erfährt man als depressiver Mensch sehr schnell, wie wenig wahres Mitgefühl übrig bleibt.  Dann trifft man sehr schnell auf Unverständnis, auf dumme Sprüche wie „stell dich nicht so an“ oder „du hast mir das doch schon früher gesagt, warum war es denn jetzt so schlimm“. Solche Formen von Mitgefühl sorgen eher dafür, dass der Boden für das schwarze Loch, in dem die Depression lauert noch weiter aufgerissen wird, sorgen dafür, dass der Stoß noch etwas stärker ist, der einen in den Spalt stürzt.

Und erst das Mitleid. Ich kann es nicht ausstehen, auf den Tod nicht. Wobei. Tod, aber lassen wir das.wolken

Mitleid entwertet mich, Mitleid macht mich klein und den angeblich Mitleidenden groß. Denn Mitleid ist mit einem depressiven Menschen schlicht nicht möglich, es sei denn, man hat selbst Depressionen und dann leidet man nicht mit, sondern für sich selbst. Weil für sich selbst schon schlimm genug ist.

Und fast alle, die sich einem voller Mitleid zuwenden, erwarten dann Dankbarkeit. Und dass man ob des empfundenen Mitleids voller Demut an seiner Heilung arbeitet. Verdammte Axt, das tun wir auch ohne Mitleid. Aber es ist nicht so einfach, wie die vielen Mitleidenden es sich denken. Wenn alles schwarz in grau ist, wenn die inneren Schmerzen wie ein Sonnwendfeuer lodern und man eigentlich nur noch endlose Ruhe herbeiwünscht. Dann kommt mir nicht mit Mitleid. Den Brand würdet ihr nicht überleben.

Und vor allem, lasst das mit der Gnade, der Rücksicht, dem Anfassen mit Samthandschuhen. Oh wie gnädig, einen depressiven Menschen besonders zu behandeln. Oh wie gnädig, ihn  zu schonen, ihn als Kranken zu behandeln. Oh wie scheiße. Wir sind krank, ja, aber die Krankheit sind nicht wir. Ich habe eine Depression, ich bin nicht depressiv, ich bin nicht die Krankheit. Ich bin so viel mehr. Ich habe mich durch Jahrzehnte gekämpft und es geschafft, eine Familie zu gründen, einen Beruf zu finden, ja sogar ein Buch zu schreiben. Also keine Gnade.

Was denn dann?

Seid da. Die, die ihr mich wirklich wertschätzt, die ihr mich auch mit meiner Depression mögt. Seid nur da. Helft, wenn ich Hilfe brauche und darum bitte aber lasst das, was viele machen. Die ungefragten Ratschläge, die Hilfen die keiner will.

Ihr müsst nicht bei mir sein, es genügt, wenn ich euch schreiben kann, wenn ich weiß, dass ihr Verbündete im Geiste seid. Ein digitaler Kontakt, der es ehrlich meint und auch physisch da ist, wenn ich Präsenz brauche ist mehr wert als 5 physische Kontakte, die nur den Arschloch Modus kennen.

Wir wollen leben wie alle anderen auch. Wir werden tiefer sinken und manche von uns werden höher steigen, als der „Normale“.sonne

Aber wir werden, wir können leben. Welche Regeln wir dafür brauchen, das bestimmen wir, nicht irgendwelche Pseudoexperten, die von nichts eine Ahnung haben.

Wer wirklich zu uns steht, hat eines begriffen: Den Kampf gegen die Depression können wir alle nur alleine führen. Aber es tut gut, Weggefährten zu haben, die da sind, die ein Stück des Weges mit uns gehen ohne Mitleid, ohne Mitgefühl, ohne Gnade. Aber mit offenem Herzen und offenen Augen.

Denen, die den Weg mit mir gehen, und ich denke ihr wisst, wer gemeint ist: Danke.

Allen anderen ein gepflegtes: Bugger off.

Ich werde Teil einer Doku oder, Dreharbeiten aus erster Hand

Ich werde Teil einer TV Doku über Depressionen sein. Danke schon mal an Jana dafür, die mich vorgeschlagen hat und selbst auch einen Part in der Dokumentation haben wird.20160515_134942
Genauer handelt es sich um die von mir sehr geschätzte Dokuserie 37°, die auch ausschlaggebend für meine Zusage war. Denn wenn schon, möchte ich das ganze gut dargestellt wissen und nicht für irgendein merkwürdiges Pseudodokuformat verbraten werden.
Nachdem ja schon im März ein kleines bisschen gedreht wurde und auf der re:publica quasi mein Aufenthalt in Berlin und meine Session Teil der Geschichte wurde ging es nun um mein „normales“ Umfeld und die Familie. Erste Erkenntnis dabei. Es ist alles ehrlich, was aufgenommen wird, aber die eine oder andere Szene muss dann doch nachgestellt werden, weil das ganze sonst überhaupt nicht dokumentierbar wäre, ohne uns quasi wochenlang auf dem Schoss zu sitzen. Aber wie es auch in Romanen so schön heißt. Alles hat sich mehr oder weniger so zugetragen.20160515_121710
Auch der Umgang zwischen Drehteam und meiner Familie war vorbildlich, das war schon daran zu erkennen, dass die Kinder völlig entspannt und ehrlich vor der Kamera agierten.
Für mich als „@bicyclist“ vor allem lustig war es, von einer Kameradrohne verfolgt zu werden, um mein Radfahren durch die schöne Region zu dokumentieren. Komisch, wenn man von einem surrenden Etwas verfolgt wird, das man bloß nicht ansehen soll. Denn, merket auf: NIE in die Kamera sehen.
Ich hoffe, das hat immer geklappt, gemeckert hat niemand.
20160515_120423Jetzt bin ich gespannt auf Teil drei und dann auf das fertige Produkt, das im Oktober oder November im ZDF ausgestrahlt werden soll. Ich hoffe ja, ihr schaut dann alle zu und seit nicht zu kritisch mit mir.
Aber es liegt mir einfach am Herzen, so viel wie möglich gegen das Stigma Depression und Suizidversuch und für mehr Anerkennung als Krankheit zu tun. Dafür stelle ich mich dann auch vor eine Kamera, wenn es weiterhilft.