Ich, du, der Tod und die anderen

Ich Bin alt, nicht wirklich alt, aber alt genug, um viel Leben erlebt zu haben.

 

Das ist keine Klage, keine Anklage, kein Verlust.
Eine Feststellung, die mich heute selbst überrascht. Nicht die Zahl der Jahre. Die schiere Existenz. Es gab einen Punkt, einen Fixpunkt. Dort wollte ich gehen. Weg von allen, weg von allem, weg von mir. Dem ein Ende setzen, den Schmerz beenden.

Liebe hat mich gehalten, nein, hat mich herausgezogen zurückgezogen von der Kante. Es ist so einfach: »du hast doch alles« zu sagen. Ja, hab ich, die Trauer, das Gefühl, so unvollständig zu sein wie eine einzelne Socke oder ein Haus ohne Dach. Zerbrochen an dem, was ihr Leben nennt. Morgens aufwachen und das Gefühl der Füße auf dem Boden fürchten, weil das bedeutet, einen neuen Tag erleben zu müssen. Umdrehen und weiterschlafen wollen, heute, Morgen, für immer.
Die, die man liebt beschützen wollen, weil man ob der Schmerzen weiß, die zu empfinden man sie zwingt. Die Hilflosigkeit, die Angst um ein Leben, die Lebensangst.
Es gibt sonnige Tage, es gibt das Gefühl von Kälte auf der Zunge, von Süße und den Duft von Vanille an einem Sommertag. Aber die Kälte des Eises wird schnell wieder zu Eiseskälte, die einen umfängt, umschließt, einsperrt in einer eigenen, dunklen, hoffnungslosen Welt.
Man sieht ja, dass andere glücklich sind, oder das Glück zumindest glaubhaft simulieren.
Ganz oben sieht die Welt so klein, so unbedeutend aus. Plötzlich passt sie zum eigenen Leben. Alleine dort oben, mit Gedanken so dunkel wie die Zukunft. Und gerade, wenn einen die Kälte und Dunkelheit zu verschlingen droht, ist da eine Hand, ein Lächeln, ein Mensch, der nicht bewertet, nicht verurteilt, nicht bestraft, der nur sein Herz öffnet und seine Hand reicht. »Ich bin da, ich halte dich, ich begleite dich.«
Du trittst nicht einfach heraus ins Licht, aber plötzlich ist da, ganz in der Ferne wieder ein Sonnenstrahl, eine Chance auf ein besseres Leben, eine Chance auf ein Morgen.
Der Weg ist schwer und steinig und um ihn zu finden musst du durch Dickicht, so dornig und so düster wie deine Vergangenheit. Aber da ist immer dieses Licht, dieses Lächeln, dass dich magisch anzieht, dass alles andere bedeutungslos werden lässt.
Anklagen, Vorwürfe, Drohbriefe, Beschuldigungen. Nicht mehr du, sondern die anderen. Sie sind falsch, und irgendwer, vielleicht du selbst hast ihnen die Maske heruntergerissen. Die Lügen, die Falschheit, der Opportunismus, nackt, auf dem Boden, hilflos. »Wir meinen es doch nur gut.« Für uns selbst, ergänzt du im Geist.
Sie meinten es nie gut für andere, sondern stets für sich, die, die dir die Messer zwischen die Rippen bohrten, dir einen Tritt verpassten, dich vom Turm stoßen wollten.
Weil du nie so warst wie sie. Nie stromlinienförmig, nie geleckt und dafür geliebt, nie konform oder wie sie es sagten, normal.
Du hast darunter gelitten, versucht, dich zu verbiegen, brav, ruhig und willig zu sein. Und dennoch wuchs der Widerwille, die Erkenntnis, nur mit einer Lebenslüge überleben zu können. Du verlierst immer mehr von dir selbst. Gibst Leidenschaften auf, verlierst dich in Masken, in der Kunst der Schauspielerei, um dem Bild anderer zu genügen, deren Erwartungen und Weltbilder du doch eigentlich so hasst wie deine eigene Schwäche, zu dir und deinen Idealen zu stehen.
Dabei bist du nur schwach,weil du zu lange gekämpft hast. Alleine, gegen übermächtige Dämonen. Du warst stärker als manch einer deiner Ankläger. Aber der Kampf war unsichtbar, gegen Geister, die nur du gesehen hast.
Die Scherben auf dem Weg, sie sind die Fragmente deiner Seele, deines eigentlichen ichs. Heruntergerissen und zerbrochen, du kannst nicht länger Versteck spielen mit dir selbst. Endlich bist du frei, weil du nichts mehr zu verlieren hast, hättest du doch beinahe alles verloren. Jetzt wird es Zeit, dein eigentliches Ich zu retten. Wirf ihm ein Seil zu, hol es aus der Dunkelheit und verzeih ihm, dass es sich versteckt hat, dich im Stich gelassen hat in der Sekunde deiner größten Not. Denn es konnte nicht anders. Der Schmerz war zu groß, das Kind hatte zu große Angst und versteckte sich deshalb vor dem Dämon, der es verfolgte.
Zeig ihm, dass die Welt schön ist. Zeig ihm, dass es zu kämpfen lohnt. Nicht für andere, deren Dankbarkeit sich meist in Wohlwollen beschränkte, wenn du ein braves, wohlwollendes Kind warst. Die, die jetzt an deiner Seite stehen, dir die Hand entgegenstrecken, dich ohne Bedingung schützen und stützen wollen. Sie sollen von nun an deine Begleiter sein. Der Rest ist Teil des Dämons, der immer mehr Macht über dich verliert.
Vielleicht wirst du nie ganz frei sein. Aber du wirst Herr sein deines Weges, und die Kämpfe gegen deine Verfolger wirst du immer häufiger gewinnen.
Bis du sie gar nicht mehr kämpfen musst, weil du erkennst, dass andere nur dann Macht über dich haben, wenn du es zulässt, weil du erkennst, dass du der Herr deines Lebens bist, ja sein musst, um dieses eine Leben zu überleben, zu erleben, zu leben.

Talkshowgast bei „Talk mit Dana“ oder wenn die Zeit mal wieder nicht reicht

Am 27. September reiste ich auf Einladung von Dana Diezemann  mit dem Auto nach Stuttgart zu Horads 88,6, dem Hochschulradio aus Stuttgart.

Schon im Vorfeld hatte Dana meine Familie und mich besucht, um ein eigentlich nur kurzes Vorgespräch zu führen und damit die Sendung vorzubereiten. Aber wie es so ist, wenn Menschen mit besonderen Geschichten aufeinandertreffen, aus einer wurden über 5 intensive und sehr persönliche Stunden, gefüllt mit Erlebnissen, Emotionen und Geschichten.

Was daraus als Extrakt in knapp einer Stunde Talkshow wurde, lässt sich meiner Meinung nach hören. Zwar kann eine Stunde nur an der Oberfläche kratzen, aber ich denke, es sind einige wichtige Kernaussagen zur Sprache gekommen, die zeigen, dass es nicht eines Suizidversuchs bedarf, um eine Depression anzugehen und sich helfen zu lassen. Depressionen sind keine Charakterschwäche sondern eine Krankheit. Das wurde klar. Und auch, dass es oftmals eines persönlichen Schicksalsschlages bedarf, um sein Leben zu überdenken. Aber eigentlich sollten wir uns immer hinterfragen, ob wir wirklich das Leben führen, das wir wollen oder nur anderen gerecht zu werden versuchen.

Danke Dana für diese tolle Gelegenheit, danke Horads 88,6 für den Sendeplatz für meine Geschichte und wer das Ganze verpasst haben sollte, bei Soundcloud gibt es meine Sendung und noch einige andere spannende Talkgäste zum Nachhören. Und eines noch. Niemand muss seine Krankheit, seine Geschichte so öffentlich machen, wie ich das tue. Für mich hilft es bei der Heilung. Aber was ihr tun solltet. Vertraut euch Menschen an, die euch etwas bedeuten, denen ihr vertraut. Und wenn ihr niemanden habt, dann sucht euch professionelle Hilfe von einem Arzt oder Therapeuten. Ihr seid nicht schwach, ihr kämpft einen schweren Kampf gegen einen mächtigen Dämonen. Ihr seid nicht charakterschwach, ihr habt eine sehr ernste Krankheit, die man aber behandeln kann.

Warum Klapse für mich kein negativer Begriff ist und SAT1 keinen Fehler gemacht hat

Meine Klapse war ein toller Ort für mich.

Am 5. September war ich beim SAT1 Frühstücksfernsehen zu Gast. Die Reaktionen darauf waren überwiegend sehr positiv, nur mockierten sich manche über den Begriff „Klapse“, den Alina Merkau, die Moderatorin benutzt hat.

Zur Erklärung. #ausderklapse als Hashtag habe ich auf Twitter während meiner Zeit in der Klinik. Ich habe bewußt „Klapse“ gewählt, ein Begriff, der viel von Menschen benutzt wird, die uns psychisch Kranke gerne mit Vorurteilen belegen. Da ich eben auch diese Zielgruppe erreichen wollte, wäre „ausderpsychiatrie“ viel zu neutral und wenig provozierend gewesen. Und nicht nur ich sprach damals liebevoll von Klapse, auch viele meiner Mitpatienten. Denn Humor, und gerade auch schwarzer Humor ist eine tolle Therapie.

Vor dem Interview hat mich Frau Merkau sehr gut gebrieft und auch aktiv gefragt, ob sie den Begriff „Klapse“ verwenden dürfe. Das habe ich bewußt bejaht.

Wer also eine Beschwerde vorbringen will wegen eines Begriffs, bitte auf mich draufhauen. Frau Merkau konnte absolut nichts dafür und hat sich sehr sensibel und korrekt verhalten. Deshalb hier ein Kompliment an die Crew des Frühstücksfernsehens, die mit dem Thema nach meinem Empfinden sehr gut und sensibel umgegangen ist.

Mich stört es immer wieder, dass Menschen sich oft mehr über Begriffe aufregen, die von Betroffenen selbst verwendet werden, aber kaum über das Stigma diskutieren, das immer noch in der Bevölkerung herrscht.

Es ist nichts gewonnen, wenn alle von „ausderpsychiatrie“ sprechen, aber jeden depressiven Menschen immer noch für faul, dumm oder verrückt halten.

Depressionen sind eine Krankheit und behandelbar wie jede andere Krankheit auch. Menschen mit Depressionen können dennoch produktiv sein, sind für niemand anderen ausser sich selbst eine Gefahr und würden gerne so behandelt werden, wie z.B. jemand mit einem Beinbruch. Wenn also jemand mit mir spricht und von der Klapse redet, dann ist das für mich kein Problem. Wohl aber, wenn er mir Motivation, geistige Klarheit, Intelligenz oder den Willen abspricht, gegen die Krankheit zu kämpfen.

Raul Krauthausen ist mir da Vorbild, er hat sogar mal explizit Rollstuhlfahrerwitze gesammelt. Weil es eben mehr auf den Ton, auf die Einstellung zur Person ankommt. Ein Mensch, der verständisvoll ist, aber von Klapse spricht ist mir tausend mal lieber, als jene vielen Betroffenen, die zwar von Krankenhaus oder Psychiatrie sprechen, mich aber wie einen Aussätzigen behandeln.

Und schliesslich: Eines hat der Begriff und der Hashtag #ausderklapse ja erreicht. Es wird diskutiert. Wenn wir es jetzt noch schaffen würden, weniger über political correctness und mehr über Toleranz, Verständnis und Entstigmatisierung zu diskutieren, dann könnte ich sagen: Mission erfüllt.

Ich rede weiter liebevoll von meiner „Klapse“, die mir das Leben gerettet hat.

 

Plötzlich prominent und warum ich das gut finde

Mein Vortrag beim Patientenkongress Depression. Den Depresso fand sogar Harald Schmidt eine Pointe wert.

Das letzte Wochenende. Leipzig. Der Patientenkongress Depression und ich mitten drin. Anonym, kleiner Autor wie ich dachte. Ich hätte nicht falscher liegen können. Kaum dort angekommen wurde ich von den ersten Teilnehmern angesprochen auf mein Buch, meine Teilnahme bei 37° und meine Tweets. Man wollte mit mir fotografiert werden, mein Autogramm im Programmheft oder ein signiertes Exemplar meines Buches. Alles kam mir sehr surreal vor und tut es irgendwo auch heute noch. Zunächst war mir das alles eher unangenehm, so wichtig nehme ich ja selbst nicht einmal, wie das meine Leser (von Fans möchte ich gar nicht sprechen) tun.

Nach und nach wurde mir aber klar, dass es eigentlich sehr schön ist, dass ich jetzt eine gewisse Bekanntheit habe. Nicht wegen Verkaufszahlen oder der Überhöhung der eigenen Bedeutung. Sondern weil ich scheinbar das geworden bin, was ich mir insgeheim von Anfang an wünschte. Eine Stimme für die, die selbst nicht die Kraft haben, über ihre Krankheit zu reden, oder sich gegen Vorurteile zu wehren.

Das Interesse war sehr groß an meiner Lesung. Ein weiterer Grund, weiterzumachen.

So richtig klar wurde es mir in der Diskussionsrunde mit Prof. Dr. Hegerl und Victoria van Violence, in der auch ich als „prominenter Fürsprecher“ genannt wurde. Früher war ich derjenige, der nicht wusste, wie er sich fühlen soll, wie er sich gegen Angriffe und Vorurteile wehren soll. Jetzt scheine ich eine Stimme, einen Weg gefunden zu haben, der viele persönlich anspricht. Die Rückmeldungen zu meinem Buch, sie sind so unglaublich, so positiv, so ermutigend. Und auch in den vielen, vielen Gesprächen während des Kongresses war das der Grundtenor. Weitermachen, laut sein, Sprachrohr für andere sein. Ich habe mich geoutet, es waren sehr persönliche Gründe, dies zu tun. Aber jetzt bin ich laut, jetzt bin ich sichtbar, da ist es für mich Verpflichtung und Ehre, das Stigma um die Krankheit Depression, sei sie nun manisch oder rezidivierend, dystemisch oder Borderline zu bekämpfen.

Wir depressiven Menschen sind nicht schwach, sonder kämpfen einen fast übermenschlichen Kampf gegen eine unsichtbare Krankheit und gleichzeitig gegen die Vorurteile einer Gesellschaft, die nur noch auf Leistung getrimmt ist.

Hier den Finger in die Wunde zu legen, über die Krankheit aufzuklären, ihr das Stigma einer Charakterschwäche zu nehmen. Ich sehe es nach all dem wundervollen Feedback von Betroffenen als meine sehr schöne Pflicht an, meine Sichtbarkeit dafür zu nutzen.

Gleichzeitig aber nochmal der Hinweis. Niemand muss zwangsweise seine Erkrankung öffentlich machen. Im Gegenteil, normalerweise ist mein Rat. Die, die euch wichtig sind, die, die ihr liebt, die ihr zu euren GUTEN Freunden zählt, denen solltet ihr die Wahrheit sagen, weil sie sie verdient haben. Wer es sonst noch erfahren darf, hängt sehr davon ab, ob ihr dann Gutes vermutet. Und auch deshalb sehe ich mich schon ein bisschen in der Pflicht gerade auch für die zu sprechen, deren Umfeld wenig hilfreich ist. Denn nur wer begriffen hat, dass Depressionen eine Krankheit sind, wird auch richtig mit Betroffenen umgehen.

Ansonsten, ich werde weiter den Mund aufmachen, und gegen das Stigma kämpfen. Dafür hat mir der Patientenkongress in Leipzig und das Feedback meiner Leser und Unterstützer so unglaublich viel neue Kraft gegeben. Danke dafür!

Einen Scheiß muss ich

„Dein Leben hat dich doch sicher völlig verändert?“ „Was machst du denn jetzt alles anders?“ „Hast du nicht immer noch Schuldgefühle?“

Fragen, die man mir gelegentlich stellt, mittlerweile seltener, weil mehr und mehr Menschen die Antwort bekannt ist. Die lautet profan, direkt und ohne Filter „einen Scheiss muss ich„. (Übrigens auch ein sehr amüsantes Buch)

Verdammt nochmal, ich hab die dunkelste Stunde meines Lebens überlebt. Würde ich das ganze visualisieren wollen, so war da schon die Flatline des Herzstillstands. Ich hatte mein Leben aufgegeben, meinen Eigenwert vernichten lassen und den dummen Fremdbildern über mich nachgegeben.

Das war alles falsch, dumm, gefährlich und ich  mache es auch heute noch. Aber das wird mir immer häufiger bewußt. Wie oft ich handle um Chefs, Kollegen, Bekannten oder gar, Gott bzw. die Naturgesetze bewahren, wildfremde Menschen zufriedenzustellen. Ich hab mir Internetsucht anhängen lassen, dass ich unordentlich sei, zu verspielt, zu technikbezogen. Und wisst ihr was? Das mag alles stimmen. Aber es geht mir am Anti-po-den vorbei. Das ist es, was mich ausmacht. Und das ist es, was ich nicht mehr ablegen werde. Die Menschen, die mich lieben, lieben mich eben mit diesen Fehlern, diesen Defiziten. Und viele Fehler haben mir zu einem besonderen, einem Leben voller unerwarteter Abenteuer verholfen. Mein Buch wäre nie entstanden, ich hätte nicht so viele neue, spannende Menschen, meine Leser, meine Follower kennengelernt, hätte ich dem Geschwafel eines Arztes zugehört, der mir eine digitale Abstinenz empfahl.

Vielleicht musste ich vor allem wieder lernen, mir selbst zu vertrauen, nicht dauernd anderen Menschen zuzuhören und zu glauben, nur weil sie über mir stehen, selbstbewußter scheinen oder mit dem (ja ein Wort, das mich direkt wütend macht) beschissenen Fremdbildprinzip jedwede eigene Meinung zu unterminieren versuchten, weil man sich ja selbst nie richtig einschätzen würde.

Und wenn schon. Wer glaubt, andere Menschen könnten das besser, ist schlicht und ergreifend ignorant bis dumm.

Niemand kennt einen anderen Menschen so gut, wie dieser sich selbst. Nur wenn man sich dauernd nach den Meinungen anderer orientiert, verliert man sich selbst irgendwann. Und genau das ist mit mir passiert. Ich war so damit beschäftigt, anderen zu gefallen, dass die darunter litten, die eigentlich wichtig waren und sind.

Meine Frau sagte nach den Klinikaufenthalten mal, jetzt habe sie den Mann wieder, denn sie kennen und lieben gelernt hatte. Einerseits erschreckend, denn dann war ich ja offensichtlich die Jahre dazwischen bestenfalls so ähnlich wie damals andererseits für mich aber ein tolles Signal, dass offensichtlich der echte Uwe wieder da ist. Denn damals, das war eine der wenigen Phasen meines Lebens, die ich als sehr glückbringend, erfüllend und schön empfand. Meine Jugend, das hat nicht nur mein Gehirn gestrichen, bei allem was vor meinem 12. Lebensjahr passiert ist. Und wie mein Therapeut so schön sagte: „Das ist wohl besser so, da hat ihr Verstand wohl für sie einen Schutzwall eingerichtet.“

Leider haben mir nicht so wohlgesonnene Menschen eben in den letzten Jahren an genau diesem Schutzwall gearbeitet und das kleine, verunsicherte, ängstliche Kind an die Oberfläche geholt. Dass ich dann in eine Angststörung und Depression rutsche war perfide konsequent. Aber auch, dass ich jetzt wieder da bin und vermutlich dem einen oder der anderen in meiner neuen Art nicht mehr gefalle. Aber auch hier gilt: Einen Scheiss muss ich. Und ganz ehrlich. Mit diesem Gefühl lebt es sich viel besser. Wenn ich jetzt wieder mal mit Beurteilungen, Verurteilungen oder Vorurteilen über mich konfrontiert bin, werd ich zwar nicht still sitzen und alles abnicken. Aber was da auf mich einstürzt ist das, was es schon immer war. Urteile von Menschen, die mich nicht wirklich kennen. Denn der Norm entspreche ich nicht. Das ist mir sehr deutlich geworden. Nur will ich das jetzt auch nicht mehr. Denn die Norm hat mich jahrelang kaputt gemacht. Also entweder, ich passe euch, wie ich bin, oder ihr müsst damit leben. Ein echter Fall von P.A.L. – Problem anderer Leute.

Was ist denn schon normal

Das beliebteste Zitat aus meiner Twitterzeit #ausderklapse war und ist „In der Klapse sind die normalen, die mit dem Wahnsinn da draußen nicht mehr fertig werden.“

Und je länger ich wieder draußen bin, mit neuen Sichtweisen, neuen Rahmenbedinungen und einer neuen Definition von meinem „normal sein“, um so mehr bin ich mir sicher. Normal an sich gibt es so gut wie nie. Es ist immer eine Konvention, ein Satz von Regeln und Vorschriften, ein Blick auf Menschen, der verfälscht ist durch die Rolle, in der man auftritt. Der Partner, der Freund, der Arbeitgeber, andere erklären unterschiedliches für normal.

Es ist erschreckend, welch große Zeit des Alltags viele von uns unter einer Regeldiktatur erleben, die nicht die eigene ist, die oftmals sogar belächelt oder lächerlich gemacht wird, der man sich aber fügen zu müssen meint.

 

Stimmt aber häufiger nicht, als man denkt. Es ist immer wichtig, dass wir uns darüber im Klaren sind, ob die Handlungen, die Ratschläge und auch die Befehle, die oft unter dem Dogma des „Das war schon immer so, wo kämen wir denn da hin.“ auftreten, auch wirklich gut für uns sind, mit unseren moralischen und ethischen Werten vereinbar.

Von Schönheitsidealen über Karrieremodelle bis hin zum eigenen Wert als Individuum. Vieles lassen wir uns als normal einreden, das eigentlich purer Wahnsinn ist.

Jedes Jahr 5% mehr Leistung. Das Gewicht und die Figur eines Models. Besitztümer, die Werbung und Nachbarn uns einreden oder schlimmer gar, das eigene frühere Erleben.

Wir können nicht alles ignorieren, jede Norm ablehnen. Aber sehr genau darüber nachdenken, wie lange und wie oft wir uns unter ihre Kontrolle begeben und ob wir ggf. gar ganz darauf verzichten sollten, um gesund zu sein und zu bleiben.

Ich habe einiges an „Normalem“ über Bord geworfen. Nicht alles habe ich öffentlich gemacht, bei vielem denke ich mir einfach mein Teil. Auch das habe ich gelernt. Meine Normen bestimme ich. Wie andere damit leben wollen und welche Normen sie selbst sich auferlegen ist „PAL“ also Problem anderer Leute.

In diesem Sinne. Ich bin nicht normal. Und das ist gut so.

Schaffst du das denn?

Mittlerweile steigt das Interesse an mir, meiner Geschichte und dem Buch. Diverse Zeitungen haben mich interviewt, auf dem deutschen Patientenkongress werde ich zwei Programmpunkte bestreiten, ich bin zu einem Interview nach Lübeck geladen und auf eine Veranstaltung in München.

Lesungen kommen noch dazu, unter anderem in Regensburg und Düsseldorf.

Natürlich kriege ich jetzt beständig die gleiche Frage zu hören: Schaffst du das denn?

Ja! Warum denn nicht. Das macht mir Freude, ich spreche gerne vor Menschen und das Thema Depression in die Öffentlichkeit zu bringen und zu entstigmatisieren ist mir sehr wichtig, weil das auch direkt mir hilft. Denn letztlich hätte sich vieles vermeiden lassen, wäre ich früher und offener mit der Erkrankung umgegangen. Schon die Arroganz mancher Vorschrift noch während meiner Erkrankung hat mich eher krank gemacht, als mir geholfen: „Herr Hauck, Sie brauchen Regeln.“ „Herr Hauck, löschen Sie sich aus diesem Internet.“ „Herr Hauck, sie sind internetsüchtig und müssen das beenden.“ Alles Bullshit, alles Ratschläge, die in Folge die Situation nur noch verschlimmerten.

Erst in der offenen Station meiner Klinik hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, ich selbst sein zu dürfen, ohne dass mir dauernd jemand meint vorschreiben zu müssen, wie ich mein Leben lebe.

Das war nämlich der eigentliche Grund für das ganze Drama. Ein Leben, das ich permanent nach den Kriterien anderer gelebt habe. Immer der Gedanke, was mögen die anderen denken. Immer die Furcht, wenn ich nicht tue, was vor allem jene mir vorschreiben, die existentiellen Druck auf mich ausüben konnten, dann würde meine Existenz enden.

Heute weiß ich, der wichtigste Ratschlag ist, erst auf sich selbst hören und das eigene Gefühl. Und einen Teufel drauf geben, was andere denken. Das kann man sowieso nicht steuern und nimmt meist viel Schlimmeres an, als dann wirklich gedacht wird.

Wenn mich jemand fragt: „Schaffst du das?“ kann ich heute sagen: „Klar. Auch wenn das dir vielleicht nicht gefällt.“

P.S.: Alles, was man an mir ändern wollte, wozu man mich bringe wollte, hat letztlich im Rückblick das Gegenteil bewirkt. Ich bin im Netz aktiver denn je, stehe jetzt noch viel stärker zu meiner Rolle als Buchautor und werde nicht müde, weiterhin Aufklärungsarbeit zu leisten. Und bislang gab es keine neuen Drohbriefe mehr mit Rede- oder Kontaktverboten für meine Frau oder mich und auch keine Briefe mehr, die mit dem Anwalt drohten, wenn ich etwas schriebe, das irgendwer auf sich beziehen könnte. Also entweder haben sich die Wogen geglättet, oder aus meinem kleinen Segelboot ist ein Ozeandampfer geworden, der sich von kleinen Böen nicht mehr ins Bockshorn jagen lässt.

Dein Gedanke ist meine Realität

Wir leben im Autopilotmodus. Und die meiste Zeit ist er uns überhaupt nicht bewußt. Es gibt kleine, lichte Momente wie Brüche in der Zeit. Diese Momente fördern versteckte Wünsche, Träume, Ziele hervor. Aber leider tritt sehr schnell unser innerer Richter auf den Plan, erklärt uns die Unsinnigkeit unserer Fantasien, die Unmöglichkeit unserer Träume.

Ich rede hier nicht von den Dingen, die uns eine scheinbare Zufriedenheit bieten wie das neueste Smartphone, das SUV, das größer, schimmernder, glänzender ist als das des Nachbarn. Elementarere Träume sind es, nach Selbstverwirklichung, Freiheit, Unabhängigkeit, die wir alle in uns tragen, manche nahe an der Oberfläche unserer Seele, andere tief verborgen unter den Trümmern der bisherigen Existenz.

Und wir alle vergraben immer mehr unseres Wesens mit jedem Lebensjahr. Wir unterwerfen uns Menschen, die angeblich über uns stehen, das meist aber qua Definition anstelle Begabung. Wir folgen Vorschriften, Regeln, Vorgaben, die teilweise so dumm sind, dass wir bei ihrer Befolgung körperliche Schmerzen spüren.

Aber hier kommt die Überraschung. Den Käfig haben wir uns in sehr großen Teilen selbst geschaffen. Indem wir schon früh den falschen Richtern gefolgt sind, die falschen Werte unreflektiert für richtig hielten. Ja, man hat uns gesagt, das muss so sein, wir werden Vorgesetzte haben, Lebensregeln. Aber man hat uns belogen mit dem Eindruck, das müsse immer so sein. Unsere Gesellschaft, in manchem eine gute aber lange keine perfekte Gesellschaft basiert immer noch auf dem Oben/Unten Modell. Augenhöhe ist ein beliebtes Wort uns zu blenden, zu suggerieren, wir würden als Mensch auf gleicher Ebene behandelt.

Dabei lebt ein großer Teil unseres Wirtschaftsgefüges immer noch von der Unterwerfung der Masse. Wir werden mit Konsum, mit immer neuen falschen Träumen eingeschläfert, deren Erreichung uns keinen Deut glücklicher macht. Wir mögen uns materialistische Gefängnisse aus Besitztümern errichtet haben. Aber wie wir von Generationen von Philosophen gelernt haben. In Gedanken sind wir frei. Wenn wir uns vom Glauben der einen für alle geltenden Wahrheit lösen. Ich meine hier nicht Wahrheiten wie die Gleichberechtigung der Geschlechter, Toleranz oder fundiertes Wissen. Ich meine Wahrheiten, die uns den Lebensweg vorschreiben, die uns im Denken einschränken.

Wir lassen uns unsere Träume stehlen, unsere Menschlichkeit, unsere ureigene Seele. Dabei ist es eine jeden Tag aufs neue mögliche Entscheidung zwischen dem Autopiloten und dem Befolgen der eigenen Träume und Ziele. Denn mit uns ist es wie mit den Igeln. So lange wir anderen ihre Freiräume lassen, sie nicht bedrängen und mit unseren geistigen Stacheln verletzen, so lange hat jeder von uns die Wahl, was er denkt, was seine Werte sind, wem er erlaubt, das eigene Leben zu bestimmen.

Freiheit ist keine Möglichkeit, Freiheit ist ein Fakt, das jene uns ausgetrieben haben, die von unserer gedanklichen Unfreiheit, der Unterwerfung in Hierarchien ihre Lebenskraft ziehen.

Es wird Zeit, uns diese Kraft wiederzuholen, sie wiederzuentdecken.

Jeden

einzelnen

Tag.

 

Es gibt keine Grenzen.

Weder für Gedanken, noch für Gefühle.

Es ist die Angst, die immer Grenzen setzt.

Ingmar Bergman