Jetzt weiß die Welt, dass ich Depressionen habe, gut so.

Das erste, was als Reaktion auf die 37° Sendung am Mittwoch „Viel mehr als Traurigkeit“ kam, war: Du bist ja mutig. Darauf kann ich nur erwidern. Nein, es war für mich eine Konsequenz, eine stringente Idee, geboren aus der Erkenntnis, dass ich mir selbst und meiner Umwelt jahrelang nicht eingestehen wollte, Depressionen mit mir herumzutragen. Das daraus resultierende, permanente Gefühl, nicht ganz richtig, irgendwie kaputt zu sein, brachte mir in letzter Konsequenz eine generelle Angststörung ein und die wiederum den Suizidversuch. Auf den bin ich so was von NICHT stolz, aber er war entscheidender Wendepunkt. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich eine Diagnose, eine Erklärung und was am schwerten wiegt, Hilfe.

Natürlich wäre es viel besser gewesen, das alles früher zu durchschauen. Da hat nicht zuletzt auch die schlechte Versorgung mit kassenzugelassenen Therapeuten ihren Anteil dran. Es gibt jede Menge Therapeuten, aber nur ein Bruchteil hat eine Kassenzulassung, wird also von der Krankenkasse bezahlt. Für mich bedeutete das 1 Jahr Wartezeit. Und was bei mir erschwerend dazu kam. Ich hatte und habe nie diese völlig antriebslosen Phasen, im Gegenteil. War ich tief in einer depressiven Episode, war erst recht produktiv. Scheisse drauf, aber produktiv wie Sau.

Dass all die Jahre meine Frau Sibylle so bedingungslos zu mir gehalten hat, ich kann es ihr gar nicht hoch genug anrechnen. Und jetzt, mit der Diagnose und einem wachsenden Verständnis für die Rahmenbedingungen und die Unheilbarkeit meiner Depression lernt die ganze Familie, besser damit umzugehen. Und ich übe mich in Selbstfürsorge. Denn noch etwas habe ich gelernt. Das Umfeld reagiert auf einen depressiven Menschen wie auf einen gesunden. Weil man die Depression eben nicht sieht. Nur weil ich wieder auf der Arbeit erscheine, bin ich nicht geheilt. Ich hab die Sache unter Kontrolle, solange keine Trigger für meine Angststörung mich überrollen. Darauf muss ich achten, die muss ich meiden, dann kann es gut laufen, auch längerfristig.dpress

Aber was ich schon während und auch noch nach der Sendung zum allergrößten Teil erlebt habe war Verständnis, Interesse und tolles Feedback. Ich habe mich mit meiner Depression öffentlich gemacht, exponiert und es ist nichts (schlimmes) passiert. Aber ich brauche mich jetzt nicht mehr dauernd zu erklären. Der nächste Schritt meines öffentlichen Umgangs mit Depressionen ist bereits vorbestellbar. Depression abzugeben: Meine Geschichte vom Suizid bis zur Entlassung aus der Klinik. Quasi die Rückkehr ins relativ normale Leben, denn der Alltag ist heutzutage oft wahnsinniger als alles, was mir in  den Kliniken begegnet ist. Deshalb auch keine Sorge. Das Buch ist durchaus sehr lustig, hat aber auch seine traurigen Momente. Mehr als mit diesem Buch kann ich mich nicht mehr exponieren, denn darin lege ich auch meine Defizite offen, die Erkenntnisse und die Wunden, die man mit sich trägt und die einen oft schmerzhaft niederwerfen.

Ich kann  nur sagen ja, wir sollten, nein wir müssen über Depressionen reden. Über psychische Krankheiten generell, damit das Stigmatisieren aufhört, damit mehr Menschen es wagen, sich Hilfe zu holen. Psychische Krankheiten sind behandelbar und es lässt sich mit der richtigen Hilfe dennoch gut mit ihnen leben. Aber dafür muss man es wagen, sich Hilfe zu suchen und zumindest das engere Umfeld, das sowieso mit den Unwägbarkeiten der Krankheit leben muss, auch aufzuklären.

Die Medien. Großmeister der Stigmatisierung

Großeinsatz in Saarbrücken, man vermutet einen Bewaffneten. Stellt sich heraus, der Mann, der dummerweise psychisch krank ist (welche psychische Krankheit erfährt man natürlich zuerst nicht, nur dass er so einer von diesen Irren sei) ist nur EINGESCHLAFEN und hat deshalb nicht gehört, als Mitangestellte ins Gebäude wollten.

Die Nachrichten klingen natürlich gleich nach wahnsinnig, psychisch völlig irre und gefährlich. Und bewaffnet.

Man weiß zwar nichts genaues, vermutet aber fröhlich rum, versetzt die Öffentlichkeit in Panik und bekommt Leser, Zuschauer, Klickzahlen.

Ich finde das ist BILD Niveau, das leider auch von den öffentlich rechtlichen gelebt wird. Statt abzuwarten, bis es gesicherte Erkenntnisse gibt, wird jede noch so hirnrissige Vermutung gleich aufgebauscht und breitgetreten.

Und später lädt man sich eine Diskussionsrunde ein, die sich in ihrer Weltsicht oft seltsam einig ist, und stigmatisiert fröhlich weiter. Statt einmal Betroffene einzuladen und ein differenzierteres Bild zu zeichnen, werden Klischees bedient, die einfach, erklärbar und meist falsch sind.

Und dann soll man den klassischen Medien noch trauen, sie konsumieren. Ne danke, ich will Fakten, keine Panikmache.

Depression ist voll im Trend, für den Moment

Wieder ist es ein Prominenter, der die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Thema Depression lenkt. Lewandowskis Tod ist eine Tragödie, ein Drama, bedrückend. Und nicht ohne eine gewisse Morbidität beginnen die Massenmedien wieder einmal auf den Zug „Psychische Erkrankung“ aufzuspringen. Aber nachhaltig ist dieses mediale und öffentliche Interesse meist nicht.
Er war offensichtlich depressiv? Halbwertszeit der Nachricht maximal eine Talkshow in der wieder jeder sich selbst auf die Schulter klopft, wie viel man doch für die adäquate Behandlung psychisch Kranker tue (wobei tun meist in Geld gemessen wird, nicht in wirklicher Hilfe).
Es waren auch andere vom Tod eines psychisch Kranken betroffen (Das Germanwings Phänomen)? Dann wird krampfhaft versucht, eine Verbindung zwischen der psychischen Erkrankung und der Tat zu knüpfen, alle mahnenden Worte, man könne das nicht verpauschalisieren und müsse Ergebnisse abwarten werden wegen falscher BILDung ignoriert.
Maximal 2 Wochen darf man einem psychisch Kranken an Aufmerksamkeit in den Medien gewähren, der Erkrankung selbst vielleicht einen Monat. Aber dann ist es wieder etwas, das man sich einbildet, bei dem man sich zusammenreißen solle und wo man doch schon das Menschenmögliche macht. Sicher. Wartezeiten von 6 Monaten bis zu einem Jahr sind das Menschenmögliche. Wenn das stimmt, dann Prost Mahlzeit.
Natürlich werden TV Dokus produziert, zum Teil sogar sehr gute. Aber die werden dann meist zu Terminen ausgestrahlt, wo man sicher sein kann, dass möglichst wenige Menschen, die etwas darüber lernen MÜSSTEN sie sehen.
TV Serien und Filme zeigen dagegen meist ein mangelhaftes bis schlicht falsches Bild der psychischen Krankheiten. Da wird der psychisch Kranke gerne mal zur Gefahr für sein Umfeld oder die Menschheit, da gibt es außer schwersten Psychopathen plötzlich nichts anderes mehr.
Selbst ich habe mich dieser Doktrin des Verschweigens untergeordnet. Meine Depression und meine Angststörung trage ich seit mehreren Jahrzehnten in mir, habe sie aber immer vertuscht, sogar vor mir selbst. Weil ich in meinem Umfeld und der Öffentlichkeit schnell gelernt habe. Es kann einem mal schlecht gehen, aber wenn das Umfeld merkt, dass man häufiger niedergeschlagen, gefühllos, traurig ist, dann wendet es sich gerne ab.
Und wie viele kluge Ratschläge, sowohl im privaten wie auch im beruflichen Umfeld kamen, die mir empfahlen, doch weiterhin darüber zu schweigen. Und meinen Suizidversuch schon gar nicht zu erwähnen.
Aber nicht, weil man mir wohlgesonnen war, sondern weil man um den eigenen professionellen Ruf besorgt war und ist. Leider halte ich die Klappe nicht mehr und bin mal gespannt, wie man mich in Zukunft zum Schweigen bringen will. Sorgen habe ich weniger. Meine Reichweite ist mittlerweile zu groß für eine echte Gefahr und mein Buch wird ein übriges tun.

Verdammt, ich will, dass psychische Krankheiten endlich ohne Stigma in der Öffentlichkeit behandelt werden. Denn sie sind wie ein Knochenbruch oder eine Krebserkrankung etwas, das sich behandeln und wenn schon nicht heilen so doch sehr viel verbessern lässt. Und sie sind in den allerseltensten Fällen gefährlich. Oder würden wir Grippe und Virusinfektionen verdammen, nur weil es einige lebensbedrohliche Krankheiten wie Ebola gibt? Da verpauschalisiert niemand, bei psychischen Krankheiten sehr wohl.
Und ich bin mir über eines sicher. Die Chance hätte bestanden, dass Lewandowski heute noch lebt, wenn nicht gerade auch für Leistungsmenschen wie ihn, die auch noch in der Öffentlichkeit stehen, eine psychische Erkrankung oder Überlastung trotz Robert Enke nach wie vor ein Stigma ist, das man auf jeden Fall verheimlicht. Ich möchte nicht wissen, wie viele vermeintlichen Burn Outs in Wirklichkeit zum Teil schwere Depressionen sind.

#endetdasStigma

Warum wir über unsere psychischen Krankheiten reden müssen

Bis 2015 sprach ich nicht darüber, dass ich eine Depression habe. Will sagen, ich gestand mir selbst nicht ein, eine psychische Krankheit zu haben. 2010 hatte man bei mir einen Burn Out diagnostiziert, der in der Krankmeldung als Depression aufgeführt wurde „weil die Kasse sonst nicht zahlt.“

Auch, als es mir 2013 erneut sehr schlecht ging, nahm ich an, ich habe mich nur überarbeitet. Erst der dritte Absturz, der 2014 begann, 2015 nach einer Reihe sagen wir mal unglücklich verlaufender beruflicher Gespräche in einem Suizidversuch kumulierte und mich in die Psychiatrie brachte, hat mir die Augen geöffnet. Frisch eingeliefert hatte ich die Wahl, erneut ein Gebilde aus Lügen und Selbsttäuschung zu errichten, um mich vor mir selbst und meinen Followern auf Twitter und Lesern auf Facebook und in  meinem Blog gut dastehen zu lassen, oder die ganze Wahrheit zu berichten. Ich entschied mich für letzteres, weil ich mich endlich meinem Dämonen stellen musste, den ich schon Jahre mit mir trage. Also begann ich, auf Twitter mit dem Hashtag #ausderklapse zu twittern und im Blog und auf Facebook den Therapieverlauf zu dokumentieren. Ich entschloss mich dazu, obwohl mir mein Umfeld zum Teil geraten hatte, ich solle es verschweigen. pic-15173365-mz8r8S

Und ich wurde im Internet erst recht aktiv, obwohl man mir vorschreiben wollte, wie und wann ich twittern darf und sogar empfahl „Mich aus diesem Internet zu löschen“ (kein Witz, das hat mir im Jahr 2015 tatsächlich ein Arzt geraten. Gut, dass man auch Ärzte nicht immer ernst nehmen muss). Man sagte, ich sei mutig, so darüber zu sprechen. Für mich war es mehr eine Art Lebensversicherung und Therapie, das, was ich seit Jahren versteckt und ignoriert habe endlich aus dem Versteck zu holen und bloßzustellen.

Aber es gab mir auch die breitere Öffentlichkeit recht. Internetplattformen, Dradio Wissen, Nordwestradio, alle berichteten sie von #ausderklapse und die Zahl von Menschen, die ich mit meiner Geschichte erreichen konnte, wuchs.

Und ich hoffe, dass die nächsten Schritte noch viel mehr Aufmerksamkeit für pychische Krankheiten und die Psychiatrie an sich hervorrufen werden.

Ende 2016 wird es einen Roman über meine Odyssee des Jahres 2015 geben, der bei Bastei Lübbe erscheinen wird. Und höchstwahrscheinlich wird es 2016 eine Dokumentation über Depressionen geben, bei der auch ich vorkomme.

Nein, es geht mir nicht darum, prominent zu werden. Aber wenn das dabei hilft, noch mehr Öffentlichkeit für psychische Krankheiten zu erreichen, dann soll es wohl so sein. Eigentlich sollen psychische Krankheiten prominent werden und das Wissen, dass man etwas tun kann, dass es Hilfe gibt, dass es besser werden kann.

Wir dürfen nicht mehr darüber schweigen, dass eine sehr große Zahl von Menschen an psychischen Krankheiten leidet und wegen des Stigmas, der Vorurteile nicht den Schritt zum Therapeuten oder in die Klinik wagt.  Denn viel zu oft endet die psychische Krankheit dann  wie bei mir in einem Suizidversuch. Ich hatte unglaubliches Glück, dass es nicht geklappt hat, denn alles sprach dafür. Aber es hat mir auch vor Augen geführt, dass ich mich nicht so einfach aus der Verantwortung stellen darf.

Lasst uns über psychische Krankheiten reden, sie aus dem Schatten zerren und ans Tageslicht bringen. Wenn wir damit nur ein Menschenleben retten, weil ein Mensch sich in Behandlung begibt, statt seinem Leben ein Ende zu setzen, dann ist es das wert.

Und für die Akten. Die letzte und nach meinem Erachten beste Diagnose bescheinigt mir schwere Depressionen, eine generelle Angststörung und einen Tick Soziopath bin ich wohl auch. Ihr seht, wenn ich was mache, dann richtig.