Wir leben, um zu arbeiten, um zu leben, um zu…

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Es gibt noch Dinge, für die man kein Geld braucht. Die Natur zum Beispiel. Aber keine Angst, auch das werden uns Konzerne sicher bald gegen Geld verkaufen.

Wir alle wollen Freude im Leben, Gesundheit, Wohlbefinden, Menschen um uns herum. Aber das ist leider nicht wirklich ökonomisierbar. Wer mit sich und seiner Umwelt zufrieden ist, der kauft nicht, der konsumiert nicht, der lebt.

Also leben wir in einer Welt, die uns immer mehr und immer häufiger unsere Defizit vor Augen führt. Nur mit diesem Auto, diesem Gadget, diesen Lebensmitteln sind wir hip, angesagt, in unserer Peergroup akzeptiert.

Und mit den zunehmenden Konsumanforderungen steigen auch unsere beruflichen Anforderungen. Mehr Konsum bedingt mehr Geld, bedingt mehr Konsum.

Es gibt diesen schönen Spruch: Viele von uns arbeiten für eine Wohnung, die sie den ganzen Tag nicht sehen, für ein Auto, das fast den ganzen Tag nur herumsteht und für das Essen, das sie sich teuer kaufen müssen, weil sie nichts selbst zubereiten können.

Erst wenn wir wieder lernen, von den Medien, den Politikern und den Unternehmen definierte Wertansprüche zu hinterfragenund nichts mehr nur hinzunehmen, weil die Gesellschaft das halt so macht, haben wir auch die Chance, unser Leben zu entschleunigen, wieder mehr Zeit für uns zu haben und Leben und Arbeiten als das zu sehen, was es ist, integraler Bestandteil unserer selbst, nicht Mittel, um von außen auf uns oktruierten Ansprüchen zu entsprechen.

Unsere beschleunigte Gesellschaft will uns mit allerlei Firlefanz versorgen, damit wir noch schneller mit dem fertig werden, was uns daran hindert, zu arbeiten oder zu konsumieren. Und wir werden dazu erzogen, zu konsumieren, immer effizienter zu sein, schneller zu sein, nicht zu trödeln oder gar zu faulenzen. Dabei entsteht Kreativität, Freude, Zufriedenheit auch aus Momenten der Ruhe.

Auto statt Fahrrad, Flugzeug statt Zug, elektrische Küchenhelfer statt gute Küchenutensillien, Fertigessen, Kantine oder Restaurant, statt selbst zuzubereiten. Die Liste lässt sich beliebig verlängern, alles Optimierungen, die uns als Mensch nicht voran bringen, die aber wirtschaftlich sinnvoll sind. Längst lassen wir uns vorschreiben, wie wir zu planen haben, wie wir noch effektiver unsere Aufgaben erledigen, um noch mehr in weniger Zeit zu schaffen.

Dabei wird dann gar nicht mehr hinterfragt, WAS man eigentlich noch mehr schaffen will und WARUM? Tun wir wirklich alles für uns, oder werden wir nicht vielmehr durch aufgesetzte Fremdbildvorstellungen zu Getriebenen, die immer häufiger versuchen, äußeren Ansprüchen zu genügen, anstelle das zu tun, was persönlich Freude bereitet.

Welcher Erwachsene spricht den wirklich offen und gerne darüber, dass er gerne spielt, faulenzt, mal nichts tut? Das ist heutzutage schon fast ein Makel, der bedeutet, man sei nicht wichtig genug.

Ich denke, wir haben es dringend nötig, unser gesamtes Wertegefüge unserer Gesellschaft zu überdenken. Zumal wir, auch wenn uns das Politik und Wirtschaft einreden wollen, schon längst nicht mehr beständiges Wachstum anstreben sollten, sondern um ganz ehrlich mit uns zu sein, unsere Ansprüche zurückschrauben sollten, damit auch die nachfolgenden Generationen noch in einer gesunden intakten Umwelt leben können. Aber das bringt ja dummerweise keinen Profit. Oder hat jemand eine gute Idee, wie man Verzicht verkaufen kann? Halt, doch. ein Ratgeber. Denn nichts ist in sich ein größerer Widerspruch als immer neue Ratgeber über das einfache Leben und den Konsumverzicht.

Und zum Abschluß, damit ich hier nicht gleich wieder als Gutmensch gebasht werde. Ich habe nichts gegen Konsum. Aber nicht um seiner selbst willen oder um die Wirtschaft anzukurbeln. Konsumieren sollte im sinnvollen Rahmen passieren und da sind wir heutzutage gerade mit all diesen Luxusartikeln wirklich weit jenseits von gut und böse.

 

Wider die Hochdruckgesellschaft

Wo immer ich hinschaue, es werden Spitzenleistungen gefordert. Und die Spitzenleistung von heute wird zur Normalität von Morgen.

Darunter leiden bereits unsere Kinder in einer immer mehr nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten optimierten (Aus-)Bildungsmühle, die Werte wie Moral, Ethik hinter ach so wichtige Dinge wie Fit sein für den Beruf, Vorbereitung aufs Hochdruck-Bachelorschulstudium und die danach folgende Arbeitswelt der Topleister stellt.

Und dann wundern sich Medien und Politik über immer mehr psychische Erkrankungen, über Burnout und eine heranwachsende Generation, die plötzlich Werte wie Familie und Freunde hinter Karriere stellt. Dabei zeigt sich doch nur. Das Individuum ist offensichtlich nicht so dumm wie die abstrakte Wirtschaftsmaschinerie.

Wer Hochdruck aushalten muß, der sucht sich Ventile, sucht sich Möglichkeiten, dem Druck zu entkommen. Und da die Wirtschaft immer noch den Fokus auf Wachstum, auf immer mehr Leistung und Umsatz setzt, statt Nachhaltigkeit, kippen auch immer mehr angebliche Lowperformer aus dem Gefüge.

Spitzenleistung kann auf Dauer niemand bringen, wenn die Spitze dauernd weiter nach oben gesetzt wird. Und wer die Prozesse statt an der einen oder anderen Stelle sinnvoll zu entschleunigen immer weiter beschleunigt, der wird früher oder später merken, dass sich Fehler häufen, dass Krankheitsraten steigen, Fluktuation sich erhöht und irgendwann plötzlich der Kunde immer unzufriedener wird und schließlich das eigene Image darunter leidet.

Der Spruch „In der Ruhe liegt die Kraft“ scheint heute dem „Geschwindigkeit um jeden Preis“ gewichen zu sein. Oder halten wir es wirklich für vernünftig und gesund, unsere Kinder mittlerweile bereits im Kindergarten auf das Berufsleben vorzubereiten? Ich erinnere mich noch an den Satz „nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“ Das gilt heute nicht mehr. Heute müsste der Satz lauten „nicht für die Schule, für den Arbeitgeber lernen wir“.

Wir sollten einen gesellschaftlichen Konsens erreichen, der nicht alleine auf Profit und Beschleunigung basiert. Es ist ein Irrtum zu behaupten, wir ertrinken in Informationen, wir sind Sklaven unserer Technologie. Das stimmt so nicht, denn das sind alles Werkzeuge. Was aber stimmt ist, dass wir Sklaven eines Dogmas sind, das den Wert des Menschen immer stärker auf seine berufliche (Spitzen-)leistung fokusiert, das alle Handlungen außerhalb der Arbeitswelt nur noch auf  „fit machen für den Beruf“ beschränkt. Und das gleichzeitig in immer größerer Zahl Arbeitslosigkeit produziert, weil man natürlich am liebsten ohne den zweibeinigen Kostenfaktor Mensch Profite erzielen will. Das Gehalt soll bitte möglichst gering sein, der Konsum aber möglichst hoch.

Es ist aber leichter, die Schuld für Überlastungen und ein Ertrinken in Technologien zu suchen, statt die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mechanismen zu hinterfragen, die Menschen dazu bringen, sich so von Informationen überfluten zu lassen. Dabei hilft es gar nichts, das Smartphone oder den Notebook auszuschalten, wenn man dadurch Probleme mit Vorgesetzten oder Kollegen bekommt, die im gleichen Trott stecken und die Erreichbarkeit als notwendig erachten. Wer immer noch in einer zeitbasierten Ökonomie arbeitet, in der die Entlohnung an der Erreichbarkeit und Anwesenheit hängt und nicht an zu erreichenden Zielen, der wird es sehr schwer haben, hier eine gewissen Entschleunigung einzubauen, da er ja nur dann tätig zu sein scheint (!!!) wenn er auch anwesend und erreichbar ist.

Sind wir wirklich so überrascht, dass diesem Irrsinn manche Menschen auch mit irrationalen Argumenten entgegentreten? Ist es wirklich so verwunderlich, dass psychosomatische Erkrankungen so stark zunehmen, wenn der normale Mensch keinen Ausweg aus einer immer schneller arbeitenden Mühle aus Arbeit und Konsum sieht?

Wir brauchen einen gesellschaftlichen Wertewandel. Das wird aber sehr schwer im Zeichen einer globalisierten Welt, in der alles der Prämisse „schneller sein als die Konkurrenz“ geopfert wird.

Ich habe kein Patentrezept zur Lösung dieses Dilemmas. Aber ich werde nicht müde, auf den Irrsinn hinzuweisen und ihn für mich selbst wo immer es geht nicht mehr mitzumachen. Denn der nächste Burn out lauert um die Ecke. Und nur, wer da einmal drin gesteckt hat, weiß, dass es auch persönliche Grenzen gibt, die zu verteidigen wichtig ist.

Nur ein Gedanke: Könnten Solar-Landwirte die Rettung für „klassische“ Landwirte sein?

Mir aufgefallen, auf einer kleinen Kurzreise durch die eigene hohenloher und Tauberregion. Es tauchen doch immer mehr grosse Ackerflächen auf, die nicht mehr herkömmlich zur Erzeugung von Futter- oder Nahrungsmitteln bewirtschaftet werden. Offensichtlich ist es mittlerweile für viele Landwirte wirtschaftlicher, Ökostorm zu erzeugen, als Lebensmittel. Was, wenn das grossflächig Schule macht? Könnte es dann nicht sein, dass früher oder später die Preise für Agrarprodukte wieder auf vernünftige und ehrliche Niveaus klettern, weil kein Landwirt, auch nicht im Ausland mehr bereit ist, für die Discounter am Hungertuch zu nagen?

Wie gesagt, nur ein Gedanke. Aber ein nicht gerade unattraktiver.

Sorgfalt und Schnelligkeit. Wenns schnell gehen muss gehts selten gut

Etwas, das ich mir vom „Markt“ wünschen würde wäre, dass neben der immer schnelleren Lieferung, Fertigstellung und der Bedingung, noch mehr zu optimieren auch Entschleunigung als Qualitätsmerkmal wieder gewinnen würde.

Es gibt Reparaturen, da wünsche ich mir eine hohe Sorgfalt bei der Bearbeitung, da muss es nicht schnell gehen, sondern richtig, sorgfältig, und qualitativ hochwertig. Ein Auto bringe ich in die Werkstatt, weil ich es möglichst so gewartet haben will, dass alles gemacht, alle Fehler gefunden alles sauber und gut durchgeführt wird. Das beisst sich manchmal aber damit, dass alle heute nur auf das Geld schauen, dass alles schnell gehen muss, und dann eben nicht wirklich so sorgfältig wie gewünscht. Auch in der Projektarbeit werden oft Zeitrahmen gesteckt, die eher auf Kostensparen durch möglichst schnelle Erledigung zielen, als auf Sorgfalt in der Ausführung.

Es wäre manchmal sinnvoll, die notwendigen Nachbearbeitungen mit einzuberechnen, wenn man ein Angebot schreibt, das zeitlich sehr eng gestrickt ist. Ich bin mir sicher, viele Grossprojekte der öffentlichen Hand wären dann auch in ihren Kostenschätzungen besser, wenn man ehrlich ein gewisses Maß an Verzögerung, and Sorgfalt in die Planung mit einbeziehen würde. Wenn ich einen Handwerker habe, der mir die Fliesen an die Wand knallt oder die Küche so schnell wie möglich installiert, dann ist das Risiko hoch, dass dabei etwas falsch läuft, vergessen wird oder einfach so gemacht wird, wie immer, anstelle sich auf eine neue Gegebenheit einzulassen.

Wir sollten wieder entschleunigen. In allen Bereichen.

Im Moment geht oft Quantität vor Qualität. Schade eigentlich. Oder, was ich immer gerne anbringe: Effzienz vor Effektivität 😉

Wir müssen nicht „Jungs fördern“ sondern eine menschliche Gesellschaft fordern

Die TAZ berichtet: Neue Männerpolitik braucht das Land. Das denke ich nicht. Was wir brauchen ist ein wirklicher Kulturwandel. Eine Gesellschaft, die nur auf Leistung, auf Erfolg, auf berufliche Karriere schaut, die Menschen ohne Arbeit konsequent als faul abstempelt und sie am Rande des Existenzminimums oder gar darünter dahinvegetieren lässt, die fördert geradezu agressive Jugendliche, Stress in der Schule und Angst vor der Zukunft. Wir wollen immer und überall Spitzenleistung. Dabei vergessen wir nur zu oft, dass auch die beständigen Durchschnittsleister wichtig sind, denn sie sorgen dafür, dass die Maschine weiterläuft. Nicht die „Highperformer“ halten die Rädchen am Laufen.

Und wer sagt schon, dass ein Highperformer in einem Gebiet nicht eine Niete in vielen andern Gebieten ist. Wenn ich mir oft betrachte, wie unwissend in vielen Bereichen die sogenannten Experten in Fernsehshows sind, dann fällt mir sehr oft Dieter Nuhrs Spruch: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten“ ein.

Wir sollten wieder Zeit zum Leben gewinnen und nicht den Takt im Hamsterrad so lange beschleunigen, bis Burn Out und psychische Probleme der ständige Begleiter aller Arbeitnehmer wird.
Effizienz lässt sich nicht endlos steigern. Und wofür arbeite ich, wenn ich letztlich meine Wohnung nur noch kurz zwischen nach hause kommen und ins Bett fallen sehe, wenn meine Familie mich fragt, warum ich so selten zu hause bin.