Danke. Damit falle ich schon mal durch die berühmte Tür ins Haus. Danke für euren Zuspruch, euer überwältigendes Interesse an meiner Geschichte.
2015 dachte ich, das wars mit meinem Leben. Mein Umfeld hatte mir übel mitgespielt, man hatte versucht, mich zum Schweigen zu bringen über meine Krankheit, meine Geschichte. Und dann entstand aus einer Verkettung von Zufällen dieses Buch. Weil ihr auf Twitter Interesse an meinen Gedanken #ausderklapse zeigtet.
Dadurch wurde ein Literaturagent auf mich aufmerksam, der zum ersten Mal den Gedanken ins Spiel brachte, meine Geschichte, mein Erleben wäre relevant genug, interessant genug, zwischen die Deckel eines Buchs gepresst zu werden. Und ein Verlag vertraute der Idee so sehr, dass ich tatsächlich verlegt wurde. Etwas, das ich nicht mal zu träumen gewagt hatte. Ich ein Autor? Und jetzt, nach nun knapp über 3 Jahren sogar mit einigem Erfolg? Niemals! Doch, ich sollte ehrlich sein.
Als damals oft gemobbter und zuhause nicht wirklich geliebter Jugendlicher habe ich sehr schnell für mich Kunst, Literatur als Fluchtpunkt entdeckt. Ein Traum war es, den ich aber ohne jede Hoffnung auf Realisierung träumte. Etwas von Bedeutung schaffen, etwas, das die Welt für mich und für uns alle etwas besser hinterlässt. Ihr habt diesen Traum war werden lassen. Ich bin kein Star, das wollte ich auch nicht. Aber jetzt hat mein Leben mehr Bedeutung, mehr Verantwortung, mehr Gewicht als jemals zuvor. Ich kann Menschen helfen, ich, als Person, kann Bedeutsames bewegen.
Das verdanke ich nur euch, meinen Lesern, Followern, Unterstützern.
Ich bin kein Schauspieler geworden, kein Kunstmaler. Alles Jugendträume eines Kindes, das so etwas wie Zuneigung und Freundschaft erst ganz spät erfahren hat.
Ihr habt mir gezeigt, dass ich mehr bin als nur ein Stück irrelevanten Daseins ohne Weg, Wert oder Ziel. Jetzt gibt alles irgendwie Sinn. Jetzt fühle ich mich zumindest als Mensch anerkannt, der Wünsche, Träume, Ziele hat. Euer Feedback ermutigt mich, weiter zu kämpfen. Eure Leserbriefe, die Gespräche auf Lesungen. Es zeigt mir, dass ICH als Person einen Wert haben kann.
Und gleichzeitig habe ich gelernt, dass dieser Wert immer schon da war. Nur vergraben unter Selbstzweifeln, Ängsten und Traumata. Ich bin immer noch nicht ganz frei davon. Aber ihr meine LeserInnen seid es, die mich weitermachen lassen.
Dafür möchte ich euch von ganz tiefstem Herzen danken. Es ist nicht selbstverständlich und ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass ich tatsächlich Autor geworden bin, dass Menschen mein Buch mögen, dass sie gar etwas für ihr eigenes Leben daraus ziehen können.
Ein größeres Geschenk gibt es nicht. Ich bin nicht reicher an materiellen Werten, definitiv nicht, aber als Mensch bin ich endlich in der Lage, der Welt entgegenzuhalten: DAS BIN ICH. Und ich bin gut so, wie ich bin. Das sind wir alle, das seid ihr alle.
Aber ihr habt einen großen Anteil an meinem Wandel, vermutlich weit größer als alle Therapeuten und Kliniken zusammen.
Und gerade helft ihr mir mit eurem Zuspruch, wieder aus einem Tal zu kommen, kämpft mit mir gegen meinen ganz persönlichen schwarzen Hund.
Danke. Ich bin so unendlich dankbar. Ihr habt mich verändert, vielleicht sogar weit mehr als ich euch. Wir sind viele und wir kämpfen alle einen Kampf, den wir gemeinsam besser schaffen, eher gewinnen.
Es begann bereits mit diversen Lesungen und Interviews zu meinem Buch „Depression abzugeben„. Ende 2017 hatte ich noch in meinem Umfeld prognostiziert, dass spätestens 2018 das Interesse an meinem Buch, meiner Geschichte abflauen würde. Aber das Gegenteil war und ist der Fall. Das Interesse bleibt konstant hoch.
Dann das Vertrauen, das Bastei Lübbe in meine Fähigkeiten als Autor hatte und das in einem neuen Buchprojekt mündete, das nun am 29. März erscheinen wird.
Ich kann definitiv sagen, 2018 war ein sehr erfolgreiches Jahr, mit vielen Überraschungen, sehr positiven Begegnungen und vielen neuen Chancen. Und es wird 2019 weitergehen. Unter anderem mit einer Lesung in der Zentralbibliothek in Frankfurt, einem Mutmacher Event in Düsseldorf und einem Workshop auf dem evangelischen Kirchentag in Dortmund. Und natürlich mit dem Erscheinen des neuen Buchs „Lieber Papa, bist du jetzt verrückt?“ meiner Tochter mit mir als Co-Autor.
Danke allen, die mich auf diesem Weg begleitet haben und noch begleiten, danke meinen Freundinnen und Freunden, namentlich Dana Diezemann, Kristina Wilms und Andreas Kernchen, danke insbesondere meiner Familie für Geduld und viel Unterstützung.
Und 2019 werde ich weiter gegen die Stigmatisierung psychischer Krankheiten und für mehr Aufklärung kämpfen. Denn wir sind schon weiter als noch vor ein paar Jahren, aber lange noch nicht weit genug.
Bis dahin euch allen ein gesegnetes und möglichst glückliches Jahr 2019 und einen guten Rutsch!
The Road Not Taken
Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;
Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that, the passing there
Had worn them really about the same.
And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads to way,
I doubted if I should ever come back.
I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I-
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.
Am 27. September reiste ich auf Einladung von Dana Diezemann mit dem Auto nach Stuttgart zu Horads 88,6, dem Hochschulradio aus Stuttgart.
Schon im Vorfeld hatte Dana meine Familie und mich besucht, um ein eigentlich nur kurzes Vorgespräch zu führen und damit die Sendung vorzubereiten. Aber wie es so ist, wenn Menschen mit besonderen Geschichten aufeinandertreffen, aus einer wurden über 5 intensive und sehr persönliche Stunden, gefüllt mit Erlebnissen, Emotionen und Geschichten.
Was daraus als Extrakt in knapp einer Stunde Talkshow wurde, lässt sich meiner Meinung nach hören. Zwar kann eine Stunde nur an der Oberfläche kratzen, aber ich denke, es sind einige wichtige Kernaussagen zur Sprache gekommen, die zeigen, dass es nicht eines Suizidversuchs bedarf, um eine Depression anzugehen und sich helfen zu lassen. Depressionen sind keine Charakterschwäche sondern eine Krankheit. Das wurde klar. Und auch, dass es oftmals eines persönlichen Schicksalsschlages bedarf, um sein Leben zu überdenken. Aber eigentlich sollten wir uns immer hinterfragen, ob wir wirklich das Leben führen, das wir wollen oder nur anderen gerecht zu werden versuchen.
Danke Dana für diese tolle Gelegenheit, danke Horads 88,6 für den Sendeplatz für meine Geschichte und wer das Ganze verpasst haben sollte, bei Soundcloud gibt es meine Sendung und noch einige andere spannende Talkgäste zum Nachhören. Und eines noch. Niemand muss seine Krankheit, seine Geschichte so öffentlich machen, wie ich das tue. Für mich hilft es bei der Heilung. Aber was ihr tun solltet. Vertraut euch Menschen an, die euch etwas bedeuten, denen ihr vertraut. Und wenn ihr niemanden habt, dann sucht euch professionelle Hilfe von einem Arzt oder Therapeuten. Ihr seid nicht schwach, ihr kämpft einen schweren Kampf gegen einen mächtigen Dämonen. Ihr seid nicht charakterschwach, ihr habt eine sehr ernste Krankheit, die man aber behandeln kann.
„Depression abzugeben“ war für mich kein Buch, das ich wegen des Geldes geschrieben habe. Es war auch kein Buch, mit dem ich Ruhm und Ehre zu erlangen gedenke. „Depression abzugeben“ ist meine Geschichte, ein Stück Wahrheit, verpackt zwischen zwei Buchdeckeln, niedergeschrieben auf 432 Seiten.
Und es war ein schwerer Schritt, so sehr in die Öffentlichkeit zu gehen, mich so sehr für andere Menschen zu öffnen. Aber letztlich war das Öffnen meiner Seele, meines Wesens für mich der wichtigste Schritt zur Heilung. Daraus entstand zunächst über die Tweets #ausderklapse der Wunsch, andere an meinem Heilungsprozess teilhaben zu lassen. Weil ich spürte, in den Feedbacks lesen konnte und aus eigener Erfahrung erlebt hatte, wie schwer es immer noch fällt, über psychische Erkrankungen zu sprechen. Wie sehr mir meine Leser und die Medien recht geben würden, das hat mich zutiefst überrascht. Zeitungen, Radiosender, selbst das Fernsehen zeigt ehrliches Interesse.
Aber was mich am meisten überwältigt sind die Reaktionen der allerwichtigsten Menschen, meiner Leser. Nicht nur, dass „Depression abzugeben“ tatsächlich viel gekauft wird. Nicht nur, dass es da draußen Menschen gibt, die ein ehrliches Interesse an meiner Geschichte haben. Die Rezensionen, oh diese Rezensionen. Ich dachte immer, Kritik bereite mir Schwierigkeiten. Aber das so überaus positive Feedback, die vielen fünf Sterne Bewertungen (als ich das hier schreibe alleine 18 Stück bei Amazon), die wundervollen EMails, Postkarten, Briefe. Danke, DANKE, DANKE!
Ich bin kein Bestsellerautor, kein Schriftsteller, sondern ein Mensch, der hofft, durch seine Erfahrungen anderen helfen zu können. Und es scheint zu gelingen. Großartig. Einfach Großartig.
Aber einen Mitarchitekten dieses Buchs darf ich nicht vergessen. Bastei Lübbe, die mein Manuskript als einer von drei Verlagen wirklich veröffentlichen wollten, die an meine Geschichte glaubten Und dort besonders, Cindy Witt, Ragna Sieckmann und Angela Kuepper. Drei Frauen, die mich ermutigen, unterstützen, zu viel loben (geht das eigentlich) und die mein Debut fantastisch begleitet haben.
Und ein besonderer Dank geht auch an meinen Agenten Eric Riemenschneider, der nicht nur an meine Geschichte sondern auch mein Schreibtalent und den Erfolg des Ganzen geglaubt hat.
Ich verneige mich vor so viel Vertrauen und kann nur ergänzen. Auch das war Heilung. Sogar ein sehr großes Stück Heilung.
Danke euch allen, ihr habt mich auf meinem Weg unterstützt und tut es durch täglich neues, unglaublich ermutigendes Feedback jeden Tag aufs neue.
„Das Leben ist ein Roman, für dessen Happy End zu selbst verantwortlich bist.“
Und ja, auch wenn es der eine oder andere rührselig oder kindisch empfinden wird. Auch nach diesem Text stehen mir Tränen in den Augen. Weil ich die Veränderung spüre, weil ich noch am Leben bin, sein darf, sein werde und weil ihr alle mir ein klein wenig zurück ins Leben geholfen habt.
Auch dafür sei euch allen nochmals herzlich gedankt.
Ich weiß weder, ob mein jetziger Verlag Interesse an einer Fortsetzung haben wird noch, ob sich ein anderer Verlag findet. Aber das ficht mich nicht an, bereitet mir doch das Schreiben an sich Freude. Hier also für alle, die nach der Lektüre von „Depression abzugeben“ etwas weiteres Futter wollen eine kleine Leseprobe von Band zwei, der im Moment den Arbeitstitel „Freilandhaltung“ trägt.
Sie sind entlassen
Ich habe überlebt. Drei Kliniken, drei Versuche, mir auf die Schliche zu kommen, meine Krankheit zu erkennen, zu verstehen, zu heilen. Und irgendwie fühle ich mich dennoch nicht anders, nicht sicherer, nicht verändert.
Ich bin rein in die Psychiatrie mit der Diagnose schwere Depression und Suizidversuch. Dann hat man noch meine Ängste ausgegraben. Nicht die, die wir alle haben, wenn es dunkel ist und man alleine unterwegs. Wenn man sich fragt, ob man den Herd wirklich ausgemacht hat.
Es sind existentiellere Ängste, manchmal nur für einen selbst fassbar, Ängste vor Jobverlust, Ängste vor den Meinungen anderer und ja, in letzter Konsequenz selbst die Angst vor der Angst. Und da bin ich immer noch richtig gut. Wenn andere schon längst abwinken, weil das doch alles unrealistisch ist, kann ich mir immer noch eine weitere Eskalationsstufe der persönlichen Katastrophe vorstellen.
Und eine Agoraphobie, also eine Phobie vor großen Menschenmengen habe ich obenauf. Nicht, wenn ich auf der Bühne stehe, da ist der Begriff Rampensau wie für mich gemacht. Aber danach, in der Menge, das Bad ist für mich ein Bad wie direkt aus Psycho.
Die Sonne scheint ausnahmsweise an diesem Morgen. Diesem ersten Morgen, an dem ich wieder zur Arbeit gehen werde. Nicht gänzlich normal, denn ich werde wiedereingegliedert nach dem Hamburger Modell, und das hat nichts mit der Fast-Food Kette zu tun, auch wenn mir die Aussicht ähnlich auf den Magen schlägt wie mancher Besuch bei eben diesem Burgerbrater es in der Vergangenheit getan hat.
Mein Frühstück heute bestand wie eigentlich immer, wenn ich zuhause bin aus einer frisch gebrühten Tasse Kaffee und dem Lesen der neuesten Nachrichten auf meinem Smartphone. Das vermutlich hätte bei manchen meiner Gott sei Dank hinter mir liegenden Therapeuten zu mahnenden Fingern und Worten geführt wie: »Aber Herr Hauck, sie müssen doch etwas essen. Aber Herr Hauck, doch nicht jetzt schon das Smartphone.« Und wahrscheinlich auch die Ermahnung meines speziellen Therapeuten des Grauens. »Herr Hauck, ich fürchte, sie sind Internet süchtig.« Was hat der mich mit seinem Blödsinn auf die Palme gebracht. Gott sei Dank hatte ich damals Juliane in der Klinik, die mich wieder eingefangen hat. »Das machen die doch absichtlich, damit du endlich mal auf Krawall bürstest.« Sie hatte wohl recht damit, oder zumindest war das für mich eine Aussage, die das ganze Theater etwas erträglicher gemacht hat. Aber genervt hat es trotzdem und mein Vertrauen in die objektive Betrachtung meiner Person hat es damals für lange Zeit kaputt gemacht.
Es ist an der Zeit, mich auf den Weg zu machen. Weil es einfacher ist, und weil es meine Grundstimmung nach all den Erkenntnissen aus einem halben Jahr Therapie und ebenso langem Warten auf dieselbe am besten repräsentiert, trage ich schwarz. Komplett, Socken und Unterwäsche inklusive. Ich musste deshalb wochenlang erklären, dass niemand verstorben ist, dass ich keine Trauer trage. Manchmal hab ich dann gesagt, doch, ich trag Trauer über all die dummen Fragen und Ratschläge, die ich auch jetzt noch bekomme.
Ich fahre wieder mit dem Rad. Endlich. Das ist auch der einzige Sport, den ich betreibe. Das mit diesem: »Kaufen Sie sich Joggingschuhe und gehen Sie regelmäßig laufen«, das mir der Arzt nach meinem Burn-out damals geraten hat. Ja, ich habe es ein halbes Jahr gemacht. Hab dabei ordentlich Gewicht verloren. Und nach und nach die Lust, im Kreis zu rennen, japsend und jedes Mal genervt zu hause anzukommen. Also hab ich es gelassen. Gut, wenn mir ein Arzt wieder mal die scheinbar alles entscheidende und das Leben sofort gesund und glücklich machende Frage stellt: »Treiben Sie Sport«, antworte ich natürlich strahlend und hochmotiviert »Aber ja, ich fahre Fahrrad.« Dass das dann jeden Tag gerade mal 6 Kilometer zur Arbeit und zurück sind und ich die Hälfte davon ganz entspannt rollend absolviere: Kann man erwähnen, muss man aber nicht. Das ist etwas, dass ich in den Kliniken gelernt habe. Immer schön aufpassen, was für ein Mensch vor dir sitzt, welches Weltbild er für das selig machende hält. Und dann auswählen, was dir gefällt. Denn wenn man allen Ratschlägen jedes Therapeuten folgen würde, der den eigenen Lebensweg bzw. Leidensweg streift, man müsste sich permanent und teilweise radikal ändern.
Ich schnappe mir meinen Rucksack, gebe Sibylle und den Kindern einen Abschiedskuss und steige aufs Rad, das draußen vor der Haustür bereits wartet. Noch den Mini-Kopfhörer aufgesetzt, Alanis Morisette als Mixtape gestartet und los geht’s. Freue ich mich eigentlich auf die Arbeit? Ist irgendwie schwer zu sagen. Momentan hab ich wohl eher Angst vor dem, was mich erwartet. Angst, wieder die gleichen scheinbar guten Ratschläge zu kriegen, auf Unverständnis zu stoßen oder vielleicht sogar irgendwann die Kündigung in Händen zu halten. Okay, Letzteres ist wohl meinem Drama-Queen Anteil geschuldet.
Das surrende Geräusch der Reifen auf dem Asphalt klingt ungewohnt nach der langen Zeit ohne Fahrradfahren. Die Felder sind leer, es ist kalt aber kein Schnee pudert die Landschaft ein, es ist eher grau und trist. Dann wechselt die Umgebung und ich gelange in die Außenbezirke meines Arbeitsortes. Typische Einfamilienhäuser, so sauber und gepflegt wie austauschbar. Genau wie die Leben, die darin geführt werden. Vor jedem Haus parkt mindestens ein Auto. Gewaschen, gepflegt, auf Pump gekauft. Wie wohl auch das Haus, die Einrichtung, das ganze Leben. Auf Pump, geliehen, nicht das eigene sondern das, was man denkt, führen zu müssen.
Auf den Gehwegen sieht man viele Gestalten, die entweder noch gar nicht aufgewacht sind, oder für den Weg zur Arbeit beschlossen haben, dass man da auch mit noch halb wachem Verstand gut bedient ist. Wobei, eigentlich dürften viele auch während des Arbeitstags ihren Verstand irgendwo draußen zum Spielen geschickt haben, denn eigenständiges Nachdenken ist ja… Ich merke, ich muss aufpassen, ich eskaliere schon wieder Dinge, die mich auch nach den Therapien am Normaltag der Mehrheit stören. Dinge, die ich schon vor einem Jahr nicht für richtig gehalten habe und die ich auch heute ablehne. Aber leider bin ich nicht in der Situation, hier etwas ändern zu können. Nur darüber schreiben, das kann ich.
Denn seit der stationären Therapie arbeite ich an meinem ersten Buch. Ein Literaturagent war damals auf mich zugekommen und hatte gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könne, aus den Tweets, die ich #ausderklapse gesendet habe, ein Buch zu machen. Die Mail kam mir damals zunächst wie ein schlechter Scherz, wie Spam vor.
Mein Leben, eine Geschichte? Das Leben, das ich gerade sehr talentiert vor die Wand gefahren hatte? Meine Zeit in der Klapse wert, beschrieben zu werden? Die Antwort auf die Mail habe ich zunächst verschoben. Das Konzept an sich fand ich damals faszinierend, wollte ich doch als junger Erwachsener ernsthaft Journalist oder Schriftsteller werden. Aber mein nach Sicherheit suchender Teil meiner selbst riet mir intensivst davon ab, so daß aus mir dann doch ein eher langweiliger Informatiker wurde, weit weniger kreativ als ich es eigentlich werden wollte. Aber da hatte insbesondere meine Mutter ganze Arbeit geleistet und so viel Angst, so viel Unsicherheit in mich gepflanzt, dass mir die Gefahr weit größer schien als die Chance, etwas kreatives zu erlernen, etwas künstlerisches.
Ich schwenke in die Straße ein, in der auch das Bürogebäude meines jetzigen Arbeitgebers liegt. Von allen Seiten, aus Parkhaus, Bushaltestelle und Fußwegen strömen Menschen ins Gebäude. Ein Blick auf die Uhr: 8:00 Uhr. Auch wenn man eigentlich Gleitzeit hat und die Arbeit beginnen kann, wann man will so ist es hier wie wohl in vielen anderen Unternehmen auch. Die Mehrheit schätzt den klassischen 8 Stunden Tag von 8:00 Uhr bis 16:30. Dann ist die Rush-hour, dann sind die Busse überfüllt, dann stauen sich die Menschen vor der Eingangstür. Man mag immer wieder hören, dass Menschen nach Individualität streben, nach anders sein. Aber die Mehrheit definiert eine Norm und betrachtet jeden sehr kritisch, der sich ihr nicht vollumfänglich unterwirft.
Es ist soweit. Zwar hatten viele große Versender und Buchhandlungen „Depression abzugeben: Erfahrungen aus der Klapse
“ bereits seit Beginn der Woche auf Lager. Heute aber ist der offizielle Erscheinungstermin meines Sachbuchs über meine Aufenthalte in der Psychiatrie und was ich dort an traurigem wie lustigem, an beängstigendem wie ermutigendem erlebt habe.
Und diejenigen, die bereits vorab ein Exemplar bekommen haben senden mir überwiegend ein sehr positives Feedback. Das freut mich sehr, denn die Botschaft des Buchs ist mir sehr wichtig. Ein Ende des Stigmas psychische Krankheit und Mut, sich behandeln zu lassen. Einer flog übers Kuckucksnest war einmal, heutzutage ist man viel weiter.
Disclaimer: Wer sich hier erkannt fühlt und nicht namentlich genannt wurde ist, wie bei allen meinen Postings, sei es hier oder in Social Media NICHT GEMEINT. Weitere Post brauche ich wirklich nicht.
2016. Das Jahr eins nach meinem Suizidversuch. Und schon zu Beginn ein holpriger Start. Zu schnell wollte ich wieder zu perfekt sein. Das endete erst mal wieder in der Tagesklinik. Danach ein 12 wöchiger Neustart, der mich endlich wieder zurück in einen „normalen“ Arbeitsprozess brachte, zumindest was meinen Hauptberuf angeht. Daneben letzte Arbeiten an meinem ersten in einem klassischen Verlag erscheinenden Buch. Bastei Lübbe wurde für mich in diesem Jahr endgültig zu meiner literarischen Heimat, auch dank toller Menschen, die mich in der Entstehung des Buches unterstützten. Danke Cindy Witt, danke Angela Kuepper, danke auch Ragna Sieckmann und Tina Pfeifer, die sich um Autor wie Buch wirklich toll gekümmert haben. Weder wurde irgendwie kritisiert, dass die Erzählung von geplanten 250 Seiten auf notwendige 430 Seiten anwuchs, noch wurde der Inhalt wesentlich verändert, der zu 100% aus meiner Feder stammt. Und das Lob von dir liebe Angela sowohl über Projekt als auch Inhalt. Es haut mich noch heute von den Socken, wenn ich die EMail mal wieder hervorkrame. Und damit hat sich meine Berufsbezeichnung speziell in den Online Medien geändert. Ich bin jetzt Autor und weitere Bücher sind bereits in Planung bzw. im Entstehen.
Und dann war da auch noch die 37° Reportage „Viel mehr als Traurigkeit“, geplant und organisiert von Wibke Kämpfer. Das Team war sehr einfühlsam, die Drehs so authentisch wie möglich und das Endergebnis spricht glaube ich für sich. Ja, ich weiß, eigentlich war das ganze zu kurz, aber so ist nun mal das Format von 37° und mir war insbesondere wichtig, dass das Thema Depression im öffentlichen Fokus bleibt, damit endlich die Stigmatisierung psychisch Kranker endet. Auch hier waren die Reaktionen überwältigend positiv, wenig Kritik viel Dank für die offene Kommunikation und für mich Bestätigung, dass ich mit meiner Strategie richtig liege.
Auch die re:publica 2016 war für mich etwas ganz besonderes. Meine erste re:publica mit eigener Session und dann noch gemeinsam mit Kati Krause über mein Herzensthema: Social Media und Depression. Nicht nur dort, auf der re:publica war der Zuspruch phänomenal. Die Medien wurden aufmerksam.
Elektrischer Reporter, bayrisches Fernsehen, Südwestpresse, Huffington Post Deutschland, die Liste verlängert sich im Moment täglich. Man war besorgt, ob ich diese Öffentlichkeit verkrafte, ob das alles nicht zu viel für mich sei. Nein Leute, im Gegenteil, es ist für mich ein Quell neuer Motivation, mich weiter mit meiner Krankheit auseinanderzusetzen und anderen Menschen aus dem Versteck zu helfen und die Angst vor der Krankheit und der Behandlung selbiger zu nehmen.
Die Buchmesse 2016 war für mich die erste, die ich nicht nur als Autor sondern auch als Fachbesucher besuchte. Gespräche mit meinen Verlagsansprechpartnern, neue Menschen, die mich, ein völlig neues Gefühl, erkannten und sich fast wie Fans benahmen. Es baute ungemein auf und stärkte mich in einer Phase, in der ich noch sehr verletzlich und unsicher war. Zu Beginn war ich Autor laut meiner Visitenkarte. Am Ende fühlte ich mich auch wie ein solcher. Danke allen, die sich dort mit mir getroffen und ausgetauscht haben. Besonders auch Firas Alshater, ein Mensch, den ich bewundere und dessen Buch ich nur jedem ans Herz legen kann, der einen Blick in eine syrische Seele werfen will, erfahren will, was Menschen wirklich in Syrien erleiden und wie es sich anfühlt, als Flüchtling nach Deutschland zu kommen, dem Königreich des Papierkriegs. Danke Firas, dass du für mich Zeit hattest, danke für dein Buch, danke, dass ich dich kenne. Und danke Jan. Was du mit Firas zusammen auf die Beine gestellt hast und stellst, ist einfach großartig!
Das Barcamp Glück von Lotto BW war ein weiterer spannender Event. Klein aber fein, Gelegenheit, neue Menschen mit ihren Geschichten kennenzulernen, meine Geschichte zu erzählen und erneut in den Austausch zu gehen, zu reflektieren und dem Thema des Barcamps geschuldet auch zu lernen, wie viel Glück ich auch im Unglücksjahr 2015 hatte.
Anfang November dann der von mir schon erwartete Rückfall, kurz, voller Missverständnisse und in seinen Auswirkungen auf mein Umfeld von mir so nicht erwartet. Nicht jede Reaktion war schön, nicht alles kann ich rückblickend verstehen, aber ich habe gelernt, ich muss auch nicht alles verstehen. Ich muss lernen, damit umzugehen, andere Sichtweisen oder Interpretationen zu akzeptieren. Aber ich muss sie mir eben auch nicht mehr zu eigen machen. Zwar gab es Kommunikation, insbesondere mit meiner Frau, die ich bis heute nicht akzeptieren kann. Aber hey, warum aufregen, es gibt wichtigeres.
Dieser Knüppel im Weg meiner Heilung war aber nicht lange ein Hindernis. Schulen und Schüler warteten und warten auf Aufklärung, darauf, meine Geschichte zu hören. Schwäbisch Hall, Heilbronn, Winnenden und Ellwangen im neuen Jahr sind nur einige. Ich bin allen bislang besuchten Schulen und Schülern für ihr Interesse und für die wirklich sehr intelligenten und teils schweren Fragen sehr dankbar. Und ich werde meine Geschichte weiter erzählen, in der Hoffnung, dass sie weiterhin das bewirkt, was schon in der Zeit der Tweets #ausderklapse passierte. Menschen, die sich wegen meiner Initiative mehr um sich selbst kümmern, Menschen, die zur Sicherheit einen Therapeuten aufsuchen, Menschen, die anderen betroffenen Menschen zur Seite stehen.
All jenen, die aus meinem Beispiel etwas für sich herausgeholt haben sage ich danke. All jenen, die Menschen mit psychischen Erkrankungen sei es beruflich oder privat als Freund oder Angehöriger beistehen sage ich erst recht DANKE. Ihr tut etwas ungeheuer wertvolles und es kann durchaus sein, dass ihr im wahrsten Sinne des Wortes ein Leben rettet.
Mein allergrößter und nicht wirklich vollumfänglich ausdrückbarer Dank gilt aber meiner wundervollen Frau Sibylle, die mir die ganze Zeit zur Seite stand, die unglaubliches geleistet hat in der Zeit, die für mich die schlimmste meines Lebens war und die mir dort wieder herausgeholfen hat.
Am 13. Januar 2017 endlich auch physisch im Buchhandel verfügbar, ich hoffe auf viele Leser und viel Feedback
Und danke meinen drei wundervollen Kindern. Euer Zusammenhalt, eure spürbare Liebe zu mir, auch als ich eben nicht der Vater war, der ich sein wollte, das alles kann ich euch gar nicht hoch genug anrechnen. Ihr seid wundervolle, starke, mutige, kluge, empfindsame und besondere Menschen. Bleibt so. Es gibt viel zu wenige von dieser Art.
2017 wird für mich das unglaublichste Jahr überhaupt. Weitere TV Auftritte, am 13. Januar 2017 erscheint endlich mein Buch „Depression abzugeben“. Weitere Artikel, Aktionen, vielleicht sogar Lesungen. Wer weiß, was noch alles kommt. Nur eins weiß ich. Ich werde weiter laut, aktiv, ein Lobbyist sein für all jene, die sich noch nicht offen zu ihrer psychischen Krankheit zu bekennen wagen.
Mein Brot- und Butterberuf soll wieder normal laufen, aber ebenso bleibe ich Autor, Blogger und „Aufklärer“ über Depression, psychische Krankheiten und Suizidprävention und werde auch 2017 den Blog mit Blick auf diese Themen weiterführen. Und wer weiß, vielleicht gibt es dann neue Perspektiven für den Autor Uwe Hauck und seine Buchprojekte. 2016 war für mich trotz all der Dramen, der traurigen Verluste und des zukünftigen Horrorpräsidenten der USA ein aufwühlendes, spannendes, neue Wege ebnendes Jahr. 2017 darf kommen, aber bitte mit weniger Drama und mehr guten Wendungen.
Euch allen wünsche ich ein wundervolles Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2017. Ich genieße die Vorweihnachtszeit zum ersten Mal seit Jahren wieder wirklich. Wir lesen uns 2017. Dank euch allen, die ihr mir zur Seite standet, sei es virtuell oder real. Ihr habt mir mehr geholfen, als ihr euch vorstellen könnt.
Spätestens seit dem ersten Verlagsvertrag mit Bastei Lübbe darf ich mich offiziell Autor nennen, zahle, wenn auch noch wehr wenig in die Künstler-Sozial Kasse und werde im Januar 2017 mit „Depression abzugeben“ mein erstes umfassendes Sachbuch über meine Erfahrungen in den psychiatrischen Kliniken nach meinem Suizidversuch. Über 420 Seiten. Beginnend mit dem Versuch und endend mit dem Wiedereingliederungsversuch. Und Band zwei ist bereits im Entstehen, weil die Geschichte noch lange nicht zu Ende ist.
Es ist anstrengend, Autor eines solchen Buches zu sein. Dinge nochmal erleben, die man längst vergraben hatte. Die eigene Geschichte möglichst ehrlich aufarbeiten und zum Teil Zusammenhänge entdecken, derer man sich so gar nicht bewußt war. Man zieht sich literarisch aus, steht nackt da, offenbart all die Wunden und Schmerzen, die man erlitten hat, die Ungerechtigkeiten, die sich im Lauf der Jahre gesammelt haben. Und sie alle wurden durch die Angststörung und die Depression, die ich ja nie wahr haben wollte, noch potenziert, als jage man sie durch einen voll aufgedrehten Verstärker. Fatale Ereignisse, Schlüselerlebnisse die zu meiner exotischen spezifischen Phobie gegen jede Form von Gesprächen mit Vorgesetzten führte und die mich heute in einer dunklen Phase wieder tief in die Depression jagen können. All das versammelt mit den Erkenntnissen aus einem halben Jahr Psychiatrie, aus viel Lektüre und vielen Gesprächen.
Es gibt mittlerweile bei Amazon dafür auch den Blick ins Buch für einen ersten Einblick in den Inhalt
Niedergeschrieben wird es nicht besser ertragbar oder leichter verstehbar. Aber ich kann es jetzt schwarz auf weiß vor mir sehen, meine Wunden, meine Verletzungen, neu wie alt, tief und oberflächlich. Diejenigen, die mich begleitet haben und mir geholfen und diejenigen, die mir schaden wollten, ob bewußt oder unbewußt. Der weitere Weg wird mühsam bleiben. Nichts mehr so nah an sich herankommen lassen. Prioritäten neu setzen. Altes vergessen und nach vorne sehen. Das schreiben der eigenen Geschichte ist auch immer ein Protokoll, eine Dokumentation all dessen, was einen auf dem Weg geformt oder verletzt hat.
Eins ist sicher. Ich bleibe Autor, werde weiter schreiben. Für mich, und für diejenigen, die mir wichtig sind. Meine Geschichte erhält einen zweiten Band. Und auch für meine Kinder wird es ein Jugendbuch geben. Das ist vielleicht die erfüllenste Wende von allen. Ich bin Autor. Und habe mit der Feder eine neue Waffe gegen meine Feinde wie meine Krankheit entdeckt.
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